Für unsere Kinder Nr. 5ooooooo Beilage zur Gleichheit oooo ooo 1909 Inhaltsverzeichnis: Ein Lied aus alter und Nur die Menschen konnte sie nicht so recht neuer Zeit. Von Emanuel Geibel.( Gedicht.) leiden. Dann und wann kamen ja liebe, Die Kiefer. Bon Fr. Pritschow. Spiele der muntere Kinder, die sangen mit den Vögeln Tiere. I. Bon ed. Alte Geschichten. Von um die Wette, sprangen und tanzten um die Friedrich Wilhelm Weber.( Gedicht.) Die Bäume und versteckten sich hinter den SträuBamsen. Von Robert Grötzsch. Wind! II. Von B. D. Die Geschichte von Karr und Grau- chern. Sie scheuchten das Eichhörnchen aus fell. Bon Selma Lagerlöf.( Schluß.)- Staro. seinem Neste und freuten sich über seine lustigen Von Emma Dölz.( Gedicht.) Sprünge, fie liefen den Schmetterlingen nach furz, sie waren so recht nach dem Herzen der Kiefer. Oft sah diese auch Leute, die keinen Ein Lied aus alter und neuer Zeit. Sinn für die Schönheiten des Waldes hatten Von Emanuel Geibel. Sieh, das ist es, was auf Erden Jung dich hält zu jeder Frist: Dass du ewig bleibst im Werden, Wie die Welt im Wandeln ist. Was dich rührt im Herzensgrunde, Einmal kommt's und nimmer so; Drum ergreife kühn die Stunde, Heute weine, heut sei froh! Frei dich wandelnd und entfaltend, Wie die Lilie wächst im Feld, Wachse fort und nie veraltend Blüht und klingt für dich die Welt. 000 Die Kiefer. Eine alte Kiefer steht abseits von ihren Schwestern an einem Gartenhaus und bewegt traurig ihre Zweige. Sie hatte einst bessere Zeiten gesehen. Da stand sie mitten im Walde zwischen anderen Kiefern, einzelnen Eichen, Buchen, Birken und Sträuchern, freute sich mit ihnen ihres Lebens und streckte der Sonne ihre Zweige entgegen. Der Wald war der gastliche Aufenthalt allerlei Getiers: Würmer, Käfer, Spinnen, Schmetterlinge, Raupen, Vögel, Hasen, Eichhörnchen und viele andere ließen sich von den Gräsern, Blumen, Sträuchern und Bäumen des Waldes ihre Nahrung reichen. Und auch die Kiefer bot ihnen, was sie hatte, und ließ sich von ihren Gästen viel gefallen. Sie freute sich, wenn es ihnen schmeckte, und wenn sie sich sicher bei ihr fühlten. und über allerlei dummes Zeug redeten. Das verdroß die Kiefer und sie hüllte sich vor solchen Besuchern in verächtliches Schweigen. Doch recht zornig rauschte sie mit ihren Zweigen, wenn Menschen mit Beil und Säge kamen und viele von ihren Kameraden umschlugen. Manchmal sahen sie auch nach der Kiefer hinüber, die wurde dann ganz still. So war es gekommen, daß ein Baum nach dem anderen verschwunden war, und daß die Kiefer endlich fast ganz allein stand. Die Menschen hatten ihre Häuser zwischen den Bäumen gebaut und immer mehr davon wegschlagen lassen. Nur in den Gärten waren einige schöne Bäume und Sträucher stehen geblieben, darunter auch die Riefer. Kein Eichhörnchen kam mehr zu ihr, und die Eichelhäher tummelten sich nicht länger in ihren Zweigen und flogen nicht mehr krächzend über sie hinweg. Nur Kleinere Vögelchen in grauen und bunten Kleidern blieben da. Sie fanden reichlich ihre Nahrung und sangen in den Zweigen der Kiefer ihr Liedchen. Wenn sie tamen, wetten sie ihren Schnabel an den Asten der Kiefer, hatten sie doch Beeren genascht. Dabei bekam dann wohl die Rinde der Kiefer einen kleinen Riß, in dem ein Samenkörnchen haften blieb, das noch am Schnabel eines Vögelchen geklebt hatte. Das Samentörnchen trieb Kleine Wurzeln und grüne Blätter und nährte sich vom Lebenssaft der Kiefer. Nach vielen Jahren war aus den höchsten Zweigen der Kiefer ein ganzer Busch von grünen Zweigen gewachsen. Es war ein Mistelbusch. Er trug auch wieder Beeren, und die Vögel naschten davon. Nun sah es ganz so aus, als ob die Riefer ein graues Haupt bekommen hätte, denn hoch oben hatte sie ihre Nadeln verloren, weil der Mistelbusch den Asten die Nahrung entzog. 34 Für unsere Kinder Aber der Mistelbusch und der wilde Wein machen der guten Kiefer das Leben schwer. Sie entziehen ihr Luft und Sonnenschein und eigenen Lebenssaft. Immer weniger bleibt für sie selbst übrig. Wenn sie daran denkt, wie ihre Kräfte abnehmen, wird sie traurig und läßt ihre Zweige hängen. Dann kommen die kleinen Vögel und singen von vergangener schöner Zeit, von Lust und Freude, von Kraft und Schönheit. Sie erzählen von den Kindern der Kiefer, die als kleine Bäumchen im weiten Walde stehen und heranwachsen, bis sie eines Tags als hohe, stolze Bäume dastehen. Da schüttelt die alte Kiefer helle Tropfen von ihren müden, dürren Zweigen. Sie weint, aber es sind Tränen der Freude. Und sie sagt dem Winde einen schönen Gruß für ihre Kinder, die im fernen, großen Walde im freudigen Spiel ihre jungen Aste rauschen lassen. Doch den Mut hatte die Kiefer nicht ver-| Vögel und die Fische, ja selbst der träge geloren, sie freute sich noch am Sonnenschein scholtene Esel: sie alle würden ein Leben der und Vogelsang. Nur träumt sie gern von den Untätigkeit nicht ertragen. Wo nicht gearbeitet schönen Tagen ihrer Jugendzeit. Jetzt erst wird, da hört auch am Ende das Spielen auf. weiß sie ganz, wie herrlich es doch damals Ihr denkt gewiß, das Spiel sei nur ein Verwar, da sie mit ihren Kameraden plauderte gnügen, sei nur Freude am Leben. Das Spiel im leisen Winde, und der Mistelbusch noch ist mehr. Für viele junge Tiere ist es die nicht von ihrem Saste zehrte. Viele ihrer Kleinkinderschule, in der sie nach dem großen damaligen Gäste besuchen sie heute noch, und Gelehrten und Tierfreund Krapotkin erst das sie bewirtet sie, so gut fie fann. Allerlei Ge- rechte Benehmen lernen. Was würde aus den würm sitzt in ihrer Rinde, das wieder von jungen Tieren werden, wenn sie nicht im Spiele den Vögeln gefressen wird, die dankbar ein lernten jagen, einander nachsetzen, klettern, tanLiedchen in den Zweigen der Kiefer schmettern. zen, springen, schwimmen, fliegen und sich schaus Den schwachen Ranken des wilden Weinstocks, feln. Würde das Babykäßchen wohl so anmutig der am Gartenhaus emportlettert, bietet sie laufen, klettern und springen lernen, wenn es ihre starken Aste dar, damit er Halt findet und immer fauend und verdauend auf seinen Pfühlen luftig weiter emporsteigt läge? Was würde Meister Lampe sagen, wenn er sich nicht mehr fröhlich im Kreise drehen sollte, wie es seine Art ist? Freilich kommt es ihm dabei vor, daß er sich an seinem Spiele so berauscht, daß er das Heranschleichen seines Erbfeindes Reineke Fuchs nicht bemerkt. Spielend lehrt das Spazenpaar seinen Jungen das Fliegen, indem es ihnen ein fettes Räupchen hinhält und davonfliegt. Brehm, dem bedeutenden Beobachter des Lebens und Treibens der Tiere, erzählt in einem Briefe an Liebe:„ Im Jahre 1871 sah ich um ein Feldgehölz ein Paar Wanderfalken freisen. Das Paar wurde bald der Schrecken für die im Gebiet heimischen Krähen. Ich besuchte bei Gelegenheit meiner Aufnahme fast täglich die Gegend und sah nach acht Tagen, daß der eine Falke allabendlich in jenes Gehölz tam, eine Viertelstunde aufbäumte und dann von Zeit zu Zeit suchend über dem Tale auf und ab strich. Meine Ver mutung, daß das Weibchen weggeschossen sei, bestätigte sich nicht. Nach einiger Zeit fam dieses mit dem Männchen zur gewohnten Stunde zwischen sechs bis sieben Uhr abends ins Gehölz, und zwar in Begleitung zweier Jungen, welche noch so unbeholfen waren, daß sie beim Ausbäumen nicht immer rasch das Gleichgewicht fanden. Nach kurzer Zeit strichen die beiden Alten ab, um spielend gegen den Wind zu kreuzen: ein wunderbares Schauspiel, welches ich schon einmal in Norwegen und einmal hier von dem Männchen desselben Paares hatte ausführen sehen. Das Männ chen zog bald davon, während das Weibchen seine prachtvollen Schwenkungen weiter ausführte, dabei den Jungen immer näher kam, bis es endlich in schrägem Stoße das eine vom Aste streifte, ob mit dem Flügel oder mit der Brust, fonnte ich nicht sehen, da mein 000 Spiele der Tiere. I. Fr. Pritschow. Sicherlich kennt ihr alle das Märchen vom Schlaraffenland. Ei, dachte wahrscheinlich so manches Mädel und so mancher Bub', das müßte eine Lust sein! Den ganzen Tag nichts tun als das Mündchen aufsperren und schwupp wieder zumachen, nachdem ein Leckerbissen hereingeflogen ist. Nichts tun als schlecken und spielen! Ja, glaubt ihr im Ernst, daß das ein schönes Leben wäre? Ich meine, daß sich groß und klein bald aus Schlaraffen land fort nach froher Arbeit sehnen würde. Sogar die Tiere würden das Schlaraffenland bald satt haben. Die fleißige Ameise, die emsige Biene, das lustig schwirrende Mücklein, die sskir unsere Kinder 35 Versteck zu entlegen und mein Fernglas doch nicht scharf genug war. Das Junge mußte wollend oder nichtwollend fliegen und ahmt« die Bewegungen der Alten unbeholfen genug nach, bäumte aber bald wieder auf. Darauf warf die Mutter das andere Junge vom Hoch sitz herab und ließ es ebenso wie das erste fliegen. Nach kurzer Ruhe brachte sie bei)e Junge auf einmal zum Arbeiten, flog dabei schräg gegen den Wind empor, ließ sich eine Strecke weit kreuzend treiben, schoß in pracht vollem Bogen senkrecht nieder und wieder schräg empor und übte alle jene Künste, welche zum Spiele gehören. Indem die Jungen die Mutter zu begleiten suchten, ahmten sie täp pisch genug deren Gebaren nach."' Sehr lustig ist es, dem Schwimmunterricht zuzusehen, den die alten Schwimmvögel ihren Jungen geben. Die Alten nehmen dabei ihre Jungen gewöhnlich auf den Rücken und werfen sie dann mitten ins Wasser. Ungemein komisch sind auch die ersten Schwimmübungen der jungen Gänse. Diese haben nämlich eine Heidenangst vor dem Wasser, solange sie nicht schwimmen können, und daher müssen Papa Gänserich und Mutter Gans ihre ganze Gänse weisheit aufbieten, die Wasserscheu ihrer jungen Brut zu überwinden, indem sie diese an das unbekannte Element allmählich gewöhnen. „Sind die Tierchen soweit herangewachsen, daß man sie auf das Wasser führen kann, so führen die Alten sie anS Ufer. Der Gänserich gehl unter fortwährendem Schnattern voran, während die Mutter unter gleichem Schnattern nachschiebt. Nach einer ganz kleinen Schwimm probe werden die Jungen schnell wieder an das Land befördert, und diese Proben werden von Tag zu Tag mit zunehmender Dauer so lange wiederholt, bis die Kleinen von selbst in das Wasser gehen." Wenn die Glucke das Küchlein im Gehen unterweist, so bringt es das Kunststück in 5 bis 3 Stunden fertig. Wird das Küchlein dagegen aus dem Nest genommen, von Mutter und Geschwister getrennt, so muß es sich 3 bis 16 Stunden mühen, bis es sein« Beine richtig gebrauchen kann. Was die alten Tiere als Schulmeister ihrer Jungen tun, wird sehr viel durch die Lust der Jungen erleichtert, die Eltern spiele nachzuäffen. So turnt die Steinmarder mutter ihren Jungen vor. Darüber gibt Brehm eine interessante Schilderung von K. Müller wieder:„In einem Park« stand eine 6 Meter hohe Mauer in Verbindung mit einer Scheune, in der ein Marderpaar mit vier Jungen hauste. Zur Zeit der einbrechenden Dämmerung kam zuerst die Alte vorsichtig hervor, sah sich scharf um und lauschte, schritt sodann langsam nach Art der Katzen einige Schritte weit auf der Mauer dahin und blieb dort ruhig sitzen. Es verging eine Minute, ehe das erste Junge er schien und sich neben sie drückte; ihm folgte rasch das zweite, das dritte und vierte. Nach einer kurzen Pause völliger Regungslosigkeit erhob die Alte sich bedächtig und durchmaß in S bis 6 Sätzen«ine lange Strecke der Mauer. Mit eiligen Sprüngen folgte das kleine Volk. Plötzlich war die Alte verschwunden und kaum meinem Ohre vernehmlich hört« ich einen Sprung in den Garten. Nun machten die Kleinen lange Hälse; unentschlossen, was sie tun sollten. Endlich entschieden sie sich, einen an der Mauer stehenden Pappelbaum benützend, hinabzuklettern. Kaum waren sie unten ange langt, alS ihre Führerin an einer Holunder staude wieder auf die Mauer sprang. Dies mal wurde das Kunststück ohne Zögern von den Jungen nachgeahmt, und erstaunlich war es, wie sie den leichteren Weg in raschem Über blick zu finden wußten. Nunmehr aber begann das Rennen und Springen mit solchem Eifer und in so halibrechender Weise, daß dai Spielen der Katzen und Füchse mir dagegen wie Kinderspiel vorkam. Mit jeder Minute schienen die Zöglinge gelenker, gewandter und entschloffener zu werden. An Bäumen auf und nieder, über Dach und Mauer hin und zurück, immer der Mutter nach, zeigten diese Tiere eine Fertigkeit, die zur Genüge andeutete, wie sehr die Vögel des GartenZ künftig vor ihnen auf der Hut würden sein müssen." Die Fähigkeit der Papageien, alle? nachzu- schwätzen, war schon im allen Rom bekannt. Um sich in die Gunst der Cäsaren zu schmeicheln richteten einfältige, aber vornehm« Römer Papageien ab, Eegenswort« für den Kaiser nachzuplappern. Die amerikanische Spottdrossel ahmt alle gesungenen und gepfiffenen Melo dien nach, ja sogar das Kreischen einer ver rosteten Türangel. Brehm sagt ihr nach, daß sie im Walde den Gesang der Vögel nach ahmt; befindet sie sich aber in der Nähe von Gehöften, dann äfft sie alle diejenigen Klänge nach, die sie vernimmt.„Dann wird nicht bloß das Krähen des Hahnes, das Gackern der Hennen, daS Schnattern der Gänse, das Quaken der Enten, das Miauen der Katzen und das Bellen des Hundes, das Grunzen des Schweines nachgeahmt, sondern auch das 36 Für unsere Kinder Kreischen einer Tür, das Quiefen einer Wetterfahne, das Schnarren einer Säge, das Klappern einer Mühle und hundert andere Geräusche mit möglichster Treue wiederzugeben versucht." ed. 000 Alte Geschichten. Bon Friedrich Wilhelm Weber. Der Abend dämmert, es wirbelt der Wind den Schnee von des Landhofs Dache, Großmütterchen sist am warmen Kamin mit ben Kleinen im trauten Gemache. „ Erzähr uns nun, Großmütterlein!"„ Recht gern, ihr närrischen Dinger, ihr müßt nur brav und bescheiden sein," und mahnend hebt sie den Finger. Dann fängt sie an:„ Es war einmal"- und die Kinder, sie lauschen und lauschen; fie hören das Bellen des Bofhunds nicht und des Sturmes 3ischen und Rauschen, und nicht das Schlagen der Schwarzwalduhr und der Stunde rasches Berrinnen, fie fizzen und horchen mit Mund und Ohr, versenkt in Träumen und Sinnen. Großmutter weiß der Geschichten viel aus fernen vergangenen Tagen, von Riefen und Zwergen, von Burgen und Seen seltsame Märchen und Sagen; von Nigen und Elben, von Rübezahl, Musikanten und Lumpengesindel, und wie Dornröschen in Schlafversant, gestochen von giftiger Spindel. Vom Weibe, das tanzt in feurigen Schuhn, von fieben Raben und Schwaben, vom Aschenbrödel und Drosselbart und Hans, dem glücklichen Knaben; von der großen Stabt tief unter dem See, Bineta, der schlummernden Leiche, auch wohl zum Schlusse vom Meister Till schalt. hafte luftige Streiche. Großmutter weiß der Geschichten so viel, als Blätter auf Büschen und Bäumen, die Kinder lauschen mit Ohr und Mund, versenkt in Sinnen und Träumen, und die Kleine Marie, fie lächelt und schläft. Still wird es im trauten Gemache, und der Wind schläft auch, und die Sterne ftehn hell über des Landhofs Dache. 000 Die Bamsen. Seitdem der Zirkus Brinelli sein Riesenzelt inmitten der Stadt aufgeschlagen hatte, war's aus mit der Sicherheit auf den Straßen. Die Jungen schlugen Rad übers Trottoir hin, wie Der dumme August Bimbo durch die Manege; sie hüpften, gleich großen Känguruhs, im Bocksprung übereinander weg, wie Bim und Bam, die komischen Glowns. Die Mädchen sprangen in ganz gefährlicher Art über das Springsei!, wie die Seiltänzerin De la Plata. Ja, es gab logar teufelsflinte Knaben, die den Krätschsprung über die Bänke der Promenaden wagten und auf den Sandplägen im Salto mortale durch die Luft wirbelten. etwa drei Wochen gezeigt hatte, gab es in der Kurz: nachdem der Zirkus seine tollen Künste Stadt nur noch ganz wenige Kinder, die nach Menschenart auf zwei Beinen ihres Weges gingen. Dafür aber waren die Bänke der öffentlichen Anlagen locker, zertreten, taputt geturnt, und manchmal blieben große Leute auf der Straße schimpfend stehen, weil ihnen wilde, rabschlagende Jungen gegen den Bauch gelaufen waren. Als aber der kleine Gaudernad einer Dame gar einmal im Luftsprung auf den ausgespannten Schirm gehüpft war, passierte etwas: in den Schulen steckten die Lehrer ernste Gesichter auf und verkündeten, fünftig werde jedes Kind bestraft, das die Straße entlang nicht auf zwei Beinen gehe; ein Bein solle so wie früher richtig vor das andere gesezt werden. Das mag eine sehr ungefährliche Art der Fortbewegung sein. Die ist aber selbstverständlich einem Jungen zu findisch, der gelernt hat, Rad zu schlagen und über die Bänke zu frätschen. So zum Beispiel der kleine Gaudernad, der große Gaudernack, Moris Zupan und Dreinagle Mobe, der eigentlich Robert hieß. Diesen wackeren Turnern kam die einfache Gangart auf zwei Beinen schon längst recht altmodisch und gewöhnlich vor. Sie schlugen darum ihre Räder Iuftig weiter, gingen nach Schulschluß noch vor die Stadt auf die Weidenwiese und machten bort so ziemlich alles nach, was im Zirkus vorgemacht wurde. Namentlich die beiden Gaudernacks. Der fleine Fris war ein flobflinker Tausendsassa, der große Mag ein Herkules. Ihr Vater hatte einmal als Zuhörer mitten im Schuleɣamen ftolz und laut gefagt:„ Ja, meine zwaa Bamsen Die wiff'n all's!" Seitdem hieß das Zwillings paar bei Freund und Feinb: die Bamfen. Für unser« Kinder Sie hatte» einen schöneren Namen verdient, denn niindestens ihre akrobatischen Kiinste waren ehrenwert. Große Lente sainmelten sich a», wenn der kleine, schmächtiqe Gandernack wie ein Wind an dein starken Bruder«inpvr- lief, auf seinem breiten Kopfe balancierte und von seinen klobigen Schultern mit einem Salto mortale zur Erde wirbelte. Einmal sagte ein rotnasiger Mann mit verschnupfter Stimme ganz begeistert:„Wirklich, die könnten selber ZirkuS spielen!"— Tie Bamsen, Moritz Zu- pan und Dreinagls Mobe guckten sich groß a», strolchten langsam nach Hause und redeten »nlerivegs heftig aufeinander«in. Als am nächsten Tage der rotnasige Manu die Kunst der Bamsen wieder genießen wollte, sah er auf der Weidenwies« ein dunkles Zell emporragen. Dann erblickte er ein init Stricken abgegrenztes Viereck, um das sich ebensoviel große wie kleine Leute drängten und Beifall klatschten. Moritz Zupan lief im Innern des Vierecks Nad. Ganz schnell im Kreise herum. Sein roter Hosengürcel leuchtete, und seine braunen Beine wirbelten wie Windmühlen- flilgel durch die Luft, bis er flink ins Zelt zurückhuschle. Dafür eilte Dreinagls Mobe aus dem Zelt heraus, kratzte sich an seiner Stülpnase und sagte:„Jetzt folgen Fritz, der Springer, und Max, der Athlet, in ihrem akro» batischen Doppelakr." Tie groben Zuschauer schmunzelten, die kleinen spannten neugierig auf Fritz, den Springer.—„Sind deni auch die Gelenk« gebrochen worden, wie den ganz richtigen Zirkuskünstlern fragte der kleine Franz Spanholz seine große Schwester. Und er ließ keinen Blick von Fritz, den: Springer, der an seinem starken Bruder turnte, bald wie an einer Kletterstange, bald wie am Reck, bald wie am Barren. Und da er wie alle Künstler ein richtiges Trikothemd trug, sah man, wie sich seine MuSkeln bei jeder Bewegung straff spannten. Auf den Händen ins Zelt hineinlaufend, so traten die Bamsen von der Manege ab. Das Publikum warf Pfennige in den Hut, den Moritz Zupan umhertrug, während Drei nagls Mobe verkündete:„Jetzt tritt auf Drei nagls Robert, der urkomische Clown." Dann schritt er stolz ins Zelt zurück und erschien »ach einer halben Minute wieder auf dem Plane, im Geficht bemalt und auf dem Kopfe eine fast meterhohe spitze Papiermütze. Mit dem Fuße rollte er eine Tonne in die Mitte der Manege, schimpfte so schrecklich wie«in 37 echter Clown, balancierte auf dem unruhigen Fasse, bis es ruhig stand, zog cme schillernde Mundharmonika aus der Tasche, blies:„Ach, wie ist's möglich dann", und ließ sich zum Schlüsse von» Fasse rücklings so ulkig ins Gras fallen, wie Dreinagls Mobe nur war. Das Publikum schrie vergnügt, während der grobe Gaudernack sich im Zelte zum Ring kampf vorbereitete. Zum richtigen Ringkampf, wie im großen Zirkus. Ter große Gaudernack streifte sein« Hemdärmeln über die Ellbogen, entblößle die Brust, legte Moritz Zupans roten Gürtel um die Hose, schritt mit gekreuzten Armen ivie ein Gladiator in die Arena, indes Dreinagls Mobe im ClownSlostüm aufforderte: „Immer herein, wer von den Männern unter 15 Jahren mit Max, dem Athleten, ringen will!" Keiner wollte. Auch die kräftigsten Jungen blickten stumm auf Gaudernacks breite Brust. „Dann wird Fritz, der Springer, den Kampf wagen," verkündete Mobe.. Also rangen die beiden Bamsen, der kleine gewandt wie ein Wiesel, der groß« stämmig ivie ein Stier. Vier Minute» lang wälzten sie sich im Grase, der Kampf mußte als un entschieden abgebrochen werden. Am nächsten Tage hatten die Künstler dank dem gesammelten Kupfergeld ihre Kostüme ver schönert. Die Bamsen schillerten blau, Moritz Zupan rot, Dreinagls Mobe grün und violett. Am übernächsten Tage war das Zelt sogar zu einer richtigen Jahrmarklsbud» vervoll kommnet. Ja, vielleicht wäre auf der Weiden- wiese ein vollständiger Zirkus erstanden, wen» eines Tages nicht Unheil hereingebrochen wäre. Das Unheil kam in der Gestalt eines Junge», der ebenso stark war wie der große Gauder nack und eine rote Schülermütze trug. Schon während der Vorstellung hatte er immer hä misch„hohoho!" gemacht. Und als der große Gaudernack zum Ringkamps austrat, stieg der Fremde mit der roten Schülermütze über die Bindfadenabsperrung hinweg, faßte den Athlet mit Untergriff und preßte, preßte und preßte die Athletenrippen immer fester. Gaudernacks Gesicht wurde blau, er röchelte und die Künstler im Zelt schauten beklommen durch eine Leine- wandspalte. Da— w«r hätte so etwas ge dacht!— befreite sich Gaudernack mit einein Ruck von dem fürchterlichen Untergriff, flüchtet« in das Zelt, brach durch die hinterste Wand hindurch WS Freie und rannte über die Wiese davon. Die nackten Arme und Beine leuchtete» 38 Für unsere Kinder von weit her. Noch nie hatte man einen der Bamsen so schnell rennen sehen. Das große Publikum lachte laut, das kleine jubelte dem Fremden mit der roten Mütze zu, und Dreinagls Mobe sagte im Zelt zum kleinen Gaudernack:.Na, ihr Bamsen!" Moritz Zupan lacht« verächtlich. Der Springer aber wurde rot, biß sich auf die Lippen und blickte auf das Feld hinaus, wo noch die rennenden Beine seines Bruders sichtbar waren. Eine ganz kleine Träne blinkte im Auge des kleinen Gaudernack, während das Publikum draußen noch immer lachte und schrie: ,Na, die Bamsen!" Da rieb der kleine Gaudernack die Träne aus dem Auge, ging mit einem Ruck zum Zelt hinaus, packte den mit der roten Mütze wütend wie ein Eber und schnell wie ein Wiesel. Ein Kippen hin, ein Wippen her, ein Beugen, ein Biegen, ein Straucheln— der Fremde stürzte und lag auf beiden Schultern im Grase. Der klein« Gaudernack erhob sich als Sieger. »Ja, der kleine Bamsen, der Potztausends" sagte der Mann mit der verschnupften Stimme. Aber der kleine Gaudernack ging langsam ins Zelt, kümmerte sich nicht um den Beifall des Publikums, kümmerte sich nicht darum, daß ihn Moritz Zupan und DreinaglS Mobe be wundernd anstaunten, hing seine Jack« über die schmächtige Schulter und ging durch daS Zelt hindurch langsam über die Wiese, weiter und immer weiter bis nach Hause. Drei Tage lang sprach er mit seinem Bruder kein Wort, mit Moritz Zupan auch nicht, mit Dreinagls Mobe erst recht nicht. Aus war's mit dem Zirkus. Bis heute aber hat noch kein Junge gewagt, von der Feigheit des großen Bamsen zu sprechen, wenn der kleine Bamsen in der Nähe weilt. Robert Sröhsch. ovo Wind! n.' Andere Winde, die auf der Erde wehen, hängen hauptsächlich von der Veränderung des Luftdruckes ab. Wie jeder Körper, so übt auch die Lust vermöge ihrer Schwere einen Druck auf ihre Unterlage aus. Gelehrte haben herausgerechnet, daß die Luft auf jeden Qua- dratzenlimeter unserer Körperoberfläche mit dem Gewicht von einem Kilogramm lastet. Ein mittelgrober erwachsener Mensch muß also einen Luftdruck von rund 10000 Kilo gramm aushalten. Ein nettes Gewicht, nicht wahr? Man sollte meinen, daß diese Last uns zu formloser Mass« zerquetschen müsse. Warum das nicht geschieht, werdet ihr wissen wollen? Unser Körper enthält ebenfalls Luft, die der Außenluft das Gleichgewicht hält. Wie stark der Luftdruck ist, zeigte das berühmte Experiment(Versuch), das der Magdeburger Bürgermeister Otto v. Guericke 1650 zu Augs burg angestellt hat. Er entfernte mittels einer Luftpumpe die Luft aus einer Hohlkugel, die aus zwei gleich großen Halbkugeln zusammen gesetzt war. Und siehe da! Dreißig Pferde vermochten nicht, sie ausein anderzureißen. Der Luftdruck von außen hielt die Hälften zusammen. Die luftgefüllte Kugel konnte da gegen ein Kind mit Leichtigkeit in ihre Hälften zerlegen. Die Luft in ihrem Inneren ließ den Druck der äußeren Luft nicht zur Geltung kommen. Doch zurück zum Wind! Die Lust über einer erhitzten Erdslelle muß sich ausdehnen und aus steigen. Sie wirbelt empor und geht immer höher hinauf. Was geschieht nun? Die heiße Luftsäule ragt über die sie umgebende kältere Luft etwas hinaus. Infolgedessen übt sie einen stärkeren Druck aus als die sie umlagernden Luftschichten und wird durch ihre eigene Schwere über diese hinweggepreßt: sie fließt nach allen Seiten hin ab. Gleichzeitig aber entsteht unten auf der heißen Stelle der Erde ein Wind. Die Luftsäule über diesem Orte ist nämlich leichter geworden, weil in der Höh« ein Teil von ihr abgeflossen ist. Da durch aber drückt sie nicht so stark auf diese Stelle wie die umliegenden kalten Luftmassen auf ihren Untergrund. Der stärkere Druck, den diese ausüben, preßt die kühle, dichte Lust von den kalten Erdplätzen in den erwärmten Ort, über dem heiße, dünne Luft liegt. Es entsteht ein« Luftströmung, ein Wind nach dem heißen Punkt zu, nach dem»Minimum" des Luftdruckes(das heißt der Stelle mit sehr geringem Luftdruck). Der Wind weht aber nicht in gerader Linie dem Minimum zu. Ihr könnt euch gewiß denken, wodurch das ver hindert wird, wenn ihr euch an die veränderte Richtung der Passatwinde erinnert. Natürlich ist es die Achsendrehuug der Erde. Sie ist es, die den Wind ablenkt, und zwar stets nach links, wenn man sich ihm mit der Brust ent gegenstellt. Der Wind dreht sich anfänglich um das Minimum von links nach rechts, in einer Spirale, bis er schließlich in dieses hinein stürzt und wieder erhitzt nach oben steigt. Auf Für unsere Kinder diese Weise entstehen die Zyklone, Wirbelstürme, die namentlich in heißen Ländern auftreten und viel Schaden anrichten. Je größer nämlich die Hitze über einer Stelle der Erde, um so schneller wird die Luft über ihr erwärmt, steigt auf und fließt oben ab. Der Luftdruck am Boden wird aber dann um so geringer. Der Wind kreist nun mit rasender Schnelle um das entstandene Minimum, um in dessen Zentrum eine Gewalt zu erlangen, der nichts widerstehen kann. Es ist ganz folgerichtig, aus dem Vorhandensein von Luftminima auf das Vorkommen von Luft ,, maxima" zu schließen, das heißt auf Stellen mit sehr hohem Luftdruck. Weil sich Minima über sehr heißen Plätzen bilden, leuchtet es wohl ein, daß Maxima zu ihrer Entstehung falte Orte erfordern. Kühlt sich irgend eine Gegend starkt ab, so zieht sich hier die Luft zusammen, wie fast alle Körper, die kälter werden; sie wird dichter, schwerer. Die Luftsäule über der falten Erdstelle sinkt etwas in sich ein, und nun strömt von den sie umlagernden höheren, wärmeren Luftmassen Luft auf sie hinab. Dadurch vermehrt sich die Luftmenge über dem kalten Play, ihr Druck vergrößert sich, und aus dem sich bildenden Maximum" wird die Luft nach allen Seiten hinausgepreßt. Der entstehende Wind wird ebenfalls durch die Drehung der Erde um ihre Achse abgelenkt, er weht in spiraligen Krümmungen fort, die von rechts nach links gehen. Die Geschichte von Karr und Grausell. Bon Selma Lagerlöf. 39 (@ chluß.) Graufell betrachtete verwundert die prächtigen Bäume, die sich wie grüne Kuppeln über ihm wölbten. Er kostete das Eichenlaub und die Espenrinde. ,, Das schmeckt bitter und gut," sagte er.„ Es ist besser als Klee." ,, Dann kannst du dich ja freuen, daß du es einmal zu schmecken bekommen hast," sagte der Hund. Hierauf führte er den Elch an einen kleinen Waldsee. Das Wasser lag ganz still und glänzend da, und die von leichten Nebelschleiern halb verhüllten Ufer spiegelten sich darin. Als Graufell den See erblickte, blieb er unbeweglich stehen. " Was ist das, Karr?" fragte er; denn er sah zum erstenmal einen See. " Das ist ein großes Wasser, ein See," sagte Karr.„ Dein Geschlecht pflegt von einem Ufer zum anderen hinüberzuschwimmen. Von dir fann man das freilich nicht verlangen; aber du solltest doch jedenfalls hineinsteigen und ein Bad nehmen." Mit diesen Worten ging Karr selbst an den See hinunter und schwamm hinaus. Graufell blieb ziemlich lange am Ufer stehen; schließlich aber stieg er doch in die Flut. Er hielt den Atem an vor Wohlbehagen, als das Außer den angeführten Winden gibt es noch Wasser sich weich und fühl an seinen Körper eine große Anzahl anderer Arten, ungefähr anschmiegte. Er wollte es auch auf dem Rücken dreißig. Wir können sie hier nicht alle be- fühlen und ging deshalb weiter hinein. Da sprechen. Die Hauptsache ist, daß wir die merkte er, daß das Wasser ihn trug, und nun Urheberin der Winde kennen gelernt haben: fing er an zu schwimmen. Bald schwamm er die Sonnenwärme. Zugleich mit der Hize lustig um Karr herum und war im Wasser spendet uns die Sonne auch den erfrischenden, wie zu Hause. Als die beiden wieder am tühlenden Wind. Ein französisches Sprich- Ufer angelangt waren, fragte der Hund, ob wort sagt:„ Die Extreme( Extrem gleich das sie nun nach Hause gehen sollten. Außerste) berühren sich." Wir können das ,, Ach, es ist noch lange bis zum Morgen, Wort wohl zu dem Sahe umbilden: Die laß uns noch eine Weile im Walde umherExtreme in der Natur gleichen sich oft aus." streifen," sagte Graufell. Das ist das Erhebende, was die Beschäftigung mit der Natur uns gibt, daß wir dadurch lernen, nichts geschieht willkürlich, alles geht nach Gesetzen, die wir immer mehr und immer besser erkennen. Geht hinaus ins Freie, ihr Knaben und Mädchen, öffnet die Augen, schaut um euch, und ihr werdet Genüsse ohnegleichen davon haben! 0 0 0 " Sie gingen wieder in den Nadelwald hinein und erreichten bald einen freien Plaz, der vom hellen Mondschein übergossen dalag. Auf den Gräsern und Blumen funkelten Tautropfen. Mitten auf der Waldwiese weideten ein paar große Tiere, ein Elchstier, mehrere Elchfühe und verschiedene Rinder und Kälber. Als B. D. Graufell diese Tiere erblickte, hielt er jäh an. Die Elchkühe und das Jungvieh beachtete er faum, feine Augen waren unverwandt auf 40 " Für unsere Kinder den alten Elchstier gerichtet, der ein breites Schaufelgeweih mit vielen Spizen, einen mächtigen Höcker auf dem Rist und am Halse einen großen Mähnensad herunterhängen hatte. Was ist denn das für einer?" fragte Graufell, und seine Stimme bebte vor Erregung. „ Er heißt Hornkrone," sagte Karr, und ist dein Stammesgenosse. Solche breite Schaufeln und eine ebensolche Mähne bekommst du wohl eines Tages auch, und wenn du im Wald verbliebest, würdest du wohl auch der Anführer einer Herde." Wenn der dort drüben mein Stammes genosse ist, dann will ich nähertreten und ihn betrachten," sagte Graufell. Ich hätte nie gedacht, daß ein Elchftier so stattlich sein tönnte." Graufell ging zu den Elchen hin, kehrte aber fast augenblicklich wieder zu Karr zurück, der am Waldessaum stehengeblieben war. " Bist du nicht freundlich aufgenommen worden?" fragte Karr. " Ich sagte zu ihm, ich treffe hier zum ersten mal mit Stammesgenossen zusammen, und bat ihn, mich hier unter ihnen weiden zu lassen; aber er wies mich fort und drohte mir mit seinem Geweih." Du hast wohlgetan, daß du ihm ausgewichen bist," sagte Karr. Ein junger Stier, der noch kein Schaufelgeweih hat, muß sich vor einem Kampfe mit alten Elchen hüten. Ein anderer hätte freilich einen schlechten Ruf im Walde bekommen, wenn er ohne Widerstand zurückgewichen wäre; aber das braucht dich nicht anzufechten, denn du begibst dich ja ins Ausland." Raum hatte Karr diese Worte gesprochen, als Graufell sich auch schon wieder der Wiese zuwendete. Der alte Elch tam gerade auf ihn zu, und bald waren die beiden mitten im heftigsten Kampfe. Sie drangen mit den Geweihen aufeinander ein und stießen zu, und Graufell wurde über die ganze Wiese zurückgetrieben; er schien gar nicht zu verstehen, wie er feine Kraft gebrauchen sollte. Als er aber bis zum Waldessaum zurückgedrängt worden war, stemmte er die Füße fester auf den Boden, stieß heftig mit dem Geweih und begann nun seinerseits Hornkrone zurückzutreiben. Graufell tämpfte lautlos, aber Hornkrone feuchte und schnaubte. Nun wurde der alte Elch allmählich über die ganze Wiese zurückgedrängt. Plöglich ertönte ein lautes Krachen. Von Hornfrones Geweih war eine Spize abgebrochen. Da riß er sich heftig von Graufell los und rannte in den Wald hinein. Karr stand noch immer am Waldrand, als Graufell zu ihm zurückkehrte.„ Jegt hast du alles gesehen, was im Walde ist," sagte er zu Graufell.„ Sollen wir jeßt nach Hause gehen?" „ Ja, es wird wohl allmählich Zeit dazu," fagte Graufell. Auf dem Heimweg waren beide schweigsam. Karr seufzte mehrere Male, wie wenn er sich in etwas verrechnet hätte, Graufell aber schritt mit hocherhobenem Kopfe dahin und schien sich über sein Abenteuer zu freuen. Ohne das geringste Zögern ging er weiter, aber als er mit Karr vor seinem Gehege angekommen war, blieb er stehen. Er betrachtete den engen Raum, in dem er bisher sein Leben verbracht hatte, sah das festgetretene Erdreich, das ver welfte Futter, den kleinen Trog, aus dem er seinen Durst gelöscht, und den dunkeln Verschlag, wo er geschlafen hatte. ,, Der Elch ist eins mit dem Walde!" rief er und warf den Kopf zurück, daß sein Nacken auf dem Rücken lag; und dann stürmte er in wilder Flucht in den Wald hinein. 000 Karo. Bon Emma Dölh. Karo wollte gern hinaus, Möcht' am liebsten jagen. Ach, in dem verschloßnen Haus Will's ihm nicht behagen. Rannte hin und rannte her: Wenn nur was zum Jagen wär! Sieh nur, vorm Kaninchenstall Sigt der alte Nickel. Karo denkt: das ist mein Fall, Hat ihn schon beim Wickel. Nickel flagt: Was ist denn das! Dentst du denn, ich bin ein Has? Brummt der Karo wie ein Bär: Will mich ja nur üben! Doch der Nickel ist seither In dem Stall geblieben, Denkt bei sich: Es ist nicht sein, Solch Versuchskaninchen sein. Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Betfin( Bundel), Wilhelmshöbe, Boft Degerloch bet Stuttgart. Bruck und Berlag von Baul Singer in Stuttgart.