Für unsere Kinder Nr. 22 o o o O o o o Beilage zur Gleichheit o o o o o o o l9l0 Inhaltsverzeichnis: Mittag. Bon Theod. Fon tane.(Bedicht.)— Der SchmettcrlingSweg. Bon Jürgen Brand.— Der Lumpenmatz. Von Emma Döly.— Thidher. Bon Friedr. Rüclert.(Gedicht.) — Bickbeerenferien in der Lüncburger Heide. Bon Elise Jensen.— Der Regenbogen. Bon Sophie Reinheimer.— Tanzliedchen.(Gedicht.) Rings Sonnenschein auf Wies' und Wegen, Die Wipfel stumm, kein Lüftchen wach. Und doch, es klingt, als ström' ein Regen Lei» tönend auf das Blätterdach. ovo Der Schmetterlingsweg. Sommertag in Ulenbrook. Zehn Uhr morgens -s- 25 Grad Celsius im Schatten! Rock und Weste hängen längst am Haken. Seit einer Stunde liege ich im Schalten einer dicken Kieser und blinzele mit zusammengekniffenen Augen nach dem klaren Himmel und den weihe» Wolken; die eine, etwas abgesondert von den anderen, nimmt allmählich die Gestalt einer weißen Katze an. Vortrefflich! Die weiße Wolkenkatze hat ein ebenso weiches, molliges Fell wie die allerschönste Pußikatze daheim. Ach, ach, da seht: das Kätzchen zerfließt in eitel Schaum. Noch ein Weilchen, und ihr seht nur noch das Schwänzchen am blauen Himmel schweben. Schade.— Im Nistkasten am Hause piepsen die jun'gen Fliegenschnäpper. Alle paar Minuten kommt Vater und Mutter und stopft den jungen Freßsäcken die Schnäbel voll. Heute nachmittag, spätestens morgen früh werden sie ausfliegen. Hoho, ihr Schreihälse, dann beginnt auch für euch der Kampf ums Dasein; dann heißt es: Helft euch selber! Und hütet euch vor dem Sperber! Eben wollt' ich mich von meinem Platze er heben, da seh' ich. wie dicht vor mir auS einem Büschel Heidekraut eine flinke Mauer-Eidechse hervorschlüpfl. Mit ihren kleinen klugen Auglein blickt sie vorsichtig umher. Gibt es etwa? Reizen deres, als dieses zierliche, behende Tierchen? Jetzt tritt sie ganz hervor. Aha, sie hat ihr Schwänzchen durch irgend«in Mißgeschick ver loren. Aber was schadet's; es wird ihr in kurzer Zeit ein neues wachsen. Wie kann es nur Menschen geben, die diesen reizenden Tierchen feindlich gesinnt sind, die ängstlich die Flucht ergreifen, wo sich«ins blicken läßt? Die Ei dechsen sind doch völlig harmlose Tierchen, die von Insekten leben. Ich bewege meinen Fuß ein wenig, und im Nu ist die Klein« im schützenden Kraut verschwunden. Ich überlege: 25 Grad im Schatten, völlig« Windstille. Holla, das ist ein Tag sür meine Lieblinge, die Schmetterlinge; was wird da alles fliegen! Man dürfte solche Gelegenheit zum Beobachten nicht ungenützt vorübergehen lassen. Aber die Hitze?! Ach was, man muß die Feste feiern, wie sie fallen; bei Regen- welter fliegt kein Schmetterling. Also auf! Strohhut, Fangnetz, Zigarrenkiste mit Torf einlage und Jnsektennadeln, und los! Drüben am Einhornwald zieht sich an der Südseite ein breiter Weg hin, der mit Brom beerbüschen und zahlreichen Disteln bestanden ist; und alles steht in voller Blüte. In fünf zehn Minuten bin ich an Ort und Stelle, und schon sitze ich am Erdwall unter dem schützen den Hainbuchenbusch und trockne die unauf hörlich rinnenden Schweißtropfen. Die eine Hälfte des WegeS liegt noch im Schatten; aber die andere steht im„vollen Brande der Sommerglut". Selbst die Espen, deren lang gestielte Blätter bei jedem leisesten Windhauch in zitternde Bewegung geraten, stehen heute regungslos. Und kerzengerade, zu vielen Hun derten stehen die blühenden Disteln auf dem Wege; viele sind über einen Meter hoch und tragen mit Stolz ihre wunderhübschen violett roten Blütenköpfe. Und das Gewimmel von Schmetterlingen! Mit vollem Recht habe ich diesen Weg den Schmetterlingsweg ge nannt. Am zahlreichsten fliegt der prachtvolle Perlmutterfalter. Dicht vor mir gaukeln ihrer zwei um eine besonders stattliche Distel; ich brauche mich nicht einmal zu erheben, um sie in aller Muße aus nächster Nähe betrachten Mittag. von rveoitor fomsue. Am Waldessäume träumt die Föhre, Am Himmel weiße Wölkchen nur; Ls ist so still, daß ich sie höre, Die tiefe Stille der Ratur. 170 Für unsere Kinder Schon wieder ändert sich das Bild; ein besonders großer Falter schwebt auf meine Distel zu: Ein Schwalbenschwanz. Jetzt setzt er sich. Welche Pracht der Farben! Welche Eleganz der Formen! Ich kann nicht widerstehen; ich muß ihn haben. Zunächst überzeuge ich mich, daß er völlig tadellos ist. Ein schneller, vorsichtiger Hieb mit dem Netz, und ich hab' ihn. Behutsam und schnell drücke ich ihm die Brust ein und führe die dünne Nadel durch das Bruststück; dann wird die schöne Beute sorgsam im Kasten verwahrt, um später zu Hause aufgespannt zu werden. Dann können auch andere sich seiner Schönheit freuen, die nicht hierher kommen können. zu können. Sie müssen erst vor kurzem aus| große Ahnlichkeit mit Wespen, Bienen und der Puppe gekrochen sein, denn ihre Farben Fliegen haben. sind noch leuchtend frisch und ihre Flügel noch nicht im mindesten beschädigt; wenn sie sich auf eine Blüte niedersetzen, entfalten sie noch einmal die volle Pracht ihrer Flügel; und dann legen sie sie zusammen und kriechen auf den Blüten umher, den süßen Nektar zu nafchen. Die Unterseite der Flügel ist womöglich noch schöner als ihre Oberseite; nun erst sieht man die glänzenden Perlmutterflecke, die diesem Falter den Namen gegeben haben. Wie wunderschön ist das! Auch die geschickteste Künstlerband ist nicht imstande, diese Feinheit und Pracht nachzuahmen. Übrigens wird ein rechter Künstler auch nicht nachahmen; nur lernen wird er hier, immerfort lernen. Wie recht hatte doch der große Meister, als er sagte:- wahrhaft steckt die Kunst in der Natur, wer sie heraus kann reißen, der hat sie."( Albrecht Dürer.) Der Weg zur Kunst geht durch die Natur; hier springt der unerschöpfliche Quell aller Kunst, und kein großer Künstler ist denkbar, der nicht in einem innigen, vertrauten Verkehr mit der Natur gestanden hätte. Für uns folgt aus diesen Beziehungen noch etwas anderes, sehr Wichtiges: Wenn alle echte Kunst aus der Natur hervorgegangen ist, dann ist auch das Verständnis der Kunst nicht anders möglich, als indem man zuvor die Natur mit heißem Bemühen beobachtet und studiert. Wenn ich vorhin sagte, der Weg zur Kunst geht durch die Natur, so kann ich jetzt hinzufügen: Auch der Weg zum Kunstverständnis geht durch das Verständnis der Natur. Jenes ist ohne dieses nicht möglich. Wollt ihr also die Werke der großen Meister verstehen lernen, so vertieft euch zunächst in die unvergleichlichen Werke der Natur. Wie ich zwischen den ragenden Disteln einhergehe, werde ich umschwirrt und umgaukelt von zahllosen Insekten: Perlmutterfaltern, Kaisermänteln, Trauermänteln, Bläulingen, 38ygaenen, Sefien, Hummeln, Wespen, Bienen, Fliegen und Mücken. Die bunte Menge wirkt verwirrend auf meine Augen. Aber ich liebe euch alle, ihr kleinsten Wesen, ihr„ Edelsteine der Luft", ihr Freudenbringer, ihr Quell von Schönheit! Die Sonne steht im Zenit und schießt erbarmungslos ihre heißen Strahlenpfeile herab; ich muß flüchten trotz aller Herrlichkeit. Mit Dank im Herzen gehe ich heim. Schweigend und regunglos liegt der Einhornwald in der brennenden Mittagssonne. Jürgen Brand. 000 Der Lumpenmaß. Wißt ihr, Kinder, was ein richtiger Lumpenmah ist? Jedes Dorfkind kennt ihn; aber für Aber seht! Was ist denn das? Da setzt sich die Kinder der größeren Städte muß ich ihn auf eine Blüte vor mir ein Insekt, wie eine beschreiben, denn da ist der Lumpenmat unBiene anzusehen, mit langen, glasbellen Flügeln bekannt. Der Lumpenmatz oder richtiger der und gestrecktem, bräunlichem Körper. Ein for- Lumpenhändler kommt gewöhnlich ins Dorf schender Blick überzeugt uns sofort: Keine Biene, mit einem Kastenwagen gefahren, vor dem ein Schmetterling ist's, eine Sesie; der dicke ein sehr altes, sanftmütiges Pferd gespannt Hinterleib verrät den Schwärmer. Aber die ist. Manchmal ist es auch nur ein Hund. Der Ähnlichkeit mit einer Biene ist wirklich auf große, hintere Teil des Wagens dient zur Auffallend; er führt seinen Namen„ Bienen- nahme von Lumpen und altem Metall. Aber schwärmer" nicht mit Unrecht. Ihr dürft der für die Kinder weitaus wichtigere Teil ist den Schwärmer ohne Besorgnis in die Hand vorn der eingebaute Kasten, der gleichzeitig nehmen; einen Stachel besitzt er nicht. Leicht als Sitz dient. In diesem Kasten sind die zu fangen ist er aber nicht; die Sesien sind sonderbarsten und wünschenswertesten Sachen sehr flüchtig. Bei genauerem Hinsehen ent- eingeschlossen. Da liegen Bilderbogen und decken wir eine ganze Anzahl dieser kleinen Püppchen, tleine Geschichten- und Notizbücher, Schmetterlinge, die alle mehr oder minder Nadeln, Zwirn, Bänder, Fingerringe mit Für unsere Kinder 171 großen roten und grünen Steinen. Kurzum, neben nützlichen Dingen das wunderbarste Spielzeug, das man später nicht mehr recht beschreiben kann, weil es gar zu schnell ent zwei ging, sobald man es erst in der Hand hatte. Gewöhnlich hat der Lumpenmatz ein kleines Pfeifchen, auf dem er bei der Einfahrt ins Dorf die schönsten Triller erklingen läßt. Dann kommt Leben unter die Kinder! Wer immer der Mutier ein paar alte Lappen ab schmeicheln kann, läuft nach dem Wagen, und steht dann mit nachdenklicher Miene so lange vor den zwei oder drei Herrlichkeiten, zwischen denen er wählen darf, bis ihm der Lumpen matz irgend etwas mit der Versicherung in die Hand drü�, daß dies gerade das schönste sei. Nachträglich kommen dann dem kleinen Händler gewö�lilich Zweifel, ob er sich nicht lieber etwas anderes hätte nehmen sollen. Er tröstet sich aber leicht damit, daß er es nächstes Mal nachholen könne. Als ich zum erstenmal das alte Märchen vom Rattenfänger von Hameln las und an die Stelle kam, wo die Kinder dem Zauber mann bis in den Berg hinein nachliefen, da dachte ich: Aha, der hat gewiß das Pfeifchen unseres Lumpenmatzes gehabt. Der verlockte übrigens auch die Kinder. Hatte doch einmal Nachbars Otto den frischgewaschenen Rock seiner Mutter von der Waschleine genommen und für ein Jndianerbuch verhandelt. Frei lich: die Schandtat wurde gleich entdeckt, Otto bekam seine verdiente Tracht Prügel, und der Lumpenmatz mußte den Nock wieder heraus geben, von dem er behauptete, daß er wirk lich nur noch ein Lumpen sei. Ich kam nie in die Verlegenheit, mir aus dem Wunder kasten etwas wählen zu dürfen. Dazu war unsere Mutter zu praktisch. Für die wenigen Lumpen, die selbst bei uns abfielen, nahm sie Nadeln oder Zwirn. Dennoch war ich diesmal ebenso ungeduldig, das Pfeifchen zu hören, als all die anderen Kinder. Hatte doch Otto von seiner Mutter einen ganzen Beutel Lumpen erhalten, und damit wollte er sich nun alle Glückseligkeiten der Welt erstehen. Jeden Tag fiel ihm etwas Neues ein, was er bekommen müßte, und wir alle nahmen Teil an seinen hochfliegenden Plänen und ließen sie durch gute Ratschläge noch größer werden. Wer aber diesmal ungewöhnlich lange ausblieb, war der Lumpenmatz. Endlich, endlich, als unser Interesse durch das lange Warten schon ziemlich abgestumpft war, erscholl eines Nachmittags das bekannte Pfeifchen. Aber es trillerte nicht lustig wie sonst, sondern gab nur traurig zwei lang gezogene Töne von sich. Und so wie das Pfeifchen war auch alles andere verwandelt. Der alte, wohlbekannte Schimmel fehlte, und statt des hohen Kastenwagens war nur ein alter Handwagen gekommen, den der Lumpen matz selbst ziehen mußte. Am traurigsten sah aber der Mann selbst aus. Sein sonst immer fröhliches Gesicht hatte heute einen verdrosse nen, fast wütenden Ausdruck. Sonst wußte der Lumpenmatz jedes kleine Spielzeug durch ein Wort oder einen Handgriff zu etwas Be sonderem zu machen; heute beantwortete er nur kurz und widerwillig die Fragen der Kinder. Otto erhielt freilich mehr für seine Lumpen als wir gedacht halten, und als er zuletzt frug, ob er nicht auch noch einen kleinen runden Taschenspiegel zubekomme, warf der Alte ihm das begehrte Stück mit den Worten zu:„Meinethalben, nehmt den ganzen Kram, es ist ja doch alles für die Katz!" Wir Kinder standen wegen der Veränderung ganz bedrückt herum. Nach uns kamen Frauen, brachten Lumpen und srugen, wo der Lumpenmatz Pferd und Wagen gelassen hätte. Nun hörten auch wir es, warum alles so anders war. Durch den Tod seines Kindes und durch eine lange Krankheit der Frau war der Lumpen matz in Schulden geraten. In letzter Zeit war aber das Geschäft gut gegangen, so daß er hoffen durfte, langsam wieder aus den Sorgen herauszukommen. Er war jedoch noch außer stande, die rückständige Steuer zu bezahlen. Das Ende war, daß ihm Pferd und Wagen gepfändet wurden. Meine Mutter, die auch herbeigekommen war, um dies und das ein zutauschen, frug den Lumpenmatz, ob er denn nicht gesagt hätte, daß er beides zu seinem Broterwerb brauche. Da lachte der alte Mann recht ingrimmig auf und meinte:„Ja, gesagt Hab' ich es schon, die Antwort war aber, daß ich ja den Handwagen habe, mit dem ich mein Geschäft weiter betreiben könne____ Wenn ich noch jünger wäre," fuhr der Alte fort,„möchte es vielleicht gehen; doch jetzt wird mir schon der leere Wagen zu schwer, und seit mir der Betge-Bauer sein altes Eisen vertauft hat, ist mir's immer, als ob ich alle fünf Schrille zu sammenbrechen müßte. Dabei ist der Wagen noch nicht halb voll und mit dem Bißchen nach Hause fahren, lohnt nicht. Jc�sage ja, es ist alles für die Katz, daß ich mich weiter plage." Die Frauen wollten den Lumpenmatz trösten, aber selbst wir Kinder hörten aus ihren Worten 172 Für unsere Kinder heraus, daß sie die Sache für hoffnungslos hielten. Meine Mutter brachte einen großen Topf Kaffee heraus, und nachdem der Alte ihn geleert hatte, spannte er sich wieder an den Karren, und langsam verschwand das traurige Gefährt unseren Blicken. Von uns Kindern wurden die tollsten Pläne ausgeheckt, dem Lumpenmatz zu helfen, aber alle halten den Fehler, daß sie sich nicht durch führen ließen und einer nach dem anderen wieder verworfen werden mußte. Als Otto uns seinen neuen Spiegel bewundern laffen wollte, wiesen wir ihn schroff ab..Ach, geh nur," hieß es,.du hast den armen alten Mann auch noch geärgert. Wir wollen deinen dummen Spiegel gar nicht sehen." Ich glaubte damals ganz sicher, daß mir eines Tages eine Fee begegnen müsse, die mir drei Wünsche erfüllen werde. Tie drei Wünsche hatte ich deshalb auch immer fertig in der Tasche oder vielmehr im Kopfe. Nun mußten sie aber umgeändert werden, denn der erste sollte sein, daß unser Lumpenmatz Pferd und Wagen zurück erhielte. Schließlich wurde aber auch wieder von etwas anderem gesprochen als vom traurigen Geschick des Lumpenmatz, und als wir am anderen Morgen zur Schule gingen, war das Erlebnis von den meisten schon halb vergessen. Da wir einen weiten Weg zur Schule hatten, gingen wir Nachbarskinder stets zusammen. Gewöhnlich wurde im Sommer unterwegs Haschen gespielt, bei uns Zeck genannt. Wir kamen dadurch schnell vorwärts, denn«in Zu rücklaufen war streng verpönt. Unser Weg führte etwa eine halbe Stunde lang durch Korn- und Kartoffelfelder und an drei dicht zusammengedrängten Akazien vorüber, unter denen eine alte Bank stand. Wer dort saß, befand sich im Sommer wie in einer Laube, denn die Zweige der Akazien hingen tief her unter, so daß sie fast den Boden berührten. Wie oft hatte ich mich aus der Bank ein paar Minuten ausgeruht und mich gefreut, wie die Sonne an einigen Stellen ihren Weg durch all das Blattgewirr bis auf den Boden fand und dort runde, hüpfende Kugeln malte. Freilich, später habe ich nie wieder dort ge sessen! Wir kamen im Spiel angerannt und wollten wie oft unserer Verfolgerin entgehen, indem wir zwischen den Bäumen hindurchliefen. Aber mit einem Schrei fuhren wir aus der grünen Dämmerung der natürlichen Laube wieder heraus. Dort drinnen an einem Aste über der Bank hing mit schrecklich entstelltem Ge- sicht der Lumpenmatz. Doch dies Gesicht war für mich nicht einmal das fürchterlichste, son dern die rechte Hand, die zur Faust geballt drohend vor dem Lumpenmatz ausgestreckt war, als ob er die ganze Welt anklagen und verdammen wollte.— Einen Augenblick stan den wir alle entsetzt still und starrten uns gegenseitig an; dann aber stürmten wir im Galopp zur Schule. Tort muß unser Bericht wohl ziemlich wirr ausgefallen sein, denn ich erinnere mich noch, daß der Lehrer zu mir sagte:.Nun sei endlich still von der Faust. Ich werde es gleich melden und damit ist's abgetan." Für uns allerdings war es damit nicht abgetan, wenn wir auch zunächst nicht mehr davon sprechen durften. Sobald aber eine die andere ansah, nickte" wir uns ernst zu, denn wir fühlten, daß w� denselben Ge danken hatten. Endlich war es Mittag. Scheu und ge drückt traten wir unseren Heimweg an. Schon von weitem sahen wir an den Akazien einen Leiterwagen stehen. Die Männer hatten offen bar keine Eile, denn wir kamen noch gerade zur Zeit, um zu sehen, wie der tote Mann aus den Wagen gelegt oder vielmehr geworfen wurde. Einer der Männer breitete einen Bund Stroh über die Leiche. Nun war wohl der Körper für unsere Blicke verdeckt, aber aus dem Stroh heraus, drohend gegen den Himmel gerichtet, streckte sich die schreckliche Faust. Der Wagen fuhr fort. Wir Kinder gingen paarweise hinterher, als ob es so sein müßte. Ein kleines Mädel weinte. Die Größe ren ballten unwillkürlich ihre Hände auch zur Faust. So hatte unser alter Freund doch ein Leichengefolg«, und ein aufrichtigeres, als mancher reiche Mann. Die Beerdigung muß wohl spät abends stattgefunden haben, denn an einem der nächsten Morgen sahen wir das frische Grab. Niemand kümmerte sich dar um. Nach einiger Zeit hörten wir, daß die Frau des Lumpenmatz in einem Krankenhaus gestorben sei. Nun gehörte uns das Grab ganz. Wir pflanzten wilde Stiefmütterchen und Thymian darauf und begossen die Blumen täglich. Lange flößte mir das Grab eine abergläubische Furcht ein. Wenn ich kam, um aus dem zusammen sinkenden Hügel die Blumen niederzulegen, die ich an meinen Wegen durch die Felder gefunden hatte, so sah ich erst jedesmal scheu von weitem hin, denn ich glaubte, jetzt müsse die Faust die Erde durchbrochen haben und sich wieder zur Anklage gegen die ganze Welt Für unsere Kinder 173 emporrecken. Erst später, als die Königs-| Da fand ich einen waldigen Raum ferzen, die ich als kleine Pflänzchen vom Und einen Mann in der Siedelei, Bahndamm geholt hatte, ihre großen, leuch Er fällte mit der Art den Baum; tenden Blüten über dem Grab wiegten, war Ich fragte, wie alt der Wald hier sei. es mir, als ob auch der Tote dort unten Er sprach:" Der Wald ist ein ewiger Sort; langsam seinen Zorn vergäße. Aus der Er- Schon ewig wohn' ich an diesem Ort, innerung aber ist mir das Erlebnis nie ge- und ewig wachsen die Bäume fort." tommen. Immer wenn ich sah, wie Elend Und aber nach fünfhundert Jahren und Armut durch ungerechte und unver- Kam ich desselbigen Wegs gefahren. ständige Behandlung noch vergrößert wurden, war es mir, als erhebe sich wieder die drohende Da fand ich eine Stadt, und laut Faust des Lumpenmaß. Ein warnendes Mene- Erschallte der Markt vom Volksgeschrei. tekel, das doch von den Menschen am wenigsten beachtet wird, die es fürchten sollten. Denen aber, die es verstanden haben, muß es ein Ansporn sein, nicht nur selbst gegen jedes Unrecht zu kämpfen, sondern auch alle anderen immer wieder dazu aufzurufen. Nicht wahr, Kinder, auch ihr werdet eines Tages helfen, daß es weniger in Verzweiflung anflagend geballte Fäuste und mehr glückliche Gesichter in der Welt gibt! 000 Chidher. Bon Friedrich Rückert. Emma Dölz. Chidher, der ewig junge, sprach: Ich fuhr an einer Stadt vorbei, Ein Mann im Garten Früchte brach; Ich fragte, seit wann die Stadt hier sei. Er sprach und pflückte die Früchte fort: " Die Stadt steht ewig an diesem Ort Und wird so stehen ewig fort." Und aber nach fünfhundert Jahren. Kam ich desselbigen Wegs gefahren. Da fand ich keine Spur der Stadt; Ein einsamer Schäfer blies die Schalmei, Die Herde weidete Laub und Blatt; Ich fragte: Wie lang ist die Stadt vorbei? Er sprach und blies auf dem Rohre fort: ,, Das eine wächst, wenn das andre dorrt; Das ist mein ewiger Weideort." Und aber nach fünfhundert Jahren Kam ich desselbigen Wegs gefahren. Da fand ich ein Meer, das Wellen schlug, Ein Fischer warf die Netze frei; Und als er ruhte vom schweren Zug, Fragt ich, seit wann das Meer hier sei. Er sprach und lachte meinem Wort: " So lang, als schäumen die Wellen dort, Fischt man und fischt man in diesem Port!". Und aber nach fünfhundert Jahren Kam ich desselbigen Wegs gefahren. Ich fragte: Seit wann ist die Stadt erbaut? Wohin ist Wald und Meer und Schalmei? Sie schrien und hörten nicht mein Wort: " So ging es ewig an diesem Ort, Und wird so gehen ewig fort." End aber nach fünfhundert Jahren Will ich desselbigen Weges fahren. 000 Bickbeerenferien in der Lüneburger Heide. ,, Bickbeerenferien," so werdet ihr erstaunt fragen, was sind denn das für Ferien?" Das sollt ihr gleich erfahren. Zur Zeit, als ich noch auf der Schulbant saß das sind schon zweimal zehn Jahre her-, nannte man in manchen Gegenden Norddeutschlands Bickbeerferien die Schulferien, die vom 1. Juli bis zum 1. August dauerten und mit dem Reifen der Bickbeeren ( Heidelbeeren, Blaubeeren) zusammenfielen. Ob das noch heute so ist, mögen die Kinder sagen, die in den Städtchen und Dörfern der Lüneburger Heide mit Ungeduld auf die diesjährigen Ferien gewartet haben. Denn von dort will ich erzählen. Dort wachsen in einzelnen Strichen die Bickbeeren in besonders großen Mengen. Alljährlich, wenn der 1. Juli herannahte, erwarteten wir Kinder sehnsüchtig den letzten Schultag, und schon lange vorher bildeten die Bickbeerenferien unser wichtigstes Unterhaltungsthema. Endlich ist der große Tag da. Die Kinder stürmen aus der Schule nach Hause.„ Hurra! Juchhe! Morgen geit et nah'n Bickbeerenplücken!" So ertönt es überall. In aller Eile wird das Mittagessen verzehrt, und dann geht es ans" Packen"- denn am anderen Morgen heißt es früh aufstehen, und alles muß schon vorher bereit sein. Voll Eifer stürzen die Buben und Mädchen nach dem Stalle, um die„ Kiepe" zu holen, die auf dem Rücken getragen wird. In ihr werden kleinere Körbe 174 Für unsere Kinder und Töpfchen verstaut, in welche die Bick beeren gepflückt werden sollen. Ist alles in Ordnung, dann geht es ins Bett. Vor lauter Aufregung können die Kinder nicht einschlafen. Am anderen Morgen um 4 Uhr sind sie schon wieder munter. Die Mutter ist noch früher aufgestanden und hat für den nötigen Proviant gesorgt. Bald ist alles fertig zum Abmarsch. Die Mütter begleiten ihre Kinder. Ist eine Mutter abgehalten, ziehen ihre Kinder mit den anderen aus, und eine gute Frau Nachbarin oder Bekannte nimmt sich ihrer an. Der Zug setzt sich in Bewegung. Voran die großen Kinder mit den kleineren an der Hand, zuletzt die Mütter mit den kleinsten im Wagen. So geht's in größeren Trupps dem Walde zu. In den stillen Straßen der Stadt stehen die Plappermäulchen noch ziemlich still, aber draußen wird es lebendig in den Reihen. Mit Gesang und frohem Lachen marschieren die Kinder in den sonnigen Tag hinein. Der Spaziergang zu so früher Morgenstunde ist herrlich. Die Sonne lacht die Kinder so freundlich an, als wollte sie sagen:„Das ist aber nett von euch, daß ihr so früh aus den Federn gekrochen seid." Nach etwa einstündiger Wanderung ist das Ziel erreicht, einer der vielen Wälder, welche in der Lüneburger Heide liegen. Welch ein Leben herrscht dort trotz aller Frühe! Tausende und aber Tausende von Vöglein begrüßen uns mit ihrem Morgenlied. Flinke Eichhörnchen huschen über den Weg. Alle Tiere sind schon viel früher munter ge worden als selbst unsere Frühaufsteher, und was die Hauptsache ist, es gibt Bickbeeren in Hülle und Fülle. Überall schimmert es dunkel blau zwischen dem Grün der Zweige. Schnell wird ein Lagerplatz gesucht, und dann geht's ans Bickbeerenpflücken. Die ersten wandern natürlich in den Mund. Sie schmecken doch zu gut! Ist der Appetit gestillt, dann wird um die Wette gepflückt. Jedes Kind will das erste sein, das sein Pflücktöpfchen voll hat und in den Korb schüttet. Die Zeit vergeht unter Lachen, Scherzen und Pflücken. Um acht Uhr wird das Frühstück verzehrt. Die meisten gönnen sich aber in ihrem Eifer keine Pause, sondern essen ihr Brot während der Arbeit. In den Morgenstunden geht die Ar beit am schnellsten vonstatten. Da regen sich alle die kleinen Hände emsig, die reiche Ernte einzuheimsen. Steigt die Sonne erst höher, dann läßt die Arbeitsfreudigkeit schon etwas nach. Groß und Klein sehnt sich nach einer wenn auch nur kurzen Pause. Mittags gibt es wieder Brot und kalten Kaffee. Dazu ißt jeder Bickbeeren nach Herzens lust. Niemand hat es zu Hause je so gut ge schmeckt, wie hier im grünen Walde. Nach dem Essen wird gespielt; ein paar Faulpelze machen auch ein kleines Schläfchen. Größere Jungen zeigen ihre Kunst im Klettern und erklimmen die höchsten Spitzen der Bäume. Ohne große Löcher in den Hosen geht es dabei nicht ab, doch die Mütter machen heute gute Miene zum bösen Spiele. Wer möchte in dem herrlichen Sonnenschein und bei dem Fleiße der Kinder schellen? Nach dem Mittag zieht die Schar weiter auf der Suche nach einem neuen Lagerplatz. Denn am alten haben die fleißigen Hände schon alle Sträucher geplündert. Entdeckt man im Walde eine Lichtung, zu der die Sonne ungehindert Zutritt hat, dann ist die Freude groß, denn dort stehen die schönsten und größten Beeren. Jetzt fangen alle mit erneutem Eifer an emsig zu pflücken. Doch die Ausdauer ist nicht mehr sehr groß. Bald legen einige Kinder wieder träge die Hände in den Schoß.„Sie mögen nicht mehr." Die Mütter feuern sie zunächst noch etwas an, allein sie merken bald, daß es für heute nichts mehr nützt. Auch ihnen selber fällt allmählich die Arbeit schwer. Deshalb wird Schluß gemacht. Die Kinder dürfen noch einige Zeit spielen. Dann sammelt sich die Schar zum Heimweg. Die Körbe mit den Beeren werden vorsichtig in den Händen getragen, weil sie in den Kiepen zu sehr ge schüttelt würden. Jetzt sangen die Kinder an zu rechnen.„Woveel Pund hest du?" So geht das Fragen hin und her.„Ich glöw, ich hew tein Pund," sagt ein Junge.„Na, denn hew ick sicher twölf, denn min Korf is noch gröler als dien," sagt ein anderer. Der Weg kommt uns länger vor, als am Morgen. Aber schließlich kommen wir zu dem Stande der Aufkäufer vor der Stadt. Da stehen sie erwartungsvoll, die Händler, welche die Bick beeren kaufe», um sie in den größeren Städten wieder zu verkaufen. War die Beerenernte gut, dann bezahlte der Aufkäufer im Anfang 12 und 10 Pfennig, später nur noch 8 und 6 Pfennig für das Pfund. Größere Kinder, die sehr fleißig waren, können an einem Tage wohl 10 Pfund pflücken; doch im allgemeinen war die Aus beute nicht so groß. Nun rechnet aus, wieviel Geld eine Mutter nach Hause brachte, deren zwei Kinder fleißig waren, und die selber viel leicht 15 bis IS Pfund pflückt! Mit strahlenden Augen nahmen die Kleinen ihr Geld in Emp- Für unsere Kinder fang und sind überglücklich, wenn die Mütter ihren Fleiß loben. " Was fingen denn die Kinder mit ihrem Gelde an?" so werdet ihr fragen. Sie waren froh darüber, daß sie etwas verdienten, daß auch sie zu den Haushaltungskosten beitragen fonnten. Denn, liebe Kinder, ein Arbeiter erwirbt ja meist nicht genügend, um seine Familie ordentlich ernähren zu können. Deshalb freuten sich in meiner Heimat Frauen und Kinder, wenn sie in den Bickbeerenferien etwas Geld ins Haus bringen konnten. Die Kinder, deren Eltern etwas besser gestellt waren, durften einen Teil ihres Erlöses auf die Sparkasse tragen. So sparten sie sich bis zum Schlusse ihrer Schulzeit eine kleine Summe zusammen, die ihnen gute Dienste leistete, wenn sie ausgerüstet werden mußten, um in das Leben hinauszutreten. Tag für Tag zogen so die Frauen und Kinder hinaus in den Wald, bis es keine Bick beeren mehr gab. Oft verlief die Expedition aber nicht so ohne Abenteuer, wie ich es euch geschildert habe. Nicht selten wurden die Beerensucher von einem Gewitter überrascht. Dann suchte sich jeder möglichst zu schützen. Die Hauptforge galt immer den Beeren. Sie sollten möglichst trocken bleiben, da die Händler nasse Beeren nicht gern nahmen. Natürlich weichte der Regen die ganze Gesellschaft bis auf die Haut ein. Doch die unfrei willige gründliche Wäsche ward gern in den Kauf genommen. Waren wir nach Hause getommen, so wurden rasch andere Kleider angezogen. Die Mutter but Pfannkuchen, zu denen es Bickbeeren gab. Die Mahlzeit schmeckte nach Arbeit und Unwetter doppelt gut. Als Lohn ihres Fleißes sahen die Kinder am Schlusse der Ferien ihre im stillen gehegten Wünsche in Erfüllung gehen. Sie bekamen neue Kleider, Schuhe, Schürzen und andere nüßliche Sachen. Zu Spielzeug reichte es taum. Ich glaube, das alles ist auch heute für die Kinder in ülzen und anderen Städtchen der Lüneburger Heide nicht anders geworden. Wer es besser weiß, der mag es seiner Kinderzeitung schreiben, damit ich es erfahre. Wenn ihr nun, liebe Kinder, in den Straßen den euch wohlbekannten Ruf hört:„ Bickbeern, schöne blaue Bickbeern!" oder wenn euch eure Mutter Bickbeeren auf den Tisch bringt, dann denkt an die vielen Kinder, die ihre Ferien dazu benutzen, die Beeren zu sammeln, um einen kleinen Verdienst ins Haus zu bringen. Elise Jensen. Der Regenbogen.* 175 Heute hatte Mutter Sonne einen schweren Tag. Dicke, graue Regenwollen standen am Himmel, schon seit dem frühen Morgen. Auch nicht das kleinste Rißchen, nicht das kleinste Löchlein war dazwischen, durch das man auf die Erde hätte hinuntergucken können. Hinter der grauen Wolfenmauer aber standen alle die Tausend Kleinen Sonnenstrahlen in ihren goldenen Röckchen, und waren verdrießlich, weil sie nicht hinunterkonnten, und langweilten sich und machten der Frau Sonne viel zu schaffen. " ,, Wollt ihr wohl die Wolken in Ruhe lassen," schalt sie ein paar Strahlen, die immerfort die grauen Regenwolken fitzelten und stachen, damit sie weggehen sollten. So freut euch doch, daß die arme, trockene, durstige Erde da unten endlich etwas zu trinken bekommt. Jhr habt es ja selbst gehört gestern, wie die Bäume und Sträucher, die Getreide- und Gemüsefelder klagten, daß sie vertrocknen und verdursten müßten, wenn nicht bald Regen täme. Na, und wenn sie verdursten und vertrocknen, dann haben die Menschen kein Brot, fein Gemüse und keine Früchte mehr. Möchtet ihr das?" ,, Nein," sagten die Sonnenstrahlen, aber es fam ein bißchen leise heraus. " 1 Aber warum müssen wir denn nun gerade immer zu Hause bleiben, wenn es regnet? Warum kann denn nicht mal Regen und Sonnenschein auf der Erde sein?" " ,, Seid doch gescheit!" sagte Mutter Sonne. Wie geht denn das! Ihr würdet ja doch gleich alles wieder auftrocknen, was der Regen naß gemacht hat, und dann würde der Regen ja gar nichts nützen." Das sahen die Sonnenstrahlen nun freilich ein. Aber zufrieden gaben sie sich doch nicht damit. Sie dachten es sich doch zu schön, einmal mit den Regentropfen zusammen auf die Erde hinunter zu können. Sie fannten sich ja überhaupt noch nicht einmal ordentlich, die Regentropfen und die Sonnenstrahlen. Auf der Erde durften sie nicht zusammen sein, und oben am Himmel, da waren die kleinen Regentropfen ja immer in den dicken Wolfen eingeschlossen. * Aus dem liebenswürdigen Büchlein: Sophie Reinheimer,„ Von Sonne, Regen, Schnee und Wind und anderen guten Freunden". Mit Buchschmuck von Adolf Amberg. Buchverlag der Hilfe, Berlin. Es sei hiermit bestens empfohlen. 176 Für unsere Kinder Wahrhaftig viele von den Sonnenstrahlen wußten überhaupt gar nicht, wie die Regentropfen aussahen. " Haben sie auch so schöne, goldene Kleider an wie wir?" fragten sie. " I bewahre- sie haben überhaupt keine Kleider an, weder goldene noch grüne noch rote. Sie haben überhaupt keine Farbe es sind eben nur Wassertropfen." Die Sonnenstrahlen, die das sagten, hatten einmal kurz, nachdem es geregnet hatte, auf die Erde geschienen, und da hatten sie noch ein paar Tropfen von den Bäumen fallen sehen. Keine Farbe? Wie langweilig!" meinten die anderen. Wassertropfen dann sehen sie wohl so ähnlich aus wie Tautropfen?" " " Ja jawie Tautropfen, ganz richtig." " Oh, oh!" rief da ein schöner, goldener Sonnenstrahl„ Tautropfen, die kenn' ich! Aber die sind nicht immer ohne Farbe. Gestern morgen, als ich auf die Wiese schien, da hing fast an jedem Grashalm ein solches Tautröpfchen. Die blinkten so hell, und das gefiel mir so gut, und da ging ich zu jedem einzelnen hin und betrachtete es mir. Und denkt euch - als mein goldenes Strahlenkleid die Tröpf chen berührte, da schillerten sie auf einmal in den schönsten Farben. Rot, orange, gelb- grünblau- lila es war ganz herrlich, sag' ich euch." Da waren die Sonnenstrahlen alle sehr erstaunt. Und einer von ihnen, ein ganz besonders Kluger, der rief:„ Ei, wie wär's, wenn wir das alle täten? Was du kannst, können wir auch. Und wenn die Tautröpflein, die doch auch nur Wassertropfen sind, durch die Berührung mit uns so schöne Farben bekommen, dann werden es die Regentropfen wohl auch. Kommt, fommt wir wollen zu ihnen hingehen und ihnen schöne Kleider bringen." Ja, ja und mit ihnen spielen." ,, Und ihre Bekanntschaft machen." Und Ja! Ja!" und" Kommt! Kommt!" so rief und winkte und nickte es plöglich von allen Seiten; und es gab ein Huschen und Herbeischleichen, ein Gefribbel und Gekrabbel unter all den Sonnenstrahlen, daß es den dicken Regenwollen wirklich ungemütlich wurde. „ Nicht zum Aushalten ist es heute wieder mit der Gesellschaft," brummte die eine, und ärgerlich rückte sie ein wenig zur Seite. Kaum aber hatten die Sonnenstrahlen das gesehen, da ging es schon„ husch, husch" zur Himmelstür hinaus. Da hatte Mutter Sonne gut rufen! Als die Regentropfen draußen aus dem grauen Himmel plötzlich all die hellen, goldenen Strahlen herauskommen sahen, da waren sie zuerst mächtig erstaunt. Ja sie waren so erstaunt, daß sie beinahe zu regnen vergaßen. Aber die flinken, kleinen Sonnenstrahlen ließen ihnen nicht erst lange Zeit zum Staunen und Fragen. " Guten Tag wir wollten gern eure Bekanntschaft machen," sagten sie. „ Ja und mit euch spielen." " Was tönnt ihr denn? Könnt ihr: Wir bauen eine Brücke?" ,, Nein, das können wir nicht," sagten die Regentropfen ,,, aber ihr könnt es uns ja lehren." " Ja, ja- ihr braucht uns nur an unseren Röckchen hinten anzufassen, das andere machen wir schon. Aber flink eh' Mutter Sonne uns heimholt!" Da faßte fir jeder der Regentropfen gehorsam ein goldenes Röckchen an Und da gerade als sie anfaßten- was war das? Rot, orange, gelb- grün- blau und lila leuchtete es auf einmal überall auf! In den herrlichsten Farben schillerten auf einmal alle die Regentropfen. Gerade wie der fleine, fiuge, goldene Sonnenstrahl es vorausgesagt. Das war eine Freude! Und das war eine Brücke, die Sonnenstrahlen und Regentropfen da im Spiele bauten! Ein Brückenbogen- so schön, so buntschillernd, wie noch kein Baumeister auf der Erde jemals einen gebaut hatte. Und die Leute unten auf der Erde, die den ganzen Tag nur den grauen Regenhimmel hatten ansehen müssen, und nun auf einmal den wundervollen Farbenbogen da oben stehen sahen, die freuten sich auch mächtig! „ Ein Regenbogen!" riefen fie tommt schnell ans Fenster, Kinder- ein Regenbogen. Aber schnell, schnell- sonst vergeht er wieder." Sophie Reinheimer. 000 × Tanzliedchen. Tanz, Kindlein, tanz! Deine Schühlein sind noch ganz. Laß sie dir nicht gereue, Der Schuster macht dir neue. Tanz, Kindlein, tanz! Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe. Bost Degerloch bet Stuttgart. Druck und Verlag von Baul Singer in Stuttgart.