Für unsere Kinder Nr. 25 o o o O o o o Beilage zur Gleichheit o o o o o o o 1909 Inhaltsverzeichnis: Losung. Bon Angtlus Si- lesiuS.— Der still« Maschinknsaal. Bon Ernst Almsloh.— Bauernaufstand. Bon BSrries v. Münchhausen. sGedicht.)— Eine Floßfahn aus dem Main: VII. Miltenberg, ein Stück Mittel alter. Von Heinrich Wandt.— Großmama! Bon Emma Döly.(Gedicht.)— Was die Eule die Evayen lehrte. Nach dem Russischen des A. Tru- baischefs von eck.— Das versteckte Büblein. Bon Friedrich Güll.(Gedicht.) Losung. Rein wie das feinste Gold, steif wie ein Felsenstein, Ganz lauter wie Kristall soll dein Ge müts sein. Ängelu« Stlesw« �Johann Scheffle«.) ovo Der stille Maschinensaal. Schlaftrunken blinzelte die Antriebmaschine in den Saal. Hatte sie nicht eben Geräusch gehört? Sollten die Arbeiter zurückgekehrt fein? Sie sah niemanden, aber da war es wieder, das Geräusch. Sssss- sssss- buff- buff- sssss- buff. Und was war es? Ein Brummer, ein ganz gewöhnlicher Brummer, der durch irgend eine zerbrochene Scheibe in den Fadriksaal geflogen war und sich nun nicht wieder nach draußen finden konnte. Aufgeregt und tollpatschig flog er immer aufs neue mit seinem dicken Kopfe gegen die blinden Scheiben. Sssss— sssss- buffbuff-- buff- sssss. Tie Antriebmaschin« schloß wieder die Augen und träumte weiter. Gott, war sie seinhörig geworden! Eine Fliege konnte sie schon aus dem Schlafe wecken! Wenn ihr das vor vier Wochen je mand gesagt hätte! Wie hätte sie den aus gelacht! Sie, die immer so müde war, wenn die Fabrikglocke abends pfiff, daß sie schon beinahe schlief, ehe nur die Arbeiter den Raum verlassen hatten. Sssss- buffbuffbuff-- sssss- sssss- buff. Jetzt hört« sie den Brummer am Fenster und ärgert« sich beinah«, daß so ein KnirpS sie am Einschlafen hindern konnte. Sie blinzelte nach dem Fensler hin und sah, wie der Brummer sich in seiner ängstlichen Aufgeregtheit immer weiter von dem Loche entfernte, durch das er hereingekommen war. „Sie da, Herr Brummer/ rief sie ihm zu, „wo wollen Sie denn hin?" „Raus will ich, raus aus diesem verflixten Käfig."„Erlauben Sie mal! Käfig? Dann wären wir hier wohl Gefangene!" „Na, was seid ihr denn anders! Immer müßt ihr an demselben Flecke bleiben, und wenn euch die Arbeiter nicht in Bewegung setzen, müßt ihr auch noch stillstehen wie»in Klotz." „Schon recht! Aber wenn wir erst in Be wegung sind, leisten wir auch nützliche Arbeit, während du ein fauler Rumtreiber bist." Sssss- sssss- buff- sssss- buffbuff- sssss. „So etwas hören Sie wohl nicht gern, Herr Brummer?"„Ach, laßt mich mit eurem Gerede zu frieden. Sagt mir lieber, wie ich hier wieder herauskomme."„Erst müssen Sie mir sagen, was Sie hier überhaupt wollten. Sind Sie wohl gar ei» Streikbrecher?"„Streikbrecher! Pfui! Sehe ich so aus?" „Das gerade nicht. Ich meinte es auch nur so." „Aber wegen des Streiks bin ich doch hier drin."„Wegen de? Streiks? Hören Sie, Herr Brummer, das interessiert mich. Und die anderen auch! Sehen Sie, wie sie alle wach geworden sind, die Esse, der Amboß, die Stanzenmaschine, die Treibriemen. Seit vier Wochen hören und sehen wir nichts mehr vom Streik."„Habt ihr denn vorher etwaS davon gehört?" „Natürlich, die Arbeiter redeten doch dar über. Und dann am letzten Tage! Als alle aufhörten und uns noch einmal so recht lange ansahen. Mancher wird da gewiß gedacht haben: Ob wir uns wohl wiedersehen?" „Und seitdem habt ihr nichts mehr gehört?" „Nein, hier ist ja niemand wieder gewesen; wir denken nur, daß der Streik noch immer dauern muß, weil die Arbeiter noch nicht zu rückgekehrt sind. Aber so erzählen Sie doch ein Wort, Herr Brummer, ich habe«S vorhin ja nicht bös« gemeint." 194 ssur unsere Kinder „Rumtreiber haben Sie mich flenannt, Frau Autriebmaschine, aber eben deshalb weih ich auch, wie's überall aussieht." „Wie denn?" „Wie hier!" „Wie hier? Was heißt das?" „Na, was ist denn hier los?" „Nichts."„Na also. Da draußen auch nichts." „Aha, jetzt verstehe ich Sie, Herr Brummer, die Arbeit ruht noch überall wie hier." „So ist es! Kein Schornstein raucht, keine Maschine arbeitet, nur ganz wenig Eisenbahn züge fahren hin und her, und in den Häfen liegt Schiff neben Schiff, das seine Ladung nicht einnehmen oder nicht loswerden kann. Überall in Schweden, wo sonst gewerbliche Arbeiter die Hände regen, da ist es still wie an Sonntagen." „Das freut uns hier alle sehr! Wir sind nämlich alle auf feiten der Arbeiter." „Das gehört sich auch so. Ich bin auch für die Arbeiter." „Das ist schön von Ihnen, Herr Brummer." „O bitte sehr! Das ist übrigens ja selbst verständlich, wenn man nicht selbst irgend ein Ausbeuter ist, so muß man für die Arbeiter sein. Donnerwetter, sind das tapfere Kerle! Sie hungern, als wenn das zum täglichen Brot ge hörte. Und selbst die Kinder murren nicht mal." „Die Kinder! Ja, die tun mir leid, der Maschinist, der mich bedient, hat so einen prächtigen Jungen von zehn Jahren, der ihm immer das Essen bringt. Wenn ich den doch wiedersehen könnte!" „Da werden Sie schon noch etwas warten müssen. Denn gerade Ihr Maschinist hat gestern abend noch zu seiner Frau gesagt: ehe nicht ein anständiger Frieden zustande kommt, bringen mich keine zehn Pferde wieder in die Fabrik." „Das freut mich! Ja, mein Erik Sjöström ist ein tapferer Kerl. Waren Sie denn bei ihm?" „Ja, eben gestern abend. Und da sagte er noch zu seiner Frau: ich werde so eine Un ruhe nicht los, als ob in unserer Fabrik etwas nicht in Ordnung wäre. Ich fürchte, Streik brecher sind an meiner Maschine gewesen und haben sie beschmutzt und ruiniert, meine schöne, saubere Maschine!" „Das hat er gesagt? Er denkt also an mich!" „Ja, und da habe ich mir vorgenommen, daß ich heute herfliegen und nachsehen will. Und wenn alles in Ordnung ist, will ich es ihm diese Nacht im Traume ins Ohr summen." „Ei ei, Herr Brummer, so ein lieber Kerl sind Sie? Wer hätte das von Ihnen gedacht, als Sie uns hier vorhin durch Ihr Brummen aufgeweckt haben!" „Ja ja, man sieht nicht immer gleich einem jeden an, was er wert ist. Na, wo komme ich denn nun raus?" „Fliegen Sie etwas tiefer, noch etwas, noch ein klein wenig— so— so— und nun laufen Sie etwas links— recht so, über die Sprosse hinweg--" Sssss- ssssss- ssssss ------ Langsam senkten sich die Schleier der Abend- dämnierung über die Fabrik. Und es wurde wieder still, wo sonst um diese Zeit die Hämmer dröhnten und die Maschinen ächzten.— Eanz still wurde es. Ernst Almsloh, o o o Bauernaufstand. Don BörrieS v. Münchhausen. Die Glocken stürmten vom Bernwardsturm, der Regen durchrauschte die Straßen, und durch die Glocken und durch den Sturm gellte des Arhorns Blasen. Das Büffelhorn, das lange geruht, Veit Stoßberg nahm's aus der Lade, das alte Korn, es brüllte nach Blut und wimmerte:„Gott genade!" Ja, gnade dir Gott, du Ritterschaft! der Bauer stund auf im Lande, und tausendjährige Bauernkraft macht Schild und Schärpe zu Schande! Die Klingsburg hoch am Berge lag, sie zogen hinauf in Waffen, auframmte der Schmied mit einem Schlag das Tor, das er fronend geschaffen. Dem Ritter fuhr ein Schlag ins Gesicht und ein Spaten zwischen die Rippen, -- er brachte das Schwert aus der Scheide nicht, und nicht den Fluch von den Lippen. Aufrauschte die Flamme mit aller Kraft, brach Balken, Bogen und Bande, -- ja, gnade dir Gott, du Ritterschaft: der Bauer stund auf im Lande! o o o Eine Floßfahrt auf dem Main. VI!. Miltenberg, ein Stück Mittelalter. Früh am Sonntag morgen zogen wir die Anker empor und fuhren durch die herrliche Gegend weiter, über die dunkelgrünen Kuppen Für unsere Kinder 195 Stadt anzusehen. Die Flößer selbst mußten weiterfahren, damit sie bis zum Abend ihr Ziel erreichten. Wenn es zu dunkeln begann, so wollten sie die große Laterne zur Hütte heraushängen, auf daß ich wüßte, wo die Flöße verankert lägen. Von den besten Wünschen der ehrlichen Gesellen begleitet, bestieg ich den Nachen und ruderte zur Stadt hinüber. Dort verankerte ich mein Fahrzeug, schwenkte nochmals meinen Hut zum Gruß für die schon weit draußen schwimmenden Flößer und betrat dann voller Erwartung die Stadt. Von meiner Landungsstelle aus ging ich sofort auf den Marktplatz. Ich habe schon viele Städtchen mit altertümlichen Bauten gesehen, aber noch in keinem habe ich einen so starken Eindruck mittelalterlichen Lebens erhalten wie in Miltenberg, als ich auf dem Marktplatz stand. Dieser Marktplatz ist nicht groß, im Gegenteil, er ist recht klein, gemessen an den öffentlichen Plägen in neuzeitlichen Städten. Aber die prächtigen hohen Holzbauten, die ihn einschließen, lassen ihn ansehnlich erscheinen und machen ihn unvergeßlich. Sie erinnern daran, daß Miltenberg im Mittelalter eine Glanzzeit gesehen hat, wäh rend die hohen ehrwürdigen Mauern blühendes städtisches Leben in sich bargen. Einen Abglanz dieses Lebens haben die Häuser am Marktplatz gleichsam erstarrt festgehalten. Hätten die Menschen, die jetzt eben vor meinen Augen über das alte Pflaster schritten, nicht die modischen Kleider an, wahrhaftig, ich würde geglaubt haben, aus der Gegenwart jäh ins Mittelalter zurückversetzt zu sein. der Berge ergossen sich die Strahlen der auf-| einzigen Nachen besteigen durfte, über den sie gehenden Sonne und ließen die Fluten des verfügten, um mir so lang als ich wollte die Mains in allen Farben aufleuchten. Es war ein richtiges Sonntagswetter, wie wir es uns hätten nicht besser wünschen können. Gegen 9 Uhr vormittags bekamen wir das badische Freudenberg am linken Mainufer in Sicht. Es reiht sich den schon angeführten Mainstädtchen Karlstadt, Gemünden, Lohr und anderen mehr würdig an. Der Ort verdankt seinen Ursprung der Burg, die vom Würzburger Bischof Heinrich III. hier am Bergabhang im zwölften Jahrhundert erbaut worden ist. Von der ehemaligen starken bischöflichen Feste ist noch heute der mächtige Bergfried gut erhalten; drei aufeinandergestellten Würfeln gleichend, blickt er als schöne Ruine über das malerisch gelegene Städtchen herein, das schon im Mittelalter wegen seines bedeutenden Obst- und Weinbaues bekannt war. Aber die Perle unter den mittelalterlichen Mainstädtchen ist das bayerische Miltenberg. Zur Mittagszeit trafen wir dort ein. Im Sonnenschein lag der freundliche Ort am linken Ufer des Stroms hingebettet und spiegelte sich mit seinen Häusern aus Rotsandstein in den schimmernden Wellen. Hinter den Häusern stiegen die dunkelgrünen Abhänge der Berge empor, und aus dem frischen Laub der Bäume dräuete die altehrwürdige Mildenburg und warf ihren Schatten auf die terrassenförmig aufsteigenden Häuserreihen des zu ihren Füßen liegenden Städtchens. Auch einige ftolze, schloß artige Villen und Kurhäuser glänzten im Mittagssonnenschein aus dem saftigen Grün der Berghalden und belebten mit ihren hellblinkenden Mauern und blizenden Fensters reihen den waldigen Hintergrund. Hier und da erhob sich über die Häusergruppen des Städtchens ein altertümlicher Torturm oder das hohe Giebeldach eines Klosters; dazwischen blinkte die Kuppel der Synagoge, und die mächtigen zwei Türme der katholischen Pfarrkirche ragten weithin sichtbar empor. Wenn ihr selbst das herrliche Stadtbild gesehen hättet, das uns Floßfahrern noch viel schöner aus den Fluten des Mains entgegenschaute, ich wette zehn gegen eins, euch wäre wie mir bei dem Anblick das Herz aufgegangen und ihr würdet meinen Wunsch begriffen haben, all diese Herrlichkeit in der Nähe zu beschauen. Bei mir blieb es jedoch nicht beim bloßen Wünschen. So freundliche, gute Kameraden wie die Mainflößer tun einem gern etwas zuliebe. So wurde ausgemacht, daß ich den Auf mächtigen, quaderngefügten Grundmauern erheben sich die schönen Holzbauten. Man sieht ihnen an, daß zur Zeit ihres Entstehens das Holz ein billiges Baumaterial war. Fest und wohlgegliedert sind die einzelnen Teile zusammengefügt, jeder Bau bekundet überlegung und zeigt außerdem, daß unsere Altvordern wußten und lebendig empfanden, was schön war. Wie einförmig, langweilig und armselig würde sich neben den hochragenden Giebeln, dem reich und mannigfaltig hervortretenden Balkenwerk, den gemütlichen Erfern dieser Häuser am Miltenberger Marktplatz eine Straße mit Mietfasernen ausnehmen oder auch die meisten kostspieligen Villen und„ Prachtwohnhäuser" unserer Zeit! Da ist zum Beispiel das„ Haus Miltenberg", das schon mindestens seine 400 Jahre alt ist. 196 Für unsere Kinder Alles, was ihr an diesem Gebäude seht, ist| wohl bedacht und schön. Es ist ein stattliches Haus, wie es im Mittelalter die alteingesessenen und in der Gemeinde herrschenden Reichen sich bauten: dreistockig, mit einem hohen Giebeldach. Die Vorderseite ziert ein schöner hölzerner Erfer, der auf steinernen Konsolen ruht, und dessen Flächen mit zierlich durchbrochenen hölzernen Mauerverkleidungen geschmückt sind. Die Seite, wo der Treppenaufgang ist, hat einen fleineren hübschen Erker, der vom ersten Stock bis zum Ansatz des hohen, ziegelgedeckten Giebeldaches hinaufreicht. Mit großer Kunst durchgearbeitete Menschenfiguren, aus Holz geschnigt, tragen ihn auf ihren Schultern. Die Natur tut das Ihre, zu verschönern, was Menschenhände geschaffen haben: reiches Weinlaub verhüllt, einem Schleier gleich, den Unterstock des Hauses. Wundersam altertümlich mutet auch die kleine Häusergruppe gegenüber dem Haus Miltenberg an. Alles durchweg präch tige Holzbauten, hochaufgerichtet, mit schlanken Giebeldächern und zierlichem Sparrenwerk zwischen den Stodwerken und einzelnen Fen stern. Besonders stattlich und doch traulich blickt an dem mittleren Hause der zweistockige sechseckige Erter herunter, der dicht mit uraltem Efeu überwuchert ist. Wenn hinter seinen tleinen Buzenscheiben plötzlich eine blonde Mädchengestalt in der Tracht des vierzehnten Jahrhunderts erscheinen würde, die Spindel in der Hand, es fäme mir im Angesicht dieser Ecke Mittelalters ganz natürlich vor. Zu dem Marktplatz paßt der zierliche Brunnen, der in seiner Mitte steht. Auch er ist nicht mehr jung, ein kunstfertiger Brunnenmeister hat ihn errichtet, den der Miltenberger Rat im Jahre 1588 aus der großen freien Reichsstadt Nürnberg herbeiholen ließ. Der Mann hat seine Kunst bewährt. Aus dem schön verzierten steinernen Brunnenstock fließt das sprudelnde Quellwasser in das achteckige Becken. An diesem Brunnen haben schon seit mehr als 300 Jahren die Miltenberger Mädchen ihr Wasser geholt und dabei geplaudert und gelacht. In alten Zeiten hat freilich der Martiplay nicht bloß fröhliches Geplauder gehört oder auch ernste Gespräche, wenn die ehrsamen Bürger von den Sizungen des hoch. wohllöblichen Rates oder den Beratungen der Zünfte tamen. Zu mancher Zeit hat er von flirrendem Waffengetös und Kriegslärm wider geschallt. Die Stadt Miltenberg hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich, die bis in die älteste Beit zurückreicht. Schon die eroberungslustigen Römer besaßen an dieser Stelle eine starke Festung, die erst im vierten Jahrhundert nach Christi von den Germanen zerstört wurde. Später siedelten sich friedliche Fischer an der Stätte an, aber der aufblühende Ort wurde im Jahre 910 durch die wilden Scharen der Hunnen in Asche gelegt, die ihre Wohnfige im heutigen Ungarn vers lassen hatten und brandschazend über Deutschland hereinbrachen. Noch nicht hundert Jahre später kam das wieder aufgebaute Milten berg mitsamt seinem starten Bergschloß als Geschenk der frommen Witwe Kaiser Ottos II. zum Kurfürstentum Mainz, das von einem Erzbischof regiert wurde. Damit war Miltenberg eine Art Grenzfestung dieses kleinen Reiches geworden. Es wurde deshalb immer mehr befestigt, mit starken Mauern und Türmen umgeben, und das feste Bergschloß über der Stadt, die Mildenburg, erhielt als Besagung eine friegstüchtige Söldnerschar unter dem Befehl eines Burggrafen. Miltenberg wuchs im Laufe der Zeit unter dem Schuge seiner starken Stadtmauer zu einem reichen Handelsplaze heran. Seine Lage begünstigte das: unmittelbar an einer großen Verkehrsstraße zwischen dem Spessart und dem Odenwald, an der Ausmündung mehrerer Täler, durch die vielbenutte Fahrstraßen führten, und, was die Hauptsache war, an dem Ufer des schiff baren Mains. Täglich brachte der in jenen. Beiten reichbeladene Schiffe aus allen Gegenden nach Miltenberg. Die Stadt wurde im Mittelalter bald einer der Hauptpläge des deutschen Binnenhandels und hatte so viel Ansehen, daß der mainzische Kurfürst und Erzbischof Gerlach am 22. Januar 1354 daselbst durch seinen Münzmeister Henselin die Münze ers richten ließ, die bis 1643 bestand. Aber die Zeiten änderten sich. Wegen seiner Zugehörig. feit zum Erzbistum Mainz wurde Wiltenberg in viele Kriege verwickelt, die es mehrmals an den Rand des Ruins brachten und mit gänzlicher Zerstörung bedrohten. Dann ging der Bauerntrieg nicht spurlos an der Stadt vorüber. Das Heer, das sich im Südwesten Deutschlands aus geplagten, geschunde nen Bauern gebildet hatte, nahm unter seinen Hauptleuten Göz von Berlichingen und Megler von Ballenberg eine Zeitlang hier Quartier. Das geschah nicht, ohne daß die Prachthäuser der reichen Handelsherren, die den ärmeren Bürgern verhaßt waren, schwer gebrandschatt wurden. Aber noch viel mehr wurde die Stadt später mitgenommen. Schweden, Spas A Für unsere Kinder 197 nier, Kaiserliche, Franzosen, kurz Protestanten| wieder ein stolze Burgruine! Allmählich kam und Katholiken plünderten und verwüsteten im die Dämmerung ins Land. Wie durch einen Dreißigjährigen Kriege um die Wette Milten- duftigen Schleier sah ich die Uferlandschaft. berg. Auch in den späteren franzöfifchen Kriegen Endlich erreichte ich die verankerten Floße, hatte die mainzische Handelsstadt manches zu gerade noch rechtzeitig genug für das Abendleiden. Heute hat die Stadt, die etwas über brot. Ich fühlte mich wieder daheim unter 4000 Einwohner zählt, wieder einen Auf- den treuen Gesellen. Draußen legte sich dichter Nebel über den Strom und schloß die Flöße schwung genommen. Manch altertümliches Haus, manch alter gleichsam von der übrigen Welt ab. Der Koch Turm steht noch in den Gassen Miltenbergs und spülte sein Geschirr und summte dabei eine redet laut von vergangenen Zeiten. Von all lustige Weise vor sich hin. Der rote Feuerder vielen Sehenswürdigkeiten aber, auf denen schein des offenen Herds ließ sein gutmütig mein bewundernder Blick in dem Städtchen grinsendes Gesicht deutlich erkennen. Der lange geruht hat, will ich euch nur noch eine vor- Schorsch steckte sich eine Pfeife an und trat stellen. Es ist der„ Riese" zu Miltenberg. Das vor die Hütte hinaus." Wir triegen morgen ist nicht etiva das Standbild eines Goliath, wieder das schönste Wetter", meinte er, zu merkt auf! dem sternklaren Nachthimmel hinausschauend, sondern ein Gasthaus, und das älteste Gasthaus von ganz Deutschland. und der fidele„ Fettheine" stieß mich in die Seine uralten Mauern sind ein Stück Geschichte. Seite und sagte lachend:" Dann ist das Fahren Wieviel berühmte Fürsten und Heerführer ein Vergnügen, Junge!" haben nicht hinter ihnen Herberge und Erquicung gesucht, seitdem vor fast 800 Jahren dieses Haus erbaut wurde, das allerdings feither wiederholt renoviert worden ist. Der alte Barbarossa, der nach der Sage im Kyffhäuser am Marmortisch schlafend sitzt, bis die Raben nicht mehr um den Berg fliegen, ist im ,, Riesen" eingekehrt und hat an dem guten Wein des Wirts seinen Durst gelöscht, der nicht flein gewesen sein soll. Die Kaiser Ludwig der Bayer, Karl IV. find hier eingefehrt, die berühmten und gefürchteten Heerführer des Dreißigjährigen Kriegs: der Schwedenkönig Gustav Adolf, die Generale Tilly, Gonzaga, Gallas, Pappenheim, Haßfeld, Mansfeld, Piccolomini, Wallenstein und noch viele andere haben hier Rast gehalten, später noch der Türfenbezwinger: Prinz Eugen der edle Ritter". Bild auf Bild aus der Geschichte Deutschlands zog an meinem geistigen Auge vorüber, als ich armer Teufel nun in der alten Fürstenherberge saß. Unter Laufen, Betrachten und Träumen entwich mir die Zeit wie im Fluge. Ich mußte an die Abfahrt denken, um meine Reisegefährten wieder einzuholen. Schweigend nahm ich Abschied von der erinnerungsreichen Stätte und bestieg meinen Nachen. Leb wohl, Miltenberg! Im Sonnenschein ruderte ich an Klein- und Großheubach vorüber und grüßte sein langgestrecktes Schloß und den dahinter aufsteigenden Engelsberg mit seinem weltabgeschiedenen Kloster. Vorbei ging's an dem alten Städtchen Klingenberg, bekannt durch sein großes Tonbergwerk und seinen guten Wein. Auch hier 000 Großmama! Von Emma Dölz. Heinrich Wandt. Was die Mutter nicht versteht, Was beim Vater gar nicht geht, Eine ist's, die noch geschwind Rat und Hilfe bringt dem Kind: Großmama tann alles. War ein Nagel schlecht genug Und zerriß das neue Tuch, Sielt nicht mehr der Pferdeschwanz, Sagt, wer macht es wieder ganz? Großmama macht alles. Und wer wußte jederzeit " Auf die Fragen noch Bescheid: Wieviel Tanten hat die Welt? Ob der Mond noch lange hält?" Großmama weiß alles. Steht der Bub am Fenster spät, Als der Mond im Viertel steht: " Großmama, komm schnell herbei, Guck, der Mond ist ja entzwei! Gelt, den tuft du flicken." Sie dagegen nickt und lacht: " Ja, so schnell ist's nicht gemacht. Aber wenn ich fertig bin, Ruf ich dich, dann schaun wir hin." Großmama macht alles. Eines war ihr doch zu schwer. Ram vom Kinderfest man her, 198 Für unsere Kinder Blies dem Bub das Sturmgebraus, Schwapp, die Stocklaterne aus. Niemand hat ein Zündholz. Doch das Straßenlicht brennt noch: „Großmama, ach klettre doch Schnell hinauf und hol das Licht!" „Nein, mein Bub, das kann ich nicht, Werd's wohl nicht mehr lernen." o oi. o o o Das versteckte Büblein. Was Hab' ich für ein Büblem Im Sinn? Es hat ein rundes Grüblein Im Kinn, Dazu ein rotes Bäckchen Wie Glut, Es steht sein grüneS Jäckchen Ihm gut. Die Kläppchen und die Läppchen Sind fein, Doch ist ihm fast sein Käppchen Zu klein. Es hat sich oft geschwungen Im Wind, Ist hin und her gesprungen Geschwind: Da fiel's vom Steckengäulchen Ins Gras; Dort fand's nach einem Weilchen Die Bas', Und hat's ins Kämmerlein tragen, Dort liegt's.— Wer kann den Namen sagen? Der kriegt's! sriedrich«aa. v-rannvonUch für dt« Redaktton: Frau«lara geMu(Zundeli, WUdetmedid», Posl TizerlKch d«t ewugan. «ruck und«»rtag vo» Paut«tnarr w«lMtzart,