WuenMme Nr.S.48.Zahrg� Beilage zum Vorwärks I Mai 1931 I -100000 Arbeiterinnen weniger. Ltnd andere kleine Tatsachen. Bei der Diskusswn über dt« Ursachen der Arbeitslosenkata» strophe splett auch die Ueberlastung de» Arbeitsmarkte» durch dt« angebliche ständige Zunahm« der Frauenarbeit eine große Rolle. Für die Belastung des Arbeitsmarktes ist aber nicht die Zahl aller Erwerbstätigen, sondern nur der Ar- bettnehmer in abhängiger kündbarer Stellung, also von Arbeitern und Angestellten, entscheidend. Da» Sta- tistische Reichsamt hat nun in seinen Berechnungen über den Zuwach» der Arbeitnehmer seit 192S, dem Jahr der Berufszählung, festgestellt, daß die männlichen Arbeitnehmer um fast 1» Prozent, die weiblichen nur um knapp ö Prozent zugenommen haben. Diese Zunahme von insge- samt 300 000 weiblichen Arbeitern und Angestellten in den letzten fünf Jahren(gegenüber 1�4 Millionen männlichen) erklärt sich hauptsächlich aus dem Zuwachs von Personen« r- werbsfähtgen Alter». Aber die Zahl der Arbeitnehmerinnen ist absolut nur von 1S25 bi» 1928 ge- stiegen, von 1928 bi» 1930 ist sie durch den Ausfall der Kriegsge- burtengeneration in ständigem Rück- gang begriffen, so daß im Jahre 1930 gegen da» Jahr 1929 sogar 100 000 Frauen weniger aus dem Arbeitsmarkt waren. Da» Anschwellen der Arbeitslosigkeit 1929 bi» 1930 kann also keineswegs mit einer Zunahm« der Frauenarbeit in einen direk- ten Zusammenhang gebracht werden. In NaeKt versink« Brudermord, Die Grenzen laBt zerflattern und vergehen, Zu SternenhShen trage Geist uns fort. Ihr Hände, laBt die Arbeit heut« schwelgen Mit der zunehmenden Arbeitslosigkeit wird auch im„Paradies Amerika� der Frauenarbeit und dem„Doppelverdienst" verheirateter Frauen erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt, ja sogar im Lande der Wettbewerbs- und Ausbeutungsfreihelt agitiert man gegen die Ar« beit verheirateter Frauen als„un« sozialer" Zeiterscheinung. Bei der Volkszählung von 1920 waren von 8K Millionen erwerbstätiger Frauen in den USA. 2 Millionen verhei- ratet, also jede vierte. Dieser Pro» zentsatz soll sich jedoch nach der Volks- zählung von 1930, deren Ergebnisse noch nicht veröffentlicht sind, noch vergrößert haben. Nach Berichten des dem Arbeitsministerium ange- gliederten Frauenbüros sind in den Städten der Textilindustrie ein Drittel der erwerbstätigen Frauen verheiratet. Dem ersten Mai. Beseligt trag« deine Menschen wieder, Du Erde, die vom Blute schrie. Und tränke uns mit Melodie. Ihr Völker, laBt die roten Fahnen wehen. Entfalte, Sonne, dein Gefieder Ein Tag stieg auf aus einem Meer von Blut, Der tönt von Lieht und Kinderreigen Und Friedensworten, dl« so lang geruht. Ihr Mütter, blüht mit freudaschwerem SchoB« Entgegen einer Jungen Zeit, Wo sieh in epferstarkem los« Ein Bruder froh dem andern weiht Schlechte Berufsausbildung der weiblichen Jugend als Ursache der Arbeitslosigkeit. Di« Wiener Gewertschaftszeit- schrist„Arbeit und Wirtschast" be- richtet ch, daß sie überhaupt nicht wagen, irgendwelche Klagen anzubringen. So erzählt eine Kriegerwitwe: Sie wohnte mit ihrem Manne bei Ausbruch des Krieges auf einem Gute, auf dem ihr Mann Schweizer war. Der Mann wurde sofort eingezogen und siel auch In den ersten Augusttagen 1914. Die Witwe blieb mit ö kleinen Kindern zurück. Im Ansang wurde sie allgemein bedauert und durfte in der Wohnung auf dem Gute wohnen bleiben. E�s wurde dann aber von ihr verlangt, daß sie täglich die schwere � Feldarbeit verrichte. Durch die vielen kleinen Kinder war sie dazu nicht in der Lage. Es wurde ihr dann ge- sagt, sie müsse einen Mann als Ersatz stellen oder die Wohnung räumen. Da sie eine Ersahkrast nicht stellen konnte, so wurden eines Tages einfach ihre wenigen Habseligkeiten verladen und sie und ihre Kinder in irgendeiner Baracke untergebracht. Sie war nun vollständig arbeitsunfähig und zermürbt. Mit ihrem Häuslein Kinder wurde sie bald hier- bald dorthin verladen, je nachdem ein kaum menschenwürdiges Loch als Unterschluvf gerade frei war. Sie mußte sich dazu immer noch vorwerfen lassen, daß sie als Drohne dem>- t a a t e nur Geld k o st e. aber nichts einbringe. Wenn trotz dieser Schikanen nunmehr die Kinder erwachsen und arbeitsam sind und zum Teil auch eigenen Verdienst haben, so ist es nicht das Verdienst derienigen. hie die Frau an den Rand der Verzweiflung brachten. Von Jug/ndfür- sorge kann noch weniger gesprochen werden. Gutmachen kann man ein solches Elend nie wieder an den Familien. So sieht es aus dem Lande in Hunderten von Fällen aus. So behandelt man die Fa» Milien der Kämpfer für das Vaterland, so die Erzieherinnen der kommenden Generation. Die Verhältnisse unter den Kriegerwitwen sind auch w i r t- schaftlich unhaltbar. Eine Witwe erhält heute tn Orts- klaffe B an Rente rund 37 Mark. Dazu kann eine Zusatzrente von 34 Mark gewährt werden. Diese Summe kann nicht als das Existenzminimum angesehen werden.. Trotzdem setzen die Nachprüfungen bei Gewährung der Zusatzrente in verfchärslem Maße ein. Sie haben zur Zeit eine Zorm angenommen, bei der von sozialem Verständnis überhaupt nicht mehr die Rede fein kann. Es kommt noch hinza daß die nach dem Reichsversorgungs- gesetz gewährten Beihilsen bei vielen Witwen gekürzt oder ganz entzogen wurden. Die Familien sind dadurch in das größte Elend gekommen und sind vollständig auf die allgemeine Wohlsahrtspslege angewiesen. Ob wohl alle diejenigen, die glauben, daß die Krieger- witwen gut versorgt seien, um diese Versorgung Lebensglück, Sicher- heit, Gemeinsamkeit und volles Frauentum hingeben möchten? Die Erziehungsbeihtlsen sind gekürzt. Stärkere An- rechnung der Mittel aus anderen Quellen findet überall statt. Viel- fach ist dadurch die Berufsausbildung der Kriegerwaisen vollständig in Frage gestellt. Auch hier ist die Antragstellung gesperrt, wenn auch Weiterbewilligungen der schon gewährten Beihilfen erfolgen können. Viele Waisen, die jetzt die Berufsausbildung be- ginnen sollten, kommen in die schwierigsten Verhältnisse, weil die Erziehungsbeihilsen nicht bewilligt werden können. Die Krieger- waisen, die aus der Versorgung ausgeschieden sind, leiden zum größten Teil unter der allgemeinen Arbeitslosigkeit. Die Kriegerwitwen haben sich zum großen Teil bemüht, ihre Kinder zu republikanischen Staatsbürgern zu erziehen. Die dauernde Rol der Mutter, die Aussichtslosigkeit für die eigene Zukunft, die Entziehung der bisher gewährten Beihilfen kann nicht dazu dienen, die Zugend zu freudigen Staatsbürgern zu erziehen, die den heutigen Staat bejahen. Schon aus staatspolitischem Interesse müssen wir warnen, etwa weitere Kürzungen vorzunehmen. Es ist höchste Zeit, die bis- herigen Kürzungen wieder aufzuheben. Anträge auf Elternrente oder Beihilfe können nicht mehr gestellt werden. Welche chärte darin liegt, nur an einem Beispiel: Ein Elternpaar, Vater und Mutter, beide über 60 Jahre alt. Der Vater hat bis zum 31. März 1930 einen Verdienst von monat- lich 75 M Vom 1. April ab wird er nur noch im Gnadenwege beschäftigt und erhält nur noch 45 M.. Kürzung also nach Ablauf der Frist. Die Kriegermutter, auch berufstätig, erkrankt schwer, muß operiert werden, erhält bis zum Juni 1930 monatlich 100 M. Krankengeld, bis zum Dezember 1930 wöchentlich 12 M. Arbeitslosenunterstützung. Im Januar 1931 wird Krisenunterstützung ab- Die Kultur der Wer jemals in einem M ö n t e s s o r i- Kinderheim zu Gaste war, der weiß, mit welch freudiger Andacht die Kleinen und Klein- ften täglich den Tisch decken. Sorgfältig legen sie«ine weiße over bunte Decke auf! in die Mitte wird eine Vase mit Blumen gestellt und auf den einzelnen Tischplätzen werden regelmäßig Teller, Tassen und Bestecke angeordnet. Prüfend lassen die kleinen Tischdeckkün'tler noch einen letzten kritischen Blick über ihr Werk gleiten: hier rücken sie etwas zurecht, dort schieben sie den Lössel ein wenig vor, damii er in gerader Linie liegt. Erst dann, wenn wirklich alles zu ihrer Zufriedenheit, ausgefallen ist, werden die Spiel- und Arbeitsgefähr- ten zum Essen gerufen. Tadellos saubergewaschene Kindergesichter, aus deren Mienen frohe Erwartung spricht, neigen sich über die aufgetragenen Speisen. Saubere Kinderhände hantieren sorgsam mit Gabel und Löffel. Ueber der ganzen Kindergruppe, der schönen Anordnung der Dinge, liegt eine geruhsame, heitere Stimmung, die sich unwillkürlich auch dem Gaste mitteilt. In ungekünstelter Weise, mit einfachsten Mitteln ist hier von Kindern die Kultur des gedeckten Tisches verwirklicht worden. Mit vollem Bewußtsein hat Maria Montessori schon das Klein- lind zu dieser Aufgab« erzogen. Nicht bei allen, aber sicherlich bei vielen dieser Kinder wird eine solche Erziehung nachwirken bis in die Jahre des Erwachsenleins und wird ihre Früchte tragen im eigenen Haushalt. In einem solchen Kinde ist ein Gefühl dafür ge- weckt worden, daß die Kultur des täglichen Lebenz bei den kleinen Dingen beginnt, bei der Sauberkeit des Fußbodens, und der Möbel, des Tischtuchs und Geschirrs, bei dem harmonischen Uebergang der Formen und Farben, bei der Sorglichkeit, mit der Tassen, Teller und Besteck« angeordnet werden. Denn nicht der Luxus, sondern die Aesthetik, nicht der materiell« Wert, sondern der Stil ist ent- scheidend. Es ist gewiß schwer, in einer Zeit größter materieller Not die Kultur der kleinen Dinge nicht zu vernachlässigen. Aber der Sozialismus hat von Anfang an, als das Proletarcat noch un- gleich schlimmer daran war als heute, als der Arbeiter unfrei, be- drückt und rechtlos, ausgebeutet und ohne Schutz war, das große Kulturproblem in sein Programm aufgenommen. Dem Arbeiter nicht nur politische Freiheit, sondern auch seelische und geistige Weiterbildunng, das Bewußtsein zu geben, daß auch er ein Recht habe, an den Kulturgütern teilzunehmen, war schon vor einem halben Jahrhundert das große Ziel unserer Vo-kämpfer. Und immer wieder beginnt der Weg zu diesem Ziel bei den kleinen Dingen, die uns täglich umgeben, die an uns formen und unser Wesen mitbestimmen. iDa steht am Fenster einer engen Wohnküche ein einfacher, vier- eckiger Tisch, der mit weißem Wachstuch bedeckt ist. Einfache Speisen in billigem Geschirr laden zum Essen ein. Eine unendliche Schlichtheit, aber ebensoviel innere Wahrhaftigkeit geht von diesem gedeckten Tisch aus, der so ganz seinen Zweck erfüllt: Er lädt die Bewohner ein, zu rasten und sich zu stärken, auszuruhen und neue Kraft. zu sammeln. Da steht ein dunkelgebeizter Tisch in einer kleinen Wohnstube, die der ganzen Familie als Aufenthalt dient. gelehnt, da sie nicht alleiniger Ernährer der Familie fei. Arzt be» scheinigt ihr völlige Erwerbsunfähigkeit. Ihre Stelle muß sie auf» geben, Invalidenrente wird nicht ge, zahlt, da die Anwartschaftszelt nicht erfüllt. Einkommen der. Kriegereltern inonatlich 45 M. Ein Sohn gefallen, ein Sohn vermißt, also zwei Söhne dem Vaterlande geopfert. Nur eine Tochter lebt noch, die verheiratet ist. Läßt es sich unter solchen Verhältnissen überhaupt oerantworten. daß die Bestimmungen über Versorgung der Kriegereltern Im Härteausgleich noch nicht herausgegeben sind? Muß nicht der Staat wenigstens soviel Mittel haben, um diese Eltern zu versorgen? Es dürfte Zeit sein, einmal darüber nachzudenken, wie sich das Lebensschicksal der kriegerhinlerbtiebenen weiter gestalten soll. Wenn auf der anderen Seite zur Sanierung der Landwirtschaft. für den Bau eines Panzerkreuzers usw. große Summen bewilligt werden, muß man auch die Mittel haben, für die Kriegsopfer zu sorgen. Kürzungen an der materiellen Versorgung können von den Hinterbliebenen, von diesem Personenkreis, der aus durchaus ge- sunden wirtschaftlichen Verhältnissen stammt, nicht ertragen werden. Noch sind nicht alle Soldaten des Weltkrieges beerdigt. Auf den Schlachtfeldern in Frankreich liegen noch un'bestattete Soldaten. Das Schicksal ihrer Hinterbliebenen aber ist in der ganzen Grausamkeit, mit der es diese Kriegsopfer betroffen hat, von dem deutschen Volk niemals erfaßt und jetztzum großen Teil vergessen worden. Pflicht der R e i ch g r e g t e r u n g ist es, bei allen Angriffen aus die Versorgung der Kriegerhinter» bliebenen, wo sie auch erhoben werden, darauf hinzuweisen, daß diese Kreise ein Opfer gebracht haben zum Schlitze des Staates, zum Schutz der Allgemeinheit, das mit der geringen Versorgung bestimmt nicht als abgegolten angesehen werden kann. Wir haben Opfer gebracht für das deutsche Volk. Eine Krieger» mutier sagte:„Unsere Männer und Söhne haben nur eins gekannt als sie gerufen wurden: Ich muh!" Wir erwarten den gleichen Willen von der Reichsregierung, wenn es um das Wohl der Krieger» hinterblieben geht. Opfer gegen Opfer! kleinen Dinge. Eine leicht waschbare, bunte Decke liegt auf der Tischplatte, und in schlichtem, weißem Geschirr sind einige Speisen ailgericbtet. Freilich gibt es auch ander« Tische. Sie sind Abladeplätze sir alles, man der Eintretende gerade in der Hand hält, und selbstverständlich wir!» hier auch gegessen. Gehetzt kommt die Frau aus der Küche herein» gestürmt: vielleicht ist sie selbst erst vor kurzem von der Arbeit nach Hause gekommen, und die Kinder haben es nie gelernt, die kleinen Dinge um sie her z» beachten. In Eile werden Zeitungen, Woll- knäuel, Spiel.zeug, Stopssachen beiseitegeschoben. Der Tops wird, wie er vom Herd kommt, aus einen Holzuntersatz gestellt, und dann söttigt man sich. Mißmutig und hastig wird gegessen in der ungast» lichen Umgebung. Wer fertig ist, der erhebt sich erleichtert und sucht das Weite. Zwar hat die Hausfrau noch andere Schüsseln und Teller in ihrem Küchenschrank, aber wozu sie herausholen? Das kann man tun, wenn einmal Besuch kommt. Für die eigene Familie aber sind beschädigte Geschirre, Tassen mit abgeschlagenen Henkeln, ge- sprungene Teller gut genug. Man ist ja auch viel zu müde im All» tag geworden. Das Leben ist so schwer, und man hat nicht mehr die Kraft, von innen heraus Freude und Glanz über die kleinen Dinge zu legen. Aber manchmal ist es seltsam— es ist, als ob die vernachlässig- ten.-unscheinbaren kleinen Dinge sich an den Menschen rächen wSll» ten. Denn wie kommen die Kinder plötzlich darauf, unappetitlich und unartig zu essen, und warum' steht der Mann mit einer Ge» bürde des Ekels auf und geht ins Wirtshaus? Haben die kleinen Dinge ihr Eigenleben und ihr« eigene Seele, wie es Kinder unk» Märchen erzählen? Vielleicht müssen wir Erwachsenen immer wie» der lernen von den Kindern, die in Ruhe und stiller Heiterkeit ihren einfachen Tisch decken, müssen das alte Märchen vom„Tischlein deck dich" täglich von neuem verwirklichen, so schwer es auch heute Ist. Vielleicht ist diese Kultur der kleinen Dinge des Alltags die best« innere Ergänzung zu dem großen Kampfe des Sozialismus, um. menschenwürdige Wohnung und ausreichende Löhne, um Freiheit und Wochenende, um polltischen und kulturellen Aufstieg. M. E. Moderne Krau und Krühjahrsmode. Noch vor wenigen Monaten glaubte man, daß die Zeit der langen Röcke, der Staubfänger, der Schleppen von neuem begonnen habe. Das billige, zweckmäßige, kurze Frauenkleid hatte sich in ekn stoffreiches, weites, gebauschtes Ungeheuer verwandelt, das lebhaft an Grohmutters Zeiten erinnerte. Zipfel rechts und links, vorn und hinten, Volants, Fältchen und endlich die Krönung der neuen Mode» fchöpfung des 20. Jahrhunderts, die. Schleppe. Nicht nur im Ballsaal, sondern bereits auf der Straße, nicht nur in der Großstadt, sondern auch auf den Dörfern fah man Gestalten früherer Jahr» hunderte erneut auserstehen, die den neuesten Modetyp darstellten� Lange, nahezu bis zum Erdboden reichende Kleider tnit engen, kürzen Taillen, mit Kästchen, Oese» und Knöpschen. Wohl kam da und dort ein Protest in die Oesfentlichkeit, Spottgedichte erschienen in den Witzblättern, aber im ganzen gesehen wollte es doch beinahe scheinen, al« ob wieder einmal die Vergangenheit den Sieg davontragen wolle über die Gegenwart, das Ueber- lebte. Unzweckmäßige, Unvernünftige über das Zeitgemäße, das Ein- fache und die Vernunft. Die neue Frühjahrsmode jedoch beweist, daß die neue Zeit diesen Angriff aus die äußere Gestaltung Ihres Frauentyps zwar nicht völlig zurückgeschlagen, aber doch ziemlich erfolgreich ab» gewehrt hat. Im Ballsaal gibt es immer noch das lange Kleid, aber die Schleppe ist bereits ziemlich verschwunden. Auch alle ihre Borläufer, die ungleiche Länge der Kleider, die Zipfel zu beiden Seiten sind bereits kaum mehr zu sehen und gelten als überholt. Das Straßen- und Nachmittagskleid ist zwar etwas länger ge- worden im Vergleich zu der Mode vor einigen Iahren— man trägt sie heute im ollgemeinen etwa so, daß die Kante 39 Zentimeter vom Erdboden entfernt ist—, aber daneben sieht man auch noch den etwas kürzeren Rock für Laufkleider und für das unveränderte, billige und praktische Arbeitskleid. So hat es gerade die arbeitende Frau in diesem Frühjahr leicht, modern und ansprechend gekleidet zu sein, ohne große Geldmittel auszugeben. Man kann heute seine alten Blusen auftragen, indem man sie einfach im Rock trägt, anstatt sie überzuhängen. Eine bunte Krawatte, die man sich aus einem billigen Seidenrest selbst herstellen kann, bringt eine neue frische Tönung hinein. Da» alte Tagestleid vom vorigen Jahr erhält ebenfall» einen modernen Anstrich durch Verwendung einer der hübschen neuen Garnituren au» Pique, aus Lochstickerei oder Batist. Oder aber man wählt eine Weste aus Schottenstoff oder aus bunter Kunstseide, dl« gleichfall» als billiger Rest getauft und selbst geschnei- dert werden kann. Da» alte Kostüm kann einen neuen schmalen Gürtel bekommen, durch den e» ganz modern wirkt, oder man taust sich zu der blauen oder schwarzen Kostümjacke einen Schottenrock und ist damit wirklich schon nach der„allerletzten Mode" gekleidet. Auch die Kasakbluse ist sehr häufig auf dem Programm dieses Frühjahrs zu finden, ebenso wie das Kasakkleid, das zu allen Gelegenheiten ge- tragen wird. Als Kopfbedeckung trägt man immer noch die billige und jugendliche Kappe oder Mütze, die gerade für die arbeitende Frau den Vorzug des Preiswerten und des Prakttschen in sich ver- einigt. Im ganzen gesehen, darf man heute, ohne allzu optimistisch zu sein, sagen, daß der neu« Frauentyp des 20. Jahrhunderts die arbei- tende, auf irgendeinem Gebiet tätige Frau, die den Kampf mit dem Alltag nicht nur dem Mann« überläßt, die neue Mode entscheidend beeinflußt hat. Ihr Schöpser in den großen Modeateliers können eben einfach nicht an dem Riesenheer derjenigen Frauen vorüber- gehen, die Tag um Tag in Fabriken und Büros, im Haushalt oder in fostigen Berufen ihrer Arbeit nachgehen und zu denen das Schleppkeid der Rokokodam«, deren Tag nur mit Richttgketten aus- gefüllt war, nicht passen will. Und wenn die Meister der„baute oooture'*, die Besitzer der großen Ateliers noch so unzustieden sind mit dem billigen, halblangen, fußfreien Frouenkleid und seine glatte einfache Linie nur zu gern in ein Arabeskenwert von Schnörkeln und Verzierungen auflösen möchten, damit mehr Stoff gekauft und eine teure Verarbeitung möglich wird, so gelingt es ihnen doch nur, mit dieser Forderung den B a l l s« a l. da» Reich der Ueberflüssig- leiten, zu behaupten. Beim Licht de» Tages, im nüchternen. schwer zu erkämpfenden Alltag der. Gegenwart, umgeben von Ar- beitslosigkeit und Wirtschaftskrise, schrumpfen ihre Forderungen zu- sammen, denn hier ist da» Reich der Richttgketten zu Ende. Hier beginnt da» Reich der Straße, der hochragenden Schornsteine und Fabriken, der Miettaserne», der Büroräume und Werkstätten, die Welt der Frau von heute, die Welt der Arbeit. E. M. Kampf um das Spiel. Auf der fonnenhellen. noch ziemlich kühlen Straße schiebt eine junge Frau den Kinderwagen vor sich her. Man sieht, sie gibt viel auf Ordnung und Reinlichkeit. Hell lackiert, weiß ausgeschlagen, mit sorgsältig gebügeltem Volant verziert, macht der Wagen einen gutgepslegten Eindruck, ebenso wie das Baby in heller, ansprechender Kleidung. Das zierliche Köpfchen eines kleinen Mädchens ragt her- aus mit dunklem, gekräuseltem Haar, feingeschnittenen Zügen, klug blickenden Aeuglein, die angelegentlich nach allen Sellen Ausschau halten. Und«» gibt so viel zu sehen, so viel. Ja, es gibt viel zu sehen. Zuletzt wird man dessen müde Was nun? Man guckt in den Wagen, man entdeckt den Volant, der, von leisem Lüftchen bewegt. eine» herausfordernd anspricht. Schon fahren die zierlichen Finger durch die Falten des lustig tanzenden Weiß. Kleinchen steckt den großen Finger unter die Falte, den Daumen dazu. Run sind sie weg. Das Kind amüsiert sich köstlich und jauchzt. Die Mutter hat den Wagen mechanisch vorwärtsgeschoben. Das Jauchzen des Kindes weckt sie zur Wachsamkeit. Sie findet es an der Zeit, den Volant aus Babys Fingern zu retten. Entschlossen faßt sie die kleinen Hände und schiebt sie zurück auf die Wagendecke. Da lagen sie nun, lang und schlank, und langweilen sich unter Babys nachdenklichem Blick. Doch kaum eine Minute währt die gezwungene Entspannung. Dann kommt wieder Leben in die Fingerchen Sie krümmen sich, zucken empor, greifen erneut in den Volant. Mechanisch, unter dem Zwang eines Reflexes, der von der Gespanntheit des gesamten kleinen, zur Bewegungslosigkeit oerurteilten Körpers ausgesandt scheint, um den gehemmten Lebenssttom steizumachen, zu befreien von seinem Ueberschuß. „Du, du— wirst du wohl folgen!" Scharf, kurz und hastig tippen die Fingerspitzen der mütterlichen Hände auf die Finger de» Kindes. Das Kind läßt den Volant fahren. Seine Augen werden groß und starren geradeaus. Ohne es zu wissen, bringt das Kind sofort wieder die Finger an den verbotenen Volant. Die Mutter droht mll dem Finger. Babys Hände lassen los, um gleich darauf erneut zuzugreifen. Neckisches Spiel kommt in den Blick, ein Lächeln in die Züge. Mit seitlich geneigtem Köpfchen bietet das kleine Mädchen allen ihm zu Gebote stehenden Liebreiz auf, um die Mutter seinem Spiel geneigt zu machen, um sich das Recht auf Befriedigung seines natürlichen Spieltriebes nicht nehmen zu lassen. Aber Mutter ist nicht aufgelegt zum Spaßen. Plötzlicher Zorn steigt in ihr auf gegen das kleine Geschöpf, das, so jung noch, so winzig, schon ihrem Willen zu widerstehen wagt Mit aller Gewalt reißt sie die Händchen vom Wagenrand, schlägt zu. Patsch, patsch.„Siehst du, wenn man nicht folgt!" Unter den langen Wimpern des kleinen Mädchens schießt ein feindseliger Blick hervor, ein böses Zwinkern, und wie sich Mutters Hände den chren nähern, fuchteln die kleinen Hände heftig gegen sie los. Erbitterter Kampf. Der Kampf zweier Gellungsstrebungen gegeneinander. Die Mutter empfindet nicht mehr ihr kleines Kind, das zum Leben drängt, zur Bewegung, Betätigung all seiner Organ» und Glieder. Sie sieht nicht das hilflos schwache, liebliche Wesen, für das sie täglich liebend sorgt und denkt, das sie hegt und pflegt. Nein! Ein winziges Etwas sieht sie vor sich, das seinen Sinn gegen ihren setzt, ihren Geltungsbereich zu kürzen und einzuschränken trachtet. Und das Kleine? Nicht Mütterchen steht da vor ihm. an deren Brust es sich sonst traulich zu schmiegen pflegt. Eine böse, bös« Frau schlägt aus es los. gönnt ihm nicht das Spielzeug, das sich von selbst den verlangenden Fingern darbot. Sie schlagen aufeinander los. Wieder und wieder.„O, du böses, böses Kind! Wie darfst du deine Mutter schlagen! Da. da hast du'sl" Das Kind schweigt. Fest zusammengepreßt sind seine Lippen. Immer eigensinniger wird der Ausdruck seines Gesichtchens. Immer wieder treffen seine Finger auf die der Mutter. Wem es wohl mehr weh tut? Ich gehe sell geraumer Zeit auf dem gegenüberliegenden Fuß- steig. Ich habe alles mitangesehen. Ich halte es nicht mehr aus. Ich überquere den Fahrdam, gehe auf die Mutter zu, die längst halt- gemacht hat, um erfolgreicher ihr Kind zu bekämpfen— erziehen nennt man so etwas gemeiniglich. Als sie mich und mein Interesse gewahrt, macht sie eine Bewegung mit Kopf und Augen zu mir hin, die wohl besagen soll:„Sehen Sie— so ist sie. Was sagen Sie zu solchem Eigensinn?" Wieder schickt sie sich an, zuzuschlagen.„Nicht doch, nicht schlagen!" sage ich möglichst sanft. Das Kind blickt finster, erregt.„Du Kleines, sage ich leise und versöhnlich,„nicht böse sein mit der Mutti! Du bist doch ein liebes Kindchen; du kannst doch auch freundlich sein. Nun lach' doch ein wenig!" Langsam weicht der starre Trotz aus den Zügen des Kindes. Um seine Lippen zuckt es. Die Augen füllen sich mit Tränen.„Du brauchst nicht zu weinen:»u willst doch wieder lieb sein, ja, sa, gewiß. Aber du tust es auch nicht mehr. Nun sei wieder gut und gib der Mutti ein Küßchen! Sie ist auch nicht mehr böse." Und, erlöst von seinem Eigensinn, wendet sich da» liebreizende Wesen mit entzückender Ge- bürde zur Mutter und streckt ihr bittend die Aermchen entgegen. „Aber geh' weg; ich will nichts von dir wissen, du Unartiges! -- Sie ist immer so eigenfinnig", sagt die Mutter zu mir. O. der Blick von unten her, lang und ttef, mit dem das Kind sich nach mir umwendet! Kaum vermögen Worte ihn zu schildern. So voll der Trauer, des Vorwurfes, der Anklage, der Trost- und Hoffnungslosigkeit! Nie sah ich solchen Blick bei einem so kleinen Kinde. E- mag etwa achtzehn Monate alt sein, vielleicht auch schon zwanzig. Sie will nicht, du siehst e» selbst, sagt dieser Blick, und er sagt auch: du und ich— wir verstehen einander. Ein schwerer Seufzer entringt sich der kleinen Brust. „Sie dürfen es nicht zurückstoßen", sage ich nun wieder ver- söhnlich zur Mutter.„Sie verbittern das Kind." Und. im Ver- langen, dem Kind zu helfen:„Will die Mutti nicht?" Komm', wir versuchen es zusammen." Ich umfaßte das Kind und neige es der Mutter zu. Noch einmal heben sich Mund und Arme ihr entgegen. Sie widerstrebt nicht mehr.„Willst du nun artig sein?" Des Kinde» Hand streichelt ihre Wange. Zwei große Tranen lösen sich aus bittenden, versprechenden Augen. Der Mund bleibt stumm. Er kann vielleicht noch nicht einmal sprechen. Mit einem Seufzer der Er- leickjterung sinkt das Kindchen zurück in den Wogen. Der Eindruck dieses Erlebens eines zarten Kindes, das noch kaum zu sprechen und zu gehen verstand, ging mir nach und weckte mein Nachdenken. Muß es, darf es sein? Seelisches Leid, trübe Erfahrung, frühzeitiger Energieverlust eines kleinen Kindes, im Kampfe mit dem Erwachsenen! Erbitterung und Verbitterung. früher Charakterverderb, um einer Geringfügigkeit willen. Ist e, notwendig? Nein! Gebt dem Kinde zur rechten Zeit sein Spiel- zeug! In den Wagen, ins Bettchen, ins Körbchen. Zu Hause, auf der Straße, stets zur Hand, stets bereit, dem fordernden Spieltriebe zu genügen. Es erspart dem Kinde manch unnützes Leid. Lsscd» Roseuthal.