Für unsere Kinder Nr. 7ooooooo Beilage zur Gleichheit ooooooo 1910 Inhaltsverzeichnis: Neujahrswunsch. Bon Lud-| fluchen. Aber ungehört wird Segen und Fluch wig Uhland.( Gedicht.)- Um die zwölfte Stunde. verhallen; die Zeit hat feine Ohren. KörperVon Jürgen Brand. Neujahr in der Druckerei. los und seelenlos, und doch ewig gegenwärtig Von ed. Johanna Sebus. Von Wolfgang geleitet sie alle unsere Schritte, beschert uns Goethe.( Gedicht.). Etwas über die Entstehung Freuden und Leiden und zuletzt den Tod. Aus der Schrift. Von Anna Blos. Der Bär und Herr Spatz. Von Emma Dölt. ihren Fesseln gibt es fein Entrinnen. der Fuchs. ( Gedicht.) Neujahrswunsch. Von Ludwig Ubland. Man kann in Wünschen sich vergessen, man wünschet leicht zum Überfluss, Wir aber wünschen nicht vermessen, Wir wünschen, was man wünschen muss: Denn soll der Mensch im Leibe leben, So brauchet er sein täglich Brot, Und soll er sich zum Geist erheben, So ist ihm seine Freiheit not! 000 Um die zwölfte Stunde. Seit Jahrtausenden flutet der Menschenstrom über die Erde: Menschen in Purpur und Hermelin; fie tragen eine Krone auf dem Haupte, und ihre Füße stehen auf den Nacken ihrer Stlaven; andere Menschen in schwarzen Gewändern, die ihren Göhen Häuser bauen und um den Erdball ein Netz ihrer Herrschsucht spinnen; Menschen im Doftorhut, die Stirn in Falten gelegt, die wie der Doktor Faust durchaus ergründen wollen, was die Welt im Innersten zusammenhält"; endlich Menschen in schlechten Kleidern, aber mit starten Armen und schwieligen Händen: Stlaven, Leibeigene, Arbeiter, ein unabsehbares Heer. Unaufhörlich flutet der gewaltige Strom vorüber, Männer, Weiber und Kinder; unaufhörlich sinken links und rechts die Gestalten der Eilenden tot zu Boden; aber die Lücke schließt sich sofort, und über die Leiber der Gefallenen wälzt sich der Strom weiter. Und doch hat das graue Gespenst der Zeit, das alle Menschen gefesselt hält, nicht vermocht, ihren Willen zu brechen! Sie alle wollen etwas! Und setzen ihren Willen in die Eben hat die Uhr elf geschlagen; die letzte Stunde im alten Jahre hat begonnen. Diese Stunde ist voll Spannung; alle erwarten ein großes Ereignis. Nur die alte Wanduhr weiß nichts davon; sie geht ihren Gang, der ZuTunft entgegen, mit immer gleichem Schritt- Tat um! Riesenwerte erstehen unter ihren immer gleichem Schritt- bis auch fie eines Tages abgelaufen ist. Auf der Straße wird es still; für eine kurze Zeit verstummt das dumpfe Tosen der Großstadt, das ich sonst bis spät in die Nacht auf meiner stillen Stube vernehmen kann. Diese Stunde gehört zu den Augenblicken, in denen der Mensch eine Frage frei hat an das Schicksal". " Ich lösche die Lampe aus. So kann ich um so besser dem Schicksal in seine tiefen Augen blicken. Die Gedanken schweifen zurück in den hinter uns liegenden Zeitraum, dem wir vor Jahresfrist mit gleichen Fragen und gleichen Erwartungen gegenüberstanden. Damals wußten wir nicht, ob das verflossene Jahr uns Antwort und Erfüllung bringen würde. Jeyt wissen wir es. Dem einen hat es reiches Glück gebracht, dem anderen Enttäuschung und Unheil; der eine wird segnen, der andere wird Händen, Werke von höchster Schönheit und stolzester Kraft. Vieles Gewaltige lebt; nichts ist gewaltiger als der Mensch." Fort, du graues Gespenst der Zeit! Sieghaft brennen auf allen Höhen die Feuer des Menschengeistes. Wir werden die Erde erobern! Wie Wolkenschatten über eine Gegend im Sonnenglanz, so fällt ein dunkler Schatten über das Bild der Menschheit. Wo tönnten die Menschen sein, wenn alle nach einem Ziele strebten? Aber seht die Fürsten und die Priester, sie wollen herrschen. Ihre Spuren durch die Jahrtausende sind mit Strömen von Blut bedeckt, das vergossen ward in mörderischen Schlachten, auf Blutgerüsten und Scheiterhaufen. Und seht die Reichen unserer Tage! Ihre Maschinen zermalmen die Knochen unserer Brüder; in ihren Fabriken siechen unsere Mütter und Kinder babin; in ihren Bergroerten schlafen 50 Für unsere Kinder Da schlug es vom nahen Kirchturm zwölf und „ Prosit Neujahr, Kameraden!" er flang plötzlich die tiefe Stimme der Maschine. A- D- E- I-" antworteten die Buchstaben im Chor. Blißschnell sprangen sie aus ihren Kästen und tanzten auf dem Fußboden lustig umber. Sonst lagen sie hübsch voneinander getrennt, jetzt aber wirbelten sie bunt durcheinander. An diejenigen, welche sich stolz Selbstlauter nannten, schlossen sich bald die schwachen, hilflosen Mitlauter an, denen erst die Vokale die Zunge lösen. Hi hi hi," kicherten das H und das J, die sich eng umschlungen hielten. ,, Ei, ei, ei!" warnte ein anderes Buchstabenpaar, und„ la la la" sangen das 2 und das A vor lauter Freude, daß sie sich gefunden hatten. Und.. und.. und.." flang es dazwischen, wie wenn kleine Kinder sich Märchen erzählen. Tausende den Todesschlaf. Warum? Warum| Sorgfalt geputzt hatte. Es roch nach Druckermüssen Millionen arbeitender Menschen darben, schwärze. damit einige Tausende auf den Höhen des Lebens" von Genuß zu Genuß taumeln können? Wer schafft das Gold zutage, das rote und schwarze? Wer baut die Fabriken und Paläste der Reichen? Wer spinnt und webt den Stoff ihrer Kleider, ihrer fostbaren Teppiche? Wer pflanzt und fällt die Bäume des Waldes? Wer fügt ihr Holz zu bequemen und prunkhaften Möbeln, in deren üppigen Polstern Müßiggänger ihre Glieder strecken? Wer baut Eisenbahnen und Schiffe? Sind es nicht immer und überall die Arbeiter? Rastlos schaffen sie Wert um Wert für die unersättliche Gier der Reichen, und haben selber kaum das Dürftigste zum Leben. Wo würde der Reichtum der Reichen bleiben, wenn plöglich alle Arbeiter der Erde ihre Arbeit einstellten? Aber warum tun fie es denn nicht? Weil ihre Stunde noch nicht gekommen ist; wir wissen aber mit unumstößlicher Gewißheit, daß die Füße derer, die diese Zeit zu Grabe tragen werden, schon vor der Tür stehen. Inmitten der Not unserer Zeit entstehen die Bedingungen des Sozialismus, die Bedingungen einer besseren Zukunft, in der die gewaltigen Kräfte der Natur und der Maschinen in den Dienst aller Menschen treten; in der die Früchte der gemeinsamen Arbeit allen Menschen zugute kommen. Wahrlich: ein Ziel, des Kampfes wert! Wohlan, laßt uns fämpfen für die Befreiung der Menschheit aus den Ketten der Ausbeutung und Unterdrückung! Schon wetterleuchten am Himmel die Strahlen einer fernen Morgenröte. Die Uhr setzt ein. Zwölf Schläge fallen durch die Stille. Von den Türmen der Stadt antworten in turzen Zwischenräumen die feierlichen Schläge der letzten Stunde im alten Jahre. Draußen erhebt sich ein fröhliches Jauchzen; Böllerschüsse ertönen von Schiffen im Hafen. Das neue Jahr hat angefangen.Auch dieses Jahr wird uns unserem Ziele näher bringen! Jürgen Brand. 000 Neujahr in der Druckerei. Silvesterabend. In der Druckerei der ,, Gleichheit" war es still und dunkel. Friedlich schlummerten die Buchstaben in ihren Kästen nebeneinander. Aus der Ecke leuchteten einige Stöße weißes Papier. Im Nebenraum glänzte die Maschine, die ein Arbeiter mit liebevoller Immer enger schlossen sich die Laute zusammen. Aus den einzelnen Silben wurden bald Worte und aus den Worten Säge, die aber wild durcheinander taumelten, weil die Sazzeichen fehlten. Es war der reine Herensabbat. Beschwichtigend drängten sich die mageren Komma dazwischen, die hohen Ausrufezeichen baten dringend um Gehör, doch der Lärm wurde nicht geringer. Erst als der Punkt mit Donnerstimme sein Punktum dazwischenrief, trat Ruhe ein. Doch sie dauerte nicht lange. Denn das vorwizige Fragezeichen, das schon vorhin von Zeit zu Zeit Wer? Was? Wie? gerufen hatte, wollte nicht schweigen. Wie untersteht sich die Maschine, das dicke Ungetüm, uns Kameraden zu nennen?" schrie es erbost. Hält sie uns Sazzeichen vielleicht für seinesgleichen, weil sie uns neben den Buchstaben sieht, die ohne uns nichts sind." " Natürlich konnten sich die Buchstaben diese Geringschäßung nicht gefallen lassen. Sie schalten empört die Zeichen einfältige Schuyleute, die ungerufen und ungewünscht, wie eben jetzt, Ordnung schaffen wollten und dabei nur Wirrwarr und Tumult stifteten. Schließlich gingen die Buchstaben so weit, daß sie sich die eigentlichen Herren hier nannten, ohne die in der Druckerei nichts Gescheites zustande käme. Dagegen erhoben nun wiederum die Letternkästen Protest, in denen die Buchstaben zum Gebrauch geordnet nebeneinander zu liegen pflegen. ,, Nichts als tichern, lachen, singen oder sinnloses Zeug schwägen könntet ihr, wenn wir euch nicht in Ordnung hielten," sagten sie. Für unsere Kinder 51 " Pah, die Kinder," meinte die Maschine geringschäßig. Die Kinder sind nicht so dumm, wie du denkst, und aus den Kindern werden Große," belehrte sie das Buch. Auch die Druckerschwärze ärgerte sich über| Mutter mußte die Kinder mehrmals ins Bett das vorlaute Benehmen der Buchstaben und schicken, ehe sie folgten." Zeichen, die hier das große Wort führen wollten, und die doch nur etwas wurden, wenn sie ihnen über das Gesicht fuhr. Sie war um so erboster, als sie sich in letzter Zeit mit der Maschine befreundet hatte und deshalb glaubte, etwas Besseres zu sein. Als schließlich die Maschine das Wort ergriff, die lange beleidigt geschwiegen hatte, wurde der Lärm so toll, daß es selbst dem stillen, geduldigen Papier zuviel wurde. ,, Schämt euch," rief es in den Lärm hinein. „ Schämt euch! Nun heißt es seit Jahr und Tag in jeder Nummer unseres Blattes, daß alle, die arbeiten, einig sein und zusammenhalten müssen, wenn sie Großes schaffen wollen, und ihr habt in der Neujahrsnacht nichts Besseres zu tun, als euch darüber zu streiten, wer von euch der Wichtigste sei. Was würdet ihr dazu sagen," fuhr das Papier fort, wenn ich mich überheben und euch daran erinnern wollte, daß ich erst der Welt zeige, was ihr seid und was ihr könnt!" „ Das Papier hat recht," riefen die Buchstaben, die Letterntästen, die Druckerschwärze und die Maschine. Die Sazzeichen, die unberufenen Ruhestifter, die den ganzen Streit heraufbeschworen hatten, schwiegen beschämt... ,, Wie heißt denn das Blatt, das ihr druckt?" ließ sich plötzlich eine Stimme vom Fenster her vernehmen. Dort lag ein dickes Buch, das einer der Setzer vergessen hatte, und das bisher von niemand bemerkt worden war. ,, Die Gleichheit, die Gleichheit," erscholl es im Chor. Die Gleichheit," rief auch die Maschine in ihrem tiefsten Baß. " Das schöne Wort kenne ich gut," meinte das Buch.„ Es tommt auf meinen Seiten häufig vor, und es steht meist neben Freiheit und Brüderlichkeit." Wie heißt denn du?" fragte das neugierige Fragezeichen. Die Geschichte der großen französischen Revolution," antwortete das Buch voll Stolz. Von der Gleichheit," fuhr das Buch fort, wurde im Hause meines Herrn oft geredet, das fällt mir eben ein. Soviel ich mich erinnere, hat die Zeitung eine Beilage, die den Kindern gehört." Freilich, freilich," bestätigten die Buchstaben. " „ Was gefällt ihnen denn am meisten in ihrem Blatte?" konnte sich das Fragezeichen nicht enthalten, sich wieder zu erkundigen. Ach, frage doch nicht so viel und unterbrich das Buch nicht. Es ist so gelehrt, vielleicht weiß es auch, wer von uns die notwendigste und wichtigste Arbeit verrichtet," sagten die Buchstaben. Sie hatten noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben, zu hören, daß sie hier die wichtigste Rolle spielten.„ Ja, ja, ja, sage es uns," riefen alle miteinander. " „ Na, ich dächte, das wäre klar," versetzte das Buch bedächtig. Es ist der Mensch!" " Der Mensch?" flang es gedehnt von allen Seiten. ,, Gewiß. Er hat euch alle geschaffen und gibt euch euer Leben. Die Buchstaben, die Satzzeichen, die Druckerschwärze, ja selbst die große Maschine ist sein Wert, und seine Arbeit belebt euch. Doch nicht aus blinder Laune hat er euch erstehen lassen, nicht als Spielzeug sollt ihr ihm dienen. Ihr sollt ihm vielmehr helfen, ein großes Wert vollbringen...." " Welches denn?" fragte das Fragezeichen. Das Werk der Befreiung aus Unwissenheit und Not. Die schönsten und herrlichsten Gedanken will er mit eurer Hilfe in die entlegenſten Orte tragen. All seine Erfindungen und Entdeckungen sollt ihr der Welt vertünden. Die gedruckten Worte belehren groß und flein. Sie sind Kämpfer, die Schlachten schlagen, ohne Blut zu vergießen, sie bekämpfen die Finsternis. Doch wohlgemerkt: Das große Werf ersteht erst, wenn ihr einig seid und einander in die Hände arbeitet." Das Buch war verstummt, auch die anderen schwiegen nachdenklich. " Profit Neujahr, Kameraden!" rief das Ausrufezeichen und winkte der Maschine versöhnlich zu. Profit Neujahr!" erklang es fröhlich von allen Seiten. " Ein grauer Streifen Lichtes fiel in die Druckerei. Da huschten alle Buchstaben und Satzzeichen wie der Blitz an ihre Pläge und „ Das dachte ich mir, als ich das freudige warteten in brüderlicher Gesinnung auf die Hallo hörte, mit dem die Kinder das Blatt Arbeit, die ihnen das neue Jahr bringen begrüßten, wenn es ins Haus gebracht wurde. sollte. Jedes wollte die Beilage zuerst haben. Die l O O O ed. 52 Johanna Sebus. Von Wolfgang Goethe. Für unsere Kinder Zum Andenken der siebzehnjährigen Schönen, Guten aus dem Dorfe Brienen, die am 13. Januar 1809 bei dem Eisgang des Rheins und dem großen Bruche des Dammes von Cleverham Silfe reichend unterging. Der Damm zerreißt, das Feld erbrauft, Die Fluten spülen, die Fläche ſauft. " Ich trage dich, Mutter, durch die Flut, Noch reicht sie nicht hoch, ich wate gut." ,, Auch uns bedenke, bedrängt wie wir sind. Die Bausgenossin, drei arme Kind! Die schwache Frau!... Du gehst davon!" Sie trägt die Mutter durchs Waffer schon. „ Zum Büyle da rettet euch! harret derweil; Gleich kehr' ich zurück, uns allen ist Seil. Zum Bühl ist's noch trocken und wenige Schritt; Doch nehmt auch mir meine Siege mit!" Der Damm zerschmilzt, das Feld erbraust, Die Fluten wühlen, die Fläche ſauft. Sie setzt die Mutter auf sichres Land, Schön Suschen, gleich wieder zur Flut gewandt. Wohin? Wohin? Die Breite schwoll; Des Wassers ist hüben und drüben voll. Berwegen ins Tiefe willst du hinein!" „ Sie sollen und müssen gerettet sein!" Der Damm verschwindet, die Welle brauft, Eine Meereswoge, sie schwankt und saust. Schön Suschen schreitet gewohnten Steg, Umströmt auch gleitet sie nicht vom Weg, Erreicht den Bühl und die Nachbarin; Doch der und den Kindern tein Gewinn! Der Damm verschwand, ein Meer erbraust's, Den fleinen Sügel im Kreis umsaust's. Da gähnet und wirbelt der schäumende Schlund Und ziehet die Frau mit den Kindern zu Grund; Das born der Siege faßt das ein', So sollen sie alle verloren sein! Schön Suschen steht noch strack und gut: Wer rettet das junge, das edelste Blut? Schön Suschen steht noch wie ein Stern, Doch alle Werber sind alle fern. Rings um sie her ist Wasserbahn, Rein Schifflein schwimmet zu ihr heran. Noch einmal blickt sie zum Himmel hinauf, Da nehmen die schmeichelnden Fluten sie auf. Kein Damm, tein Feld! Nur hier und dort Bezeichnet ein Baum, ein Turm den Ort. Bedeckt ist alles mit Wasserschwall; Doch Suschens Bild schwebt überall. Das Wasser finkt, das Land erscheint, Sno überall wird schön Suschen beweint. Und dem sei, wer's nicht singt und sagt, Im Leben und Tod nicht nachgefragt! -Etwas über die Entstehung der Schrift. Vielen von euch, liebe Kinder, wird es ähn lich gegangen sein wie mir, als ich lesen lernte. Eine neue Welt tat sich damals vor mir auf. Es erschien mir so herrlich, nun ergründen zu fönnen, was gute und große Menschen gedacht und getan haben, Verständnis zu bekommen für alle Entdeckungen und Erfindungen, an der Hand der Bücher Reisen zu machen in fremde, seltsame Länder, den Märchenerzählern und Dichtern folgen zu können in das unend. liche farbenschillernde Neich der Phantasie. Kurz, ich konnte mir bald nicht mehr vorstellen, daß es eine Zeit gegeben hatte, wo mir all die Herrlichkeiten, die mir die Bücher erschlossen, ein unergründetes Geheimnis waren. Ich meine, vielen von euch wird es ebenso gehen, andere werden vielleicht noch im Lernen eine recht unwillkommene Plage sehen. Aber auch sie dürfen den Mut nicht verlieren, sondern sollen die Schwierigkeiten heiter überwinden. Der Lohn, der ihnen dann zuteil wird, wiegt reichlich die Anstrengungen auf. Es gab eine Zeit, und sie liegt noch gar nicht so weit zurück, da das Lesen und Schreiben noch fein Allgemeingut war, sondern nur von einzelnen Bevorzugten verstanden wurde. Die Kinder der Reichen allein wurden im allgemeinen des Unterrichts teilhaftig, der oft mangelhaft genug war. Aber eine Schrift hat es schon sehr frühe und bei allen Kulturvölfern gegeben. So hatten zum Beispiel die alten Ügypter schon in vorgeschichtlicher Zeit, mehr als vier Jahrtausende v. Chr., die sogenannte Hieroglyphenschrift, das ist eine Bilderschrift. Die einzelnen Worte wurden durch kleine Bilder ausgedrückt, welche den Gegenstand oder ein Sinnbild des Gedankens, des Bes griffes darstellten. So wurde zum Beispiel die Sonne durch einen Kreis, der Mond durch ein mondfichelartiges Zeichen schriftlich zum Ausdruck gebracht, die Kraft und Stärke durch einen Löwen. Solche Hieroglyphen finden sich auf Bapyrusrollen das sind papierähnliche Streifen, die aus den zusammengepreßten und geleimten Schaftfasern der Papyrusstaude hergestellt wurden- oder in Stein eingemeißelt oder auch auf ihn gemalt in den großen ägyptischen Grabdenkmälern, den Pyramiden. Sie sind noch heute, nach mehr als viertausend Jahren wohl erhalten, und waren von jeher der Gegenstand gelehrter Forschungen. Es ist ben Gelehrten gelungen, fast alle zu entziffern, Für unsere Kinder und durch sie haben wir die älteste ägyptische Geschichte kennen gelernt. Ebenfalls sehr alt ist die Keilschrift der alten Babylonier, in der die ersten biblischen Aufzeichnungen gemacht worden sind, und der Sanskrit, die Schrift, in der uns die alte indische Literatur erhalten geblieben ist. Uralt ist auch die Schrift der Chinesen, deren Religionsstifter Konfuzius schon im Jahre 500 v. Chr. die alten Werke seines Volfes zu Büchern gesammelt hat. Die Schrift, in der das geschrieben ist, hat für jede einzelne Silbe ein bestimmtes Zeichen und ist zum Teil heute noch erhalten und wird gelehrt. Die Chinesen, wie die Japaner auch, sind über diesen Stand der Entwicklung ihrer Schriftsprache nicht hinausgekommen. Da ihre Schrift aus mehr als dreitausend Zeichen besteht, könnt ihr euch denten, wie viel beschwerlicher das Lesens und Schreibenlernen für die Chinesenkinder ist als für euch. Die anderen Kulturvölfer sind in der Weiter bildung ihrer Schriftsprache darüber hinausgegangen. Sie haben die Silben in Laute zerlegt und für jeden einzelnen Laut ein besonderes Schriftzeichen bestimmt. Dadurch wurde die Zahl der notwendigen Schriftzeichen auf einige Duhend herabgesetzt. " 53 weisen, der keltischen Ursprungs ist, und mit dem die keltischen und deutschen Völlerschaften am Niederrhein von den alten Galliern bezeichnet wurden. Von ihnen haben die Römer den Namen übernommen, und allmählich diente er zur Bezeichnung der gesamten deutschen Völkerschaften, die jenseits des Rheins saßen. Nach manchen Gelehrten sollte das Wort Germane soviel bedeuten wie„ Schreier" und sich aus dem rauben Schlachtgesang unserer Vorfahren erklären; nach anderen war der Sinn Speerträger"; noch andere Männer der Wissen„ Wäldschaft behaupteten, der Name befage, ler", Waldbewohner. Die neueste Forschung erklärt all diese Deutungen und andere noch für falsch und meint, es sei aussichtslos, den Sinn des Namens aufhellen zu wollen. Aber wie dem auch sei: wir haben genug vom Leben der alten deutschen Völkerschaften erfahren, um zu wissen, daß sie sogar noch zu der Zeit, wo die Gallier und Römer mit ihnen bekannt wurden, in ganz einfachen, ja barbarischen Zuständen lebten und sich an Bildung nicht mit diesen Völkern messen konnten. Als Acker bauer und Viehzüchter fingen sie damals kaum an, sich seßhaft zu machen, und in den viel weiter zurückliegenden Zeiten, als die phönizischen Kaufleute zu ihnen famen, um besonders Die Schriftzeichen, welche wir in geschicht- Bernstein einzuhandeln, der zu den größten licher Zeit bei den europäischen Böllern finden, Rostbarkeiten gehörte, war ihre Gesittung no ch und die die Grundlage der Buchstaben sind, weit niedriger. Nur die Priester der deutschen die sie heute in Druck und Schrift benutzen, Bölferschaften übernahmen die aus dem fernen sind nicht ihre Erfindung. Und so verschieden Morgenlande gebrachte Schriftsprache und bezum Beispiel die deutschen, die lateinischen, dienten sich ihrer für die Zwecke der Wahrdie griechischen, die russischen Buchstaben aus fagerei, der Weissagungen, die sie angeblich sehen, so sind sie doch gemeinsamen Ursprungs. dant göttlicher Straft machten. Woher die Die Gelehrten streiten noch darüber, ob der Schriftzeichen gekommen, das blieb den meisten Ursprung der europäischen Schriftzeichen in unbekannt und wurde bald ganz vergessen. Agypten, Babylonien oder Syrien zu suchen Aber da die Priester und Seherinnen sich ihrer ist. Das eine ist aber gewiß: das rührige bedienten, um den Menschen das geheimnisHandelsvolk der Phönizier ist es gewesen, das volle Walten der unbekannten überirdischen die ältesten Schriftzeichen nach Europa gebracht Mächte zu fünden, so bildete sich die Sage, hat. Die verschiedenen Bölterschaften, denen daß sie göttlichen Ursprungs seien. Sie wurden die phönizischen Seefahrer und Handelsleute Runen genannt, das heißt Geheimnisse. Nach die Kenntnis der morgenländischen Schrift der Sage ging Wotan, der oberste Gott der zeichen vermittelten, haben diese dann ver- alten Germanen, zu den Schicksalsgöttinnen, schieden umgeändert. Die stärksten Umände und um den Preis eines seiner Augen erfuhr rungen haben die ursprünglichen alten Schrift er von ihnen die Runenweisheit, das heißt zeichen bei unseren Vorvätern erfahren, das die Gabe, in die Zukunft zu schauen. Diese aber infolge des Materials, aus dem sie ge- Kraft übertrug Wotan auf die Priester und bildet wurden: nämlich aus Buchenholz. Unsere Seherinnen, und von ihnen ließen sich unsere Vorfahren waren teine Gelehrten. Früher Borfahren den Willen der Götter fünden, ehe wollte man den niedrigen und vor allem frieges fie in den Krieg zogen oder wenn sie sonst ein rischen Charakter ihrer Lebensweise schon aus wichtiges Unternehmen vor hatten. Sie ließen der Bedeutung des Namens Germanen nach. I sich durch die Auserwählten die„ Nunen" 54 Für unsere Kinder stand damals eine Schriftweise, die nach ihren Schöpfern Mönchschrift, nach ihren ecigen, spigen Formen gotische Schrift genannt wurde, und aus der unsere heutige Druckschrift hervorgegangen ist. Daneben bildete sich eine andere, etwas weniger verschnörkelte, etwas flüssigere, die sich schneller schreiben ließ, sie ist gleichsam die Mutter unserer heutigen Schreibschrift. deuten, die ihnen von dem Walten der himm-| Jahrhunderts herausgebildet haben. Es entlischen Mächte„ raunten", das heißt geheimnisvoll flüsterten. Priester und Seherinnen er forschten aber die göttlichen Geheimnisse aus der verschiedenen Lage von Buchenstäbchen, in welche die Runen eingeritzt waren, und die sie zur Erde warfen. Denn die Buche war viel mehr der Lieblingsbaum der alten Deutschen als die Eiche und auch viel verbreiteter als sie. Von diesen Buchenstäbchen ist der Name Buchstabe für unsere Schriftzeichen geblieben, und darauf, daß sie gesammelt oder zusammengelesen werden mußten, damit sie gedeutet werden konnten, ist der Ursprung des Wortes lesen zurückzuführen. Noch heute finden sich die Runen in Stein geritzt auf den alten Hünengräbern, Altarsteinen usw. Mit den Buchenstäbchen und Buchstaben hängt natürlich auch das Wort„ Buch" zusammen. Auf die Stäbe aus Buchenholz müssen wir auch zurückgehen, wenn wir die Bedeutung des Stabreims", die Dichtform der alfen Germanen verstehen wollen. Unsere Altvordern hatten feinen Reim in ihren Dichtungen und begannen dafür die betonten Worte einer Verszeile mit dem gleichen Buchstaben. Also die gleichen„ Stäbe" fehrten wieder. Ein Beispiel vom Stabreim geben die folgenden Verse von Rückert: Roland der Ries am Rathaus zu Bremen, Steht er im Standbild standhaft." Die Sprödigkeit des Materials des Buchenholzes, in das die Runen gerigt wurden, hat bewirkt, daß diese Schriftzeichen die ursprünglichen Rundungen verloren, die wir zum Beispiel bei den alten römischen Buchstaben finden. Ihre Formen wurden gebrochen, eckig. Dennoch kann man bei einem Vergleich zwischen i, t, b, h und anderen noch die Verwandtschaft mit den römischen Laut zeichen erkennen. Auf die Entwicklung unserer Schriftzeichen hat das Runenalphabet teinen Einfluß ausgeübt. Mit der Ausbreitung des Christentums ward es immer mehr zurückgedrängt und geriet in Vergessenheit, ehe es Gemeingut aller altdeutschen Volksgenossen geworden wäre. Die Sendboten des neuen Glaubens bekämpften die Runen als der heidnischen Wahrsagerei und Zauberei dienend. An ihre Stelle traten die Buchstabenformen, also Lautzeichen, die aus verschiedenen Arten lateinischer Buchstaben und ihrer Umbildungen hervorgegangen sind. Für unsere deutsche Schrift sind die Wandlungen am wichtigsten geworden, die sich im Laufe des dreizehnten Lange blieb die Schrift ausschließliches Eigentum der Geistlichen und besonders der Mönche, die sie mit Pinseln, Schilfrohr oder Federfiel kunstvoll auf Bergament austrugen, das aus gegerbten Tierhäuten hergestellt wurde. Karl der Große sah ein, wie viel überlegener die Geistesbildung der Römer und Griechen der seiner rauhen waffenkundigen Franken war. Er war daher der erste deutsche Fürst, der den Versuch machte, Schulen zu gründen, wenigstens für die Kinder seiner Hofleute. Er selbst lernte noch als älterer Mann die Feder führen und Schriften entziffern, und mit seinen Bemühungen, die Bildung des Volkes zu fördern, hat er sich ein viel größeres Verdienst erworben als durch die blutigen Kriege, die er geführt hat, und in denen er unzählige unschuldige Menschen töten ließ. Aber erst nach der Herstellung von Papier in Deutschland, die zuerst im dreizehnten Jahr hundert erfolgte die Erfindung des Papiers geht auf die Chinesen zurück, die es bereits gegen das Jahr 100 n. Chr. verwendeten-, und mit der Erfindung der Buchdruckerkunst durch Johann Gutenberg von Mainz im fünfzehnten Jahrhundert wurde die Kunst des Lesens und Schreibens den weiten Schichten des Voltes zugänglich. Heute gibt es bei uns nur wenig Menschen, die nicht lesen und schreiben fönnen. Eine unendliche Macht ist durch die Kenntnis des Lesens und Schreibens in unsere Hände gegeben. Wir können dank ihrer unser Wissen außerordentlich vermehren. Alles kann uns genommen werden und verloren gehen, aber das, was wir gelernt haben, ist unser unantastbares Eigentum. Lesen und Schreiben ist also ein Mittel, unverlierbaren inneren Reichtum zu erwerben, es ist ein Mittel, euch eine schneidige Waffe zu schmieden für die Kämpfe, die das Leben auch für euch bringt, denn Wissen ist Macht". H Anna Blos. Für unsere Kinder 55 Der Bär und der Fuchs. Es war einmal ein Bär, der saß auf einem sonnigen Hügel und schlief. Da kam ein Fuchs dahergeschlichen und sah ihn. .Sitzest du hier und machst ein Schläfchen, Großvater?" sagte der Fuchs. In seinem Herzen aber dachte er:.Nun will ich ihm einen Streich spielen!" Er suchte drei Waldmäuse, die legte er auf einen Baumstumpf dicht unter die Nase des Bären..Buh, auf, auf, Meister Petz! Peter, der Schütz, liegt hinter dem Baum stumpf!" schrie er dem Bären ins Ohr und rannte dann eilig in den Wald hinein. Der Bär fuhr jäh auf, und als er die drei Mäuse sah, wurde er so wütend, daß er schon die Tatzen aufhob, um daraufzuschlagen, denn er glaubte, die Mäuse hätten ihm in die Ohren geschrien. Aber dann gewahrte er den Schwanz des Fuchses zwischen den Büschen drüben am Wald rand, und flugs setzte er ihm nach, daß es im Unterholz nur so krachte. In dem Augenblick, wo der Fuchs in einen Bau unter einer Tannen wurzel hineinschlüpfen wollte, war Meister Petz dem Reineke so nahe, daß er dessen rechte Hinterpfote greifen konnte. „Laß die Tannenwurzel los und nimm die Fuchspfote!" schrie der Fuchs. Da ließ der Bär die Pfote los. Der Fuchs aber lachte tief aus dem Bau heraus und sagte: .Diesmal Hab' ich dich gekriegt, Groß vater!" --- Am nächsten Tage früh am Morgen, als der Bär mit einem fetten Schweine über das Moor daherkam, saß der Fuchs auf einem Felsblock. „Guten Tag, Großvater!" sagte er.„Was hast du denn da Gutes?" „Speck," antwortete der Bär. „Ich Hab' auch etwas Leckeres," sagte der Fuchs.„Was ist es?" fragte der Bär. „Die größte Honigwabe, die ich je gefunden habe," sagte Reineke. „Ach so," sagte der Bär und leckte mit der Zunge, so lockend erschien ihm die Aussicht auf Honig.„Wollen wir tauschen?" „Nein, das tu ich nicht," sagte Reineke. Aber dann wetteten sie und kamen überein, jeder solle die Namen von zwei verschiedenen Bäumen sage». Wenn Reineke sie schneller sagen könne als der Bär, sollte er einmal von dem Speck abbeißen dürfen, wenn aber der Bär sie schneller sagen könnte, dann sollte er einmal an der Honigwabe saugen dürfen. „Wenn ich gewinne," bat der FuchS,„dann bist du aber verpflichtet, an der Stelle, wo ich abbeißen will, vorher die Borsten auszureißen." „Jawohl, ich werde dir helfen, da du es nicht selbst kannst," sagte der Bär. Nun sollten sie die Bäume aufzählen. „Tanne, Fichte!" brummte der Bär— er hatte eine heisere Stimme. Aber das war nur ein Baum, denn eine Fichte ist auch nichts anderes als eine Tanne. „Esche, Eiche!" schrie der Fuchs, daß es durch den Wald schallte. Da hatte er ge wonnen. Er fuhr von dem Stein herunter, biß dem Schwein mit einem einzigen Biß das Herz heraus und wollte davonspringen. Aber der Bär wurde wütend, weil der Fuchs das Beste des ganzen Schweines genommen hatte, er packte ihn am Schwänze und hielt ihn fest. „Wenn du mich losläßt, Großvater, so darfst du meinen Honig versuchen," bettelte der Fuchs. Als der Bär das hört«, ließ er den Fuchs los, der sogleich nach dem Honig lief. „Hier," sagte Reineke,„ich lege ein Blatt auf dieses Hummelnest, unter dem Blatte ist ein kleines Loch, durch dieses kannst du den Honig heraussaugen." Damit hob er das Hummclnest dem Bären unter die Nase, riß das Blatt weg, sprang auf den Felsblock und lachte, denn da war weder ein Hummelnest noch Honig, sondern ein Wespennest, so groß wie der Kopf eines Mannes. Die Wespen schwärmten heraus und stachen den Bären in die Augen und Ohren, ins Maul und auf die Schnauze. Dieser hatte übergenug zu tun, sich der Wespen zu erwehren, so daß er keine Zeit mehr hatte, an den Fuchs zu denken. Seit diesem Tage hat der Bär große Angst vor den Wespen. --- Der Bär und der Fuchs hatten zusammen eine kleine Lichtung droben im Watde bekommen, und im erste» Jahre säten sie Roggen darauf. „Was dort wächst, wollen wir teilen, wie es recht ist," sagte der Fuchs.„Willst du das Untere, dann nehme ich das Obere." Der Bär war damit einverstanden; so be kam der Fuchs das Korn, der Bär aber bekam nichts als Fasern und Zasern. Das gefiel dem Meister Petz nicht, er brummte.„In diesen: Jahre hatte ich den Gewinn," sagte der Fuchs, „im nächsten sollst du ihn habe». Dann be kommst du das Obere, und ich begnüge mich mit dem Unteren." Aber als im Frühling die Saatzeit heran kam, fragt« der Schlaue, was der Bär von 56 Für unsere Kinder Rüben bente. O ja, das sei eine bessere Rost als Korn, meinte der Bär, und das dachte der Fuchs auch. Als der Herbst fam, nahm der Fuchs die Rüben, der Bar aber bekam die Blätter. Da wurde Meister Pet so wütend, daß er sich auf der Stelle von dem Fuchs trennte. Eines Tages lag der Bär draußen und fraß von einem Pferde, das er erschlagen hatte. Reineke fam herbeigeschlichen, und in Erwar tung eines guten Bissens Pferdefleisch lies ihm schon das Wasser im Rachen zusammen. Er schlängelte sich heran, bis er hinter den Bären gelommen war, bann machte er einen Sprung nach der anderen Seite des Pferdes, und im Borbeispringen biß er einen Happen davon ab. Der Bär, nicht faul, schlug nach Reineke, daß er die Spitze des roten Fuchsschwanzes in seine Tazze bekam. Seit der Zeit hat der Fuchs eine weiße Schwanzfpizze. Romm her, Reinete," sagte der Bär, dann will ich dich lehren, wie man Pferde fängt." Reineke wollte das gern lernen, aber er traute sich nicht, nahe zum Bären zu kommen. „ Wenn du ein Pferd auf einem sonnigen Hügel schlafen siehst," sagte der Bär, mußt du dich fest an seinen Schwanz hängen und ihm deine Zähne in den Schenkel schlagen." Es dauerte nicht lange, da sah der Fuchs ein Pferd, das auf einem sonnigen Hügel lag und schlief. Er tat, wie der Bär ihm gesagt hatte. Das Pferd fuhr aber auf, schlug um sich und jagte davon, daß Reineke über Stock und Steine geschleift und so zerschlagen und geschunden wurde, daß ihm beinahe Hören und Sehen verging. Schließlich kamen sie an einem Hafen vorbei. Wohin geht die Reise so schnell, Reineke Fuchs?" fragte der Hase. Mit der Schnellpost, mein guter Lampe," sagte der Fuchs. Der Hase setzte sich auf die Hinterläufe und lachte so toll, daß ihm das Maul bis an die Ohren aufschlitte. Aber feit jener Postfahrt hat Reineke nie wieder Pferde fangen wollen. Diesmal war der Bär der Schlaue gewesen. 0 0 0 Herr Spaß. Bon Emma Dölz. Schirp, schirp, pip! Auf steilem Dache Sitt Herr Sperling wie zur Wache, Sieht die Welt im Winterlicht, Aber sie gefällt ihm nicht. Ueberall Verdrießlichkeit, Und er schilt auf alles heut. Wo am Schornstein fehlt ein Stein, Setzte sich Frau Spaß hinein; Rechts und links sitt je ein Sohn, Der schon längst dem Nest entflohn, Aber, bei der Kälte heut, Hängt an Mutters Federkleid. Spricht der Vater würdevoll: Was das nur noch werden soll! Stets ist ja der Winter schwer, Doch die Menschheit taugt nichts mehr. Tut mit ihrer Klugheit groß Und erfindet frisch drauf los. Wo man sonst ein Pferd genommen, Ist man auf den Draht gekommen. Na, der tut's wohl nicht allein, ' s muß wohl etwas dabei sein. Aber Körner fielen ab, Wenn dem Pferd man Futter gab, Und das hat jetzt aufgehört, Darum ist der Tram nichts wert. Doch sie bleiben stets sich gleich! Nicht der Dümmste unter euch Würde, wie die Menschen, still Alles glauben, was man will. So soll dort ein Sprichwort sein, Daß die Tauben sanft und rein, Und das glaubet klein und groß! Schweigt mir von der Sanftmut bloß! Man muß selbst mit dabei sein, Wenn die Menschen Futter streun. Wirklich, es ist kaum zu glauben Diese Freßsucht von den Tauben. Jeder hört es schon von Weiten Wie sie follern, zanfen, streiten. Eine stets die andre treibt, Nicht ein Krümchen für uns bleibt. Darumi, Kinder, wie's auch geht, Glaubt nur, was ihr selber seht. Läuft' ne Lüge tausend Jahr, Wird sie doch deshalb nicht wahr. Aber halt, vor jenem Haus Streut ein Kind ja Krumen aus! Schnell; doch seit auf eurer Hut. Ja, die Menschen sind doch gut. Berantwortlich für bie Redaktion: Frau Mara Bettin( Sunded), Wilhelmshöbe. Woft Degerloch bei Stuttgart. Brudt unb Berlag von Baul Singer to Stuttgart,