.......-■.- UM /'..... ,...■:::•.*.:'■.-■ r-H V.>> iy,, l.....■..-.!> Frauenstimme j 3�.12*46. 3a�rfläni] HeHüQC ZUM U0ttt)ätf6| IS. 3uni 193rj Kinderzeugung Minderwertiger. Aus der Praxis der Cnibindungsanstalien. Vor einiger Zeit hat der Nervenarzt Dr. E. Goldberg, Breslau, an Hand de» Falles einer asozialen, unehelichen Mutter von mehreren Kindern die Frage aufgeworfen,„ob Entbindung»' anstalten Geburtenregelung treiben sollen". Hierzu nimmt die lang- jahrig« frühere Leiterin der Schwangerenfürsorge de» Verbände» der Krankenkassen Berlin Dr. Alice Goldmann-Vollnhal» an Hand einiger Fäll« in der„Medizinischen Walt" wie folgt Stellung: Fall 1.. Eine ZAjährig« Frau, zum dritten Male innerhalb von drei Iahren schwanger und auch zum dritten Mal» geisteskrank, pendelt auf öffentliche Kosten zwischen ein und demselben Irrenhaus und ein und derselben Entbindungsanstalt hin und her. Die Psychose entwickelt sich allmählich. Im vierten bis fiimften Monat der Schwangerschaft werden die Angehörigen regelmäßig gezwungen, die Frau wegen manischen oder depressiven Zustand«? mit Seldstmordgefahr in eine geschlossen« An st alt zu bringen. Zur Entbindung wird die Patientin in eine Entbindung»- anstatt„verlegt". Nach der Geburt wird die Kranke mit dem Rat, vorläufig„keine Kinder zu bekommen", in die Irrenanstalt„zurück- verlegt"! Nach acht bis zwöls Wochen wird sie von dort entlassen, wiederum mit dem Rat,„keine Kinder mehr zu bekommen". Ein paar Wochen später wird die Frau stets wieder schwanger, um im vierten Monat wieder einmal aus ein paar Monate in der Heil- anslalt Quartier zu nehmen. Und die Abhilfe? Der unglückliche Ehemann«rhosfte sie vom Wohnungsamt... Er suchte mich auf und bat, ihm zu bescheinigen, daß seine Frau keine Kinder mehr haben dürfe, da er hofft«, au» diesem Grunde«ine größer« Wohnung— zwei Stuben und Küche— zugewiesen zu bekommen, zumal alle Pro» fessoren gesagt haben:„Keine Kinder mehr" und„die jetzige Schwangerschaft solle die letzte sein". Fall 2. Eine Arbeiterfrau sucht mich in ihrer fünften Schwangerschaft auf. Au» der Borgeschichte erfahre ich, daß sie in einer großen Entbindungsanstalt in den letzten fünf Iahren bereits viermal wegen engen Beckens durch Kaiserschnitt entbunden worden ist. Bei der Entlassung ist ihr jeweils verkündet worden, daß ein» spontan« Entbindung nicht zu erwarten sei, so daß sie am besten täte, nicht wieder schwanger zu werden. Nähere diesbezügliche Ratschläge sind ihr nie erteilt worden. Da ich eine spätere evtl. Uterusruptur(Zerreißung der Gebär- mutter) befürchtet«, schickte ich die Patientin zweck» Unter- brechung der bestehenden Schwangerschast zu dem vorzüglichen Operateur, der den Kaiserschnitt bereits viermal an ihr ausgeführt und ihr vier lebende Kinder gerettet hatte. Der Eingriff wurde abgelehnt(keine Indikation!) und die Frau aufgefordert wieder- zukommen, wenn es nun„wieder so weit sein wird", um sie zum sünsten Male durch Kaiserschnitt zu entbinden. Fall 3. Bei einer 26jährigen, schwer lungenkranken Frau, zum dritten Male schwanger, wurde die Unterbrechuirg in einer Klinik vorgenommen. Die Patientin wurde dann entlassen mit dem Rat,„keine Kinder mehr zu bekommen". Die Frau, vielfach bett- lägeng und ängstlich besorgt, daß ihr junger und gesunder Mann in seiner sexuellen Not sich minderwertigen Frauen zuwenden könnte, überredete ihn, Beziehungen zu der gesunden, lebensfrohen, 46jährigen verwitweten Schwägerin anzuknüpfen. Mann und Schwägerin finden sich auch bald.— Die Schwägerin wird nach kurzer Zeit gravid, treibt ab und stirbt im Krankenhaus. Daraufhin vergiftet sich die lungenkranke Ehefrau mit Gas,„da sie das Ganze verschuldet hat". Der Ehemann, auch dem Selbstmorde nahe, sucht mich zwecks Unterbringung der beiden mütterlosen Kinder aus. Fall 4. Ein Bater mehrerer Kinder, arbeitslos, holt au, der Entbindungsanstalt seine Frau ah und stellt an den dortigen Arzt die schüchterne Frage, wie er sich vor weiterem Nachwuchs schützen könnte. Die Antwort lautet:„Es gibt keine ganz sicheren Mittel." Der Arbeiter findet nicht den Mut. nach den„nicht ganz sicheren Mitteln" weiter zu fragen. Er geht nach Haus« und bindet sich in seiner Verzweislung mit einer Schnur die Genitialien ab, um sich zeugungsunfähig zu machen. In bedroh- lichem Zustand wird er ins Krantenhaus gebracht, wo er zwar von den Schmerzen befreit, aber wieder unberaten entlassen wird. Fall 5. Ein Vater mehrerer Kinder, seit vielen Monaten arbeitslos— sieben Personen in Stube und Küche—, geht in eine Poliklinik zu einem berichmten Professor und bittet, ihn nach allen Regeln der ärztlichen Kunst zu kastrieren. Er wird daraufhin im Kolleg als„interessanter Fall" vorgestellt. Dort darf er mit anhören, daß„bei manchen G e i st e s k r a n k e n ein unwidersteh- licher Drang besteht, sich zu verstümmeln und insbesondere gegen die Generationsorgane zu wüten". Nach dem Kolleg wind chm der Rat erteilt, sich zwecks Beobachtung auf seinen Geisteszustand!>» die psychiatrische Klinik aufnehmen zu lassen. Selbstverständlich war der Mann nicht geisteskrank, er litt lediglich an verantworlungsgefühlt Diese beiden letzten Fälle scheinen mir besonders überzeugend und wertvoll. Sie zeigen, daß bei dem jetzigen Stand der Dinge auch Männer schwer zu leiden haben und von Gefahren be- droht sind. Meines Erachten» ist es zweckdienlicher, daß die Entbindung?- anstalten nicht unter allen Umständen Geburtenregelung selbst treiben sollen, da sie festumrissene andere Aufgaben haben. Jedoch müssen sie in diesen Fragen zumindest vermittelnd ein- greifen und ganz planmäßig vorgehen. Bor der Entlassung aus der Entbindungsanstalt wird in der Regel eine Schlußuntersuchung vorgenommen. Es ist dringend notwendig, an diese Untersuchung außer einer hygienischen auch eine sexuelle Beratung an- zuschließen und die Wöchnerinnen bzw. Retonvaleszentinnen nach Aborten aus die Möglichkeit der Geburtenpräventio» hinzuweisen, ja ihnen sogar anzuraten, einen Arzt ihre» Vertrauens oder eine Sexualberatungsstelle auszusuchen. Der Fürsorgedienst im Krankenhaus hätte hier wieder ein reiches Arbeitsfeld. Die Frauen, die des Mutterschutzes aus dem einen oder dem anderen Grunde bedürftig sind, mühten während des Anstaltsaufenthaltes auch nach diesem Gesichtspunkte beraten und auch zur Verantwortlichkeit erzogen weiden, um später, nach der Entlassung, von den Fürsorgeorganen bei absoluter ärztlicher Indikation herangeholt, betreut und weiter zur Verantwortlichkeit erzogen werden. Denn, so wie heute die Dinge liegen, beschränken in der Hauptsache die verantwortungsvollen, gesunden Menschen ihre Kinderzahl, während die Minderwertigen ohne Einsicht und Verantwortungsgefühl sich In naiver weise, zum Schaden der Allgemeinheit, welter fortpflanzen und Kinder mit schlechtem Erbgut rücksichtslos in die Welt setzen. Da gerade diese Elemente, aus wohlbekannten Gründen, in den Anstalten zu entbinden pflegen, erivachsen den Entbindungsanstaltei» hier neue und wertvolle Aufgaben. Wn»!i«iit klcincs Kind,[orglos spielend, durch-eine Ilnbedncht- samkeit in eine nnhliche Lage gerät, aus der es sich entweder nur durch einen bedeutende» Aufwand an eigener Geschicklichkeil und körperlicher und geistiger Anstrengung oder durch einen Eingriff der Erwachsenen befreien kann, welcher Weg ist da dem Kinde zuträglicher, fördernder? Welcher wird das Kind am cl>sstcn davor bewahren, sich in Zukunft in eine ähnliche Lage zu bringen? Und soll man es lediglich bei der Warnung bewenden lassen, die sich von selbst aus der unliebsamen Erfahrung ergibt, oder ist ein« Strafpredigt oder gar Züchtigung das wirksamere Mittel zur Wachhaltung des Bewußtseins, zur Abschreckung vor einer Wieder- hvlupg? Zwei kleine wirkliche Vorfälle mögen auf diese Fragen Antwort gcbon. * „Mutti, ich kann nicht heraus!" ruft der dreieinhalbjährig« Heini aus dem Badezimmer zu ebener Erde in der Sommer- -.vvhnung. „Wieso denn nicht? Sofort machst du den Riegel auf!" „Ich kann nicht!" „Du unartiger Junge, zuriegeln konntest du? Also riegele auch wieder aus!" „Ich kann aber doch nicht." Verhaltenes Weinen zitiert in seiner Stimme. „Dann mußt du eben drin bleiben." „Ich will aber nicht drin bleiben." Run weint er kläglich. „So mach auf! Schieb den Riegel nach links, hörst du?" „Wo ist denn links?" „Zum Ofen hin. Nun? Flink, was machst du denn da? Ich höre ja nichts?" „Es geht nicht." „Es muß gehen. Sonst bleibst du eben drin." Höllische Angst packt den Kleinen: W«nn er nun nie wieder heraus kann? Und er schreit ans Leibeskräften. „Willst du wohl aushören zu schreien! Wenn du herauskommst, gibt es noch Schläge." Ii, höchster Erregung stampft Heini mit denFüßcn:„Ich will heraus, Mutti, ich will heraus." Ratlos steht die Mutter vor der verschlossenen Tür. Der ganze Zluswand an Energie ist umsonst gcwel«n: der Kleine wird den Riegel nicht össnen können. Die Zimmernachbarin kommt vom Einholen.„Um Himmels willen, das Kind schreit sich ja krank da drin. Ach, Sie dürfen ihn nicht noch schelten. Er ist schon bestraft genug. Lassen Sie mich mal versuchen!— Bübchen, weine nicht; wir lassen dich ja nicht drin. Sei doch nicht bange! Versuch doch noch mal, den Riegel zurückzuschieben." Der Kleine beruhigt sich ein wenig.„Wo ist denn der Riegel?" „Unter dem Kästchen dort, unter der Klinke!" -„Ich sind's aber nicht." „So such doch, Bübchen, unter der Klinke!" Bubi weint und trampelt. Mutter schillt. Die Tür bleibt zu. „Ob wir die Scheibe einschlagen?" fragt die Nachbarin. „Das kostet 3 Mark." „Besser, 3 Mark verlieren, als das Kind vor Angst krank werden lassen. Es ist ja schon heiser vom Schreien." Nach langem Hin und Her wird die Scheibe eingeschlagen. Da erweist es sich, daß gar kein Riegel da ist, sondern ein regelrechtes Schloß. In drei Wochen des Sommeraufenthaltes hatte es sich dem Gedächtnis der Erwachsenen nicht eingeprägt. Krampfhaft schluchzend entsteigt Heini seinem Gefängnis.„Du kriegst deinen Denkzettel noch weg. daß�du keinen Unfug mehr treibst", empfängt ihn die Mutter.„Die Scheid« habe ich nicht eingeschlagen", sucht Heini sich zu rechtfertigen. Zlm anderen Tage zerpflückt er in grausamer Freude die frisch erblühten Rosen am Rosenstrauch In unverkennbarer Rache- stimmung— jedes Blättchen einzeln. Und bei jedem Blättchen fliegt ein vielsagender Blick nach der Mutter, die auf der Veranda mit der Nachbarin beim Tee ihm den Rücken zukehrt: sie hat es streng verboten. Nun der andere Fall. Der kleine Junge zählt noch nicht drei Jahre,«piclcnd dreht «r den Schlüssel zur Schlaszimmertür um.„Mutti, die Tür will nicht aufgehen!" „Ach, Bübchen, du hast dich wohl cingeschloiscn? Dreh doch mal den Schlüssel zur Kommode! Nun, geht es?" „Es will nicht, Mutti!" „Was machen wir denn da? Wart' ein klein wenig; ich rufe den Vater." „Bübchen", sagt der Vater,„faß doch den Schlüssel mit beiden Händen, so rechi fest, und dreh ihn zur Kommod«, ordentlich mit Kraft, bis es geht!" „Ja, wohl. Aber es geht nicht." „So zieh den Schlüssel heraus! Wir versuchen die Schlüssel von den anderen Türen." Aber kein«chlüssei will passen.„Ich gehe zum Schlosser: der soll aufmachen", ruft der Vater.„Steck doch den Schlüssel wielxr hinein und versuch'? unterdessen! Imnicr wieder!" „Ja, Vati!" VV V» ch»» Der Vater will eben zur Flurtür hinaus— da geht die Schlaf- zimmertür auf. Mit roten Backen kommt Bubi zum Vorschein. „Ihr hättet auch eher ausmachen können", sagt er vorwurfsvoll. Er weiß nicht einmal, daß er selbst den Schlüssel herumgedreht hat. Und er wendet sich seinem Spi«lzeug zu. „Der schließt sich nicht so bald wieder ein", sagt die Mutter leise zum Vater.„Das glaub' ich auch nicht", entgegnet der Vater. Mehr wird nicht davon gesprochen. Welches wird wohl die Schlußfolgerung der beiden Kinder für die Zukunft sein? Vielleicht werden s!« sich hüten, mit dem Tür- schloß, zu spielen. Vielleicht auch nicht. Die Verschiedenheit der seelischen Folgen dürste aber ziemlich klar sein. In Heini ist tiefe Verstimmung, heilloser Schreck zurück geblieben, der eine Scheu vor jeder außergewöhnlichen Situation bereit halten wird. Das Gefühl vollkommener Hilflosigkeit und Verlassenheit wird jedes- mal in ihm erwachen, wenn das Leben ihn in eine schwierige oder gefahrvolle Lage bringen sollte. Die feindlichen Gefühle, di« die erniedrigenden Drohungen seiner Mutter in ihm erweckten, wird er übertragen auf alle, die ihm überlegen sind, denen er sich nicht gewachsen fühlt. Die übertriebene Reaktion seiner Mutter wird sich in seiner Erinnerung vor d!« ursprüngliche Ursache der aus- gestandenen Schrecken stellen und diese verdrängen. Das andere Kind dagegen wird unangenehmen Situationen gegenüber Ruhe und Ueberlegung bewahren, sich nicht leicht ent- muligen lassen, iinmer neue Anstrengungen machen, um sich aus der Unannehmlichkeit zu befreien Es wird auch den Glauben an die aiideren nicht so leicht verlieren: wenn's auch ein« Weile dauert. zu guter Letzt kommen sie einem doch noch zu Hilfe. Liieclis. Rosentliol. Darfst du iöien? Z» dem Artikel„Vernichtung lebensunwerten Lebens" in der„Frauenstimme" Nr. 10 erhalten wir u. a. die folgende Zuschrift: Der Artikel scheint mir in mancher Beziehung Behauptungen aufzustellen, die einseitig sind. „Anspruch auf Freigabe„lebensunwerten" Lebens hätten in erster Linie die Angehörigen, die den Kranken zu pflegen hatxn und deren Leben durch das Dasein des Armen dauernd so schwer belastet wird." Furchtbare Perspektiven! Welch Pfleger chronisch Kranker würde wohl nicht schon durch das Dasein der Armen schwer belastet worden? Ich kenne Fälle, in denen k r ü p- pel hafte Kinder von ihren Angehörigen aufs grausamste miß- handelt wurden, weil sie sie„so schwer belasteten". Uni» als diese Kinder entsprechenden Anstalten zugeführt wurden, entwickelten sie sich nicht nur zu brauchbaren Menschen, die lebens- und berufs- tüchtig, sondern auch sehr liebenswerte und ethisch tief veranlagte Mitglieder der menschlichen Gesellschaft wurden und in vielen Bc- Ziehungen viel leisteten. Jedes Krüppelhcim, das seinen Insassen„Freiheit der inneren Entfaltung" gestattet, kann diese meine Worte bekräftigen. Wann wären krüppelhafte Kinder nach Ansicht der medizinischen Sachverständigen zu töten? Wenn all« ihre Versuche mißlangen? Oder gleich nach einem ersten mißglückten medizinischen Eingriff? Ich kannte ein Mädchen, das nach einer schweren Nerven- Operation ein viel größerer Krüppel wurde, als es vorher war. Wer wollte nun die Tötung vornehmen? Warum? Wann? Zur Ent- lastung des Gewissens nach dem Ausspruch„aus den Augen, aus dem Sinn"? Was hat dazu ein juristischer Sachverständiger zu sagen? Hier hat nur eins zu sprechen: edelste Menschlich- k e i t l Gerade jenes Mädchen hing am Leben, wie ich auch jeden noch so schweren Krüppel am Leben habe hängen sehen, und es gab und gibt nur eins, Pfleg« des Gemütes. Wemi auch ein Krüppel, dessen Leben nur medizinischen oder juristischen Wert hat,(?), so müssen wir die menschliche Seite solchen Lebens suchen und pflegen und das ist das G c m ü t. Ich verneine den gesunden Mutrerinstinkt, der da tötet. Mutterinstinkt will schützen, halten, erhalten, heilen und lieben, nur verkrampste Verzweiflung kann ursächlich zu Mordtaten führen, und wie leicht wird nicht alles verkrampft, auch der Wille, sich eines unbequemen Lebens zu ent- ledigen, um selbst frei zu sein! Aber„leb«nsunwcrtcs" Leben hat noch eine Seite, die nichs unbeachtet bleiben darf, und das ist die erzicherisch-ethische. Di» Behandlung und Pflege„lebensunwerten" Lebens gibt nicht nu» „Anlaß, daß ein Mcnschenbcruf entsteht, der darin aufgeht, absolut „lebensunwertes" Leben für Jahr« und Jahrzehnt« zu fristen", son> dern sie gab auch Anlaß zu der jetzt so helfenden„Heil- Pädagogik", außer dem Lebensinhalt, der vielen einsamen Menschen mit der Pflege solcher Individuen wurde. Wenn Krüppelhaste und Blöde in dem Artikel gleichartig hin- gestellt werden,„einerlei, ob so geboren oder geworden", so möchte ich aus hundert« t x ü x p e l h a s t geborener oder g e- wordener Menschen hinweisen, die bedeutende und wert- volle Mitglieder der Menschheit wurden. Zudem, wie oft hoben sich nicht schon die größten Kapazitäten in der Beurteilung der Entwicklung des Menschen geirrt. Wie ost ersetzt die Natur, was Menschenkunst verdarb. Wie ost, nein fast stets, schosit die Natur Ausgleiche, geistige, seelische, wo der Körper truppelhast ist. Es ist die Anschauung unserer heute so übertrieben aus Körperlichkeit gerichteten Welt, die die Krüppelleben als„lebensunwcrtcs" Leben bezeichnen und vernichten will. Gegen die Todesstrafe wird mit vollem Recht gckämpst— und hier handelt es sich doch nach Meinung der Masse um„schuldiges" Leben. Dies sogenannte„schuldige" Leben wollen wir erhalten, und es ist nur richtig, wenn wir uns dafür einsetzen, aber jenes „unschuldige" erdreistet man sich als„lebensunwcrt" zu bezeichnen und der Vernichtung anheimzugeben. Es scheint, als näherten wir uns der Barbarei der Antike wieder, die cbcnsalls„lebcns- unwertes" Leben vernichtete. Sozialismus hat doch wohl i höhere Ziele und dürfte solchem Atavismus, wie der Tötung von Krüppelkindcrn, keinen Raum geben! Die Tal jener Kontoristin, die ihr krüppelhaftes Kind tötete, ist durchaus nicht anders zu beurteilen, als die jeder anderen gehetzten verzweifelten Mutter. Sic leistete nicht dem Kind„den Liebesdienst", sondern lediglich sich s c l b st, indem sie sich von einer Lost befreite, nicht aber das Kind, das von einer Last nichts wußte, und selbst wenn, sie nicht als Last empfunden hat. Da» LebcneincsKindcs muß unter allen Umständen— gleichviel ob in den Augen anderer„lebenswcrt" oder„unwert" vor Ü c b e r- grisfen anderer geschützt werden! Wir wollen der Frau das Recht auf ihren Körper erkämpfen, aber wir müssen unbedingt unsere Hand schützend über ungeschütztes Leben breiten und krüppelhaste Kinder vor dem Urteil des„lebensunwerten" Lebens bewahren und gerade das Leben doppelt schützen, denn es ist ja noch wehrloser als das körperlich Normalerl Bettx Demmh. Das krank, „Ich will lieber selbst ein« Blinddarmopcration durchmachen, alz daß mein Junge einen Schnupfen kriegt", erklärte mir kürzlich v«r- zweifelt«ine Mutter, als ihr Dreijähriger sich absolut nicht das Naschen putzen lassen wollte. Als ich nun gar noch empsahl, dos Kind gurgeln zu lassen, um einem Uebergreis«,, der Entzündung auf den Hals vorzubeugen, geriet sie erst recht in Aufregung:„Bubi soll gurgeln? Der nimmt ja gar kein Salzwasser in den Mund, gc- schweige denn gurgelt er." Ganz ähnlich steht es in den meisten Kinderstuben aus, wenn Krankheit einzieht. Helle Berzweiflung, daß den unverständigen Kleinen nicht belzukommen ist mit Heilmitteln jeglicher Art, daß die Kinder in ihrem schlechten Befinden wie umgewandelt sind, der Mutter keinen Augenblick Ruh« lassen, und daß überhaupt das ganze Haus von dem kleinen Patienten in Mitleidenschaft gezogen wird. So braucht es aber durchaus nicht zu sein— Krankheit, Arzt, Medizineinnehmen, Gurgeln und Umschläge sind meistens dem Kind etwas so durchaus Fremdes, daß wir zunächst alles daran setzen müssen, diese fremden Ding« seiner Welt näher zu bringen. Das Kind will spielen, und es nimmt auch Schnupfen und Halsweh, Gurgeln und Einnehmen geduldig hin, wenn wir Mütter es ver- stehen, das Kind spielend daran zu gewöhnen. Das Näschcnputzen, dem sich mein Töchterchen bis dahin mit allen Anzeichen des Widerwillens entzogen hatte, klappte von dem Augeblick an großartig, als ich ihm an mir selbst das Trompeten durch die Nase lachend vormachte. Ost will das Kind aber mitten Im Spiel nicht gleich sein Lausnäschen herhalten, nun gar an Schnupfen- tagen, wo das alle Augenblicke geschehen muß. Dann brauche ich nur ein« kurze Zeit recht aufmerksam von unten her in sein Naschen zu gucken und mit Begeisterung auszurufen:„Da ist was drinl" Gleich hält es still und wartet mit Spannung, bis„was" im Taschentuch ist.— Gurgeln ist erst vom dritten Jahr« anzuraten, weil eine ziemlich komplizierte Technik der Halsmuskeln dazu gehört, die man vom ganz kleinen Kind« noch kaum erwarten kann. Beim Gurgeln liegt alles am vergnügten Beispiel. Und zwar wartet man damit nicht, bis Not am Mann ist und das Kind durch Müdigkeit oder Schmerzen einer heraufziehenden Krankheit bereits um die best« Laune gebracht wurde, sondern spielt mal„Gurgeln"(etwa mit Himbeersast oder reinem Wasser), wenn In gesunden Tagen eine neue spielerische Beschäftigung ausgedacht werden soll.— Bom vierten Jahre an kann man bei Halsweh auch schon eine kleine Ge- schichte anbringen, die den Zweck des Gurgelns aufdeckt und dieses noch interessanter macht. Man erzählt etwa, daß da im Halse kleine Tierchen(Bazillen) säßen, die in den Hals hineinbissen mit ihren vielen, vielen kleinen Mäulern. Davon töte der Hals jetzt weh. Aber Salzwasser(oder womit sonst gegurgelt werden soll) möchten sie gar nicht leiden: dann ließen sie los vor Aerger und würden hin- ausgespuckt.„Je öfter du gurgelst, um so mehr Tierchen lassen los und müssen hinaus. Würdest du nicht gurgeln, so bekämen die Tierchen noch ganz viele Junge, und die alle täten deinem Halse sehr weh."— Auf diesem Weg« lassen sich schon ganz kleinen Kindern di« Gefahren der Ansteckung nahe bringen, denn daß man nun den Geschwistern nicht zu nahe kommen und niemanden anhusten darf, daß man«in Taschentuch, mit dem nach dem Gurgeln das Mündchen abgewischt wurde, oder in das man die Nase putzte, nicht einfach herumliegen lassen oder dem Schwesterchen zum Spielen geben darf, ist doch klar, sonst würden die winzigen Tiere ja möglicherweise auch in den Hals der andern Kinder gelangen und sie ebenfalls krank machen. Lieber schluckt man dann noch einen Löffel von der Medizin herunter, die die Tierchen fast noch mehr ärgert als das Gurgeln. Wenn man den Lösel ganz hinten auf die Zunge nimmt, schmeckt ! Kleinkind. man auch kaum, daß die Arznei bitter ist. Oder man liegt noch ein« Weil« still mit dem feuchten Umschlag, bis der Hals ganz warm ist und all« bösen Tierchen drinnen müde werden und einschlafen. Dann schnell hinterher noch einmal tüchtig gegurgelt, daß recht viele von den schlaftrunkenen Tierchen loslassen, und dann darf man selbst nach so fleißiger Arbeit schön einschlafen Bei alledem bleibt die Laune In der Krankenstube meisten» leidlich gut. Es muß schon ganz schlimm kommen, wenn solch« Mittel versagen. Kommt es wirklich schlimm, dann wird da« krank« Kind ja meist so apathisch, daß es alles über sich ergehen läßt. Di« kleinen Erkältungskrankheiten sind die lästigsten für die Mutter, weil das Kind nicht wohl genug ist, um neue Widerstände von selbst zu überwinden, aber auch nicht krank genug, um alles widerstandslos hinzunehmen.— Wo jedoch nicht tatsächlich heftigere Schmerzen vor» liegen, hat es die Mutter stets in der Hand, auch solche Zeiten für sich und ihr Kind dadurch erträglich zu gestalten, daß sie das Kind spielend dahin führt, wohin sie es haben will. Sie erleichtert auf diese Art nicht nur sich und den ihren solche Krankentage im Kinder-« zimmer, sondern erbeitet auch bestens dem Arzte vor, der, falls es noch nötig wäre, mit einem derart vorbchandelten kleinen Patienten leicht fertig werden dürft«..Armi Weber. Verschwendung im Keudalkapiialismus „Man muß viel hören, bevor einem die Ohren abfallen", besagt eine alte Redensart. Was sagt man dazu, daß eine gewisse Madame Dubonnet abdankt? Wer ist Madame Dubonnet? Welchem Thron entsagt sie, und was geht sie uns an? Wer und was Madame Dubonnet ist, das ist nicht so leicht zu entscheiden, aber angehen dürfte sie uns alle ein wenig, denn sie ist die typische Vertreterin jener Schmarotzer in Menschengestalt, die dem gefährlichsten aller Laster frönen, der unersättlichen Luxussucht. Madame entsagt also dem Ruhme, die bestgekleidete Frau der Welt zu sein. Es verursacht ihr zu große Mühe, mit den tyrannischen Forderungen der Mode Schritt zu halten, und— sie hat nicht einmal Zeit, alle ihre Kleider zu tragen. Die Aermstel Was für Sorgen doch manche Menschen habcnl Es ist ganz interessant, einen Einblick in die Ideenwelt und Mentalität derer zu tun, deren einziger Beruf scheinbar darin besteht, „da zu sein", und die glauben, sich mit Hilfe von Moderasfinement» und Klciderübersluß in den Mittelpunkt der Welt stellen zu können. Manchmal glückt es ihnen allerdings, der Mittelpunkt einer gewissen Männerwelt zu werden. In seinem Werk über die Frau schreibt W. Liepmann:„Aus der Suche nach dem männlichen Ideal hat jede neue Generation von Frauen immer von neuem versucht, die Umrisse ihres Körpers zu verändern. Keine Unbequemlichkeit, kein« Marter und keine Körperschädigung hielt sie und hält sie davon ab." Der guten Madame Dubonnet sind die Unbequemlichkeiten aber scheinbar doch zu groß geworden, was selbst dem Dümmsten ein- leuchten muß, wenn er folgendes gelesen hat. Madame Dubonnet behauptet nämlich, daß eine Frau für 10 000 Dollar im Jahr„gut gekleidet" sein könne, mit Ausnahme von Pelzen und Juwelen. „Ich begebe mich", so schildert Madame Dubonnet ihre Lebens- aufgäbe,„zu den Eröffnungsfeierlichkeiten der Kleiderausstellungen und gerate In Verzückung über alles. Ich bestelle mehrere Dutzend Kostüme, die sämtlich besondere Hüte erfordern, desgleichen Schuhe und Strümpfe. Dann probe und probe ich, bis ich vor Ermüdung umfalle.(Wie bedauerlich!) Bei Chanel halte ich mich stundenlang auf, bei Reboux probiert die Verkäuferin einen Hut nach dem anderen. Es kostet viel, viel Zeit, den Filz einen Zentimeter über dem linken Auge zu kürzen und den �ut vorschriftsmäßig über mein Ohr zu ziehen.(Welche Probleme!) Die Kleider werden mir ln» Haus gesandt. Ich habe aber leider nicht Zeit, sie alle zu tragen— und— nach und nach sehe ich andere, die mir besser gefallen— und— dann muß ich mir diese bestellen. Das wirkt auf die Dauer deprimierend."(Arme, leidbeschwerte Seelei) Madame hält stch zur Zeit mit ihrem fünften(I) Mann in New Jork auf, wo sie viel Zeit für den Besuch von Läden opfern muß. Ganz so schne« wie ihre Kleider wechselt Madame also nicht ihre Männer, ist ja auch nicht so einfach, aber immerhin haben doch schon vier Männer so oder so auf Grund völligen Ruins ins Gras beißen müssen. Es soll ja Männer geben, für die es Ehren- fache ist, sich von einer Luxusbestie gewissermaßen auffressen zu lassen. Winselnd, kniefällig bitten sie um die Gnade, rui'iert zu werden. Jeder hat so seine eigene Lebensaufgabe! „Es kostet viel Geld, zu den bestgekleideten Frauen der Welt zu zählen", erklärt Madame immerhin einem New-Porler Interviewer.„Die meisten brauchen jährlich 60 000 Dollar— es kommt auch vor, daß sie 7Z 000 gebrauchen, wenn man Juwelen und Pelz- werk mitrechnet. Ein„anständiger" Zobeltragen tostet 60 000 Dollar, und ein Jltismantel, mit dem man sich sehen lassen kann, ist einfach nicht unter 12 000 Dollar zu haben. Die Baronesse Eugene de Rothschild braucht sogar mehr. Wenn die Saison in Biarriß ihren Höhepunkt erreicht, geben sich die elegantesten Damen der Welt dort ein Stelldichein", bemerkt Madame aufschlußreich.'Im Übrigen bekennt sie mit geradezu zynischer Offenherzigkeit, baß sich zuzelte» in ihrer Garderobe fast 1000 Kostüme befinden. Sie trägt selten ander« Hüte als die drei zuletzt angeschafften— und damit wechselt sie wöchentlich. Das Arsenal ihrer Schuhe ist un- übersehbar groß— die Anzahl der Paare einfach nicht zu registrieren — und ihr Pelzwerk von unschätzbarem Wert... Das Vreneli. Wir wissep aus der Geschichte, daß eine Reihe von Männern aus dem niederen Bolt einen raschen bewundernswerten Aufstieg genommen haben. Seltener war das bei Frauen der�all. Da ist es um so bemerkenswerter, daß es einer armen Fabrikarbeiterin ganz aus eigener Kraft gelungen ist, sich zur Direktorin eines ange- sehenen Verlages emporzuarbeiten. Das ist die alte Sozialdemo- kratin Verena Conzett in Zürich. Viele werden ihre Biographie„Erlebtes und Erstrebtes", die im Verlags Grethlein in Leipzig-Zllrich erschienen ist, gelesen haben. Ich selbst Hab« die ganz große Freude erlebt, Verena Eonzett persönlich kennen und— ich darf das wohl sagen— lieben zu lernen. Die stattliche Frau, die trotz ihrer bald 70 Jahre so jugendlich wirkt mit � ihren blitzenden Augen, ihrem freundlich lächelnden Munde, hatte mich in ihr schönes Heim an> Kilchberg in Zürich eingeladen. Ihre Kindheit hat Verena Krebs im Niederdorf M e l l i k o n in einem Hinterhause verbracht. Es erschien ihr als ein großes Glück, als die Schwestern mitverdienen konnten und die Familie eine andere Hinterhauswohnung auf der anderen Seite der Limmat bezog. Zum ersten Male sah da» Vreneli eine Stube voller Sonnenschein. Heute wohnt sie in einer herrlich am See gelegenen Vllla, die harmonisch und dabei praktisch und bequem eingerichtet ist. Ein großer Garten voller Sonne gehört dazu. All« grünt und blüht. Aber ist die Umgebung auch anders, ist Frau Eonzett auch älter geworden, sie ist doch immer das liebe Vreneli geblieben mit dem gütigen Herzen, einfach und bescheiden. In ihrem Wohn- zimmer hängt das Bild ihrer Mutter, eine Zeichnung des jüngsten Sohnes der Frau Conzett. Man sieht, welch gütige Mutter das Vreneli erzogen hat. Mit inniger Liebe denkt sie ihrer und de» so früh erblindeten Vaters. Ich aber höre mit Bewunderung, wie da» Vreneli, eben aus der Schule entlassen, in die Wollhaspelei ging und in zwei Wochen 7,20 Franken verdiente, so daß sie mit ihren schwachen Kräften so früh schon ihrer Familie eine Stütze wurde. Ihre ganze Jugend war schwer und arbeitsreich. Aber sie rühmt es als besonderes Verdienst ihrer wackeren Mutter, daß sie nie ge- hungert hat. Konrad Eonzeit— sein Bild hängt zwischen denen der beiden auch schon verstorbenen Söhne über dem Sosa in Frau Verenas Wohnzimmer— war einer der ä l t e st e n und t a p f e r jt e n Soziali st enführer der Schweiz. Es war die Zeit, in der so viele unter dem Sozialistengesetz vertriebene Männer aus Deutschland nach Zürich geslüchtet waren. Dort erschien der„Sozial- demokrat". Mit rührender Treue hängt Frau Conzett an all den Menschen, die damals wegen ihrer Gesinnung verfolgt wurden. Von so vielen der auch mir zum Teil noch bekannten„Alten" spricht sie. Vor allem von Friedrich Engels, Bebel, Singer, dem„roten Postmeister" M o t t e l e r und seinem treuen Gehilfen Josef Belli, von Viktor Adler, B e r n st e i n, Kautsky, Liebknecht und wie sie alle hechen, von denen nur zwei noch leben.„Bei Conzetts ist man ausgehoben wie in Abrahams Schoß," hat Emma Ihrer einmal gesagt. Kein Wunder, daß alle nur zu gern die kleine Häuslichkeit, in der die Sonne der Liebe schien, aufsuchten! Auch von der Zeit, in der sie selbst in der Partei tätig war, erzählt Frau Conzett gern. Sie hat Eine derartige hysterische Eitelkeit und Putzsucht füllt das Leben zahlloser Frauen aus, die das„Glück" haben, Männer zu finden, die solchen Irrsinn in Reinkultur finanzieren. Wenn die Dtmen» sionen und Quantitäten auch nicht immer so amerikanisch sind, gibt ei doch allerhand Staunenswertes auf diesem Gebiete. Viele Madame Dubonnets stehlen dem lieben Gott den Tag und gefallen stch In der Rolle wandelnder Kleiderständer. Oberflächlichkeit und Snobts- mus sind ihre Götzen. Di« Frauen sowohl wie die Männer, die diesen ans Pathologische grenzenden Luxus betreiben und zahlender- weise unterstützen, müssen auf jeden gesund empfindenden Menschen einfach kriminell wirken. Wenn man aber steht, welche stumm- starrende Bewunderung gewiss« Kreis« derartigen Luxusexzessen zollen, muß man wirklich am gesunden Empfinden dieser Leute zweifeln— leider(ihretwegen leider), denn sie beanspruchen doch. „Kulturträger" zu sein... Man wundert sich, daß so etwas, da» lebhafte Erinnerungen an die sranzöstsch« Sinekurenwirtschaft de» 17. und 18. Jahrhunderts wachruft, an jene Heerschar von Parasiten, deren einzige Beschäftigung darin bestand, Zehntausende für all« möglichen Scharlatanerien hinauszuwerfen,— heute noch möglich ist.. Und e» ist möglich in einer Welt, in der immer noch zerlumpte, frierende und hungrige Menschen in den elendsten Verhältnissen vertieren und verkommen(auch in Amerika), hoffnungslos leidend und dumpf verzweifelnd, mit Blicken, deren kranke, ohnmächtige Stumpfheit von jenem Leid erzählt, das an ihrer Seele frißt. Das Bild dieser elenden Geschöpfe muß wie ein unheimliches Memento, eine stumme Anklage, auf jeden wirken, dessen Gemüt und Sinn nicht in perverser Luxusgier und frevelhaftem Wohlleben verfettet und degeneriert ist, wie da» der zynischen männlichen und weiblichen Snob» vom Typus der Madame Dubonnet und Konsorten. Wie lange wird es noch Leute geben, die der feudalen Beschäftigung nach- gehen, das oft erwerbslose Rieseneinkommen in geradezu krimineller Weise zu verplempern?! IvUrlzm. eifrig mitgewirkt bei dem Schutzgesetz für Arbeiterinnen. Bei dem Internationalen Arbeiterschutzkongreß 1897 in Zürich tras sie Ltly Braun und Clara �e t t i n, die ihr beide tiefen Eindruck ge- macht haben. An seinem 14. Hochzeitstage sagte Conzett zu seinem Vreneti, er hätte nie geglaubt, daß man so glücklich sein könnt«. Als Verena bald darauf der schwere Schlag tras, daß Conzett in einem Anfall von Schwermut aus dem Leben schied(er hatte viele Enttäuschungen und Undankbarkeit erfahren müssen), da waren seiner Witwe diese Worte ein großer Trost, und sie sind e» auch heute noch. Tapfer nahm sie dann den Kampf mit dem Leben auf. Die mit Schulden belastet« Druckerei hat sich unter ihrer Leitung zu einem blühenden Unter- nehmen entwickelt. Die kleine Fabrikarbeiterin von einst beschäftigt heute über 300 Arbeiter und Angestellte. Ihre beiden Buben, die sich prächtig entwickelten, tonnten ihr bald bei dem Ausbau und Aufbau der Druckerei und des Verlages helfen. Ihr besonderer Stolz ist es, daß sie seit der Gründung de» Schweizer Arbeiterinnen- verein» tätiges Mitglied war, daß sie dem Bundesvorstand de» Schweizer Arbeiterbundes lang« Jahre angehörte und für den Schutz der Wöchnerinnen und Kinder durch die Krankenkasten eintreten tonnte. Sie gründete die Zeitschrift„In freien Stunden". die heute in unzähligen Auflagen hinausgeht. Ein besonder» feste» Band zwischen Verlag und Lesern hat sich dadurch gebildet, daß Frau Conzett eine Fürsorge ganz großen Stils, die„Gegenseitige Hilfe", eingerichtet hat. Der schwerste Schlag für Frau Conzett war es wohl, als ihre beiden blühenden Söhne als Opfer der Kriegsgrippe im Jahre>918 starben. Tapfer hat sie an den beiden Sterbebetten gestanden. Tapfer hat sie auch nachher wieder ihre Arbeit aufgenommen. Heute gilt ihr Wirken den drei Buben de» ältesten Sohne» und der Tochter des jüngsten, auch einem Vreneli. Die erfüllt nun da» Haus der Großmutter mit Kinderlachen. Als die Mutter sich wieder oerheiratete, hat sie da» junge Vreneli dem alten gelassen. So scheint doch noch die Sonne in den Lebensabend dieser guten und tapferen Frau, die mit Ausdauer und Beharrlichkeit alle Schicksals- schlüge überwunden hat. Welch edles, großes Vorbild ist doch diese Frau für alle ihre Geschlechtsgenossinnen! Besonders aber darf es uns Sozialistinnen mit Stolz erfüllen, daß wir sagen können:„Denn sie ist unser!" .Anna P.ioj. Kindergeist. Der Hund mit der Farbe. Mutti geht mit Klein-Manfred spazieren. Sie treffen einen weißen Terrier mit einem schwarzen Fleck. Darauf Manfred:„Sieh mal, der hübsche weiße Hund! Bloß an einer Ecke ist schon ein bißchen Farbe abgegangen." Der tönende„BvrwärtS". Unsere Fünfjährige, angeregt durch Besuch,„liest" uns aus dein „Vorwärts" vor. Dabei gerät sie so in FeUer, daß die Mutter mehren muß:„Mädel, schrei' doch nicht so laut." Energisch patscht die Kleine auf den Tisch und erwidert:„Das steht so laut hier drin."