Für unsere Kinder Nr. 18 ooooooo Beilage zur Gleichheit ooooooo 1909 Das WildInhaltsverzeichnis: Waldeslehre. Von Robert| die Eltern unserer Liesel wohnten. Der Bater Seidel.( Gedicht.)- Der erste Kampf ums Recht. litt an einer unheilbaren Lähmung. Er konnte Von Emma Döly. Eine Floßfahrt auf dem nicht arbeiten, fonnte nichts verdienen und Main. I. Würzburg. Von Heinr. Wandt. Das brauchte fortwährend Pflege. Die Mutter Kind. Von Fr. Hebbel.( Gedicht.) weiblein. Von Jan Herben. Aus dem Tschechischen mußte für alles sorgen, was die Familie übersetzt von Otto Pid.( Schluß.) Das Liebes- brauchte. Von der Gemeinde erhielt sie nichts als das kleine Stübchen im Armenhaus. Da paar. Ein Märchen von H. C. Andersen. Tanzlied. Von Franz Mäding.( Gedicht.) schaffte denn die Mutter Werktags und Sonntags, schaffte, kaum daß die Sonne über den Wald emporstieg und wenn schon längst die Sterne am Himmel zum Giebelfenster hineinblinkten. Waldeslehre.* Uon Robert Seidel. Was der Einheit Kraft vermag, Wenn die Donner krachen, Lehrt der Wald bei Nacht und Tag Allen Kleinen und Schwachen. Steht ein Baum allein im Feld, Kann er Stand nicht halten, Doch vereint im Waldeszelt Trotzt er Sturmsgewalten. 000 Der erste Kampf ums Recht. Frühling war's wieder. Die Sonne schien so hell und warm. Man fonnte sich gar nicht denten, daß vor wenigen Wochen noch Schnee gelegen hatte und der talte Nordwind durch die Kleider bis auf die Haut gefahren war. Alles hatte jetzt ein vergnügtes Gesicht. Die junge Saat streckte ihre Halme freudig empor; an den Zweigen sprangen die ersten Blatt tnospen auf, und darüber jubelten die Lerchen. Auch Liesel freute sich, und sie hatte wohl die meiste Ursache dazu. Ihre Kleider waren abgenutzt und dünn, so daß Frost und Wind den mageren Körper ungehindert schütteln konnten, und wie oft war ihr ein Holzpantoffel im tiefen Schnee stecken geblieben! Liese! hatte einen weiten Schulweg. Eine halbe Stunde vom Dorfe entfernt, draußen beim Kirchhof, lag das Armenhaus, in dessen Giebelstube die * Aus„ Lichtglaube und Zukunftssonnen". Gedichte von Robert Seidel, Zweiter Band. Verlag: Buchhandlung Vorwärts, Berlin. Das Buch enthält viel Gutes, das aus der Gedankenwelt des tämpfenden Proletariate emporgeblüht ist Was unter ihren fleißigen, flinten Fingern entstand, war ganz dazu angetan, Kinderherzen zu erfreuen. Liesels Mutter fleidete Puppen an, niedliche hübsche Büppchen mit Lockenköpfen und Schließaugen: Knaben in Matrosenanzügen, Stadtdamen und Bäuerin nen in Tracht. War das eine bunte Herrlichfeit! Wie gern hätte Liesel ein solches Püppchen genommen und damit gespielt, und ihre Schwester auch. Aber die beiden durften nicht spielen, sie mußten der Mutter bei der Arbeit helfen. Die Mutter überbürdete sich selbst und die Kinder, um nur die größte Not abzuwehren. Trotzdem war oftmals Schmalhans Küchenmeister, das könnt ihr euch denken. Daher fam es wohl auch, daß die elfjährige Liese wie eine Neunjährige aussah. Aber wenngleich fie so mager war, daß die Leute sagten, sie bestände nur aus Haut und Knochen, war sie doch fräftig und gewandt. Mehrmals in der Woche, bei Regen, Sturm oder Sonnenschein, mußte fie in einem hochbepackten Tragforb die fertige Arbeit der Mutter zwei Stunden weit nach der Stadt tragen. Das hatte ihr eine zähe Kraft gegeben. Die Kälte des Winters hatte ihr arg zugesetzt. Doch jetzt war Frühling, die Sonne schien, und die Liefe lachte. Ungefähr in der Mitte zwischen Dorf und Armenhaus lagen vereinzelt drei Gehöfte. Gewöhnlich legten die Kinder, die dort wohnten, den Weg zur Schule und von da nach Hause zusammen mit den Mädchen und Jungen aus dem Gemeindehaus zurück. Im Sommer haschten und neckten sich die Kinder, im Winter drängten fie fich aneinander, unwillkürlich eins beim anderen Schuh suchend. So war es gewesen, allein jetzt war es anders geworden. 138 Für unsere Binder Der größte der drei Höfe hatte seinen Bescher gewechselt, und mit den Kindern des neuen Herrn war bald Unsriede in die kleine Gesell schaft gekommen.„Was?" sagte der dreizehn jährige Junge des neuen Hofbesitzers,„mit den Kindern auS dem Armenhause geht ihr? Das sollte mir passen! Mit solchem Bettelvolk rede ich nicht." Und er tat, wie er sagte. Robert aber war älter als die anderen Kinder. Seine Jahre, sein besserer Anzug und sein herrisches Wesen erleichterten es ihm, eine Art Kommando über die Kameraden zu erlangen. Robert gab den Ton an. Es dauerte gar nicht lange, so war es mit der guten Kameradschaft zwischen reich und arm vorbei. Die früher so einigen Kinder waren in zwei feindliche Parteien geteilt, und statt Scherz reden schollen Schimpfworte hin und her. von Venen„Lumpcnliese" und„Zieraffe" noch die zelindesten waren. Heute war es gar zur Schlägerei gekommen, bei der die Kinder aus dem Armenhaus den kürzeren gezogen hatten und nun weinend und rückwärtsscheltend ihr Heil in der Flucht suchten. Liese hatte im Dorfe etwas besorgen müssen und deshalb später als die anderen ven Heimweg angetreten. Sie sah gerade noch, wie ihre Hausgenossen flohen und die sieg reiche Partei Sand und Steine hinter ihnen drein warf. Schon manchmal war es ihr wie ein Stich durch das Herz gefahren, wenn die „Gemeindehäusler" wegen ihrer Armut ge schimpft und verhöhnt wurden. Ja, waren sie und ihre Kameraden denn nur deswegen schlechter, weil ihre Eltern arm waren? War ihre eigene Mutter nicht die fleißigste und ordentlichste Frau im ganzen Dorfe? Mußten sie und ihr Schwesterchen nicht fleißig sein, wenn andere Kinder draußen herumjubelten? Weder ihr Vater noch ihre Mutter waren an ihrer Armut schuld, die war ein Unglück und keine Schande. Die Arbeit aber war das erst recht nicht. Warum sollten sich die Kinder aus dem Gemeindehaus verspolten und prügeln lassen, nur weil sie arm waren? Liesels kleine Fäuste ballten sich kampfbereit, und mit einem energischen Ellenbogenruck schob sie die Schul tasche höher auf den Rücken. Jetzt wurde Liese auch von Robert und seinen Gefährten gesehen.„Aha, da kommt ja noch eine! Die hat sich wohl nicht früher hergetraut! Na, du Bettelliese, willst du auch Nüsse haben?" So scholl es in lautem Chor dem Mädchen entgegen. Liese war dicht vor den feindlichen Kindern stehen aeblieben und rief ihnen zu: „Was wollt ihr von mir? Ich habe noch nie gebettelt, laßt mich durch." „Oho, tu nur nicht so dick. Ich habe dir erst vorige Woche mein altes Schreibheft ge geben mit sechs leeren Seiten," zeterte ein lang aufgeschossenes Mädel. Doch Liese trumpfte gleich zurück:„So? Du weißt wohl nicht mehr, warum du es mir gabst? Weil ich deinen Aufsatz und deine Rechenaufgaben machte; damit Hab ich mir das Heft verdient." Nun wurde das Geschrei erst recht toll. „Hört doch, die will noch lange reden! Die tut sich! Haut ihr doch eine runter!" So schrien zornige Kinderstimmen durcheinander. Gleichzeitig wollte Robert dem Mädchen einen Stoß versetzen. Liese aber bückte sich schnell und wich damit dem Puff aus. Nun rannte sie mit gesenktem Kopfe gegen das große Mädel an, mit dem sie sich eben gezankt hatte. Pardauz, da lag die Große auf der Erde, so lang sie war. Behende sprang Liese durch die entstandene Lücke, teilte noch schnell einen Puff an Robert aus, und lief dann, so schnell sie nur konnte, ihren Kameraden nach, die von ferne dem Kampfe zugesehen hatten. Als sich die Kinder in der Nähe des Armenhauses sicher fühlten, ging es an ein Schwatzen und Schelten. Liese sagte, die anderen müßten sich schämen, daß sie alle davongelaufen wären. Sie hätten den Hochmütigen und Händel süchtigen lieber zeigen sollen, daß auch sie Fäuste haben. Die meisten fanden, daß Liese recht hatte. Aber Otto widersprach ihr. Das war ein zwölsjähriger Junge, den keiner der kleinen Schar recht leiden konnte, weil er gern die anderen verklatschte, wenn er sich selbst herausreden wollte.„Sei nur still, du bist ja auch fortgelaufen!" sagte er. Aber Liese meinte:„Gewiß, aber nur, weil ich allein gegen alle war. Ich werde doch nicht so dumm sein und mich ganz unnütz verhauen lassen! Und dann habe ich dem Robert doch einen Denkzettel gegeben. Wenn wir morgen aus der Schule kommen, so bleiben wir alle zu sammen, keiner von uns darf ausrücken, wenn die anderen dann wieder ansangen. Paßt mal auf, wenn wirzusammenhalten und uns wehren, so werden sie uns schon in Ruhe laffen." „Gewiß, du hast ganz recht, so machen wir es!" riefen mehrere Kinder. Nur Otto wollte davon nichts wissen. Er hatte Angst.„Robert ist doch stärker wie wir," erklärte er.„Wenn ihr so dumm seid, es mit ihm und den anderen aufzunehmen, soll's mir recht sein, aber ich mache nicht mit."»Das brauchst du auch Für unsere Kinder nicht, gehe aber dann auch deine eigenen Wege," sagte Liese, und dabei blieb es. Ja, Kinder, nun denkt ihr wohl, ich würde euch die ganze Schlacht am nächsten Tage schildern? Profit Mahlzeit! Die Größeren von euch werden gewiß schon als Hammer oder Amboß bei einer Balgerei dabei gewesen sein, und die Kleinen lernen das Raufen noch früh genug. Nur etwas will ich euch davon erzählen. Der leichte Sieg vom vorigen Tage hatte Robert und seine Schar noch eingebildeter gemacht. Wie verwundert waren sie über den plötzlichen Widerstand, dem sie begegneten. Erst waren sie die Angreifer, aber bald hatten ste genug zu tun, sich zu wehren. Wohl bekam Liese bei dem Kampfe ein paar Schmarren ins Gesicht, jedoch ließ sie sich dadurch nicht anfechten. Mit einem kühnen Sprung gelang es ihr, Roberts schöne, hochgekämmte Tolle in ihre Gewalt zu bekommen, und nun zog sie tüchtig daran. Da war Robert bald der erste, der davonlief. Seine Kameraden folgten ihm und Liefe behauptete mit den ihrigen triumphierend den Kampfplatz. Otto stand mit offenem Munde abseits. Ein paar Tage gingen sich nun die beiden Parteien so viel als möglich aus dem Wege. Dann aber kamen die Kinder aus den einzelstehenden Gehöften eines nach dem anderen zu ihren alten Spielgefährten zurück, und es dauerte keine Woche, so war die alte Eintracht wieder hergestellt. Nur Robert ging stolz und eigensinnig seine eigenen Wege, die ihm auch niemand kreuzte. Aber noch ein anderer war bei dem Ausgang des Kampfes schlecht ge fahren, und das war Otto. Weder seine Hausgenossen, noch die anderen Kinder wollten von ihm etwas wissen. Er hatte nur Robert, mit dem er gehen konnte, und der behandelte ihn von oben herab und ließ ihn seine Schultasche tragen. Die beiden, die sich zusammengefunden hatten, paßten zueinander. Den anderen Kindern aber prägte der nun begrabene Streit zwei Wahrheiten ins Herz, die sie später noch dringend brauchten: Armut darf nicht demütig und seige werden lassen, und Einigkeit macht start. Emma Döly. 000 139 hält sie gewiß für das schönste Vergnügen und freut sich, wenn ihn Sonntags der gute Vater oder der ältere Bruder zu einer Kahnpartie einladet. Wohl kaum einer von euch ist aber schon einmal Floß gefahren. Deshalb will ich euch von einer lustigen Floßfahrt den herrlichen Main herunter erzählen. Den herrlichen Main" sage ich, denn der schöne bayerische Strom verdient diese ehrenvolle Bezeichnung. Aus der Geographiestunde werdet ihr sicherlich den Main ein wenig tennen, oder nicht? Ich will versuchen, euch diesen sonderbaren, vielgekrümmten Gefellen etwas näher zu bringen, der unsere Heimat in ein Deutschland südlich und nördlich der Mainlinie teilt. Am besten wird es sein, ihr nehmt die Landkarte zur Hand und seht hübsch nach, woher der Main kommt und wohin wir auf ihm fahren. Der Main ist in seiner Jugend, die er oben im Fichtelgebirge verlebt, ein sehr lustiger und vergnügter Bursche. Besonders bei Frühlingsanfang, wenn auf den Bergen der Schnee schmilzt, weiß der ausgelassene Bengel oft gar nicht, welchen Unfug er in seinem tollen übermut den friedlichen Dörfern an seinem Ufer zufügen soll. Ist er aber erst bei Bamberg angelangt, so hat er die Flegeljahre ziemlich hinter sich, benimmt sich verhältnismäßig gesittet und stört selten mehr ernstlich die angrenzenden Städte und Dörfer. Aber als heimatstolzer Sohn eilt es ihm ganz und gar nicht, mit dem Vater Rhein zusammenzukommen. Nein, als ferniger Franke will er zuerst seine geliebte Heimat tüchtig kennen lernen. Daß dem so ist, tönnt ihr am besten aus eurem Schulatlas ersehen. Der Main liebt die heimatlichen, bewaldeten Berge, er tann sie nicht genug sehen, kann nicht genug ihren Fuß schmeichelnd lieb fosen. Deshalb macht er in seinem Laufe so gewaltige Krümmungen, die doch große Umwege für ihn sind. Vollends von dem unheimlichen Spessartwald verinag sich der romantische Geselle gar nicht zu trennen. Seht nur, in welchen abenteuerlichen Windungen er sich zwischen den düsteren Bergen herumschlängelt! Dabei wird er älter und älter. Als erfahrener Mann verläßt er schließlich den grünen Spessart und zieht im bedächtigen Tempo seine Straße Eine Floßfahrt auf dem Main. an Aschaffenburg vorbei und aus Bayern I. Würzburg. Wer von euch schon eine Nachenfahrt auf dem stillen Weiher oder auf dem blau- und grünschimmernden Flusse gemacht hat, der heraus. An Hanau, Offenbach, Frankfurt vor über fließt er nach Mainz, wo er sich mit dem graubärtigen Vater Rhein vereinigt. In Würzburg bin ich zum erstenmal an die User des herrlichen Stromes gekommen. An 140 Für unsere Kinder einem leuchlenden Frnhlingsmorgen bin ich dort mit dem Rucksack auf dem Rücken und dem knorrigen Bergstock in der Hand auf der alten Mainbrücke gestanden und habe aus die schimmernde Flut hinunkergestarrt. Das war ein schönes, farbenprächtiges Bild, wie die blinkenden Strahlen der Frühlingssonne in den grünen Wellen untertauchten und auf die vorbeifahrenden schwarzgrauen Fischerkähne silberne Linien zeichneten. Hin und wieder warf auf dem nahen Ludwigskai ein tüchtiger Windstoß ganze Stöße weißer und roter Blüten von den blühenden Kastanienbäumen in das sonnenbeschienene Master. Dort zogen muntere Fische ihre silbernen Furchen. Da hatte ich zu schauen, Stunde auf Stunde, und ihr hättet gewiß mit mir Auge und Herz an all dem Schönen erfreut, das Sonne, Lust, Wasser, die Ufer mit ihren Hügeln, Bäumen und Häusern zusammenzauberten. Die alte Mainbrücke selbst würde euch auch interessiert haben. Aus jeder ihrer Seiten stehen sechs mächtige, alte, malerische Steinfiguren, welche sich in dem breiten Strom spiegeln. Das sind die sogenannten zwölf Frankenheiligen, zum Teil recht putzige Gesellen in ihren weiten Mänteln. Von dieser Brücke bin ich aufs andere User hinübergegangen und den Marienberg hinaufgestiegen. Das ist ein gewaltiger Berg, welcher Stadt und Tal beherrscht. Malerisch leuchten im Sonnenschein seine kolossalen Ba stionen, die früher so manches Mal Unheil dräueten und Unheil entsendeten, über zwölf hundert Jahre trägt der sagenumwobene Berg die einst gewaltig« Festung der Würzburger. Auf die Stärk« der Feste gestützt konnten die jeweiligen Fürstbischöse getrost den Ansprüchen der Bürger und Bauern hohnlachen, wenn allzu große Not, allzu schreiendes Unrecht diese in einen Aufstand getrieben hatte. Vielleicht habt ihr etwas vom Bauernkrieg gehört und von dem vergeblichen hartnäckigen Sturm gegen die Würzburger Feste, an welchem auch der edle, tapsere Ritter Florian Geyer mit seiner schwarzen Schar teilgenommen hat. Später haben Schweden und Franzosen die Festung wiederholt belagert, und 1866 im Bruderkrieg hat preußische Artillerie sie gewaltig beschossen. Jetzt dient der Bau nicht mehr unmittelbaren Kriegszwecken, sondern als Kaserne beherbergt er bayerisches Militär. Nicht länger blickt der Berg als eine stete Drohung ins Tal, und im Herbst sind fleißig« Winzer beschäftigt, an seinen sonnigen Hängen die Früchte einzu heimsen. welche einen der besten deutschen Weine geben. Von der Höhe des Marien berge? genießt man eine prachtvolle Aussicht über die zu den Füßen liegende bayerische Universitäts- und Bischofsstadt, auf den schim mernden Strom und die im Sonnenschein glänzenden Weinberge. Sehr ungern, das dürft ihr mir glauben, habe ich von dem prächtigen Bilde Abschied genom men, um wieder in die Stadt hinunterzusteigen. Aber auch dort fehlte es nicht an Sehens würdigkeiten. Da ist vor allem der schöne Dom und die daneben befindliche Neumünster kirche. Ferner das Residenzschloß, ein Pracht denkmal des Rokoko, das altehrmürdige Rat haus, die Universität und viele Kirchenbaulsn. — Den ganzen Nachmittag bin ich kreuz und quer durch die Stadt gewandert, bis ich am Ende Kühlung suchend wieder am Flusse stand. Da sah ich ein großes Floß den Strom her unterschwimmen. Ein Floß! Als das so ge mütlich daherkam, wurde mir das Herz vor Sehnsucht weit. Ach könnte ich mit ihm den murmelnden, schnell eilenden Fluß hinunter ziehen, durch die sonnigen Frühlingslande, an Dörfchen und Städten vorübek, durch Wiesen und Wälder, von sanften Hügeln und steilen Höhen gegrüßt! Kaum gedacht, ward's gemacht. Kann ich euch sagen, wie«s kam? Ich welst es ja selbst noch kaum. Genug: als das Flop. wie mir schien zum Greifen nahe, an mir vor überschwamm, ein ordentlicher Weitsprung und plumps— ins Wasser. Beinahe wäre es mir schlecht gegangen, wenn mich nicht wie das Büblein aus dem Eise ein hagerer Flößer mit seiner langen Stange herausgefischt hätte. Da stand ich nun auf dem Floß vor vier lachenden Flößern. Ein Pudel konnte nicht nässer sein als ich. Etwas verlegen stotterte ich die Frage heraus, ob ich mitfahren dürfe. Das wurde mir erlaubt, und damit trat ich meine Floßfahrt auf dem Main an. Wie es mir auf ihr ergangen ist, was ich da alles gesehen habe, wie die Flößer leben und wje ein solches Floß beschaffen ist, werde ich euch in den sollenden Nummern erzählen. Heinrich Wandt. OVO Das Kind. Von Friedrich chedbel. Die Mutter lag im Totenschrein, Zum letztenmal geschmückt! Da spielt das kleine Kind herein, Das staunend sie erblickt- Für unsere Kinder Die Blumenkron im blonden Haar Gefällt ihm gar zu sehr, Die Busenblumen, bunt und klar, Zum Strauß gereiht, noch mehr. Und sanft und schmeichelnd ruft es aus: Du liebe Mutter, gib Mir eine Blum aus deinem Strauß, Ich hab dich auch so lieb!" And als die Mutter es nicht tut, Da denkt das Kind für sich: „ Sie schläft, doch wenn sie ausgeruht, So tut sie's sicherlich." Schleicht fort, so leis es immer fann, Und schließt die Türe sacht Und lauscht von Zeit zu Zeit daran, Ob Mutter noch nicht wacht. 000 Das Wildweiblein. von Otto Pick. Von Jan Herben. Aus dem Tschechischen übersetzt ( Schluß.) Bald darauf kam die älteste Tante vom unteren Teiche zu Bachstelzens geflogen. Sie war eine ehrwürdige Greisin. Sie besaß nicht nur Enkel, sondern auch Urenkel und Ururentel in der ganzen Umgebung. Eine Bachstelze war zu ihr geflogen und hatte sie gebeten, den armen Verwandten unter der Weide zu raten. Die waren gar traurig anzusehen. Wohl wärmte und strahlte die Frühlingssonne, allein Bachstelzens wußten anscheinend nichts davon. Das Gras auf den Wiesen wuchs und duftete, und der Löwenzahn setzte goldene Sterne darein, aber Bachstelzens sahen es anscheinend nicht. Sie hatten für nichts Sinn, als ihr Riesenfind zu füttern; sie plagten sich nur ab und freuten sich nicht. Seit Wochen hatte niemand gehört, daß das Männchen nur gepiepst, geschweige denn sein Frühlingslied angestimmt hätte. Die beiden kleinen Kinder schienen stündlich am Verlöschen, sie schlossen ihre Auglein, über welche sich ein feines Häutchen legte, und ließen die Köpfchen traftlos zur Seite sinken. Liebes Kind," sagte die ehrwürdige Tante zu Frau Bachstelze, hast du nichts bemerkt, als du die Eier legtest?" ,, Nichts hab' ich bemerkt." Flog nicht um euer Nest ein großer, aschgrauer, schwarzgestreifter Vogel, der fait vie ein Lerchenfalfe aussah?" 141 Wahrhaftig, solch ein Vogel flog umber," sagte das Männchen.„ Aber wir haben ihn verscheucht." „ Es stimmt," nickte die Greifin.„ Auch mir ist dieses Unglück zugestoßen, als ich zum ersten Male Junge ausbrüten sollte. Das Wild: meiblein hat mir ihr Ei untergeschoben und euch ebenfalls. Aus dem Ei in meinem Neste froch damals ein Riese mit großem Kopf und großen Augen, gerade wie euer Ungetüm." „ Tfisis- tsisis- tfijis," tönte es aus dem Neste unter der Weide und klang hungrig und befehlend immer lauter. „ Hört ihr's? Tsisis- tsists- tsisis, auch mein Riese hat so geschrien. Ich darf an jene Zeiten gar nicht zurückdenken. Wir haben das unfelige Kind gefüttert, lange gefüttert, bis wir selbst dem Tode nahe waren, denn wir trugen Futter von früh bis in die Nacht zusammen. Und stets war das große Kind hungrig. Denft euch, es warf unsere eigenen Kinder aus dem Nest heraus; fie starben auf der talten Erde. Als das große Kind Federn bekam, zeigte sich zum Glück eines Tages das Wildweiblein, setzte sich auf einen Erlenzweig und schrie über unseren Köpfen Kuck- fuck, so daß wir uns vor Angst zusammenhockten. Das große Junge aber schwang sich aus dem Neste, hüpfte von Ast zu Ast zum Wildweiblein hin, das schlug freudig mit den Flügeln und wies ihm den Weg in den Hochwald. Das Kind hüpfte und flatterte hinter der Mutter her, bis diese es an einer Fichte versteckte, wo sie es dann fütterte. Wir bemerkten nach einiger 3eit, daß sie im Walde drei Junge verborgen hatte, sür die sie nun selbst sorgte. Das Junge, das wir aufgezogen hatten, blieb in der Fichte, bis es fliegen tonnte und eines Tages mit dem Wildweiblein im dichten Walde verschwand. Jenes Jahr blieben wir finderlos. Wir überstanden die Prüfung, aber wir fühlten uns wie nach einer schweren Krankheit. Darum zogen wir aus dem Walde dorthin an das untere Ende des Teiches, bei der Mühle. Wir waren außerstande, an dem Orte zu bleiben, wo uns ein solches Unglück zuge stoßen war." ,, Du meine Güte," seufzte Frau Bachstelze, und das Männchen biß den Schnabel fest aufeinander. Der Vielfraß im Neste schrie Tsisistjisis je länger, desto hungriger. Die Greisin erzählte, erregte sich und fluchte dem erbärmlichen Wildweiblein, der Wutter, die fein Muttergefühl besitzt und anderen ehrbaren Vogelmütter ihre Eier ins Nest schmuggelt, 142 Für unsere Kinder um sie nicht selbst ausbrüten zu müssen.„Die Eier ausbrüten, jawohl, das ist eine schwere Ar beit," so rief sie.„Sitzen wie auf harten Kieseln und die Eier erwärnien, bis die Brust wund wird und wie Feuer brennt! Das Wildweiblein freilich verspürt auch nicht jenes Mutterglück, wenn das Leben in dem Ei sich zu regen beginnt, wenn das junge Vöglein darin anfängt, an die Schale zu picken, wenn gar das nackte Geschöpfchen die Schale durchbricht und sich an die Brust der Mutter schmiegt, wenn der Vater ihm das erste Würmchen in das winzige helle Schnäblein steckt. Seht, wie das Eich hörnchen seinen Kleinen Futter zuträgt, wie die Häsin ihre Kinder auf der Wiese durch einen Pfiff zusammenruft, um sie zu säugen, wie das Reh dort am Waldesrande sein Junges zärtlich leckt. Ja, sogar die Menschen --- Gewiß seht ihr die Hegersfrau mit ihrem Kind chen am Teiche sitzen. Nur das verfluchte--" Chva— chva— kuck— kuck, chva— chva— kuck— kuck! ertönte es plötzlich über de» Köpfen der Bachstelzen. Flügel rauschten, und ein Kuckuck flog über den Teich in den Wald. Allen stockte der Atem. „Das Wildweiblein hat zugehört!" sagte die alte Tante Bachstelze. „Gewiß hat es zugehört," dachten alle und fürchteten sich, daß es wütend umkehrm und sie zerreißen werde. O Aber der Kuckuck kehrte nicht um und stürzte sich nicht auf sie. Ruhig setzte er sich in eine dichte Baumkrone, schrieKuck-kuck und schluchzte. Das Kuck-kuck, kuck-kuck, das er über den Weiden gerufen hatte, war ein Klageruf und bedeutete: „Gnade! Hört auf zu fluchen!" Eine unglück liche Mutler hatte es gerufen, welche allen Müttern des Waldes ihre Freuden und ihre Muttersorgen neidete: Das unglückliche Wild weiblein, das von der Natur scheinbar zu Ge fühllosigkeit gegen seine Jungen verurteilt worden ist, zum Unheil mancher Vogelfamilien; das unglückliche Wildweiblein unter den Vögeln, für das die Mutterschaft nicht die höchste Wonne und Seligkeit ist, wie für andere Mütter, sondern ein Schmerz, eine Qual, ein Fluch. Lange saß Frau Kuckuck im Wipfel der Fichte, machte Kuck-kuck und weinte. Wer kennt ihr Weh, und wer wird sie bemitleiden? Sie hätte kein Muttergefühl, hieß es. Sie, für die jedes Muttersein die tiefste Traurigkeit ist! „Wessen Weh ist größer als meines?" dachte sie.„Von der bitteren und harten Nahrung, die die Natur mir zugewiesen hat, ist mein Schoß ausgedorrt, mein Leib schmächtig. Acht mal muß die Sonne über den Wäldern auf steigen, bevor mein Schoß ein zweites Ei nach dem ersten, ein drittes nach dem zweiten her vorzubringen vermag. Und darum kann ich kein Nest bauen, um meine Jungen zu hüten. Das erste Ei würde erkalten, bevor ich das letzte lege. Ich bin dazu verdammt, nach glück licheren Müttern zu spähen, die schnell nach einander ihre Eier legen. Meine Frucht muß ich hinterlistig in ihre warmen Nester bringen. Ich muß sie auf die kalte Erde legen und im Schnabel in die Nester trage», wenn die Eltern keine Wache halten. Dort bei Bachstelzens ist mein ältestes. Das zweite habe ich im Neste des Fliegenfängers. Als ich dort zum ersten Male ein Ei ins Nest bringen wollte, ließ ich es fallen, weil der Fliegenfänger mit seinem Weibchen nahte. Das Ei zerbrach." Das Wild weiblein rief Kuck-kuck und schluchzte. Wer kennt den Schmerz der Kuckucksmulter, und wer wird sie bedauern! „Voriges Jahr," so klagte sie weiter,„legte ich das Ei in eine Baumhöhle, in das Nest einer Waldmeise. Und als mein armes Kind groß geworden war, konnte es aus der Höh lung nicht mehr hinaus. Die Pflegeeltern fütterten es, auch ich brachte ihm heimlich Futter und blieb in der Nähe auf einem Ast sitzen. Mein Kind versuchte sein Hälschen aus der Höhle herauszustrecken, es zitterte, wenn es meine Stimme hörte, und antwortete mir mit angsterfülltem Schreien. Meine anderen Kinder flogen durch den Wald, ich führte sie ins Feld und in die Gärten, um Nahrung zu suchen. Ihr unglückliches Geschwister aver spannte vergebens seine Kräfte an, um seinen Kerker, sein— Grab zu durchbrechen. Es ging zugrunde, als ich auf die weite Reise fliegen mußte. Hungers mußte das Würmchen sterben, denn auch die Pflegeeltern verließen es, den Gesetzen folgend, die unS fortzufliegen gebieten, sobald kalte Winde zu blasen be ginnen. Das Kuckucksweiblein hat kein Mutter gefühl! Während der ganzen langen Reise krampfte sich mir das Herz vor Kummer zu sammen, wenn ich an das verlassene Kind dachte. Ein Wunder, daß ich nicht vor Er schöpfung ins Meer gefallen bin. Mein Herz hört nicht auf zu schmerzen, so viel Kinder habe ich verloren!" Das Wildweiblein rief Kuck-kuck und schluchzte weiter:„Die Sonne strahlt, die Wälder rau schen, und die Wiesen blüben. alle Mütter und Für unsere Kinder l4c glücklich. Sie führen ihre Kinder bereits aus oder freue» sich, daß ihnen bald Flügel wachsen werden. Für die Kuckucksweibchen ist die Mutterschaft Angst und Not. Wir müssen unsere teuren Kinder Fremden zur Pflege und Aufzucht überlassen. In ihrem zartesten Alter sehen sie Grauen vor sich in den Augen der Pflegeeltern, hören sie das Weinen der Mütter, deren eigene Kinder darben und sterben, hören sie Flüche für die fühllosen Wildweibchen. Wer wäre glücklicher als ich, wenn ich meine Kinder mit meinem Körper wärmen, wenn ich sie in meinem Neste liebkosen, ihre Köpf chen streicheln, ihrem leisen Gepiepe lauschen könnte? Aber wenn ich nicht die Mörderin meiner Kinder werden will, muß ich ihnen «ine gefühllose Mutier, ein Wildwcibchen sein. In zarter Jugend würden sie an der Nahrung sterben, die zu sammeln ich verdammt bin. Haarige Raupen, die andere Vögel ver schmähen, sind meine Speise." Das Wildweiblein rief Kuck-kuck und schluchzte. .Ach, ihr Unbarmherzigen, Unwissenden! Das Kuckucks-Wildweiblein besitzt Mutterliebe. Ich sehne mich und durchrufe die Wälder nach meinen Kindern, damit sie in den fremden Nestern meine mütterliche Stimme hören. Mit Schmerzen erwarte ich die Zeit, da sie soweit herangewachsen sein werden, daß sie die Nah- rung vertragen können, die ich sammle. Ich rufe sie, damit sie aus den ungeliebten Nestern Herausgucken, ich umflattere sie und schaue nach, ob sie lebend und wohlauf sind. Und dann fliehe ich wieder, vom Unglück verfolgt, das meine un schuldigen, schönen Kinder über ihre Pflegeeltern und ihre Brut bringen. Wenn ich meine Kinder jetzt nähren wollte, so würde ich sie töten. Und wenn sie flügge werden, dann töten die Menschen sie, die sie für Lerchenfalken halten. Nur mit Zittern und Beben kann ich sie aus dem Walde in die Felder und Gärten führen, wo Menschen sind; ich bin eine geängstigte, scheue, traurige Mutter und fürchte mich vor den Augen und Stimmen aller Geschöpfe, die ich erblicke." So klagte das Wildweiblein und rief Kuck-kuck, und sein Ruf drang gramvoll durch den Wald. Tann flog es von der Fichte fort, flatterte im Wald herum, und das schwermütigeKuck-kuck erklang bald an dem einen, bald an dem anderen Ufer des Teiches und dann vom Hügel im Walde bei der Kapelle. Die Dorfkinder, die aus der Schule kamen, liefen in den Wald, um Blumen zu suchen und Ruten zu schneiden. Sie ergötzen sich an dem Rufe des Kuckucks. denn sie glaubten, er spiele mit ihnen Ver stecken. Das Wildweiblein aber umflatterte die Nester fremder Vögel und rief ihren Kindern zu: Kuck-kuck, kuck-kuck, kuck-kuck! o o o Das Liebespaar. Sin Märchen von S. C. Andersen. Ein Kreisel und ein Bällchen lagen im Kasten beisammen unter anderem Spielzeug. Da sagte der Kreisel zum Bällchen:«Wollen wir nicht Brautleute sein, da wir doch in einem Kasten zusammenliegen?" Aber das Bällchen, welches von Saffian genäht war, und das sich ebensoviel einbildete als ein feines Fräulein, wollte darauf nicht antworten. Am nächsten Tage kam der kleine Knabe, dem das Spielzeug gehörte. Er bemalte den Kreisel rot und gelb und schlug einen Messing nagel mitten hinein; das sah einmal recht prächtig aus, wenn der Kreisel sich herum drehte!„S�hen Sie mich an!" sagte er zum Bällchen. „Was sagen Sie nun? Wollen wir nun nichr Brautleute sein? Wir passen so gut zueinander: Sie springen und ich tanze! Glücklicher als wir beide würde niemand werden können!" „So? Glauben Sie das?" sagte das Bällchen. „Sie wissen wohl nicht, daß mein Vater und meine Mutter Safsianpanloffeln gewesen sind, und daß ich einen spanischen Kork im Leibe habe?"„Ja, aber ich bin von Mahagoniholz," sagte der Kreisel,„und der Bürgermeister hat mich selbst gedrechselt. Er hat seine eigene Drechselbank, und es hat ihm viel Vergnügen gemacht."„Kann ich mich darauf verlassen?" fragte das Bällchen. „Möge ich niemals die Peitsche bekommen, wenn ich lüge!" erwiderte der Kreisel. „Sie wissen gut für sich zu sprechen!" sagte das Bällchen.„Aber ich kann doch nicht: ich bin mit einer Schwalbe so gut wie ver sprochen; jedesmal, wenn ich in die Luft fliege, steckt sie den Kopf zum Zieste heraus und fragt: „Wollen Sie?" Und nun habe ich innerlich ja gesagt, und das ist so gut wie eine halbe Verlobung; aber ich verspreche Ihnen, Sie nie zu vergessen!" „Ja, das wird viel helfen!" sagte der Kreisel. Und so sprachen sie nicht mehr mit einander. 144 Für unsere Kinder Am nächsten Tage wurde das Bällchen von| spanischen Kork im Leibe; aber das wird mir dem Knaben hervorgenommen. Der Kreisel wohl niemand ansehen. Ich war nahe daran, sah, wie es hoch in die Luft flog, gleich einem mich mit einer Schwalbe zu verheiraten, aber Vogel; zuletzt konnte man es gar nicht mehr da fiel ich in die Dachrinne, und darin habe erblicken; jedesmal kam es wieder zurück, ich wohl fünf Jahre gelegen und bin aus machte aber immer einen hohen Sprung, gequollen. Glauben Sie mir, das ist eine lange wenn es die Erde berührte; und das geschah Zeit für ein junges Bällchen!" entweder aus Sehnsucht, oder weil es einen spanischen Kort im Leibe hatte. Das neuntemal aber blieb das Bällchen weg und fam nicht wieder, und der Knabe suchte und suchte, aber weg war es. Ich weiß wohl, wo es ist!" seufzte der Kreisel. Es ist im Schwalbennest und hat fich mit der Schwalbe verheiratet!" Je mehr der Kreisel daran dachte, um so mehr wurde er für das Bällchen eingenommen; gerade weil er es nicht bekommen konnte, darum nahm seine Liebe zu; daß es einen anderen genommen hatte, das war das Eigentümliche dabei; und der Kreisel tanzte herum und schnurrte, dachte aber beständig an das Bällchen, welches in seinen Gedanken immer schöner und schöner wurde. So verstrich manches Jahr-- und nun war es eine alte Liebe. Und der Kreisel war auch nicht mehr jung! -Aber da wurde er eines Tages über und über vergoldet; nie hatte er so schön ausgesehen, er war nun ein Goldkreisel und sprang, daß er schnurrte. Ja, das war doch etwas! Aber auf einmal sprang er zu hoch und weg war er. Man suchte und suchte, selbst unten im Keller, doch er war nicht zu finden. Wo war er? Er war in den Kehrichtkasten gesprungen, wo allerlei lag: Kohlstrünte, Kehricht und Schutt, welcher von der Dachrinne heruntergefallen war. „ Nun liege ich freilich gut! Hier wird die Vergoldung bald von mir verschwinden. Ach, unter welches Gesindel bin ich hier geraten!" Und dann schielte er nach einem langen, abgeblätterten Kohlstrunke und nach einem sonderbaren, runden Dinge, welches wie ein alter Apfel aussah; aber es war fein Apfel, es war ein altes Bällchen, welches viele Jahre in der Dachrinne gelegen hatte und vom Wasser ganz durchnäßt war. „ Gott sei Dank, da kommt doch einer unsersgleichen, mit dem man sprechen kann!" jagte das Bällchen und betrachtete den vergoldeten Kreisel. Ich bin eigentlich von Saffian, von Jungfrauenhänden genäht, und habe einen Aber der Kreisel sagte nichts; er dachte an seine alte Liebe, und je mehr er hörte, desto klarer wurde es ihm, daß sie es war. Da kam das Dienstmädchen und wollte den Kasten umwenden:„ Heisa, da ist der Goldfreisel!" sagte es. Und der Kreisel kam wieder zu Ansehen und Ehre, aber vom Bällchen hörte man nichts. und der Kreisel sprach nie mehr von seiner alten Liebe die vergeht, wenn die Geliebte fünf Jahre lang in einer Wasserrinne gelegen hat und ausgequollen ist; ja, man erkennt sie nicht wieder, wenn man ihr im Kehrichtkasten begegnet. 000 Tanzlied. Aus.Prinzeß Sternröschen. Von Franz Mäding. ( Nachdruck verboten.) Ri Ra Ringelspiel, Laßt die Mützen fliegen; Links rechts- rund herum, Das ist ein Vergnügen. Zweimal sing ich meine Weis', Dreimal dreh ich mich in Kreis, Du mit mir, Ich mit dir, So gefällt es mir. Ri- Ra Ringelspiel Rund herumgesprungen. Duich, ich und du Fröhlich jetzt gesungen. Ist das Spiel zu Ende dann, Fängt es gleich von neuem an: Du mit mir, Ich mit dir, So gefällt es mir. Berantwortlich für die Redattton: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Poft Degerloch bet Stuttgart. Druck und Verlag von Baul Singer in Stuttgart.