Für unsere Kinder Nr. 3 o cz o o c> o O Beilage zur Gleichheit 0000000 1911 Inhaltsverzeichnis: Der Mühe wert. Spruch von Ludwig Uhland.— Der Dnjepr. Von Niko laus Gogol.— Gedankenlos« Grausamkeit. Von x. I.— DcS Königs Kleid. Bon Ludwig Psau. (Gedicht.)— Lebensgeschichtc eines Massai. Aus �Durch Massailand". Von Joseph Thomson. (Forts.)— Wundersame Reise einer Mühlcnmaus und ihr trauriges Ende. Von Fr. Pritschow.(Forts.) — Die Kuh im Schwalbennest.(Gedicht.) Der Mühe wert. wenn ein Gedanke, den die Menschheit ehrt, Den Lieg errang, so war's der Mühe wert. Ludwig Uhland. 0 0 0 Der Dnjepr/ Wunderbar ist der Dnjepr bei heiterem Himmel, wenn seine vollen Wasser langsam und gleichmäßig zwischen Berg und Wald dahinfließen. Er braust nicht, er tobt nicht: du blickst hin und weißt nicht, ob sein« groß artige Breite in Bewegung ist, es scheint dir, als sei er eine einzige gegossene Glasfläche, eine tief« Spiegelbahn, maßlos in der Breit«, endlos in der Läng«, sich windend durch die grüne Welt. Eine Augenweide ist's, wenn die glühende Sonne in der Höhe leuchtet und ihre Strahlen in die Kälte des Kristallwassers senkt und die Waldungen an den Ufern sich in den Wassern hell spiegeln. Die Grünlockigen! sie drängen sich mit den Wiesenblumen zu den Wassern, sie neigen sich und blicken hinein, und können sich nicht satt sehen, und sie wei den sich an ihrem lichten Spiegelbild, sie lächeln eS an und begrüßen es, mit den Zweigen nickend. In die Mitte des Dnjeprs wagen sie nicht zu blicken: niemand außer der Sonne und dem tiefen Himmel wirft einen Blick hinein, selten nur fliegt ein Vogel bis in die Mitte des Dnjepr. Prachtvoll! Es gibt seinesgleichen ' Der Dnjepr ist der zweitgrößte Fluß des euro päischen Rußlands und der drittgrößte Europas. Nur Wolga und Donan übertreffen ihn an Länge. entspringt nicht weit von den Quellen der Wolga und Düna in den Sümpfen des Wolkowiskiwaldcs aus dem See Mjchara. Sein Lauf gehl nach Süden durch ausgedehnte Wälder, Berglandschasten. ein 70 Kilometer langes, enges Tal, das von Granit selsen umsäumt ist, und durch weite Steppen. Der gewaltige Strom niündet in das Schwarze Meer. nicht unter den Strömen der Welt. Wunder bar ist der Dnjepr in der warmen Sommer nacht, wenn alles in Schlummer versinkt— der Mensch und das Tier und der Vogel, und Mutter Natur allein Himmel und Erde über schaut und in ihrer Erhabenheit ihr Gewand schüttelt. Aus dem Gewand fallen Sterne; die Sterne glühen und beleuchten die Welt, und alles widerstrahlt im Dnjepr. All das faßt der Dnjepr in seinem dunkeln Schoß; nichts entgeht ihm— außer was ain Himmel erlischt; der schwarze Wald, mit schlafenden Raben besetzt, und die von alters her ge borstenen Berge versuchen es, überhängend ihn zu bedecken, wenn auch nur mit ihrem gedehnten Schatten— vergebens! Es gibt nichts in der Welt, das den Dnjepr ver hüllte. In seiner Bläue ergießt sich seine Flut, so am Tag« wie bei Nacht, so weit in die Ferne, als das menschliche Auge schaut. Sich bei der nächtlichen Kälte an die Ufer schmiegend und anlegend, hebt sich dann seine silberne Flut, blitzt sie auf wie eine krumme Da maszenerklinge, und wieder nimmt der Dnjepr ab und entschlummert in seiner Bläue. Auch dann ist er wundervoll und ihm gleicht kein Fluß der Welt! Wenn sich am Himmel die blauen Wolken zu Bergen türmen, wenn der dunkle Wald bis in die Wurzeln erbebt, die Eichen krachen und die Blitze, sich zwischen den Wolken Bahn brechend, das Westall beleuchten— dann ist der Dnjepr fürchterlich! Die Wasserhügel brausen, schlagen an die Berge, prallen sprühend und stöhnend wieder ab, heulen und über schwemmen die fernen Täler. So quält sich die alte Mutter des Kosaken, die ihren Sohn zum Heere begleitet: mutig und in heiterster Stimmung reitet er auf seinem rabenschwarzen Pferde, die Hände in die Seite gestemmt und die Mütze keck auf dem Kopfe; sie aber rennt ihm schluchzend nach, greift nach dem Steig bügel, sucht den Zaum des Pferdes zu fassen, ringt die Hände und weint bittere Tränen. Nikolaus Sogol. 000 Gedankenlose Grausamkeit. In eurem Blatte ist schon gegen die schlimme Sitte geschrieben worden, Singvögel zu töten und zu vertilgen. Aber es gibt ncch eine 18 Für unsere Kinder andere sehr verbreitete Gewohnheit, die tausendmal schlimmer ist als das Töten der Singvögel: das ist das Halten der Vögel in Räfigen! Fast in jeder Wohnung hängt am Fenster ein Bauer, hinter dessen Gitter ein Vögelchen auf und ab hüpft und von Zeit zu Zeit seine lauten Triller erschallen läßt. Und sagen wir es offen gar viele von den jungen Leserinnen und Lesern dieser Zeilen haben sich schon sehnlich gewünscht, einen solchen Singvogel im Bauer zum Geschenk zu bekommen. Ich kerine auch manchen gelehrten Mann, der in seinen freien Minuten nach der trockenen Arbeit am Schreibtisch oder beim Bücherlesen damit Erholung sucht, daß er vor feinen Vogelkäfig tritt, den Mund spitzt und dem armen Gefangenen darinnen seinen Gruß pfeift, Hansi" ruft oder das Vögelchen mit Wasser und Körnern versorgt. Die Familie pflegt dann wohl gerührt auf den Vater zu schauen, der trotz seiner ernsten Arbeit so viel weiches Gemüt besitzt, um am Zeitvertreib mit dem Tierchen Gefallen zu finden. Dieses Gefallen an Vögeln im Käfig beruht aber bei Erwachsenen wie bei Kindern auf nichts anderem als auf Gedankenlosigkeit und Gefühlslosigkeit. Denken wir nur einen Augenblick nach! Ein Rottehlchen, ein Stieglitz, ein Dompfaff oder ein anderer Singvogel wird irgendwo im fernen Walde gefangen, wo er frei herumflog und sich des Lebens freute. Er wird in einen kleinen Käfig gesperrt, sieht die Welt nur noch durch die Gitterstäbchen und fann die Flügel gar nicht mehr gebrauchen, die ihm zum Fliegen im unbegrenzten Luftraum gegeben sind. Sich hoch hinaufschwingen, die Flügel start anspannen, bald ruhig schweben, bald sich pfeilschnell in den Lüften tummeln, sich dann wieder herunterlassen, im Sonnenlicht baden welche Lust für einen Vogel! Das alles wird dem Tierchen im Käfig nie und nimmer zuteil. Auf und ab zu hüpfen zwischen dem Boden des kleinen Käfigs und dem Holzstäbchen, das etwas höher querüber angebracht ist: das ist nun alles, was ihm vergönnt ist. Reiche Leute können sich zwar größere Käfige leisten. Aber wenn das Bauer auch, sagen wir einen Meter lang und breit wäre was ist das im Vergleich mit dem freien Luftraum, mit dem großen Walde und den Wiesen, über die zu fliegen und zu flattern des Vogels Lebenselement ist! Fliegen kann er im großen Käfig ebenso wenig wie im fleinen, und damit ist er zum traurigen Dasein eines Krüppels verurteilt. Freilich sorgen jetzt die Menschen für den Vogel: er kriegt regelmäßig sein Futter und ein wenig Wasser im Glas- oder Porzellannäpfchen, das so groß ist wie ein Salzfaß. Aber diese Versorgung mit Lebensmitteln ist nicht eine Wohltat für den Vogel, wie sich die Menschen einbilden, sondern das größte Unrecht, das man ihm antun kann. Die Sorge für den eigenen Unterhalt und den der Kinder gibt dem Leben des Vogels den eigentlichen Inhalt. Wohl bringt das für ihn auch Kummer und Angst mit sich, Kampf mit anderen Vögeln, manchmal Hungerzeiten. Doch was ist schließlich das Leben ohne Mühe und Kampf, ohne Sorge und Lust! Die Hauptsache ist, daß das Tier dabei in der Freiheit die eigenen Kräfte, den eigenen Scharfsinn, den eigenen Mut üben und entwickeln kann. Und die Anspannung aller Lebensgeister gibt erst dem Leben Sinn und Glanz. Nun befommt der Vogel jeden Morgen eine Handvoll Körner und einen Napf voll Wasser in den Käfig, aber seine Flügel, sein Kopf, seine Sinne bleiben unbeschäftigt, die Kräfte seines Körpers und Geistes werden träge und schläfrig, und dumpf schleppt sich sein sinnloses Dasein dahin, ohne Aufregung und Gefahr, aber auch ohne Freude und Reiz. Dazu kommt noch etwas sehr wichtiges: der Vogel im Käfig ist meist einsam, von seinen Freunden und Verwandten getrennt, des Familienlebens beraubt. Jedes Geschöpf hat das Bedürfnis, mit seinesgleichen in geselligem Verkehr zu leben. Wie unglücklich fühlt sich der Mensch, wenn er durch Zufall oder zur Strafe nur einige Monate verleben muß ohne die Möglichkeit, andere Menschen zu sehen und zu sprechen. Und nun denke man sich ein fleines Vögelein, das für sein ganzes Leben lang aus der Gesellschaft seiner Verwandten und Freunde gerissen und unter die Menschen gestellt wird, mit denen es sich nicht verständigen kann, die ihn nichts angehen, mit denen es nichts gemein hat. Außerdem kann sich der gefangene Vogel kein Weibchen nehmen die Sänger in den Käfigen sind ja meist Männchen fann nicht in der Brunstzeit seine Fähigkeiten und Vorzüge zur Unlockung des Weibchens spielen lassen, kann nicht für die junge Brut als Beschützer und Ernährer sorgen, kurz, die Hauptquelle seiner Lebensfreude ist ihm genommen. An den Höfen der mohammedanischen Fürsten gibt es Männer, die man durch grausame Verstümmelung entmannt, zu sogenannten Eunuchen gemacht hat, ASUSUSA D 11 h I P 11 C Für unsere Kinder 19 damit sie die Frauen des Harems bewachen.[ der Wissenschaft nicht. Die absolute NotUnsere Christenmenschen empören sich über wendigkeit entschuldigt das Schlachten der diese abscheuliche Menschenquälerei, aber sie Tiere. Aber das Quälen der lebendigen Tiere handeln nicht besser gegen die armen, wehr in der Gefangenschaft ist viel schlimmer als losen Vögel, die sie in die Käfige sperren, und das rasche Töten, und unvergleichlich schlimmer denen sie die Möglichkeit nehmen, sich zu ist es, da es nicht aus Lebensnot, sondern zum paaren. Vergnügen, zum blöden Zeitvertreib geschieht. Ein Freund, den ich auf all das aufmerksam machte, hat mir einmal gesagt:„ Sie halten doch selbst eine Katze in der Gefangenschaft! Ist das nicht dasselbe, wie wenn ich einen Vogel im Käfig habe?" Schließlich bedenkt man meist nicht, daß für den Vogel das Leben in der Gefangenschaft in jeder Hinsicht eine Marter sein muß. Seine Augen sind gewöhnt an die Bilder der freien Natur, an Waldesgrün, an den blauen Himmel und die Wolkengebilde, an die vom goldigen Nein, es ist durchaus nicht dasselbe. Man Sonnenlicht umflossenen schlanken Baum- muß sich nur ein wenig in die Lebensweise stämme oder die bei jedem Lufthauch sich wie- verschiedener Tiere hineindenken. Hund und genden Grashalme des Wiesenteppichs, an Katze sind bereits gezähmte Tiere, die seit Mückenschwärme und Schmetterlinge, die in Jahrtausenden an das Leben unter den Mender Luft tanzen. Seinem Gehör ist der tausendstimmige Chor der Kameraden vertraut, das Gesumm der Insekten, das Rauschen des Waldes. All dieser Eindrücke, die das natürliche Lebenselement des Vogels bilden, ist er beraubt. Aus seiner natürlichen Umgebung gerissen, ohne alles, was sie ihm bietet, wird er sein Leben lang in eine menschliche Wohnung gesperrt, wo alles ihm fremd, unbegreiflich erscheint. Hier muß er lauter Gegenstände um sich sehen, die nach Gestalt und Farbe seinen kleinen Auglein völlig unbekannt sind und mit seinem Dasein nichts zu tun haben. Hier muß er den Straßenlärm der Großstadt, muß Menschengespräche oder häusliches Rumoren hören, kurz Dinge, die für sein Gehör ein einziger Lärm, gräßliche Mißtöne sind. Statt dem frischen Duft der Wiesen und Wälder riecht er nun Kohlsuppe und die Stubenluft der engen menschlichen Wohnungen. Das Dasein im Käfig ist also nicht bloß Gefangenschaft, sondern eine dauernde Beleidigung für alle Sinne des armen Vogels. schen gewöhnt sind. Es hat sich dadurch bereits eine gewisse geistige Gemeinschaft zwischen dem Menschen und der Hauskaße, namentlich aber dem Hunde herausgebildet. Der Hund zum Beispiel nimmt regen Anteil an den Angelegenheiten des menschlichen Lebens, er arbeitet oft mit dem Menschen zusammen, hütet dessen Schafe und Kühe oder Haus und Kinder, geht mit dem Herrn spazieren, jagt mit ihm andere Tiere, hat sich an die Sprache und Gesten der Menschen gewöhnt, so daß er sie in hohem Maße versteht und daran große Freude hat. Die Katze aber sucht gerade im menschlichen Wohnhaus und seiner Umgebung ihren Lebensunterhalt auf eigene Faust, sie fängt Mäuse. Beiden also, dem Hunde wie der Katze bietet das Leben mit den Menschen leiblich und geistig wirklich etwas. Dabei können sich beide frei bewegen und die Ges selligkeit mit ihresgleichen sowie das Familienleben pflegen. Hunde und Katzen suchen sich im Hof und auf der Straße ihre Männchen und Weibchen, ihre Freunde und Gespielen, aber auch ihre Feinde, mit denen sie wacker raufen, und beide haben sich durch die vielen Jahrtausende so an die menschliche Gesellschaft gewöhnt, daß ihnen das Wohnhaus der Menschen, das Dorf, die Stadt mit all ihren Eindrücken etwas Bekanntes und Vertrautes, beinahe etwas Liebes geworden ist. Und in dieser einzigen Qual, in die das Leben des Vogels verwandelt ist, läßt man ihn singen, stellt man sich an den Käfig, ſteckt ein Stückchen Zucker durch die Stäbe, schnalzt mit der Zunge und ruft mit falscher Stimme:" Hansi? Hansi?" Wahrhaftig, ein rohes Vergnügen, für das nur die völlige Ges dankenlosigkeit einige Entschuldigung bietet. Nichts von alledem trifft auf den Singvogel Wir töten Tiere, um sie als Nahrung zu ver- im Käfig zu. Fremd, vereinsamt, zur Untätigzehren. Das ist eine traurige Tatsache, aber feit verurteilt, sitzt der arme Gefangene da, unser ganzer Körper, unsere Zähne, unsere und jeder Zon aus seiner kleinen Kehle, dem Gedärme, unser Hirn sind auf fleischliche Nah- wir als Wohllaut lauschen, ist eine bittere rung angewiesen, und wir können nun ein- Klage über das schmachvolle, elende Dasein, mal ohne das Fleisch der Tiere nicht aus- das ihm durch die rohe Menschenhand bewenigstens bei dem heutigen Stand schieden worden ist. tommen 20 Für Mise« Kind« Mögen die Kinder reicher Leute an der Qual der Vögel im Bauer ihr gedankenloses Ver gnügen finden. Die Kinder der Arbeiter, die jede Sklaverei von der Welt vertilgen wollen. müssen der grausamen Gefangenschaft der Waldvögel im Käfig den Krieg ansagen, g. i. o o o Des Königs Kleid. Von Ludwig Pfau. Der König sitzt im Marmorsaal, Er faßt den funkelnden Pokal: „Wir sind bereit zum Feste! Wo bleiben denn die Gäste, Die Zecher all, die ich entbot?� Des Königs Kleid ist so blutigrot. !lnd lautlos öffnet sich das Tor, Es wallt herein ein düstrer Chor Zum Tisch mit leisen Füßen. Sie sitzen ohne Grüßen, Sie sitzen still als wie der Tod. Des Königs Kleid ist so blutigrot. Der König schaut erschrocken um: .Wer lud euch, Gäste, bleich und stumm? WaS soll's, mit schaurigem Nicken Mich gläsern anzublicken? Zhr rührt ja weder Wein noch Brot!" Des Königs Kleid ist so blutigrot. .Was starrt und bohrt ihr auf mich'los? Wollt euer Blut, das ich vergoß, Auf meinem Kleid erspähen? Das Blut könnt ihr nicht sehen, Das bringt kein Königskleid in Not." Des Königs Kleid ist so blutigrot. Und Leichenodem weht durchs Kaus, Da faßt den König kalter Graus; Er reißt mit zitternden Künden Den Purpur von den Lenden: „Äinweg dies Kleid, das mich bedroht!" Des Königs Kleid ist so blutigrot. Doch fester klebt sein rotes Kleid, Er muß es tragen in Ewigkeit; Kein weißes, reines Linnen Soll er im Grab gewinnen— Er sinkt vom Sessel bleich und tot. Des Königs Kleid ist so blutigrot. o o o Lebensgeschichte eines Massai. Au«»Durch Massalland-. Von Joseph Thomson. (Fortsetzung.) Inzwischen übte Moran sich mit dem Speere und tötete in der Einbildung unzählige Feinde. Klopfenden Herzens lauschte er den Erzäh lungen der Krieger von gewagten Viehdieb stählen und blutigen Gefechten, aber bis jetzt konnte er seinen Speer bloß färben in dem Blute einer Antilope oder höchstens eines Büffels. Seine Kost war noch immer die eines Nichtkriegers und bestand aus geronnener Milch, aus Mais, Hirse und Rindfleisch. Aber die vorwiegende Pflanzennahrung war die Kost der Frauen und Kinder, und er genoß sie nur noch mit Widerwillen. Als Moran sich dem Alter von 14 Jahren näherte, begann er, sich ein wildes, fürchter liches Aussehen zu geben. Anstatt sich krank zu machen in dem Bestreben, ein Zigarre zu rauchen, oder seine Oberlippe vor dem Spiegel zu prüfen wie ein europäischer Junge, gab Moran sich alle Mühe, wie ein Teufel auszu sehen, indem er die Stirne drohend runzelte und überhaupt einen grausamen und harten Ausdruck annahm. Und dies gelang ihm so gut, daß er dadurch den Neid der Knaben und die Bewunderung der Mädchen seines Stanimes erregte. Zuletzt waren alle darüber einig, daß Moran ein Mann geworden und würdig sei, ein Krieger zu heißen. Er wurde beschnitten und war nicht länger ein Knabe, sondern ein El-Moran— ein Krieger. Die Beschneidung ist eine uralte Sitte, die nicht nur von Juden und Mohamme danern geübt wird, sondern auch von vielen afrikanischen, amerikanischen und australischen Völkerschaften. Morans Vater beschloß, nunmehr den Sohn nach allen Anforderungen der militärischen Sitte auszurüsten. Dazu reiste er mit ihm zunächst nach einer benachbarten Ansiedlung der Andorobbo. Der Stamm der Andorobbo wird von seinen entfernten Verwandten, den ritterlichen Massai, gründlich verachtet, weil er den Lebensunterhall ausschließlich durch Jagd erwirbt, was den Massai gemein dünkt. Nachdem Moran und sein Vater die Ando robbo in ihren Sandalen hatten erbeben lassen, wählten sie einen schön gearbeiteten, länglich rund geformten Schild von Büffelleder aus, der einen fürchterlichen Speerstoß abhalten konnte. Die Massai machen nie selber Schilde oder Speere, obgleich sie auf kein anderes Eigentum so stolz sind wie darauf. Als die beiden nach dem Preise des Schildes fragten, wurde ihnen als niedrigster Selbstkostenpreis ein Stier genannt. Doch der unglückliche Ver fertiger des Schildes mußte sich mit einem mageren Schafe und einer Tracht Prügel zu- Für nnsrrt Kinder 21 frieden geben. Nachdem dieser Handel abge schlossen war, kehrten Vater und Sohn zu ihrem Kraal zurück und sprachen dann bei einem Elkonono vor. Die Elkonono sind eine unterworfene Bevölkerung, die bei den Massai in Diensten steht und für sie Schwerter und Speere verfertigt. Sie ziehen nicht mit in den Krieg und dürfen sich nicht mit den Massai verheiraten. Sie sprechen die Massaisprache, aber man glaubt, daß sie außerdem noch eine eigene Sprache haben. MoranZ Vater rief, und sogleich erschien ein erbärmlich aussehen der halbverhungerter Kerl mit einer'Auswahl mörderischer Waffen. Nach einer sorgfältigen Prüfung wählt« sich Moran einen Speer aus mit einer Eisenspitze von 76 Zentimeter Länge, einem hölzernen Schaft von SS Zentimeter und einem eisernen Unterende von 40 Zenti meter. Die eiserne Spitze hatte fast durchgängig «ine Breite von S bis 7'/, Zentimeter bis ganz nahe an dem Ende, wo sie plötzlich zugespitzt war. Ein Schwert und ein Streitkolben von furchtbarem Aussehen vervollständigten Mo- rans kriegerische Ausrüstung. Nachdem diese wichtigen Ankäufe gemacht waren, fing Moran an, sich seinem neuen Stand« gemäß zu putzen. Sein Haar ver arbeitet« er in einen Schopf von einzelnen Strängen, wobei er die über die Stirne fallen den kürzer schnitt als die übrigen. Anstatt des bisher gebrauchten elfenbeinernen Ohrstreckers legte er«inen dicken Ohrschmuck an, der aus einer Quaste von Eisenketten bestand. Den Hals verzierte er mit einem Bande von ge wundenem Eisendraht, und um das Hand gelenk legte er ein Armband von Perlen. Um seine Knöchel band er einen Streifen von dem schwarzen Fell des zentralafrikanischen Seiden affen. Eine dicke Schicht Fett und Lehm wurde ihm auf Kopf und Schultern geklebt. Hierauf legte er ein hübsch verziertes Mäntelchen von Ziegenhaut um, das allerdings nur Brust und Schultern bedeckte und nicht einmal bis zur Hüfte reichte. Bisher hatte Moran in dem Kral der ver heirateten Leute gelebt und demgemäß„nur für «inen Knaben" gegolten. Jetzt zog er in einen entfernten Kral, in welchem ausschließlichJüng- �inge und Mädchen lebten. Zu seinem Lebens unterhalt gab dir Vater Moran eine Anzahl Rinder mit. Bei seiner Ankunft im Kral traf Moran eine große Zahl prächtig gewachsener junger Wilder— man kann sich in der Tat keine Menschen denken, die herrlicher gebaut wären als die Massai. In der Reael ist keiner der El-Moran weniger als 18ö Zentimeter groß. Ihr Aussehen verrät freilich nicht große Stärke und zeigt wenig von jener knotigen und derben Muskulatur, wie sie bei uns die berufsmäßigen Athleten besitzen. Meist ist die Nase der Massai hoch, gerade und wohlgeformt, wenn sie sich auch bei manchen Stämmen mehr dem Negerschnitt nähert. Man steht ebenfalls sehr verschieden geformt« Lippen: dünne und wohlgestaltete bis zu ganz dicken und wulstigen. Die Augen sind glänzend, und ihre Hornhaut ist weißer, als es gewöhnlich bei den Völker schaften in Afrika der Fall zu sein pflegt. Der Schlitz des Auges ist meist schmal und wie bei den Mongolen etwas aufwärts gerichtet. Die Kinnbacken sind selten vorstehend; die Backen knochen treten deutlich hervor, und der Kopf ist oben und unten gleich schmal. Die Zähne stehen nach außen; die beiden untern mittleren Schneidezähne sind ausgezogen. DaS Haar, das nicht so kraus wie bei den Negern ist. wächst im ganzen dünn, aber gleichmäßig über den Kops verteilt. Kaum jemals sieht man Haare im Gesicht oder auf irgend einem Teil des Körpers. Tätowieren ist nicht üblich, nur hat jeder Massai fünf oder sechs Brandzeichen auf der Lende. Joseph Thomson, der kühne englische Rei sende, der das gefürchtete Massailand in seiner ganzen Länge zweimal durchquert hat, und dem wir diese Schilderungen verdanken, nennt die Massaimädchen die hübschesten von allen Mädchen, die er jemals in Afrika angetroffen hat. In ihrem Benehmen wie in ihrem Äußeren wirken sie vornehm. Ihre Figur ist zart und wohlgebaut und nicht durch die starke Entwicklung der Hüften verunstaltet, wie die der Negerinnen. Das Haar wird so gründ lich wegrastert, daß der Glatzkopf einen voll ständigen„Mondschein" zeigt. Als Kleidung tragen die Mädchen eine gegerbte Ochsenhaut, von welcher das Haar abgeschabt ist. Sie wird über der linken Schulter befestigt und geht unter dem rechten Arme durch. Ein Perlen- gürlel faßt sie über der Hüfte so zusammen, daß ein Bein frei bleibt. Häufig gleitet die Ochsenhaut von der Schulter herunter und hängt ganz an der Hüfte, so daß die Brust entblößt wird. Ganz besonderer Art sind die Schmucksachen der Mädchen. Um die Beine wird von den Knöcheln bis zum Knie Draht in engen Spiralwindungen hcrumgelegt. So plump ist dieser Schmuck, daß die Trägerin damit nicht ordentlich gehen, geschweige denn rennen kann, daß sie sich weder niederzusetzen 22 Für unsere Kinder noch aufzustehen vermag wie andere Menschen kinder. Auch um die Arme wird Draht herum gewunden, unterhalb und oberhalb deZ Ell bogens. Mit noch mehr Eisendraht wird der Hals in der gleichen Weise geschmückt. Sind diese Schmucksachen einmal angelegt, so müssen sie bis ans Ende der Ding« sitzen bleiben, weil es mehrere Tage schmerzhafter Arbeit erfordert, sie an Ort und Stelle anzubringen. Sie reiben die Knöchel wund und verursachen offenbar viele Schmerzen. Da sie in der Jugend angelegt werden, so verhindern sie die Entwicklung der Wade, und infolge davon bleiben die Beine gleichmäßig dick von den Knöcheln bis zum Knie— sie gleichen wirklich lebendigen Stelzen. Das Gewicht der Rüstung schwankt je nach dem Reichtum der Besitzerinnen, erreicht aber oft die anständige Schwere von 30 Pfund. Außer dem Eisendraht werden noch große Mengen Perlen und Eisenkelten verschiedent lich um den Hals angebracht. So sahen die jungen Männer und Mädchen aus, die Moran zu begrüßen hatte, und die den neuen �Ankömmling gehörig hänselten. Bald war aber Moran in die Geheimnisse des Krtegerkrals eingeweiht. Oberste Regel war hier eine äußerst strenge LebensAeise. Moran mußte sich zufrieden geben, wenn er nichts als Fleisch oder Milch zur Nahrung erhielt. DaS Fletsch aller anderen Tiere außer von Rindern, Schafen und Ziegen mußte gemieden werden; der Genuß von Eier- oder Pflanzenkost irgend welcher Art, von geistigen Getränken, Rauch oder Schnupftabak war verboten. Wer nur das Geringste von diesen Nahrungs- und Genuß mitteln zu üch nahm, wurde aus der Krieger kaste ausgestoßen; die bloße Einladung, es zu tun, galt schon als unerhörte Beleidigung. Als ob diese Vorschriften noch nicht streng genug seien, durfte niemand sehen, daß ein Krieger Fleisch im Kral aß, auch war es verboten, Fleisch zugleich mit Milch zu genießen. So vergingen viele Tage, an denen unser Moran nur frische Milch zur Nahrung erhielt. Wurde dann das Verlangen nach Fleischspeise bei ihm zu stark, so mußte er sich mit einem Rind nach einem einsamen Platz im Walde zurückziehen, begleitet von einigen Kameraden und einem Mädchen, welches das Kochen besorgte. Zuerst mußten sie sich vergewissern, daß keme Spur von Milch im Magen zurückgeblieben war; zu diesem BeHufe nahmen sie ein sehr kräftiges Adführmiltei zu sich. Darauf töleten sie das Rind entweder durch einen Schlag mit dem Ctreitkolben, oder indem sie ihm in den Nacken stachen. Nun tranken sie des Tieres warmes Blut, das ihnen das für den menschlichen Körper notwendige Salz lieferte, denn die Massai nahmen kein Salz in gewöhnlicher Form zu sich. Nachdem der blutige Trank beendet war, stopften sie sich so voll Fleisch, als nur möglich war. Sie schmausten vom Morgen bis zum Abend davon und hielten dadurch ihre Magd beständig in Atem. Das halbe Dutzend Leute verspeiste in wenigen Tagen das ganze Rind, und war es aufge zehrt. so kehrten sie zum Kral und zu ihrer täglichen Milchnahrung zurück. Während so die Nahrung der jungen Massai streng geregelt war, gab es im Verkehr zwischen Jünglingen und Mädchen keinerlei Fessel. Jedes Mädchen hatte mehrere Liebhaber, wenn auch einer von ihnen ihr besonderer Liebling sein mochte, und ebensowenig war einer der jungen Männer nur einer einzigen unter den Mädchen treu. Aber dies gab niemals Anlaß zu Eifersucht unter ihnen. Zwischen den jungen Mädchen und dem El-Moran herrschte die voll. ständigste Freiheit.(Fortsetzung folgt.) ovo WundersameNeise einerMuhlen- maus und ihr trauriges Ende. Von Fr. Prttfchow.(Fortsetzung.) Flix war ganz mutlos und wußte nicht, was er beginnen sollte. Sollte er in die Windmühle zurückkehren und dort den kommenden Tag verbringen? Aber die Mäuse würden ihn ge wiß wieder auslachen. Viel lieber ging er zu den Fröschen— ja, zu seinem lieben Spring witz wollte er gehen. Der würde schon Rat wiffen. Flix lief am Bächlein entlang und hörte auch alsbald am anderen User Froschstimmen er klingen. Er pfiff, so laut er immer konnte, damit ihn Springwitz höre. Und wirklich, Springwitz hörte ihn und kam sogleich her übergeschwommen. Als er erfuhr, daß Flix sich verlaufen habe und noch vor Morgen grauen im Wald« verborgen sein müsse, da war er sofort hilfsbereit. Springwitz schwamm davon und kehrt« mit zwei Fröschen zurück. Nach kurzer Beratung ging es zurück zum Tümpel, Flix saß wieder auf dem Rücken des guten Springwitz. Die beiden Frösche ver schwanden sofort wieder im Wasser, Spring witz aber unterrichtete Flix von seinem Vor haben und sprach: Für unsere Kinder Eh du kämst an jenen Wald, Wärst du sicher müde bald, Oder auch wohl unterdessen Irgendwo längst aufgefressen. Schau, wir bauen dir ein Floß, Damit fahren wir dann los. Bald, noch eh' die Sonn' aufgeht, Der Wald vor unsern Blicken steht." Flix zitterte am ganzen Leibe, als er von der langen Wasserfahrt hörte. Doch da kamen auch schon die Frösche mit dem Floße geschwommen, das sie vor sich her stießen. Das Floß, ein größeres Rindenstück, legte an. Springwitz und Flix nahmen in der Mitte Platz, während die beiden Frösche sich vorn und hinten aufstellten, um das Fahrzeug zu steuern. Die Frösche stießen vom Ufer ab und ruderten abwechselnd mit einem ihrer langen Hinterbeine. Langsam glitt das Floß über den Tümpel. Sodann gelangte es in den schnell fließenden Bach hinein. Die Frösche mußten sehr aufpassen, daß ihr Fahrzeug bei der raschen Fahrt nirgends anstieß und zerschellte. Flix aber bemerkte vor Müdigkeit und Angst nicht viel von der herrlichen Fahrt. Schließlich schlummerte er sogar ein wenig ein. Die Frösche sprachen lein Wort, die ganze lange Fahrt verlief lautlos und ohne Störung. Flix fuhr erschreckt auf, als Springwiß ihn plötzlich anredete. Der Wald- wo? Ach ja, da lag der dunkle Wald vor ihnen; Flix konnte es kaum glauben. Aber nun war ja alles gut, wenn sie nur glücklich landen konnten. Die Frösche schauten eifrig nach einem Platz zum Landen aus. Als sie eine bequeme Stelle dafür entdeckt hatten, legten sie an und schifften Flix aus. Flix nahm herzlichen Abschied von den guten Fröschen. Wie dankbar war er ihnenund wie freute er sich, daß alles so gut abgelaufen war. III. Flix macht abermals eine Wasserfahrt und gelangt bis an die Tore der Stadt. Frisch und munter marschierte Flix auf den Wald los. Schon graute der Tag. Noch vor Sonnenaufgang mußte Flix aber in einem ficheren Schlupfwinkel sein, wie ihm das Oberhaupt der Windmühlenmäuse angeraten hatte. Er dachte, im Walde würde er am ehesten ein Versteck finden. Vor dem Walde dehnte sich eine Wiese mit vielen runden Heuhaufen aus. Sobald Flix erst die Wiese hinter sich hatte, war er in Sicherheit. Mitten auf der Wiese traf er plötzlich auf eine Feldmaus. Doch war er nicht mehr erschrocken wie bei seiner ersten 23 Begegnung mit einer seiner Verwandten. Er redete die Feldmaus freundlich an und fragte nach einem sicheren Unterschlupf. Am liebsten wäre er mit der Feldmaus gegangen, um bei ihr im Bau den Tag zuzubringen. Erstaunt fragte die Feldmaus zurück: " Wie kommt's, daß du zu dieser Frist Noch ohne jede Wohnung bist? Ja, ist es denn wahr, Du wanderst wohl gar? Wohin, wohin Steht dein Sinn?" Flix erzählte geduldig von den schrecklichen Raben daheim und von seiner Reise zum König aller Mäuse, der den Mühlenmäufen helfen sollte. Zum Schlusse erkundigte er sich noch bei der aufmerksam lauschenden Feldmaus nach dem Wohnort des Königs. Auch bat er weiterhin die Feldmaus, ihn für einen Tag in ihrem sicheren Bau zu beherbergen. Die Feldmaus fann und sprach: ,, Du brauchst nicht sehr zu eilen, Darfst gern bei mir verweilen. Unser König Haberfatt Wohnet in der nächsten Stadt." den Weg nach der Stadt gewußt. Auf seine Da freute sich Flix. Nur hätte er gern noch dringende Frage, wie er am besten dahin fomme, antwortete die Feldmaus: ,, Hast du dich bei mir gepflegt, Führ' ich dich zur guten Stunde Wenn sich nichts Verdächt'ges regt Hin zur Stadt, damit die Kunde Eurer Not den König erreicht Und sein edles Herz erweicht." Nun war Flix zufrieden und wollte sich mit in die Wohnung der Feldmaus begeben. Mittlerweile war aber über ihrem Gespräch der Tag angebrochen, was die beiden Mäuse im Eifer gar nicht bemerkt hatten. Sie hatten auch nicht gesehen, daß eine Schar emfiger Kinder sich nun auf der Wiese tummelte, um das Heu einzubringen. Wie entsetzt waren die Mäuse, als sie mit einem Male das Leben auf der Wiese bemerkten. Flix wußte nicht wohin; die Feldmaus aber schlüpfte in ihr wohlbefanntes Loch. Zitternd verbarg sich Flig unter einem Heubaufen. Doch o Schreck er wurde alsbald mit dem Heu ergriffen, um das ein Tuch geschlagen und zusammengebunden ward. Flix war in diesem finstern Sack gefangen. Er fühlte sich im Heu eingezwängt, und die ängst wollte ihm zuerst schier das Herz brechen. Nach einiger Zeit indeffen hatte sich der tapfere Flig wieder ein wenig gefaßt und be 24 24 Für unsere Kinder gann seine Lage zu überschauen. War er denn so ganz und gar hoffnungslos verloren? Hatte er nicht scharfe Zähnchen, um ein Loch in das Tuch nagen zu können und dann zu entfliehen? Und schließlich konnte er noch immer die Flucht ergreifen, wenn das Heu in der Scheune ausgebreitet würde. Doch erst einmal aus dem fest zusammengepreßten Heu heraus an das Tuch zu gelangen das war jetzt sein einziger Gedanke. Das Heu wurde auf einem Wagen gefahren, das merkte Flix an dem Rumpeln und Stoßen. Mühsam arbeitete er sich durch das Heu und saß endlich an seiner Kerkerwand, dem Tuche. Deutlich hörte er die Kinder lachen und scherzen. Es ließ ihm keine Ruhe, er mußte ein Loch in die Hülle nagen, um zu sehen, was vorging. Die Kinder sangen und lachten, sie würden ihn gewiß nicht bemerken. Nach kurzer Zeit schon hatte Flix ein Loch in das Tuch genagt und lugte vorsichtig und neugierig daraus hervor. Nichtig, die Kinder gaben nicht acht. Da konnte er ja ganz heraustriechen aus seinem ungemütlichen Gefängnis. Zwei große Heubündel lagen auf einem Handwagen, der von mehreren Kindern gezogen wurde. Flix sah sich alles ganz genau an, vielleicht fand fich bald eine Gelegenheit zum Ausreißen. Er dehnte seine Glieder und putte sich etwas heraus, es war doch gar so eng im Heu gewesen. Vielleicht fuhren die Kinder in der Richtung nach der Stadt, und so war es für ihn um so angenehmer, gefahren zu werden, als den ganzen Weg zu Fuß zurückzulegen. Von einem Wald war weit und breit nichts zu sehen. Eine weite, fruchtbare Landschaft dehnte sich vor Flix aus. Die Kinder jagten jetzt mit dem Wagen einen kurz ansteigenden Weg hinan, und bei einer Biegung des Wegs erblickte unser Reisender einen breiten Fluß. So viel Wasser hatte Flix noch nie gesehen. Wie armselig nahmen sich daneben der Mühlenbach oder das Bächlein aus, auf dem ihn die guten Frösche gefahren hatten. Die Kinder machten Halt und warfen sich erschöpft in das hohe Gras am Wege. Ein Knabe kletterte die Böschung zum Wasser hinunter und ließ ein Stück Holz in den Fluß hinaustreiben. Die übrigen Kinder sahen zu und achteten nicht auf den Wagen. Flix glaubte jetzt, es sei doch das Sicherste, wenn er die Gelegenheit benute, unbemerkt zu entweichen. Schon wollte er vom Wagen herabklettern, als die Kinder bereits wieder um diesen herumtanzten und sprangen. So war Flig gezwungen, in das Heu zurückzuschlüpfen. Kaum aber hatte er sich wieder vertrochen, so gab es einen heftigen Stoß. Der Wagen fiel um, und die Heubündel kugelten den Abhang hinab geradeswegs in den Fluß hinein. Die Kinder erhoben ein Geschrei, eilten zum Fluß hinunter und wollten die Bündel wieder an das Land ziehen. Doch diese trieben bereits lustig in den Strom hinaus und drehten sich im Kreise. Flix hatte Glück die Seite des Bündels, in der er sich befand, kam nach oben zu liegen. Vorsichtig lugte er hervor und setzte sich dann auf das Heu. Angstlich starrte er auf die Strömung, die ihn mit fortriß. So trieb Fir eine ganze Weile voller Angst auf dem Wasser. Schließlich aber faßte er wieder Mut. Er sah sich um und betrachtete die Landschaft, während sein seltsames Schiff dahinglitt. Die prächtigsten Bilder wechselten miteinander ab: hohe Bäume und weite Wiesen und Berge in der Ferne. An den Ufern weideten Kühe. Da bei einer Krümmung des Flußlaufs sah er plötzlich etwas ganz Anderes. Ja, was war denn das was ragte denn dort empor? Diese Türme, das mußten die Türme der Stadt sein. Ja wirklich so war es in der Tat, er näherte sich bereits der Stadt. So würde er also schneller die Stadt erreichen, als er gedacht hatte. Wie aber sollte er von seinem Schiffe herunterkommen? Und schon vor der Stadt mußte er sein Schiff verlassen haben, denn dort drohte ihm die größte Gefahr. Selbst wenn er noch vor der Stadt glücklich an Land kam, war er noch lange nicht der Gefahr entronnen, entdeckt und gefressen zu werden. Das waren sehr trübe Aussichten für den tapferen Flix.( Fortsetzung folgt.) 000 Die Kuh im Schwalbennest. Eine Kuh, die saß im Schwalbennest Mit sieben jungen Biegen, Die feierten ihr Jubelfest Und fingen an zu fliegen. Der Efel zog Pantoffeln an, Ist übers Haus geflogen, Und wenn das nicht die Wahrheit ist, So ist es doch gelogen. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Betkin( Bundel), Wilhelmshöhe, Poft Degerloch bet Stuttgart. Drud u.Berlag J.S.W.Die Nachf.&.m.b.H. Stuttgart.