Für unsere Kinder Nr. 23 oooooo Beilage zur Gleichheit ooooooo 1910 - Inhaltsverzeichnis: Bekenntnis. Von Ludwig soll aus den Keimen werden, die in der Erde schlummern und warten, daß ich sie wecke? van Beethoven. Mutter Sonnе. Von ed.. Hunger. Von Hammersdorff.( Gedicht.) Ein Was werden die Halme auf dem Felde sagen, Ferientag mit der Dresdener Kinderschutzkom- wenn ich ihre Ahren nicht mehr goldig färbe? mission. Von Hans Löwe und Martha Krause. Seht ihr bösen Wolken denn nicht, wie Blätter -Von den Schildbürgern. Fasanenmutter. und Blüten mir sehnsüchtig entgegenblicken? Bon Ernest Seton Thomson. Tie lugen Bäume. Von E. H. Strasburger.( Gedicht.) Bekenntnis. Ich bin nicht schlimm heißes Blut ist meine Bosheit mein Verbrechen Jugend schlimm bin ich nicht schlimm wahrlich nicht wenn auch oft wilde Wallungen - mein Herz verklagen- mein Herz ist gut. Wohltun, wo man kann- freiheit über alles lieben, Wahrheit nie- auch sogar am Throne nicht verleugnen! 000 Ludwig van Beethoven. Mutter Sonne. Die breitäftige Linde, der mächtige Eichbaum, die hohe Buche, die silberstämmige Birke, die Weide am Bache, die Apfel- und Birnbäume mit ihrer reisenden Frucht: sie alle rufen nach mir. Auch die fleinen, luftig schwirrenden Käfer, die Schmetterlinge, die summenden Bienen, die Vöglein und..." " " Halt ein," unterbrach die große Wolke sie mit dumpfem Rollen. Sie brauchen dich alle nicht mehr. Wärest du, Eitle, nicht so in deine eigene Schönheit verliebt, du hättest schon längst bemerkt, wie traurig die Bäume ihr Laub herabhängen lassen, wie müde Gräser und Blüten sind, und wie alles nach erfrischendem Regen dürstet. Haben dir deine tief ein bringenden Strahlen nicht verraten, wie schlimm es um die Reime in der vertrockneten Erde bestellt ist? Sie müssen sterben, wenn nicht bald der erlösende Regen sie aus ihrer Verzauberung weckt. Auch die Vögel, Bienen, Schmetterlinge und tausend andere Tiere müssen elendiglich zugrunde gehen, wenn die Dürre noch länger anhält, die dein Wert ist." " Es war ein heißer Sommertag, als Mutter Sonne mit einer großen dunklen Wolfe kämpfte, die sich immer hartnäckiger zwischen sie und die Erde drängte. Immer wieder zerrissen die Kinder der Sonne, die leuchtenden Strahlen, das aufsteigende Gewölt, und sicherlich würde die Sonne als Siegerin aus dem Kampfe" Dürre, mein Werk," sagte die Sonne erhervorgegangen sein, wenn auf den Ruf der staunt und gekränkt. Jawohl, Dürre," wiedergroßen Gewitterwolfe nicht zahlreiche kleine holte die Wolke finster. Die Sonne schien über Möllchen herbeigeeilt wären. Sie ballten sich etwas nachzudenken. Deshalb also verdunkelst zu großen dunklen Massen zusammen und du mich?" fragte sie nach einer Weile in halb schmiegten sich immer dichter an die große spöttischem Tone.„ Ja, deshalb! Das hätte Wolfe. Von ferne ließ sich ein drohendes dir übrigens jedes Schulkind sagen können, du Rollen hören, das immer näher zu kommen Neunmalweise," spottete ihrerseits die Wolfe. schien. Aber die Sonne gab den Kampf so Hm, das freut mich aber, daß jedes Schul leicht nicht auf. Immer wieder blickte fie find schon so gescheit ist. Aber du selbst, Verlächelnd zwischen den Wolfen hervor, und ehrteste, scheinst doch etwas nicht zu wissen, wenn diese meinten, gewonnenes Spiel zu was auch schon allen Schulkindern bekannt au haben, so brach aus irgend einer schmalen ist," lächelte die Sonne. Und das wäre?" Rige siegreich ein glänzender Strahl von Licht fragte die Wolfe gespannt.„ Ei, daß ich nicht hervor. Da tam der Wind, der treulose Gesell, bloß scheine, Wald und Wiesen färbe, nicht herangesauft und fegte alle Wolfen am Himmel bloß Licht und Glanz verbreite, sondern auch zusammen, obwohl er noch vor gar nicht langer Wärme. Daher wärest du selbst ohne mich Zeit der Sonne geholfen hatte, das Gewölf zu nicht da. Meine Wärme lockt dich als Dunst zerstreuen. Triumphierend zogen die Wolfen aus den Gewässern der Erde zum Himmel nun über die Sonne hin. D, laßt mich empor. Dhne mich könntest du nicht als erscheinen!" rief diese verzweifelt aus. Was quickender Regen herabfallen. Mich braucht 178 Für unsere Kinder die Erde immer, dich nur von Zeit zu Zeit. Arm und öde ist es, wohin mein Schein nicht dringt, grau und finster, wo du dich lagerst. Nutzen spendest auch du, aber— keine Schön heil. Mein Glanz ist ein Quell des Entzückens für alles, was lebt und gedeiht. Er erfreut das winzige Mücklein, das lustig sich tummelnde Fischlein im Bache, vor allem aber das Herz der Menschen. Mein Anblick weckt in ihnen herrliche Gedanken und begeistert sie zu edlen Taten. Weil ich Schönheit spende, besingen sie mich in unsterblichen Liedern," schloß die Sonne mit ihrem stolzesten Lächeln.„Tie Menschen?' rollte es ihr höhnisch aus den Wolken ent gegen.„Da sieht man doch gleich, daß du fern von ihnen thronst. Wenn du auch eben sehr hochfahrend von mir gesprochen hast, so wäre ich doch die letzte, die Macht deiner Schönheit zu schmähen. Aber was zuviel ist, ist zuviel. In deiner eitlen Selbstverblendung siehst du nicht, daß die Menschen deine Schönheit am wenigsten brauchen. Weiß der Bauer von ihr, wenn du ihm beim Ackern, Pflügen, Säen oder Mähen die Stirne heiß glühst, daß die hellen Tropfen herabfallen? Er liebt dich, solange er dich braucht, für dein Geflimmer hat er ebensowenig Zeit wie die Schnitterin, der du Nacken und Arme braun küssest. Sie verwünscht nur deine Glut." „Aber die vielen anderen?" fragte die Sonne etwas kleinlaut geworden.„Die anderen?" grollte die Wolke ingrimmig.„Willst du mich vielleicht an jene Millionen Menschen, Männer und Frauen, erinnern, die tagaus tagein in geschlossenen Räumen, an Maschinen und Werk stühlen oder an Hochöfen schassen? Sie denken an allerhand Sorgen, an ihre Kinder, die sie ohne Obhut und Pflege daheim gelassen haben, an dich aber zuallerletzt." „So lieben sie mich also gar nicht?" fragte die Sonne schmerzlich. ,O doch," entgegnete die Wolke düster.„Wenn sie abends mit müden Gliedern heimkehren und nur noch den Saum deines roten Abendgewandes erblicken, dann freuen sich die Toren und bilden sich ein, du habest es— ha— ha— ha— ihnen zu Ehren an gelegt...."„Das tat ich auch," sagte die etwas bleich gewordene Sonne mit einem schwachen Lächeln. Tie Wolke schwieg. Sie schien in Nach sinnen verloren.„Es gibt wohl Menschen," nahm sie nach einer Weile das Gespräch wieder auf, „die, wie man sagt, sich nach dir halb zu Tode sehnen. Das sind jene, die noch vor Sonnen aufgang an die Arbeit gehen und tief unter der Erde beim Schein eines ärmlichen Lämp- chens ihren Hammer in Erz oder Kohle schlagen. Das sind die Bergleute, zu denen auch nicht der schmälste Streifen deines Lichtes dringt." Das Gesicht der Sonne umwölkte sich immer mehr.„Aber es gibt doch Menschen," ver suchte sie einzuwenden...„Die nichts tun und darum Zeit genug hätten, sich für dich zu be geistern, das weiß ich wohl," wurde sie von der Wolke unterbrochen.„Das sind die Nichts tuer und Müßiggänger, die jenen Millionen die Zeit stehlen. Reich und faul tun manche von ihnen den ganzen Tag nichts als auf dem Rücken liegen und Rauchwolken zum Himmel blasen. Aus dir machen sie sich nichts. Eine kleine weiße Wolke hat mir erzählt, wie sie sich hinler herabgelassenen Vorhängen und geschlossenen Fensterläden vor dir flüchten, gerade, wenn du meinst, am schönsten zu glänzen." Nun machte die Sonne noch einen letzten Versuch, die Wolke zu überzeugen:„Die Dich ter," begann sie mit einem flüchtigen Lächeln. „Pah," meinte diese wegwerfend,„auf dies kleme Häuslein Schwärmer brauchst du dir wahrhastig nichts einzubilden." Nun sagte die Sonne nichts mehr. Schmerz und Zorn er griff sie bei dem Gedanken, daß die Wolke recht hatte. Dann aber war der Stolz auf ihre Schönheit eigentlich doch unberechtigt. Nur für die Menschen hatte sie ja die Erde so bunt gefärbt und mit leuchtendem Glänze Übergossen. Für diese Undankbaren hatte sie sich geschmückt und ihnen hatte sie zugelächelt. Keine Zeit hatten sie, sich an all dem zu freuen, so hatte die Wolke gesagt. Keine Zeit! Ja warum schafften die Menschen denn so viel? Warum quälten sie sich ab, wenn sie dabei arm und freudlos blieben, ohne Sonne und ohne Schönheit? Und weshalb gaben die Vielen es zu, daß ein kleiner Teil von ihnen nichts tat? Ach, die Menschen waren Toren, und es verlohnte sich nicht, daß sie selbst um ihretwillen weiter mit den andrängenden Wolken kämpfte. Mochte es donnern und blitzen, die Sonne leistete keinen Widerstand mehr. Sie wollte sich der Erde nicht mehr zeigen, sagte sie verärgert und voll Trotz. Aber Mutter Sannes Zorn dauerte nicht lange, er verwandelte sich in einen tiefen Schmerz, und als die ersten großen Tropfen auf die Erde fielen, meint« sie, das müßten Tränen sein. Voll Trauer verbarg sie sich hinter die Wolken. So verging ein Tag nach dem andern. Die Sonne ging auf, ging wieder unter, aber nur ein blasser, durch die Wolken Für unsere Kinder gedämpfter Schein erwärmte und erhellte die Erde, auf der es grau und traurig aussah, auch wenn es nicht regnete. 179 an einen besonders leuchtenden Strahl,„ was sagen denn die Menschen dazu, daß ich nicht mehr so scheine wie sonst?"" Ach," erwiderte der Angeredete, die meisten scheinen nicht viel davon gemerkt zu haben. Manchmal hebt der eine oder der andere den Kopf, blickt in die Höhe, als suche er etwas, senkt aber traurig wieder den Blick., Sie scheint doch nicht für unsereins,' hörte ich sie dann wohl seufzend flüstern."" Die Narren," zürnte die Sonne. Dabei habe ich doch nichts anderes im Sinne, als für sie zu leuchten...." " H " " Ja, es gibt aber auch Menschen, die nach dir rufen," nahm der Strahl wieder das Wort. Sie gucken sich nicht bloß die Augen nach dir Wie aus, nein, fie fämpfen sogar um dich." tun sie denn das?" fragte die Sonne.„ Ei, indem sie die Arbeit ruhen lassen und den Müßiggängern, für die sie schaffen, erklären, daß sie für ihr Mühen Zeit haben wollen, sich an der Sonne zu freuen."" Siehst du, Mutter," riefen die Strahlen triumphierend,„ nun mußt du auch wieder scheinen."„ Nein," sagte die Sonne, solange es nur wenige sind, die nach mir verlangen, so lange scheine ich noch nicht. Erst wenn sich sehr viele Menschen wie die Wolken hier vor mir zusammenballen und um sollen sie mich mich fämpfen, erst dann haben...." Das dauerte eine Zeit, bis die Sonne von einer großen Sehnsucht nach ihrer geliebten Erde erfaßt wurde. Sie schickte einige Strahlen herab, die ihr Kunde von dort bringen sollten. Es währte gar nicht lange, da kam ein Strahl ganz atemlos wieder zurück.„ Mutter," sagte er, du mußt wieder scheinen. Die Blumen verlangen es. Besonders die Rosen wollten mich gar nicht loslassen. Bleib, flehten sie mich an, nicht unsertwillen, wir sind zerzaust und halb verblüht, aber unsere jungen Schwestern, die Knospen sterben, noch ehe sie geblüht haben, wenn du fortgehst. Nur mit Mühe habe ich mich von ihnen losgerissen." Die Sonne schwieg, obwohl sie sich innerlich über die Liebe der Blumen freute. Da tam auch schon ein zweiter Strahl, ihm folgte ein dritter, ein vierter und viele andere. Die Vöglein halten es nicht mehr länger aus," sagte einer von ihnen. Die Jungen wagen sich nicht aus ihrem warmen Nest hervor, und die Alten klagen, daß es an Sonnenschein fehlt. Die armen Bienen und die unglücklichen Schmetterlinge," so flang es im Chor von den Strahlen. Mir tun am meisten die Menschen leid," sagte ein junger Strahl weich. Die Sonne horchte auf.„ Ich suche sie gern Betrübt schwiegen die Strahlen. Der Himmel auf und spiele am liebsten in ihrem Haus." blieb grau und die Erde trauerte. Von Zeit „ Der Träumer," lachten die anderen Strahlen, zu Zeit schickte die Sonne die Strahlen als doch Mutter Sonne winkte ihnen abwehrend. ihre Kundschafter auf die Erde. Aber sie Sie brannte darauf zu erfahren, wie es bei brachten immer dieselbe Kunde: alles Leben den Menschen aussehe.„ Erzähle," sagte sie auf der Erde träumte von ihrer Güte und daher zum Strahl.„ Ach, da ist nicht viel zu Schönheit, alles rief nach ihr, nur nicht die erzählen," nahm dieser das Wort.„ Ich blickte schaffenden, arbeitenden Menschen. Das Gein ein Zimmer, in dem ein einsames, blaffes sicht der Sonne wollte sich nicht wieder aufKind spielte. Da hättet ihr die Freude sehen hellen. Schließlich schickte sie die Strahlen sollen, mit der es mich begrüßte. Ich malte nicht mehr zur Erde herab, ja sie verbot es ihm die drolligsten Kringelchen an die Wand. ignen sogar aufs strengste bei Strafe, sich Da lachte es entzückt und flatschte so vergnügt durch die Wolken zu drängen. Aber die Sehnin die Hände, daß es mir schwer wurde, den sucht der Strahlen nach der armen Erde, die Ort zu verlassen."" Was sagten denn die so verweint und traurig aussah, war gar zu Eltern des Kindes?" fragte die Sonne ge- groß. Manchmal schlichen sie sich heimlich spannt.„ Ach, die waren gar nicht zu Hause," davon und lugten verstohlen durch die Wolken. fuhr der Strahl fort. Der Vater arbeitet im Als eines Tages wieder einige von ihnen sich Schachte, die Mutter in der Fabrik." So," zur Erde gesenkt hatten, tehrten sie bald voll sagte die Sonne gedehnt und versant in Nach- Aufregung zurück und vergaßen über das Gedenken. Nach einer Weile konnte sie sich aber sehene das Verbot der Mutter und die ihrer nicht enthalten, weiter zu fragen. Wer von harrende Strafe. Mutter, Mutter," riefen euch hat noch die Menschen aufgesucht?"" Ich, sie ganz atemlos, die Menschen rufen nach ich, ich!" Ilang es ihr von allen Seiten ent- dir... viele... viele! Sie kämpfen um dich...." gegen.„ Na, dann mag einer von euch er- Das alte Leuchten überflog Mutter Sonnes zählen. Du Hitzkopf," wandte sich die Mutter| Angesicht.„ Erzählt!" rief sie ungeduldig. Und " " 180 Für unsere Kinder " die Strahlen erzählten: Alle Arbeit ruht. Die| daß ihre Band, so zitternd und schwach, Maschinen stehen still. Aus Fabriken und Werkstätten strömen feiernde Wienschen. Aus den Schächten steigen dunkle Gestalten empor ans Licht. Sie drängen sich alle zusammen, so daß von ihren Schritten die Erde erdröhnt. Sie rufen nach dir. Sie wollen nicht länger mehr ohne dich leben, hörten wir sie sagen. Mehr Zeit, mehr Zeit, flingt ihr Schrei über den Erdball. Die Zahl der Rufenden wächst mit jedem Augenblick...." Schaut, schaut, die Erde ist schwarz von ihnen," lachten einige Strahlen, die belustigt und voll Neugier herabblickten. Die anderen sahen Mutter Sonne erwartungsvoll an. Die strahlte in nie gesehenem Glanze. Rommt, Kinder," rief ste aus,„ nun wird es Zeit, daß wir uns den ihr und den Brüdern nicht Brot mehr brach Aber vielleicht, über kurzem, dann tommt auch zu uns der Wundermann! Ja, er kommt mit lächelndem Mund: Mutter, ich sage dir, werde gesund!" Und:„ Bald hätte ich euch ja vergessen: ihr Kindlein, habt ihr nichts zu essen? Sind doch einzig für euch, meine Lieben, damals zwölf Körbe voll übrig geblieben..." Knoop! Katharine!" Ganz scharf und laut tönt es. Sast du geschlafen? Da schaut! Antwort! Ich fragte!"- Sie steht erschrocken, verwirrt:„ Die zwölf zwölf Körbe voll Brocken...." 000 Menschen zeigen." Und mit einem gewaltigen Ein Ferientag mit der Dresdener Rucke durchbrach sie das dunkle Gewölt, das sie den Blicken der Menschen verbarg. Ein jubelnder Schrei drang zu ihr empor: ihre Lieblinge grüßten das Ziel ihrer Sehnsucht, grüßten ihre Güte und Schönheit. Die Sonne strahlte. 000 Hunger. Bon Hammersdorff. ed. Die Knoopsche- so sagen die Kinder zu ihr die Kleine hat den Platz an der Tür, nahe dem Ofen, der schmaßend und laut seine schwarzen Frühstücksbrocken kaut. Wie das knackt und prasselt und strahlt, mit gelben Fingern den Boden malt! Ordentlich rot wird ihr Hand und Arm, der Fuß im feuchten Pantoffel warm. Gemütlich ist es, gar nicht zu sagen, nur manchmal meldet sich... der Magen. Ach was! Sie horcht. Der Lehrer erzählt von fünftausend Menschen, hungergequält, wie fünftausend Hungernde unter den Satten Schafe, die teinen Sirten hatten in die Wüste zum Wundermann gegangen, der sie mit freundlichem Wort empfangen, und wie sein Mund den Segen gesprochen, wie seine Hand das Brot gebrochen und den tausendfältigen Sunger gestillt. Wunder! Da sieht sie ein anderes Bild, daheim in kalter Stube den Tisch, ohne Brote und ohne Fisch, in einer Ecke den leeren Schrank, in der andern ein Bett- die Mutter frank.... Lange schon, daß die aus stechender Brust Tage, Nächte husten gemußt, Kinderschutzkommission.* I. Am 11. August veranstaltete die Kinderschutzfommission einen Ausflug nach dem Bilzbad, woran meine Mutter, meine Geschwister und ich teilnahmen. Vormittags 9 Uhr versammelten wir uns auf dem Albertplay. Es fanden sich 155 Kinder ein. Wir gingen die Hauptstraße entlang bis zum Neustädter Markt, von hier fuhren wir mit drei elektrischen Wagen ab. Am Weißen Roß stiegen wir aus. Hier mußten wir längere Zeit warten, denn die Cottaer B..1.r Wagen waren noch nicht da. Uns dauerte das viel zu lange, denn wir konnten nicht erwarten, daß wir in das Bilzbad kamen. Endlich sagte Frau Lewinsohn:„ Guckt, dort unten tommen fie!" Da wollten wir nicht länger warten und fuhren nun froh per Beine" bis direkt an das Bilzbad. Die verdienstvolle Kinderschutzfommiffion der Dresdener Genoifinnen hat uns diese beiden Schulauffätze zur Veröffentlichung gefchict. Sie find von Kindern geschrieben worden, die im vorigen Jahr an ihren Ferienausflügen teilgenommen haben. Wir drucken fie ab- natürlich im wesentlichen ganz unverändert, weil sie nicht nur findliches Geistesleben charakteristisch beleuchten, sondern auch flar erkennen lassen, welchen tiefen, anregenden Eindruck solch ein Ferienereignis auf proletarische Kinder ausübt. Dieser Eindruck ist der beste Dant für das hingebungsvolle Wirken der Kinderschutzfommission. Wir hoffen, daß die kindlichen Erinne rungsblätter die Genossinnen vielerorts anregen werden, ihre Aufmerksamkeit der Organisierung von Ausflügen, Spielen usw. in den Ferien und an den schulfreien Nachmittagen zuzuwenden und die Gemeinden vorwärts zu treiben, entsprechende Einrichtungen zu schaffen. Für unsere Kinder Natürlich wollte ich der erste sein, der hinein ging, doch ich wurde festgehalten, weil wir nämlich erst gezählt werden sollten. Das wäre doch gar nicht nötig gewesen! Na, endlich war ich drinnen. Ah- das sah aber ganz anders aus, als wie ich es mir vorgestellt hatte. Wir dursten uns nicht groß umsehen, sondern wurden in unsere Bellen geführt. Schnell waren wir ausgezogen und kamen wieder heraus. Nun sah ich mir alles genau an: da waren Schweberinge, ein Karussell, zwei Schaukeln, Recs, ein Rundlauf und auch Kletterstangen. An denen war ich zuerst oben. Ich besah mir das Bad von oben. Meine Mutter und meine Geschwister fonnte ich nicht erblicken, aber dafür entdeckte ich etwas anderes: ich erblickte nämlich einen großen Teich. Schnell war ich jetzt wieder unten und rannte spornstreichs durch die große Sandgrube, bis ich am Rande des Wassers stand. Aber das genügte mir nicht, ich wollte in den Teich. Ich stieg die Treppe herunter, als mir jedoch das Wasser bis an den Kopf reichte, da ging ich auf die andere Seite. Hier sagte ein Junge zu mir: ,, Du kannst was erleben, wir sollen nicht ins Wasser gehen." Rasch machte ich mich aus dem Staube und legte mich in die Sonne, um wieder trocken zu werden. Nicht lange und ich konnte mich wieder sehen lassen. Es wurden Spiele und Kreise gemacht; ich war meist an den Turngeräten. Dabei kam ich auch einmal unter die Schaukel und wurde ein bißchen aufgeschunden, aber deshalb ging es doch mit dem Spielen weiter. 181 wieder anziehen und dann auf die Wiese!" Hier wurde von Herrn Bilz selbst ein Wettrennen veranstaltet. Je drei Knaben oder Mädchen mußten zu gleicher Zeit antreten. Wer zuerst am Ziele war, bekam eine Pfirsiche, die andern zwei bekamen drei Reineclanden. Ich bekam natürlich die letzteren, meine sechsjährige Schwester aber kam zuletzt an, und bekam doch eine Pfirsiche, weil sie tüchtig rennen konnte. Die kommt ja überhaupt immer am besten weg. Nun war Schluß. Wir marschierten bis an die elektrische Bahn. Unterwegs betamen wir jedes noch zwei Biskuits. In der Bahn haben wir uns Geschichten erzählt und Rätsel aufgegeben. Vom Neustädter Markt aus marschierten wir mit Frau Lewinsohn, Frau Her man und den anderen nach Hause. Mein Vater meinte:„ Na, ihr seid mir ja schöne Bummelanten." Es war nämlich schon 3/49 Uhr, als wir heimkamen. Ich aber dachte bei mir: So etwas erlebt man nicht alle Tage" und ging zu Bett. Hans Lowe, Bezirksschüler, 11 Jahre. II. Viel hab' ich in meinen Ferien nicht erlebt, da meine Eltern stets auf Arbeit gehen. Aber ein Tag wird mir doch lange im Gedächtnis bleiben. Meine Eltern hatten mir es möglich gemacht, in Begleitung der Kinderschutzkommission das Licht- und Luftbad von Bilz zu besuchen. Als ich das hörte, war ich hocherfreut, denn dorthin hatte ich mich schon Um 3 Uhr durften wir ins Bad. Da ich lange gesehnt. Wir fuhren mittels dreier Extranoch nicht richtig schwimmen fonnte, sollte wagen bis nach dem Weißen Roß. Hier stiegen ich in das flache Wasser. Das ging mir kaum wir aus und liefen dem Bade zu. Dort an bis an die Knie und ich dachte:" Das ist gelangt, gingen wir hinein. O welche Freude, aber dumm!" Da rief meine große Schwester: als wir sahen, daß es viel anders und schöner „ Hans, komm doch herüber, du ertrinkst nicht." war, als wir es uns gedacht hatten. Wir Ich ging in das tiefere Wasser, dort war es gingen in die Garderobe und zogen uns um. ein bißchen besser. Ich sah jetzt, daß Frau E3 fonnte gar nicht schnell genug gehen. Lewinsohn, Frau Herman und meine Mutter Endlich waren wir fertig und nun sprangen auch im Bade waren und habe sie tüchtig wir in den Badeanzügen hinaus unter die vollgespritzt, daß sie ausrissen. In der Mitte lustige Menge. Natürlich ging es gleich an des Teiches lag eine Insel, auf die mußte Geräte, wie Kinder eben sind. Hatte man sich ich hinauf. Hier standen Bäume, und man müde geturnt, so lief man ins Wasser. Dort konnte sich auf den Rasen legen. Ich war fonnte man viele wasserscheue Kinder sehen. aber nicht hergekommen, um zu schlafen. Ge- Ich bin nicht so furchtsam und ging gleich rade wollte ich wieder ins Wasser, als ich sah, wie meine Schwester die Eisbärenrutsche hinabsauste und einen Eimer Wasser ins Gesicht bekam. Von Herzen habe ich da gelacht. Doch die Zeit verging zu schnell, und es hieß:„ Alle Kinder der Kinderschutzkommission in das Wasser. Auf einmal bekam ich einen großen Schluck davon in den Mund. Da hättet ihr sehen sollen, wie schnell ich aus dem Bade war! Ich legte mich nun in die Sonne und schlief ein. Als ich aufwachte, war es bereits 23 Uhr. O, ich Schlafmütze! Ich 182 Für unsere Kinder begab mich gleich wieder in das Wasser und| hinablaufen ließen. Sind wir doch große wollte darinnen bleiben, aber meine Freundin Narren," riefen sie, daß wir uns abermals trieb mich hinaus. Wir turnten und spielten so viele Mühe gegeben haben!" Und nun den ganzen Nachmittag, bis es Abend ward. trugen sie auch den Mühlstein mit größter Als es hieß:„ Antreten, wir gehen nach Hause!" Anstrengung den Berg wieder hinauf. Als sie da zogen wir Gesichter wie drei Tage Regen- ihn aber eben abstoßen wollten, fiel es einem wetter. Aber es half alles nichts, wir mußten Schildbürger ein zu fragen: Wie wollen wir fort. Wenn wir im Bad hätten schlafen können, aber wissen, wo er hinläuft?"" Ei," sagte der so wäre das großartig gewesen. Als wir nach Schultheiß, der den Rat gegeben hatte,„ da Hause kamen, wurde es unseren Eltern angst ist leicht zu helfen. Es muß sich einer von und bange, weil wir gar nicht aufhörten mit uns in das Loch stecken und mit hinablaufen." erzählen. Die ganze Nacht habe ich vom Bilz- Das war gut, und alsobald ward einer ausschen Licht und Luftbad geträumt. gewählt, der den Kopf in das Loch stecken und " Martha Krause, Bezirksschülerin, 12 Jahre. mit dem Stein hinunterrollen mußte. Nun 000 Von den Schildbürgern. Der verschwundene Mühlstein. In dem großmächtigen Kaiserreich Utopien, hinter Ralefutta, liegt ein Dorf oder Bauernstädtchen, Schilda genannt. Seine Bewohner, die Schildbürger, waren wegen ihrer seltenen Weisheit in der ganzen Welt bekannt. So kam es oft, daß aus fern gelegenen Ländern Kaiser und Könige Botschafter an die Schildbürger abfertigten, um sich in zweifelhaften Fällen Rats zu erholen. Schließlich hatte jeder Fürst und Herr einen Schildbürger an seinem Hofe, um sich täglich seiner Weisheit bedienen zu können. In turzem war fast tein Schildbürger mehr in der Heimat. Daher geriet in Schilda alles in Unordnung, und die Frauen mußten ihre Männer heimrufen. Als die Schildbürger bei ihrer Heimtehr die Verwirrung sahen, in die die Stadt durch ihre Abwesenheit geraten war, berieten sie über Mittel und Wege, wie sie sich die ausländischen Herren vom Leibe halten könnten. Und da sie wegen ihrer hohen Weisheit immer von Hause abgefordert worden waren, so beschlossen sie, rechte Narren zu werden, um fünftighin Ruhe zu haben. Allmählich wurde den Schildbürgern durch die Gewohnheit die Narrheit zur zweiten Natur. Sie konnten nichts mehr tun, was nicht närrisch gewesen. Die Schildbürger hatten eine Mühle gebaut, zu der hatten sie auf einem hohen Berge in einem Steinbruch einen Mühlstein ausgehauen. Er war von ihnen mit großer Mühe und Arbeit den Berg herabgebracht worden. Als sie ihn drunten hatten, fiel ihnen ein, wie sie vor Zeiten die Bauhölzer für ihr Rathaus mit so geringer Mühe den Berg hinuntergebracht hatten, indem sie dieselben von selbst war unten am Berge ein Fischweiher. In den fiel der Stein samt dem Schildbürger, und beide sanken zu Grunde, so daß die Schildbürger Mann und Stein verloren und nicht wußten, wo beide hingekommen waren. Da tam ihnen der Gedanke, der Gesell, der mit und in dem Mühlstein gelaufen war, wäre mit ihm davon gegangen. Sie ließen daher in allen umliegenden Städten, Dörfern und Flecken offene Briefe anschlagen:„ Wenn einer tommt mit einem Mühlstein am Halse, den soll man festnehmen und ihn als einen Gemeindedieb bestrafen." Der arme Narr aber lag tief im Weiher und hatte zuviel Wasser getrunken, so daß er sich nicht verteidigen und rechtfertigen konnte. 000 Fasanenmutter.* Bon Ernest Seton Thomson. Durch eine bewaldete Schlucht zwischen zwei Hügeln führte Mutter Fasan ihre Familie hinab zum kristallilaren Bache, den der Volksmund, ich weiß nicht warum, Schlammbach getauft hatte. Die Kleinen waren einen Tag alt, aber bereits flink auf den Füßen und wurden zum erstenmal zum Trinken geführt. Langsam zog die Mutter vorwärts, gleichsam am Boden friechend, denn der Feinde waren viele in den Wäldern. Ein sanftes Glucksen lockte die kleinen erdfarbenen Knäuel, die auf ihren winzigen, rosigen Beinchen hinterher gewackelt kamen und ängstlich zu piepsen begannen, wenn sie nur wenige Zoll zurückblieben, und die so zart und klein aussahen, * Aus dem wiederholt empfohlenen schönen Buche des Verfassers:" Bingo und andere Tiergeschichten". Mit vielen Jllustrationen. Stuttgart, Berlag Kosmos. Für unsere Kinder 183 daß selbst die Graspferde neben ihnen riesen groß erschienen. Im ganzen waren es zwölf. und die Mutter hütete sie alle. Argwöhnisch beobachtete sie jeden Busch, jeden Baum und jedes Dickicht, den ganzen Wald und selbst den Himmel und schien nur nach Feinden zu suchen, denn nach den wenigen Freunden lohnte es sich nicht, Ausschau zu halten. Und richtig entdeckte sie einen Feind! Drüben über der Wiese erschien ein großer Fuchs; er kam ihren Pfad entlang, und sicherlich würde er sie in wenigen Augenblicken mit seiner feinen Nase wittern. Da gab es keine Zeit zu ver lieren!»Krr! Krr."(Versteckt euch! Versteckt euch!) rief die Mutter leise, aber in bestimmtem Tone, und die armen Dinger, kaum größer als Eicheln und nur einen Tag alt, zerstreuten sich, um sich zu verbergen. Das eine verschwand unter einem Blatt, ein anderes zwischen zwei Wur zeln, ein drittes kroch unter ein Stück abge fallene Birkenrinde, ein viertes in ein Erd loch usw., bis alle geborgen waren. Nur eins konnte keinen Schlupfwinkel finden, es legte sich flach auf ein breites, gelbes Blatt, machte die Augen fest zu und glaubte nun sicher, von niemandem gesehen zu werden. Die Kleinen stellten ihr furchtsames Piepsen ein, und alles war still. Mutter Fasan flog dem gefürchteten Räuber gerade entgegen, ließ sich dann ein paar Schritte seitwärts von ihm nieder, begann mit den Flügeln zu schlagen, als ob sie lahm, ganz flügellahm wäre, und jammerte wie ein von der Mutter verlassenes Kind. Bat sie um Gnade— Gnade von einem blutdürstigen, grausamen Fuchs? O nein! so töricht war sie nicht! Oft hört man von der Arglist des Fuchses, er ist jedoch ein richtiger Gimpel gegen eine kluge Fasanenmutter. Hoch erfreut bei der Aussicht auf einen leckeren Braten gerade vor seiner Nase drehte sich der Fuchs plötzlich um und erwischte— doch nein, ganz erwischte er den armen Vogel nicht, er ent schlüpfte seinen gierigen Zähnen um Fußes länge. Mit einem Satze war er hinterdrein und würde ihn diesmal sicherlich gefangen haben, wenn nicht gerade eine tückische Schling pflanze dazwischen geraten wäre. Die Fasanen mutter hinkte davon, kroch unter einen Baum stamm und Reineke sprang darüber, während seine sichere Beute, die jetzt etwas weniger lahm zu sein schien, einen ungeschickten Sprung vorwärts machte und emen Abhang hinunter rollt«. Der FuchS, immer hinterdrein, packte sie beinahe beim Schwänze, aber sonderbar genug, so schnell er auch lief und sprang, sie schien doch noch schneller zu sein. So etwas war dem alten Slraßenräuber noch nie be gegnet. Ein flügellahmer Fasan, und er, Rei neke, der Schnellfüßige, konnte ihn in einem Rennen von fünf Minuten nicht einholen. Es war eine Schande! Der Fuchs verdoppelte seine Anstrengungen, jedoch der Fasan schien in demselben Maße an Kraft zuzunehmen, und nach einem Wettlauf von einer Viertelmeile war der Vogel auf unerklärliche Weise wieder ganz gesund, er erhob sich mit einem beinahe verächtlich klingenden Schwirren und flog durch die Wälder davon, den Verfolger vollkommen sprachlos hinter sich zurücklassend, mit der niederdrückenden Erkenntnis, daß man ihn zum Narren gehabt. Mittlerweile schwebte die Fasanenmutter in einem weiten Bogen nach der Stelle zurück, wo die Kleinen im Unterholz versteckt waren. Mit dem feinen Orlsinn des wilden Vogels ließ sie sich cksif demselben Fleck nieder, von dem sie aufgeflogen, und stand einen Augen blick still, um voll Mutterstolz die vollständige Ruhe ihrer Kinder zu bewundern. Selbst bei ihrem Nahen rührte sich keins, auch der kleine Bursche auf dem gelben Blatt, der schließlich gar nicht so schlecht verborgen war, regte sich nicht, sondern schloß die Augen nur ein klein wenig fester, bis die Mutter rief: ,Kr— iet!"(Kommt, Kinder!) und wie in einem Märchen schlüpfte aus jedem Loch ein Fasanenbabp heraus. Der winzige Geselle auf dem Blatte, der dickste von allen, öffnete seine großen Augen und flüchtete mit einem zarten .Piep, piep' unter den Schutz der mütterlichen Flügel. Ein Feind hätte es drei Schritte weit nicht vernehmen können, der Mutter feines Ohr jedoch hätte es in einer dreimal größeren Entfernung gehört. Die Mittagsonne brannte heiß.— Durch eine Lichtung führte der Weg gerade zum Wasser hinab, und nachdem die Mutter ängst lich nach Feinden ausgespäht, sammelte sie die Kleinen unter dem Schatten ihres aus gebreiteten Fächerschwanzes, um sie vor der Gefahr des Sonnenstiches zu beschirmen, und wandelte langsam den Pfad hinab, bis sie den Schutz eines wilden Rosenstrauches am Flusse erreichten. Ein Hase sprang aus dem Busche hervor und jagte ihnen einen gewaltigen Schrecken ein. Doch er trug ja die weiße Friedensfahne und war ein aller Freund, und die Mutter 184 Für unsere Kinder belehrte die Kleinen, daß der Hase immer| ihrem ausgesprochenen Nachahmungstrieb unter der Flagge des Friedens segelt und ein lagen sie auf der Seite wie ihre Mutter, harmloser, friedliebender Nachbar ist. Dann fam der Trant vom reinsten fließenden Wasser, obgleich es einfältige Menschen den Schlammbach nannten. Zuerst wußten die kleinen Kerle nicht, wie sie es anstellen sollten, doch sie ahmten einfach ihrer Mutter nach, und bald hatten sie gelernt zu trinken wie sie. In einer Reihe standen fie am Ufer entlang, zwölf goldbraune, flaumige Knäulchen auf vierundzwanzig rosenroten Beinchen und einwärts gestellten Watschelfüßchen, mit zwölf süßen, goldenen Köpfchen, die sie ernsthaft niederbeugten, um zu trinken, und erhoben, um zu danken, gerade wie die Mutter. Dann führte sie die Kleinen nach kurzem Aufenthalt auf eine entfernte Wiese, wo sich ein mit Gras bewachsener Erdhügel erhob, den sie vor einigen Tagen entdeckt hatte. Eine ganze Anzahl solcher Erdhügel sind nötig, um eine Fafanenbrut großzuziehen, und ihre Er bauer sind die Ameisen. Die Alte sprang auf die Spitze des Haufens, sah sich vorsichtig einen Augenblick um und scharrte dann einigemal träftig mit ihren Krallen. Der lockere Ameifenhügel war aufgebrochen und die kunstvoll erbauten Galerien rollten als Ruinen herab. Sofort begannen die Ameisen zu schwärmen und planlos durcheinander zu rennen, einige liefen mit großer Kraftanstrengung und wenig Zweck immersort um den Hügel herum, wäh rend andere, und dies waren die Bernünfti geren, ihre fetten weißen Eier fortschleppten. Der alte Fasan pickte eines von diesen saftig aussehenden Beutelchen auf, gluckste und ließ es fallen, picte es wieder auf, gludste und verschluckte es dann. Die Jungen standen herum und sahen verwundert zu. Ein kleiner gelber Kerl, derselbe, der auf dem Blatt geseffen, pickte ein Ameisenei auf, ließ es mehrere Male fallen, dann einer plötzlichen Eingebung folgend schluckte er und fonnte fressen. Nach zwanzig Minuten verstand es selbst das Kleinste, nach den föstlichen Eiern zu haschen. Die Mutter öffnete noch mehr Ameisengänge, und die Hühnchen fraßen, bis jedes seinen fleinen Kropf so vollgestopft hatte, daß es tatsächlich mißgestaltet war. Dann wanderten sie langsam und bedächtig stromaufwärts nach einer mit Dornbüschen bewachsenen Sandbank, lagen dort den ganzen Nachmittag und ließen sich den feinen fühlen Sand durch die heißen Behen riesela. Mit scharrten mit ihren kleinen Füßen und schlugen mit den Flügeln, obwohl sie eigentlich noch gar feine besaßen, sondern nur versteckt unter dem weichen Flaum saßen kleine Anhängsel, um zu zeigen, wo die Flügel einst wachsen sollten. Am Abend führte die Alte ihre Kinder nach einem nahen, trockenen Dickicht. Dort, zwischen raschelnden, abgestorbenen Blättern, die das lautlose Heranschleichen eines Feindes zu Fuße verhinderten, und unter den dichten, stachligen Zweigen eines wilden Rosenbusches, der alle fliegenden Feinde abhielt, bettete sie die Kleinen unter dem Federdach ihrer Kinderstube und erfreute sich, das Herz erfüllt mit treuer Mutterliebe, an den fleinen zusammengetauerten Dingerchen, die im Schlafe piepsten und sich vertrauensvoll an ihren warmen Körper schmiegten. 000 Die flugen Bäume. Bon E. H. Strasburger. Es hängen unsre Birnen stets Hoch oben in den Aesten; Der Birnenbaum ist nie ein Freund Von unsern kleinen Gästen. Der Birnenbaum, der Apfelbaum, Sie wollen Ruhe haben, Ist alles reif, so geben sie Von selbst die schönsten Gaben. Doch bliebe nicht ein jeder Zweig In seiner Höhe hängen, Die Kleinsten fämen bald herzu, Ein Ringen wär's und Drängen. Sie rissen Frucht mit Zweig heraus, Der Baum fönnt' nichts mehr tragen, Und mit dem Baum verdürb' man sich Bu gleicher Zeit den Magen. Drum wachst nach oben immerzu, Hoch sei der Birne Plätzchen; Dann wird es sicher schwer gemacht Geübten Kletterkätzchen. Berantwortlich für die Redattton: Frau Klara Betfin( 8undel), Wilhelmshöhe, Poft Degerloch bet Stuttgart. Druck und Verlag von Baul Singer in Stuttgart.