Für unsere Kinder Nr. 13 0000000 Vellage zur Gleichheit 0000000 1906 Inhaltsverzeichnis: Was trcibst du, Wind? Bon Konrad Ferdinand Meyer.(Gedicht.)— Aus der römischen Geschichte.— Der Ritt in den Tod. Von Konrad Ferdinand Meyer.(Ge dicht.)— Bleisoldaten. Von Franz Henschel.— Der Goldregen.— Die Korallen. Von Karl Ewald.(Schluß.)— Der Traum. Von Viktor Blüthgen.(Gedicht.) Was treibst du, Wind? Von Konrad Ferdinand Meyer. Was treibst du. Wind, Du himmlisches Kind? Du flügelst und flügelst umsonst in der Luft! „Nicht Wandcrscherzl Ich nähre das Kerz Mit Erdgeruch und Waldcsduft!" Was bringst du. Wind, Du himmlisches Kind? „Einen Morgengruß, einen Schrei der Lust!" Aus Vogelkehle nur? Aus Lerchensecle nur? „Nein, nein! Aus voller Menschenbrust!" Was trägst du. Wind, Du himmlisches Kind? „Seeüber ein wallend, ein hallend Geläut!" Senken sie ein Den Totenschrei»? „Nein, nein! Sie halten Äochzeit heut!" ovo Aus der römischen Geschichte. „Horatius Cocles war der berühmteste von drei heldenmütigen Jünglingen, welche ihre Vaterstadt Rom retteten, als das feindliche Heer der Etrusker unter dem kriegerischen König Porscnna in diese einzudringen drohte. Die drei postierten sich am Zugang der Tiber brücke und hielten die den fliehenden Römern nachsetzenden Feinde so lange auf, bis ein Teil der Brücke abgebrochen war. Ehe die letzten Balken weggenommen wurden, retteten sich zwei der jungen Helden, Horatius Cocles aber hielt noch eine Zeitlang allein gegen die Feinde aus. Erst als schon die letzten Brückentrümmer krachend zusammenbrachen, sprang er in den Fluß und schwamm unter einem Hagel von Pfeilen an das jenseitige Ufer." So haben euch wohl die Lehrer erzählt, oder so habt ihr es in einem Buche gelesen. Und eure Herzen schlugen höher vor Bewunderung für den kühnen Recken, den ihr vor euch saht, von heißer Liebe zu seinen Volksgenossen entflammt, allein, den Tod vor Augen dem dichten Schwärm der Feinde Trotz bietend. Welch herrliche Zeug nisse von Heldenmut und Vaterlandsliebe wer den nicht noch aus dem Kriege Porsennas gegen Rom erzählt! Da hört ihr von dem edlen Mucius, der den Ehrennamen Scävola, das heißt Linkhand, erhielt. Der König der Etrusker halte zwar dank der Heldentat des Horatius Cocles Rom nicht einzunehmen vermocht, aber seine Heere umschlosien die Stadt und ließen keine Lebens mittel hinein. Furchtbare Hungersnot peinigte die Einwohner und schien zur Übergabe Roms an den Feind zu zwingen. Da beschloß Mucius, die Stadt mit Gefahr des eigenen Lebens zu retten. Er schlich in das Lager der Feinde, um Porsenna zu ermorden, tötete aber im Irrtum den königlichen Geheimschreiber, den er wegen seiner prächtigen Kleidung für den König selbst gehalten hatte. Ergriffen und mit dem Feuer tode bedroht, legte der junge Mucius seine rechte Hand in ein neben ihm stehendes Kohlen feuer und ließ sie langsam verbrennen, um den Feinden zu zeigen, daß er den Tod nicht fürchte und alle Qualen standhast ertragen werde. 300 römische Jünglinge, so teilte er Porsenna mit, hätten sich zu der Tat ver schworen, die ihm selbst mißlungen sei. Was der feindliche König hörte und sah, machte einen so tiefen Eindruck auf ihn, daß er Mucius die Freiheit schenkte, den Römern Unterhand lungen anbot und bald Frieden mitihnen schloß. Auch die Frauen, so wird erzählt, hatten während des Kriegs mit den Etruskern, der um das Jahr 507 v. Chr. stattfand, ihren hohen Mut und ihre Liebe zum Vaterland bekundet. Zehn römische Jungfrauen, die sich als Geiseln in der Gewalt Porsennas be fanden, setzten ihr Leben aufs Spiel, damit ihr Volk nicht durch die Rücksicht auf sie zum Nachgeben und zur Unterwerfung bestimmt würde. Unter der Anführung der tapferen 98 Für unsere Kinder Elölia entrannen sie aus dem feindlichen Lager, dem Cincinnatus 16 Tage dem Dienste des schwammen über den Tiber und gelangten Vaterlandes gewidmet, die höchsten Ehren ge= glücklich in die Vaterstadt zurück. Die Römer nossen, die größte Macht in Händen gehabt aber wollten geschlossene Verträge treu halten. hatte, zog er sich wieder auf sein Gut zurück Sie lieferten die Entflohenen wieder an Por- und widmete sich dessen Bewirtschaftung. senna aus, der ihnen aus Achtung vor ihrem Heldenmut die Freiheit gab. Die spätere Geschichte der römischen Republit hat ebenfalls mancherlei Züge schöner Bürgertugend aufbewahrt. Sie schildert uns die strenge Einfachheit der Sitten des Eincinnatus, den unbeugsamen Gehorsam gegen die Gesetze des Manlius, die Unbestechlichkeit des Fabricius. Ein Beispiel unbeugsamer Strenge in der Beobachtung der Geseze und der Kriegszucht gab der Konsul und Feldherr Manlius im Kriege mit den Latinern, die das in Mittelitalien, am Tyrrhenischen Meere gelegene Latium bewohnten. Er schonte sein eigen Fleisch und Blut nicht, um den erlassenen Vorschriften im Heere die Anerkennung zu verschaffen, die sie nach seiner Meinung finden mußten, wenn die Römer siegreich den Kampf bestehen sollten. Einige Tage vor der entscheidenden Schlacht am Vesuv( 340 v. Chr.), welche mit der Niederlage der Latiner endete, hatte Manlius bei Todesstrafe jeden Einzelfampf mit dem Feinde verbieten lassen. Ein latinischer Feldherr traf auf einem Streifzug mit Manlius' Sohn zusammen und forderte ihn unter Spott und Hohn auf Rom zum Zweikampf heraus. Der stolze, vaterlandsliebende Jüngling konnte der Herausforderung nicht widerstehen. Er stellte sich zum Kampfe, tötete seinen Gegner und ritt triumphierend, die Rüstung und Waffen des Erschlagenen vor sich, in das Lager ein. Sein Vater jedoch brachte den Stolz über die kühne Tat des Jünglings wie seine Liebe zum Sohne zum Schweigen. In rücksichtsloser Strenge, die vielen als Hartherzigkeit erscheinen mag, ließ er das Todesurteil an dem jungen Helden vollstrecken. Aus Vaterlandsliebe, die keine Schmähung gegen Rom ertragen konnte, hatte dieser das Gesez gebrochen und doppelt sein Leben gewagt. Aus Vaterlandsliebe ließ Manlius das Haupt des teuren Sohnes unter dem Richtbeil fallen. Die Krieger ehrten das Andenken des jungen Helden durch eine prächtige Leichenfeier, und die Geschichtschreibung hat Vater wie Sohn unsterblich gemacht. Von Süden her drang um die Mitte des fünften Jahrhunderts v. Chr. der Volksstamm der Aquer siegreich gegen Rom vor, dessen Heere wieder und wieder geschlagen wurden. Um die drohende Gefahr abzuwenden, sollte ein Diftator, ein Oberbefehlshaber, der mit der größten Macht ausgerüstet war, an die Spize des Heeres und Staates gestellt werden. Cincin natus galt als der rechte Mann für dieses schwere Amt. Er stammte aus altem vornehmem Geschlecht, hatte als Konsul mehrmals die höchste Würde in der Republik bekleidet und lebte zur Zeit des Kriegs auf seinem Landgut. Der Bote, der ihm seine Berufung als Diktator brachte, fand ihn bei der Feldbestellung. Unbekleidet, bis auf einen Schurz, wie der römische Landmann in der Sommerzeit zu arbeiten gewohnt war, trieb er seinen Pflug durch den Acker. Der Bote ermahnte ihn, die Befehle der Bürgerschaft bekleidet zu vernehmen. Daraufhin ließ fich Cincinnatus von seiner Gattin die Toga bringen, das Staatskleid der Römer, hörte die Botschaft, nahm das Amt an, bestieg den bereitliegenden Nachen, welcher ihn über den Tiber nach Rom bringen sollte, und war bereits am nächsten Morgen noch vor Tagesanbruch auf dem Forum,* um alle Anordnungen zu treffen, die er zur Rettung des Vaterlandes für nötig fand, und rückte dann den Aquern entgegen. Er bezwang sie am Fast zweihundert Jahre nach Cincinnatus Berge Algidus( 458 v. Chr.), indem er mit zeigte Fabricius, daß die Einfachheit und seinem Heere des Nachts ihr Lager umzingelte strenge Rechtlichkeit der alten Römer nicht und rings um dieses einen Schanzgraben erloschen war. Pyrrhus, der König von ziehen ließ, der mit Pfählen besetzt unüber- Epirus, einem kleinen Reiche an der Nordsteiglich war, so daß die Eingeschlossenen jeden Widerstand aufgaben und der Sieg feiner römischen Mutter eine Träne fostete". Nach * Das Forum war der römische Marktplatz, der zur Zeit der Republik den Mittelpunkt des Staatslebens bildete. westküste Griechenlands, hatte die Römer 280 v. Chr. in der Schlacht von Herakleia geschlagen. Die Unterlegenen schickten Gesandte in das Lager des Siegers, um über die Auslösung oder Auswechselung der Gefangenen zu verhandeln. Pyrrhus wünschte aus verschiedenen Gründen den italischen Boden zu ,, Eigentum des Vorstandes der SPD" Für unsere Kinder 99 Der Ritt in den Cod. Uon Konrad Ferdinand Meyer. Umschmettert mich, Cuben! Erbebet den Con! Den Latiner besiegte des Manlius Sohn! Uoran die Trophä'n! Der latinische Speer! Der eroberte Helm! Die erbeutete Wehr! verlassen und daher Frieden zu schließen, von dem die Römer jedoch nichts wissen wollten, solange der Feind noch auf der vaterländischen Erde stand. Der epirotische König bemühte„ Greif' aus, du mein junges, mein feuriges Cier, fich vergeblich, durch die reichsten Geschenke noch einmal verwachs' ich zentaurisch mit dir! Fabricius, das Haupt der römischen Gesandtschaft, für seine Absicht zu gewinnen. Darauf soll er versucht haben, den Römer einzuschüchtern. Er ließ so erzählt ein griechischer Schriftsteller einen seiner Kriegselefanten, durch einen Vorhang verborgen, hinter Fabricius aufstellen. Plötzlich fiel die Hülle, und das gewaltige Tier erhob trompetend seinen Rüssel über dem Haupte des Römers. So wenig mich dein Gold blenden fonnte, so wenig schreckt mich dein Elefant," soll dieser ausgerufen haben. Fabricius war als ruhmgekrönter Feldherr aus mancher Schlacht heimgekehrt, in der die Römer reiche Beute ges macht hatten. Er selbst aber hatte sich so wenig bereichert, daß erzählt wird, ein silbernes Salzfaß und eine silberne Opferschale seien die einzigen Rostbarkeiten seines Hauses gewesen. Als er starb, war er so arm, daß der Staat seine Tochter bei ihrer Verheiratung aussteuerte. Es ist sicher, daß diese schönen Geschichten und viele anderen noch zum Ruhme der Römer poetisch ausgeschmückt worden sind. Sie enthalten Wahrheit und Dichtung. Aber trotz alledem dürfen wir annehmen, daß die Römer in alter Zeit wirklich sich durch Mut, Standhaftigkeit, Achtung vor dem Gesetz, Vaterlandsliebe, Einfachheit und Rechtlichkeit ausgezeichnet haben. Sie besaßen die Tugenden eines schlichten, rauhen kleinen Voltes von Ackerbauern und Hirten, das durch tüchtige Arbeit der Natur seinen Unterhalt abgewann, das bedacht war, im Kampfe mit den umwohnenden Stämmen sich zu behaupten und seinen Landbesitz zu verteidigen und zu vergrößern. Je weiter wir in der Geschichte Roms zurückgehen, um so mehr lernen wir seine Bewohner als ein solches einfaches, barbarisches Wölfchen tennen, bei dem es früher weder sehr Reiche, noch ganz Arme gab. Ja, in sehr alten Zeiten, noch ehe daß die Römer in der Geschichte bekannt wurden, hat es bei ihren Vorfahren überhaupt weder Reiche noch Arme, Freie und Unfreie, Herrscher und Beherrschte gegeben. Ihre Vorfahren lebten in kleinen Gesellschaften oder Gemeinwesen, die auf die Blutsverwandtschaft ihrer Glieder begründet waren, alle umfaßten, die von gemeinsamer Herkunft waren und Gentes( Einzahl Gens), Geschlechtsgenossenschaften, genannt wurden.( Schluß folgt.) Duell ist bei Strafe des Beiles verpönt... Doch er liegt, der die römische Wölfin gehöhnt! Liktoren, erfüllet des Vaters Gebot! Ich besitze den Kranz und verdiene den Cod Bevor es sich rollend im Sande bestaubt, Erheb' ich in ewigem Jubel das Haupt!" ** * Dieses wundervolle Gedicht des ausgezeichneten Schweizer Dichters Konrad Ferdinand Meyer wird in der Hauptsache nach dem vorausstehenden Artikel Aus der römischen Geschichte" verständlich sein. Doch bedürfen einige Ausdrücke noch der Erklärung. Die römische Wölfin höhnen, heißt Rom selbst höhnen. Nach der Sage sollen die Zwillings brüder Romulus und Remus, die 753 v. Chr. die Stadt Rom gründeten, gleich nach ihrer Geburt ausgesetzt, aber von einer mitleidigen Wölfin in ihre Höhle getragen und gesäugt worden sein. Das Wort zentaurisch tommt von Zentauren her, Fabelgeschöpfe, von denen die griechische Sage berichtet, daß sie auf einem Rosseleib Menschenbrust und Menschenkopf trugen. Die bildende Kunst( Bildhauerei und Malerei) hat die Bentauren sehr oft im Kampfe mit Menschen dargestellt. Man nimmt an, daß die Sage die Zentauren nach einem wilden Bergvolt in Thessalien( Nordgriechenland) geschaffen hat, dessen Angehörigen sich als Reiter auszeichneten und mit ihren Pferden gleichsam verwachsen schienen. Tuben( in der Einzahl Tuba) hießen die langen Kriegstrompeten der Römer. Die Liktoren, Boten, waren die Beamten, die früher den Wahlkönigen, später den ebenfalls gewählten Konsuln der Republik überall vorausschritten, wenn diese in ihrer amtlichen Eigenschaft auftraten. Die Liftoren trugen Ruten und Beil, als Zeichen der richter< lichen Gewalt, welche den Königen und später den Konsuln zustand, und sie vollstreckten auch deren Urteile. Biblioghak der Friedrich- Ebert- Stiftung 100 Für unsere Kinder Bleisoldaten. „Na, Fritz, waS soll ich dir denn Heuer zu deinem Geburtstag schenken?" Fritzens Augen leuchteten.„Weiht du, Papa, was ich am liebsten haben möchte?" „Nun?"„Eine Schachtel Bleisoldaten, so recht schöne, bunte, mit Köpfen zum Abnehmen!" Der Vater machte ein nachdenkliches Gesicht. „So, so. Also Bleisoldaten möchtest du haben. Warum denn gerade Bleisoldaten?" Fritz sah seinen Vater vorwurfsvoll an. „Aber Papa, wie kannst du nur so komisch fragen. Bleisoldaten will doch jeder Junge haben, weil er die Soldaten so lieb hat, und weil er selbst so gern Soldat werden möchte."„So, so. Also du möchtest auch gern Soldat werden?" „Aber gewiß, Papa." „Warum denn, Fritz?" „Papa, ich weiß gar nicht, was du heute alleS fragst. Das mußt du doch wissen. Der Lehrer hat erst gestern wieder in der Schule gesagt: Soldat sein, das wäre der schönste Berus, denn die Soldaten verteidigen das Vaterland."„So. hat das der Lehrer gesagt?— Nun hör' einmal zu, Fritz! Was ist denn das eigent lich für«in Ding, das Baterland? Was stellst du dir darunter vor?" Fritz dachte nach.„Das Vaterland, das ist das Land— das Land— das--" „Nun?"„Das unser Land ist, daS unseren Vätern gehört, Papa." „Sehr schön, mein Junge. Was für ein Land gehört denn deinem Vater?" Jetzt war Fritz etwas verblüfft.„Du hast ja gar kein Land, Papa." „Und die Bäter deiner Freunde, waS haben denn die für Land?" „Papa, das sind ja auch alles Arbeiter wie du. Die haben doch alle kein Land. Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Aber, wem gehört da eigentlich das viele Land. Papa?" „Das will ich dir sagen, mein Junge. Das gehört zum größten Teil sehr reichen Leuten, der Rest gehört den Bauern. Es gibt sehr viele Bauern, die so wenig Land haben, daß es ihnen nicht besser geht als uns Ar beitern. Du siehst also, Fritz, man muß über alles selbst nachdenken und darf nicht bloß nachplappern, was andere reden. Und nun sage mir einmal weiter, mein Junge: du hast erzählt, die Soldaten müßten das Vaterland verteidigen. Gegen wen denn?" „Na, gegen die Feinde, Papa!" „Wer ist denn das?" „Ach Papa, tu doch nicht so! Der Feind, das sind die Franzosen und die Engländer und die Russen und die Amerikaner und— und—" „Nun hör' bloß auf, Junge! Warum sind denn das alles unsere Feinde?" „Weil— weil-- weißt du, Papa, das weiß ich eigenltich selbst nicht genau." „Siehst du, mein Junge, das habe ich mir gedacht. Nun hör' einmal gut zu, Fritz: die Franzosen und die Engländer und all die anderen Völker, das sind gar nicht unsere Feinde. wie du glaubst. Die bestehen zum größten Teil aus armen Arbeitern, Angestellten, Beamten, kleinen Kaufleuten und Bauern, genau wie das deutsch« Volk. Und diese Leute ohne Geld und Gut sind nicht unsere Feinde, sondern unsere Brüder, die dieselbe Not leiden, dasselbe elende Leben führen wie wir." „Ja, Papa, warum werden denn da Kriege geführt und so viele Menschen totgeschossen?" „Das will ich dir sagen. In allen diesen Ländern gibt eS sin« kleine Anzahl von reichen und mächtigen Leuten, die die Armen unter drücken und ausbeuten. Diese Leute möchten gern noch reicher werden, als sie schon sind. Die Reichen und Mächtigen eines jeden Landes möchten daher gern die Reichen und Mäch tigen der anderen Länder unterwerfen, denn dann könnten sie die Armen der anderen Länder so ausbeuten, wie sie schon jetzt die Armen ihres eigenen Landes ausbeuten." „Also dazu müssen die Arbeiter Soldaten lverden, Papa? Das Hab' ich nicht gewußt." „Das ist nicht alles, Fritz. Sieh, die Reichen, die haben kein gutes Gewissen. Sie fürchten, viele, sehr viele der Armen könnten einmal be greisen, daß die Reichen nur von der Arbeit der Armen leben, und dann, so fürchten sie, würden sich die Armen das nicht mehr ge fallen lassen. Wenn sie aufbegehren, so sollen die SoWaten sie niederhalten, Fritz." „Aber Papa, dann müssen ja die Arbeiter vielleicht ihre eigenen Freunde und Verwandten totschießen."„Das»vollen manche Leute haben, Fritz. Ja, es ist gesagt worden, daß die Soldaten auf ihren eigenen Vater und auf ihre eigene Mutter schießen müssen. Würdest du das tun, Fritz?" " Für unsere Rinder Wie kannst du so etwas fragen, Papa. Du und die Mutter, euch habe ich ja am liebsten auf der ganzen Welt. Nein, lieber würde ich mich selbst totschießen lassen. Und der Lehrer hat uns ja auch erst gestern in der Religionsstunde gesagt, daß wir Vater und Mutter ehren sollen." „ Hat er euch nicht auch gesagt, daß wir nicht töten sollen?" „ Ja, Papa. Weißt du, jetzt habe ich gar keine Lust mehr, Soldat zu werden." ,, und möchtest du noch immer Bleisoldaten zu deinem Geburtstag haben?" ,, Nein, auch nicht." " Ja, mein Junge, was soll ich da mit dem Gelde anfangen, für das ich dir die Blei soldaten kaufen sollte?" „ Das schent' lieber einem armen Arbeiter, Papa, der Soldat werden muß." Franz Henschel. 000 Der Goldregen. Im Lande der braven Leute lebte einst ein Mann namens Peter, der sehr reich war. Aber obgleich er viel Gut und Geld besaß, hatte er ein gutes Herz, und es dauerte ihn, daß so viele arme Leute ein elendes Leben führen mußten. Wenn er sein Leben mit dem dieser Armen verglich, wenn er an die guten Dinge dachte, die er zu essen hatte, an die hübschen Kleider, die er trug, an das schöne Haus, worin er wohnte, und an die Vergnügungen und anderen Dinge, die ihm halfen, die Zeit angenehm zu verbringen, so seufzte er oft und wünschte, daß es allen anderen Menschen ebenso gut gehen möchte wie ihm. So saß Peter oft und grübelte und grübelte über die Armen und die Reichen. Wahrhaftig, er dachte so eifrig und lange darüber nach, daß er schließlich eine schlimme Gehirnentzündung bekam, und es dauerte lange, bis er wieder gesund wurde. Aber er hörte nicht auf, über Armut und Reichtum nachzusinnen und zu wünschen, daß es die Habenichtse so gut hätten wie er. Eines Tags- oder besser eines Abends, als er zu Bette gegangen war, träumte er, er sehe den Himmel offen und ein Regen von goldenen Dukaten falle herab. Die Goldstücke fielen nieder, eines nach dem anderen, und wenn sie aufs Pflaster aufschlugen, so ertönte ein liebliches Klimpern, das Musit für Peters Ohren war. Es regnete halbe, ganze und 101 Doppeldukaten, und bald waren die Straßen im Lande der braven Leute einen Zoll hoch mit gelbem, glitzerndem Gold bedeckt. Der Traum machte einen tiefen Eindruck auf Peter, und als dieser am anderen Morgen darüber nachdachte, meinte er, was für eine schöne Sache es doch wäre, wenn solch ein Regen wirklich fäme. Dann würde ja jeder im Lande Geld in Hülle und Fülle haben, wie er selber, und jeder könnte sich all die schönen Sachen verschaffen, die ihn erfreuten. ,, wie gern wollte ich, daß es alle Tage Gold regnete!" rief er aus. In der nächsten Nacht begab sich etwas Seltsames. Ich vermute, Peter hatte so kräftig einen Goldregen für das Land gewünscht, daß sich der Goldgott gezwungen sah, seinen Wunsch zu erfüllen. Es begann wirklich Dukaten zu regnen, wie Peter es in seinem Traume gesehen hatte. Ihr könnt euch vorstellen, wie groß die Freude der Armen war, als sie früh am Morgen aufstanden( arme Leute müssen ja immer früher aufstehen als die Reichen) und den goldenen überfluß auf der Erde liegen sahen. Alle stürzten aus ihren Wohnungen heraus; sie brachten Körbe, Kasten und Eimer; sie rührten die Hände und purzelten manchmal übereinander, denn jeder wollte so viel Dukaten wie nur möglich aufheben. Lange bevor Peter aufstand, war alles Gold aufgefegt und von den Armen in ihre Hütten getragen worden. Nicht ein einziger Dukaten war auf den Straßen liegen geblieben. War das nicht wundervoll, Kinder, und wie glücklich müssen die armen Leute gewesen sein! Aber ich will euch, zeigen, was auf diesen Goldregen folgte, und ich kann das am besten, wenn ich euch erzähle, wie es Peter noch an demselben Tage erging. Als er am Morgen erwachte und die Treppe hinabstieg, lam ihm sein Haus seltsam still und leer vor. Kein Bedienter und kein Dienstmädchen war zu sehen, und seine Frau kam mit der erstaunlichen Nachricht, daß sie alle verschwunden seien. Wo können sie hingelaufen sein?" rief Peter bestürzt aus. Er ging in die Ställe und rief: Johann! Johann!" Aber kein Bohann antwortete, nur die Pferde wieherten und stampften ungeduldig den Boden. Während Peter von der sonderbaren Geschichte der Kopf wirbelte, sattelte er sein Lieblingsroß und ritt ins Dorf hinab, um zu sehen, was das alles zu bedeuten habe. 102 Für unsere Kinder Im Dorfe sah es aus, als ob Sonntag wäre. Kein Laden war offen, und die Straßen waren leer. Peter kratzte sich den Kopf. »Wache ich," sagte er, oder habe ich ein paar Tage verschlafen?" Ein Klirren auf der Landstraße ließ ihn niederblicken, und er sah, daß fem Pferd ein Hufeisen verloren hatte. Der Dorfschmied wohnte in der Nähe. Peter führte also sein Roß nach der Schmiede und klopfte zwei- oder dreimal kräftig an die Türe. Ein Fenster wurde geöffnet, und der Grob schmied steckte seinen struppigen Kopf heraus. „Was wollt Ihr?" brummte er. „Mein Pferd hat ein Hufeisen verloren, und ich möchte es beschlagen haben," sagte Peter.„Hm," versetzte der Grobschmied,„da müßt Ihr anderswohin gehen. Ich habe die Arbeit aufgegeben." Und hast du nicht gesehen, schlug er das Fenster mit einem Krach wieder zu. Peter riß die Augen weit aus und pfiff sich eins bei diesem Bescheid. Nach einer kleinen Pause drehte er um und ging langsam davon, das Pferd am Zügel führend. Während er so in tiefes Nachdenken versunken vor sich hin schritt, bemerkte er gar nicht, daß die Leute, die ihm begegneten, nicht den Hut vor ihm zogen, wie sie sonst zu tun pflegten. Er wurde durch einen Schlag auf die Schulter aus seinem Grübeln gerissen, und als er sich umwendete, sah er seinen ersten Verwalter vor sich, der seine Pachtgüter beaufsichtigte, die Pacht ein zog und so weiter. „Entschuldigt," sagte der Mann,„ich habe mich entschlossen, Euren Dienst zu verlassen, Herr."„Wirklich," sagte Peter,„das kommt etwas sehr plötzlich, nicht wahr?" „Freilich, Herr," war die Antwort.„Seht, die Sache ist die, daß ich eine Menge Geld gekriegt habe. Ihr wißt wohl, daß es die ganze Nacht Gold geregnet hat." „Ach!" rief Peter und rieb seine Augen. Dann, als er des Mannes Worte begriffen hatte, verzog er sein Gesicht zu einem Lächeln. „Es ist wirklich wahr," sagte der Verwaller. „Ich habe zwei Eimer voll gekriegt, dazu ist noch die Waschwanne und ein großer Kasten mit Goldstücken gefüllt." „Schön," sagte Peter,„daS freut mich. Nun ist jeder reich und hat es behaglich." „Ja, Herr," sagte der Verwalter.„Alle die Gutsarbeiter haben emen gehörigen Anteil bekommen. In der Tat, jeder, dem ich be gegnet bin, ist reich geworden." „Das macht mich glücklich," sagte Peter. „Nun wird es kein« Armut mehr geben." Und nachdem er dem Verwalter die Hand geschüttelt hatte, drehte er um und ging schnell und ver gnügt»ach Hause, um seiner Frau die gute Neuigkeit zu bringen. Gerade als er an seiner Haustür angelangt war, kam seine Frau heraus. Sie machte ein sehr langes Gesicht, und ehe er noch ein Wort herausbringen konnte, sagte sie:„Ich weiß wahrhastig nicht, was in die Leute gefahren ist. Ich kann nichts zum Mittag essen bekommen. Der Fleischer will mich nicht bedienen, der Bäcker hat kein Brot gebacken, und der Milchmann ist nicht gekommen. Sie sagen, sie brauchten unser Geld nicht mehr, sie hätten nun selbst genug davon." Peter machte ein betroffenes Gesicht, sein« vergnügte Miene verschwand. Er hatte das unbehagliche Gefühl, daß der Goldregen schließlich doch nicht eine so gute Sache sein möchte, wie er gedacht hatte.„Sicherlich wird's irgend jemand geben," sagte er,„der uns mit diesen Dingen versorgt." „Nun, ich finde keinen," sagte seine Frau. „Jedermann sagt, er sei jetzt schön heraus und habe nicht mehr nötig, noch weiter zu seinem Unterhalt für uns zu arbeiten." „Das ist eine unangenehme Geschichte," dachte Peter,„ich kann doch nicht mein Geld essen!" Peter wurde hungrig. Da erkannte er, daß er nur reich sein konnte, wenn andere arm waren. Was war zu tun? Selbst die stüheren Armen fingen an, bestürzte Gesichter zu zeigen. Auch sie fanden, daß sie nun um nichts besser daran waren mit dem Golde, das sie auf gelesen hatten. Sie entschlossen sich zuletzt, alle zusammenzurufen, um darüber zu be raten, was zu tun sei. Jedermann war da, vom Bürgermeister bis zum Büttel. Und sie redeten und redeten und redeten. Aber es kam nichts dabei heraus, außer der Tatsache, daß sie hungriger wurden denn je. Plötzlich stand ein Rechtsgelehrter auf.„Es ist klar," sagte er,„daß wir an die Arbeit gehen müssen." Diese außergewöhnlichen Worte aus dem Munde eines Rechtsgelehrten machten die Versammlung ganz verdutzt. Was verstand ein Rechtsgelehrter von Arbeit? Alle wurden so still, daß ihr es hättet hören können, wenn eine Nadel zu Boden gefallen wäre. Da nahm Peter das Wort.„Ihr guten Leute," sagte er,„wir alle brauchen Nahrung, und wir haben keine. Geld brauchen wir nicht, wir haben genug. Aber Geld können Für unsere Kinder wir nicht essen und trinken. Es ist ganz sicher, daß wir uns Nahrung nur durch Arbeit be schaffen können. Deshalb müssen wir alle an die Arbeit gehen.- Und so war es. Damit die Leute wieder zu essen bekamen, konnten sie nichts anderes tun: sie mußten wieder an die Arbeit gehen. „Aber,- sagten sie,„wenn nicht das Gold, wenn nur die Arbeit die Mittel zum Leben schafft, dann sollen nicht bloß einige von uns, dann sollen alle arbeiten. Es ist nicht recht, daß die einen arbeiten und die anderen müßig gehen.- Die Armen hatten früher ihre Armut er tragen, weil sie gelehrt worden waren, daß es immer Reiche und Arme geben müsse, und daß die Armen ohne die Reichen nicht leben könnten. Nun hatten sie gesehen, daß das nicht wahr ist, daß umgekehrt die Reichen ohne die Armen nicht leben können, und daß die Arbeit alles schafft, was die Menschen zum Leben nötig haben. Da beschloffen sie, daß keiner von der Arbeit anderer leben dürfe, und daß alle gleich sein sollten. Hinfort gab es keine Armut mehr im Lande der braven Leute, weil das Volk es nicht duldete, daß die guten Dinge, die die Arbeit hervorbringt, von solchen Menschen genommen und genossen wurden, die nicht arbeiten. (Nach dem Englischen de« E. Bück in „De« Kindes sojigltstilcheS Lesebuch".) ovo Die Korallen. Von Karl Ewald.(Schluß.) Eines Tages kam eine große weiße Möwe geflogen und setzte sich aus die Insel. In der Zeit geschah es, daß die Erde— die große runde Erde, die mit dem Monde rund um die Sonne herum durch den Welten raum wandert— besonders schlechter Laune war. Der Mond neckte sie in einem fort, und sie hatte auch den Arger über den Kometen noch nicht verwunden, der in Stücke gegangen war, bevor er ihr seine Reiseerlebnisse erzählt hatte. Als nun die Erde zu dieser Zeit auf ihren Leib herunter sah, da entdeckte sie in der Nähe des Äquators eine kleine Erhöhung, die ihr noch niemals aufgefallen war. „Was in aller Welt ist denn nun das wieder?" rief sie ärgerlich. Es war aber nichts anderes als die Korallen- iniel. Als aber die Erde erfuhr, wie alles zu sammenhing, da wurde sie über die Maßen zornig.„Nun wird es aber doch wahrhaftig zu toll?" rief sie.„Nicht nur hält einen da ein großmäuliger Komet zum Narren, nicht nur muß man sich darein finden, daß einen jeden Monat einmal dieser dumme Mond mit seinem roten Gesicht angrinst... nicht bloß graben die Menschen in meinen Eingeweiden herum und machen Land zu Wasser und Wasser zu Land und schalten und walten, wie es ihnen beliebt— nein, nun soll man sich obendrein noch gefallen lassen, daß ein Korallenkind, das man nur entdecken kann, wenn man ein Ver größerungsglas gebraucht, einem die Figur verändert und mir eine förmliche Insel mitten in meinem Magen aufbaut! So ein jämmer liches Weichtier! Aber der Geschichte wollen wir doch ein Ziel setzen!- Und in demselben Augenblick senkte sie da, wo die Koralleninsel lag, den ganzen Meeres grund tiefer. Ihr könnt euch denken: das gab einen Schreck! Die Insel verschwand im Meere, und die Möwe, die dort saß, flog laut schreiend in die Höhe. Die Korallenblöcke stürzten durch einander und gingen in Stücke. Fische, Krebse und Schildkröten flüchteten, so schnell als sie nur vermochten, und im Tangwald zitterte jedes Blatt. Als es dann aber im Wasser wieder ruhig geworden war, da flüsterten die Korallentiere sich leise zu: „Vergeht die Insel nicht!" Und dann fingen sie wieder unverdrossen an zu bauen. Als dann einige Zeit verflossen war, da waren sie wieder dicht an der Oberfläche; die Wogen schleuderten gewaltige Blöcke über sie, und wieder lag die Insel da. „Da soll denn doch—!" rief die Erde. Und wieder senkte sie den Meeresgrund noch tiefer. „Vergeht die Insel nicht!" flüsterten die Korallen. Und einige Zeit darauf lag die Insel wieder da. „Könnt ihr auf die Weise fortfahren?" fragte die Erde. „Das können wir!" antworteten die Ko rallen.„Nun— dann muß ich nachgeben!" sagte die Erde.„Denn ich kann nicht so fortfahren." Nun lag die Insel da, und nun blieb sie da liegen. Die Korallen bauten emsig weiter, 104 Für unsere Kinder und die Wogen schleuderten immer mehr Blöcke| samen aus ihm heraus, und kurze Zeit darauf darauf, und die Insel wurde immer größer war die Insel ganz grün. In dem Baumund größer. Da tam eines Tages ein großes rundes braunes Ding herangeschwommen und stieß an die Insel an. " Wer da?" riefen die Korallen aus der Tiefe herauf. " Ich bin's," sagte das Ding. " Jawer ist denn dieses Jch?" fragten die Korallen wieder. ,, Kennt ihr mich denn nicht?" sagte das Ding. „ Ich bin die Kotosnuß. In der ganzen Welt bin ich berühmt. Ich richte die Inseln so her, daß sie auf die Landkarte und in das Geographiebuch kommen. Man hat sogar Verse auf mich gemacht. Ein Gedicht über mich fängt folgendermaßen an: ,, Auf dem weiten Meer Schwamm eine Kokosnuß daher." " Das lann schon sein," sagten die Korallen. Wir wissen aber nichts davon. Wir haben felber eine Insel gebaut und niemals Zeit gehabt, Verse zu machen." " " Ja," sagte die Kokosnuß.„ Es ist ganz unglaublich, wie groß die Unwissenheit auf Erden ist. Nun sagt mir aber habt ihr so viel Erde da, daß ich Wurzel fassen und zu einer Palme mich auswachsen kann?" " ,, Aha!" flüsterten die Korallen sich zu.„ Es ist die Palme!" Darauf baten sie die Nuß höflich, sie möchte nach Verlauf einiger Zeit wiederkommen, sie wollten indessen ihr möglichstes tun, um ihr genügend Erde zu schaffen." " ,, Gut!" sagte die Kokosnuß. Dann werde ich also ein Jahr lang im Meere herumschwimmen. Meine Schale ist so dick, daß ich mir das leisten kann." Darauf schwamm sie weg. So oft nun etwas Tang oder tote Fische und Seesterne oder sonst etwas im Meere angeschwommen kam, baten die Korallen die Wogen, sie möchten doch alles auf die Insel hinaufwerfen. Das taten die Wogen auch, und dann blieb das Angeschwommene oben liegen, verfaulte und wurde zu Erde. Die Seevögel Tamen und hinterließen ihren Dünger, und in dem Dünger war ein Kirschkern, der keimte und wuchs zu einem stattlichen kleinen Baume empor. Eines Tags trieb ein großer hohler Baumstamm heran. Als der auf die Insel kam und dort verfaulte, fiel eine ganze Masse Grasstamm waren auch zwei Eidechsen, und die bekamen Kinder und richteten sich häuslich auf der Insel ein, die ihnen ganz gut gefiel. Und dann kam die Kokosnuß wieder. " Hebt mich!" sagte sie zu den Wogen. Sie feimte und wurde ein prächtiger Baum. Ihre Nüsse fielen nach allen Seiten, und bald stand ein ganzer kleiner Hain von Kokospalmen auf der Insel. Vögel famen, die auf den Bäumen Nester bauten, es tamen Blumen, Bienen, Fliegen, Schmetterlinge. Und eines Tags fam in einem Boot ein Mann dahergefahren. Sein Schiff war untergegangen, und er war viele Tage auf dem Meere umhergetrieben worden. Hungrig war er und durstig, und als er die Insel erblickte, wurde er fast wahnsinnig vor Freude, er stieg ans Land, aß Kokosnüsse und Austern und baute sich ein Haus, in dem er wohnen konnte, bis ein Schiff kam, das ihn in sein Vaterland bringen konnte. Im Wasser unten aber bauten die Korallen emsig immer weiter; denn sie konnten ihre Insel nie groß genug bekommen. „ Ach, wenn doch unsere Ur- Ur- Ur- Ur- Urgroßmutter sie sehen könnte!" flüsterten sich die Korallen zu. 000 Der Traum. Von Viktor Blüthgen. Es war ein niedlich Zeiselein, das träumte nachts im Mondenschein: Es säh am Himmel Stern bei Stern, davon wär jeder ein Hirsekern, und als es geflogen himmelauf, da pickte das Zeislein die Sterne auf. Piep wie war das im Traume so lieb! Und als die Sonne beschien den Baum, erwachte das Zeislein von seinem Traum. Es wehte das Schnäbelchen her und hin und sprach verwundert in seinem Sinn: „ Nun hab' ich gepickt die ganze Nacht und bin doch so hungrig aufgewacht! Pingdas ist mir ein närrisches Ding!" Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Druck und Verlag von Paul Singer in Stuttgart.