e D D t, 3 t 3 t t Für unsere Kinder Nr. 4ooooooo Beilage zur Gleichheit oooooo° 1908 Berner Alpen. Eine Hundegeschichte. Von J. B. Widmann. Meeresstrand. Von Theod. Storm. ( Gedicht.) Stiefel auf der Reise. Von Ernst Juhaltsverzeichnis: Spruch. Aus Goethes| verzichtet, weil er Gefahren für Leib und Leben " Faust". Aus der Schule: Stadtmaus und mit sich bringt:„ Du bist keinen Augenblick Feldmaus. Von Brand. Herbsttage in den sicher," sagt die Feldmaus zu der Stadtmaus. Wie flug! Nicht wahr? Und wie bescheiden! Und warum will sie zurück in ihr winziges Feldlöchlein? Um sicher und frei" leben zu tönnen. Sicher und frei! Klingt das nicht wie Opferfreudigkeit? Lieber arm sein, aber frei! Ist die Feldmaus also nicht eine luge, bescheidene und opferfreudige Maus? Almsloh. Zwei Treibhauspflanzen. Von Hebe. Die fleine Her.( Gedicht.) ( Schluß.) Spruch. Jetzt würde ich etwas darum geben, wenn Was heute nicht geschieht, ist morgen nicht getan; ich wissen könnte, wer von euch meine letzte Und keinen Cag soll man verpassen, Das mögliche soll der Entschluss Beherzt sogleich beim Schopfe fassen; Er will es dann nicht fahren lassen, Und wirket weiter, weil er muss. O O O Hus Goethes ,, Faust". Aus der Schule. Stadtmaus und Feldmaus. Ihr werdet die kleine Fabel von den beiden Mäusen sicher kennen, denn sie steht in fast allen Schullesebüchern. Eine Feldmaus wird von einer Stadtmaus eingeladen, ihre Armut zu verlassen und in die Stadt zu ziehen; dort sei Überfluß an allen schönen Dingen. Die Feldmaus folgt der Einladung. Als sie aber bei dem ersten Besuch der Speisekammer in Lebensgefahr gerät, verzichtet sie freiwillig auf den Überfluß und kehrt in ihre Armut zurück. Beim Abschied spricht sie zu der Stadtmaus die Worte: Bleibe du eine reiche Stadtmaus und friß Würste und Spect; ich will ein armes Feldmäuschen bleiben und meine Eicheln essen. Du bist keinen Augenblick sicher vor dem Kellner, vor den Katzen, vor den Fallen; ich aber bin daheim sicher und frei in meinem winzigen Feldlöchlein." Wenn man das liest, dann klingt es, als ob nichts dagegen einzuwenden sei; und ihr seid höchstwahrscheinlich fest überzeugt, daß die Feldmaus durchaus im Rechte ist mit ihren Worten und mit ihrer Handlungsweise. Laßt mich einmal versuchen, ob ich eure Meinung errate. Ihr denkt wahrscheinlich so: Wie verständig ist es von der Feldmaus, daß sie freiwillig auf die Genüsse des Reichtums Frage mit" Ja" beantwortet. Dem würde ich ins Gesicht sagen: Mein Freund, du hast in diesem Falle deinen lieben Menschenverstand nicht so zu Rate gezogen, wie man es eigentlich von dir erwarten darf. Nun höre also meine Meinung: Nein! Die Feldmaus ist nicht flug und nicht opferfreudig, sondern nur demütig und dumm. Ja, sie ist die dümmste aller Feldmäuse, die nicht einmal weiß, daß einer Feldmaus zehnmal mehr Gefahren drohen als einer Stadtmaus. Die Stadtmaus muß sich vor Fallen und Katzen hüten; das muß die Feldmaus auch; aber außerdem hat sie noch viele andere Feinde: Füchse, Dachse, Marder, Wiesel, Maulwürfe, Bussarde, Falken, Raben, Krähen, Störche und manche anderen Tiere, sie alle stellen den Feldmäufen nach; hinzu kommen überschwemmungen und harter Frost, wodurch Hunderttausende von Feldmäusen alljährlich vertilgt werden. Und das nennt die Feldmaus sicher und frei"! Das kommt mir gerade so vor, als wenn ein Gefangener sich seiner Fesseln rühmte. Ist das flug? Wäre die Feldmaus wirklich eine kluge Maus, dann hätte sie sofort einsehen müssen, daß sie sich gegen die wenigen Gefahren, die einer Stadtmaus drohen, viel leichter schützen fonnte, als gegen das Heer von Feinden, mit denen sie selber umgeben ist. Auch mit der Opferfreudigkeit ist es nichts; denn die Freiheit, für die das Opfer gelten sollte, ist ja gar nicht vorhanden. Was bleibt also übrig? Eine einfältige Maus, von der man sagen muß: Sie hätte ihr elendes Leben mit einem besseren vertauschen können; aber sie war- zu dumm dazu. Aber ein Ruhm bleibt ihr doch: Sie ist bescheiden. Wahrhaftig! So bescheiden ist sie, daß sie nichts Besseres will, als ihr lebelang 26 Für unsere Kinder Ruhm, um den ich, wenn ich eine Maus wäre, sie nicht beneiden würde. * arl Eicheln fressen. Das ist wahrlich ein feiner Herbsttage in den Berner Alpen fal Eine Hundegeschichte. Von J. V. Widmann. fict Wenn die Herbsttage kommen, und mag noch die so viel Sonnengold auf allen Matten liegen werden die Bergwege unseres Hochgebirge nu einsam. fü * Wäre diese Fabel nur zu unserer Unterhaltung geschrieben, so könnten wir uns dabei beruhigen; dann hätten Asop, der sie gedichtet, und Luther, der sie übersetzt hat, sich geirrt; das wäre so schlimm nicht; wir könnten doch an der Geschichte unseren Spaß haben. Aber: Wir sollen aus der Fabel etwas lernen! Das ist ihr Hauptzweck. Und gerade um der Lehre willen, die sie enthält, steht diese Fabel in allen Schullesebüchern. Und wenn ich diese Lehre ein wenig genauer betrachte, dann hört bei mir jeder Spaß auf. Wir wollen sehen. Die Stadtmaus ist reich; die Feldmaus ist arm. Der Dichter will uns glauben machen, daß die arme Maus ein sichereres und freieres Leben führe als die reiche Maus. Auf das Menschenleben übertragen, würde das bedeuten, daß der Reichtum größere Gefahren in sich berge als die Armut. Wenn wir hierin der Fabel recht geben, so werden wir wahrscheinlich auch ähnlich handeln wie die Feldmaus und ein bedürfnisloses Leben vorziehen. Und das ist der Kern dieser Fabel! Sie will, indem sie in heuchlerischer Weise die " Freuden der Armut" schildert, uns zur Bedürfnislosigkeit erziehen. Sei bescheiden! Sei demütig! Friß deine Eicheln! Begehre nichts Höheres und Besseres! Das sind die Mahnrufe, die aus dieser Fabel erschallen. Wir sind aber nicht so dumm und nehmen das alles unbesehen hin. Wir wissen ganz gut, daß sich die Reichen bei ihrem Reichtum sehr wohl befinden; und wir wissen auch ganz gut, warum sie uns vor den Gefahren des Reichtums warnen: Sie fürchten, wir tönnten eines Tages das„ Eichelnfressen" satt haben und mit Nachdruck unseren Anteil an den Gütern der Erde verlangen. Und dann müßten sie mit weniger vorlieb nehmen. Daher also das heuchlerische Getue. Merkt ihr nun, daß diese anscheinend harmlose Fabel ein Werkzeug ist in der Hand derer, die uns im Elend zurückhalten wollen? Seid wachsam und schärft eure Sinne! Dann werdet ihr manche Blüte entdecken, die trotz ihrer schönen Farbe einen Tropfen Gift im Kelche führt. Ich aber werde euch dabei behilflich sein und an dieser Stelle von Zeit zu Zeit Proben mitteilen, an denen ihr lernen tönnt, wie man heute bemüht ist, den Kindern des Volkes durch die Schule das Hirn zu verkleistern. Brand. Diejenigen aber, die eine ernsthafte Alpen Gl liebe im Herzen tragen, nicht bloß der Flatter herrschaft der Mode frönen, die sagen zu sich de selbst um diese Zeit: Jetzt ist meine Stunde stu gekommen. do So ergriff auch ich den Bergstock zum großen we Jubel meines Schnauzerhündchens, das mich g. auf solchen Ausflügen begleiten darf und vor hi Freude außer sich kommt, sobald ich die Loden we ioppe anziehe und den Tornister hervorhole. mi Ahnungsloses, armes Tierchen! Du hättest de deine wilden Luftsprünge und dein fast jauch G zendes Bellen gespart, hättest du voraussehen Fu können, welche Not dir diesmal bevorstand. zu Aber auch ich wußte es ja nicht, und so traten mi wir beide wohlgemut unsere herbstliche Wande Lu rung an. be Schon auf dem Dampfschiff des Thuner Sees, du den wir am späten Nachmittag befuhren, zeig ro ten sich die Eisgipfel der Hochalpen in einer St Klarheit, wie sie in diesem ganzen, doch so Vi wunderbar schönen Sommer niemals gestrahlt D hatten. Man mochte glauben, plößlich mit di Adleraugen beschenkt worden zu sein, wenn H man imftande war, auf der fernen Schneewand bl des Mönch oder des Eiger gleichsam die Furchen zu zählen, in denen die Staublawinen zu Tal fahren. Interlaken ließ ich links liegen und ging von der obersten Dampfschiffstation des Thuner Sees gleich geradeaus an jenem Abend noch zu Fuß nach Lauterbrunnen. Rosig erglühte im letzten Abendschein über der schon dunklen Talschaft die das Land gleichsam absperrende Jungfrau. Dann erbleichte sie plöglich, und bis Lauterbrunnen war mein nächtlicher Weg nur durch zwei Erscheinungen belebt: die in unbeschreiblicher Klarheit funkelnden Sterne hoch oben und hier und da ein Aufleuchten weißen Schaumes in dem wilden Bergwasser, in der Lütschine, deren Rauschen das ganze Tal erfüllte. Der nächste Morgen brachte mich auf die Höhe der Kleinen Scheidegg, an Wengernalp vorüber. Das im Hochsommer oft so beschwerliche Steigen wie leicht ging es heute bei fühlem, aber ganz hellem Herbstwetter vor sich. Jenseits der Schlucht, welche die Wengernalp von den nahen Gletschern der Jungfrau trennt, be be un sa F 111 ra 3 he to fc sc de & g hi di tr S Für unsere Kinder 27 en sah ich durchs Fernrohr vier tapfere Männer| Seil zuwerfen, dessen anderes Ende der Führer sich auf dem Eise des Jungfraujoches empor- fest in den Händen hielt, und so fletterte ich arbeiten. Sie hatten den beschwerlichsten, in ihm nach, innerlich erfreut, daß ich an dieser od diesem Jahre noch von niemand begangenen glatten Wand wenigstens nicht bergab zu gehen gen Weg ausgewählt. Unter Weg" sind natürlich brauchte. ge nur die Stufen zu verstehen, die sie Schritt für Schritt mit ihren Eispickeln sich in den en Gletscher ausmeißelten. " Kaum stand ich oben, als ein jammervolles Winseln mich erinnerte, daß da unten noch einer sei, der ohne Hilfe nicht heraufgelangen fönne. Mein armes Schnauzerchen! Was war zu tun? Ihm das Seil zuwerfen, daß er es mit den Zähnen fasse und sich herausziehen lasse? Er ist ein gescheites Hundevieh; aber das wäre doch zu viel von ihm verlangt gewesen. Es blieb nichts übrig, als daß entweder der Führer oder ich uns noch einmal zurückwagten und den Hund heraustrugen. Aber ich traute mir's nicht zu, an der steilen Eiswand heil hinunter zu gelangen, und jedenfalls konnte ich nachher den Hund nicht hinauftragen. Hatte ich doch vorhin bei freien Händen Mühe genug gehabt, die Kletterei glücklich zu beenden. ter Angesichts solcher Leistungen da drüben an sich der Jungfrau, wo eben jetzt, um die Mittagsnde stunde, in Pausen von nur zehn Minuten zwei donnernde Lawinen niedergingen, fonnte ich Ben wahrhaftig nicht den gewöhnlichen, allbegan ich g.nen Touristensaumpfad nach Grindelwald bot hinabtrotten. Ein Führer fand sich glücklicheren weise auf der Scheidegg im Wirtshaus, und ole mit ihm schlug ich den längs der Felswand test des Eiger sich hinziehenden Weg nach dem ch Grindelwalder Eismeer ein, nur rüstigen Den Fußgängern ratsam", wie in den Reisebüchern nd. zu lesen steht. Nun! rüstig genug fühlte ich ten mich in dieser herrlichen, die Nerven stählenden de Luft, und mit wahrer Lust schritt ich hinter Also war es jetzt an mir, das Seil zu halten, dem Führer über Matten, bergauf, bergab, an dem der Führer sich hinabließ, um das es, durch Steingeröll, durch ausgeblühte Alpen- Hündchen zu holen. Aber siehe, sowie sich der ig rosenfelder und über jene abschüssigen glatten Führer dem ängstlich uns beobachtenden Tiere er Steinplatten, die einmal in der Breite einer näherte, nahm es vor ihm Reißaus und lief so Viertelstunde alle Vegetation unterbrechen. mit wütendem und doch zugleich bangem Gebell hit Das ging so mehrere Stunden lang, immer in zurück auf den Weg, von wo wir gekommen mit die Höhe. Und hier war mir die für den waren, vertroch sich unter ein Felsstück und n Herbst seltene Freude beschieden, eine noch dann, als der Führer es dort fassen wollte, nd blühende, blaßrote Alpenrose zu pflücken. Erd- unter dichtes Dorngebüsch; furz, es ließ sich Die beeren aber und Heidelbeeren gab es in Menge. nicht fangen, weil es offenbar um feinen Preis Nun gelangten wir an das Gismeer, das in den Gletscher betreten wollte. Zu spät erinnerte der Breite und in der Länge die Ausdehnung ich mich, daß es mir schon einmal am Bossomon ungefähr einer Stunde hat. Aber der Gletscher gletscher des Montblanc eine ähnliche Szene er sah nicht gut aus. Statt uns eine geneigte gespielt hatte. Dort aber hatten wir Zeit vollch Fläche zuzukehren, wies er uns zum Willkomm auf gehabt. es war vormittags gewesen im nur einzelne hohe, sägeartig oder turmartig Hochsommer- und so hatten wir damals nicht ragende Zacken. Die sonst zwischen diesen geruht, bis wir das Tier eingefangen hatten, de Backen bestehende Verbindung war in diesem und dann trug es der savoyische Führer über heißen Sommer stark abgeschmolzen. Wie den ganzen Gletscher. kommen wir da hinauf?" fragte ich. Der Führer schüttelte den Kopf, sagte aber doch:„ Es wird ch schon gehen." Und nun wählte er den solidesten der Eistürme aus und begann ihn mit dem Gispickel zu bearbeiten. Als er ein paar Stufen gehauen hatte, kletterte er mittels derselben höher, hieb weitere Stufen und gelangte durch diese systematisch und mit großem Geschick betriebene Arbeit wirklich auf die Spitze des Gisturmes, von wo aus er mir zuries, daß es nun schon leichter gehen werde, die nächste Spize und von dort die ebenen Flächen des Gletschers zu erreichen. Ich ließ mir also das en te en id eg n= en er e. ie P I ei . P t, " " Hier war die Lage eine ernstere. Schon glühte jener ungeheure Eis- und Schneezirkus, der in gewaltigem Ring das Eismeer umfaßt, im letzten Abendschein eines furzen Herbsttages. Der Führer erklärte, daß die Dunkelheit uns nicht auf dem Gletscher überraschen dürfe; denn selbst bei Tageshelle werde es ihm einige Mühe fosten, den rechten Weg zum überschreiten ausfindig zu machen. Fast täglich verändert sich ja ein Gletscher, neue Risse und Schründe entstehen über Nacht. Das fanonenschußähnliche Donnern, das solche Veränderungen begleitet, tennen alle Hochtouristen, die eine Nacht in 23 ssiir nnse der Nähe eines Gletschers zugebracht haben. «Wir müssen den Hund zurücklassen"— das war endlich die bestimmte, keinen Widerspruch mehr duldende Erklärung meines Führers. Ungern ergab ich mich darein. Mein einziger Trost war das Vertrauen auf die Intelligenz meines Hündchens, und außerdem gelobte ich mir, anderen Tages von Grindelwald hinauf zusteigen und alsdann den armen kleinen iterl aus seinem ungeheuren Gefängnis in der Wild nis des Gebirges zu erläsen. Noch ein letztes angelegentliches Locken. Vergebens! Wohl kam das Tierchen winselnd zum Vorschein, aber fassen ließ es sich nicht. „Also weiter in Gottes Namen!" Wir überschritten das Eismeer unter man cherlei Schwierigkeiten, die noch größer gewesen wären, wenn wir dabei den Hund hätten tragen müssen. Eine volle Stund« brauchten wir; noch oft mußten Stufen gehauen werden; auch tat das Seil gute Dienste. Während dieser Zeit gellten fortwährend von der Seite her, die wir verlassen hatten, Jammertöne des Hündchens, und wir konnten beurteilen, daß das Tier, je nachdem wir aus dem Gletscher stiegen oder abwärts gingen, uns am Ufer des ge frorenen Stromes aufwärts und abwärts folgte. Jenseits des Eismeeres befindet sich»in nur im Sommer geöffnetes kleines Wirtshaus«Zur Bäreck". Dort hatten wir wieder festen Fels unter den Füßen und eilten nun bei pfeilschnell zunehmender Dämmerung auf einem gut er haltenen Pfade dem Tale von Grindelwald zu. Hierbei unterließ ich nicht, immer in kurzen Pausen, so laut ich konnte, über den Gletscher hin meinen Hund bei seinem klassischen Namen («Argos") zu rufen. Und bald hatte ich die große Freude, ihn mit herzhaftem Gebell ant worten zu hören. Es unterlag keinem Zweifel, auch er suchte sich dem Tale zu nähern, immer freilich von uns getrennt durch den bis hinab sich ziehenden, unüberschreilbaren Gletscher. So begann ich auf eine Vereinigung unten im Talgrunde zu hoffen. Aber ich brachte einen letzten steilen Felsabsturz nicht in Anschlag, der überm unteren Grindelwaldgletscher jede Verbindung zwischen dem Gebirg und der Taljchaft auf dieser Seite aufhebt. Zwar gibt es an einer Stelle der Felswand eine Leiter, und der Führer meinte auch, daß ein Hünd chen vielleicht seitlich von der Fluh durch ge schickte Benutzung einzelner schmaler Rasen bänder und gewisser vom Schnee- und Regen wasser ausgehöhlter Rinnsale unter besonders glücklichen Umständen zu Tal gelangen könnte. Kinde? Aber über Leitern gehen nur dressierte Hund» im Hundetheater, und nun vollends bei Nacht. wie sie jetzt herrschte, wie sollte da das arm« kleine Tier die Stellen ausfindig machen, die ihm vielleicht ein Hinabspringen gestatteten� Trotz dieser Überlegung hörte ich aber nickt auf, es mit Zuruf zu locken, hauptsächlich damit es wisse, wohin ich gegangen, und damit es mir am nächsten Morgen vielleicht folgen könne- Das Hündchen beantwortete jeden Ruf mit scharfem Geheul, indessen immer von derselben Stelle aus, so daß wir sicher annehmen mußten. es befinde sich an einem Orte, von wo aus bei herrschender Dunkelheit ihm irgendwelches Weitergehen zu gefährlich scheine. Da gab ich das Locken auf, und betrübt über dieses Ende meines Ausfluges, folgte ich dem Führer nach Grindelwald hinab, wo ich im Gasthof»Zum Adler" Quartier nahm. Mein Zimmer ging nach dem Gebirge hinaus, das jenseits der Lütschine aus der Finsternis mit mattem Schneeglanze herüberschimmerte. In später Nachtstunde lag tiefe Stille über der Landschaft; nur gedämpft drang das Rauschen des Flusses zu mir herauf. Da— plötzlich durch diese tiefe Stille aus weiter Ferne her ein lang gezogener Klageton, der mir allen Schlaf ver trieb trotz der Ermüdung nach solchem elf-s stündigen Wandern im Gebirge. Kein Zweifel,! das war mein treues Tier, das dort droben auf dem Felsen nach mir heulte und seine Ein-; samkeit bejammerte. In der Fluglinie war die Entfernung wirklich nicht so groß, daß man sein Geheul nicht hätte vernehmen sollen, und dann wird die Akustik noch besonders verstärkt durch die halbkreisförmig« Gestalt jenes Ge birges. Einen Augenblick hatte ich die Regung, durch einen starken, meinem Hunde wohlbe kannten Pfiff zu antworten. Aber ich sagte mir, daß ich damit die. Sehnsucht des Tieres nur vergröbern würde, ohne ihm augenblicklich helfen zu können. Also verhielt ich mich still und legte mich nieder, um morgen mit frischen. Kräften den treuen Gesellen von seiner«Mar- tinsivand" erlösen zu können. Es war wieder ein wundervoller Herbst- j morgen oder eigentlich ein unbeschreiblich schöner Sommertag ohne jede Spur von Nebel,; als ich frühzeitig mich erhob. Das erste war natürlich, nach dem Berge hinüberzulauschen. Aber dort war alles still. Hatte das Hünd chen sich ruhig in sein Schicksal ergeben, und schlief es vielleicht unter irgend einer alte» Wettertanne, bis ich es holte? Oder war es in der Nacht bei einem Versuche, den Weg Für unsere Kinder 29 ins Tal herabzutasten, in einen Abgrund ge-| Tannennadeln, seine armen Füße waren an fallen und bereits verendet? Auch Füchse oder den Ballen rot und geschwollen; auch eine die in den Klüften des Eiger nicht allzu sel- Bißwunde hatte es am Nacken, und so ab tenen Raubvögel konnten sich an das zu wirt gemagert sah es aus, daß wir sofort begriffen, samer Verteidigung wenig befähigte kleine Tier es habe seit Freitag bis Montag nichts mehr gewagt haben, deffen Stimme schon der Herold zu essen bekommen. Wir trockneten es ab, wir seiner Schwäche" war. gaben ihm Milch zu trinken, wir badeten es später und glätteten sein straubiges Fell, und bei alledem schien es uns viel, unendlich viel erzählen zu wollen, was es leider verschweigen mußte. Seither weiß ich, zum Teil durch direkte Mitteilungen von Gasthofbesitzern im Oberland, daß das Hündchen, ohne irgendwo sich greifen zu lassen, vom Eismeer bei Grindelwald den Weg längs der Eigerwand nach der Kleinen Scheidegg zurückgelaufen ist, von dort über die Wengernalp nach Lauterbrunnen, dann die Straße hinab über Unspunnen an den Thuner See, weiter längs dem See die vielen Stunden bis Thun und von dort noch gute fünf Stunden nach Bern. Unter solchen Zweifeln stieg ich am Gebirge empor, diesmal auf der Seite des Gletschers, wo ich gestern den Hund verlassen hatte. Mein Rufen war umsonst. Bis zu jener legten Felswand drang ich vor, wo er noch nachts geweilt hatte. Kein Bellen, kein Winseln antwortete mir. Hier also konnte der Hund nicht mehr weilen. Somit fehrte ich eine Strecke zurück und stieg nun auf der anderen Seite des Gletschers wieder bis zu dem kleinen Wirtshause zur Bäreck" empor, wo ich in der Mittagsstunde anlangte. Die Leute daselbst versicherten mich, sie hätten einen Hund in der Nacht heulen hören bis gegen Morgen um vier Uhr, dann nicht mehr. In gedrüdter Stimmung trat ich den Rückweg an, immerhin nicht unempfänglich für all den unbeschreiblichen Glanz der mich umgebenden herrlichen Hochgebirgswelt und oft mich auch leiblich erquickend an den eiskalten Wässer chen, die da und dort dem Felsgestein entspringen. Den späten Nachmittag und Abend verbrachte ich noch mit Suchen am oberen Grindelwaldgletscher und mit Ausschreiben meines Tieres durch Zeitungsinserate und durch Postkarten an mir bekannte Gastwirte. Anderen Tages tehrte ich nach Bern zurück, zu Fuß von Grindelwald bis an den Spiegel des Thuner Sees, von dort aus mit Dampfschiff und Eisenbahn. Eine fleine Hoffnung lebte noch in mir, ich würde zu Hause den Hund antreffen, der am Ende allein den Heimweg mochte angetreten haben. Personen, denen ich davon sprach, lachten mich aus.„ Ein so fleines Tier! Wo denten Sie hin?" Wirklich war er auch nicht da, und meine Hausgenossen teilten meine Betrübnis. Da am Morgen bald nach sechs Uhr welcher Schrei ertönt vor der die Wohnung absperrenden Glastür? Und ein Stoßen, Poltern, Krazen! Alle liefen wir auf den Flur des Hauses, so wie wir eben aus dem Bette kamen. Schnell die Tür auf! Ah! Wahrhaftig er ist's! Ich kann diese Mitteilung mit der erfreu lichen Meldung beschließen, daß schon nach zwei Tagen mein Hündchen sich vollständig erholt hat. Verschiedene Blätter haben seiner Leistung Erwähnung getan; auch find ihm persönlich" einige Gratulationstarten zugesendet worden, ohne daß sein Charakter durch so viel allseitig ihm gespendetes Lob im geringsten wäre verdorben worden.* Meeresstrand. Bon Theodor Storm. Ans Haff nun fliegt die Möwe, Und Dämmrung bricht herein; über die feuchten Watten Spiegelt der Abendschein. Graues Geflügel huschet Neben dem Wasser her; Wie Träume liegen die Inseln Im Nebel auf dem Meer. Ich höre des gärenden Schlammes Geheimnisvollen Ton, Einsames VogelrufenSo war es immer schon. Noch einmal schauert leise Und schweiget dann der Wind; Vernehmlich werden die Stimmen, Die über der Tiefe sind. Mit einem zweiten Schrei sprang das gute Tier in unsere Mitte, uns alle gleichsam auf einmal begrüßend. Dann sant es hin. Es war durch und durch naß, da in der Nacht starker Regen gefallen war; sein Belzchen steckte voll feld, Hubers Verlag. * Aus ,, Spaziergänge in den Alpen". Frauen 30 30 Für unsere Kinder Stiefel auf der Reise. Die beiden feinen Stiefel in der Ecke konnten sich von ihrer unangenehmen Überraschung gar nicht erholen. Als sie auf dem Bahnhof in das vornehme, mit rotem Plüsch gepolsterte Abteil erster Klasse eingetreten waren, hatten sie mit Befriedigung gesehen, daß sie die alleinigen Inhaber des ganzen Abteils waren. Im Vorbeiaehen hatten sie vor den Abteilen der dritten Klasse arges Drängen und Schimpfen vernommen, da die Plätze für die vielen Leute, die nur dritter Klasse fahren konnten, nicht ausreichten. Auch in der zweiten Klasse, in die sie einen flüchtigen Blick geworfen hatten, saßen die etwas nobleren Leute ziemlich gedrängt. Um so erhebender war den Stiefeln das Bewußtsein, daß sie an den Füßen ihres reichen, gräf lichen Herrn stolz und vornehm in das Coupé erster Klasse hatten schreiten können. Von dort schauten sie neugierig und erhaben auf die eiligen, erhitzten und unzufriedenen Gesichter der Leute, die sich mit einem scheuen Seitenblick in die erste Klasse auf dem schmalen Gang hin und her drängten. Eine Stunde hatten die Stiefel in dieser beschaulichen Ruhe zugebracht. Bald hatte ihr Herr das linke Bein über das rechte geschlagen, bald das rechte über das linke, bald hatte er die beiden Stiefel auf das gegenüberliegende Polster gelegt und ihr weiches, schmiegfames, glänzendes, weißlich- braunes Leder mit einem liebevollen Blick durch das Einglas betrachtet. Da, turz nach einer Station, kam das Unerhörte. Roh und unhöflich wurde die Tür des Abteils aufgerissen, und der Schaffner sagte zu mehreren Fahrgästen:" Dann nehmen Sie nur hier Platz!" Und dann drängten sich einige Menschen herein, aufgeregt und unbeholfen. Man merkte es ihnen sofort an, daß sie noch niemals in der ersten Klasse gefahren waren. Was ihr Herr innerlich dachte, sahen die beiden Stiefel sofort an seinem Gesicht. Wie verächtlich rümpfte er die Nase! Und dann sah er zum Fenster hinaus! Die Stiefel tonnten aber nicht so hoch schauen, da sie jetzt unten nebeneinander auf dem Fußboden stehen mußten. Dafür sahen sie jetzt ebenso hochmütig und verächtlich wie ihr Herr auf die sechs Stiefel, die zu ihnen ins Coupé gekommen waren. Was waren das für unfeine, grobe und abgearbeitete Stiefel! Das eine Paar mußte von einem Dorfschuster gemacht worden sein. Es waren derbe Schaftstiefel mit dicken Sohlen und plumpen Absätzen. Und als sie sahen, daß die beiden feinen Stiefel sie firierten, rückten die beiden dicken Kanonen ängstlich und verlegen aneinander und frochen so weit wie möglich unter den Sitz. Ihr Herr schien ein Dorfschulze, ein ehemaliger Feldwebel zu sein. Das zweite Paar sah auf den ersten Blick elegant aus. Es war noch neu und glänzte grell. Aber die beiden feinen Stiefel merkten doch sofort, daß die Eleganz nur erborgt war, daß nichts Reelles dahinter steckte. Es war Massenware aus einer Fabrit, aufgedonnert, aber ohne inneren Halt. Nach dem ersten Regen würden sie unansehnlich sein, und bald ist dann das Leder überall rissig und geborsten. Der Mann, der sie trug, schien ein junger Kaufmann auf Reisen Die beiden Fabritstiefel wollten sich nicht merken lassen, daß sie eigentlich nicht in die erste Klasse hineingehörten. Sie bewegten sich geziert und gespreizt und lachten sich verlegen und albern an, als sie die hochmütigen Blicke der beiden feinen Stiefel auf sich ruhen fühlten. Diese beiden waren von dem Eindruck, den sie bisher gemacht hatten, einigermaßen befriedigt. Aber sie wollten den übrigen Stiefeln doch noch zeigen, daß sie nichts mit ihnen zu tun hatten, und daß sie nicht etwa auch nur aus Zufall in die erste Klasse geraten waren. ,, Das Reisen ist doch eine unangenehme Sache," sagte der linke zum rechten, mit was, für Volk man da so zusammen tommt!" „ Ja ja," antwortete der rechte,„ das, ist schlimm. Aber es sollte eigentlich verboten werden, daß Stiefel aus der dritten Klasse in der ersten Klasse fahren dürfen." " Hahaha!" Entrüstet blickten die beiden feinen Stiefel auf, als sie durch dieses höhnische Lachen unterbrochen wurden. Sie schauten zuerst die beiden Kanonen an, die sich aber furchtsam noch weiter zurückzogen. Dann musterten sie hochmütig die beiden aufgedonnerten Fabrikstiefel, die ihnen aber auch durch eine ängstliche und verlegene Miene zu verstehen gaben, daß sie sich nicht so unpassend benommen hätten. Dann fiel ihr Blick auf das dritte Stiefelpaar, das sie bisher noch gar nicht beachtet Für unsere Kinder hatten. Es war am weitesten von ihnen entfernt, zum Teil verdeckt durch die großen Kanonen. Die beiden feinen Stiefel reckten die Hälse und setzten ihre hochmütigste Miene auf, um die beiden Missetäter sofort in Grund und Boden hineinzubohren. Aber wer beschreibt ihren Schrecken! Die beiden Stiefel knickten nicht zusammen, sondern sie lachten sie erneut aus und riefen ihnen zu: " Habt euch nur nicht so, ihr beiden eingebildeten Laffen!" Fassungslos sahen sich die beiden feinen Stiefel an. So etwas war ihnen noch nicht vorgekommen. Sie waren an Respekt, an Gehorsam, an Unterordnung gewöhnt. In den Hotels behandelten die Hausburschen sie immer mit ganz besonderer Vorsicht und sagten zueinander: " Dunnerwär, dat sünd aber feine Dinger! Wat de woll fost't hem't!" Und jetzt geschah ihnen so etwas! Und noch dazu von Stiefeln dritter Klasse! Denn das waren sie sicher; sie waren zwar, wie es schien, von ganz gutem Leder, aber alt und abgearbeitet waren sie. Sogar ein ganz ordinärer Riester saß an dem linken Stiefel. Und solche gewöhnlichen Stiefel wagten, sie, die feinen, teuren Stiefel auszulachen und zu beschimpfen! Sie richteten sich stolz auf, und dann sagten sie mit vornehmer Würde und beleidigender Kälte: „ Sie wissen wohl nicht, mit wem Sie es zu tun haben? Und wie man sich in der ersten Klasse benimmt, scheinen Sie auch nicht zu wissen!" Die dicken Kanonen glotten furchtsam auf die beiden feinen Stiefel, und die beiden Fabrikstiefel warfen sich in elegante Pofitur. Die beiden geflickten Stiefel in der Ecke aber sagten mit spöttischem Lachen: Mit wem wir es zu tun haben? Mit zwei aufgeblasenen Faulenzern, die nicht wissen, wie die Arbeit aussieht und wie schwer sie ist. Und wie wir uns zu benehmen haben? So, wie wir es für gut halten, und nicht, wie es zwei Tagedieben gefällt!" Den beiden feinen Stiefeln verging bei diesen Worten der Atem. So etwas hatten sie noch nie erlebt! Und dabei mußten sie noch sehen, wie die beiden dicken Kanonen ein ganz klein wenig lachten, und auch die beiden Fabritstiefel nickten den beiden frechen Spöttern aufmunternd zu. 31 Deshalb freuten sich die beiden feinen Stiefel, als ihr Herr aufstand und in den Speisewagen ging. 3war mußten sie dabei an den beiden frechen Stiefeln vorbei, aber sie machten einen weiten Bogen um sie herum und guckten sie nicht an. Nur das laute und lustige Lachen der beiden geflickten Stiefel schallte ihnen noch im Gange nach, bis der Zug über eine Brücke donnerte und dabei alles sonstige Geräusch verschlang. Ernst Almsloh. 000 Zwei Treibhauspflanzen. Von Gebe. ( Schluß.) Das Kind war allein mit dem Gänseblümchen. Als nun das blasse Tageslicht noch mehr erblaßte und die Dämmerung hereinbrach, da stüßte sich die Kleine auf einen Arm und begann zu der Blume zu sprechen, denn Kinder und Blumen verstehen einander. ,, Liebes Gänseblümchen," sagte das Kind, erzähle mir doch von den Wiesen, wo du gewachsen bist! Hier ist die Straße so eng, und die Häuser sind so hoch, daß ich fast niemals den Himmel und die Sonne sehe. Du weißt, wie blau der Himmel draußen auf dem Lande ist, und wie hell die Sonne dort scheint. Du weißt, wie die goldgelben Ahrenfelder und die grünen Wiesen aussehen. Du kennst die lieben Vögel und die hübschen Schmetterlinge und die kleinen drolligen Grillen. Ich habe das alles nur einmal gesehen, aber ich habe es niemals vergessen. Erzähle du mir nun davon, liebes Gänseblümchen!" Wenn eine Blume Herzeleid empfinden kann, so empfand es das Gänseblümchen in diesem Augenblick, weil es nichts von alledem wußte, wonach das Kind sich sehnte. Ach," seufzte es leise, ich kenne die Felder und die Wiesen nicht; Vögel und Schmetterlinge sind mir fremd; den blauen Himmel und die Sonne habe ich nie anders als durch ein gläsernes Dach gesehen; ich bin ja nur eine Treibhauspflanze." ,, Arme Blume," erwiderte das Kind ,,, Papa sagt, ich wäre auch eine Treibhauspflanze, weil ich zwischen engen Mauern aufwachse, anstatt mich im Freien zu tummeln. Papa sagt, deshalb wäre ich so bleich und mager und altflug, gerade wie du, kleines Gänseblümchen, das jetzt im Februar blüht, während die anderen Blumen noch schlafen. Ach, wie schön wäre es, wenn wir zwei zusammen auf das Für unsere Kinder Land gehen könnten! Aber erzähle mir, was du weißt, kleine Blume." So erzählte das Gänseblümchen alles, was es wußte, von dem Treibhaus und den anderen Blumen. Es erzählte von dem prächtigen Blumenladen und dem bunten Leben und Trei ben aus der Straße, und schließlich erzählte es von dem wunderbaren Abend, den es in dem großen glänzenden Hause verlebt hatte. „Wie schön müssen doch die Häuser reicher Leute sein," rief die Kleine;„tut es dir nicht leid, mein Gänseblümchen, daß du von dort fort mußtest?" „Nein, es tut mir nicht leid," sagte die Blume, „denn dort hatte mich keiner so lieb wie du, und ich will dich nie mehr verlassen. Und die bxiden blieben beisammen. Des Kin des Mutter pflegte liebevoll die kleine Kranke und begoß sorgsam die Pflanze, und als die Kleine wieder kräftig genug war, dann und wann ein Stündchen aufzustehen, setzte sie beide zusammen ans Fenster, wo sie die Sonne sehen konnten. Der Doktor kam von Zeit zu Zeit und sagte mit zufriedenem Lächeln, daß es seiner kleinen Patientin viel, viel besser ginge, daß sie nur viel frische Luft und Bewegung haben müsse, wenn der Frühling käme. Frau Melbach kam häufig und gern, denn bald fühlte sie sich in diesem ärmlichen Zimmer neben dem Kinderbetrchen glücklicher als in ihrem eigenen, prächtigen Heim. Oft saß sie stundenlang neben der Kleinen, erzählte ihr Geschichten, oder spielte mit ihr mit dem hüb schen Spielzeug, das sie ihr mitgebracht hatte. Ehe sie ging, betrachtete sie immer den Gänse blümchenstock, und einmal pflückte sie eine der zarten Blüten und steckte sie an ihren Busen.— Es war Anfang Frühjahr. Die Luft war erfüllt von dem süßen, unbestimmten Dust der wiedererwachenden Natur. Selbst in dem ge räuschvollen, düsteren Arbeiterviertel der Groß stadt, wo es keinen Baum und keinen Strauch, ja nicht einmal ein Grashälmchen gibt, war die Luft davon erfüllt. Das Fenster des Kranken zimmers war weit geöffnet, und ein Sonnen strahl, der hereindrang, färbte die bleichen Wangen des Kindes und die Blüten der Pflanze mit einem Schimmer von Gold. Neben dem Kinde saßen zwei Frauen; die eine trug ein seidenes Gewand, die andere trug ein Werktagskleid aus grobem Kattun, aber beide sahen froh und zufrieden auS, und die eine Frau sprach zu der anderen: „Der Arzt sagt, Ihr kleines Mädchen braucht irische Luft und Bewegung uud nahrhafte Speisen. Lassen Sie mich die Kleine mit aufs Land nehmen, und ich will ihr alles geben, was sie braucht. Ich weiß, eS wird Ihnen schwer, sich von ihr zu trennen, aber, glauben Sie mir, ich werde sie Ihnen im Herbst zurück bringen, kräftig und blühend und gesund! Ich habe keine eigenen Kinder, und ich liebe Ihr kleines Mädchen. Lassen Sie mich eine Zeit lang für sie sorgen und sie mit mir nehmen!" Die Mutter nickte. Sie war zu bewegt, um zu sprechen; und die beiden Frauen sahen ein ander in die Augen, während diezarte, schmale Hand der reichen, kinderlosen Frau in der rauhen, arbeitsharten der armen Mutter ruhte. Draußen auf dem Lande, wo die Gänse blümchen wachsen, steht ein kleines ländliches HauS, einfach aber traulich. Durch seine weit geöffneten Fenster weht die frische Bergesluft und dringt der goldene Sommersonnenschein; ein Gärtcken umgibt es, und Reben ranken sich daran empor. Im Garten steht eine Frau in lichtem Sommerkleid, ihre Augen werden von einem großen Gartenhut beschattet. Sie begießt eine üppige Gänseblümchenpflanze, die dicht neben der Haustür gepflanzt ist, und ihre Augen ruhen liebevoll auf einem kleinen Mädchen, dasein ihrer Nähe spielt. Das kleine Mädchen sieht gesund und glücklich aus. Sein goldenes Haar weht im Winde, und seine Wangen glühen im Eifer des Spieles. Zwei Treibhauspflanzen sind endlich daheim, auf dem Lande, am Herzen der Natur, das Kind und das Gänseblümchen. ovo Die kleine Sex. Morgens früh um sechs Kommt die kleine Hex. Morgens früh um sieben Schabt sie gelbe Rüben, Morgens früh um acht Wird der Kaffee gemacht. Morgens früh um neun Geht sie in die Scheun'. Morgens früh um zehn Holt sie Holz und Spän', Feuert an um elf, Kocht dann bis um zwölf Fröschebein und KrebS und Fisch: Hurtig, Kinder, kommt zu Tisch! Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Zetkin(Zundel), WUHelmShöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Druck und Verlag von Paul Singer in Stuttgart.