Für unsere Kinder Nr.2S o o o°°°° Beilage zur Gleichheit o O o v o o o 1910 Inhaltsverzeichnis: Spruch. Bon Marc Aurel. — Au» dem Reiche der Technik: VIll. Bon der schwarzen Kohle, von Richard Woldt.— Wasser fall. von Friedrich Theodor Bischer.(Gedicht.) — Die Großmutter. Von H. T. Andersen.— Fasanenmutter. III. Bon Ernest S. Thompson. — Wie Gulenspiegel die Schneider belehrte.— Unterm Apfelbaum, von Emma DSltz.(Gedicht.) Zprulv. Wenn du, der gesunden Vernunft folgend. dasjenige, was dir im Augenblicke zu tun oblieg», mit Lifer, Kraft. Wohlwollen de- treibst und. ohne auf eine Nebensache zu sehen, den Genius in dir rein zu erhalten suchst, als ob du ihn sogleich zurückgeben maßtest: wenn du so mit demselben ver- Kunden bleibst und, ohne etwas zu erwarten oder zu fürchten, dir an der jedesmaligen naturgemäßen Tätigkeit und heldenmütigen Wahrheitsliebe in deinen Neden und Äuße rungen genügen lässest. so wirst du ein glück liche» Leben führen, und es wird sich nie mand finden, der dich daran hindern könnte. Marc llurel. ovo Aus dem Reiche der Technik. VIll. Von der schwarzen Kohle. Draußen in einer Straße der Vorstadt wohnt ein alter Mann, ein Gelehrter, ein Forscher im Dienste der Wissenschaft. Seine Lebens aufgabe besteht darin, die Vergangenheit der Erde zu erforschen. Denn die Erde ist sehr alt und hat schon viel erlebt. Der Gelehrte ist mein Freund, und wen» mir der Postbote einen Brief bringt, in dem mich der freundliche Greis zu einer Plauder stunde einladet, dann wandere ich gern hinaus aus der Weltstadt unfrohem Tageslärm nach dem stillen Häuschen draußen in der Vorstadt. Bei dem milden Lichte der Studierlampe lausche ich den Erzählungen des alten Mannes, wie er von seinen Forschungen spricht, von dem wechselvollen Schicksal, da? unsere Erde in den langen Zeiten ihres Daseins erfahren hat. In ewigem Wechsel verändert die Erde die Bedingungen des Lebens, sie gebiert Lebewesen, läßt sie untergehen und wieder neue entstehen. In fernen Zeiten, vor vielen Millionen Jahren, alS noch keine Menschen oder auch nur men schenähnliche Tiere auf der Erde lebten, da war es bei uns so warm, wie es jetzt in den heißen Ländern ist. Unter den Strahlen der Sonne sproßte eine reiche Pflanzenwelt empor. An den Ufern deS Meeres standen riesige Wälder; sie glichen in ihrer üppigen Schön heit den Urwäldern der Jetztzeit in den Tropen. Seltsame Gewächse bildeten den Wald. Farn« und Schachtelhalme, die wir nur als niedrige Pflanzen kennen, wuchsen zu hohen Bäumen empor, eS standen da Siegel- und Schuppen bäume. Lange Zeiten hindurch grünte der Wald, wo alte morsche Banmriesen zusammen stürzten, schössen bald wieder junge Stämme empor. Doch nicht ewigen Bestand sollte der Wald haben. Das Land, auf dem er wuchs, hatte sich langsam, ganz allmählich gesenkt, immer näher rückce das Meer heran, und eines Tags brausten die salzigen Wogen dort, wo Baum wipfel in den Lüften gerauscht hatten. Wäh rend das Meer den Wald bedeckte, ließ eS Sand auf ihn herniedersinken. Im Laufe der Zeiten ward der Wald auf dem Grunde des Meeres ganz mit Schlamm überzogen. Für lange, lange Zeiten mochte das Meer dort wogen, die Sand- und Schlammdecke auf dem Walde wuchs an Dicke und lastete immer schwerer auf den untergegangenen Bäumen. Aber auch das Meer sollte nicht ewig Herr chen; langsam hob sich der Meeresboden, immer seichter wurde das Wasser, immer mehr Inseln tauchten aus den Wogen auf. Eines Tags breitete sich wieder Land aus, wo früher der Wald gestanden hatte; nur Seen und Sümpfe waren als Reste des Meeres zurück geblieben. ES war zur Zeit, wo das geschah, noch heiß in unseren Gegenden, und die glü henden Strahlen der Sonne ließen in dem ettcn Schlammboden wieder eine üppige Zflanzenwelt emporwuchern. Bald rauschte abermals ein Wald dort, wo früher die riesi gen, wunderbaren Bäume gestanden hatten. Der neue Wald war aber von seinem Vor gänger sehr verschieden. Neue Pflanzengat- 194 Für unsere Kinder tmigen waren herangewachsen, alte ver schwunden. Was wurde inzwischen aus dem alten Walde, der tief unten begraben lag? Die Bäume ver moderten und verfaulten; dadurch entstand in dem untergegangenen Wald eine große Wärme. Sie vermochte jedoch das Holz nicht zu ver brennen, denn es fehlte ja an Luft, ohne die das Verbrennen unmöglich ist. Die Schlamm- und Sandschichten preßten die Bäume eng zu sammen. Die Pflanzenstoffe wurden aber durch die Erhitzung zersetzt, und es blieb von ihnen nur der Kohlenstoff übrig: der untergegangene Wald verkohlte. Infolge des Druckes der all mählich zu Stein erhärtenden Sand- und Schlammschichten wurde der verkohlende Wald zu der schwarzen, harten Steinkohle zusammen gepreßt. Allein trotz der Zersetzung ihrer Be standteile behielten die Pflanzen zum Teil ihre Form. Wir finden darum Kohle, die die Form von Baumstämmen, von Zweigen und Blättern haben. Daher wissen wir bestimmt, daß die Steinkohlen aus Bäumen entstanden sind, und wie diese Bäume ausgesehen haben. Wie können wir aber wissen, daß das Meer die Wälder untergehen ließ? Weil wir in den Gesteinschichten, die die Kohle bedecken, Pflanzen und Tiere versteinert finden, die nur im Meere leben konnten. Die Zeit, in der die Wälder standen, die am meisten zur Bildung der Steinkohle beitrugen, nennen wir die Stein kohlenzeit. Das alles hat mir an einem schönen Sommerabend der alte Gelehrte in seiner stillen Ctudierstub« erzählt. Millionen von Jahren vergingen, Land und Meer rangen noch oft um die Gegend, wo der Wald gestanden hatte. In langen, langen Zeiträumen entwickelte sich aus dem Tier der Mensch. Er lernte das Feuer beherrschen. Lange kannte er aber als Nahrung für das Feuer nur das Holz. Vielleicht war ihm die Steinkohle schon längere Zeit bekannt, ehe er entdeckte, daß sie ein ausgezeichneter Brenn stoff wäre. An einer Stelle, vor allem an einem Zlbhang, mochte daS Wasser die Ge steinschichten weggewaschen haben, die die Kohle bedeckten, und diese lag zutage. Oder der Mensch fand Kohle, als er in der Erde nach Metallen grub, was er schon frühzeitig tat. Vielleicht geschah es eines TagS, daß der Mensch ein Feuer an einer Stell« anzündet«, an der Kohle zutage lag. Da gerieten die Kohlenbrocken in Glut, und mit Verwunde rung sah der Mensch, daß der schwarze Stein brennen konnte. Oder der Mensch entdeckte diese Eigenschaft, als er den seltsamen Stoff ins Feuer warf, um ihn wie Erze zu schmelzen. Lange nachdem die Eigenschaft der Kohle zu brennen entdeckt war, wurde diese noch nicht als Brennmaterial verwendet. Wälder gab es genug und Holz war leicht zu jeder Zeit zu haben, während die Kohle aus der Erde gegraben werden mußte. Doch mit dem Steigen der Kultur brauchte der Mensch immer mehr Brennmaterial, die Wälder wurden da her immer mehr gelichtet, auch wurden sie durch Wiesen und Äcker verdrängt. In den fortgeschritteneren Ländern wurde das Holz immer teurer, und das Bedürfnis nach Brenn stoffen stieg namentlich, seit die Industrie em porwuchs. Man brauchte Brennmaterial nicht nur zum Erwärmen der Wohnungen und zum Kochen, sondern noch mehr als früher zum Schmelzen der Erze, außerdem aber auch zum Betrieb von Maschinen. Und nun wurde die Kohle von größtem Nutzen für die Menschheit. »» Vor einigen Monaten hatten die gelehrten Zeitschriften einen Bericht gebracht, der großes Aufsehen erregte. Unser Freund, der Forscher, stellt« darin nämlich die Behauptung aus, daß nach seinen Untersuchungen drei Meilen nach südlicher Richtung von unserer Stadt entfernt ein versunkener Wald liegen müsse, der jetzt zu Steinkohle geworden sei. Ein paar reiche Kausleute aus der Stadt beschlossen, eine Probe zu machen, ob der Gelehrte recht habe. Sie gründeten eine Bergwerksgesellschaft, das heißt borgten sich Geld von anderen Leuten, gaben einen Teil ihres eigenen Geldes hinzu und nahmen dafür vielerlei Arbeitskräfte in ihre Dienste. Zuerst schicken sie eine Gruppe Arbeiter mit Spaten und Hacke nach der Stelle hinaus, die der Forscher bezeichnet hatte. Eine kreisrunde Grube von etwa zehn Meter im Durchmesser wurde gegraben. Die Landleute kommen hinzu und fragen, was es gebe..Wir graben nach Kohle,"«rhiellen sie zur Antwort. Ungläubig lächeln die Landleute. Seit undenllichen Zeiten haben schon ihre Väter, Großväter und Ur großväter vor ihnen dieses Land bearbeitet und bebaut. Zwar ist es ein harter Boden, der mühevoll und fleißig bestellt werden mußte, aber er hat doch immer Früchte getragen. Und hier soll Kohle liegen? Die Arbeiter graben weiter. Am nächsten Tage werden unförmige Eisenleile auf großen Wagen herbeigefahren. Die Einzelteile stellt Für unsere Kinder 195 man zusammen zu einein schweren gußeisernen Ring, der gerade den äußeren Uinkreis des Grubenloches ausfüllt. Dann wird weiter gegraben. Der Eisenring senkt sich. Später kommt eine Schar Maurer, die auf dem Eifen- ring eine runde Mauer ausführt. Ter Hohl raum wird sorgfällig abgedichtet. Bald ist man schon so tief gekommen, daß Maschinen zum Herausholen der Erdmassen benutzt wer den müssen. Eines Morgens sind sie auf schweren Lastwagen herangeschleppt worden. Hohe Eisengerüste werden aufgestellt, und an einem schrägen Hebelarm läuft über eine Rolle «in Seil. Das zieht rasselnd und unermüdlich die Fördereimer herauf, gefüllt mit Lehm und Sand. Wochen vergehen. Immer die gleiche Arbeit. Durch Lehm- und Tonschichten wird die Bohrarbeit weiter geführt. Endlich hat man eine solche Tiefe erreicht, daß sich nun erweisen muß, ob der alte Gelehrte recht hat. Man ist bis zu SVV Meter gekommen. Da, eines Tags ziehen die Fördercimer Bestandteile mit her auf, die von den Angestellten der Bohrgesell schaft als Kohl« erkannt werden. Die Arbeit ist also erfolgreich gewesen. Der Schacht wird jetzt ausgezimmert. Er erhält eine neue, größere Fahrstuhleinrichtung, um Menschen und Lasten schnell und sicher hinaufzuziehen. Die Bergleute, die von der Bergwerksgesellschaft auS allen Gegenden her beigelockt wurden, gehen an die Arbeit. Unten im Schacht wird eine kleine Vorhalle ausge mauert, der Füllraum. Von dort aus kämpfen sich strahlenförmig in schmalen Gängen die Bergleute durch das Gestein. Ein mühseliger Beruf. Mit Schlägel und Eisen suchen sie die Kohlenstücke abzuschlagen, durch Pulver und Dynamit werden ganze Blöcke abgesprengt. Stundenlang liegt der Bergmann auf dem Boden, sich mühselig vorwärtskämpfend. Nur der Grubenlampe mattes Licht beleuchtet seine Arbeitsstätte. Er ist von Gefahren umgeben. Da sind die schlagenden Welter, Gase, die sich angesammelt haben, explodieren und den ganzen Gang verschütten. Dann ist der Berg mann von der Welt abgeschlossen und muß unter furchtbaren Qualen den Tod erleiden. Oder die Gänge sind nicht genügend durch die Holzzimmerungen gestützt worden. Der Bau bricht zusammen, die Bergleute werden verschüttet. Wenn der Bergmann in die Grube fährt, weiß er nicht, ob er das Tageslicht wieder sieht, ob er zu Weib und Kind wieder zurückkehrt. In dieser Beziehung ist der Beruf des Bergmannes mit dem des Seemannes zu vergleichen. Wie das Meer immer und immer wieder Opfer an Menschenleben fordert, so hat auch der Bergbau Tausenden von Berg leuten Massengräber bereitet.„Glück auf!" ruft der Bergmann, wenn er Abschied nimmt von seinen Lieben, um ins Bergwerk zu steigen, „Glück auf!" klingt sein Gruß, wenn er unten in der Grubt einem Kameraden begegnet. Freudlos geht er seinem Beruf nach, schlecht bezahlt für seine mühevolle Arbeit und um lauert von Gefahren der verschiedensten Art, die unten in der Grube überall auf ihn ein dringen. Hat der Bergmann die Kohle losgebrochen, dann wird sie auf kleinen Wagen, von Pferden gezogen, verladen. Die Streckenwagen sammeln sich am Füllort. Von hier aus werden sie im Fahrstuhl heraufgefördert. Oben wartet die eilfertige Lokomotive darauf, die Kohle, die jetzt in langen Eisenbahnzügen verfrachtet wird, nach allen Richtungen der Windrose zu verschleppen. Denn in dem Haushalt der heutigen Men- schenwirtschaft ist die Kohle«in unentbehr liches Gut geworden. Nicht nur zum Heizen der Wohnungen, sondern vor allen Dingen für alle Zwecke wirtschaftlicher Arbeit wird die Kohle als Feuerungsmittel gebraucht. Sie heizt die Lokomotive, die auf ihren Schienen wegen als nimmermüdes Dampfroß Menschen und Güter befördert. Der Ozeanriese kann seinen ungefügen Leib nur vorwärts bringen, weil in seinem Innern riesige Schisssmaschinen, durch Dampf getrieben, die Schaufelräder und Schrauben das Wasser peitschen. Dieser für die Fortbewegung des Schiffes notwendige Dampf wird erzeugt von den Heizern, die tief unten im Maschinenraum die gefräßigen Feuer löcher immer mit neuen Kohlen füllen. Und auf dem Lande in den Jndustriewerken stampfen und stöhnen, pressen und ziehen, heben und drücken die Arbeitsmaschinen ihre eisernen Glieder, getrieben von unzähligen Dampf maschinen, die alle ihre Wärme durch die Kohle erhalten. So dienen die versunkenen Wälder, die vor Jahrtausenden die wärmenden Sonnenstrahlen in sich aufgenommen haben, heute dazu, den Menschen die aufgespeicherte Sonnenwärme weiterzugeben. Er setzt sie um durch seine Maschine, in Kraft, in Bewegung, in Arbeit. Ist dieser Kreislauf nicht wunder bar?— Ich habe euch heute etwas von der „schwarzen Kohle" erzählt, das nächste Mal werde ich euch von der„weißen Kohle" er zählen. Richard Woldt. 196 Für unsere Kinder Wasserfall. Don Friodrtch Theodor Bischer. Wasser. Nun, Fels, wie steht's? Fels. Fest. ssprcchen. Wasser. Wir haben etwas miteinander zu Fels. Was soll's? Wasser. Biegen oder Brechen. Fels. Das wäre! Wasser. Hinab muß ich. Platz da! Schnell! Fels. Sachte, sachte, du grober Gesell! Sieh, da beiseit durch die moosigen alten, Die engen, winkligen Felsenspallen Findet sich schon ein Wegchen, für dich Breit genug, man bcscheide sich. Wasser. Zickzack und eng und klein! Auf spitzige Klippen Stoßen mit Gellen Die schwellenden Wellen Ihre murmelnden Lippen? Platz, Platz! Es kann nicht sein! Fels. Du Grobian! Komm her, sieh mich an! Seit Jahrtausenden steht Mein Bau, für ewig gewoben. Siehst du, wie der Wald dort oben Auf meinem ehrwürdigen Scheitel weht? Willst du es hören, DaS Geisterflüstern, Das durch die Küstern Alten Föhren Dunkle Sagen Von alten Tagen, Von den Tagen der Sintflut trägt? Steh still im Lauf Und schau hinauf An diesen Wänden, wie von Erz getürmt, Unbezwinglich, Undurchdringlich. sbestürmt! Ob der Regen sie peitscht, der Orkan sie Riesenhoch! Dann frage noch. Ob mich, den Recken, Dein kindisches Trotzen könne schrecken. Wasser. Du mußt! Du mußt! Kommet zu Haus, Ihr Fluten, zischt auf, Hackt in die Felsenbrust Die gähnende Wunde! Stürzt her wie bellende Hunde, Mit dem milchweißen, scharfen Zahn Wütend zu packen Die trotzigen Zacken! Kommt an, kommt an Wie Schlangen geringelt! Die Pfeiler umzingelt! Schüttelt, Rüttelt! sJammern Horch, schon vernehm' ich ein dumpfes In den alten triefenden Felsenkammern, Ein Zucken und Stöhnen, Ein Reißen und Dröhnen— Fels. Weh! Weh! Tief im Herzen erschüttert! Tie Tanne zittert Auf meinem Haupt. Ein Stich Durchzuckt mich! Ich verzweifle. Ach, ach! Wasser.-- Krach! Dumpfdonnernd. Stoß auf Stoß,. Stürzt der Koloß, Zerschmettert, zerschlagen, Mir in den schäumenden Schoß! Meine Wogen jagen ltber die Fichten, zerrauft, zerknickt, Die sein prahlendes Haupt geschmückt! Was noch soeben gepocht, gedräut, Jetzt wie im Wahnsinn umhergestreut! Jetzt ist Freiheil! Jetzt brause nur auf im Übermut, Brüste dich prachtvoll, du stolze Flut! über die Trümmer, über die Bäume Stürzet, ihr brausenden, tosenden Schäume, Geuß dich, du reiner, du silberner Strahl, Hinunter, hinunter ins sonnige Tal! Fels. Und im Tode noch räch' ich mich, Quäle dich! An diesen moosigen Blöcken, An diesen scharfen Kanten Zerstäubet mit Schrecken, Werdet zuschanden, Ihr stolzen Wellen! Euch frechen Gesellen Soll mein zerschmettert, zerschlagen Gebein! Mächtiger Damm noch und Hindernis sein Wasser. O, du hinderst mich nicht! Wenn die Welle sich bricht, Wenn du sie hemmst im pfeilschnellen Lauf, Braust sie gewaltiger, herrlicher auf, Springet mit zürnender, donnernder Macht Blendend in schäumender, perlender Pracht über Klippen, über Gestein, Wühlt in die nächtliche Tiefe sich ein. Reißt sich inS schaurige, klüftige Grab Siedend in rasendem Strudel hinab, Dann in neuer Schöne Kommen hervor, Steigen empor, Meine wilden Söhne, Die schneeweißen Taucher; und mit Gewalt Angeprallt Für unsere Kinder An dem Felsen, spring' ich in schuppigem Reif Hoch auf, wie ein Fächer, ein Pfauenschweif Blättr' ich auf die blitzenden Wellen. Und sieh, hier ist Raum, Hier stört fein Fels, kein Baum, Hier tann ich hinaus mich schnellen, Kann frei durch die Lüfte Hinab in die Klüfte Wallende, fallende Waffer gießen, Kann in einer reinen Linie fließen Wie von der Jungfrau Scheitel hernieder über das Antlitz, die schlanken Glieder, Schwebend über die süße Gestalt, Schimmernd ein weißer Schleier wallt. Doch wo vom Fall Jm vollen Schwall Aufstürzen die Wasser, da gibt es ein Brausen, Ein hohles Donnern, ein zischend Saufen! Dampfen Wolfen von feuchtem Staub Weithin auf Hügel und Gras und Laub, Und wie sie wirbeln, und wie sie wogen, Schwingt sich, durchs flimmernde Grau gezogen, Prächtig ein glühender Regenbogen. Und es erscheinen Die Menschen, die kleinen Menschen an meinen Flanken, Auf Brücken, auf Planten, Stehen und reißen die Augen auf Zu meinem Sturmeslauf, Schauen das liebliche Farbenwunder, Schauen das blizende Silberband, Blinzen ins grollende Gären hinunter, Lauschen dem Donner, und festgebannt Mit zuckender Wimper am schaurigen Rand Erkennen sie alle mit Staunen an, Wie ich herrlich wandle die Siegesbahn. Tal. Hör auf zu toben, so stola, so wild, Siehe, wie lieblich mild In der Täler sanftes, grünes Gewand Will ich den silbernen Gürtel weben, Will die frommen, hellen, Plaudernden Wellen 197 Ruhig schlängelnd durch Gärten gießen, Will schwaßend an Blumen vorüberfließen; Der Hirsch, das Reh Sollen aus meinen Fluten trinken Und in holdem Weh, Wenn die Sterne blinken, Mag eine Jungfrau, die einsam wacht In lauer Sommernacht, Meinem Rauschen Lauschen. 000 Die Großmutter. Die Großmutter ist so alt, sie hat so viele Runzeln und ganz weißes Haar, aber ihre Augen, die leuchten wie zwei Sterne, ja sie sind viel schöner, sie sind so milde, es ist so wohltuend hineinzuschauen. Und dann fann sie die herrlichsten Geschichten und sie hat ein Kleid mit großen, großen Blumen, das ist solch ein schwerer Seidenstoff, der rauscht. Großmutter weiß so viel, denn sie hat lange vor Vater und Mutter gelebt, das ist ganz gewiß! Großmutter hat ein altes Buch mit dicken Spangen aus Silber, und in dem liest sie oft; mitten darin liegt eine Rose, die ist ganz trocken und flach, sie ist nicht so schön, wie die Rosen, die sie im Glase hat, und doch lächelt sie diese am allerfreundlichsten an, ja, es fommen Tränen in ihre Augen. Warum wohl Großmutter so auf die verwelfte Rose in dem alten Buche blickt? Weißt du das? Jedesmal, wenn Großmutters Tränen auf die Blumen fallen, dann werden die Farben frischer, da schwillt die Rose und die ganze Stube wird mit Duft erfüllt, die Wände versinken, als wären sie nur Nebel, und ringsum ist der grüne, der herrliche Wald, wo die Sonne zwischen den Blättern hereinscheint, und Großmutter..., ja, sie ist ganz jung, sie ist ein schönes Mädchen mit goldenen Locken, mit roten, runden Wangen, hübsch und anmutig, teine Rose ist frischer, doch die Augen, die milden, wohltuenden Augen, ja, die hat Großmutter noch. An ihrer Seite sizt ein Mann, so jung, kräftig und schön; er reicht ihr die Rose und sie lächelt... so lächelt doch Großmutter nicht!... doch, das Lächeln kommt Wasser. Da wär' ich! ah! das war ein Leben! wieder. Er ist fort; da gehen viele Gedanken Doch nun will ich dienen der Menschenhand, und viele Gestalten vorbei; der schöne Mann Die sammtenen Matten Am Abendschatten Zur Ruhe laden. Es möchten ihr zartes, zitterndes Bild Blumen in deinem Spiegel baden. Laß das Reh, das mutige Füllen An deinem Ufer trinken. Hörst du der Herden fernes Brüllen? Hörst du verhallen der Hirten Gesang? Sieheft du winken Am Berg entlang Das Kirchlein, die frommen Hütten? Höre mein Bitten! 198 Für unsere Kinder ist fort, die Rose liegt im alten Buche und| Beeren und Ameiseneier und mit gefährlichen Großmutter... ja, sie sitzt wieder da als eine Jägern an Stelle der schleichenden Stunts alte Frau und blickt auf die welke Rose, die und Sumpfottern. im Buche liegt. Nun ist Großmutter tot. Sie saß im Lehnstuhl und erzählte eine lange, lange, herrliche Geschichte: Und nun ist sie aus," sagte sie, und ich bin ganz müde, laßt mich nun ein wenig schlafen!" und dann lehnte sie sich zurück, und sie zog tief Atem, sie schlief; aber er wurde stiller und stiller, und ihr Antlig war so voll von Glück und Frieden, es war, als legte sich ein Sonnenschein darüber hin, und dann sagten sie, sie sei tot. Sie wurde in den schwarzen Sarg gelegt, sie lag eingehüllt in das weiße Linnen, sie war so schön, und doch waren die Augen geschlossen, aber alle Runzeln waren fort, sie lag mit einem Lächeln um den Mund; ihr Haar war so silbergrau, so ehrwürdig, man wurde gar nicht bange, die Tote anzuschauen, es war ja die süße, herzensgute Großmutter. Und das alte Buch wurde unter ihr Haupt gelegt, das hatte sie selbst verlangt, und die Rose lag in dem alten Buche; und dann begruben sie die Großmutter. Auf das Grab, dicht an die Kirchenmauer, pflanzten sie einen Rosenstock, und er stand voll von Blüten und die Nachtigall sang darüber. Der Mond schien gerade auf das Grab hernieder; aber die Tote kam nicht; jedes Kind fonnte bei Nacht ruhig hingehen und eine Rose dort an der Friedhofsmauer pflücken. Ein Toter weiß mehr, als all wir Lebenden wissen, der Tote kennt die Angst, die wir fühlen würden, wenn etwas so Seltsames geschehe, und er unter uns träte; die Toten sind besser als wir alle, und so kommen sie nicht. Es ist Erde über dem Sarg, es ist Erde in seinem Innern. Das alte Buch mit seinen Blättern ist Staub, die Rose mit allen ihren Erinnerungen ist in Staub zerfallen; aber oben blühen frische Rosen, oben singt die Nachtigall; man denkt an die alte Großmutter mit den milden, ewig jungen Augen. 8. G. Andersen. 000 Fasanenmutter. Von Erneft Seton Thompson. III. Ein altes Fasanensprichwort sagt:„ Die Feinde und das Futter wechseln mit dem Mond." Der September kam mit fräftigen Samen und Körnern an Stelle der köstlichen Die Fasanen wußten recht wohl, wie ein Fuchs aussah, und daß er leicht zu prellen war, indem man sich in den nächsten Baum flüchtete, doch einen Hund hatten sie nie gesehen. Als nun im Jägermonat Alt- Cuddy mit seinem schmutziggelben, furzschwänzigen Köter die Bergschlucht durchstreifte, erspähte ihn die Mutter und rief ihren Kindern ein lautes Rwit, Kwit"( Flieht, flieht) zu. Zwei der Hühnchen konnten nicht begreifen, weshalb die Mutter so ängstlich zur Flucht mahnte, und glaubten ihren Mut dadurch beweisen zu müssen, daß sie ungeachtet des ängstlich wiederholten Kwit, twit" sich im nächsten Baum niederließen. Inzwischen war der kurzgeschwänzte Fuchs bis unter den Baum gekommen und kläffte fie an. Dies sowohl als auch das sonderbare Benehmen ihrer Mutter und Geschwister beluftigte sie derartig, daß sie ein Rascheln in den Gebüschen gar nicht bemerkten, bis ein lautes" Bäng, bäng" erscholl und zwei kleine, blutige, flatternde Fasanen herabfielen, um von dem gelben Köter ergriffen und hin und her gezerrt zu werden, bis der Schüße aus dem Gebüsch heraussprang und sich die traurigen Überreste sicherte. Cuddy wohnte in einer armseligen Hütte in der Nähe des Don, nördlich von Toronto, und lebte, was griechische Philosophie ein ideales, beneidenswertes Dasein genannt haben würde. Er hatte weder Eigentum noch eine gesellschaftliche Stellung, bezahlte keine Steuern und machte keinerlei Ansprüche ans Leben. Er brachte seine Tage dahin in Spielerei und Nichtstun und möglichst wenig Arbeit und hielt sich die meiste Zeit im Walde auf. Er glaubte ein wahrer Sportsmann zu sein, weil er ein Freund vom Jagen war und weil es ihm Freude bereitete, wenn das Wild, auf das er es abgesehen, sich zu Tode getroffen am Boden wälzte. Die Nachbarn behandelten ihn als rechtlofen und vogelfreien Eindringling und sahen in ihm weiter nichts als einen Landstreicher. Er schoß und stellte Fallen das ganze Jahr hindurch, und man hatte ihn sagen hören, daß er die Monate am Geschmack der Fasanen erkennen könnte, wenn er sie nicht zufällig aus dem Kalender wüßte. Dies bewies ohne Zweifel eine scharfe Beobachtungsgabe, war aber leider auch zugleich der Beweis für etwas, das ihm weniger Ehre machte. Für unsere Kinder Die gesetzmäßige Schußzeit für Fasanen begann am 1V. September, es war jedoch nicht zu ver wundern, wenn Cuddy schon vierzehn Tage vor der Zeit dieser Jagd oblag. Dennoch wußte er Jahr für Jahr sich der strafenden Gerechtig keit zu entziehen. Selten schoß Cuddy einen Vogel flügellahm, er zog es vor, sein Wild sicher zu erlegen. Dies war nicht leicht, wenn das Laub noch auf den Bäumen war, und mag auch der Grund gewesen sein, daß unsere Familie in der Berg schlucht solange unbehelligt umhergelaufen war. Jedoch es gab noch andere Schützen in der Umgegend, und aus Furcht, daß diese ihm zuvorkommen könnten, hatte er sich nach einer Fasanenpastete auf den Weg gemacht. Er hatte kein Flügelrauschen vernommen, als die Vogel mutter mit ihren vier überlebenden Kindern davongeflogen war, er steckte daher seine zwei kleinen Opfer in die Tasche und kehrte nach seiner Hütte zurück. So lernten die kleinen Hühner, daß ein Hund kein Fuchs ist, und daß man ihn anders zu behandeln hat, und die uralte Weisheit prägte sich ihnen tief ein: Gehorsam bringt langes Leben. Den Rest des Septembers hatten sie genug damit zu tun, umherstreifenden Jägern sowohl als auch alten Feinden aus dem Wege zu gehen. Wie zuvor nächtigten sie auf den langen, dünnen Zweigen zwischen den dichtesten Blättern, die sie vor Gefahren aus der Luft beschirmten, während die Höhe der Bäume sie vor Fein den von unten beschützte und ihnen nichts zu fürchten übrigließ als Waschbären, deren langsamer, schwerer Tritt auf den biegsame» Zweigen sie stets zur rechten Zeit warnte. Aber die Blätter begannen nun zu fallen, und „die Feinde und das Futter wechseln mit dem Mond". Es war die Zeit der Nüsse, aber auch die Zeit der Eule. Die Steineule kam von Norden und verdoppelte oder verdreifachte die Gefahren. Die Nächte wurden kälter und die Waschbären ungefährlicher, deshalb ver legt« die Mutter das Nachtquartier in das dichte Nadelgewirr einer Tanne. Nur eines der Jungen mißachtete der Mutter warnendes„Kriet, Kriet", es blieb auf seinem schwankenden, nun nahezu blätterlosen Ulmen zweige sitz«», und eine große Eule mit gelb- glitzernden Augen trug es davon, noch ehe der Morgen graute. Mutter und drei Kinder waren nun übrig geblieben, doch die Kleine» waren ebenso groß wie die Alte, ja, der Alteste, der aus dem Blatte gesessen, war sogar größer. Ihre Halskrausen fingen an sich zu zeigen, zunächst nur die Spitzen, um anzudeuten, wo sie einst prangen sollten, wenn ausgewachsen, und man glaubt nicht, wie stolz sie darauf waren. Die Krause be deutet für den Fasan dasselbe, wie der Schweif für den Pfau— seine Schönheit, seinen Stolz. Die Krause einer Henne»st schwarz mit einem leichten, grünen Schimmer, die eines Hahnes bedeutend dunkler und schwärzer und glänzt in lebhaftem Grün. Zuweilen taucht ein Fasan von ungewöhnlicher Größe und Kraft auf, dessen Krause nicht nur üppiger ist, sondern auch durch ein wunderbares Naturspiel ein tiefes Kupferrot aufweist, schillernd in violetten, grünen und goldenen Tönen. Ein solcher Vogel ist sicher ein Wunder, und der kleine, der auf dem Blatte gekauert hatte und stets getan, was ihm befohlen, prangte, noch bevor der Eichelmonat begonnen, in der vollen Pracht einer golden- und kupfernschillernden Krause — das war Rotkrause, der berühmte Fasan aus dem Don-Tale, und von ihm sollt ihr ein andermal mehr hören. c> o o Wie Eulenspiegel die' Schneider belehrte. Eulenspiegel schrieb aus ein Konsilium oder eine Versammlung der Schneider in de» wen dischen Städten und in dem Lande Sachsen und ebenso in dem Lande Holstein, Pommer», Stettin und Mecklenburg, auch zu Lübeck, zu Hamburg, zu Stralsund und zu Wismar und versicherte sie in dem Briefe großer Gunst; äe sollten zu ihm kommen, er wäre in der Stadl Rostock, er wolle sie eine Kunst lehren, die ihnen und ihren Kindern guttun sollte. Und die Schneider in den Städten und Flecken und auf den Dörfern schriebe» ein ander zu, was ihre Meinung darüber wäre. Sie schrieben alle, daß sie da zur Stelle wollten kommen zur bestimmten Zeit, und sie wären all« da versammelt, und alle verlangten zu erfahren, was das möchte sein, was Eulen spiegel ihnen sagen wollte oder was für eine Kunst er sie lehren wollte, nachdem er sie so dringend zusammengeschrieben hätte. Und sie kamen zusammen zurbestimmtenZeitzu giostock, alle nach ihrem Bescheide, so daß sich viele Leute verwunderten, was die Schneider da tu» wollten. Als nun Eulenspicgcl Hörle, daß die Schnei der ihm so gefolgt wären, da ließ c> sie wohl 200 Für unsere Kinder und sprachen, das wäre ihre eigene Schuld, daß sie dem Landtoren und Narren hätten geglaubt und ihm gefolgt wären, denn sie hätten lange wohl gewußt, was Eulenspiegel für ein Vogel gewesen wäre. zusammenkommen, bis sie alle beieinander| Beine geholt. Diejenigen aber, die in Rostoc waren. Da sprachen die Schneider Eulen zu Hause waren, die lachten und spotteten spiegel an, sie wären hergekommen und ihm der anderen, daß sie sich so hatten lassen äffen, gefolgt nach seinem Schreiben; darin hatte er berührt, wie er sie eine Kunst lehren wollte, die ihnen und ihren Kindern sollte guttun, solange die Welt stände; darum bäten sie ihn, daß er sie wollte fördern und die Kunst offenbaren und vermelden, sie wollten ihm auch ein Geschenk geben. Eulenspiegel sagte:„ Ja, tommt alle zusammen auf eine Wiese, daß jeder von euch das von mir hören kann." So tamen alle zusammen auf einem weiten Plan, und Eulenspiegel stieg in ein Haus und sah zu dem Fenster hinaus und sprach:„ Ehrbare Männer des Handwerks der Schneider! Ihr sollet merken und verstehen, wenn ihr habet eine Schere, Elle und Faden und einen Fingerhut, darzu eine Nadel, so habet ihr Beug genug zu eurem Handwerk. Das zu be kommen, dazu braucht ihr keine Kunst, sondern es fügt sich das von selber, wenn ihr euer Handwerk treiben wollt. Aber diese Kunst habet ihr von mir, drum gedenket mein dabei; wenn ihr die Nadel eingefädelt habt, so vergesset das nicht, daß ihr an das andere Ende einen Knoten machet- oder ihr stechet manchen Stich umsonst dann hat der Faden teine Ursache, daß er aus der Nadel herauswischt." Ein Schneider sah den anderen an, und sie sprachen zu einander:„ Die Kunst wußten wir alle wohl vorher und alle die Rede, die er uns gesagt hat," und fragten ihn, ob er noch etwas Weiteres zu sagen hätte, denn der Phantasei wollten sie nicht zehn oder zwölf Meilen nachgezogen sein und darum Boten zueinander gefchickt haben; diese Kunst hätten die Schneider wohl gewußt, schon vor mehr als tausend Jahren. Darauf antwortete ihnen Eulenspiegel und sprach: Was vor tausend Jahren geschehen ist, da ist niemand, der dessen fich erinnern tönnte." Auch sagte er, wenn es ihnen nicht zu Willen oder Dant wäre, so möchten sie das denn nehmen zu Unwillen und keinen Dank dazu haben, und jeder könnte wieder gehen, wo er hergekommen wäre. Da wurden die Schneider ganz böse auf ihn, da sie weit hergekommen waren, und hätten ihm gern etwas ausgewischt, aber sie fonnten ihm nicht beifommen. Also gingen die Schneider wieder von einander; ein Teil war zornig und fluchte und war ganz unwillig, daß sie also den weiten Weg umsonst gegangen und hätten sich nicht mehr als müde 000 Unterm Apfelbaum. Von Emma Dölz. Wenn der bunte Herbst gekommen, Ist die Luft so klar und weit. Kühle Nächte, heiße Tage, Hei, das ist' ne luft'ge Zeit. Weiß und rosa hat im Gärtchen Einst der Apfelbaum geblüht. Langsam röten jetzt die Früchte, Daß es durch die Zweige glüht. Stüßend steht die Bohnenstange An dem fruchtbeschwerten Ast, Und aus hilfsbereitem Herzen Hat auch Liesel zugefaßt. Dankbar sind sogar die Bäume, Und der schönste Apfel fällt. Doch die Liesel kriegt Bedenken Als sie ihn in Händen hält. Mit dem Stützen, mit dem Fallen War's doch so ein eigen Ding. Ja, der Liesel wär's am liebsten, Wenn er jetzt noch oben hing. Schnell entschlossen kramt sie eilig Ihre tiefen Taschen aus. Zwischen Pfropfen, Knöpfen, Läppchen Zieht sie einen Faden raus. Doch, weil im Gewirr der Blätter Es so schlecht sich binden läßt, Schlingt sie hurtig ihren Apfel An die Bohnenstange fest. Sieht die Mutter dann, daß Aepfel Trägt die dürre Stange schon, Dann bekommt gewiß auch Liese Ihren wohlverdienten Lohn. Berantwortlich für dte Redaktion: Frau Klara Betfin( Bundel), Wilhelmshöhe. Boft Degerloch bet Stuttgart. Druck und Berlag von Baul Singer in Stuttgart.