Für unsere Kinder Nr. 6 o o o o o o o Beilage zur Gleichheit 0000000 1911 Inhaltsverzeichnis: Das erste Weiß. Von Nepo> mut Vozl.(Gedicht.)— Eine Erzgebirgsreise. Von E. B.— Alexander und Buzephalos. Von Hans Aanrud.(Schluß.)— Der arme Junge im Grab. Von Brüder Grimm.— Die Wohnung der Mau«. Von Joh. Trojan.(Gedicht.) Vax erste weist. von Neponilltl vogl. Wie plötzlich doch bedeckt mit Eis So Strauch als Bäume stehn; Auf letztem Grün das erste Weiß, Wie traurig ist's zu sehn! Was bangst du. Herz? Sei frisch und kühn Und denk, wenn Flocken wehn: Auf letztem Weiß das erste Grün. Wie lieblich wird das stehnl 0 0 0 Eine Erzgebirgsreise. Nach dem Erzgebirge sollte es gehen. Wer von euch nicht weiß, wo das liegt, der schlage die Landkarte von Deutschland auf. In der Milte des Reiches zieht ein runder Gebirgs- stock die Blicke aus sich: das Fichtelgebirge. Von ihm aus ziehen strahlenförmig nach vier verschiedenen Richtungen Bergketten. Diejenige davon, die von Südwesten nach Nordosten läuft, ist das Erzgebirge. Ungefähr 140 Kilo meter lang und 40 Kilometer breit erstreckt es sich bis gegen die Elbe, eine Hochebene bildend, über die sich die Berge einige hundert Meler hoch erheben. Von Süd nach Nord ziehen tief eingeschnittene Quertäler, auf deren Sohle Bgche und Flüsse rauschen. Steile Berge, bis zum Gipfel von düsteren Wäldern bedeckt, wechseln mit sanften Abhängen und üppig grünen Wiesen. Das Erzgebirge grenzt das Königreich Sach sen eine große Strecke gegen Böhmen ab. Sein Name erklärt sich aus sich selber. Im zwölften Jahrhundert wurden in dem Gebirge silber reiche Erze entdeckt, und Harzer Bergleute wanderten ein, um die Metallschätze zu heben. Noch viele andere wertvolle Metalle birgt das Erzgebirge in seinem Schöße: Blei, Zinn, Nickel und Kobalt, Kupfer- und Eisenerze. Große Reichtümer wurden einstens aus den Erzen gewonnen. Doch der Silbersegen floß in die Taschen der sächsischen Fürsten und in die Kasten der großen Kaui Herren, er kam nicht den Fleißigen zugute, die die Erze aus tiefen Schächten ans Licht förderten. Armut und Elend war das Los der Bevölkerung des Ge birges, denn der Ackerbau gab nur geringen Ertrag. Häufig brachen Hungersnöte über sie herein. Die Gebirgler mußten zu den ver schiedenartigsten Gewerben greifen, um ihren Unterhalt zu gewinnen. Andere Zeiten sind gekommen, aber wie in der Vergangenheit, so ist auch heute noch das Leben der Erzgebirgler entbehrungsreich. Der Erzbergbau ist stark zurückgegangen, dafür aber werden in der Gegend von Zwickau bis Chemnitz reiche Kohlenlager abgebaut. Dem Laufe der Flüsse und Flüßchcn entlang, die rasch dahinströmen, ein starkes Gefäll haben, sind große Fabriken entstanden, namentlich mechanische Spinnereien und Webereien. Sie haben das Spinnrad und den Handwebstuhl in den Hütten der Erzgebirgler verdrängt. Aber in anderen Gewerben spielt eine kärglich entlohnte Handarbeit und Hausarbeit noch eine große Rolle. So für die Herstellung von Holzwaren, Spielzeug, Musikinstrumenten usw. Viele Tausende fleißiger Hände schaffen in Fabriken, Werkstätten und Wohnungen Reich tümer für andere, während sie selbst darben ____ Das Erzgebirge also sollte das Ziel meines Ausflugs sein. Es war ein herrlicher Tag, an dem ich Dresden mit dem Frühzug verließ. Wie sroh war ich, der Schwüle und dem Lärm der großen Stadt zu entfliehen! Der Sommer war im Lande. Die Gärten prangten im Schmuck herrlicher Rosen. Die Kornfelder wiegten leicht ihre goldenen Ähren im Morgenwind, des Schnitters harrend. Im tiessten Blau strahlte der wolkenlose Himmel. Munter dampfte der Zug dem Südwesten zu. Kaum, daß er Dres den verlassen, halte er den Ausläufer des Erz gebirges erreicht, den Plauenschen Grund mit seinen Fabriken, Mühlen und Bergwerken. Neben uns rauscht die Weißeritz, die vielen Betriebe mit Wasser versorgend. Von fern klingen kurz aufeinanderfolgend aus den Berg werken die hellen Signale der Kunstzeuge. Ihr 42 Für unsere Kinder Klingen bekundet, daß dort die Lüftung in Tätigkeit ist. Wie aber, wenn das Läuten verstummte? Es wäre das Zeichen, daß dem Bergmann tief unten im Erdenschoß Gefahr droht. Doch keine düsteren Gedanken heute! Fort, weiter fort, hinaus in die schöne Welt! Schon hat der Zug Tharandt mit seinem herrlichen großen Forst erreicht. Aber nicht lange, daß dieser hinter uns liegt, und das Bild ändert sich. Grau und trübe erscheint der Himmel, dunkle Felsenwände ragen auf, matt ist das Grün der Wälder, und graugrüne Felder breiten sich traurig vor den Blicken aus. über einen hohen Viadukt rattert und feucht der Zug. Tief unten im Tale brodelt Rauch wie aus einem Herenkessel. Er entquillt in gelben, grauen, braunen und schwarzen Schwaden den himmelhochragenden Schornsteinen der Metall- und Farbenschmelzwerke, der Metallwäschereien und Gießereien von Muldenhütten bei Freiberg. Ganz in Rauchwolfen gehüllt liegt der Ort da, unfreundlich, ja grauenhaft. Die Freiberger Mulde wälzt trübe, schlammige Wasser vor wärts. Grauer noch, trostloser als vorher ist die Gegend. Mit dem Rauche zugleich entsteigen den Schornsteinen der Hüttenwerke Arsenikdämpfe, die alles Pflanzengrün in der Nähe ertöten und auf weite Strecken hin den Wuchs der Felder und Wälder schädigen. Ein Tal des Todes ist von den Menschen geschaffen worden. Und hier, zwischen Hüttenwerken und grauen Schuttmassen, in qualmerfüllter, giftiger Luft müssen Hunderte von Arbeitern mit den Ihrigen ihr Leben verbringen. Wie im Fluge gelangen wir an Freiberg, Öderan und anderen Orten vorüber nach Flöha. Nun geht die Fahrt durch das Zschopautal, einem der schönsten, romantischsten Teile des Erzgebirges. Sogar im Eisenbahnwagen spürt man, daß die Luft kühl und würzig weht. Näher und näher schieben sich die bewaldeten Berge an die Ufer der Zschopau heran, die in raschem Fluß, Wirbel und Strudel bildend, über Steinblöcke und Wehre vorwärts stürmt. Oft ist neben ihr nur noch gerade Raum für die eingleisige Bahn, und selbst für sie mußten an manchen Stellen die Felsen gesprengt werden. Hoch oben auf den Bergen thronen alte Schlösser und Burgen und tünden von den Zeiten der Raubritter. Hier und da stört das Kreischen eines Sägwerfs oder das Räderfurren einer Spinnerei die Ruhe des Tales. Keuchend und stampfend fährt der Zug talaufwärts. Plötzlich weitet sich das Tal. Ein Kirchturm ragt hoch in die Lüfte, und hinter ihm taucht ein Berg auf. Der Pöhlberg ist's, an dessen Fuße Annaberg liegt, die größte Industriestadt des oberen Erzgebirges. Das Ende der Bahnfahrt ist erreicht, eilig steige ich aus. Welch ein Gegensatz zu der Gegend, die ich heute früh verlassen! Um mindestens vier bis sechs Wochen ist hier noch der Pflanzenwuchs zurück. Kaum daß der Flieder blüht. Wie lange mag's her sein, daß es zum letztenmal geschneit hat? Bleibt doch im oberen Erzgebirge der Schnee nicht selten bis Anfang Mai liegen. Frühlingsluft ist es, frisch und voll Waldesduft, die mich umweht. Voll Wonne atme ich in tiefen Zügen. Der Sonntag hat das Surren der Räder in den Posamenten- und Schnurenfabriken der Stadt zum Schweigen gebracht. Kirchglockengeläute tönt mir entgegen. Von den Häusern hallen eintönig die Tritte der Kirchgänger wider. Mich treibt es hinaus zur Stadt, den Pöhlberg hinan. Von seinem Gipfel genieße ich eine prächtige Rundschau. Vor mir liegen die Schwesternstädte Annaberg und Buchholz, weiter nach links folgt der Scheibenberg. Ganz im Hintergrund erheben sich die beiden Riesen des Erzgebirges, der Keilberg und der Fichtelberg, die beide 1200 Meter übersteigen. Südwärts von mir, hart an der Landesgrenze schaut finster drohend der Bärenstein nach Böhmen hinein. Ich drehe mich um, und die Höhen von Jöhstadt bis Marien berg grüßen zu mir herüber. Hinter Anhöhen mit ausgedehnten Feldern und Wäldern erblicke ich die Greifensteine bei Thum. Ungern nur reiße ich mich von dem herrlichen Bilde los. Heute noch muß ich gen Lauter bei Schwarzenberg, wo die eigentliche Wanderung nach dem Fichtelberg beginnt, fernab von der Straße der Vergnügungsreisenden. Von der langen Bahnfahrt und dem Steigen bergauf und bergab ermüdet komme ich abends in Lauter an. Das ist der Ort des Erzgebirges, wo wohl die mannigfachsten Gewerbe getrieben werden. Hier wer den Bürsten und Besen gebunden, Küchengeräte und Spielsachen aus Holz geschnitzt, Strohhüte und Strohteller usw. geflochten, Woll- wie Blechwaren hergestellt. Vieles davon in engen, armseligen Stübchen. Waren aus Lauter gehen weit durch das Deutsche Reich, oder richtiger: werden weit durch das Deutsche Reich getragen. Wer kennt sie nicht, die Männer mit den langen viereckigen Kästen auf dem Rücken, die von Ort zu Ort, von Haus zu Haus ziehen, um die vielerlei Sachen Für unsere Kinder 43 und Sächelchen feilzubieten die einen für Sie sitzen am Klöppelsack, das ist ein sackden Bedarf des Haushalts, die anderen zur artiges Kissen, das auf einem Gestell ruht. Freude der Kinder-, die im Winter angefertigt Von diesem Kissen hängen die Klöppel herab, worden sind? Zumal im oberen Erzgebirge sind die Bewohner auf gewerblichen Verdienst angewiesen. Der unebene steinige Boden und die rauhe Witterung sind dem Ackerbau wenig günstig. Die Bestellung der Felder erfordert unsägliche Mühe und Ausdauer. Nicht selten beginnt es schon Ende September zu schneien, und hat erst der Winter seinen Einzug gehalten, so schneit es oft wochenlang weiter. Mitunter häuft sich der Schnee dann zwei und drei Meter hoch auf, die Bewohner der Bergorte müssen sich aus ihren niedrigen Häufern herausschaufeln, und Wege und Stege liegen zwischen wahren Schneemauern. Es kann weit in den Mai hineingehen, bis der Schnee ganz verschwunden ist. Während in den geschützteren Gegenden des Erzgebirges Weizen, Roggen und Flachs gedeihen, kommen auf den Hochflächen nur Kartoffeln und Hafer fort. Und es fehlt nicht an Jahren, wo der dürftige Ertrag an Hafer nicht völlig reif geerntet werden muß, und die Kartoffeln halb erfroren vom Felde kommen. Da ist es die Not, die von alters her die Bewohner des oberen Erzgebirges zu gewerblicher Arbeit und zum Hausterhandel getrieben hat. So auch in Lauter. Neben der Heimarbeit hat sich dort die Fabrikarbeit eingebürgert, und Fabrik pfeifen ist es, das mich am anderen Morgen um 6 Uhr aus dem Schlafe weckte. Bald war ich wanderbereit. Mein Weg führte mich zunächst durch Schwarzenberg und Mittweida- Markersbach nach Pöhla. Trotz der Morgenstunde gab es überall fleißige Leute. Hier flappert der Webstuhl, da hämmert der Blechschmied, Händler hasten an mir vorüber der Eisenbahnstation zu, von der aus der nächste Zug fie nach Chemnitz tragen soll. Sein Pfeifchen schmauchend mäht ein Bauer Gras und ruft mir freundlich„ Guten Morgen" zu. Die flare Luft läßt einen prachtvollen Tag erwarten. Rüftig schreite ich aus. Je mehr mein Weg emporführt, um so mehr verschwinden die Fabriken und überlassen der Heimarbeit allein das Feld. In den Orten, durch die meine Straße führt, sitzen die Leute vor den kleinen Häuschen und liegen eifrig ihrer Arbeit ob. Nur so haben sie etwas von dem schönen Tag. Ich trete an eine fleißige Gruppe heran; Großmutter, Tochter und Enkelkinder. Die beiden Frauen, das jüngste Kindchen faum vier Jahre kann es alt sein!- flöppeln Spitzen. mit Zwirn bewickelte Spulen, über die zum Schuße gegen Unsauberkeit hölzerne Hülsen gezogen sind, die Klöppeltüten. Auf dem Klöppelfat liegt der„ Brief", ein Blatt Papier, auf dem das Spitzenmuster gezeichnet steht. Löcher bezeichnen die Knoten- und Kreuzungsstellen, wo sich die zu verflechtenden Fäden treffen. Dort werden Nadeln mit bunten Glasköpfen in das Rissen gesteckt, um die die Klöppel„ geworfen" und damit die Fäden gedreht werden.. Hei, wie hurtig fliegen die Klöppel hinüber und herüber, von den geschickten Händen der Frauen geworfen! Vor meinen Augen wächst eine schöne Spitze unter ihnen hervor. Flink arbeiten die winzigen Fingerchen des kleinen Kindes an einem schmalen Muster. Aber wie erbärmlich wird der Bienenfleiß gelohnt! Selbst wenn die Preise hoch sind, verdient eine Gruppe Klöppelnder, wie ich sie vor mir habe, höchstens 50 bis 60 Pfennig im Tag. Dabei darf sie feinen Augenblick versäumen, unaufhörlich muß sie die Hände regen. Ob sich wohl die gute Barbara Uttmann das träumen ließ, als sie gegen das Jahr 1560 das Spitzenklöppeln aus den Niederlanden im Erzgebirge einführte, um der Not, dem Hunger der armen Bevölke rung zu wehren? Freilich, auch andere feine Handarbeit bringt nur Pfennige ins Haus. Neben den Klöpplerinnen näht ein etwa achtjähriges Mädchen geduldig Perle an Perle auf eine schmale Borte. Die Augen hängen wie gebannt an der Arbeit, sie suchen nicht den blauen Himmel und die lachende Sonne. Die Finger fennen feine Rast. Stich- StichStich. Die Borte wird die Meßgewänder katholischer Priester zieren. Gewiß, sie muß gut bezahlt werden. Aber. o weh: für ein ganzes Meter der Stickerei gibt es 9 Pfennig. Hat denn die Arbeit ihren Segen verloren? Ach nein, aber der fließt in andere Taschen als die des Arbeitenden, in die Taschen der Fabrikanten, Verleger, Faktoren, Auffäufer und wie sie alle heißen mögen, die aus fremdem Mühen Gewinn ziehen. Hier im oberen Erzgebirge wird man auf Schritt und Tritt daran erinnert. Die weitere Wanderung bringt mich nach Oberrittersgrün. Lang zieht das Dorf sich hin, schon nahe am Kamm des Erzgebirges gelegen. Nun geht es dauernd bergauf; immer beschwerlicher wird der Weg. Auf den Ackern steht das Getreide dünn und kaum einen halben Meter 44 Für unsere Kinder Bäume hat der Frost getötet, starte Fichtenstämme sind unter der Last des Schnees wie Strohhalme zusammengeknickt. Bis zum Gipfel des Berges begleiten mich Bilder der Zerstörung. Wie ein von Stürmen aufgerütteltes Meer liegt das Gebirge zu meinen Füßen. Die ganze Landschaft um mich ist in Blau getaucht, das sich von der tiefsten Färbung der nächsten Berge zum hellsten Luftton der entfernteren Höhen abschwächt. Der Pöhlberg, der Bärenstein und andere ansehnliche Kuppen erscheinen von hier aus wie Hügel. Den Blick ins Böhmerland versperrt mir der höchste Berg des Erzgebirges, der Keilberg, der eben von einer Wetterwolfe eingehüllt wird. Von allen Seiten ziehen plötzlich rasch Wolken herauf. Düster liegt die Landschaft vor mir. Um dem drohenden Unwetter zu entgehen, eile ich im Galopp nach Oberwiesental hinab. Von hier aus soll mich die Bahn wieder nach Dresden, in den Sommer des fruchtbaren Elbtals bringen. Als ich den Bahnhof erreiche, dampft mir der Zug vor der Nase ab. Wie ärgerlich! Doch die Verstimmung über das kleine Pech verfliegt, als die Sonne wieder siegreich durch die Wolken dringt. Gern bleibe ich noch einen Tag im Erzgebirge. Oberwiesental ist die höchst= gelegene Stadt Sachsens. Die niedrigen Häuser lassen erkennen, daß auch hier die Armut der ständige Gast der Bevölkerung ist. Das wurde mir bestätigt, als ich in so manche Wohnung trat, wo Eltern und Kinder bei mühereicher Arbeit beieinander saßen. überall wurde ich freundlich empiangen und erhielt freundlich Bescheid. Der Tag war um, ich wußte kaum wie. Am anderen Morgen nahm ich Abschied vom Erzgebirge, das mir in seiner Rauheit so Herrliches geboten hatte. hoch, die Kartoffeln stecken eben erst die Blätter| baren Schaden unter ihnen angerichtet. Viele aus dem Erdboden hervor. Man könnte sich im Frühjahr glauben. Aber Mutter Natur targt nicht mit allem gegen die Erzgebirgler. Der moosige Boden der Wälder, die ich durchschreite, ist mit dem Kraut der Heidel- und Preiselbeeren dicht bedeckt. Wenn das Jahr gut ist, blüht es hier rot wie ein Tuch"; jung und alt zieht dann später hinaus, die Beeren zu pflücken; der größte Teil der Ernte tommt in die Städte zum Verkauf. Auch schmackhafte Pilze wachsen in den Gebirgswäldern in großen Mengen. Sie liefern dem Tische der Gebirgler zu der üblichen Kartoffelmahlzeit eine gute Zutost. Die Gebirgswiesen tragen mancherlei würzige und heilsame Kräuter, die gesammelt und verkauft werden. Jetzt prangen sie in üppiger Schönheit, bunten Teppichen gleich. Weite Abhänge sind mit Stiefmütterchen, mit Margueriten, Glockenblumen und allerhand gelben Korbblütlern bedeckt. Hier leuchtet es weiß, dort gelb, da strahlt es blau, glüht es rot, schimmert es violett aus dem grünen Grunde der Wiesen, die von dunklen Wäldern eingefaßt und von dem tiefblauen Himmel mit mächtigen weißen Wolken überwölbt werden. Hingerissen von dem wunderbaren Anblick fühlte ich nicht, daß der Weg steiler und steiler geworden ist. Jetzt habe ich hoch droben auf dem Kamm des Gebirges die vereinzelt liegenden Tellerhäuser erreicht. Hier sind Gäste selten. Verwundert schaut eine Frau aus dem Fenster nach mir. Ich bitte sie um einen Trunk Wasser. Wie der schmeckt! Die Frau erzählt mir, wie schwer es für ihre Kinder ist, die Schule zu besuchen. Fast 1 Stunden haben sie bis dahin, und im Winter fönnen sie wegen des hohen Schnees nur selten am Unterricht teilnehmen. Natür lich bleiben die Kinder in ihrem Wissen weit hinter den Stadtkindern zurück. Wenn sie aus der Schule entlassen sind, ergreifen sie meist den Beruf der Eltern, bei dem sie von klein auf schon tüchtig mithelfen müssen, damit ein paar Groschen mehr ins Haus kommen. Die Knaben werden Holzhauer, Wald- oder Sägemühlenarbeiter, die Mädchen betreiben das Spitzenklöppeln oder Gorinähen. Erfrischt ziehe ich weiter. Schon liegt der Fichtelberg, die höchste Erhebung Sachsens, vor mir. Oft trägt er noch zu Pfingsten eine Schneehaube. Fröhlich geht es in dem Fichtenwald bergan. Doch was ist das? Auf einer weiten Strecke sind die sonst grünen Nadelbäume fupferrot. Der lange Nachwinter hat furcht 000 Alexander und Buzephalos. Von Hans Aanrud. 6. B. ( Schluß.) Da bekam der Stadtjunge Mut; es war ja gerade wie in den Geschichten: die Hilfe kam unerwartet. Jetzt würde er schon gewinnen wenn auch nicht gerade den Stalp nehmen, so doch jedenfalls ihm einen Denkzettel geben. Der Widder ging ein paar Schritte zurück und die Reihe kam jetzt an ihn. Da bekam er einen Stoß mitten vor den Bauch, so daß er neben seinem gefallenen Gegner lag. Mit einem Sage waren sie beide über den Raun, fie wußten nicht wie. Für unsere Kinder 45 Das erste, was der Bauernjunge untersuchte, I mal lenken konnte, tam nicht weiter als bis war, ob seine Lederhose ein Loch bekommen ans Tor. Dann kam Alexander an die Reihe. hatte. Dann drohte er mit geballter Faust Er nahm Anlauf und saß mit einem Sage im durch den Zaun. Sattel, nein, das ist wahr, einen Sattel hatte er nicht. Und dann ging es fort Alexander blieb fizzen über die Gartentore und über die Hausdächer, und schließlich waren fie verschwunden." ,, Das sollst du nicht umsonst getan haben, du Schweinehund." Der Stadtjunge zog ein etwas langes Geficht, doch dies gab ihm wieder Mut. Es war, als ob sie sich auf einmal ganz gut kennten und gute Kameraden geworden wären. " Hat er dir weh getan?" ,, Ach nein, es muß anders kommen, ehe es weh tut." Er drohte wieder:" Ich werde dich schon zähmen!" Als der Stadtjunge das Wort zähmen hörte, tauchte gleich sein Lieblingsgedanke wieder in ihm auf: Ob sie Philipp und Alexander sein sollten und der da Buzephalos? Davon wußte der andere nichts; er kannte feinen anderen Philipp als den Apostel Philippus und dann Philipp Storsveen, und Alexander und Buzephalos hatte er nicht einmal nennen hören. Darüber konnte der andere ihm Bescheid geben.„ Philipp war König von Mazedonien; das war ein Land weit, weit von hier, gerade so weit auf der anderen Seite der Stadt, und es war lange her, sicher über hundert Jahre, und Alexander war dort Kronprinz. Philipp hatte ein Pferd, das sie Buzephalos nannten, und das konnten sie nicht zähmen, so sehr sie sich anstrengten." ,, Da muß es ein Pferd aus Valders gewesen sein; denn das sind die schlimmsten." ,, Nein, es war ein Araber." ,, Nun, das wäre so ziemlich derselbe Schlag, soviel er wenigstens wüßte." „ Das war es wohl auch, und es war so toll und wild, daß es über alle Gartentore und Zäune in der Stadt sprang und Kirschen fraß. Dann berief Philipp sein ganzes Volt, den Diener und den Kutscher und die Generäle und die Minister und die Feuerwehr und die Schußleute, und sagte, sie sollten so viel Elfenbein bekommen, wie sie zu tragen vermöchten, wenn sie den Buzephalos zähmten." War er nicht selber Manns genug, sein Pferd zu zähmen?" ,, Doch; aber für ihn, den König, ging es nicht an. Dann begannen sie; die Generäle zuerst; sie dachten nun einmal, sie wären die besten; aber viele von ihnen tamen gerade hinauf, da warf sie Buzephalds auch schon ab, daß es nur so rauchte. Selbst der Kutscher, der die beiden anderen Pferde auf ein,, Blieben sie weg?" aber ,, Sie warteten sicher über eine Stunde. Da kamen sie denselben Weg zurück, und da war Buzephalos so zahm, daß er sich hinlegte wie ein anderes Kamel." " Hm! Ganz so toll trieb es der Braune auf Opsal nicht, als sie ihn im Frühjahr zähmten. Aber sie mußten den Stangenzaum anwenden. Das hat Alexander wohl auch getan." Ja, davon wußte der andere nichts. „ Doch, das hatte er ganz bestimmt getan. Und dann war es nicht so gefährlich. Vor dem Stangenzaum mußten sie flein beigeben, wie ausgelassen sie auch waren, wenn sie ihn nicht auf die Zähne zu nehmen verstanden. Aber den Kniff kannte wohl Buzephalos nicht, denn den kannten nur die ausgefahrenen Hemärkingsmähren." Es dauerte nicht lange, bis sie einig waren, diesen Plan auszuführen. Sie nahmen gleich die Titel an. Der Stadtjunge sollte selber Philipp von Mazedonien sein und der Bauernjunge Alexander, und jetzt hieß es immer nur König und Prinz. Netta mußten sie als General verwenden, und Alexander glaubte schon, daß er seine Großmutter bewegen würde, die Feuerwehr zu bilden. Die Zaunpfähle sollten die Schuhleute sein. Mazedonien sollte sich gerade vom Zaun bis an den Ruhstall erstrecken, und die Scheunenbrücke sollte das Schloß sein; da sollte der Thron errichtet werden. Alexander mußte genau lernen, wie er sich als Prinz zu benehmen, das Zepter zu berühren, und sich vor dem Thron zu verneigen habe. Dann verfaßte der Stadtjunge den Aufruf an das Volk von Mazedonien, und am nächsten Tage sollte Buzephalos gezähmt werden. Darauf trennten sie sich mit föniglichem Gruß und hochtrabenden Titeln. Alexander hatte bis spät am Abend damit zu tun, seiner Großmutter dies alles zu er zählen, und schließlich bekam er auch ein halbes Versprechen von ihr, daß sie als Feuerwehrmann mitmachen wollte, wenn gutes Wetter wäre. Aber wieviel er auch davon sprach, wie sie angezogen sein und wie sie aussehen sollten, so fonnte er seine Großmutter doch nicht dazu 46 Für unsere Kinder bringen, sich über die Hose auszusprechen. Er hielt es indessen für so selbstverständlich, daß er die neuen Hosen anhaben müßte, wenn er Alexander sein sollte, daß er in dem sicheren Glauben einschlief, sie wäre derselben Mei nung. Aber am Morgen, als er angezogen werden sollte, kam die Großmutter doch mit der Lederhose. Ob sie nicht mehr wüßte, daß er Alexander sein sollte? Doch, aber Großmutter meinte, daß diese gut genug wäre. Die Sonntagshosen müßten geschont werden. Das ging aber nicht an, Alexander hatte keine Lederhosen. Wenn er so schlimm war, seine Kleider zu zerreißen, so hat er schon auch welche gehabt, als er klein war. Ja, aber Philipp von Mazedonien war auch klein; er hatte keine. Es wäre etwas anderes mit den Stadt leuten, sie wären ständig im vollen Staat. Sie müßte doch verstehen, daß das nicht anginge. Der Blitz wäre auch hereingefahren. Sie könnte den Knecht auf Opsal fragkn. Er sollte das nicht glauben; sie hätten ihn nur zum besten. Ja, sie sollte sehen, wenn sie ein Loch be käme, so— — Ja, dann wäre es am besten, wenn es die alten Hosen wären;— und er mußte sie trotz allem anziehen. Es war unglaublich, wie lange Großmutter brauchte, bis sie fertig war! Er hatte Zeit, es sich viele Male hin und her zu überlegen, wie er Buzephalos am besten lenken sollte, und er hatte sich schon längst einen Knoten ausgedacht, mit dem er das Tau so fest machen wollte, daß das Horn eher abgehen würde, als daß der Knoten aufginge. Endlich war Großmutter fertig, und sie zogen zusammen den Berg hinunter. Im Hose trat ihnen Philipp von Mazedonien und sein General entgegen, die dort auf sie warteten. Philipp hatte eine rote Papierkrone auf dem Kopse, ein Schwert an der Seite und einen abgebrochenen Harkenstiel in der Hand. Das war Mazedoniens Zepter. Er streckte dem edlen Prinzen als Zeichen seiner königlichen Gnade das Zepter entgegen, daß er es be rühren sollte; doch Alexander war von dem Staat so geblendet, daß er es vergaß. Oben auf der Scheunenbrücke war der Thron er richtet. Es war ein Stuhl mit einer Fußbank darauf. Philipp begann seine Befehle zu erteilen. Großmutter bekam den Befehl, Buzephalos zu holen und ihn an den Zaun zu binden. Dann bestieg Philipp von Mazedonien seinen Thron. Er schwang sein Zepter, blickte über Mazedoniens Land und Leute und hielt fol gende Rede: „Meine Generäle, Minister, Kutscher, Feuer wehrleute und Schutzleute! Ich, König Philipp, der Größte von Mazedonien, tue hierdurch kund, daß ich meine königliche Gnade und hundert Ellen Elfenbein dem geben werde, der mein wildes Pferd Buzephalos, das im Schloßhof festgebunden steht, zähmen kann." Netta und Großmutter zogen sich auf die Scheunenbrücke zurück, wie ihnen befohlen worden war. Darauf blickte er sich vorwurfsvoll um: „Wagt es niemand? Sind alle Mazedonier solche Feiglinge? Wenn ich nicht König wäre, würde ich es selbst tun." Da trat Alexander vor. Er verneigte sich ehrerbietig vor dem Throne. Philipp streckte sein Zepter aus, und er berührte es. „Das ist recht, mein Prinz, jetzt kann ich sehen, daß es noch Männer in Mazedonien gibt." Alexander machte kehrt und näherte sich Buze phalos, der dastand und am Tau riß. Er machte runde Ellbogen und schlenkerte mit den Armen. So groß war er sich noch nie vorgekommen. Er konnte es nicht lassen,«inen verstohlenen Blick auf Philipp und Mazedoniens Volk zu werfen, und der Mund war breiter und lachen der, als es sich streng genommen für einen Prinzen ziemte. Jetzt sollte er doch einmal zeigen dürfen, was er für ein forscher Kerl war. Er biß die Zähne zusammen und nahm einen so kräftigen und tiefen Anlauf, daß die Hosen fast hinten aufstießen. Es mißglückte. Ja, das hatte er sich gedacht; sie waren zu schwer, weil der Blitz darin war. Er versuchte es noch einmal. Und diesmal gelang es. Da saß er. Der Widder machte einen Satz, doch da er nicht los kam, drückte er sich an den Zaun, so daß Alexander Gelegenheit be kam, das Tau zu lösen. Er löste es und warf im selben Nu wieder einen Blick auf die Maze donier. Doch da sprang das Hinterteil von Buze phalos auf einmal in die Luft, und das Tier lief ein paarmal um sich selbst. Alexander schreckte zusammen, so daß er das Tau los ließ und sich mir beiden Händen an der Wolle festklammerte. Für unsere Kinder 47 Philipp sprang auf den Thron hinauf, schwang das Zepter und rief:„Suche dir ein anderes Königreich, Alexander, Mazedonien ist für dich zu klein." Jetzt flog Buzephalos in langen Sätzen immer schneller und schneller davon; bald war er ganz hinter den Ställen verschwunden. Alexander hing fest, und das letzte, was sie sahen, war eine breite Lederhose, die zwischen dem Halse und der Lende von Buzephalos hin und her geworfen wurde, als er sich über die Grenze von Mazedonien hinaus begab. Nach kurzer Zeit kam er wieder auf der anderen Seite vom Hauptgebäude zum Vor schein und lief dann in rasender Eile um das Vorratshaus herum. Alexander hing noch immer darauf, und da der Widder ihn nicht los werden konnte, schlug er wieder den Kurs über die Grenze» von Mazedonien und gerade auf das Schloß zu ein. Er wollte zu Leuten kommen und nahm seine Zuflucht zur Groß mutter. Da verlor Philipp völlig den Kopf. Er er hob sich auf dem Thron und schleuderte sein Zepter gegen das Tier. Buzephalos erschrak, machte eine schnelle Wendung und stieß gerade gegen den Thron von Mazedonien, so daß dieser umfiel, er schrak immer mehr und sprang mit einem ge waltigen Satze die Brücke hinunter. -- Als Buzephalos weiter galoppierte, war er allein. Netla nahm sich des gefallenen Königs Philipp an, der Nasenbluten hatte und weinte, und Großmutter lief schnell hinunter, um nach Alexander zu sehen. Der erhob sich mit königlichem Zorn, zeigte mit der einen Hand einen Riß in der Hose, und mit der anderen drohte er der Großmutter: „Das hatte ich dir gleich gesagt, Großmutter, es geht nicht an, Alexander zu sein, wen» man eine Lederhose hat, in die der Blitz gefahren ist." 000 Der arme Junge im Grab. Es war einmal ein armer Hirtenjunge, dem war Vater und Mutter gestorben, und er ward von der Obrigkeit einem reichen Manne in das Haus gegeben, der sollte ihn ernähren und er ziehen. Der Mann aber und seine Frau hatten ein böses Herz, waren bei allem Reichtum geizig und mißgünstig und ärgerten sich, wenn jemand einen Bissen von ihrem Brot in den Mund steckte. Der arme Junge mochte tun, was er wollte, er erhielt wenig zu essen, aber desto mehr Schläge. Eines Tags sollte er die Glucke mit ihren Küchlein hüten. Sie verlief sich aber mit ihren Jungen durch einen Heckenzaun; gleich schoß der Habicht herab und entführte sie durch die Lüfte. Der Junge schrie aus Leibeskräften: „Dieb, Dieb, Spitzbub." Aber was half das? Der Habicht brachte seinen Raub nicht wieder zurück. Der Mann hörte den Lärm, lief herbei, und als er vernahm, daß seine Henne weg war, so geriet er in Wut und gab dem Jungen eine solche Tracht Schläge, daß er sich ein paar Tage lang nicht regen konnte. Nun mußte er die Küchlein ohne die Henne hüten, aber da war die Not noch größer, das«ine lief dahin, das andere dorthin. Da meinte er es klug zu machen, wenn er sie alle zusammen an eine Schnur bände, weil ihm dann der Habicht keins wegstehlen könnte. Aber weit gefehlt. Nach ein paar Tagen, als er von dem Herum laufen und vom Hunger ermüdet einschlief, kam der Raubvogel und packte eins von den Küchlein, und da die anderen daran festhinge», so trug er sie alle mit fort, setzte sich auf einen Baum und schluckte sie hinunter. Der Bauer kam eben nach Hause, und als er das Unglück sah, erboste er sich und schlug den Jungen so unbarmherzig, daß er mehrere Tage im Bette liegen mußte. Als er wieder auf den Beinen war, sprach der Bauer zu ihm:„Du bist mir zu dumm, ich kann dich zum Hüter nicht brauchen, du sollst als Bote gehen." Da schickte er ihn zum Richter, dem er einen Korb voll Trauben bringen sollte, und gab ihm noch einen Brief mit. Unterwegs plagte Hunger und Durst den armen Jungen so heftig, daß er zwei von den Trauben aß. Er brachte dem Richter den Korb, als dieser aber den Brief gelesen und die Trauben gezählt hatte, so sagte er:„Es fehlen zwei Stück." Der Junge gestand ganz ehrlich, daß er, von Hunger und Durst getrieben, die fehlenden verzehrt habe. Der Richter schrieb einen Brief an den Bauer und verlangte noch einmal soviel Trauben. Auch diese mußte der Junge mit einem Briefe hintragen. Als ihn wieder so gewaltig hungerte und dürstete, so konnte er sich nicht anders helfen, er verzehrte abermals zwei Trauben. Doch nahm er vor her den Brief aus dem Korbe, legte ihn unter einen Stein und setzte sich darauf, damit der Brief nicht zusehen und ihn verraten könnte. Der Richter aber stellte ihn doch der fehlen den Stücke wegen zur Rede.„Ach." sagte der 48 Für unsere Kinder Junge, wie habt Ihr das erfahren? Der Fliegengist, sondern Ungarwein. Der Junge Brief konnte es nicht wissen, denn ich hatte ihn zuvor unter einen Stein gelegt." Der Richter mußte über die Einfalt lachen und schickte dem Manne einen Brief, worin er ihn ermahnte, den armen Jungen besser zu halten und es ihm an Speis und Trank nicht fehlen zu lassen; auch möchte er ihn lehren, was recht und unrecht sei. " Ich will dir den Unterschied schon zeigen," sagte der harte Mann;„ willst du aber essen, so mußt du auch arbeiten, und tust du etwas Unrechtes, so sollst du durch Schläge hinlänglich belehrt werden." Am folgenden Tage stellte er ihn an eine schwere Arbeit. Er sollte ein paar Bund Stroh zum Futter für die Pferde schneiden; dabei drohte der Mann. In fünf Stunden," sprach er, bin ich wieder zurück, wenn dann das Stroh nicht zu Häcksel geschnitten ist, so schlage ich dich so lange, bis du kein Glied mehr regen fannst." Der Bauer ging mit seiner Frau, dem Knecht und der Magd auf den Jahrmarkt und ließ dem Jungen nichts zurück als ein kleines Stück Brot. Der Junge stellte sich an den Strohstuhl und fing an, aus allen Leibeskräften zu arbeiten. Da ihm dabei heiß ward, so zog er sein Röcklein aus und warf's auf das Stroh. In der Angst, nicht fertig zu werden, schnitt er immer zu, und in seinem Eifer zerschnitt er unvermerkt mit dem Stroh auch sein Röcklein. Zu spät ward er das Unglück gewahr, das sich nicht wieder gutmachen ließ.„ Ach," rief er,„ jetzt ist es aus mit mir. Der böse Mann hat mir nicht umsonst gedroht; kommt er zurück und sieht, was ich getan habe, so schlägt er mich tot. Lieber will ich mir selbst das Leben nehmen." Der Junge hatte einmal gehört, wie die Bäuerin sprach:„ Unter dem Bette habe ich einen Topf mit Gift stehen." Sie hatte es aber nur gesagt, um die Näscher zurückzuhalten, denn es war Honig darin. Der Junge froch unter das Bett, holte den Topf hervor und aß ihn ganz aus. Ich weiß nicht," sprach er, die Leute sagen, der Tod sei bitter, mir schmeckt er süß. Kein Wunder, daß die Bäuerin sich so oft den Tod wünscht." Er setzte sich auf ein Stühlchen und war gefaßt zu sterben. Aber statt daß er schwächer werden sollte, fühlte er sich von der nahrhaften Speise gestärkt. ,, Es muß kein Gift gewesen sein," sagte er, ,, aber der Bauer hat einmal gesagt, in seinem Kleiderkasten läge ein Fläschchen mit Fliegengift, das wird wohl das wahre Gift sein und mir den Tod bringen." Es war aber kein " holte die Flasche heraus und trank sie aus. „ Auch dieser Tod schmeckt süß," sagte er, doch als bald hernach der Wein anfing, ihm ins Gehirn zu steigen und ihn zu betäuben, so meinte er, sein Ende nahte sich heran.„ Ich fühle, daß ich sterben muß," sprach er,„ ich will hinaus auf den Kirchhof gehen und ein Grab suchen." Er taumelte fort, erreichte den Kirchhof und legte sich in ein frisch geöffnetes Grab. Die Sinne verschwanden ihm immer mehr. In der Nähe stand ein Wirtshaus, wo eine Hochzeit gefeiert wurde; als er die Musik hörte, deuchte er sich schon im Paradies zu sein, bis er endlich alle Besinnung verlor. Der arme Junge erwachte nicht wieder, die Glut des heißen Weins und der kalte Tau der Nacht nahmen ihm das Leben, und er verblieb in dem Grab, in das er sich selbst gelegt hatte. Als der Bauer die Nachricht von dem Tode des Jungen erhielt, erschrak er und fürchtete, vor das Gericht geführt zu werden; ja die Angst faßte ihn so gewaltig, daß er ohnmächtig zur Erde sant. Die Frau, die mit einer Pfanne voll Schmalz am Herde stand, lief herzu, um ihm Beistand zu leisten. Aber das Feuer schlug in die Pfanne, ergriff das ganze Haus, und nach wenigen Stunden lag es schon in Asche. Die Jahre, die sie noch zu leben hatten, brachten sie, von Gewissensbissen geplagt, in Armut und Elend zu. 000 Brüder Grimm. Die Wohnung der Maus. Von Johannes Trojan. Ich frug die Maus: Wo ist dein Haus?" Die Maus darauf erwidert mir: ,, Sag's nicht der Kay, so sag ich's dir. Treppauf, treppab, Erst rechts, dann links, Dann wieder rechts, Und dann grad aus Da ist mein Haus, Du wirst es schon erblicken! Die Tür ist klein, Und trittst du ein, Vergiß nicht, dich zu bücken." Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Zetkin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Druck u.Berlag J.H.W.Diez Nachf. G.m.b.H. Stuttgart.