Für unsere Kinder Nr. 24 ooooooo Beilage zur Gleichheit ooooooo 1910 Inhaltsverzeichnis: Die Fichte. Griechisches| Ende, er selbst sei die Quelle aller dieser KlarGedicht. Vom Fichtenbaum, dem Teiche und den Wolfen. Von Gottfried Keller. Wie das Renntier ein Haustier geworden. Von Roland. Ein Bildchen. Von Carl Spitteler.( Gedicht.) Fasanenmutter. Von E. S. Thomson.( Forts.) Von den Schildbürgern: Der Salzacker. Guter Rat. Von Emma Döltz.( Gedicht.) Die Fichte. Auf langgestrecktem Bergesjoch Als Fichte ragt' ich himmelhoch, Bis samt der Wurzel mich die Kraft Des Regensüds der Erd' entrafft'. Und dann ward ich ein Schiff geschwind zu neuem Kampf mit Sturm und Wind. So ist die Menschheit allezeit, Daß sie vor keinem Wagstück scheut. Griechisches Gedicht. 000 Vom Fichtenbaum, dem Teiche und den Wolken. Die herrliche Abendsonne beschien mit ihren goldenen Strahlen einen großen Fichtenbaum, welcher an einer felsigen Berghalde stand. Sein stachlichtes Laub prangte im schönsten Grün, und seine Äste waren wie mit Feuer übergossen und glänzten weithin durch die Gegend. Er freute sich dieses Glanzes und meinte, all diese Herrlichkeit gehe von ihm selbst aus und sei sein eigenes Verdienst, so daß er sehr eitel ward und prahlend ausrief:" Seht her ihr anderen Gewächse und Geschöpfe um mich her, wo erscheint eines in solcher Bracht, wie ich edle Fichte?"... Gewiß, ihr seid sehr zu bedauern, daß euch der Schöpfer nicht schöner geschmückt hat." Die Sonne hörte diese eitle Rede und wurde darüber unwillig, so daß sie ihre Strahlen von dem Baume weg auf einen dunklen Teich wandte, der unten am Berge in tiefer Ruhe lag. Der Fichtenbaum sah nun so öd und traurig aus wie vorher; der Teich aber bewegte sich freudig in kleinen goldenen Wellen und widerstrahlte das Bild der Sonne in tausend Feuerpunkten. Allein auch er wurde stolz darauf und glaubte am heit und verspottete die anderen Gewässer, welche im Schatten lagen. Da wurde die Sonne abermals unwillig, zog Wolfen zusammen, in denen sie sich verhüllte, und der Teich lag nun wieder in seinem düsteren melancholischen Grau wie zuvor und schämte sich. Die Wolken hingegen begannen jetzt zu glühen und scheinen wie Purpur und verbreiteten sich wohlgefällig am abendlichen Himmel, als die Erde schon im Schatten lag. Da wurden auch sie übermütig und riefen:„ Erglänzen wir nicht viel schöner denn die Sonne?" Und zum drittenmal wurde die Sonne unwillig, und indem sie hinter den Horizont hinabstieg, entzog sie ihre Strahlen den undankbaren Luftgebilden, und Wolken, See und Bäume verschwammen nun in der grauen Dämmerung, bis endlich die Nacht alle diese eitlen Geschöpfe der Vergessenheit übergab. Gottfried Keller. 000 Wie das Renntier ein Haustier geworden. Vor langer Zeit war's im hohen Norden. über die weite, knirschende Schneefläche schritt ein Mann. Er war vom Kopfe bis zu den Füßen in dicke Felle eingehüllt. Nur das Ge sicht und die Hände guckten heraus. über der Schulter trug er einen Bogen, und im Gurt an der Hüfte steckten einige knöcherne Pfeile. Ein scharfer Wind blies über die Fläche. Nur wenige verkrüppelte Birken ragten vereinsamt empor und zitterten und fröstelten. zwischen dem harten Schnee wucherten dürres Moos und graue Flechten, deren Lebenskraft nicht einmal der eisige Grimm des nordischen Winters vernichten konnte. Hier und da wuchs niedriges, zwerghaftes Gestrüpp. In dem Schnee waren überall die Spuren von Tieren zu erkennen, und aus der Ferne scholl das heisere Geheul des Wolfes. Plöglich hemmte der Mann seine Schritte, und im Nu kauerte er hinter dem Gestrüpp am Boden. Sein Blick schweifte nach dem Walde hinüber, der sich weiß und schweigend vor ihm erhob. Zwischen den Stämmen lösten sich jetzt einzelne Gestalten heraus. Langsam tamen sie über die Schneefläche heran. Renn 186 Für unsere Kinder tiere ivaren es. stattliche Tiere mit breitem Rücken und starken Beinen. Stuf dem Kopse trugen sie ein mächtiges, verästeltes Geweih. Vorsichtig schritten sie mit ihren platten Hufen vorwärts. Sie scharrten Flechten aus dem Schnee und zupften sie ab. Den übrigen voraus schritt ein besonders stattliches Tier, das alle Augenblick den Kopf hob und witterte. Der Jäger hatte unterdes den Bogen von der Schulter genommen und den Pfeil auf die Sehne gelegt. Seine Augen blitzten vor Jagdfreude. Das mußte einen leckern Braten geben! Langsam hob er den Bogen, zog die Sehne an und ließ sie schwirren. Der Pfeil sauste. Ein Tier sank getroffen in die Knie, schrie laut auf und fiel dann zur Seite. Kaum waren die übrigen den Fall ihres Kameraden gewahr geworden, als sie erschrocken, mit auf geblähten Nüstern, kehrt machten und schnell wie der Blitz im Walde verschwunden waren. Hastig sprang der Mann auf und eilte zu seinem Opfer. Es war ein großes, prächtiges Tier. Dumpf röchelte es noch einmal, und dann war es tot. Dunkles Blut sickerte aus der Wunde und rötete den Schnee. Tief im Körper stak der Pfeil. Der Mann versuchte das Tier zu heben; doch es war ihm zu schwer. Allein konnte er die Beute nicht bergen. Einen Augenblick dachte er nach, dann ließ er das Renntier liegen, merkte sich den Ort und eilte fort. Er eilte dorthin, wo zwischen zerzausten, unter der Last der Schneemassen niederge drückten Tannen dünner Rauch emporstieg. Schon von weitem erkannten ihn seine Kinder, ein Knabe und ein Mädchen. Auch sie waren tief in Felle eingemummelt. Freudestrahlend kamen sie ihm entgegengesprungen; auf halbem Wege aber stockte der Junge, und ganz ent täuscht kam's über seine Lippen:„Vater, hast du heute gar nichts gejagt?" „O ja, mein Junge." „Aber ich sehe ja nichts." „Warte nur eine Weile. Wo ist denn die Mutter?"„Im Haufe." Sie zwängte» sich zwischen den Bäumen hin durch, bis sie auf eine Lichtung kamen. Hier stand die Hütte. Drei Birkenstämme hatte man in den Boden gebohrt und ihre Spitzen zu sammengebunden. Darüber waren die Felle erlegter Tiere ausgebreitet. Oben quoll der Rauch heraus. Gewiß bereitete die Frau auf dem aus Steinen aufgeschichteten Herde das Mahl. Ter Man» trat hinzu, schlug eins der Felle zurück und rief in das Innere des Zeltes hinein. Von drinnen kam die Antwort, und gleich darauf trat die Frau aus dem Dunkel heraus. Ihr Gesicht war rot und schweißig. Es hatte genug Mühe gekostet, das Feuer, das nur noch glimmte, wieder zu entfachen. Der Vater berichtete sein Abenteuer. Des Jungen Augen leuchteten. Hei, wenn er nur erst mit zur Jagd könnte! Dann rief er: „Wollen wir es nicht holen?" „Gewiß, und ihr alle sollt helfen." Schnell schlüpfte der Junge ins Zelt, holte seinen kleineu Bogen, den sein Vater ihm aus Knochen geschnitzt, nebst Pfeilen heraus, und dann brachen sie auf. Endlich waren sie zur Stelle. Die Kinder liefen voraus und hatten das Tier in seiner Blutlache bald entdeckt. Sie faßten das Geweih, zupften an dem weiß lich-braunen Fell, und dann ward die Beute mit vereinten Kräften heimgeschleppt. Nun gab es Renntierbraten. Das Fleisch schmeckte vortrefflich, besser als das zähe Fleisch des Wolfes und des Luchses, die bisher die Jagdbeute des Vaters gewesen. Mit scharfem Schnitte seines steinernen Messers löste der Vater das Fell. Es war groß und weich. Daraus sollte die Mutter einen Pelz für ihn machen, da sein Gewand vom Umherstreifen zwischen Dornen und Steinen schon Risse auf wies. Aus den Knochen fertigten die Kinder durch Reiben mit spitzen Steinen Geräte für die Mutter, Messer und Nadeln. Die Sehnen drehten sie zu Stricken zusammen. Nun herrschte für einige Tage Freude in der Hütte. Der Vater brauchte nicht zur Jagd. Es war ja Fleisch im Überfluß da. Was nicht gleich gegessen wurde, vergrub die Mutter im Schnee, damit es kalt blieb und nicht schlecht ward. Erst nach einer Woche wollte der Vater wieder jagen. Zum erstenmal sollte auch sein Junge mit. Der sollte nun auch lernen, wie man den Fährten des Wildes nachspürte, wie man es belauerte und zur Strecke brachte. Der Vater sagte:„Wir wollen doch noch ein mal an den Ort gehen, wo ich neulich die Renntiere gesehen; vielleicht sind sie wieder da." Sie schlichen sich dorthin. Zuweilen ging's am Abgrund entlang, der sich schroff hinunter senkte; zwischen hartem Gestrüpp ging's hin durch, über spitzes Steingeröll. Sie legten sich, durch Gesträuch gedeckt, auf die Lauer. So lagen sie lange Zeit, bis es sich endlich vor ihnen regte und ein Trupp Renntiere aus Für unsere Kinder 187 dem Walde hervortrat. Vorsichtig äugten sie umher und schnupperten; aber da der Wind von ihnen zu den Menschen wehte, merkten sie nichts von deren Nähe. Vielleicht hatte sie der Tod ihres Kameraden vorsichtiger ge macht; aber der nagende Hunger war stärker als die Angst. Gierig fraßen sie von den Flechten, die sie sich mit den Hufen aus Eis und Schnee hervorkratzen mußten. Der Junge klatschte in die Hände, als er die Herde erblickte; der Vater hieß ihn aber mäuschenstill sein. Ganz still lag er dann da und schaute scharf hin. Da hatte er etwas entdeckt:„Sieh mal, Vater, das kleine Tier da, das kleine Nenntier, das Junge! O, das möchte ich haben, mit ihm möchte ich spielen!" Auch der Vater hatte das Tierlein gesehen, aber auch, daß ein älteres Tier, die Mutter des kleinen, neben ihm herging, die es säugen mußte. Flüsternd bat sein Sohn:„O Vater, schieß nicht das Tierlein tot!" Der Vater hatte schon den Pfeil auf die Sehne gelegt. Er zielte lange. Endlich flog der Pfeil. Ein Tier fiel zu Boden. In tollem Durcheinander stoben die übrigen davon; nur eins blieb zurück, das kleine. Seine Mutter war es, die im Blute lag. Ängstlich hüpfte es um sie herum, deren Milch es eben noch getrunken, und wimmerte und heulte kläglich. Da sprangen die beiden Menschen herbei. In schnellen Sprüngen jagte das arme Tier davon, als es sie erblickte, kam aber gleich wieder zurück, als könnte es sich nicht von der Mutter trennen. Der Knabe nahm es auf den Arm und liebkoste es. Da ward es ruhiger. Es war noch so klein: ein Geweih war ihm noch nicht gewachsen, sein Fell war kraus und weich. Auf seinem Arme trug der Knabe es zur Hütte. Seine Schwester wartete bereits. Als sie ihren Bruder mit der Last daherkommen sah, lief sie ihm entgegen und fragte neugierig: „Was hast du da?" „Etwas ganz Schönes, guck, ein kleines Renntier. Du, das wollen wir schön pflegen und hüten, damit es groß wird; wir wollen mit ihm spielen." „O, wunderschön," und das Mädchen schmeichelte seinen Kopf an das Fell des Tieres. Dann kam der Vater; er zog das erlegte Tier hinter sich her. Große Freude war bei den beiden Kindern eingekehrt. Sie hatten einen lebendigen Spiel- genofsen. Zuerst war das Tier noch scheu; es dachte wohl noch an seine Mutter, die ihm geraubt worden war. Aber allmählich lebte es sich ein. Glücklicherweise war es schon alt genug, um ohne die Milch der Mutter leben zu können. Die Kinder suchten ihm Moos und Flechten, die es aus ihren Händen fraß. Des Nachts mußte es im Zelte neben ihnen schlafen. Es wurde größer und größer. Ein zierliches Geweih brach ihm aus dem Kopfe hervor. Bald konnte es sich seine Nahrung allein suchen; es kratzte mit den Vorderhusen die dürren Pflanzen aus dem Boden hervor. Daß es nicht davonlief, dafür sorgten seine Beschützer. Der Knabe errichtete in weitem Umkreis einen Zaun, über den es nicht hin weg konnte. Der Sommer kam ins Land. Der Schnee schwand, und der Boden überzog sich mit grünem Grase und Moos; Sümpfe und Mo räste bildeten sich. Die Renntiere kamen nicht wieder. Sie hatten sich in die kühleren Ge biete des Hochgebirges zurückgezogen, wo sie vor allem vor den Mückenschwärmen sicher waren. Doch nur ein paar Wochen dauerte der Sommer. Dann kam der Winter wieder. Hart mußten die Menschen, die auf der un wirtlichen Steppe zerstreut in Horden und Familien hausten, mit dem Hunger ringen. Noch hatte der Mann kein Renntier wieder aufgespürt. Stundenlang konnten er und sein Sohn in der Wildnis umherstreifen, ohne eine Jagdbeute zu erlangen. Gar häufig schon meinte man, daß man den Wohnplatz verlassen und an einen anderen Ort ziehen müßte, wo mehr Wild vorhanden war. Manchmal auch hatte man daran gedacht, das junge Renntier zu schlachten; aber den Bitten der Kinder war es gelungen, es zu verhindern. Das Tier war inzwischen gewachsen. Sein schaufelförmiges Geweih war kräftig geworden und zeigte eine reiche Verzweigung. Zum erstenmal endlich stieß der Vater eines Tages wieder auf eine Herde Renntiere. In freudiger Hast schoß er; aber der Pfeil hatte das Tier nur ein wenig am Bein geritzt. Es hinkte davon; der Vater lief ihm eilends nach und warf ihm ein Seil über den Kopf. Da war es gefangen. Es wurde nach Hause geschleppt. Da der Vater bald darauf wiederum Beute machte, ließ man das Tier vorläufig leben. Seine Wunde heilte rasch. Anfangs war es noch wild und un gebärdig; es mußte an den Füßen gefesselt werden. Als man es jedoch mit seinem Kame raden zusammenbrachte, wurde es allmählich anfter. Das neue Tier war ein Weibchen. Jahre vergingen. Aus dem Knaben war ein Jüngling geworden, der ebenso wie sein 188 Für unsere Kinder Vater Pfeil und Bogen handhaben konnte, aus dem Mädchen eine stattliche Jungfrau. Die beiden Renntiere hatten sich aneinander gewöhnt; sie hatten ein paar Junge bekommen, und eine kleine Herde tummelte sich unter der Obhut der Menschen. Ab und zu ward eins geschlachtet und Fleisch und Fell und Knochen im Haushalt verwendet. Der junge Sohn war der Hüter der Herde. Bald merkte er, daß für seine Tiere das Futter knapp wurde. Sie waren zwar sehr genügsam, hatten aber doch all mählich die Umgebung vollständig abgegrast. Jeden Tag mußte der Sohn von weither das Futter herbeischaffen. Das war äußerst be schwerlich. Auch mochten die Tiere lieber selbst ihr Futter suchen und es zwischen Steinen und Geröll herausscharren. Darum sprach eines Tags der Sohn zu seinem Vater, als sie beide vor ihrer Hütte saßen: „Vater, mir ist etwas eingefallen. Wie wäre eS, wenn wir von hier sortzögen an einen anderen Ort, wo mehr Futter für unsere Tiere zu finden ist?" „Ach," meinte der Vater,„hier in diesen Gegenden habe ich nun schon so lange gelebt; noch fand ich stets jagdbare Tiere, daß wir nicht zu hungern brauchten. Ja, als ich jung war, zog auch ich von Ort zu Ort der Beute nach; nun aber bin ich alt. Warum soll ich weit fortziehen? Wenn du aber allein oder mit der Herde fortziehen willst, so soll es mir recht sein." „Ja, das will ich tun," antwortete der Sohn. Am nächsten Tage machte er sich auf, um Weideland zu suchen. Mit Pseil und Bogen schritt er durch den Wald, über die weiten Flächen, an Abgründen entlang. Spähend schweifte sein Blick. Endlich fand er, weit entfernt von seines Vaters Hütte, eine große Fläche, die mit Flechten und Moos dicht be wachsen war. „Hier will ich mein Zelt aufschlagen; hier finden meine Tiere reichlich Nahrung." „Aber leicht muß meine Bewohnung sein, daß ich sie mitnehmen kann, wenn ich mal weiterziehen muß." Und wie er sich's dachte, so tat er's. Bald erhob sich dort ein Zelt, ganz leicht und schnell ausgerichtet. Ein paar dünne Pfähle waren in die Erde gesteckt, einige Felle hinübergelegt, und das Haus war fertig. Dorthin führte er seine Tiere, sieben an der Zahl. Die beiden alten ließ er seinen Eltern. In Frieden und Eintracht hauste er mit seiner Herde zusammen. Es waren zahme Tiere. Nur dunkel fühlten sie zuweilen, daß ihre Vorfahren frei und froh in Wald und Kluft und auf dem Eise der Gletscher herumgetobt hatten. Dann waren sie wie wild, und harter Zucht bedurfte es, sie zu halten, daß sie nicht die Hürden durch brachen und davonstoben. Seine Tiere waren des Mannes Freude, sein Stolz und sein alles. Die Herde wuchs langsam, da neue, junge Tiere geboren wurden. Von Zeit zu Zeit schlachtete er ei» Tier, um das Fleisch zu essen und um sich aus dem Fell ein Gewand oder ein weiches Nachtlager herzustellen. Die fette Milch trank er oder bereitete aus ihr schmackhaften Käse. Er hatte Arbeit in Hülle und Fülle; denn die Tiere verlangten Wartung und Pflege. Er mußte sie schützen gegen die Angriffe der Wölfe, die mit fletschenden Zähnen in der Nähe der Hürde lungerten, er mußte die kranken und verwundeten heilen, hatte für richtiges Futter zu sorgen, aufzupassen, daß sich keins verirrte, die Tiere zu melken, sie zu schlachten, sich Kleider anzufertigen mit Nadeln und Messern, die er aus dem Geweih schnitzte, mit dem Zwirn, den er aus den Gedärmen drehte. Hunderterlei gab es für ihn zu tun. Eines Winters kam er auf einen neuen Ge danken. Er wollte die Kraft der Tiere aus nutzen. Er schlug einige Stämme zusammen, machte sie glatt, und der Schlitten war fertig. Dann schnitt er sich aus einigen Fellen ein paar Riemen zurecht und spannte mit ihnen eins der Tiere vor sein Gefährt. Zuerst wollten die Tiere nicht recht daran; sie bäumten sich, stießen mit den Hinterbeinen und wehrten sich gegen die Fessel. Aber ihr Widerstand nützte ihnen nichts; sie mußten doch tun, was der Mensch von ihnen wollte. Bald konnte er mit seinem Schlitten die Berge hinaus- und Hin- unter- und über die weiten Schneeebenen dahin- sausen. Die Tiere nahmen jedes Hindernis; über das Gestrüpp hinüber jagte das Gefährt, und der Mensch mußte alle Mühe anwenden, um nicht herausgeschleudert zu werden. Die Tiere glitten nicht aus, sie sanken auch, da sie breite Hufe hatten, nicht in den Schnee ein. So kam er eines Tags bei seinen Eltern vorgefahren. Die hatten ihre beiden Tiere bereits geschlachtet. Der Vater, der ein Greis geworden war, schaute verwundert auf, als sein Sohn auf seinem Schlitten dahergejagt kam. Er schüttelte sein weißes Haupt. So etwas hatte er nicht für möglich gehalten. Es freute ihn aber doch, daß sein Sohn klüger war als er. Auf seine Frage, wie es ihm ginge, erzählte sein Sohn leuchtenden Auges: Für unsere Kinder " 1 " 1 Wo geht denn hier der Weg?" 189 „ Ich bin ein Wandersmann geworden. Ist| kommen vergnügt und ungezwungen die Weide abgegrast, oder kommt der Sommer, dahergesungen. so breche ich mein Zelt ab, packe die Beltstangen, die Felle und alles, was mein ist, auf meine Schlitten und ziehe mit meinen Tieren fort, hinauf in die Berge oder dort hin, wo es ihnen nicht an Futter mangelt." ,, Gehst du denn gar nicht mehr auf die Jagd?" ,, Nein, ich habe ja stets Fleisch in Fülle; Bogen und Pfeil gebrauche ich nur noch, wenn es gilt, ein feindliches Tier zu verscheuchen." „ Gefällt dir solch Leben denn? Ich mag doch lieber an einem Orte leben, und von der Jagd kann ich nicht lassen." Wir wollen durch den Kindersternenhaufen über den Hügel weg Ach," war die Antwort des Wagemutigen, ,, die Jagd ist viel zu mühsam. Häufig lauerst du stundenlang, ohne ein Wild zu sehen. Die Not und der Hunger treiben dich hinaus in Sturm und Wetter. Da hab' ich's viel schöner und leichter. Nein, ich bleibe, was ich bin und tausche nicht mit dir." Am gleichen Tage noch nahm er wieder von seinen Eltern Abschied. Seine Herde wartete seiner Pflege. Auf seinem Schlitten fuhr er über die schneebedeckte Ebene, und die Renntiere, die vor dem Gefährt waren, flogen nur so dahin. Und seine Herde gedieh und wuchs von Jahr zu Jahr. Bald nach seinem Besuch starben die Eltern kurz nacheinander. Das Mädchen zog zum Bruder, und dieser holte sich ein Jahr darauf von einem benachbarten Stamme eine junge Frau. Sie lebten glücklich und zufrieden beieinander. Zu ihren Füßen spielten blühende Kinder, die einst eine stattliche Herde ihr eigen nennen fonnten. Sie dachten nicht mehr an die Jagd, sondern blieben Viehzüchter und Nomaden. So ist im Laufe langer, langer Jahre aus dem wilden Renntier ein zahmes geworden, ein treuer Genosse des Menschen im hohen Norden. Roland. 000 Ein Bildchen. Den Rain hinauf, mit trotzigem Alarm fuchtelt ein Kinderschwarm. " , Vorwärts! Hurra!" Sut ab! Du schaust kein Spiel. Den Himmel zu erstürmen gilt das ernste Ziel. Er ist so nah! Siehst, wie er aus dem Grase guckt dort oben? Zwei Glockentöne, leicht vom Morgenwind gehoben, die lange Kirschenblütenstraße laufen." Gesagt. Ein Sang, ein Flug: verschwunden in den Kirschen überm Bügelzug. Der Kindersturm aber dort unten hat einen Igel gefunden. In Anbetracht dessen ist der Himmel vergessen. 000 Fasanenmutter. Von Ernest Seton Thomson. II. Carl Spitteler. Am dritten Tage waren die Küchlein schon fester auf den Füßen. Sie brauchten nicht länger ängstlich um eine Eichel herumzulaufen, sie konnten schon über Tannenzapfen flettern, und aus dem weichen Flaum guckten die ersten Ansätze von dicken Schwungfedern hervor. Sie hatten ihr Leben begonnen unter der Pflege einer treusorgenden Mutter, ausgerüstet mit gesunden Beinchen, einem zuverlässigen Naturtrieb und einer Portion Vernunft. Es war Naturtrieb, das heißt ererbte Gewohnheit, die sie hieß, sich aufs Wort ihrer Mutter zu verbergen; es war Naturtrieb, der sie lehrte, ihr zu folgen; aber es war Vernunft, die sie unter dem Schatten ihrer Flügel hielt, wenn die Sonne stechend niederbrannte, und von diesem Tage an leitete die Vernunft mehr und mehr all ihr Tun und Lassen. Am nächsten Tage zeigten die Schwungfedern schon zarte Federspitzen; am folgenden waren die Federn ganz heraus, und eine Woche später konnten die flaumbekleideten Jungen fliegen wie die Alten. Doch nicht alle- das Jüngste war schwächlich gewesen von Anfang an. Es trug seine halbe Gierschale noch stundenlang, nachdem es ausgekrochen war, es war weniger flink und piepste mehr als seine Geschwister. Als eines Abends beim Angriff eines Stunts* die Mutter, twit! twit!"( flieht! flieht!) rief, war es zurückgeblieben, und als sich die Familie auf dem fichtenbewachsenen Hügel wieder sammelte, fehlte es, und nie sahen sie es wieder. * Stinktier, gehört zu den marderähnlichen Raubtieren. 190 Für unsere Kinder Die Ausbildung der Jungen hatte mittler weile bedeutende Fortschritte gemacht, sie wußten, daß die wohlgenährten Grashüpfer in dem langen Grase am Bache in Überfluß hausten, daß die Johannisbeerbüsche in Ge stalt von glatten, grünen Würmern fette Nah rung gaben, auch war ihnen wohlbekannt, daß ein Ameisenhaufen, der sich am Waldsaum gegen den Horizont abhob, stets eine gefüllte Vorratskammer für sie bedeutete, und daß Erdbeeren, obgleich eigentlich keine Insekten, beinahe ebenso köstlich mundeten. Dann wußten sie ganz genau, daß die ungeheuren Danaiden- Schmetterlinge ein guter Braten waren, wenn sie sich nur fangen ließe», und daß ein ab gefallenes, halb verfanltes Stück Baumrinde voll von Leckerbissen aller Art war. Aber auch Vorsicht halten sie gelernt, nämlich, daß man Hornissen, Wespen und Tausendfüßler besser in Frieden läßt. Der Juli war angebrochen— der Beeren mond. Die Küchlein waren im letzten Monat erstaunlich gewachsen und gediehen und waren nun so groß, daß die gute Mutter die ganze Nacht aufrecht stehen mußte, um ihre Kinder mit den Flügeln zuzudecken. Ihr Staubbad nahmen sie täglich wie zuvor, nur waren sie kürzlich nach einem anderen ge zogen, das höher oben auf dem Hügel lag. Es wurde von vielen anderen Vögeln besucht, und zuerst mißfiel der Mutter der Gedanke an ein schon benutztes Bad sehr. Aber der Staub war von solch einer feine» und weichen Sorte, und die Kinder gingen mit solcher Be geisterung voran, daß sie ihr Mißtrauen vergaß. Nach vierzehn Tagen fingen die Kleinen an, sichtlich abzumagern, und die Mutter selbst suhlte sich nicht wohl. Sie waren beständig hungrig, und obgleich sie ungewöhnlich viel fraßen, wurden sie männiglich dünner und dünner. Die Mutter war die letzte, die davon befallen wurde, aber als es kam, wurde sie bös mitgenommen, ein furchtbarer Heißhunger, ein fieberisches Kopfweh und verzehrende Schwäche kam über sie. Und die Ursache konnte sie nicht ergründen, denn sie wußte ja nicht, daß der Staub des vielbenutzten Bades, gegen den der angeborene Naturtrieb ihr von Anfang an Mißtrauen eingeflößt hatte, von Schmarotzerwürmern voll war, die sich im warmen, weichen Fedcrkleid der armen Tiere häuslich niedergelassen hatten. Jede natürliche Regung hat ihren Grund. Der Vogelmnttcr Heilkunde war nur darauf gegründet, ihrem Naturtrieb zu folgen. Das heftige, glühende Verlangen nach einem Etwas, das sie nicht kannte, ließ sie alles versuchen, was nur eßbar aussah, und führte sie in die kühlsten Wälder. Und dort fand sie den tod bringenden Sumach, beladen mit giftigen Früchte». Vor einem Monat würde sie daran vorübergegangen sein, aber jetzt versuchte sie die bitteren Beeren. Der herbe, brennende Saft schien einem sonderbaren Verlangen ihres Körpers zu entsprechen; sie aß und aß, und die ganze Familie gesellte sich zu dem wunder baren Arzneimahl. Kein Arzt hätte es besser treffen können, es erwies sich als ein scharfes, wirksames Abführmittel; der geheime furcht bare Feind war geschlagen, die Gefahr vor über. Doch nicht für alle— die Natur, die alte Pflegerin, war für zwei zu spät gekommen, denn für ihre zarten, durch die Krankheit ge schwächten Körper war das Mittel zu stark gewesen. Sie tranken und tranken am Bach, und als am nächsten Morgen die anderen der Mutter folgten, blieben sie still und unbeweg lich. Doch eins war ihnen noch vergönnt im Tode, sie durften Rache nehmen an einem Skunk, demselben, der Auskunft darüber geben konnte, wo das Jüngste hingelaufen war. Er fand und verschlang sie und starb eines jäm merlichen Todes an dem Gifte, das die kleinen Körper durchdrungen. Nur noch neun kleine Fasanen folgten dem Rufe der Mutter. Ihre persönlichen Eigen schaften hatten sich schon früh gezeigt und entwickelten sich nun schnell. Die Schwäch linge waren nicht mehr, nur ein törichies und ein träges Küchlein war noch da. Das größte, dasselbe, das einst auf dem gelben Blatte ge sessen hatte, anstatt sich zu verkriechen, war der ausgesprochene Liebling der Mutter, es war nicht nur das größte, stärkste und schönste der Brut, sondern vor allein das gehorsamste. Der Mutter warnendes„Rrrrr"(Gefahr) be wahrte die anderen nicht immer vor einem gefahrvollen Pfade oder einem verdächtigen Futter, doch ihm schien Folgsamkeit ganz natürlich, es versäumte nie, auf ihr sanftes „K— riet"(Kommt) zu antworten, und für diesen Gehorsam erntete es später den ver dienten Lohn, denn es lebte länger als die anderen auf dieser Erde. August, der Mausermonat, ging vorüber, die Jungen waren um zwei Drittel gewachsen und wußten gerade genug, um sich erstaunlich weise zu dünken. Als sie klein waren, mußten sie auf dem Boden schlafen, damit ihre Mutter sie zudecken konnte, aber jetzt waren sie zu Für unsere Kinder 19l groß dazu, und die Alte begann, die Lebens weise Erwachsener einzuführen. Zurzeit war es sicherer, in den Bäumen zu nächtigen, denn die jungen Wiesel, Füchse, Skunks und Sumpf- oltern fingen an, im Walde umherzulaufen, und auf der Erde wurde es mit jeder Nacht gefährlicher. Mutter Fasan rief darum bei Sonnenuntergang„K— riet" und schwang sich in einen dichten, niedrigen Baum. Die Kleinen folgten, ausgenommen eins, ein eigensinniges Närrchen, das darauf be stand, wie zuvor auf der Erde zu schlafen. Alles ging gut in dieser Nacht, aber in der nächsten weckte die Geschwister ein klägliches Schreien. Dan» folgte Totenstille, die nur unterbrochen wurde durch das nervenerschüt ternde Knacken von Knochen und das woll- lüstige Schmatzen von Lippen. Sie starrten hinab in das grauenhafte Dunkel unter ihnen, und das grünliche Glänzen von zwei dicht- stehenden Augen, ein eigenartig muffiger Ge ruch verriet ihnen, dast eine Sumpfotter der Mörder ihres törichten Bruders gewesen war. Sechs kleine Fasanen saßen nun des Nachts aufgereiht neben ihrer Mutter, doch oft ließ sich eins der Kleinen, wenn es kalte Füße hatte, auch auf dem Rücken der alten nieder. Ihre Bildung machte gewaltige Fortschritte, und die Mutter begann nun, ihnen ein neues Kunststück beizubringen, das„Schwirren". Wenn ein Fasan will, kann er sich ganz leise auf seinen Schwingen erheben, aber zuzeiten ist das Schwirren so wichtig, daß es alle lernen müssen, wie und wann man sich mit sausen dem Flügelschlag erheben muß. Mancher Er folg wird durch das Schwirren gesichert. Es warnt alle Fasanen vor nahender Gefahr, es macht des Schützen Hand unsicher, oder es zieht die Aufmerksamkeit des Feindes auf den Schwirrer, während sich die übrigen still davon machen oder der Beachtung entziehen, indem sie sich zusainmcnducken. ovo Von den Schildbürgern. Der Salzacker. Die Ratsherren von Schilda waren außer ordentlich eifrig, kamen täglich zusammen und zermarterten sich das Hirn für das Wohl der Stadt. Vornehmlich berieten sie darüber, wie man einen Vorrat von Lebensmitteln auf speichern könnte für den Fall, daß einmal eine Teuerung entstünde. Besonders aber redeten sie vom Salze, dessen Zufuhr ihnen der herr schenden Kriege wegen abgeschnitten war und an dem sie eben darum großen Mangel litten. Sie wollten es gern soweit bringen, daß sie eigenes Salz hätten, da sie es in der Küche so wenig entbehren könnten wie den Dünger auf dem Acker. Zuletzt kamen sie zu folgen dem Ergebnis: Da es doch offenbar sei, daß der Zucker, der ja dem Salze ganz ähnlich sehe, wachse, so könne man schließen, daß das Salz ebenfalls auf dem Felde wachse. Auch habe das Salz so gut Körner wie der Weizen, und man sage ebensowohl ein Salzkorn wie ein Weizenkorn. Darum beschließe der wohl weise Rat, daß man ein großes Stück Gemeinde land umpflügen und darauf in Gottes Namen Salz säen solle. Der Acker ward gepflügt und nach dem Beschluß der wohlweisen Ratsherren mit Salz besät. Alle Schildbürger waren in bester Hoff nung und zweifelten nicht, Gott werde seinen Segen im Überfluß zu der Arbeit geben, weil sie ja in seinem Namen gesät hätten. In diesem Vertrauen stellten sie auch Bannwarte auf und rüsteten sie mit einem langen Vogel rohr aus, mit dem sie die Vögel schießen sollten, wenn diese etwa das ausgesäte Salz wie anderen Samen auffressen oder auslecken wollten. Es währte nicht lange, so sing der Acker an, aufs allerschönste zu grünen und die frechsten Kräuter zu treiben. Die Schildbürger hatten eine unsägliche Freude darüber und meinten, diesmal wäre ihnen die Sache wohlgeraten. Sie gingen alle Tage hinaus, um zu sehen, wie das Salz wüchse. Ja, sie redeten sich ein, sie hörten das Salz wachsen wie jener das Gras. Und je mehr es wuchs, desto mehr wuchs in ihnen die Hoffnung. Und da war keiner unter ihnen, der nicht im Geiste schon einen ganzen Scheffel Salz gegessen hätte. Sie befahlen auch den Bannwarten, daß sie schonungslos jedes Pferd oder Schaf, jede Kuh oder Geiß, die sich etwa auf den Salz acker verirrten, fortjagen sollten. Dessenun geachtet kam das unvernünftige Vieh auf den wohlbebauten und besäten Salzacker und fraß nicht nur die herrliche Aussaat von Salz, sondern auch das, was noch hätte wachsen sollen. Der Hüter, der dies sah, wußte wohl, was ihm besohlen worden war. Aber er ver lor den Kopf, denn er war ein Schildbürger, und anstatt das Vieh hinauszutreiben, lief er in die Stadt und meldete das Unheil dem Schultheißen und dem Rate. Man sah auch bald ein, daß dem Bannwart sein Vogelrohr 192 Für unsere Kinder gegen die vierfüßigen Tiere nichts helfen konnte.| doch nicht gewagt, sich mit Handschuhen zu Sie faßten daher, nachdem sie sich lange die versehen, weil der Sommer gar zu heiß war Röpfe zerbrochen hatten, den weisen Beschluß: und sie fürchteten, man möchte ihrer spotten. Vier Herren des edlen Rates, vor denen sich die Tiere vielleicht mehr als vor gewöhnlichen Leuten scheuen würden, sollten den Bannwart auf eine Tragbare setzen, ihm eine lange Rute in die Hand geben und ihn so auf dem Salzacker herumtragen, bis er das lose Vieh herausgetrieben hätte. Dies geschah. Der Bannwart hielt seinen Umzug, als wäre er der Papst zu Rom, und die vier Ratsherren mußten mit ihren breiten Füßen so fein säuberlich einhergehen, daß durch sie dem kostbaren Acker kein allzugroßer Schaden widerfuhr. Im übrigen wucherte das Salzkraut so üppig, wie eben nur Unkraut wuchern kann. Als nun ein ehrlicher Schildbürger über den herrlich grünenden Acker ging, fonnte er es nicht lassen, ein wenig von dem edlen Salzkraut auszuraufen und zu kosten. Nun bissen ihn zwar die Brennesseln auf die Zunge, daß er hätte schreien mögen, aber eben das machte ihn ausnehmend fröhlich. Er rannte vor Schmerz und Freude ganz närrisch auf und ab und schrie mit heller Stimme:„ Es ist Leckerwerk, Leckerwerk ist es!" Darauf lief er eiligst nach Schilda, um sich einen guten Botenlohn zu verdienen, und stürmte mit der großen Glocke, damit alle Schildbürger zusammenkämen und die gute Mär vernähmen. Als sie versammelt waren, rief er vor Freude zitternd:„ Seid fröhlich und gutes Mutes! Das Kraut ist schon so scharf, daß es mich tüchtig auf der Zunge gebissen hat. Es ist sicher, daß ein recht gutes Salz daraus wird." " Da zogen die Schildbürger alle miteinander auf den Acker hinaus, der Schultheiß an der Spitze. Dieser riß ein Blatt ab, streckte die Zunge heraus und kostete es. Alle taten es ihm nach und fanden es so, wie der Bote ihnen verkündet hatte. Sie waren sehr froh, und jeder sah sich im Geiste schon als einen mächtigen Salzherrn. Als endlich die Zeit der Ernte gekommen war, da kamen sie herbei mit Roß und Wagen und mit Sicheln, das Salz abzuschneiden und heimzufahren. Etliche hatten gar ihre Dreschflegel zurechtgemacht, um es gleich an Ort und Stelle auszudreschen. Als sie aber Hand anlegen und ihr gewachsenes Salz absicheln wollten, da war es so scharf und hitzig, daß es ihnen allen die Hände verbrannte. Obgleich fie schon vorher von dieser großen Kraft des Salzkrautes unterrichtet waren, hatten sie es nun meinten einige, man solle es mit Sensen abmähen wie das Gras, andere, man solle es mit der Armbrust niederschießen wie einen tollen Hund. Das letzte gefiel ihnen am allerbesten. Weil sie aber keinen Schützen unter sich hatten und befürchteten, durch einen fremden möchte ihre Kunst verraten werden, so ließen fie es bleiben. Kurzum, die Schildbürger mußten das edle Salzkraut auf dem Felde stehen lassen, bis sie einen besseren Rat fänden. und hatten sie zuvor wenig Salz gehabt, so besaßen sie jetzt noch weniger, denn was fie nicht verbraucht hatten, das hatten sie ausgefät. Deswegen litten sie großen Mangel an Salz, zumal am Salze der Weisheit, das bei ihnen ganz dünn geworden war. Daher zerbrachen sie sich auch den Kopf darüber und sannen nach, ob etwa der Acker nicht recht bebaut worden sei, und hielten viele Ratsfizungen darüber, wie man es ein andermal besser machen könnte. 000 Guter Rat. Von Emma Dölz. Früh ist Bubi aufgewacht, Heisa, wie die Sonne lacht! Hört nur, draußen am Balkon Banken sich die Spazen schon, Und die Efeuranken wehn, Das muß Bubi wirklich sehn, Klettert aus dem Bett heraus. Und will hurtig gleich hinaus. Knarrr! Da macht die Türe Krach, Und gleich ist die Mutter wach: ,, Na, was soll denn jetzt geschehn? Willst du gleich ins Bettchen gehn! Kannst doch bei dem Windgebraus Nicht etwa im Hemd hinaus." Ganz verdugt der Junge steht: Ob's denn wirklich gar nicht geht? Doch gleich fällt ein Rat ihm ein: „ Gelt, du hältst es, Mütterlein?" Und es zieht der kleine Tropf, Schwupp, das Hemdchen über'n Kopf. Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Betfin( Bundel), Wilhelmshöhe. Post Degerloch bet Stuttgart. Druck und Verlag von Paul Singer in Stuttgart.