Frauenstimme :Kr.i2«4s.3o<>ri�] Beilage zum Varwärks I 27. August Krauen im! Die Einschaltung der Frauen in den Produkliansprozeß, die im Laufe der letzten Jahrzehnte in schnellem Tempo fortgeschritten ist, mutzte naturgemäß Nachteile für die Frauengesundheit zur Folge haben. Die Gewerkschaften hoben über derartige Wirkungen der einzelnen Berufe viel wichtiges Material gesammelt, das einer künf- tigen Gesetzgebung zur Grundlag« dienen kann. Die neuesten stati- stischen Angaben über die Tätigkeit der deutschen Krankenhäuser liefern hierzu gleichfalls recht aufschlußreiche Beiträge. Am auffallendsten ist die Beobachtung, daß neuerdings verhältnismäßig viel mehr weibliche Patienten in den Kranken- Häusern behandelt werden, als etwa zu Ansang des Jahrhunderts. Seit dem Jahr« 1902, aus dem die ersten vergleichbaren Angaben vorliegen, hat sich nämlich die Häufigkeit der Kranken- Hausbehandlung von Frauen verdreifacht, während die der Männer sich verdoppelt hat. Auf je 1000 Einwohne- rinnen kamen im Jahre 1S02 im deutschen Reich« 17,1, die im Krankenhaus verpflegt worden waren, dagegen im Jahre 1928 be- reits SI.S. Mit anderen Worten: Zu Ansang des Jahrhunderts ist etwa jede SS., heute jede 18. Frau einmal im Jahre in ein Krankenhaus für körperliche Erkrankungen eingewiesen worden. Dieser Fortschritt, der vom Standpunkt der Frauen wie von dem der Bolksgesundhest gleich erfreulich ist, werde hauptsächlich durch die deutsche Sozialversicherung, insbesondere die Krankenkassen, ermög- licht, die von Jahr zu Jahr mehr Frauen und Mädchen das Auf- suchen eines Krankenhauses erleichterten. Im Jahre 1902 kamen auf 100 männliche Versicherte erst 32,4 weidliche, im Jahre 1928 dagegen schon 61. Diese starke Verschiebung des Zahlenverhält- nisses zeigt einmal, wieviel häufiger die versicherungspflichtig« Beschäftigung der weiblichen Bevölkerung geworden ist, zum anderen, wie erheblich der Schutz im Erkrankungsfalle sich bessert«. Dazu kommen noch die Familienangehörigen, die trotz mancher Mängel und Unzulänglichkeiten doch in der Krankenversicherung eine recht ins Gewicht fallende Unterstützung für de» Aufenthalt im Kranken- Haus finden. Wir wissen wohl, daß gerade der Schutz der Familien- angehörigen noch wesentlich ausgebaut werden muß, vor allem auch für den Fall einer dringlichen Krankenhausbehandlung, die niemals durch die Schranke der Kostenregelung aufgehalten werden sollte.— Aber wir müssen auch dankbar anerkenne», daß die deutschen Krankenkassen die Aufgabe, einen Krankenhausauscnthalt bei Mit- gliedern zu bezahlen und bei Familienangehörigen zu bezuschussen, verständnisvoll und großzügig durchgeführt haben, obwohl es sich hierbei nach dem Buchstaben des Gesetzes, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nur um eine freiwillige Leistung handelt. Außer den Auswirkungen der Versicherungsgesetzgebung sind aber auch andere Ursachen für den häufigeren Aufenthalt von Frauen in Krankenhäusern matzgebend. Zweifellos sind heute mehr Schädigungen de» weiblichen Körper» zu verzeichnen als früher. Erwerbsarbeit und auch die Sonder- betastung der Frau durch spezifische Gesundheitsdrohunzen spielen hier die hauptsächliche Rolle. Endlich muß auch berücksichtigt werden, daß sich die Krankenanstalten mehr und mehr daraus einstellten, den Erkrankungen des weiblichen Organismus gerecht zu werden, nachdem erhebliche Fortschritte der medizinischen Wissenschast und Technik die Möglichkeiten der richtigen Erkennung und der fach gemäßen Behandlung erweitert hatten.(Eine wichtige Ausgab« der sozialdemokratischen Stadtverordneten wäre es, überall, wo dies noch nicht geschehen ist, für die Einrichtung gynäkologischer Statio- nen einzutreten I> So findet diese Entwicklung ihren zahlenmäßigen Ausdruck darin, daß in der Häufigkeitsreih« der in Anstalten behan- bellen Krankheitsarten die Leiden der weiblichen Geschlechtsorgane — ohne die Geschlechtskrankheiten im eigentlichen Sinne—, bereit» an dritter Stelle stehen. Berücksichtigt man nur die Erkrankungen beim weiblichen Geschlecht, so rücken diese Leiden sogar an die zweit« Stelle der übechaupt behamdelten und kommen noch vor den früher so gesürchteten Infektionskrankheiten. Leider ist nun doch nicht, trotz Sozialversicherung und öffentlicher Fürsorge, allen Frauen, für die es vom ärztlichen Standpunkt« aus nötig ist, der Anstaltsausenthalt ermöglicht worden. Eigen« Unter- suchungen, die im Anschluß an die letzte Volkszätsiung bei Pfleglingen Berliner Krankenhäuser gemacht sind, haben an Hand von vielen Tausenden von Fällen gezeigt, dotz ganz bestimmte, mit der gesellschaftlichen Ordnung zusammenhängende Einflüsse den Zugang zum Krankenhaus regulieren, ohne daß das Ergebnis immer den sachlichen Bedürfnissen entspricht. So sind zum Beispiel Frauen im Alter von 20 bis 30 Jahren bei weitem am häufigsten von allen Altersstufen im Krankenhaus. An einem Stichtage waren es in Berlin von den 20- bis 2Sjähriqen 4,3 unter 1000, bei den 25- bis 30jährigen 3,5 unter 1000, dagegen in den Altersklassen 30 bis 35 und 35 bis 40 2,7 und 2,4 je 1000. Es ist auffallend, daß sich in den Jahren, die beim Handarbeitenden der Vollreise im arbeitsphysiologischen Sinne vor- ausgehen, so besonders zahlreiche Frauen in K?ankena»statten sani- mein. Beim männlichen Geschlecht ist es gerade umgekehrt, hier tritt die Häufung in die Spanne des pjysiologischen Alterns, des Nachlassens der für den Handarbeiter wichtigsten Funktionen ein. Eine Erklärung für diese Beobachtung ist nicht ganz einfach. Sicher spielen diejenigen Gefundheitsschädigunge», die an de» Fortpflon- zungsorganen der Frau angreifen, hier eine Rolle. Es fei nur an die zahllosen Flllgezuftände von Aborten eriimert. Aber der wichtigst« Faktor ist doch ein anderer. Gliedert man nämlich die genannten Beobachtungen emmal nach beni Familienstand auf, s» zeigt sich eine Tatsach«, die sehr gut mit Einzelerfahningen übereil»- stimmen, wie sie jeder Praktiker in der Wohlsahrtpflege macht. Bis in die vierziger Jahre hinein sind in allen Attersilasjen ziemlich gleichmäßig ledige Frauen etwa zweiein halbmal s» oft als ihre gleichaltrigen verheirateten Mitbürgerinnen in kranken- Häusern anzutreffen. Auch verwstwete und geschiedene Frauen sind annähernd doppelt so ost. als gleichaltrige vcrheiralete Frauen ver- treten. Warum? Ist der gesundheitsfördernde Wert der Ehe, der so gern von gewissen Kreisen hervorgehoben wird, tatsächlich so groß, daß die Ehe weitgehend vor dem Krankenhaus« schützt? Die Frage muß selbstverständlich verneint werde». Verheiratet« Frauen, besonders Mütter kleinerer Kinder, scheuen sich häufig, dem ärztlichen Rat, eine Anstalt auszusuchen, zu folgen. Mangels jeglicher Hilf« im Hause steht gerade die proletarische Mutler und 5>au?srau nur allzu oft vor der bitteren Wahl: Entweder sucht sie ein Krankeichaus auf und läuft Gefahr, daß in der Zwischenzeil Wirtschast und Familie verkommen— oder sie opserl im Interesse des Haushaltes die Gesundheit und verzichtet auf die notwendige Anstaltsbehandluag. Andererseits begünstigt das Alldnjern, das Leben unter Fremden, die sich nicht auf Hilfeleistunge!» im Erkrankungsfalle einlassen können oder wollen, also die mangelnde Pflege im Hause, abgejchen von elenden Wohnungsverhältnissen die Neigung zur Aufnahme in das Krank«nl)a»s. Aus dieser Tatsache erklärt sich auch die starke Beteiligung des 3. Jahrzehnts, für die einige Zahlen bereits angegeben sind, und die Schlußfolgerung liegt nahe, daß sich unter diesen ledigen Frauen sich Hausangestellte befinden, die ja durch die Berstcherungsgejctzgebuiig wegen der Besonderheit ihres Berufes in diesem Punkte begünstigt sind. Sollen also die Krankenhäuser im Interesse der gesamten arbel- tenden Bevölkerung zweckmäßig ausgenutzt werden— eine Frage, die augenblicklich besonders dringlich ist—, so wird man sich nicht damit begnügen dürfen, die Dauer des durchschnittlichen Aufenthaltes im Einzelfall auf das unbedingt nötige Maß herabzusetzen und ungc- eignete Kranke fernzuhalten— beides bedingt zwangsläufig die Bereitstellung anderer ausreichender Hilfsmöglichkeitenl— Man »miß vor allem dafür sorgen, daß für solche Frauen, die unbedingt «ine Krankenhausbehandlung brauchen, aber aus den geschilderten Griinden zaudern, tatsächlich die Möglichkeiten geschaffen werden, sich von ihren häuslichen Sorgen freizumachen. Die Hausfrauenarbeit muß also vorübergehend von dritter Seite übernommen werden. Diese Arbeit, haushaltspsleg« durch sogenannte pslegesraucn, tst bereits vielfach von besonderen Organisationen der freien Wohlfahrtspflege, hier und da auch von der öffentlichen Wohlfahrt«- pflege übernommen worden. Die Arbeiterwohlfahrt beschäftigt sich gleichfalls bereits mit diesem Arbeitsgebiet. Die Kommunalver- »valtungen und die Krankaffen tuen gut, gerade in den jetzigen Rot- zeiten diese Arbeit zu unterstützen. Dr. med. F. Goldmann. Weibliche Gewerkschastsmiiglieder. Unter den 3» dem Allgemeinen Deutschen Gcwcrkjchaftsbund angeschlossenen Verbänden sind vier, und zwar die Berufsverbände der Buchdrucker, Kupferschmiede, Schornsteinfeger und Zimmerer, mit nur männlichen Mitgliedern. Alle übrigen 2 6 V c r- bände haben weibliche Mitglieder, oarunter allerdings einige in einer relativ wie absolut unbedeutenden Zahl. Am größten ist die Zahl der organisierten Arbeiterinnen im T c x t i l- arbeiterverband mit 163 217 von 288 637 Mitgliedern im Jahresdurchschnitt 1936. Der Fabrikarbeiterverband zählte 88739 weib- liche Mitglieder, 0er Gesamtverband— dem die Organisation der Hausangestellten angegliedeit ist— 79809 Mitglieder. Der größte Verband, der Deutsche Metallarbeiterverband, hatte unter seinen 951 276 Mitgliedern 69419 weibliche, das find 7,3 Proz. Der Tabakarbeitcrverband hat 56645 weibliche von insgesamt 72 644 Mitgliedern, der Bekleidung--- arbeiterverband 34881 weibliche unter 73 219 Mit- gliedern, der Verband der Nahrungsmittel- und G c- tränkearbeiter 32633 weibliche von 177 167 Mit- gliedern, der Buchbinderverbaiid 31245 bei insgesamt 56 647 Mitgliedern, der Zentralverbano der Schuhmacher 365 88 von 69 666 Mitgliedern. Bei den graphischen Hilfsarbeitern sind von 46 173 Mitgliedern 25 251 weiblichen Geschlechts. Der Deutsche Holz- arbeiterverband mit 368872 Mitgliedern zählte 19617 weibliche Mitglieder, der Deutsche Lanvarbeitcrver- band unter seinen 161 579 Mitgliedern 15691 Arbeiterin- n c n. Bon den 16 961 Mitgliedern im Hutarbeitcrverband sind 16619 weibliche. Der Verband der Hotel-, R e st a»- rant» und Case-A» ge st eilten mit 31 154 Mitgliedern weist 8565 weibliche auf. Bei den Lederarbeitern(und Handschuhmachern) sind von den 34 968 Mitgliedern 7412 weibliche. Der Verband der Sattler, Tapezierer und Porte- feuillcr hat 4917 weibliche unter seinen 29 898 Mitgliedern. Daß auch 0er Einheitsverband der Eisenbahner weibliche Mitglieder, und zwar 1666, unter 248 167 Mitgliedern hat, ist be- merkenswert. Von den 4267 Mitgliedern der Friseur- g e h i l f e n waren 696 Gehilfinnen, von den 21 633 Mitgliedern des Musikeroerbandes 444 weibliche. Selbst oer Deutsche Baugewerksbund hat weibliche Mitglieder, wenn auch nur 429 unter 476 276 Mitgliedern, und die Steinarbeitcr haben 365 weibliche unter ihren 62 554. Aber auch der Bergbnuindustricarbeiterverband hat weiblich« Mitglieder, 326 allerding- nur bei 193 695 insgesamt. Bei den Melkern waren 183 weibliche Mitglieder(12 741), den Malern 199(59 434), den Lithographen 34(24 861) und bei den M a s ch i n i st e n und Heizern 36 weibliche Mitglieder unter 51 416 Mitgliedern. In fünf Verbänden ist die Zahl der weiblichen Mitglieder größer als die der männlichen, und zwar bei den Textilarbeitern, den Tabakarbeitern, den Buchbindern, den graphischen Hilfsarbeitern und den Hutarbeitern. Eine verhältnismäßig sehr hohe Zahl weiblicher Mitglieder haben außerdem der Verband der Bekleidungsarbeiter und der Zentralvcrband der Schuhmacher. Die Zahl der weiblichen G c w e r k s ch a f t s m i t g l i e- der betrug im Jahresdurchschnitt 1936 insgesamt 684 978 unter 4 821 832 Mitgliedern der freien Gewerkschaften, mithin 14,2 Proz. Der Agitation unter den Arbeiterinnen bietet sich in der Be- kleidungsiudustrie, bei den Hausangestellten, in der Landwirtschaft, den Friseuren, nicht zuletzt auch in der Metallindustrie und in den Fabriken noch ein großes Feld. ez. Rundfunk und Hausfrau. Der Gewinn, den der Rundfunk für das Leben jedes einzelnen bedeutet, wird sicher nirgends eingeschätzt als in Proletarierkreifen. Hier brachte der Rundfunk nicht Ersatz für andere Bildungs- Veranstaltungen, für Konzert und Theater, sondern durch ihn erst wurden alle diese Dinge der Arbeiterfamilie überhaupt in größerem Maße zugänglich. Gewiß gab es für manchen hier und da auch sonst die Möglichkeit, einen Vortrag, ein Konzert zu hören, einer Theater- aufiüihrung beizuwohnen: aber für einen sehr großen Teil der Arbeiterschaft blieb das alles unerreichbar. Vor allem für die Haus- fraucn, die ja leider in Arbeiterfamilien nur zu oft gewohnt find, für sich selber auf jede geistige Ausspannung zu verzichten: ihr Arbeitstag gibt oft kaum die nötige Zeit für den Nachtschlaf her. Daß die mit der gesamten Hausarbeit belastete Frau wie jeder berufstätige Mensch eine Zeit der körperlichen Ausspannung von ihrer Arbeit nötig hat, ist eine Binsenwahrheit. Doch die bestehende Gesellschaftsordnung schafft für solche Hausfrauenferien keinen Raum, und es wird eine allgemeine Verwirklichung dieses schönen Traumes wohl erst dann erreicht werden, wenn der Gedanke des Sozialismus die kapitalistische Gesellschaft überwunden hat. Die Möglichkeit zu der ebenfalls dringend notwendigen täglichen geistigen Entspannung ist der 5iaussrau jedoch durch den Rundfunk gegeben. Seine Dar- bietungen bedeuten für sie nicht nur Unterhaltung oder Belehrung: sie können für die Hausfrau ein Stück Gesundheitspflege werden. In dieser Behauptung liegt keine Uebertreibung. Die Gedanken an die vielen großen und kleinen Sorgen lassen die Prolelarierfrau heute oft keinen Augenblick los; sie begleiten jede Arbeit, belasten die kurzen Mahlzeitpausen. Man will gar nicht an dies und jenes immerfort denken: doch die Dinge sind stärker als der Willen. Der Rundfunk kann hier oft für die so notwendige Ablenkung sorgen, hauptsächlich natürlich durch seine musikalischen Darbietungen. Das heißt selbstverständlich keineswegs, daß es gut und richtig ist, wenn die Hausfrau alle Musikdarbietungen als Begleitung zu ihrer Tages- arbeit cinsteUt: sie würde damit das Gegenteil von geistiger Erholung erreichen. Beschäftigung, die die Gedanken stark in Anspruch nimmt, wird durch jede geistige Ablenkung, wie sie auch leichte Unterhaltung-- musik darstellt, erschwert. Aber auch eine ruhige, beim Stillsitzen verrichtete Arbeit soll keineswegs unbedingt von Musik begleitet werden. Der musikalische Mensch, der für den Stimmungsgehalt der Kompositionen empfänglich ist, wird nicht jede Musik, oder auch das- selbe Werk nicht zu jeder Zeit, als Entspannung empsinden. Die trübe, gedrückte oder die kämpferische Stimmung einer Komposition kann einmal als großartiger künstlerischer Ausdruck empfunden werden, der die eigenen Nöte für einen Augenblick vergessen läßt, das andere Mal als Verstärkung der eigenen quälenden Empsindun- gen. Dann hilft nur: abschalten. Doch so künstlerische Unterscheidungen werden von vielen Höre- rinnen gar nicht gemacht. Sie schalten Musik ein, arbeiten dabei, sind dann häufig bald nicht mehr bewußt, daß der Lautsprecher überhaupt in Tätigkeit ist. Ein Mensch, der so wenig nervös und so wenig musikalisch ist, daß er derart über Musik hinweghören kann, hat natürlich weder Nutzen noch Schaden von diesem Musik- empfang. Wer jedoch Freude an Musik hat, sollte sich diese Freude auch erhallen und sie zu entwickeln suchen, aber nicht sie dadurch abstumpfen, daß er sich den Tag mit sinnlosen Klangsetzen vollstopst. Gute Musik beansprucht Aufmerksamkeit. Nur wenn man ihr die widmen kann, bedeutet sie Erholung und Freude. So wenig gesund- heitsfördernd wie das Lesen ist das Abhören von anspruchsvoller, Aufmerksamkeit heischender Musik beim Essen. Die Funkprogramme begehen allerdings häufig noch den Fehler, als Mittagskonzerte schwere klassische Werke zu bieten, was weder zweckmäßig für die Hörer noch respektvoll gegen die Schöpfer der Werke ist. Wenn man keine leichte Unterhaltungsmusik als Tischmusik haben kann, so ver- zichtc man lieber völlig darauf. Rundfunkdarbietungen, die sich der gesprochenen Sprache be- dienen, erfordern im allgemeinen noch stärkere Konzentration des Hörers als musikalische. Trotzdem können sie, wenn sie in richtiger, sparsamer Auswahl während einer mechanischen häuslichen Beschäfti- gung abgehört werden, ebenfalls geistige Entspannung bringen. Da» gilt nicht nur für Vorlesungen von Novellen, für Rezitation oder dramatische Veranstaltungen, sondern ebenso sehr für Vorträge. Themen, die die Hörerin interessieren, Probleme, mit denen sie sich vielleicht im stillen schon selber lange beschästigt hat, soll sie nach Möglichkeit für sich aus dem Funkprogramm heraussuchen. Sie schafft sich damit eine Erweiterung ihres von den häuslichen Sorgen eingeengten Gedankenkreises, was um so notwendiger ist, je stärker die Last der Haushaltsführung auf sie drückt. Die Hausfrau, die immer bemüht bleibt, auf kurze Zeit wenigstens den Geist von ihnen frei zu machen, wird selten von ihrem schweren Alltag besiegt werde.». Die proletarische Hausfrau, die den arbcitsmüden Mann nur in Feier- stunden, die heranwachsenden Kinder oft nur zu den Mahlzeiten im Hause sieht, fühlt sich manchmal sehr einsam. Findet sie durch den Rundfunk den Anschluß an die Welt, so findet sie auf diesem Umweg wohl häusig auch wieder den festeren Anschluß an die Ihren. Die neue Hausangestellte. In der„Frauenstimme" wurden kürzlich unter dem Titel „Hände an der Hosennaht" zwei Zuschriften— eine von Arbeitgeber-, — eine von Arbeitnehmerseite, an das„Berliner Tageblatt", die beide die Hausangestelltenfrage betreffen, wiedergegeben. Viele Leserinnen werden das Empfinden gehabt haben, daß es Schlim- meres und Bekämpfenswerteres auf diesem Gebiete gibt, als gerade aus diesen beiden Zuschriften spricht, ja, daß sie, wenn man von dem überheblichen Tonfall auf der einen, dem gar zu unterwürfigen auf der anderen Seite abzusehen weiß, beide einen sachlich richtigen stern enthalten. Zunächst zur ersten Zuschrift: Dem Verfasser wäre entgegen- zuhalten, daß der Arbeitgeber ja nicht allein die unverändert hohen Kosten für Wohnung, Heizung, Licht usw. zu tragen hat, sondern der Hausangestellten gegenüber auch von dem verbilligten Lebens- index in bezug auf Lebensmittel profiliert, daß auf der anderen Seite die Hausangestellte nicht nur die verbilligten Schuhwaren und Textilien, sondern auch die teuren Fahrkosten und alles, was unter dem weiträumigen Sammeltitel„Kulturbedürfnisse" einzuordnen ist, auf ihren Lohnetat zu übernehmen hat. Wenn der Haus- angcstelltenlohn trotz Berücksichtigung dieser in der Zuschrift über- gangencn Momente gegenüber der Vorkriegszeit gestiegen ist, so ist damit nur eine längst für die Verwirklichung reife gewerkschaftliche und soziale Forderung erfüllt worden. Ganz abwegig aber erscheint es, dagegen, wenn auch nur indirekt, zu polemisieren, daß die Haus- angestellte wie jeder andere Arbeitnehmer ihren Anteil an den gesetzlichen Soziallasten nicht tragen, daß sie ihn auf den Arbeitgeber „abwälzen" soll. Der einwandfreie gewerkschaftliche Standpunkt heißt: anständige Löhne, die diesen Abzug oertragen, nicht aber eine Vcrnebelung der klaren Lohngrenze durch hinüber- und herüber- geschobene Lasten, auf deren alleinige Leistung von Arbeitgeberseite sich die Haussrauenvereine bei den Verhandlungen um die Richt- löhne bei den Arbeitsämtern mit mehr oder weniger Erfolg immer wieder berufen. Für die einheikliche Zestsehung anständiger Löhne wird es jedenfalls von großem Vorteil sein, wenn diese sich selbst- verständlich einschließlich der von der Hausangestellten zu leistenden Soziallasten verstehen. Von Arbeitgeberseite sollte auch nicht verkannt werden, daß auch die große Masse der Arbeitgeber, soweit es sich um Beamte, An- gestellte, mittlere und kleine Geschäftsleute und Angehörige freier Berufe handelt, die aus irgendeinem Grunde auf die Hilfe einer Hausangestellten angewiesen sind, selbst in ihrem Einkommen durch Geschäftsrückgang, Kürzung, Krisensteuer usw. aufs empfindlichste von der Wirtschaftskrise betroffen werden. Die Hausangestellte, soweit sie in Arbeit steht, kann nicht als einziger Berufsstand von den Opfern für die von der Wirtschaftskrise Betroffenen ausgenom- men fein, besonders wenn evtl. die Beiträge für die Erwerbslosen- Versicherung noch weiter steigen, wie sie bisher immer gestiegen sind. Es bleibt auch zu bedenken, ob es für die Gesamtheit der Hausangestellten vorteilhaft ist, wenn Arbeitgeber, die an sich zur Zahlung eines guten Lohnes bereit sind, allein wegen der dazu- tretenden, gewohnheitsmäßig von den Hausfrauen übernommenen hohen Soziallysten(etwa lö Mark bei 50 Mark Lohn) und der Aussicht auf ihre weitere Erhöhung sich vor Einstellung einer Haus- angestellten scheuen. Nun zu der zweiten Zuschrift. Wenn man von den in diesem Zusammenhang wohl mehr konventionell als unterwürfig gemeinten Bezeichnungen wie„Herrschaft",„gnädige Frau" und„gnädiger Herr" absieht, so kommen doch in ihr,— das muh offen ausge- sprachen werden— Vorteile des Hausangestelltenberufes bei einer verständigen, sozial denkenden Jamilie zum Aus- druck, die den Angehörigen anderer handarbeitender Berufe für Frauen weitgehend fehlen. Es ist kein Verdienst der Arbeitgeberin und keine Schande für die Arbeitnehmerin, wenn die eine durch ihre Erziehung und Ausbildung der anderen in Kenntnissen und formaler Bildung überlegen ist, es zeugt aber von den Möglichkeiten einer neuen Ausfassung des Hausangestelltenberufes— von beiden Seiten — wenn Geben und Nehmen von beiden Seiten in vorbildlicher Weise verwirklicht wird. Gewiß, die Hausangestellte ist in ihrer Freizeit und persönlichen Freizügigkeit beschränkter als jeder andere Beruf und wird es— leider— bleiben, bis der sozialistische Groß- Haushalt diese letzte, abgemilderte Form der„Hörigkeit" endgültig liquidiert, aber ihr stehen auf der anderen Seite gewisse, in den heutigen Notzeiten nicht zu unterschätzende Vorteile zur Verfügung. Von der Sorge um die elementarsten Lebensgrundlagen, wie Nah- rung und Wohnung ist sie befreit, und auch eine verhältnismäßige Sicherheit der Lebensbasis ist gegeben, dadurch verstärkt, daß bei dem persönlichen Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer die Arbeitgeberin bei Zwang zur Entlassung sich durch persönliche Empfehlung bei Bekannten um die Ncuunterbringung einer tüchtigen und liebgewordenen Hausgenossin immer bemühen wird. Ich glaube, bei der großen Anzahl berufstätiger Frauen aus sozialistischem und sozial fortschrittlichem Lager muß das alte Schema abgelehnt werden, das in dem Arbeitgeber nur immer den grausamen, blutdürstigen Ausbeuter, in der Hausangestellten die arme, unterdrückte, gc- schundene Kreatur sehen will. Beide, Arbeitgeberin und Haus- angestellte, lehnen diese Charakterisierung als ihrer nicht würdig, weitgehend ab. Die Hausangestellte ist in einem solchen Verhältnis auch nicht„Luxusartikel", wie noch immer viele Genossinnen glauben, sondern unter dem Gesichtspunkt der Arbeitsteilung gegen- über der außerhäuslich oder auch intensiv ehrenamtlich tätigen Arbeitgebcrin hat sie lebenswichtige Funktionen in der Familie und bei der Kindererziehung zu erfüllen. Ich sage nicht zuviel, wenn ich behaupte, daß sozialistisch und modern eingestellte Hausfrauen geradezu suchen nach solchen Haus- genossinnen, die eben ihrem ganzen Format nach nicht„Dienst- mädchen" alten Stils sind, die ebenso sorgfältig und sparsam zu wirtschaften verstehen und sich den Kindern gegenüber genau so verantwortlich einstellen wie die Hausfrau, und die im gegenseitigen Gedankenaustausch— die Arbcitgeberin aus ihrem größeren Wissen, die Hausangestellte aus ihrer oftmals überlegenen praktischen Lebenserfahrung heraus,— schon in dieser unvollkommenen Gegen- wart echten Sozialismus des Herzens verwirklichen. Wer unbeirrt von überlieferten, zum Dogma erstarrten Vorurteilen ins Leben schaut, wird bemerken, daß dies schon vielerorts geschieht, und daß darum der Hausangestelltenberuf noch lange nicht— oder nicht mehr— zu den schlechtesten Berufen zählt, die ein tüchtiger und strebsamer Mensch mit innerer Befriedigung ausüben kann. It. 8. Kindliches Wissen. „Weißt du, was das Hündchen denkt? Ja?" fragt Ursel den Seppi. „Ja", sagte Seppi. Er weih es nicht. Er hat noch nicht dar- über nachgedacht. Aber er sagt„ja". Für jeden Fall. Zu allem, was Ursel auch fragen mag. Er hat es sich gemerkt: die Ursel liebt keinen Widerspruch. Ursel hört kaum aus seine Antwort. Sie ist im Zuge:„Jetzt sitz ich hier, denkt das Hündchen. Ich wcrd' gleich weglaufen. Die liebe Sonne scheint so schön warm. Und dort singt ein Vogel: hörst du den auch? Und dann denkt das Hündchen: Hütt' ich nur einen Knochen oder ein Stückchen Kuchen oder Zucker.. Ach. da kommt ja Ursel mit dem Seppi I Ob die eine Butterstulle haben? Das sind brave Kinder, denen tue ich nichts. Aber wenn der Bettler kommt— den mag ich nicht— dann bell' ich, und dann will ich beißen... Braucht keine Angst zu haben, nein, nein. Geht ruhig vorbei! Kommt nur nicht zu nah heran! Ich hin ein fremdes Hündchen. Was das Hündchen alles denken kannl Das Hündchen ist klug, nicht?" „Ja", sagt Seppi und läßt sich von der sorglich trippelnden Ursel in gebührender Entfernung an dem Hündchen vorbeiziehen. Manchmal aber stellt Ursel dem Seppi bewußt und hinterlistig eine Falle. Dann braucht er für Spott nicht zu sorgen.„Du, Seppi, weiht du, was die ganze Welt ist? Ich will es dir lagen: Der Himmel und der Wald und die Berge und das Wasser. Siehst du, das alles ist die ganze Welt. Denkst du. die Mauer ist auch die ganze Welt?" „Ja", sagt Seppi wieder. Für jeden Fall. Aber er weih sich nichts dabei zu denken. „I wo. Die Mauer macht ja der Maurerl Du dummer Seppi!" So verspottet sie ihn. Und manchmal gibt es Geschrei und Tränen aus beiden Seiten. Trotzdem sind die beiden Kinder Tag für Tag beisammen in Spiel wie Streit. Aus der Verschiedenheit ihrer Lebensverhältnisse und ihrer Seelengestaltung entspringen die Gegensätze, die sie entzweien und doch wieder zueinander hinziehen. Seppi, das Dorfkind, das einsam aufwächst, sich selbst überlassen, einsam umhcrstreift, sein Spiel suchend und nehmend, wo und wie der Zufall es bietet: im Gemüseland, im Obstgarten In der Sand« kühle, im Wassergraben. Gar oft Sorgfall entbehrend, freundliches Wort, freundlichen Blick, Verständnis. Ein kleiner Bär, schwer» fällig, scheu, verschlossen. Seppi ist sicher der Tiefere von beiden. Seine Schweigsamkeit ist Ausdruck der Verlegenheit des Unver- stehen» der anderen gegenüber, des Unvermögens, sein Fühlen und Denken in Worte zu kleiden. Ist Gehemmtheit und Mangel an Ver- trauen, Entgegenkommen, Aufmunterung. Nie hat sich jemand so recht mit ihm beschäftigt. So hat er auch nicht gelernt, Sympathie zu äußern, versteht nicht, sich einzufühlen. Nun lernt er es, sich Ursel anzupassen. Ursel ist das gerade Gegenteil von Seppi. Ein wohlgeheglcs, verhätscheltes Stadtkind aus gesicherte» Verhältnissen, besitzt sie. einen beweglichen, früh erschlossenen Geist, ein gepslegtes, gut entwickeltes Sprachvermögen. Ihre Bewegungen sind frei und ungehemmt, gkoMs und anmutig. Was ihr in den Sinn kommt, perlt sofort über ihre Zunge Sie verschenkt leicht ihr ganzes Herz, um es ebenso leicht wieder zurückzunehmen. Kurz entschlossen geht sie an olles heran, weiß überall Gunst zu erwerben, liebenswürdig und anmutig zu jeder Zeit Einfälle und Wünsche durchzusetzen. Sie kenn! ihre Macht und liebt es, zu herrschen. Beim Spiel mit den Kinder» gibt sie den Ton an. Sie läßt keine Widerrede gelten Um so härter trifft Seppis Widerstreben ihre Eigenliebe. Aber sie hängt an Seppi wie er an ihr. Sie beherrscht ihn, doch sie be- schützt und belehrt ihn auch. Sie ist die Lebensgewandtere. Ihr gehört alle Initiative. Schnell und geschickt findet sie sich zurecht in Dingen, Namen, Wegen und Pfaden Sie beobachtet gern und scharf, hat über alles eine Meinung. Wo sie etwas nicht oersteht, dichtet sie etwas hinein. Und sie plaudert gern und viel. Wie ein Büchlein plätschert ihre Rede. Seppi liebt dieses Plätschern. Er fühlt sich wohl dabei. Nur selten wirst er ein Wort dazwischen. Lange Sätze bereiten ihm Mühe. Ursel macht es ihm leicht. Sie fragt nicht oft nach seiner Meinung. Und sie wartet meist nicht auf die Antwort. Ihre Frage hat unbewußt mehr den Zweck, sich zu vergewissern, ob er auch ganz bei ihrer Sache ist. Ursel beobachtet viel. Sieht und weiß manches vom Leben. Seppi» aber weiß vom Tode. „Was wollen die alle da?" fragt Ursel, der Menschenmenge folgend, die in den kleinen Friedhos strömt. „Einer... ist gestorben", erklärt Seppi mühsam. „Was ist das,.gestorben'?" sragt Ursel wieder. Seppi schweigt. Er denkt angestrengt nach:„In die Erde... nian wird in die Erde gelegt und bekommt Blumen." „Warum wird man aber gestorben?" „Weil... weil der Vati krank war"... Und Seppis Blick wandert in der Richtung, wo Vater liegt.. Ursel wird still Schaut mit weit offenen Augen. Aengstliche Hast ist in dem Blick, in der Bewegung, mit der sie ihn fortzieht. Gestern erst war Mutter wieder krank Sie läßt seine Hand los und rennt davon. Kaum kann er ihr solgen. Angesichts des Hauses verlangsamt sie den Schritt. Mutti dari keine Ausregung haben, hat der Onkel Doktor gesagt. So leise es gehen will, öffnet sie die Stubentür. Lugt hinein. Drinnen sitzt Mutter im Lehnstuhl. Kleln, bleich, schmal, gelblich, fahl. Aus den Zehenspitzen läuft das Kind zu ihr. „Bist du wieder da, mein Urselchen?" sagt die Mutter mit matter Stimme. Zärtlich streichelt das Kind der Mutter Wangen. Blickt ihr forschend ins Gesicht.„Lach einmal, Mutti!" Es wird ein schmerz- liches Lächeln...Nicht so, du mußt richtig lachen, Mutti!" Lasclia Roser.thal. „Warum kein Mädchenname?—" Eines schönen Tages betritt der Gehilfe des Vorsitzenden der Finanzabteilung das Ortskommissariat. Er nickt zum Gruße, legt die Mitgliedskarle der Abteilung für Arbeiterbildung auf den Tisch nieder und sagt mlt trockener Höflichkeit: „Zur gefälligen Kenntnisnahme, so wahr ich ein Russe bin, ich heiße Seinjon. Semjon— aber keineswegs Sophie. Die Mitglieds- karte, die Sie mir ausgestellt haben, enthält die Bestätigung, daß ich Mitglied des Verbandes der Buchdrucker bin. Und dazu den Namen Sophie. Was soll das eigentlich heißen?" „Ja?" lieh sich der Sekretär des Ortskommissariats vernehmen. „Zeigen Sie mal her. Hm... tja... so was kann schon vor- kommen. Der Statistik der Eouvernementsabteilung für Arbeiter- bildung ist eben ein Versehen unterlaufen. Es ist alles möglich." Der Gehilfe des Vorsitzenden runzelt die Brauen und wieder- holt: „Semjon heiße ich— der Name hat nicht die entfernteste Aehnlichkeit mit Sophie. Ich ersuche Sie, den Fehler richtigzu- stellen." „£jm..., wie denken Sie sich das Genosse?" Der Sekretär des Ortstommissariats ist tief beleidigt.„Wie dürfte ich ein offizielles Dokument, das den Amtsstempel trägt, abändern. Um so mehr, wenn es sich darum handelt, einen weiblichen Namen in einen männlichen zu verwandeln..., so was erlaubt sich nicht ein- mal der Bszirksrat, geschweige denn eine gewerkschaftliche Organi- sation" „Aber gestatten Sie..., versetzen Sie sich einmal in meine Lage! Soll ich immerfort als Sophie herumlaufen?" entrüstet sich der Gehilfe des Vorsitzenden. Der Sekretär des Ortskommissariats zuckt die Achseln.„Ihre Lage ist bei weitem nicht so mißlich Bor kurzem, da geriet ich wohl in eine recht böse Lage In der Mitgliedskarte eines Genosien war das Jahr 1S?3 als Geburtsjahr eingetragen worden. Das lief unserem Verantwortungsgefühl zuwider: wir sind nicht befugt, Minderjährige einzustellen. Bei Ihnen kommt das allerdings nicht in Frage. Und was ficht das Sie an? Warum kein Mädchenname? Im Gegenteil, es könnte Ihnen bezüglich des Arbeitsschutzes von Vorteil werden, denn Frauen find von der Nachtarbeit befreit, ge- nießen auch sonst mancherlei Erleichterungen." „Was geht mich das alles an" entgegnete der Gehilfe des Orts- kommifsarials.„Ich mache mir nicht das mindeste daraus. Ich bitte..." „Wenn Sie das nichts angeht, so doch den Verband." Der Sekretär sprach streng.„Der Verband wird sich schon drum kümmern. Ich finde es obendrein seltsam, Genosse, daß Sie noch so rückständige Vorurteile hegen, Sie sind ja eine noch junge Frau und dazu gebildet." „Ich bin aber keine Frau! Teufel noch mal! Seit wann heißt eine Frau Semjon?" Der Gehilfe des Kommissars war in voller Wut. Der Sekretär des Ortskommissariats tat noch eininal einen Blick in die Mitgliedskarte, warf den Kopf zurück und fuchtelte mit den Armen.„Da steht es klar und deutlich zu lesen:„Sophie". Schwarz auf Weiß. Halten Sie das etwa für einen männlichen Namen? Sie scheinen es eigens darauf abgesehen zu haben, einem vielbeschäftigten Menschen seine Zeit zu rauben." „Das.. das ist ja... der Teufel mag wissen, was das heißen soll", erhob der Gehilfe des Kommissars seine Stimme.„Semjon, Semjon bin ich und nicht irgendeine Sophie. Semjon!" Der Sekretär sagte: „Da haben wir's: echte Weiberlogik. Tatsache. Dokument, Statistik, Berbandsabteilung und Gouoerncmentsabteilung für Arbeiterbildung, alles klar auf der Hand und da wollen Sie noch ihren eigenen Kopf durchsetzen! Vor allen Dingen kein Geschrei. Sie meinen wohl, da Sie eine Frau sind, ist Ihnen olles erlaubt? Lasjen Sie die Karte hier. Ich will bei der Gouvcrnementsabtei- lung anfragen, vielleicht ist da was zu machen." Der Gehilfe des Vorsitzenden ging. Er war recht böser Stim- mung. Er ging und schüttelte den Kopf und murmelte nachdenklich und betrübt vor sich hin:„Sophie... ein. was soll das in der Tat. Wenn sie mich als„Oktoberrevolution" oder als„Proletarische Revolution" eingetragen hätten... aber... Sophie!..." kAus dem Niu fischen übertragen.) Crasters Knßkampf Dr. Craster, der bekannte amerikanische Förderer ver„Anti- kußbewegung", hat sich nach England eingeschtfft, um dort gleich. falls für feine Theorie der Gefährlichkeit des Küssens Anhänger zu werben. In Newark, der Hauptstadt des amerikanischen Staates New Jersey, in der Dr. Eraster als Chefarzt des Stäotifchen K ankenhaufes wirkt, bekamen u. a. sämtliche Babys auf ihre Lätzchen den Satz gestickt:„Bitte küssen Sie mich nicht, ich möchte gesund bleiben." Dr. Eraster hält zwar nicht das Küssen selbst für eine Krankheit, vertritt aber die Meinung, daß durch diesen körper- lichen Aktivismus zu leicht Krnnkheitsteim« übertragen werden. Aus dem gleichen Grunde ist Dr. Craster auch ein Feind de» Lippenstiftes, dessen Nebrige Schicht auf Bakterien dieselbe An- ziehungskraft ausüben soll wie eine Fliegendüte auf Fliegen. Vater bekommt Haue. Hans-Heinz ist erst drei Jahre alt, aber ein tapfrer kleiner Burfch. Und auf feine Muter, an der er mit eifersüchtiger Liebe Hängt, läßt er nichts kommen. Er fühlt sich durchaus als ihr Be« schütz« und wehe, wenn ihr jemand zu nahe tritt! So kam es neulich beinahe zu einer Katastrophe, als die Mutti im Familienbad im Scherz mit dem Vater einen Boxkampf inszenierte. Trotzdem der Bater der Angegriffene war, sah er sich plötzlich seinem hoffnungsvollen Sprößling gegenüber, der ihn zornig anschrie: „Läßt du das fein, sonst latsch ich dir eine!" Die entrüstete Mutter. Unten auf der Straße geht«ine Mutter mit ihrem kleinen Mädchen vorbei.„Mutti," höre ich die helle Kinderstimme plappern, „denk mal, was ich heute nacht geträumt Hab! Ich Hab geträumt, ich Hab«in Bäby bekommen!" Und prompt ertönt die empörte Antwort der Mutter: „Pfui, schäm dich!"