Schafft den fi Zur Zeit gibt«s 5 Millionen Arbeitslose'n Deutschland. Noch ist es der Sozialdemokratie nicht gelungen, in das kapitalistische Wirtschaftssystem einzubrechen. Noch wird planlos produ- ziert, planlos der Produktionsapporat ausgebläht, planlos der Preis ohne Rücksicht«ms das Einkommen der kausenden Mass« sest- gesetzt, bis eines Tages die Läger voll Waren liegen, die nicht abzu- setzen sind, der Produktionsapporat leer läust und Arbeiter entlassen weiden müssen. Aber wenn wir auch noch nicht die planmäßige Wirtschast erreicht haben, die das verhindert, eines haben wir doch vermocht: Der Staat sorgt sür die Arbeitslosen. Schon lange vor dem Kriege haben wir die gesetzliche Arbeitslosen- Versicherung verlangt. In der Republik konnten wir sie schaffen und dadurch verhindern, daß sich die Arbeitslosen zu billigem Lohn anbieten und damit den Lohn der Arbeiter herabdrücken, viel, viel tiefer, als das die heutig« Schlichtung getan hat. Unser Staat, die Republik, hat die Arbeitslosenversicherung und Wochenhilse ge- schaffen und die übrige Sozialversicherung ausgebaut. Wir haben in den vieligeschmähten letzten zwölf Iahren Einrichtungen der Wohlfahrtspflege ausgebaut, die sich mit denen der reichsten Länder heute wohl messen können. Das Deutsche Reich hat vom 1. April 192S bis 31. März 1929 als Zuschüsse zur Sozialversicherung gegen Krankheit(auch sür dl« Wochenhilfe), berufliche Unfälle, Alter, Invalidität 416 Millionen Mark ausgegeben, daneben zur Arbeitslosenversicherung, Krisensür- sovge, produktiven Erwerbelosensllrsorge 538,5 Millionen Mark. Die Beiträge zur Sozialversicherung sind dabei selbstverständlich nicht mitgezählt. Diese Summen hab«n sich in» Jahre 1939 uin mindestens eine halb« Milliarde erhöht. In den Jahren 1928/29 haben Reich. Länder und Gemeinden für die wirlschafllichs Fürsorge — das ist die Unterstützung 5)ilssbedllrstiger durch die Wohlsahrts- innt«r— 1297,6 Millionen Mark ausgegeben. Auch hier rechnet man roahrscheinlich nicht zu hoch, wenn n«n angibt, daß die Mehr- ausgäbe für die Wohlsahrtserwerbslosen in den Jahren 1939/1931 599 Millionen Mark beträgt. Für Jugendwohlfahrts- pflege und Gesundheitssürsorge sind in den Jahren 1928/1929 497 Millionen Mark ausgegeben worden. Iugendwohlfahrtspflege ist die chilf« für die Kinder aus dem arbeitenden Volke, die kein Elternhaus haben, für Kinder, deren Vormund das Jugendamt ist oder die in fremder Pflege sind und deshalb unter der Aussicht des Jugendamtes stehen, damit sie gut versorgt sind. Das sind die Mittel für die Erziehung schwererziehbarer Kinder: dos sind die Mittel lür die Säuglilrgsfüriorgestellen, Kindergärten und Holl«, Jugend- und Erholuirgshelme. Die Mittel für die Gesund- heitsfllrsorg« sind ausgegeben»norden zur Bekämpfung von Tuberkulose und Syphilis, für Schulkliniken, für Wohlfahrtsärzte, Krankenhäuser und Heilanstalten. Z7lg,g Millionen Mark weist der Reichshaushall für 1928/1929 sür das Wohsfahrlswesen aus. Wir greifen nicht zu hoch, lvenn wir die Sunime für 1939/1931 mit etrva 3)4 Milliarden angeben. Die Leistungen der Arbeitslosen- Versicherung lverden den Beiträgen von Arbeitgebern und Arbeit- nehmsrn entnommen. Die Leistungen der Wohlsahrtspllege stanmien aus Steuermitteln, zu denen die Wohlhabenden- ebenfalls beizutragen haben. Wenn ihre Familien krank find, können sie sich einen Arzt nehmen: sie können auch ihre schwererziehbaren Kinder aus eigenen Mitteln erziehen und sie zur Erholung sortschlckei». Die Millionen Mark, von denen wir gesprochen haben, sind nur für »ziolen Staat! Arbeiter und Angestellte und deren Familien, die in Not geroten, für das lverttätige Volk. Die vesihenden brauchen das wohlfahrlswesen nicht u»»d müssen dennoch dafür zahlen. Wir Sozialdemokraten haben den Staat' zu dieser Hilse aufgerusen. Wir haben mit unseren Mandaten im Reichs- und Landtag und in den Gemeindeparlamenten sie durchgesetzt. Durch unsere Arbeit lverden neben dem Lohn Milliarden aus der Wirtschaft für die Arbeiter gezogen. Der Erfolg dieser Arbeit für die VotkslNlhlsahrt»st nicht gering. Ich gebe nur zivei Beispiele dafür: Im reichen Deutschland der Vorkriegszeit starben von allen Lebendgeborenen im ersten Lebensjahr 29,.°> Proz. im Jahre 1995. I» der Republik ist trotz aller Wirtschasts- krifen die Säuglingssterblichkeit von Jahr zu Jahr ge- funken umd beträgt heute nur noch 8,8 Proz. der Lebendgeborene» im ersten Lebensjahr. Im Jahre 1919 starben von 19 999 Menschen 23 an Tuberkulose und heute nur noch 7,5. Der Rückgang der Tuberkulosesterblichkeit ist, trotz stärkerer Erfassung der Krankheit, wie der Rückgang der Säuglingssterblichkeit aus die soziale Fürsorge zurückzuführen. Die Familien werden über die Krankheiten auf- geklärt. Krankenkassen und Wohlfahrtspflege gewähren auch der minderbemittelten Bevölkerung ärzttich« Hilfe, Hellmittel und Ge- neslingsheiin«. Es ist aber der Republik nicht nur gelungen, Leben zu erhalten, sondern auch früher unwertem Leben Sinn zu geben. Krüppel werden heute berussfähig gemacht. Ihr Leben erhält einen Daseinszweck, und die Krüppel gewinnen Befriedigung über ihr Leben. An diesen wenigen Beispielen zeigt sich die Bedeutung der Politik der Sozialdemokratie: Schwachen zu helfen und Leben zu erhalten. Di« Nationalsozialisten haben andere Pläne. Sie nennen sie „Gesundung de« Blutes". Die Träger solcher Gesinnung sind die.Herrenmenschen". Auch früher war Deutschland in Herren und Knecht« eingeteilt. Die Herren, nämlich die Großgrundbesitzer, haben mit Hilfe der Bour- geoisie regiert: Die Arbeiter sollten gehorchen. Dieses System tst in der Novemberrevolution von 1918 znscuiMK'n gebrochen. Die Republik kennt keine Herren und Knechte mehr. Vor ihr ist jeder gleich Das ertragen weite Schichten der besitzenden Klasse nicht. Sie wollen wieder Herren und Kucchte haben. So»st die neue Ideologie entstanden von den„Herrenmenschen". Das sind die Nazis(man merkt es an ihrem Benehmen nicht), die kämpsenden Arbeiter sind die„U n t e r m e n s ch e n". Das„Dritte Reich" wollen die„Herren" herbeiführen. Weil die Nazis aber«ine zweit« Empörung gegen das Herrfchertum, eine zweite Revolution, fürchten, soll der„Untermensch" möglichst geschwächt werden. Zur Arbeits- iosenvcrsicherung schreibt darum Herr Hans Reupke. der neue Wirt- schaftstheoretiker der Nazis, In seiner Schrift„Der Nationalsozialis- nuis und die Wirtschaft", daß die nachnovemberliche Sozialpolitik fallen müsie, d!« nichts sei als die „Stabilisierung des Bersoraungsstaals zur heranzüchlung eiacs Lumpenproletariats".( Und so wie die Sozialpolitik abaeschafst werden soll, um die Arbeiter zu schwächen, sollen Kranke und Elend« keine Fürsoige mehr er» halten, sondern ausgerottet werden. Die Re!ck>en würden sich nach einem Nazisiege die Hilfsmittel gegen Krankhelten selbst oevscbaffen können. Nur die kranken Arbeiter würden zugrunde gehen. Welche Verwirrung der Begriffe liegt darin, in den Hainburger national- sozialistischen Mördern Edel- und„Herrenmenschen" und In den um ihr Lebensrecht kämpfenden Arbeitern lumpenproletarisches„Unter- Menschentum" zu sehen I Was sür eine Roheit ist es, dem Kranken Hilfe zu verweigern, welches Verkennen der Leistunzssähigkeit des modernen Staates, der unter der Führung einer Gesinnung der Menschenliebe Leben errettet und ursprünglich sinnlosem Leben Wert gegeben hat! Kann der Frau die Wahl schwer fallen zwischen der Sozial- deinokratie und dem„Dritten Reich"? Die Familien des arbeitenden Volkes brauchen den helfenden Staat, den die Sozialdemokratie will. Zu ihr muh die F. au des arbeitenden Volkes stehen! Kann gerade die Frau, deren schönste Aufg.ibe uird höchstes Glück es ist, das hilf« lose neugeborene Kind zu behüten, sich einer Bewegung zuwenden, die Hilslosen Hilfe oersagt? Nein, die Frau gehört zu uns, die wir einen Staat schassen wollen, der sich der Arbeitenden und ihrer Familien annimnck. Iledwi« Wachcnhcim. Für das Recht Seit Jahren kämpft die Sozialdemokratische Partei Deutschlands gegen das Unrecht des 8 218, der sich nach dem Kriege zu einem ausgesprochenen Klassengcsetz gegen die unbemittelte Frau. gegen die Proletarierin ausgewachsen hat. Die Struktur der kapila- tistischen Wirtschaft hat eine gewaltige Umwandlung erfahren, die weibliche Erwerbsarbeit einen nie geahnten Umfang angenommen. Sie greift tief ein in Lcbensgestaltung und Lebenshaltung der arbeitenden Klasse, aber„Gesetz und Rechte erben sich gleich einer ewigen Krankheit fort", an ihnen darf nicht gerüttelt werden, auch wenn die Voraussetzungen, auf die sie sich ehemals stützten, schon längst nicht mehr vorhairden stnd. Das durch den verlorenen Krieg verkleinerte, verarmte— nur an Menschen reich gebliebene Deutschland, muh endlich zu einer vernunstgemähen Geburtenkontrolle kommen. Wohl- und zahllose Kindererzeugung kann von keinem Verant- wortungsbewuhten noch länger als„naturgewollt" hingenommen werden. Die Vernunft ist dazu da, die Natur zu beherrschen. Darum muh auch!n Deutschland die Gesetzgebung endlich den Weg der Vernunft beschreiten und durch entsprechende Aenderung des Sexualstrafrechts dort eingreifen, wo entweder Unwissenheit mangels rechtzeitiger Aufklärung oder starkes Verantwortungsbewuhtfein ungezählte Proletarlerinnen innner wieder mit dem Strafgesetz in Konflikt bringt. Der seit mehr als zwei Jahren im Strasrechtsausfchuh des Reichstags zur Beratung stehende neu« Strafgesetzentwurs hat in seiner ersten Lesung die auf radikale Aenderung des bestehenden Sexuatftrafrechts hinausgehenden Anträge der sozialdemokratischen Fraktion abgelehnt. Trotz einer oolksverheerenden Massen- «rwerbslosigkeit soll im Falle der Abtreibung wirtschaftliche Notlage noch immer nicht als Strafausschlichungsgrund gelten dürfen. Weder Staat noch Kirche haben aber das Recht, Frauen, die weder sich noch ihre Kinder menschenwürdig erHollen kännen, zur Austragung ihrer Kinder zu zwingen. Aon dieser Auffassung ausgehend, haben, kurz vor der Vertagung. die sozialistischen Mitglieder des Strafreckts- und des Bevölkerungs- ausschuffes des Reichstags gemeinsam beschlossen, bei den zuständigen Ausschüssen nachstehenden Antrag einzubringen, der bis zu seiner Behandlung Im Parlament in allen sozialistischen und insbesondere in den bevorstehenden Frauenversammlungen zur Internalionalen Frouenwerbewoche bekanntgegeben und unterstützt werden mühte. Der Wortlaut ist folgender: § 253.(Abtreibung.) „Eine Frau, die ihre Frucht im Mutterleib oder durch Ab- treibung tötet oder die Tötung durch«inen anderen zuläht. wird mit Gesänanis bis zu sechs Monaten bestraft. Bei mildernden Umständen ist an Stelle einer verwirkten Freiheitsstrafe auf Geld- strafe bis zu 3 Mark herab zu erkennen, wenn diese Strafe genügt, um den Stroszwcck zu erreichen. Ein anderer, der eine Frucht im Mutterleib oder durch Abtreibung tötet, wird mit Gefängnis bis zu einem Jahr bestrast. Der Versuch Ist straflwr. Konnte ein Versuch schon wegen der Art des vom Täter gewählten Mittels oder wegen Nichtoorliegen der Schwangerschaft überhaupt nicht zur Vollendung führen, so ist er straflos. In besonders leichten Fällen kann das Gericht von Strafe ab- sehen. Die Sirafbarkelt der In Absatz 1 bis 3 inst Strafe bedrohten Handlungen verjährt In einem Jahr. Wer die in Abs. 2 bezeichnete Tat ohne Einwilligung der Schwangeren oder gewerbsmähig begeht, wird mit Zuchthaus destraft. Ebenso wird bestrast, wer einer Schwangeren ein Mittel oder einen Gegenstand zur Abtreibung der Frucht gewerbsmähig verlchafft. Die Handlungen bleiben straflos, wenn fle mit Ein» wikllpnng der Schwangeren von einem approbierten Arzt innerhalb der ersten drei Monate der Schwangerschaft vorgenommen worden stnd. der Lebenden. 8 254.(Aerztlich gebotene Unterbrechung der Schwangerschaft.) Eine Abtreibung im Sinne dieses Gefetzes liegt nicht vor, wenn«in Arzt eine Schwangerschaft unterbricht, weil es nach den Regeln der ärztlichen Kunst zur Abwendung einer G e s a h r sür das Leben oder die Gesundheit d«r Mutter erforderlich ist, und weil es nach den Regeln der ärztllchen Kunst notwendig ist, um die Geburt eines siechen oder geistig minderwertigen Kindes zu verhindern, weil es notwendig ist, um einen schweren wirtschaftlichen Notstand sür dos zu erwartend« Kind oder sür bereits vorhandene Kinder vorzubeugen, oder wenn die Schwängerung bei VerÜbung von Notzucht, Schändung, Blutschande oder Unzucht mit Kindern eingetreten ist. Eine Tötung im Sinne dieses Gesetzes liegt nicht vor. wenn ein Arzt aus gleichem Grunde ein In der Geburt begriffenes Kind tötet." Auch der zur Zelt unter Anklage wegen Verbrechens aus 8 218 ff. stehende vielgenannte Dr. Friedrich Wolf erhebt die gleich« Forderung, wie sie in unserem Antrag zum Ausdrnck kommt. Und Hunde rttaufende von proletarischen Müttern werden ihr« Stimme erleben gegen die physischen und seelifchen Qualen, di« ein mittelalterliches Gesetz ihnen auszwingt, und kämpfen sür ras Recht der Lebenden unter Führung der Sozialdemokratiscken Partei Deutschlands, bis dieser nienschenmordendc 8 218«ntlich gefallen esln wiro. frlstliilck« Wurm. Auflösung der Familie? Vor einiger Zeit wurde an dieser Stelle ein« Notiz über die von Lunaischarsky geplante konununistische Stadt am Ural gebracht, in der es keine Familie geben wird. Magnetogorsk, ein« Stadt für öÜOOO Bergarbeiter soll gebaut werden, in der jeder das- selbe Zimmer erhält mit genau denselben Elnrichtungsgegenständen, dasselbe Essen für alle kommt aus der Gemeinschaststüch«, Kinder werden fosort nach der Geburt an Staatsanstalten ab- gegeben, die Anrede Vater und Mutter gibt es nicht mehr, jeder nicht zur Kindergemeinschast Gehörige wird mit dem Wort„Er- wachsener" angeredet. Wir beobachten seit langem, dah in Ruhland planmähig auf die Auslösung der Familie hingearbeitet wird. Die Partei verteilt di« Aufgaben ganz ohne Rücksicht auf die Fainilienbeziehungen der Arbeitenden. Mann und Frau werden durch ihre Arbeit als Funktionäre der Port«! ost monatelang getrennt und dadurch einander entfremdet, wie wir es bei Alexandra Kallontay In„Weg« der Liebe" lesen. In einem Dorfe wird eine Gemeinschaftsküche eingerichtet, und als sie nicht genügend benutzt wird, werden samt- liche Herde, die Sammelplätze der Familien, abgerissen, die Gesetzgebung ist so. dah der Vater, der zum Unterhalt«Ines Kindes beiträgt, von der Mutter verlangen kann, dah das Kind in einem Hetm erzogen wird, es gibt keinen für alle gememsamen Ruhetag mehr. Diese und andere Erscheinungen bedeuten Stationen eines Weges, and essen Ende die Stadt ohne Familie steht. Man geht nach dem Grundsatz vor:„Was sollen will, soll man auch noch stürzen" und beruft sich dabei auf Erschsinungen, die wir überall In allen Ländern beobachten können. Das sefte Gefüge der Familie beginnt sich zu lockern. Ehen werden trennlxrr, das Verhältnis wird legalisiert, die Aechtung der unehelichen Mutter wird nicht mehr als sittlich empfunden, die Familie verliert viele Aufgaben, die sie früher gehabt hat, vor allem die der Erziehung. Di« Erklärung geht dahin: Mit den Wirtschast- formen ändern sich auch die Gemeinschafteformen. Ehe und Familie gehören zur kapitalistischen Wirtschaft und sind nach ihren Bedürsmssen geformt. All« ethischen Aussassungen sind demernfprecheiid geprägt und dienen dazu, das bestehend« Syllem zu stützen. Zrneisellos hat dl« Familie durch das an sie geknüpfte Erbrecht zur Ansammlung der Vermögen beigetragen, zweisellos wird in ihr zum Jndividualis- mus und zum Familiencgoi-mvs erzogen, tft die Frau m ihr zweit- tlasfig. Nur der marxistisch Nlchtgeschulte uurd nicht sehen, dah wesentliche Umformungen sich vorbereiten. Die Frage wird »i u if d le sein, od Umformung gleichbedeutend»I i t Auslösung i st. Neu ist der Plan der Sladt ohne Fan, llie keineswegs. Es handelt sich hier um eine alte L-i e b l i n g s< t de e des utopischen Soziallsmus. die In zahlreichen Zu- tunjtsroinanen gestaltet ist. wo Mütter ihre Kinder an Anstalten abgeben, nähren, ohne zu wissen, ob sie ein sre»des oder ein eigenes Kind an der Brust haben, mit der Ideologie, dafz die Mutter ihre Mütterlichkeit unbegrenzt allem, was junges Lebe» Hecht, spenden soll, und der Illusion, dasz wir aus solche Weise den brüderlichen Menschen erziehen. Das erträumte Gebilde Ist keine natürlich gegebene Form, überall Im höheren TIsrleben, auch bei gesellschastlich lebenden Arten, beobachten wir engere Beziehungen, namentlich der Mütter an ihr eigenes Kind. Bei den Herdentieren haben wir meistens die Muttersamilie. Wir haben auch gesellschastlich lebend« Tier« mit Ellernfamitie. Kaninchen leben monogam im Herden- verband, ebenso sinden wir die Elternsamilie bei manchen Assen- arten. So beobachten wir bei Gorillas, daß die Schlafnesler samilien- weise geordnet angelegt werden, die der Kinder nahe bei denen der Eltern. Es ist nicht anzunehmen, das; bei der stärkeren Ausbildung des Gehirns dein, Menschen diese engeren Beziehungen, die schon das Tier hat, nicht seelisch vertiest oder gar wieder aufgegeben wären. Die Familie Ist also nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein biologisches Gebilde und behält als solches besonder« Ausgaben auch in einer anters geordneten Wirtschast. Also Umgestaltung, nicht Auslösung der Familie. Eine soz'.alistisch« Kesellschast kann bl-> Erziehung der Kinder nicht den Ellern ilbcrlasse». das ist ober nicht gleichbedeutend damit, das; ein Intimeres Zusammenlaben von Eltern und Kindern unmöglich ge- macht wird. Sehr sraolich erscheint, ob die Heranbildung des Kollektiv- menschen wirklich auf die geplante Weis« erreicht wird. Gewiß, die tndlotdualistlsche Eniehung fällt bei der Ansiatieerziehung fort. Da- sür fehlen manche Gemeinschaft fördernd« Momente, dl« die Familie bot. Erotische Liebeeverbundenheit. Vaterschafts- und Mutterschasts- «rlebnls lösen bei viele» Menschen erst die Fähigkeit aus, sich in andere hinein.zndenken! sie geben einen mächtigen Impuls, sich aus der Ichgebundenheit zu lösen. Es ist darum gewiß kein Zufalk, daß im allgemeinen die Menschen mit Familie bessere Erzieher, auch fremder Kinder, sind als die alleinstehenden. Fraglich ist weiter, ob die neue Art der Erziehung jeder Eigen» ort gerecht wird. Die intellektuell Begabten werden in den Kinder» Heimen zweisetlos vorzügliche Förderung ihrer Gaben und ein großes Feld zur DetäUguag ihres Geltungstriebes sinden. Es ist aber zu befürchten, daß die weniger Begabten, die körperlich wenig Begünstigten, olle, die mit 5)emmungen zu kämpfen haben, an der Liebe und Förderung darbe» werden, die heute die Mutte» selbstverständlich jedem Kinde entgegenbringt. Eines hat die Familie, wie ein Gegner der Familienerziehung, G. Wynecfen, es»inmok ausgedrückt hat, jeder Anstaltserziehung gegenüber voraus: sie»fl die einzige Stätte, wo der Mensch Liebe empfangt, nicht»m irgendwelcher Vorzüge willen, sondern unabhängig von seinem wer«. Wir erwarten vom Sozialismus nicht«Ine«inseitig« Intelligenz» kultur, in der einige wenige zu vorzüglichen Diktatoren ausgebildet werden, sondern Befriedigung der mannigfach veranlagten Menschen, auch derjenigen mit geringeren intellektuellen Bedürsnisien. und«tnB gehobene Plattform der Masse. Wir stehen erst am Beginn der psychologilchen Wissenschosten. Es fehlen uns leider noch völlig Forschungen darüber, unter welcher» Bedingungen und wie weit überhaupt Gemeinschaft möglich ist, wie sie gefördert oder gehemmt wird. Rußland ist das großartigst? Crperimentierseld, das wir uns denken können. Leide? geht man dort nichl mit der Aussassung, daß es sich um ein Erperl» ment handelt, an solche Aufgaben heran, sondern man venotgt e'n« Doktrin Das Ergebnis wird die kommend« Generation zeigen. Einstweilen ist es erlaubt skeptisch zu sein Es wäre möglich, daß diese Form der Kollektlmnenscheu, die sür all» genau das gleich« bedeutet. Differenzierung nicht anerkennt, d-n Begriff der PersöN- Ilchkeit aufgibt, der in Jahrhunderte langem Kulturiuistieg erworden wurde, nicht einen Fortschritt bedeulet, sondern e'n Zurücksinken aus den Zustand srllherer Primitivität, der sür den heutigen«-»w-ckelten Menschen unerträglich ist. dlsria Krisch«. Schulzens» ren zu Ostern. Vor Beginn der Osterserien herrscht große Aufregung im Schul- Hause. Zeugcklse werden oerteilt. Angst und» Freud«. Haß, Stolz und Wut bringt das kleine weiße Stückchen Papier. Teils froh und teils tief bedrückt verlassen die Klnier den Schulhos. Daheim warten neugierig Eltern. Großmütter und Tanten. Belohnung, Schtäge, Vorwürfe, Strafen, horte Worte. Tränen____ Was war geschehen? In langen Konferenzen hatten Lehrer und Lehrerinnen versucht, die Leistungen der Schüler ln Wertzahlen abzumessen. Em nergebstches Bemühen!— Was bedeutet eine Zahl da. wo in ständige»» Ausgleich Begabung, persönlicher Krastous- wand und soziales Milieu ihr wechselseitiges Spiet treiben? „Rechne» sehr gut."—„Schreiben genügend."— Was sagen diese Worte? Nichts, wirklich nichts! Cm absolutes Werturteil im Zeitalter der Relativität. Ein Ueberbleibsel aus vergangenen Tagen. Spielend erringt der Begabte die gute„Note". Die M ü he des unbegabten KIrdes bleibt unberücksichtigt. Will nun» cwx» der Na- t u r ein« Zensur ausstellen, daß sie einige Kinder schlecht, andere gut besähigte? Schreiben„genügelch". Dabei müht sich mit größtem Fleiß eine kleine Kinderhand ab. um In der vorschristsmäßigen Art die Buchstaben In das Hest zu schreiben. Stundenlang— vergebens. Spielend erledigt in wenigen Minuten das begabte Kind seine Auf- gäbe. Wer möchte da behaupten, daß Zeugnisie den tatsächlich«,« Leistungen der Kinder gerecht werden? Doch nicht nur die Begabung spielt bei Beurteilung der Leistung «ine entscheidende Rolle, sondern auch das soziale wiiieu ist von größter Wichtigkeit. Kennt ihr d'e Kinder, die früh schon vor der Schule zu Hause arbeite» müilen. die ih'« Geschwister «vaschen, kämmen und anzielen, die Stube sege». Feuer mochen und Kaffee kochen? Kennt ihr sie alle, die um 8 Uhr müde zur Schule kommen? Kennt ihr sie, deren Ge' onken lvährend des Diktates In banger Sarge nack' Haus« schroe sen. ob Vater wobt Geld brockte? � Ob Mutter Arbeit bekomme»? Wißt ihr. daß viele Kinder kein ruhiges Plätzchen haben, um ihre Haus- aufgaben zu machen? Der einzige Tisch der Familie ist Mutters Arbeitsplatz. Außerdem wird daran gegessen. Schularbeiten sind Lurus. Kaum ist das karg« Mittagessen verzehrt, heißt es Kindermarten, Gänge besorgen un-d ausräumen. Nebenbei, halb im Stehen, werten stüchtig die Ausgaben hingeschrieben. Der Lärm der Ge- schwister stört jede ernste Denkarbeit. Auch Schmachsinn ist«ine Proletarierkrankheit. Nicht etwa, als ob nian den Verstand mit Geld kaufen könnte. Das nicht. Aber wie ganz anders werden die schnwcchm Anlagen von Kindern reiche? Eltern gefördert? Da ist das Kindersräulein. das bei den Schul» arbeiten hilft und dos unermüdlich oll die Dinge erklärt, die im Unterricht nicht verstanden wurden. Wenn dies nicht ausreicht, gibt es obcnlrein noch Nachhilfeunterricht. Dann kommt der Haus» lehrer, schließlich geht's in die„Presse" und mancher Dummkopf macht aus diesem Wege sogar seine Reifeprüfung und dringt M zum Akademiker. Und ein schwachbegabtes Arbeiterkind? Mangelnde Begadung, Krankheit und Arbeit bringen es immer weiter im Unterricht zu» rück. Niemand Hot Zeit bei de» Schularbeiten zu helfen, niemand kann dos veriäumt« Pen» [um dem Kinde klarmachen. Es bleibt sitzen. Berlrtzt in seinem Innern scheidet es aus leinem bisherigen Klasienverband au». Auch im zweiten Jahr wird es nicht bester. Die Freiide an de? Schul« und am Lernen ist längst dahin. Da bleibt als letzter Ausweg nur die Hitfsfchule übrig. Glaubt ihr, dos sei übertrieben? Lri,"«? nicht. Wer die sogenannten„HilMckulkinder" genauer detrachtet, wtrd erfahren, daß ein großer Teil der Schül-r nur i n l o l g« schlechter häuslicher Verhältnisse den Weg zur„Doven» scku'e" genommen hat. Die fchmachen Anlagen erstickten in de? Rot des Alltags. In Preußen sind die Roten sür Betragen fortgefallen. Dar» ob herrsckt in reaktionären E"ern- und Lehrerkreisen qroßes Weh- klagen. Nunmehr hä«'cn kie Eltern überhanvt keine KontroNe über das Betragen ihrer Kinder in der Schule. Sllmmt da«? Hat uns nicht die demokratische Entwicklung unserer Zeit«in«»i«l wirk» samere Handhab« gegeben, Nicht nur das Betragen, sondern das ge- snmte Unterrichtsg« baren zu lontroilisren? Elternausschüsse urÄ Elternbeiräte siivd wertvolle Berbindungsmöglichkeilen zwischen Elternhaus und Schule. Viel zu wenig werden sie im allgemeinen beachtet. Auf diesem Wege können Wünsche und Anregungen der Eltern weitcrgeleitet werden, durch Elternausschüsse und Eliernbei- röte haben Vater und Mutter die Möglichkeit am Ausbau und Aus- bau der Schule und des Unterrichts mitzuwirken. Vor allem aber sind es die persönlichen Aussprachen zwischen Elternschaft und Klassenlehrer, die besser als jedes Zeugnis den Erziehern und Eltern Ausschluß über das Betragen ihrer Kinder im Unterricht geben. Jeder Laler und jede Mutter sollte sich deshalb regelmäßige Aus- sprachen mit dem Klassenlehrer zur Psltcht machen. Aus dieser Erkenntnis lehnen heute schon viele moderne Schulen Zensuren ab. An ihrer Stelle geben sie bei der Schulentlassung dem einzelnen Schüler eine kurze Charakterisierung. Etwa so: Hans Huber ist ein stiller, sehr gewissenhafter Jung«, lang- sam im Arbeiten, doch gründlich und selbständig tm Denken, ver- trSgllch und zuverlässig. In allen handwerklichen Fächern ist er dagegen weniger begabt. Er ist eine Grüblernatur, lebt ziemlich zurückgezogen.... Oder: Richard Meier ist«ine ausgesprochen« Führernatur, ein geschickter Organisator, eignet sich mehr zum Um- gang mit Personen als mit Sachen: in praktischen Dingen gewandt und gescheckt, dagegen hat er zu eintönigen und mechanischen Ar- beiten weder Neigung noch Ausdauer____ Dies nur ein paar Proben. Sagen sie uns über den Menschen nicht unvergleichlich mehr als die nüchternen Zahlen eins, zwei, drei, vier? Wer kann Eignung und Talent in Nummern aus- drücken? Es gab eine Zeit, da machte man schon die Kmder in der Schule zu Nummern, denn der Lehrer setzte nach Leistungen. Der war Nummer eins, der war der letzte, der der 42. und der der 6. Der Ehrgeiz der Kinder war aufs stärkst« angespannt. Jeder bemühte sich, mehr zu sein als der andere. Einer versuchte den andern zu übertrumpfen. Dabei war nwn in der Auswahl der Mittel nicht sehr wählerisch. Denjeinaen aber, die noch immer nicht auf Zeugnisse verzichten können, sei der Rat gegeben, erst einmal bei sich selbst mit dem Zensieren anzufangen. Wie möchte da so manches Zeugnis gerade über Erwachsene aussehen, die so gern gegenüber dem kleinen Volk den Richter spelen! Und gar erst, wenn auch die Kinder bei dem Notengeben, insbesondere bei der B e- tragensnote der Eltern und Erzieher ein Wörtlein mitzureden hätten! Ich wette, die Sehnsucht nach Zeugnissen wäre bald vorbei. Mögen dies« Ausführungen dazu beitragen, die Zeugnisse, die unsere Kinder jetzt zu Ostern nach Hause brinaen, nicht allzu tragisch zu bewerten. Drückt die Kinder durch eure Kritik nicht noch mehr, die sind ohnehin durch eine schlechte Zensur genug bedrückt. Sucht ihr« guten Seiten zu stärken und ihr werdet lebensfreudige frohe Menschen aus ihnen machen. Schon mancher, der in der Schule „Letzter" sah, hat im Leben tapfer und mutig seinen Mann ge- standen. Irma Leclienbacli. De? erste Frauenroman. Am Tage des Buches der Frau ist es wohl angebracht, der Frau besonders zu gedenken, die den erste» deutschen Frouenronian ge- schrieben hat. Heute, wo die Zahl schriststellernder Frauen sait Legion ist, kann man sich kaum vorstellen, daß dic�r erste deutsche Frauenroman erst 1771 erschienen ist. als« vor 160 Jahren. Man denkt auch nicht mehr daran, daß dieser Roman im Schwabenlande geschrieben wurde und erschienen ist. daß ein Schwabe tue Anregung dazu gab, und daß auch wieder ein Schwabe Herausgeber des Romans war. da es damals nicht Sitte war, daß Frauen Büchrr schrieben oder, wenn sie es schon taten, dann auch die Bücher selbst veröffentlichten. Die Verfasserin des ersten deutschen Frauenromans, der den Titel trägt:„Geschichte des Fräuleins von Stern- h e i rn", ist Sophie von Laroche, geborene Gutcrmann von Gutershofen, aus Augsburg. Sie hatte schon bis junges Mädchen einen starken Wissensdrang, jedoch wenig Gelegenheit zu oeregclter Ausbildung. Die Erkenntnis ihrer eigenen unzulänglichen Erzich mg bewog sie, sich viel mit Erztehungsfragen zu beschäsilgen. Si« war Freundin und Mitarbeiterin der bekannten Pädagogen P s e s s e l und B r e ch t e r. Auch ihr erster Roinon ist ein Erziehungsroman. der vor allem durch Vorbiider zu wirken sucht. Er bringt eine knappe, spannende Darstellung der Handlung. Sophie war als sunges Mädchen zu ihren Verwandten nach V i b e r a ch im Schwabenlande gekommen und hatte sich dort mit ihrem Vetter, dem lpäter so berühmten Dichter W i e l a n o, vertabt. Die Verlobung ging zurück, aber Wieiand blieb auch sväter Sophies Freund und geistiger Anreger. Sophie heiratet' den kurmainzischen Hosrat Georg Michael Frank von Laroche. In Mainz befreundete sich das hinge Paar mit dem Grasen Stadion, dem Besitzer de» schönen Schlosses W a r t h a u s e n in der Nähe von Biberach. Dort traf Sophie wieder mit Wietand zusammen. Schloß Warthausen war das Zentrum eines Kreises geistig bedeutender Menschen, und Sophie wurde die Muse dieses von vielen„Parnaß" genannten Schlosses. Später verlegte Gras Stadion seinen Wohnsitz nach Bönuighciin im Zobergäu, und auch hier war die Familie Laroche ständig zu Gast. Sophie berichtet selbst über den Antoß zur Entstehung ihres Romans. S!« war in tieser Trauer über die Noiwendigkeit, ihre Töchter aus dem Hause zu geben. Prediger Brechter aus Heiibronn gab ihr den Rat. statt eigener Töchter itn papierenes Mädchen zu erziehen, wie sie sich ausdrückte. Sie wollte beweisen, daß das Schicksal einem Menschen wohl alles nehmen könnte: äußeres Wohlleben. Freunde, Geliebte. Aber eines könnte dem Menschen nie genommen werden: dos. war er aclernt hätte, was ihm an Gaben des Geistes und des Herzens mitgegeben wäre, und dl« Möglichkeit, seinen Nächsten Liebe zu erweisen. Hervor- gegangen ist der Roman aus Briefen, die Sophie Laro�e mit Wieland über Erziehungsfragen austauschte Cr war ihr Mentor, der ihr gute Ratschläge gab. ober auch riickh"lt?ll>s anerkannt», wa» sie zu leisten vermochte, lieber ein« französisch geschriebene Er.zähiunq seiner Freundin hotte er geurteilt:„Ich würde alles geben, wa»- ich geschrieben habe, seit ich mit der Feder umgehe,»m der B»rfasscr dieser Erzählung zu sein." Er erkannte die natürliche GestaZtungs» kraft der Laroche an. doch tadelte er auch ihren Stil. Ihr oft In» korrektes Deutsch. Der Roman erschien unter Wielands Namen, da es ia damals noch nicht Eilte war. daß Bücher von Frauen herausaegsben wur» den. Di« Aufnahme war im allgemeinen begeistert Man entdeckte batd, daß Sovhie von Laroche die Verfasserin war. Der Tadel richtete sich fast nur gegen Wieianos nicht sehr taktvolles Borwort. in dem er den Leser auf die Schwächen des Romans aufmerksam machte. Gan,z besonders begeistert war die Anerkennung Herders: „Alles, was Sie mir von der Verfasserin der Sternheim sagen, sind für mich wahre Evangelien. Man hört ja Erscheinungen von Engeln und Geistern so aern, wenn man sie auch nicht sieht, und ein solcher menschlicher Geist, wie weil mehr kann der in der Sceli wirken! Es gibt doch immer gewisse innere Winke und Dtvina- tionen: die sympathisieren in mir so sehr mit dieser oortresfitchen Frau, selbst in Kleinigkeiten, über die man nicht gern« Rechnung ablegt: und die machen mich also wahrhaftig nicht bloß auimerksam, sondern andächtig." Und nach Erscheinen des zweiten Bandes schrieb er:„Es ist, glaub' ich, natürlich, daß der erste Teil gleich- sam als Jugend� als Morgenröte des Wertes, indem er nur erste Bekanntschaft und Ahnungen gibt, die das dem Ausgana Näh re nicht hat, stärker frappiere. Der Absicht der Verfasserin aber nach, um zu zeigen, wie die wohltätige Seele sich bloß durch Aktivilät aus dem erschrecklichsten Fall erhole, ist, glaub' ich. der zweite Teil der schönere." Nicht minder begeistert war Herders Braut, die kluge Caroline Flachsland. Auch tm Briefwechsel des Braut- paarcs der-Flachelond wird immer wieder der Bewunderung für das Werk und für Sophie Laroche selbst Ausdruck gegeben. Die bedeutendste und zugleich geistreichst« Beurteilung des Werkes aber stammt von keinem Geringeren als Goethe selbst. Er hatte sich sehr über einig« mißbilligende Rezensionen geärgert und übernahm nun die Verteidigung in den„Frankfurter Gelehrten An- zeigen" von 177Z. Es heißt da unter anderem„Es hebe» sich bei der Erscheinung des guten Fräuleins von Sternheim ieh» viele un» gebetene Beurteiler eingefunden. Der Mann von der großen Welt, dessen ganz« Seele aus Verstand gebaut ist, kann und darf das nicht verzeihen, was er eine Lotriie du coeur(Einsott d�s H r ens) nennt. Er überließ also schon lange das gute Kind ihrem Schicksal und ge- dachte ihrer so wenig als ein Kammerherr seiner Schwester, die einen Priester geheiratet hat. Der Schönkünstler fand in ihr eine schwache Nachahmung der Ciarijsa(berühmter englischer Nomon jener Zeit. D. Red.) und der Kritiker schleppte alle die Solipsismen (Selbstbespiegelungen) und baute sie zu Hausen, wie das Tier Kali- ban bey unserem Freund Shakespeare. Enolich kam auch der fromm« Eis-erer und fand in dem Geiste der Wohltätigkeil dieses iiebens- würdigen Mädchens einen gar zu großen Hang zu guten Werken. Allein, alle die Herren irren sich, wenn sie glauben sie beurteilen ein Buch-- es ist eine Menjchenseele: und wir wissen nicht, ob diese vor das Forum der großen Welt, des Aesthetikers. des Zeloten und des Kritikers gehört. Das Buch erlebte sofort zahlreiche Auflagen und mehrere lieber« setzungen ins Französische und ins Englische. In unserer Zeit wird es freilich kaum noch viele Leser finden. Wir können den Ueber- schwang und die Gefühlsseligkeit entschwundener Tage nlchi mehr begreisen. Interessant ist es aber auch für uns noch, oaß die Ber- sasserin als Trost im Unglück eine praktische, soziale und pädago- gliche Tätigkeit empfiehlt und eine große Vorurtellsiosigkeit In bezuq aus Standcsunlerschiede zeigl. Sophie von Laroche hotte sich viel mit den Gedanken des Philosophen Rousseau beschästiot. Sie war sogar der Mittelpunkt der deutschen Rousieau-Gemeinde. und der Einfluß diese» Vorkämpiers geistiger Freiheit ist bei ihr unver- kennbar. Zudem gab Sophie, wohl in Erinnerung an ihr« eigene mangelhaft« Erziehung und Bildung, wertvolle, ganz neuzeitliche Winke für die Erziehung der„Frauenzimmer", wie man damals oie jungen Mädchen nannte Mit Recht schrieb ihr Jugend<>»Iicbter und späterer Freund Wieland nach ihrem Tod«, die Welt könne„mahl zufrieden sein, eine lo außerordentliche Frau secksundsiebzig Jghre lano besessen zu haben". In diesem Sinne denken auch wir heute an sie. die den Frauen den Weg zur Literatur gebahnt Hit. Anna Bios.