Für unsere Kinder Nr. 16 o o o O o o c> Beilage zur Gleichheit 0000000 1910 Inhaltsverzeichnis: Lenz. Bon Konrad Fcrd. Meyer.(Gedicht.)— Frühling. Von Brand.— Sonne. Von H. Feller.— Indianer. Von H. Eildermann.(Gedicht.)— Von den Barbaren. II.(Schluß.) Von eä.— Arno. Von E. Selon Thompson.(Fortsetzung.)— FrühlingSsest. Von Emma DSltz.(Gedicht.) Lenz. Bon Konrad Ferdinand Meyer. Frühling, der die Welt umblaut, Frühling mit der Vöglein Laut, Deine blüh'nden Siegespforten Allerenden, allerorten Äast du niedrig aufgebaut! Angebändigt, kreuz und quer, Lieber alle Pfade her Schießen blütenschwere Zweige, Daß dir jedes Kaupt sich neige, And die Demut ist nicht schwer. 000 Frühling. Der schönste Frühlingstag hat mich hinaus getrieben. Kein Wölkchen steht am strahlend blauen Himmel. Lerchengesang erschallt aus hoher Luft, und aus der Dorflinde schmettert der Fink seinen hellen Schlag. Das ist ein Tag zum Wandern. Erde, wie bist du schön! Heute ist ein Tag der Freude. Ich habe ein unbändiges Verlangen nach Freude. Niemals hat mir die Sonne so freundlich gelacht; so gar der Einhornwald, der sonst dunkel und schweigend daliegt, ist heute von Licht und Leben erfüllt. Die Lärchentannen am Rande stehen wie leuchtend grüne Kerzen vor dem dunklen Hintergrunde; sie sind die ersten Boten des Frühlings. Hoch oben auf der Spitze einer dieser grünen Kerzen sitzt eine Singdrossel, und hell und klar tönt ihr Lied über den Wald; ein Lied von Liebe und Glück. Sei mir ge grüßt, du Verkünderin der Freude! Irgendwo in einem verschwiegenen Versteck des Unter holzes sitzt um diese Zeit das Weibchen brü tend auf den wunderschönen himmelblauen Eiern und hofft auch auf künftiges Glück. Mitten durch den Einhornwald führt eine Schneise, an deren beiden Ufern seichte Gräben entlang führen; es ist aber kein Wasser darin, und sie sind ganz mit Moos überwuchert. Wie ich so langsam dahingehe, fährt plötzlich an einer erhöhten Stelle des Grabenufers ein großer grauer Vogel aus einem Erdloch. Hallo! Das war ein Waldkauz. Wie kommt der an diese Stelle? Zwar habe ich seine Stimme im Walde schon oft gehört; aber daß er sich in die Erde verkriecht, das ist mir neu. Unter suchen wir also den Fall. Wahrscheinlich hat der Fuchs oder der Dachs das Loch gegraben. Ich muß mich auf den Bauch legen, um hinein sehen zu können; aber ich sehe nichts, es ist zu dunkel darin. Aber was ist das? Wie ich hineinlange, liegen hinten in der Höhle zwei schöne weiße Eier; sie sind noch ganz warm. Der Kauz brütet. Das also ist die Lösung. Wir haben jedenfalls eine seltene Beobachtung gemacht. Gewöhnlich nistet der Waldkauz keineswegs in der Erde, sondern in hohlen Bäumen; aber seitdem die kluge Forstver waltung aus Nützlichkeitsgründen alle hohlen Bäume beseitigt, muß der arme Teufel sich wohl oder übel bequemen und mit einem Erd loch vorlieb nehmen. Ob er an dieser Stelle seine Brut wohl großkriegen wird? Mich soll's wundern. Wenn der Fuchs erst Wind davon bekommt, dann- sind Eier und Kauz ver loren. Der Waldkauz ist nicht der einzige Vogel, der unter der modernen Forstkultur mit ihrem verkehrten Nützlichkeitsprinzip zu leiden hat; den meisten Höhlenbrütern ergeht es nicht besser. Früher hatten wir in unserer Gegend viel mehr Höhlenbrüter. Die Hohltauben sind fast ganz aus unseren Wäldern verschwunden, weil sie keine Niststätten mehr finden; und lange wird es nicht mehr dauern, dann ist der Waldkauz auch vertrieben. Von der all gemeinen Wohnungsnot der Höhlenbrüter werden größtenteils die nützlichsten Vogelarten bettoffen. Die Folge wird sein, daß die schäd lichen Insekten überhandnehmen. Die Forst verwaltung schneidet sich also in ihr eigenes Fleisch. Wenn sie noch wenigstens als Ersatz für die hohlen Bäume künstliche Nistkästen an bringen ließe; aber das geschieht nur ver einzelt und durchaus ungenügend. 122 Für unsere Kinder Von der Wanderung ermüdet, habe ich mich auf einem alten Baumstrunk niedergelassen und blicke in die dunkelgrünen Fichtenkronen vor mir. Mit klatschenden Flügelschlägen fallen einige Ringeltauben ein; ich verhalte mich regungslos und sehe, wie der Täuber mit fächerartig ausgebreitetem Schwanz der Taube, die auf dem Aste daneben sitzt, seine Reverenz erweist, dabei laut und eifrig rucksend. Schade, daß ich in diesem Augenblick keine Kamera zur Hand habe; das würde ein reizvolles Bild geben. Ringeltauben gibt's im Einhornwald in großer Menge; am besten kann man sie beobachten gegen Abend; dann fallen sie zu Hunderten ein, um in den dichten Kronen der Nadelbäume ihre Nachtruhe zu halten. Die Nester sind leicht zu finden; meist stehen sie nicht sehr hoch auf einem wagrecht abstehen den Ast und sind so leicht gebaut, daß man die beiden glänzendweißen Eier von unten durchschimmern sieht. Leider verlassen die Alten Eier und Junge sehr leicht, oft schon bei der geringsten Störung. Während ich so ruhig dasitze, höre ich plötz lich hinter mir schnelle Tritte. Vielleicht ein Häslein? Ich sitze wie angewurzelt. Es kommt näher. Jetzt höre ich auch, daß es kein Hase sein kann; denn der kommt sprungweise. Unmerk lich versuche ich den Kopf ein wenig zu drehen. Jetzt! Mitten auf der Schneise steht er, der Rehbock. Kaum zwanzig Schritte von mir ent fernt. Mit großen Augen blickt er zu mir herüber. Mein Herz klopft hörbar; aber ich rühre mich nicht. Wie er dasteht! Ein Bild der Kraft und Eleganz. Noch hat er das grau braune Winterhaar nicht verloren; aber an einigen Stellen hängt es in Flocken herunter und das rötliche Sommerkleid schimmert durch. Die Stangen des Geweihes, das er im Fe bruar abgeworfen hat, sind noch nicht völlig wieder ausgebildet. Aber die Augen! Die sind das Schönste am ganzen Tiere. Noch immer blicken sie unverwandt nach der Stelle, auf der ich sitze. Aber das regungslose Dasitzen ist eine Arbeit, die man nicht lange aushält; plötzlich springe ich mit einem Rucke in die Höhe. Hallo! Wie das Ungewitter flitzt er davon; ich sehe nur noch den weißen Fleck in der Schwanzgegend auf und ab hüpfen. So viel weiß ich: ich hätte dieses Tier nicht tot schießen können. Langsam schlendere ich wieder die Schneise entlang, dem Ausgang zu. Die Drossel singt noch immer von ihrer Lärchentanne herab und verkündet allen, die eS hören wollen, daß der unsichtbare und mächtige Strom des Lebens, der die Lärchentanne grün gekleidet hat, der den Rehbock suchend durch den Wald streifen läßt, der die Tauben zum Nestbau treibt, auch in ihre kleine Brust gedrungen ist; darum singt sie so schön; darum verstehen wir ihre Vogel sprache. Ach, meine Lieben, wie dankbar öffnet sich die Brust diesen süßen Tönen! Weg mit allen grauen, staubigen Sorgen! Weg mit allem zweifelnden Kleinmut! Fühlt ihr, was werden will? Jung wird die Erde. Das Alte vergeht; es wird alles neu werden. Wohlan, meine Freunde, laßt auch uns mit neuer Hoffnung und neuem Mut an unser Werk gehen! A«rand. o o o Sonne. Hohe Mietkasernen mit engen Höfen, rings um große Fabriken mit qualmenden Schorn steinen. Da wohnen wir. Im Winter sehen wir fast niemals die Sonne, und auch im Sommer huscht selten ein leuchtender Strahl in unsere ärmliche Wohnung. Lugt schließlich die Sonne doch einmal durch die Scheiben, so kommen die Kleinen und fragen:.Papa, wo kommt die S o n n e her, wo geht die S o n n e auf?" Schließlich sage ich dann:„Wenn ihr alle schön artig seid, dann fahren wir Pfingsten zu Hohma und Hohpa,— dort geht die Sonne auf. Hohma und Hohpa? Was ist das? so werdet ihr wohl fragen. Das sind plattdeutsche Worte für Großmutter und Groß vater. Seitdem meine Äußerung gefallen, sind die Gedanken der Kleinen mit der Pfingstreise und der Sonne erfüllt. Selbst der zweiein halbjährige Alfred, welcher mit der deutschen Sprache noch auf dem Kriegsfuß steht, klatscht immer wieder jubelnd in die Händchen: Sonne, Sonne! Endlich ist es Pfingstsonnabend geworden. Um zwei Uhr ist Arbeitsschluß in der Fabrik, wo ich schaffe. Mit dem letzten Hobelspan zusammen fliegt mein Hobel in die Ecke. Das Werkzeug wird weggeschlossen, und jeder von uns verläßt so schnell als möglich den staubgeschwängerten Arbeitsraum..Fröhliche Pfingsten", so klingt es hell hinüber und her über. Ich steige in die nächste.Elektrische", in einer Viertelstunde bin ich daheim. Zum Effen ist keine Zeit mehr, hastig kleide ich mich um, denn um drei Uhr fährt der Zug ab, der uns hinausbringen soll, wo die Sonne aus geht. Wir kommen noch rechtzeitig genug zur Für unsere Kinder 123 Bahn, um einen Sitzplatz zu erhaschen. Der| Erinnerung:„ Wo is Sonne, Sonne?" Die Kleine Alfred fährt zum erstenmal mit der Sonne steht noch als blasse Scheibe am HimEisenbahn, die er täglich sieht. Er gerät ganz mel, aber Alfred beachtet sie nicht. Das bleiche aus dem Häuschen vor Entzücken über die Ding da hat er ja in der Großstadt auch schon ,, viele Eisenbahn".„ O Eisenbahn, Eisenbahn!" gesehen. Nun stürmen die Alteren fragend an: ruft er immer wieder. Als der Zug sich in" Papa, wo geht morgen die Sonne auf?" Bewegung setzt, fehren jedoch seine Gedanken zur Sonne zurück, zur Sonne! Was mag er sich wohl darunter vorstellen? Knatternd fährt der Zug zwischen den Häuserreihen der Großstadt dahin. Die Luft ist dunstig und rauchgeschwängert. Am Bahndamm entlang schwebt eine dicke Rauchwolfe. In mächtigen Schwaden zieht noch Qualm von Fabrikschloten daher. Im Bahnwagen hebt bald das übliche Fragen an:„ Na, Kleiner, wo fährst du denn hin?" Mein vierjähriges Mädel und der fünfjährige Bub antworten stolz:„ Zu Hohma." Der kleine Alfred erklärt aber gewichtig:" 3u Sonne, Sonne." Mehr ist aus ihm nicht herauszubringen. Nach zweieinhalbstündiger Fahrt hat uns der Zug nach dem Südharz gebracht, ins Leinetal. Wir steigen aus. Bei flarem Wetter könnten wir den Brocken sehen, wo in der Nacht des 1. Mai die Heren auf dem Blocksberg tanzen. Es ist aber heut zu dunstig, als daß wir den gewaltigen Berg erblicken könnten. Dafür sehen wir genug andere Berge. Noch anderthalb Stunden müssen wir marschieren, um zu Hohma zu kommen. Der Weg ist beschwerlich. Dem Kleinen versagen öfters die Füßchen, dann heißt es:" Papa, huckepack!" Und es geht huckepack weiter. Es marschiert sich in der frischen Harzluft immerhin ganz anders als in der Großstadt. Gierig saugen die Lungen die reine, würzige Luft ein. Endlich sind wir am Ziel. Hohma steht schon erwartungsvoll am Hoftor. Aus dem Hause duftet es nach frischem Kuchen. Kaum daß die Begrüßungen ein Ende genommen haben, fallen die Kinder über das leckere Gebäck her, und auch wir Großen lassen es uns munden. Nachdem der Ansturm auf den Kaffeetisch vorüber ist, geht das Fragen, Sehen und Staunen der Kinder los. Im Stall find Muhkühe, große Schweine und kleine Ettschweinchen. Ein paar Hühnervölker scharren hier und da im Hofe, und eine Gans führt ihre Jungen spazieren. Vor dem großen zottigen Molly fürchten sich zuerst alle Kinder, er aber schmiegt sich wedelnd an sie an, als wollte er die Feiertage über ihr Begleiter sein. Zwischen all den Herrlich teiten kommt dem Kleinen plötzlich wieder eine ,, Wenn ihr jetzt gleich in euer Bett kriecht und morgen ganz früh aufsteht, so gehen wir morgen zur Sonne!" Mir ist es eigentlich nicht so ganz ernst mit meinem Versprechen. Ich denke, daß die Eisenbahnfahrt und der weite Weg den Kindern wohl zu einem gesunden Schlaf bis in den hellen Tag hinein verhelfen werden. Ich selbst bin ja von dem Abhasten, Marschieren und Huckepack müde. Und wir Stadtproletarier sind die frische Harzluft nicht gewöhnt. Eine Viertelstunde später schnarchen die drei Kinder in Hohmas dicken Federbetten. Was sie wohl träumen? Im Dorfe ist alles still und ruhig. Ich plaudere noch ein Stündchen mit Hohpa, dann rüsten auch wir uns zum Schlafengehen. Hohpa blickt eine ganze Weile zum Abendhimmel empor. Der sieht nicht sehr verheißend aus, aber Hohpa sagt zuversichtlich: Dütt kann vern Dage ganz schoin werden, och, die Kinner schlöpt faste, die stohn all freuh nich uppe." Ich hoffe das auch, als ich aber Die Kammertür etwas unsanft zuschlage, höre ich den Kleinen„ Sonne, Sonne!" murmeln. Vor unserem Kammerfenster breitet ein Apfelbaum seine mächtigen Aste aus, er reicht bis über das Dach. Die Fenster können also ruhig offen bleiben, er schützt uns vor Wind und Neugierde. So gern möchte ich noch ein halbes Stündchen aus dem Kammerfenster lugen, die Luft fächelt so einschmeichelnd, es duftet nach jungem Grün und Frühlingsblumen. Die Glieder versagen jedoch den Dienst. Es zieht mich förmlich nach dem Bette. Gegen Morgen weckt mich Gepolter. Klein Alfred ist mitsamt seinem Rissen aus dem Bette gepurzelt. Er reibt sich die Augen und scheint nicht zu wissen, wo er ist. Es ist nicht seine Art zu heulen, wenn er die Erfahrung macht, daß Dielen, Stühle, Tische oder Türen härter sind als sein Körper. Er gibt dann dem Ding, das ihm weh tat, einen gehörigen Klaps, und damit ist er quitt. So weint er auch jetzt nicht, als er mit Hohmas Fußboden eine unerwartete und etwas schmerzliche Bekanntschaft machte. Statt dessen ruft er seine Geschwister, die aber schlafen noch fest. Nun geht der kleine Mann weiter, bis er vor meinem Bett steht:„ Papa, Sonne, Sonne, Afed Bett gefallen." Ver 124 Mr unsere Kinder geblich mühe ich mich, die strampelnde Un geduld zur Ruhe zubringen. Alsred packt seine Geschwister an den Haaren:„Aufthen, Sonne, Sonne." Bald sind die beiden wach. Was bleibt mir übrig, auch ich muß heraus. Kaum dämmerte der Tag. Es ist drei Uhr vorbei. Von der Kammer aus kann ich nicht sehen, wie das Wetter sich anläßt, der Apfelbaum ist zu dicht. Wir steigen hinunter in die Küche und machen uns einen Topf Milch warm. Nicht solch bläu liche Flüssigkeit, wie sie in der Stadt vom Milchmann gebracht wird, sondern gelbe, fette Milch. Ich strecke den Kopf zur Tür hinaus, das Wetter ist zweifelhaft. Der größte Teil des Himmels ist mit schwarzen Wollen über zogen, im Osten dampfen Nebelmassen. Na, wir wollen uns trotzdem aus Hohpa als Wetter propheten verlassen. Vier Uhr sechs geht nach dem Kalender die Sonne auf. Da heißt es eilen, um einen günstigen Platz zu erreichen. Aber wo! Nach den Bergen des Solling ist es zu weit, vor uns die Berge sind zu steil. Wir müssen talaufwärts gehen, vielleichtkönnen wir dann im Leinetal den Aufgang der Sonne beobachten, falls diese überhaupt zum Vor schein kommt. Wir stampfen vorwärts, den Kleinen trage ich huckepack, die anderen beiden folgen mir. Um uns dampfende Nebel, die uns entgegen wirbeln, als ob soeben ein Eisenbahnzug vor übergesaust wäre. Kaum sind die einzelnen Baumstämme zu unterscheiden. Jetzt macht der Pfad eine scharfe Biegung nach links, das Tal ist zu Ende, wir stehen auf dem Hoch plateau. Die wallenden Nebel ziehen uns nun nicht mehr entgegen, sondern streichen an uns vorüber, als wenn große Reitermassen an uns vorbeistürmten. Leider, leider habe ich vollständig die Him melsrichtung verloren, ich weiß nicht, wo Osterode, Nordhausen oder Göttingen liegen mag. Ich zweifle, ob wir überhaupt die Sonne zu sehen bekommen. Was soll ich mit den un geduldigen Kindern anfangen, wie sie trösten? Es ist zehn Minuten nach vier, die Sonne müßte schon aufgegangen sein, über uns hat sich der Himmel geklärt. Sollte die Sonne hinter einem Berge stecken? Es wäre doch zu fatal. Da ballt sich plötzlich der Nebel an einer Stelle zusammen, und mitten drinnen erscheint ein blutroter Streifen,— die Sonne geht auf.„S o n n e, S o n n e!" rufen die Ältesten, der kleine Alsred klatscht m die Hände: ,Papa, Sonne, Sonne," zuvelt er immer wieder. Majestätisch steigt der Sonnenball empor, glutrot, einem mächtigen Wagenrad vergleich« bar! Die aufsteigenden und vorüberstreichen' den Nebel täuschen uns vor, daß die Sonn« sich immerfort um sich selbst dreht, es sieht aus, als ob dies große Rad dahinrollte. D'e Kinder sind vor Staunen still geworden, sie sind ganz Auge. Mit einemmal wird der Rand der großen Scheibe eingedrückt, sie verschwindet langsam hinter einem Harzriesen. Der kleine Alfred wird traurig und umklammert meine Knie:„O, Sonne is weg." Langsam treten wir den Heimweg an. Der Nebel verteilt sich jetzt und sinkt herab. Wie ein dicker Schasspelz liegt es feucht und grau auf der Talwiese. Rehe stehend äsend am Gehölzrand. Hin und wieder guckt eins von ihnen ruhig zu uns herüber. Wir stören die schönen Tiere nicht, und sie lassen sich nicht stören. Ter ganze Wald ist lebendig geworden: überall piepsen junge Vögel, die ihr Frühstück begehren, aus manchem Nest klingt es fast wie ungeduldiger Lärm. Mein Töchlerchen ist ein paarmal horchend stehen geblieben. Jetzt späht Lene wieder nach dembewaldetenBerg:„Papa," ruft sie,„wohnt hier in diesem Berge die Arbeit?" Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll. Was meint das Kind damit? Und nochmals fragt Lene eindringlich:„Horch, Papa, die Arbeit!" Jetzt wurde mir die Frage klar. Ein Eichelhäher ahmt täuschend das Kreischen der Säge nach. Leider entziehen ihn die dichten Baumkronen unseren Blicken. Die Sonne hat sich nun über die Berge er hoben und wärmt uns den Rücken. Ein gold- durchfluteler Pfingstmorgen ist angebrochen. Die Kinder werden allmählich von Müdigkeit überwältigt, von der Sonne spricht keines mehr. Wir sind endlich wieder bei Hohma. Die Kleider sind bis über die Knie durchnäßt, an den Schuhen klebt Lehm. Hohma kommt eben aus dem Kuh- slall und schlägt die Hände über dem Kopse zusammen, als sie uns sieht. Niemand hat unser Fortgehen bemerkt. Nun stürmen die drei Kinder aus die alle Frau mit dem lieben Gesicht ein.„Hohma, die Sonne, die Sonne!" ruft eins immer lauter als das andre. Hohma Hilst Kleider und Schuhe ausziehen, die ge trocknet werden müssen. Dann gibl s Kaffee und Milch und guten Kuchen. Mit gefülltem Mäglein gehen die drei noch ein Stündchen ins Bett. Sie sind todmüde, aber so glücklich, sie haben die Sonne gesehen. Später spielen die Kinder auf dem Rasenteppich im Garten. Für unsere Kinder 125 Welche Wonne für fie, die in der Stadt ge-| sein Gesichtchen ab:„ Js ja nich Sonne, is ja wöhnlich nur den Hof zum Spielen haben und boß Ruckelichtchen." Die Frau ist verwundert die enge Stube. Der große Molly macht den Kindern Hauptspaß. Bald rast er wie toll im Garten herum, spielt Haschen und Verstecken mit, holt den Ball wieder, der über den Zaun geflogen ist, wälzt sich in der Sonne auf dem Rücken, als wenn er Verständnis für die Freude der Kleinen hätte. Mittags legen wir uns alle unter den großen Nußbaum und schlafen ein Stündchen, Molly natürlich mit. Hohpa hat derweilen das Kalb und drei Ziegenlämmer aus dem Stall geholt und in den Garten gebracht. Neugierig schnuppern die Zicklein an den Kindern herum, und dann machen sie Springübungen, immer über die im Grase liegenden Kinder weg. Ein Zick lein springt gar auf Alfred. Der fährt erst erschreckt und schreiend auf, dann aber ist er vor Freude außer sich. Wie armselig ist ein Zirkus mit seinen einstudierten Künsten neben solchem Spiel der Kinder mit den Tieren in der Natur! Bald tobt durch den Garten eine wilde Jagd, dann wieder wälzt sich die ganze Gesellschaft im Grase, und zwischendrein machen die Zicklein ihre steifbeinigen Sprünge. Selbst der ernste Hohpa schüttelt sich vor Lachen. Arme, arme Großstadtkinder, wie vielen Tausenden von euch sind solche Kindheitsfreuden versagt. Am zweiten Feiertag müssen wir uns zur Heimreise rüsten. Die Kinder weinen und wollen bei Hohma und Hohpa bleiben, auch Papa soll nicht fort, soll nie wieder auf Arbeit gehen! Wie schneidet es mir durchs Herz, die Kinder aus der Natur reißen zu müssen! Aber morgen früh um sechs tönt die Fabrikglocke, und ich muß an meinem Arbeitsplay stehen. Wir müssen scheiden. Wie schwer fällt es nicht mir selbst, mich von dem stillen Harzdorf zu trennen. Die Nachbarn rufen uns alle noch eine glückliche Reise zu. Hohma begleitet uns bis zum Bahnhof. Es geht dem Qualm der Großstadt entgegen. Das Wetter ist trüber geworden, es will uns den Abschied erleichtern. und zeigt ihm nochmals die Sonne. Aber Alfred schüttelt nur ungläubig den Kopf und rutscht vom Schoße der Frau herunter. Bapa! Is doch nich Sonne, boß Kuckelichtchen, Sonne is boß bei Hohma, Afed hat große Sonne gesehen." Ich lasse dem Knirps seinen findlichen Glauben und erzähle der Frau, welche Bewandtnis es mit den Reden des Kleinen hat. Als ich am andern Mittag von der Arbeit komme, eilt Alfred mir mit traurigem Gesichtchen entgegen:„ Afed guter Junge, Afed nich unartig, Tante immer schimpft." Als wir in die Küche treten, nennt Mama unser Nefthätchen einen unartigen Jungen: Er darf doch andere Kinder nicht schlagen." " Was hatte es gegeben? Mit seinen dreiund vierjährigen Freunden hatte Alfred auf dem Hofe gespielt. Da war das blasse Ding gekommen, die Vorstadtsonne, und hatte zitternde Kringel an die Mauern und auf den Boden gemalt.„ D, die Sonne!" hatten da die Kinder gerufen. Alfred aber hatte bestritten, daß dies die Sonne sei. Und als sie doch dabei blieben, hatte er seine fleinen Fäustchen an seinen Spielgenossen erprobt. Er hatte für seine Sonne gekämpft. Er hatte die Sonne gesehen. H. Feller. 000 Indianer. Von H. Eildermann. Es klingelt: Sechs Uhr! Die Arbeit ist aus! Vater Stürmann auf dem Weg nach Haus. Durch den Wesersand, über Wiesen und Steg Sieht er fern auf dem Deich seines Hauses Geheg. Aus den Weiden springt da mit Gebrüll Ein Knabe, der weinend den Deich hinauf will. Der kommt just vom Indianerspiel und hat wohl von dem Spaß zuviel, Drückt das Bein sich rechts und links, Und in der Hand hat er ein Dings Ach, das soll das Kriegsbeil sein! und der Kopfputz der ist fein! Der Federkranz um die Stirne her Macht dem„ Wilden Westen" Ehr. Du Schlingel du! Komm mal heran! Denn das ist niemand als sein Johann! Und Johann kommt würgend und humpelnd herbei In der Eisenbahn ist der Kleine bald eingeschlafen, die beiden Alteren knien am Fenster und schauen hinaus. Als wir das Deistergebirge in Sicht bekommen, bricht noch einmal mit mattem Strahl die Sonne hervor. " D, Sonne, Sonne!" rufen die beiden. Alfred hat es im Schlaf gehört und springt auf: Wo is Sonne?" Eine mitreisende Frau nimmt ihn auf den Schoß und läßt ihn aus dem Fenster sehen. Da wendet er verächtlich und Fidi Brandt- sei ein Lump! und erzählt, ihm wäre das Bein entzwei, 126 Für unsere Kinder Der stände gebunden am Marterstump, „ Und als er schon eigentlich tot mußte sein, Da trat er mir hier noch gegen das Bein." Und der wär' doch gefangen und wüßte recht Daß jeder Gefangene sterben soll;[ wohl, Sie hätten das vorher so abgemacht, Speicher, in dem Korn für Notfälle zum Verbrauch aller aufbewahrt wird. Die Buriaten haben einen Gemeindebackofen und gleich den Kabylen einen Gemeindeschmied, der für seine Arbeit nie bezahlt wird. Der Schmied fertigt in seiner freien Zeit auch wohl kleine Platten Aber Fidi Brandt hätte wieder nicht dran ge- aus versilbertem Eisen an, die die Frauen der dachtNa, er spiele mit dem ganz sicher nicht mehr! Der ärgere sich, weil er heut Blaßgesicht wär', Zum erstenmal seit langer Zeit! Sonst triegten wir ihn nie so weit: Ausreden hat Fidi immer so viel! Er hätte es erst gemacht, das Spiel! Dann ist er zu groß und dann zu klein Und überhaupt, er wolle Indianer sein. Aber heute beim Wigwam hab' ich ihn gefangen! ( Sier trat die Freude auf Johanns Wangen.) Die Klapperschlange kam just noch hinzu, Da riefen wir beide laut: Suhu! Den einen Mokassin- hab' ich verloren!-Sier nahm ihn der Vater bei den Ohren Und rief: Nun zeig' mal das Bein her! Sachte! Was Jan tieftraurig denn auch machte. Er sieht dem Vater ins Gesicht: Sieh her, so hat er mich zugericht't! Zwei Tränen rollten die Wange hinab, Als der Vater ihm drohende Weisung gab: Nun suchst du den Mokassin- mein' den Schuh, Und kommst nicht eher nach Hause, hörst du! Wie nun der Vater lächelnd sich wendet, Sind Johanns Qualen auch schon geendet. Er kriecht ins Gebüsch, im besten Lauf Sieht er den Schuh, aber- hebt ihn nicht auf. Ein kleines Weilchen bleibt er stehnDann denkt er: Erst mal zu den andern gehn! Den Schuh find' ich nachher noch früh genug, Wenn ich ihn an dieser Stelle such'. Er lief also weiter, im ungleichen Tritt, Und spielte noch etwas" Indianer" mit. 000 Von den Barbaren. II. ( Schluß.) Buriaten als Schmuck an den Kleidern tragen. Diese Platten darf er manchmal den Frauen eines anderen Stammes verkaufen, aber die Frauen seines eigenen Stammes erhalten sie von ihm zum Geschenk. Es ist bei den Buriaten aufs strengste verboten, innerhalb ihres Stammes etwas zu kaufen oder zu verkaufen. Wenn ein Buriat einen Knecht braucht, so holt er sich ihn von den Russen oder von einem anderen Stamme. Diesen Brauch findet man noch jetzt bei so vielen Barbaren verbreitet, daß man annehmen darf, er sei früher allgemein gewesen. Die Zusammengehörigkeit zeigt sich in einem anderen Gebrauch, den ich selbst kennen gelernt habe, als ich eine Zeitlang mitten unter den Buriaten lebte. Es war das im Narymgebiet, das am Flusse Ob gelegen ist und von Buriaten und Ostjaken bewohnt wird. Die Ernte der Zedernnüsse erinnert bei den ersteren an die Zeit, da noch alles gemeinsamer Besitz der Genossenschaft war. Niemand darf dort nämlich die Nüsse, oder richtiger die Zapfen, die die Zedernnüsse enthalten, früher von den Bäumen holen, als bis die Versammlung der Gemeindemitglieder das beschlossen hat. Ihre Entscheidung wird frühmorgens durch den Gemeindediener verkündet, und dann eilt jung und alt auf kleinen Fuhrwerken oder zu Fuß in den Wald. Auch die Frauen helfen fleißig mit. Um besser auf die Bäume klettern zu können, ziehen sie weite Beinkleider an, und alle haben Säcke um den Leib gebunden, in welche die Nüsse getan werden. Die Früchte einer Zeder gehören dem, der zuerst den Baum erstiegen hat. Bei dem Nüsseeinbringen vereinen sich die Glieder einer Gemeinde, die Bewohner eines Dorfes zu gemeinsamer Arbeit. Der Brauch der gemeinsamen Jagd erfaßt aber den ganzen Stamm, oder richtiger die Nation der Buriaten. Einmal im Jahre, im Herbst, schicken nämlich alle buriatischen Stämme, die auf Hunderte von Meilen östlich Auch unter den„ ,, barbarischen" Asiaten finden wir festes Zusammenhalten. Als die Russen Sibirien eroberten, waren sie von dem brüderlichen Zusammenleben der dort heimischen Völkerschaften so erstaunt, daß sie davon meldeten: Sie haben alles gemeinsam; alles, und westlich vom Baikalsee verstreut leben, was sie haben, wird gleichmäßig unter ihnen verteilt." Bei den Buriaten, die am Flusse Lena wohnen, hat jetzt noch jede Markgenossenschaft oder Ulus, wie sie es nennen, einen ihre Vertreter zur gemeinsamen Jagd. Tausende von Männern folgen dieser nationalen Pflicht. Jeder von ihnen führt einen Vorrat von Nahrungsmitteln mit, der ungefähr für Für unsere Kinder 127 einen Monat ausreicht. All dieser Proviant wird zusammengetan, um in gleichen Teilen unter die Männer verteilt zu werden. Die versammelten Jäger wählen einen Altesten. Dieser mißt den Anteil jedes Mannes an den Lebensmitteln nicht mit der Wage, sondern in der Hand ab, wie dies in den Zeiten üblich gewesen ist, als die Vorfahren noch keine Wage kannten. Die Jäger teilen sich darauf in banden artige Partien und gehen nach einem bestimmten Plane auf die Jagd, der verhindern soll, daß die einzelnen Gruppen einander ins Gehege kommen. Unsere kleinen Leser in vielen süd deutschen Gegenden werden sich bei den Bräu chen der Burjaten daran erinnern, daß auch hier das Einsammeln der Haselnüsse im Ge meindewald nicht vor einem bekannt gegebenen Tage geschehen darf. Diese alte Satzung weist in die Zeiten zurück, wo noch die germanischen Männer in Markgenossenschaften lebten und Feld, Wald, Weideland, fischreiches Gewässer gemeinschaftliches Eigentum waren. Die Dichtungen, Sprüche und Redensarten der Barbaren lassen ihr starkes Zusammen gehörigkeitsgefühl erkennen.„Die Kuh soll für dich selbst und für den, der kommt und Milch begehrt, gemolken werden," sagt der Morduine. Wenn bei uns diese„barbarische" Sitte herr schen würde, so könnte es nicht vorkommen, daß arme Kinder ohne Frühstück in die Schule gehen müssen, wo sie vor Hunger ohnmächtig werden, wie man dies von Zeit zu Zeit in den Zeitungen lesen kann. Ein angesehener Forscher schildert die barbarischen Nordländer früherer Zeiten wie folgt: Jeder soll offen und männlich tun, was ihm obliegt, ohne Furcht vor Feinden oder dem Schicksal; frei und tapfer sein in allen seinen Taten, freund lich und großmütig gegen Freunde und Ver wandte, hart und grimmig gegen seine Feinde, aber auch gegen sie alle seine Pflicht und Schuldigkeit erfüllen. Seine Ehre muß sein, kein Treubrüchiger, kein Ohrenbläser, kein Ver leumder zu sein; nichts gegen jemand zu reden, was er sich nicht getraute, ihm ins Gesicht zu sagen. Er darf niemand von der Tür weisen, der Brot oder Obdach sucht, auch wenn es ein Feind wäre. Bei den Barbaren fühlten sich die einzelnen Glieder einer Gemeinschaft so eng miteinander verbunden, daß jeder Streit, der zwischen zweien ausbrach, als Angelegenheit der ganzen Gemeinschaft betrachtet wurde. Jeder Schimpf, jede Beleidigung, die einer der Streitenden dem anderen zufügte, wurde als Beleidigung der ganzen Gemeinschaft anfgefaßt. Wenn ein Streit zu Kampf und Verwundung führte, so wurde der Mann, der dabeigestanden und nicht schlichtend und versöhnend dazwischen getreten war, so behandelt, als hätte er selbst den Kampf und seine Folgen verschuldet. Ein anderes Mal will ich euch von der Art der Barbaren erzählen. Streit zu schlichten und Recht zu sprechen. Ihr werdet dann nicht bloß die gegenseitige Hilfe bei den Barbaren bewundern, sondern auch ihr hohes Gerechtig keitsgefühl schätzen lernen.«u. OOS ArN0.(Fortsetzung.) Von E. Selon Thompson. Arno war im Laufe des Trainierens mit zwei Genossen an Bord eines nach Europa segelnden Dampfers gebracht worden. Sie sollten, wenn das Land außer Sicht war, freigelaffen werden, aber ein starker Nebel setzte ein, so daß man sie nicht fliegen lassen konnte. Der Dampfer nahm sie mit, um sie auf dein nächsten Schiffe, das er träfe, heim zusenden. Als der Dampfer aber zehn Stunden in der See war, brach die Maschine, dichter Nebel legte sich über das Wasser, und das Fahrzeug trieb hilflos wie ein Balken auf den Wellen. Nur die Dampfpfeife konnte man er tönen lassen, um Hilfe herbeizurufen. Aber der Kapitän hätte mit dem gleichen Erfolg auch Flaggensignale geben können. Dann dachte man an die Tauben. Sternsicher, 2592 L, wurde zuerst gewählt. Man schrieb eine Bitte um Hilfe auf wasserdichtes Papier, rollte dieses zusammen und band es unten an die Schwanzfedern. Die Taube wurde in die Luft geworfen und verschwand. Nach einer halben Stunde wurde die große Blaue, die Eckkiste, 2600 L, mit einem Briefe beschwert. Sie flog auf, kehrte aber fast unmittelbar zu rück und ließ sich auf einer Rahe nieder. Es war ein klägliches Bild von Taubensurcht, nichts konnte sie bewegen, das Schiff zu verlassen. Ihre Angst war so groß, daß sie sich leicht greifen und schimpflich in ihren Käsig stecken ließ. Nun wurde die dritte herausgeholt, ein dürftiges Exemplar. Der Schiffsmannschaft war sie nicht bekannt, aber sie lasen auf ihrem Fußring Namen und Nummer: Arno, 2590(1. Für sie wollte dies freilich nichts besagen, aber der Schiffsosfizier, der die kleine Taube hielt, merkte, daß ihr Herz lange nicht so heftig schlug wie das der Blauen. Der Notbrief wurde der großen Blauen abgenommen. Er lautete: 128 Für unsere Kinder ,, Dienstag, 10 Uhr vormittags.| Von Sternsicher, dem zweiten Boten, hörte Uns ist dreihundert Kilometer von New man nie wieder etwas; sicher war er im York die Maschine gebrochen, und wir trei- Meere umgekommen. Die blaue Ecktiste aber ben hilflos im Nebel. Schickt uns sobald wie ließ sich von dem Bugfierdampfer heimwärts möglich einen Bugsierdampfer! Wir geben befördern. ( Fortsetzung folgt.) jede Minute einen langen und gleich darauf einen furzen Pfiff. Der Kapitän." Das Schreiben wurde zusammengerollt, in einen wasserdichten Umschlag gesteckt, mit der Adresse der Dampfschiffsgesellschaft versehen und unter Arnos mittlere Schwanzfeder gebunden. 000 Frühlingsfest. Bon Emma Dölz. Hans hat sich draußen müde getollt, Grüßte die Frühlingsdüfte, Nachdem man Arno in die Luft geworfen Raum hat er abends ins Bett gewollt: hatte, freiste er um das Schiff, dann zog er Waren so lau noch die Lüfte. einen höheren und weiteren Kreis, stieg noch Aber die Mutter fackelt nicht lang, höher und entschwand den Augen. Aller Sinne, mit Ausnahme eines einzigen, beraubt, übers Hat seine Stunde geschlagen, ließ er sich diesem einen ganz, der in ihm start Muß Hans ins Bett, ohne Sang und Klang, war und unbeeinträchtigt von der vernichten- Dagegen ist nichts zu sagen. den Tyrannei der Furcht. Fehllos wie die Und doch ist Hänschen noch so mobil, Rompaßnadel war nun Arnos Flug, ohne Schwer sind ihm nur schon die Lider, Zögern, ohne Zweifel; eine Minute, nachdem Eins nach dem andern herunterfiel, er seinen Käfig verlassen hatte, flog er gerades- Blinzelnd nur hebt er sie wieder. wegs wie ein Sonnenstrahl dem Schlage zu, Lächelnd denkt er, schon halb im Traum: wo er geboren war, dem einzigen Orte, wo ,, Schön sind die Frühlingsfeste! er sich befriedigt fühlte. Nun fehlt uns nur noch der Weihnachtsbaum, An jenem Nachmittag ging Billy seiner Arbeit nach, als schneller Flügelschlag pfeifend die Luft durchschnitt; ein blauer Flieger stürzte Dann wär' zusammen das Beste." in den Taubenschlag und hin zum Wassernapf. Hat ihn ein lieblicher Traum beglückt, Er nahm einen Schluck nach dem anderen, Beigt ihm, was er sich ersonnen. während Billy erstaunt rief:" Was, Arno, du Bäume sieht er, ferzengeschmückt, bist's, mein Liebling?" Dann zog er als er Ganz mit Gold übersponnen. fahrener Taubenmann seine Uhr heraus und Als die Mutter Hans morgens aufweckt, notierte die Bett 2 Uhr 40. Sofort bemerkte Blieb' er am liebsten noch liegen. er auch den Brief an der Schwanzfeder. Augenblicklich schloß er das Abflugsloch und warf Raum hat den Kopf er durchs Fenster gesteckt, der Taube das Fangnetz über den Kopf. Im Jubelt er auf vor Vergnügen. nächsten Augenblick hatte er die Rolle in der Wahrheit geworden ist ja sein Traum! Hand, und nach zwei Minuten war er auf D, wie lacht Hans von Herzen, dem Wege zur Dampfschiffsgesellschaft, denn Draußen, der alte Kastanienbaum es stand ein artiges Trinkgeld in Aussicht. Dort erfuhr er, daß Arno die dreihundert Kilometer im Nebel und überm Meer in vier Stunden vierzig Minuten zurückgelegt hatte, and binnen einer Stunde war ein Hilfsdampfer auf dem Wege zu dem Schiffe in Not. Dreihundert Kilometer im Nebel und überm Meer in vier Stunden und vierzig Minuten - das war eine herrliche Leistung! Sie wurde auch, wie sich's gebührte, zu Arnos Ehren in das Register des Klubs eingetragen, und ein entsprechender Vermerk mit unvergänglicher Tinte auf dem schneeigen Weiß von Arnos erster rechter Schwungfeder aufgestempelt. Trägt hundert blühende Kerzen. Honigkuchen muß auch dort sein, Bienen und Käferlein naschen. und darüber der Sonnenschein Liegt wie in goldigen Maschen. Hänschen fast aus dem Fenster fällt, Lacht und jubelt vor Freude: Mutter, schau doch, wie schön ist die Welt, Weihnacht' im Frühling. ist heute!" 11 Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Poft Degerloch bet Stuttgart. Druck umb Berlag von Baul Singer in Stuttgart. 7 7 7