D �: �-.v i � MV»;;■. � MliTian'-TC:.; /,»■>, �p.'i:,..............................-fiin;»..!!!:.», Mi:;.:,' im:>°, Irauenstimme j 3tr.l7« 41. 3a�f gong| Beilage zum Vorwärks I 26. August ilSZö� Landfrau und Sozialdemokratie. Wer Gelegenheit hatte» längere Zeit aus dem Land« zu arbeiten oder zu agitieren, der kennt die großen, tieigreisenden Unterschiede, die zwischen dem Durchschnitt der Großstädterinnen und den Landfrauen vorhanden sind. Reste längst vergangener Frauengenerationen, denen man in den Städten nur ganz ver- «inzelt begegnet, sind hier vielfach mit einer Wurzelechtl>eit lebendig. die denjenigen, der die stark konservativ gearteten Aerhältnisse dieser Gegenden nicht kennt, immer wieder staunen lassen Eine längst überwunden geglaubt«, jahrhundertelange Tradition herrscht hier oft noch mit einer Selbstverständlichkeit und einer derartig unbeschränk- ten, willig geduldeten Atachtentfaltung. als ob die Menschheit keine Revolutionen, keine geistigen Entwicklungsstufen durchgemacht hätte. Es Ist unendlich schwer, wenn nicht unmöglich, grauen, die in solchen Verhältnissen groß geworden sind, zu veranlassen, einen Frauenabend oder gar eine ausgesprochen politische Partei- Versammlung zu besuchen. J«n Sommer verbietet die harte Fron der Feldarbeit diesen Be- such an den Wochentagen von selbst. Der Sonntagmorgen gehört der Kirch«, der Nachmittag und Abend chaus und Familie, ilich im Winter wird kaum eine Frau der abseits liegenden Gehöfte des Schwarzwaldes und Odenwaldes, der Lüneburger Heide oder Mecklenburgs, des Bayerischen oder Thüringer Waides, die Strapaze unternehmen, auf tief verschneiten, nächtlichen Wegen nach dem nächsten Dorf« zu wandern, wo die Versammlung stattsludet. ganz abgesehen davon, daß ihr Entschluß eine Revolulion in dem seit alten Zelten sestgefügten ländlichen Haushalt heroorriese, von deren Tragweite wir uns kaum eine Borstellung machen können. Das Problem, an solch« Frauen erfolgreich herankommen zu könne«», ist von vornherein ganz besonders schwierig und kompliziert. Es kann nur ganz allmählich gelöst werden, indem man versucht, erst einmal in den Dörfern und Ortschaften Fuß zu fassen und die Männer, vor allem die jüngere Generation, zu interessieren, eine Ortsgruppe zu gründen und auf diese Weise langsam auch die Land- frauen mit den Idee» der sozialistischen Bewegung bekanntzu- machen. Die eigentliche Tragik im Leben dieser in bäuerlicher Kristur fast linentrinnbar eingeschlossenen Frauen besteht darin, daß ge- rade sie der Segnungen fortschreitender Entwicklung und einer ande- ren Auffassung vom Menschenwert und PeN'önlichkeitswillen der Frau entbehren. Denn nirgends werden Fraucnkräsle noch so vergeudet, nirgends wird die Frau noch so ausgenühl, unterdrückt und entwürdigt, nirgends ist sie so rechtlos in allen Fragen des persönlichen und des Gemeindelebens wie aus dem Lande. Der alt« Spruch der Bibel:„Er soll dein Herr sein!" findet dort vielfach noch in der Praxis eine kaum glaubliche unumschränkte Anwendung. Die Ehe ist ein Geschäft, ein« wirtschast- liche Angelegenheit. Di« Frau ist die billigste, bequemste Arbeitskraft des ländlichen ftanshaltes. Wird sie in den Zeiten der Ernte krank oder steht ihrer Niederkunft entgegen, so bedeutet dies eine Einbuße, die nur schwer überwunden werden kann, denn man ist gewohnt, mit dieser Arbeitskraft in 5)aus und Hos, in den Scheunen und auf dem Felde zu rechnen. Dem Rlulierlier zwar wird die notwendige Schonzeit gewährt, nicht aber der Frau. Es ist keine Settenheit, daß die Bäuerin schon am dritten Tage nach der 7»iederkunsk aussteht und an die Arbelt geht. Kein Wunder, daß man auf dem Lande oft Frauenleiden, Unter- leibserkrankungen aller Art antrifft, die nur dadurch verschleiert werden, daß sich die meisten Frauen fürchten, den Arzt aufzusuchen. und nur in ganz besonder» ernsten Fällen dazu zu bewegen sind. Keine Eheberatungsstelle, keine Schwangeren« und Säugtingssürforge steht zu ihrer Versllgung. Di» Landfrau hat vielfach keine Möglichkeit einer vertrauensvollen Zltissprache mit einem Arzt oder einer sachmännischen welblichen Beraterin, denn auch das Hebammenwescn liegt vielfach noch sehr im argen. Es ist eine Selbstverständlichkeit, daß die Frau auch in sexueller Hinsicht dem Manne vollkommen hörig sein muß. Die Verhütung der Schwangerschast, selbst wenn sie aus sozialen oder gesundheitlichen Gründen für die Frau da» Gegebene wäre, gilt vor allem in katholischen Gegenden sür sündhast und unsitttich. So trifft man nur primitivste Kenntnis von Borbeiiguiigsmittein, die in der Stadt jeder Arzt zu empfehlen berechtigt ist, und da» Kurpsuschertum hilfreicher Nachbarinnen und Schäfer blüht. Man weiß nichts von den Gesehen der Vererbung, von Schuh sür Mutter und Kind. Oft trifft man in herrlich gelegenen, von der Außenwelt fast ab- geschlossenen Gegenden, in stillen Tätern, die landschaftlich zu dem Entzückendsten geHörem was es gibt, bleiche, gebückte Frauen, idiotische Kinder. Folgen von Inzucht, von Geschlechtskrankheiten, von Trunksucht. Folgen einer gerade auf diesem Gebiet erschrecken- den Unwissenheit. Woher sollen diesen Unglücklichen Kenntnisse, Einsicht und ein gewisses Maß von BUdung kommen? Sie sind längst stumpf geworden und tragen ihr Geschick mit einer Er- gebung, die an Fanatismus grenzt. Der ungeheure Unterschied der Betreuung von Mutter und Kind in der Stadt und auf dem Lande wird klar, wenn man bedenkt, daß Berlin mit seinen 53 Schwangerensürsorgestellen ein Land wie Baden, das insgesaint 51 Fürsorgestellen für schwangere Frauen zählt, oder Pommern mit seinen 50 Stelle» weit hinter sich gelassen hat. Ganz Hesse» hat ebenso wi» Mecklenburg-Strelih nur zwei Schwongerenfürsorgestellen. Aehnlich liegen die Verhältnis« auf dem Gebiete der Säuglingssürjorge. Während Berlin nicht weniger als 77 Säugllngssürsorgeslellen ausweist, findet man in ganz Mecklenburg- Schwerin insgesamt nur 34. in Oldenburg 10. in Meckleaburg-Strellh 4 Säuglings- fürsorgestellen. So sind nur in ganz vereinzelten Fallen den Landfrauen die Mög. lichkeiten geboten, sich zu unterrichten, kostenlose Kurse zu besucken, sich beraten zu lassen und ihr Kind unter ärztlicher Obhut zu wissen. Durchschnittlich liegen die Verhallnisse so, daß die Landfrau troh aller bäuerlichen Gemeinschaft meist in grenzenloser Einsamkeit lebt. daß sie niemanden h-at, der ihr helfen könnte. Auf diesem Gebiete liegen Kulturaufgaben von unermeßlicher Wichtigkeit. Hie können nicht, wie es die bürgerlichen Frauen- vereine versucht haben, mit theoretischen Erörterungen gelöst wer- den, sondern nur durch zielbewußte, praktische Arbeit. Die Sozialdemokratische Partei, die allein der Besreiung der Frau den weg gebahnt hat, wird auch sernerhin in den par- lamenten dafür wirken, daß auch der Landsrau endlich der Schuh zugebilligt wird, den die Frauen in Fabrik und Wertstail heule in Anspruch nehmen dürfen. E. M. Oer leben! So sbcht im BGB.§ 1719:„Ein uneheliches Kind erlangt da- durch, daß sich der Vater mit der Mutter verheiratet, die rechtliche Stellung eine- ehelichen Kindes." Di« Gesetzgeber haben das sehr gut gemeint. In den Konimen- tarcn wird sogar»och darauf hingewiesen, dah es ganz gleichgültig ist, ob der Vater seine Vaterschaft anerkannt hat oder ob sie gegen ihn e r st r i t t e n wurde. Das ist- ganz gleich, von dem lllugcnblick der Eheschließung an ist das Kind«in eheliches, tritt in olle gesetzlichen Rechte und Pflichten des ehelichen Kindes ei». Das heißt unter anderem natürlich auch, daß der Vater nunmehr die elterliche Gewalt über das Kind hat, kein Vormund und kein Lugendamt hat sich mehr darum zu kümmern. Eigentlich eine schöne und ideale Sache, diese glückliche Ver- «imgung der Familie, so ohne alle bürokralischcn Förmlichkeiten, einfach herrlich ja. Es könnte eine ganz ideale Sache fein, wenn die Menschen ein wenig idealer wären, 0 als sie leider Gottes sind. Denn wenn man so nachdenkt und als Federvieh und Gerichtsreporter schon allerlei verfolgt und gesehen hat, es ist ganz merkwürdig Cs gibt unter den Kinderniißhand- lungsprozessen eine ganze Reihe, bei denen gerade das älteste Kind der Familie immer der Sllndenbock ist, dem alle Schläge, Stöße und Püffe treffen. Manchmal nicht immer, ersährr man dann, daß das unglückliche kleine Wesen«in voreheliches oder gar ein uneheliches Kind der Mutter war. Wie in dem schauderhaften Fall, der erst in diesem Jahre durch die Berliner Zeitungen ging. Da wurde«in dreieinhalbjähriges Kind totgeprügelt und diejes Kind war ein voreheliches, das sich bis zu dem Tage der Ehe- schließung der Eltern in Pfleg« bei„fremden" Leuten befunden hatte, die das Kind sogar liebten und nur sehr ungern hergegeben hatten. Das Jugendamt aber hatte dafür gesorgt, daß das Kind seiner Familie zugeführt wurde, denn das Höchste ist hoch die Familie, nicht wahr? Daß diese Familie keine menschenwürdige Wohnung hatte, Mann, Frau und das mittlerweile geborene zweite Kind in einer Laub« hausten, daß jür das Kind kein eigenes Bett vorhanden war, kam daneben gar nicht in Betracht. Das Kind hatte, zum Donnerwetter nochmal, durch die Eheschließung der Eltern die„Rechte des ehelichen Kindes" erlangt und sollte nun auch ge- fälligst Gebrauch davon machen! Und nach einigen Monaten war das arme kleine Wurm totgeprügelt.... Nun kann man, wenn man will, gegen das Jugendamt zu Felde ziehen und das wird sich dann hinter die diesbezüglichen Paragraphen verschanzen. Und nach den Paragraphen hat es recht, selbst in diesem Falle, in dein die materiellen Verhältnisse der Elter» so schlecht waren, daß ein pslichtgetreuer Vormund sein Mündel nie hätte dahin geben dürfen. In tausend und tausend anderen Fällen ober liegen die.materiellen Verhältnisse viel besser und doch kommt das Kind, das„durch Heirat der Eltern die gesetzlichen Rechte eines ehelichen Kindes erwirbt", damit in ein« Hölle. Und es ist merk- würdig, daß diese Fälle selbst in> Proletariat, in dem man schon seit Lahrzehnten den vorehelichen Geschlechtsverkehr auch der Mädchen vernünftigerweise nicht mehr als ein« Sünde ansieht, wieder und wieder vorkommen. Die Geburt eines unehelichen Kindes wiid, wenn der Unterhalt gesichert ist, nicht besonders tragisch genom- men. Aber wenn das Kind in die Ehe eingebracht wird, so erlebt es, gleichgültig, ob es„die gesetzlichen Rechte des ehelichen Kindes erwirbt, weil der Ehemann der Mutter sein Vater ist oder ob ein anderer Alimente für seinen Unterhalt zahlen muß, oftmals das gleiche Martyrium, ja, das Kind eines anderen Baters ist, vorausgesetzt, daß es einen pflichtgetreuen Vormund hat, manchmal noch besser gestellt. Die günstigst« Lösung ist mazichinal die, daß das Kind bei den Eltern der Mutter bleibt. Hier hat man sich mit seiner Existenz abgefunden und hier hat das Kind all« Liebe, die sein kleines Herz verlangt. Konimt das Kind aber zu den Eltern, so kommt früher oder später der Tag, an dem die liebe Nachbarschaft erfährt, daß das Ge- burtsdatum des Kindes nicht recht mit dem der Eheschließung der Eltern übereinstimmt und damit sängt sein Martyrium an. Es ist in Wirklichkeit sa noch so, daß selbst die, die praktisch sich längst über die veralteten Formen der nur als Ehe„im Sinne des Gesetzes nicht unzüchtigen" Liebesbindung hinweggesetzt hah»n, irgendwo in Ihrem Unlerbewußlseir» nicht nur Angst vor der eigenen Emirage haben, sondern Ihre Lebensform meist selbst als„gegen das Gesetz" empfinden. Ewig denkwürdig wird mir der Fall einer in Berlin beamteten Dam« bleiben, die wegen ihrer Tüchtigkeit und durch das Glück, an hervorragend anständige und fortschrittliche Vorgesetzt« geraten zu sein, im Amt bleiben tonnte, trotzdem sie zwei uneheliche Kinder e Vorwurf. hatte— sie war eine überzeugte Anhängerin freier Liebe. Da wurde sie eines Tages wieder schwanger, die Entbindung fand aus- wärts statt, und nun protestierte sie wütend dagegen, daß durch einen wahrheitsgemäßen Krankenbericht dieses dritte uneheliche Kind bekannt werden sollte! Und diese Frau lzotte sich tapser zu ihren beiden ersten unehelichen Kindern bekannt und dachte nicht daran, sich auch nur„standrechtlich" zu verheiraten! Was �oll man da von ungeschulten, armen Menschen verlangen? Ganz ielbstver- ständlich wird, um so kleinbürgerlicher die Verhältnisse sind, von ihnen die Ehe als eine höhere Forin der Lebensgemeinschaft an- gesehen und das voreheliche Kind, das immer daran erinnert, daß die Frau sich, wie der noch vielgebrauchte Ausdnick lautet,„weg- geschmissen" hat, laust als ewiger lebender Vorwurf herum. So wird es fast nie, auch wenn es nicht unter groben körperlichen Mißhandlungen zu leiden hat. als vollgültiges Familien- Mitglied bchandell. Und die seelischen Mißhandlungen hinterlassen, selbst wenn sie strasrechtlich nicht zu fassen sind, Spuren, die das ganze Leben des Kindes zugrunde richten können Es ist ung/aublich, welche Grausamkeiten da von den Eltern ausgedacht werden können. Ein kleiner Junge wurde gezwungen, die L c i ch e seines vom Vater erschlagenen Lieblingsiieres in sein Bett zu nehmen! Ostmals wer- den auch die später geborenen Geschwister gegen das ungeliebte Kind ausgehetzt, immer wieder muß es hören:„Du gehörst nicht zu uns, du bist nicht unsere Schwester, unser Bruder," und an oll den Zärtlichkeilsbeweisen, die Mutter und Vater über die anderen Kinder ausschütten, hat es keinen Teil. Manchmal wird ihm nicht einmal eine Anrede mit seinem Namen gegönnt:„Du Vieh!",„Du Aas", dann weiß es, daß cs gemeint ist. Es ist nicht weiter merk» würdig, daß in fast all diesen Fällen die leibliche Mutter grau- s a m e r gegen das Kind vorgeht als der Vater, selbst der S t i c f- oater. Denu in ihm ist der Begriff der„Geschlechtsehre" ja nicht so tief im Unterbewußtsein verankert wie in der Mutler. Der Begrifs der„Reinheit" und der„Gejchlechksehre", die durch jeden außerehelichen Geschlechtsverkehr unheilbar verletzt wurden, wurde ja nur dem weiblichen Geschlecht anerzogen, nur seine„Reinheit" war ja zur Sicherung des Erbganges an blutsreine Nachkommen- ichafr sür die feudal« und bllgerliche Gesellschost von Interesse. Und dieses jahrhundertalle Gerümpcl schleppen heute oft auch noch die herum, die sich ihrer ganzen Weltanschauung nach schon längst vtn „bürgerlichen Vorurteilen" hätten befreien sollen. Damit aufzuräumen, bei uns und bei jedem aufzuräumen, wird unsere eigene Sache sein. Aber einigermaßen deprimierend ist es doch, daß wir konstatieren müssen, daß selbst unser im übrigen an so vielen Stellen dringend verbesserungsbedürftiges Recht hier weiter ist als große Teile der Arbeiterschaft. Vielleicht aber wäre es am Platze, bei jeder solchen Uebernahme eines unehelichen oder vorehelichen Kindes in die neugegründete Familie der Mutter zum mindesten eine Uebergangspslcgschaft zu schassen mit einem Pfleger, der die ersten zwei Jahr« sür das Wohl und Wehe des Kindes verantwwortlich bleibt. Unsere Jugendämter sind in mancher Beziehung gewiß recht mangelhast und verbesse- rungsbedürftig und die Kräfte, die es in ihnen mit ihrer Ausgabe wirkrlich ernst nehmen, sind meist schlimmstens überlastet. Vielleicht bietet sich hier für dir Arbeiterwohlfahrt und die Kindersreund« «in dankbares Arbeitsfeld. Rose Ewald. Die Krauenreichskonferenz der britischen Arbeiter- partei l>at unter außerordentlicher Beteiligung in London getagt und vom Vorstand der Labour Party in einer Resolution gefordert, daß er die Fraucnkonferenz zu einer offiziellen Veranstaltung nmche und ihre Beschlüsse offiziell anerkenne. Zu den Hauptthemen „Gleicher Lohn für gleiche Arbeil" und„Erste Schritte zu einem Hausgehilfenrecht" lagen gedruckt« ausführliche Berichte vor. Zur Frage des Hausangestelltenrechtes soll eine Umfrage auf breiter Grundlage veranstaltet werden, deren Ergebnisse dann der Kon- ferenz von 1931 als ein Hausangestelltenvertrag vorgelegt werden sollen. Zur Familienunterstützung wurde die Frage einer wöchent- lichen staatlichen Unterstützung an alle Mütter bis zur Schulentlassung des Kindes aus einem durch die direkte Besteuerung der Wohl- habenden gebildeten Fonds diskutiert, wobei die Abgeordnete Jenny Lee, das jüngste Mitglied des Unterhauses, erklärte:„An diesem Derby-Tag(Tag der großen Pferderennen) verlangen wir von Ihnen, daß Sie für Familienumerstützungen weniger als ein Drittel der Summe ausgeben sollen, die gewöhnlich sür Welten ausgegeben wird, weniger als ein Viertel dessen, was vertrunken oder die Hälfte dessen, was für Rauchen ausgegeben wird." Krauen gehen nach Brot. Amtliche Stetten vermitteln.— Alle Berufsarten. An die Stelle der persönlichc» Empfehlung ist lieuie im gonzen Berufsleben di« ollgemeine, amtliche getreten. Durchs Arbeitsamt vermittelt zu werden, fchädigl heute den Kredit des Arbeitsuchenden nicht mehr. Das fachliche Niveau wird hochgehalten, und fo kommt es dag sich die Zlrbeitsämier immer Niehl in Fachgruppen teilen. Eine der interessantesten und lehrreichsten in Berlin, deren Wirkungs. kreis sich über das ganze Reich erstreckt, ist die Stell« m der Schelling. straße, die Fraueii sreier Berufe geistiger und künstlerischer, oer- mitlelt. Dadurch, dag diese Stelle nur qualifizierte Berussorbeite- rinnen vermittelt, hat sie sich eine Monopolstellung gesichert, die so- wohl sür Arbeitgeber als auch für Arbeitnehmer die Garantie einer besriedigenden Arbeitsvermittlung gibt. Sechs Damen, die jede wiederum aus dem betreffenden Berus stammen, verinittein die hier ztisammengeschlossciien Arbeitszweigc. Mit den Lehrerinnen und Er- zieherinnen spricht eine Lehrerin, mit den Angehörigen sozialer Be- rufe ein« vozialbeamtin: die Akadenükcrinnen finden eine Akadc- mikerin, die im Berus, seinen Nolwendigteiten Möglichkeiten und Aussichten aus eigener Erfahrung Bescheid weihi die Bibtiolhcka- rinnen und die technischen und wissenschastlichen tzilfsarbeitcrinnen »Verden von Damen betreut, die ebenfalls in diesen Berufen prok- tische Erfahrungen ljaben, und mit den Künstlerinnen spricht eine ehemalige Theaterdirektorin, die erstens die kleimte und verborgenste Bühne Deutschlands kennt und zweitens in dem gewohnten Ton der Bretterivelt spiicht. So wird jede Frau, die de>» schweren Weg noch Brot geht, mit fachlichem Verständnis angehört und— mit sachlichem Verständnis geprüft. * „.Es gibt Arbeit", sagt die Leiterin dieser Stelle mit einem Stolz, der verblüssi und imponiert,„es gibt sogar viel Arbeit", lind mit Ausnahm« der rein künstlerischen Berufe bleibt fast nlemand, wenn nicht schiveie chinderungsgründe voniegen, lange ohne Arbeit. Eine sehr erfreuliche Cinrichlung ist der Befetzungsznwng sür städtische Berussstellen. Jede bei der Stadt neu zu besetzende Stelle muh dem Arbeitsamt gemeldet und darf nur dann besetzt iverden. Dadurch wird Vetternwirtschaft unterbunden und die Arbeitsver- mittlung selbst gehoben. J3ede Lehrerin, jede Sozialbeamtin, jede Bibliothekarin, die die Stadt neu einstellen will, wird aus der Schellingstrage angefordert. Außerdem arbeiten heute fast alle Arbcilsvermittlungsltellen Deutschlands mehr und mehr zufamnie». Es gibt in Berlin neben den gewerbsinäßigen und öffentlichen Arbeiisoermiltlungen allein über sechzig nichtgewerbsinäßige Arbeits- »achweise, meist von Berufsorganisationen und Vereinen. Früher hütet« jeder Berein wie Gold jede ihm bekannie Adresse einer neu zu besetzenden Stelle auch dann, wenn er dafür keine geeignete Kraft hatte. Heute arbeiten die Arbeitsnachweise ijand in Hand, tauschen Stellen und Stellensuchende aus. Das unproduktive und nervenzcrinürbende Herumrennen der Arbeits.osen wird einge- schränkt, und man strebt dein Jdealzustand zu. alle Posten und alle Arbeitslofen in einer großen Kartothek zu vereinigen, um so all« Stellen schnellstens und bestens besetzen zu können. Jede arbeil- suchende Frau— und es kommen hier etwa zwcitaiiscndvierhundert monatlich— hat enie Kartothekkarle, und an einer bestimmten SteUe jeder Karle sitzt übersichtlich ein kleiner gelber Reiter. Der besagt je nach feinem Standort, ob die Belresfende von Berlin auch in eine andere deutsche Stadt gehen würde, ob sie unbedingt in der Hauptstadt bleiben will, oder ob sie aus der Provinz gern nach Berlin kommen möchte. Arbeitsuchende aus dein ganzen Reiche melden sich hier, selbst wenn sie noch in ungekündigter Stellung sind� und aus dem ganzen Reiche lausen hier Stellenangebote zume'fT städtischer oder öffentlicher Körperschasten ei». Das alles erlcicbtert natürlich die Unterbringung sehr und befriedigt zugleich die Arbeit- gcber, die hochwertige Arbeitskraft bekommen. »« » Schwieriger ist es mit den Künstlerinnen. Das Elend an» Theater, am Kabarett, bei den Malerinnen und Kunstgcwcrblerinaen ist groß. Und doch versucht man es auch hier. Manchmal auf Um- »vegen. Da kam eines Tages eine bildende Künstlerin. Wer kauft heutzutage Plastiken? Es stellte sich heraus, daß die Frau viel im Ausland' gelebt hatte, fließend englisch und französisch sprach. Heute verdient sie als Fremdenführcrin ihr Prot. Da kam eines Tages eine Sängerin. Lungenkrankheil hatte ihre Stimme geschwächt. Nichts sonst konnte die' Frau; nichts halte sie mehr— außer einem ur.be- bauten wüsten Grundstück in der Nähe Berlins, das Verwandte ihr kostenlos zur Verfügung stellen wollten wenn sie etwas damit an- sangen könnte. Man lieh ihr Geld, um Maulbeerbäume zu kaufen, anzupslanzen und eine Seidenraupenzucht zu beginnen. Nach einen» Jahre schon kam die Dame wieder aufs Arbeilsamt, holte sich noch zwei Kräfte zur Unterstützung und verdient heute durchschnittlich 430 Mark un Monat. Da kam eines Tages eine Zeichenlchrerin. Für den staatlichen und städtischen Lehrberuf zu alt. Und wer läßt sich heute privat von einer alten Dame Zeichenunterricht erteilen? Die Frau war begabt und macht« auch ganz nette kunstgewerbliche En'würfe. Man schickte sie»och ein halbes Jahr auf die Schule ließ sie Kurbelstickerei lernen. einen Erwerbszweig, der heute nicht überlaufen, aber doch begehrt ist, kaujte ihr eine gebrauchte Maschine, und heule verdient sie ihr Brot ganz nett und ausköminlich mit Kurbelstickerci»ach eigenen Entwürfen. Auch diese Frau hat sich bald eine Hilfskraft gesncht. „Das ist das Erfreuliche für uns", sagt die Leiterin,..wenn Arbeit- suchende von uns später unsere Arbeilgeber werden." Manche Schauspielerin, die in ihrem Berufe kein Brot mcbr fand, ist durch diese Stelle in den letzten Jahren In die kos»netilch» Branche gegangen, manche, die früher aus den Brettern da» Publikum zu banne» suchte, bannt heute Hausfrauen in schwung- vollem Vortrag der Gaspropaganda i manch« Malerin hat ihre Stifi» leben und Blumenstücke auf die Rumpelkainmer gestellt und macht Plakate und Entwürfe für die Retlameindustrie! inanche Frau, di« früher selbst viel Geld ausgab, ist Einkaufsberaterin geworden— ein Beruf übrigens, der erst im Werden ist und noch allerlei Zukunft zu haben scheint. So wird manche selbständiae Existenz bier g«- gründet und mancher zu gründenden aus die Beine geHolsen. Denn zahlreich sind die Beihilfen und Unterstütziingsgesuche. Sl« sind|< nach Berus verschieden. Di« Journalistinnen und Schrisi« stellermnen bitten meist um ilcberlassung einer Schreib»»»schine. Wenn sie nachweisen, daß sie feste Austräge haben, bekoininen sie si« meist anstandslos. Künstler bitten�rn» Garderobe; Einkleidungs» wünsche bei Antritt einer neuei» Stellung sind besonders häujig. „Für diese Berussuirterstützung", erklärt die Leiterin,„sind aus der Arbeitslosenversicherung Mittel im weitesten Sinne vorhanden. Wir helfen mit diesen Mitteln gern, wenn wir dadurch später die Arbeits» lofenunterstützung sparen können. Damit ist beiden Teilen gedient/ „Manchmal"— so schließt die Leiterin zusainmenfässend—» „müssen wir uns die Köpfe zerbrechen uiid zu Aus- und Umwege»« schreiten, die nicht immer ganz einfach zu finden sind Aber zu irgend- einer Lösung kommen wir. Darein setzen wir unseren Stolz. Nur in den seltensten und ganz hoffnungslosen Fällen haben mir Ver» sagcr. Sonst aber gelingt es fast immer, jeder unserer arbeitsuchenden Frauen über kurz oder lang das zu verschassen, was nicht mehr ist als ihr Recht: sich ihr Brot selbst zu verdienen." dlano Mofr. Krauen in den Parlamenten. Gelegentlich der Wahlen versprechen die politischen Parteien init aller Energie die Interessen der Wählerinnen zu vertreten und auch die Frau selbst mitentscheiden zu lassen. In Wirklichkeit sieht es init der„Mitentscheidung" doch etwas anders aus. Wenn wir schon davon absehen, auszuzählen, daß die bürgerlichen Parteien in der Vorkriegszeit die Frau von jeder politischen Mitarbeit aus- schaslteten, so möchten wir doch daran erinnern, daß die Frauen auch heute im demokratischen Volksstaat durchaus nicht entsprechend ihrer Zahl in den Parlamenten vertreten sind. Die Frauen haben die Schäden der Kaiserzeit noch lange nicht aufholen können. Di« Konnnunallvahlen des Jahres 1929 geben einen guten Anschauungs- Unterricht in dieser Beziehung und zeigen ader auch, daß dl« bürgerlichen Parteien das weibliche Geschlecht auch heute nur al» Wählermasse betrachten. Zu einem für die bürgerlichen Parteien recht ungünstige» Resultat kommt man, wenn»nan die Zahlen der Reichs- Hauptstadt Berlin betrachtet. Unter 223 Berliner Stadt- verordneten sind 12,4 Proz.»veibliche Vertreter. Von diesen 12,4 Proz. gehören den bürgerlichen Parteien nur«in Viertel an. Drei Viertel aller Berliner weiblichen Stadtverordneten gehören also nicht in das bürgerliche Lager. Bon den bürgerlichen Ber- treterinnen zählen zwei zu den Demokraten, eine zum Zcntruin, eine zur Volkspartei uird drei zu den Deutschnationalen. Di« W i rt sch a f ts p a r te i und die Nationalsozialisten haben keine weiblichen Vertreterinnen im Berliner Stadt- Parlament. Bei den Nationalsozialisten tonn einem dies nicht wuudern, sind sie doch der Meinung, daß die Frau„zur Magd d«« Mannes" werden möchte. Das Verhältnis der Frauenmandate wird sich im Reichsmaßstab durchaus nicht günstiger gestalten. Aber eine Lehre»nüßten dl« weiblichen Wähler ziehen, daß sie nicht mir nach den Versprechungen» sondern nach den Taten der politischen Parteien urteilen. Für dl« Frau, die ihren polnischen Einsluß stärken will, dürste deshalb dl« Wahl nicht Ichlver fallen. Die politisch denkende Frau kann nur der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands die Stiinme geben. Gillmcister. Eine spezielle Zrauenkommission ist den» Arbeitersorschung»- institut der Arbeiterakadeinie der Tschechoslowakei angegliedert worden, die— ähnlich wie das Frauenreserat der Wiener Arbeiter» kainmer— Unterstützung und Ergänzimg der politischen und gelverk- schastliche», Frauenarbeit durch Untersuchungen und Jnformation«n leisten soll. Ein Kind wird vermißt! Ich entsinne mich einer Episode aus früher Kindheit: ein fünf- jähriger Nachbarsbub wurde vermißt. Er hatte in de? Nähe der Wohnung auf der Landstraße vor dem kleinen Städtchen gespielt. Auf einmal war er verschwunden. Große Aufregung bei Eltern und Gefchwistern. War er tn den Fluß gefallen, der in der Nähe vorbei- floß? Hatte er sich verirrt? Hatten ihn Zigeuner mitgenommen? Die tollsten Vermutungen wurden lebendig. Wer Zeit hatte, suchte die Umgebung ab. Nichts war zu finden. Die Angst der Eltern stieg immer höher. Da. gegen Abend, zeigt sich in der Ferne aus der Landstraße ein kleines schwarzes Pünktchen, das näher kommt und größer wird: der verschwundene Hans ist es, der da in Seelenruhe herangetippelt kommt und dam> stolz verkündet, daß ihn„der Milch- wagen mitgenommen habet' Die vergeblich« Angst der Eltern löste sich in einer Tracht Prügel aus, die verständnislos hingenommen wurde und die— doch nichts half. Denn kurz daraus war der kleine Man» wieder auf und davon gelaufen— diesmal hatte ihn der Bierkutscher mitgenommen.... In einem Kinderheim in Berlin spielen die Kleinkinder im Garten, der durch ein Tor mit der Straße in Verbindung steht. Plötz- lich verkünden die Kinder:„Der Karle is fort!' Die Kindergärtnerin, die lS Kinder zu betreuen hat, ist bestürzt; sie hat die Kinder in Sicherheil geglaubt und das Verschwinden, tw sie sich mit einem imi eingetretenen Kind zu beschästigen hatte, nicht bemerkt. Sosort werden die nächsten Straßen abgesucht. Bergeblich! Das Polizeirevier wird benachrichtigt. Schließlich läuft von einem Reoier hoch im Norden— das Kinderheini liegt in, Westen— die Nachricht ein, daß Karl dort aufgegriffen wurde. Er hat dort aus der Straße henimgestanden und nicht gewußk, wohin er sollte. Als Karl in de? Folgezeit öfters ausreiht, geht man der Sache auf den Gnind. Der Arzt stellt sest, daß er zu den„hemmungslosen Psychopathen' geHort, also zu den Menschen, die einfach ihren starken Trieben gehorchen müssen und die daher für ihre Handlungen nicht voll verantwortlich sind. Ein solcher Wandertrieb macht sich am stärksten im Frühjahr bemerkbar. Die Unruhe des Werdens in der lliatur verstärkt die Unruh« des Kindes. Dagegen lag im Falle des verschwundenen Hans die seelische Situation anders: Hansens Sehnsucht war,.Kutscher' zu werden— wie dies in einen, gcwisien Alter bei vielen Kin- der» so ist— und dieser glühende Wunsch ließ ihn alles andere, auch die elterlichen Verbote, vergessen. * Ein ähnliches Erlebnis erzählt H. Bertsch in seinen„Bilderbogen aus meinem Leben": Der Schulmeister, sein Bater, schildert „die Schrecken, Wunder und Rätsel des hohen Nordens" in solcher Uebertreibung und Begetstorung, daß das Herz des kleinen„Biible' ganz sehnsuchtskrank wird und es sich eines Tages aus den Weg macht, um„den Nordpol zu suche n". Es füllt sich unter- wegs das„Hosensäckle' mit Steinen„zum Eisbärentotwerfen' und läuft schließlich dem Schmied im Nachbarort und seiner gutmütigen Ehehälste Mariann' in die Hände, die ihn, der schon oft der Zukunft in tausend Aengsten lebt, anhalten, mit freundlichen Worten trösten, ihm die Tasche mit köstlichen Birnen füllen— statt„der Steiner" und wieder heimschicken. Auch der Maler Ludwig Richter ist einmal als Drei- sähriger aus dem Großelternhaus davongelaufen. Weshalb? Auf dem Hinweg zum Besuch der Großeltern war man an einem Rasenplatz„mit vielen blauen Glocken- und weißen Sternblumen" vorbei-' gekommen. Die hatten es dem Ludwig angetan, und so trippelt er los, verläuft sich und wird erst um Mitternacht vor dem Rathaus vom Ratswächter ausgegrissen und seiner Mutter wiedergebracht. Bei älteren Kindern hat das Fortlaufen noch andere Ursachen. Unser Leben ist so a r m an Romantik, selbst an wirklichem Erleben geworden, daß die Kinder zu Dctekliogeschichten, Räuber- romanen und Karl-May-Erzählungen greifen, um ihren Lebens- Hunger zu befriedigen. Und diese Geschichten machen nun einen solch starken Eindruck auf die Kiudesseele, daß die Kinder den Entschluß fassen, die gelesen eir Erlebnisse in die Wirklichkeit umzusetzen. Sie laufen von zu Hause weg, schließen sich in Banden zusonimeii, führen irgendwo in Höhlen, auf Bauplätzen oder in cineni andern Versteck ein abenteuerliches Dasein, das oft genug gesellschaftsseindlich wird und zum Endspiel vor den Jugendrichter führt. Roch schlimmer fällt das Drama aus, wenn Furcht vor Strafe das treibende Motiv zur Flucht ist. Da hat ein Junge seiner Mutter ein paar Pfennige entwendet, um sich Obst zu kaufen. Es kommt heraus. Die Mutter droht mit einer schweren Züchtigung durch den Vater, wenn er abends von der Arbeit heimkommt. Abends ist der Junge verschwunden. Erst nach mehreren Tagen und Nächten wird er, ganz heruntergekommen und halb verhungert, aufgegriffen und den Eltern zurückgebracht. In diesem Fall hat noch ein Funken Lebenskrost das Kind vor dem letzten Schritt zurück- gehalten. Ich denke weiterhin an jene Kinder, die, hübsch von Gestalt und Gesicht. Verführern in die Hände fallen. Arbeitereltern müssen beide arbeiten, häusig außerhalb des Hauses. Die Wohnung wird zu- geschloffen. Die Kinder müssen, wenn sie nicht zufällig von Kinder- garten oder Hort aufgenommen werden, sich auf der Straße umher- treiben. Selbst wenn die Mutter zu Hause arbeitet, wird sie ihre Kinder, damit sie an die frische Luft kommen, auf die Straße und auf Spielplätze schicken. Hier zeigt sich dann der Unhold, der das Kind weglockt, um sich schändlich an ihm zu vergehen. Häusig treibt auch eine gewisse sexuelle Neugier da» Kind einem verbrecherischen Menschen in die Arme. Es hat dunkle Andeutungen oenionimen, sinnt ihnen»ach, seine Phantasie arbeitet, schließlich siegt die Gier über die Furcht— und wieder hat die Zei- tung die alarmierende Nachricht zubringen:„Ein Kind wird vennißt l" Und wieder stellt sich eine Schändung des Kindes und gar sein Tod heraus. Kindertragödien! Was haben sie uns zu sagen? Kinder gehören nicht in die Großstadt. Kinder brauchen ein Jugend- l a n d, fernab der Hetze und Zerrissenheit städtischen Lebens. Sie brauchen eine Stätte der Freude, die ihnen erlaubt, kindgemäß und jugendgemäß zu leben, produktiv zu spielen und zu schassen, ohne daß eine kapitalistische Wirtichast sie zu Erwachsenen formt, längst ehe sie erwnchsen sind. Henny Schumacher. Die Negersteuer der Heimarbeiierin. Ferienlage im Thüringer Wald. In einem Glasmacherdorschen — Geierslhal heißt das Nest— haben wir ein Zimmer ge- mielel. Das Dörfchen ist umgeben von herrlichen Waldungen. Spaziergänge und ausgedehnte Wanderungen bringen Erholung und Freude. Aber inmiilen landschaftlicher Schönhellen hockt in dem Dörfchen graues Elend. wir wohnen bei einem Glasmacher. Der Mann muß in einer Glashütte schwer arbeiten. Der Lohn ist knapp. Sein verdienst reicht kaum aus, die Familie zu ernähren. Für ihn ist erst Feler- abend. wenn die Dunkelheit hereingebrochen ist. Auf armseligen Feldern, vor Zahlen dem Wald entrissen, wachsen kümmerlich Korn und Sorlosfeln. Die Frau de» Hause» muh unermüdlich ans den Leinen sein, um da» Haus in Ordnung zu hallen Damit nicht genug. Sie muß Ziegeufulter holen holz au» dem Walde schleppen und zerkleinern ujw.—. kurz: ein ruhelose» Schassen. Schulden lasten aus dem kleinen Häuschen, wenn Krankheit einzieht, ist die Nol dg. Jlur horte Fron hält Frau Sorge fern. In dieser Familie lebt eine alleinstehende verwandle de» Glas- machers. Eine Frau, die durch schwere Arbeil schon früh altert. Sie arbeitet in einer Glaswarenfabrik, verdient etwa 2.50 M. pro Tag. Das ist zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Dach Feierabend verrichlel sie Heimarbeit. Kl-ine Glaskugeln sind mit zierlichen Drahlsäden zu versehen. Fleißige Hände schassen un- ermüdlich. Die Frau schuslet bis in die tiefe Nacht hinein, bis köcper- liche Erschlasfnng ein Ende macht. Und der Lohn? Stück Glaskugeln sind an Drählcheu zu hängen: dafür werden 5 ssünsis Psennig gezahlt, wenn man sehr fleißig ist. kann man 5 Pfennig in— einer Stunde verdienen. Kann man sich vorstellen, was das bedeutet? während unserer kurzen Ferienlage flogen in diese Familie Sleuerzetlel. Aussorderunqen zur Zahlung der K o p s st e u e r. Pro Kops b M. Der Arbeiter bezahlt genau soviel wie der ZNühlen- besilzer! Die Heimarbeiterin soviel wie der Industrielle! Sech» .Mark! Sie müssen binnen weniger Wochen gezahlt werden.» Die Zahlung wird durch einen eventuellen Einspruch nicht ausgehoben. Wer nicht zahlt, der hat unweigerlich Pfändung zu er- warten. Für diese armen Menschen war das ein schwerer Schlag. Für sechs Mark muß diese Heimarbeiterin 120 Stunden arbeiten. Sie nicht allein! lausende Frauen und Mädchen in dieser Glasmacher- gegend teile» das gleiche Schicksal. Die Frau war völlig niedergedrückt. Wir besprechen im Familienkreise die Sache. Und sie brachten die Rede aus den Mann. der die Reqersleuer in Thüringen auf dem Gewissen hat: Minister F r i ck. glorreicher Führer der Nalionalsozialislen. die diesen verzweifelten Menschen vor der Wahl die größten Versprechungen machten. Minister Frick. Bahnbrecher der Negersteuer, der gemeinsten und brutalsten Steuerreform in Deutschland. Jetzt verlangt auch Brüning die Kopssteuer. Am 14 September wird abgerechnet! Mit dem Nazi-Frick, mit dem Zentrums-Sonfter Brüning, mit dem Demokraten Dietrich, mit allen, die das Letzle aus einem hungernden und darbenden Volke auspressen, um den Besitz zu schonen. ?aul tranken(Zeitz). Ledigensteuer in Frankreich. Ein« für beide Geschlechter geliende Junggesellensteuer ist in Frankreich bereits feit 1920 eingeführt, um die Eheichen zu be- kämpfen— mit dem Erfolg, daß die Zahl der Junggesellen und Junggesellinnen ständig zunimmt!