Für unsere Kinder Nr. 9 ooooooo Beilage zur Gleichheit o oooooo 1912 Inhaltsverzeichnis: Heide im Winter. Bon| ein wenig zur Faulheit. Doch das ist den Detlev v. Liliencron.( Gedicht.) Frau Holles beiden anderen gerade recht. Sie haben um Garten. Von Anton Fendrich. Bei den Ob- so besser arbeiten. Am liebsten tun sie's in dachlosen. Von Leo Tolstoi, Das Joch am der Nacht, wie ihre kleinen Brüder im Tal, Leman. Bon Konrad Ferdinand Meyer.( Gedicht.) die Wichtelmännchen. Und wenn dann am Galvanoplastik. Von A. Schulze, Ingenieur. ( Schluß.) Die Wurzelprinzessin. Von Robert Morgen die Menschen mit verschlafenen Gesichtern aus den Bauernhäusern schauen, dann sind sie verschwunden und Frau Holles Garten liegt da in seiner ganzen weißen Blütenpracht. Reinid. Heide im Winter. Uon Detlev v. Liliencron. Die Sonne leiht dem Schnee das Prachtgeschmeide; Doch ach, wie kurz ist Schein und Licht. Ein Nebel tropft, und traurig zieht im Leide Die Landschaft ihren Schleier dicht. Ein Häslein nur fühlt noch des Lebens Wärme, Am Weidenstumpfe bockt es bang; Doch kreischen hungrig schon die Rabenschwärme Und backen auf den sichern Fang. Als Frau Holle einst gesehen hatte, wie der Herbst mit den Birken und Bergahornen und Ebereschen umgegangen war, die ihre dürren nackten Zweige tläglich in die Luft streckten und neidisch waren auf die Tannen, denen der Grobian nichts anhaben konnte, da war es der himmlischen Frau gleich klar, daß dies nicht so bleiben könne, und daß auch der heimliche König, der Winter, seinen Garten haben müßte. Als sie deswegen zum erstenmal mit den drei wilden Gesellen sprach und Bis auf den schwarzen Schlammgrund sind gefroren fie fragte, ob sie wohl ihre Gärtner sein wollten, Die Wasserlöcher und der See. Zuweilen geht ein Wimmern, wie verloren, Dann stirbt im toten Wald ein Reh. 0 0 0 Frau Holles Garten. Habt ihr schon einmal einen Wintergarten gefehen? Da frieren müde Palmen in einer großen glasgedeckten Restaurationhalle und haben Heimweh nach der Sonne; struppige Eritabüsche lassen ihre kleinen roten Blütenperlen in die schwarze Topferde fallen, und Zyklamen, diese Struwwelföpfe unter den Blumen, lassen traurig die fleischigen Blätter und Blütenstile hängen, weil es ihnen, den Kindern der Heide und der Berge, zu warm und zu dumps ist. Ein halbes Dußend ungarischer Zigeuner spielt eine schwüle Mufit, während die feinen Herren und Damen an kleinen Marmortischen Bier oder Kaffee trinken und rauchen. da sagten diese einmütig zu. Nur die Sonne sollte nichts dabei zu tun haben, baten sie sich als Bedingung aus; und der Nebel meinte, die tue überhaupt schon so dick, als hätte sie alles allein gemacht. Und als er dies gesagt hatte, blics er seine dicken, bleichen Backen auf und versicherte den beiden Kameraden, er werde ihr das Handwerk schon legen. Frau Holle versprach, in dieser Hinsicht zu tun, was möglich sei, aber die Sonne unterstände eben einem Höheren. In einer hellen Nacht, wo es am Himmel flirrte und loderte von brennenden Sternen, fingen die drei Gärtnerburschen mit der Arbeit an. Zuerst fam der Frost und sagte, daß bei der Gärtnerei die richtige Temperatur die Hauptsache wäre. Das hörte das Thermometer am Feldbergerhof und fant vor Schreck auf 20 Grad unter Null. Dann kam der Wind und fand, das allerwichtigste sei die richtige Bearbeitung des Bodens. Und er fing an zu wehen und fuhr mit seinem Karren ganze Berge der weißen Lasten in die Löcher und Mulden, die ausgefüllt werden mußten. Wo es schon eben war, da häufelte er um einsame Wegweiser oder dumme und anmaßende WarDrei wilde Gesellen sind Frau Holles nungstafeln so lange den Schnee, bis diese Gärtnerburschen, der Wind, der Frost und fast erstickten und demütig um Gnade baten. der Nebel. Von ihnen neigt nur der Nebel, Gell Bürschli, jezt isch ander Wetter als im Und das alles zusammen nennt man einen Wintergarten. Kommt, ich will euch einen anderen zeigen, einen richtigen, droben in meinen Bergen. 66 Für unsere Kinder den häßlichen knorrigen Ahornen. Der Wind blies und der Frost ließ die zarten zerriebenen Schleier von des faulen Bruders Gewand an den dürftigen Asten und Zweigen fest gefrieren. So trieben sie's auch an den Brombeerhecken, an den Buchenbüschen, an der dichten grünen Wand des Tannenwalds, an den betrübten Wegweisern und Warnungstafeln und überall, wo ein vorwißiges Ästchen oder Hälmchen in die Luft ragte. Die Telegraphenstangen, die wie gehorsame Zinnsoldaten am Seebuck in einer geraden Reihe standen und Wache hielten, bekamen der Länge nach eine schöne Silberborte für treue Dienste angeblasen. Die Telegraphendrähte wurden in aller Heimlichkeit zu dicken Silberschnüren gedreht und die am Walde vom Sommer hängen gebliebenen Waschseile der Hirtenfrau in dicke weiße Girlanden verwandelt. Es ist gar nicht zu sagen, wie die beiden schufteten und schafften und in einer einzigen Nacht Frau Holles Garten in Ordnung brachten. zuletzt, als die Sonne schon mit einem Auge über die Jägermatte heraufblinzelte, was aber den Nebel in seinem guten Schlaf nicht im mindesten störte, wurde noch für Gartenties gesorgt.„ Aber nur feinen groben!" sagte der Wind; denn der ist so schwer, und ich bin rechtschaffen müde." Sommer," sagte er zu ihnen und fuhr dann kahlen Ebereschen, den zitternden Birken und zu den Hütten und Häusern, um ihre Dürftigkeit durch glitzernde Hände so herauszupußen, daß auch sie in Frau Holles Garten paßten. Ganz oben am Seebuck und drüben am Herzogenhorn jagte er die trägen Flocken über die Gipfel; aber die waren so faul, daß sie im Davonfliegen aneinander gefroren, bis es Wächten gab, die wie gefrorene Tränen und als dicke traurige Wülfte von der Gipfelwand herabhingen. Um die einsamen Wettertannen grub er tiefe Löcher, die fast aussahen, wie die von den Gärtnern um die Apfel- und Birnbäume gestochenen Baumringe. Gerade als er noch einige den einheitlichen Eindruck des Gartens störende Sumpstännchen aus reißen wollte, die sich aber mit tausend Wurzelfingern in den Boden gegraben hatten und ihn auslachten, als er sie mit seinen groben Händen an ihren dünnen tnorrigen Üstlein halten wollte gerade da kam der Nebel und meinte, jetzt wolle auch er sich einmal an die Arbeit machen. Das war aber nur eine lügnerische Ausrede. Es war ihm nicht im geringsten ums Schaffen zu tun. Er wollte einigen schönen schlanken Tannen im Köpflewald den Hof machen, und als der Wind, der ein ehrlicher Kerl ist, gegangen war, um ihm Platz zu machen, da war der Nebel auch gleich im Wald und umfloß mit anmutigen Gebärden und in schmachtenden Stellungen die allerschönsten unter den stolzen Tannen. Aber die lachten ihn nur aus. Denn ihr Geliebter war eben der Wind, von dem sie sich so gern rütteln und schütteln, lieblosen und küssen ließen. Und sie meinten zu dem Nebel, er fönne mit allem schönen Getue des Windes Nebenbuhlerschaft doch nicht ausstechen. Alles das wußte der Nebel schon lange, aber es ärgerte ihn doch wieder, und eigensinnig, mit einem dicken brummigen Kopf, setzte er sich an den Seebuck. In seinem beleidigten Stolz blies er sich so auf, daß bald die Sterne am Himmel verschwanden und ein milchiges Dunkel über Höhen und Tälern lag. Das ging nun alles dem Wind zu lange, und als er langsam herankam, um einmal nachzusehen, wie es mit der Arbeit stünde, da saß richtig der faule Bruder da und nickte über seinem Ärger langsam ein. Das war dem Wind aber gerade recht. Er rief den Frost, und nun fingen die beiden an zu arbeiten, daß es eine Art hatte. Sie rissen dem schlafenden Faulenzer fetzenweise die dünnen weißen Kleider vom Leibe, trieben sie zu den | " ,, Wie du witt," antwortete der Frost, und im Nu lagen überall im weißen Garten Haufen von Diamantsplittern und Eiskristallen, die der Wind mit großen Schaufeln und in schönem Schwung, wie das nur die richtigen Gärtner verstehen, flach über den Schneeboden hinwarf. Da guckte die Sonne auch mit dem anderen Auge herauf, um zu sehen, was die drei zusammen trieben, aber der Nebel drehte sich im Schlaf nur auf die andere Seite. Jetzt haben wir die Wege zu machen vergessen," sagte ganz bestürzt der Frost.„ Unsinn," antwortete der Wind.„ Das gibt's nicht bei uns in den Bergen. Ich will gehen können, wo ich will." Und im Zorn riß er einen ganz alten, zitternden Wegweiser um. Dann machten sich die beiden aus dem Staub und ließen den faulen Bruder allein. Als am Feldbergerhof die Läden aufgingen, saß er immer noch da, und die Menschen schimpften über den dickköpfigen Siebenschläfer. Niemand sah, was in der Nacht vorgegangen war. Denn der Nebel mit seinem breiten Rücken saß davor.„ Na, dir will ich helfen," sagte jetzt die Sonne mit einem sehr ernsthaften Gesicht und warf dem Faulpelz eine Million glühen Für unsere Rinder 67 Frau Sonne aber stieg immer höher am Himmel, und der Wind und der Frost wurden ein wenig ängstlich für Frau Holles weißen Wundergarten. Sie liefen zum Nebel. Der tönnte jetzt ihr Retter sein. Aber der hatte schon genug von heute morgen und regte sich nicht und schlief. Von den Bäumen fielen die weißen Blüten: die herrlichen Girlanden und Silberketten wurden wieder zu gewöhnlichen Telegraphendrähten und Waschseilen. Die zahmen Reiser verloren ihre Dornen, und den Brennesseln in Frau Holles Garten wurde so weich zu Mute, daß sie nicht mehr zu fürchten waren. der Pfeile auf den Buckel. Der aber sich die zwei! Aber nie können die liebenden Bäume Augen reiben, aufstehen und davonlaufen, das zusammenkommen. Ihnen ist nur die Sehnwar alles eins. Und nun lag im Morgenglanz sucht gegeben. vor aller Augen Frau Holles leuchtender und gleißender Wundergarten da. Der Wald war so stolz in der weißen Pracht seiner riesigen Festbäume, an denen die Sonne Miriaden winziger Blitzlichter aufsteckte, daß er sich fast nicht mehr kannte. Die Berge und Täler waren mit ganzen Schauern glizernder Brillanten übersät und die vielen vom Herbst mißhandelten Bäumchen blühten so weiß, so rein und reich, wie es ihnen noch in keinem Frühling beschert worden war. Rauhreifranken hingen über Hecken und Büschen, und auch die brävsten, glättesten Reiser und Ruten waren mit scharfen weißen Dornen besetzt. Die Hagenbutten an den wilden Rosenbüschen hatten sich verjüngt und waren wieder volle weiße Röschen geworden. Droben am Buck hatten die Scherben des verharschten Schnees noch scharie Glizerkanten bekommen, und wer von den Stiläufern dort fiel, der wußte, wie die Brennesseln und Vergißmeinnicht in Frau Holles Blumengarten aussahen. Drinnen im Walde träumten die alten Tannengreise mit den weißen Flechtenbärten unter der glitzernden Schneelast; um ihre Wipfel webte des Himmels Blau, und sie saben über alle anderen Bäume hinweg Frau Holles Garten, der sie noch nie so schön gedeucht wie gerade heute. Sogar die bleichen Stelette der Krüppeltannen am Baldenweger Buck schienen wieder lebendig, so flirrten ihre dünnen Knochenäfte im Sonnenfeuer. In der Nacht darauf aber wurde der Nebel wieder, wach und Frau Holles flinke Gärtnerburschen arbeiteten so emfig, daß der Garten am andern Tage noch schöner prangte als je zuvor. Anton Fendrich. 000 Bei den Obdachlosen. Bon Leo Tolstoi. Mein ganzes Leben hatte ich auf dem Lande zugebracht. Als ich im Jahre 1880 nach Mosfau übersiedelte, setzte mich die städtische Armut in Erstaunen. Ich kenne die ländliche Armut; die städtische aber war mir neu und unverständlich. Durch feine Straße tann man in Moskau gehen, ohne Bettlern zu begegnen, und zwar ganz besonderen Bettlern, die den Drüben gegen die Todtnauer Hütte zu stand ländlichen nicht gleichen. Diese Bettler sind aber, wie nicht mehr von dieser Welt, der stolze nicht Bettler mit dem Quersack und mit dem einsame Wettertann, vereist, als ob kein Leben in Christi Namen", was die ländlichen Bettin ihm wäre und mit königlichem Geschmeide ler fennzeichnet. Die Mostauer Bettler tragen an den schwer herabhängenden Ästen. Das ist feinen Quersack und bitten nicht um Almosen der große Träumer unter des Feldbergs Wetter- in Christi Namen". Meistens, wenn sie euch tannen, die alle über ihn lächeln, weil sie nicht begegnen oder euch an sich vorbeigehen lassen, wissen, wie viel in dem Einsamen und Scheuen suchen sie nur euren Blick aufzufangen. Und je verborgen ist. Da steht er in all seiner Herr nach eurem Ausdruck bitten sie oder sie unterlichkeit, eher schlicht als stolz, und träumt seinen lassen es. Ich kenne einen solchen Bettler von Traum, seinen lebendigen Traum, dessen alles Adel. Das alte Männchen schreitet langsam die glitzernde Silberbirke drüben vor dem Wald- einher, bei jedem Schritt sich gleichsam bückend. rand ist. Leicht schwingen die Silberketten ihres Begegnet er euch, so knickt er das eine Bein ein dünnen Geästs im Morgenwind. Die schön- und macht euch gleichsam eine Verbeugung. geschwungene Linie ihres Stammes hebt sich Bleibt ihr stehen, so faßt er an die Müge mit anmutig empor, als ob die Silberbirte nichts der Kokarde, grüßt und bittet; wenn ihr nicht wüßte von Zähigkeit und Troß gegen Kälte stehen bleibt, so tut er, als sei das so seine und Sturm. Und auch sie träumt ihren leben- Gangart, und geht vorüber, auch das andere digen Traum, wie gerne sie ihre silbernen Bein einfnickend. Das ist der richtige MosFlechten über den einsamen, scheuen Wetter- fauer Bettler, ein Gebildeter. Anfangs habe tann breiten möchte und ihm sagen: Du, wir ich nicht gewußt, warum die Moskauer nicht K8 Für unser» Kinder geradeheraus bitten; später habe ich begriffen, warum sie es nicht tun; dennoch habe ich ihre Lag« nicht begriffen. Eine? Tags, als ich durch die Afanaßjew- straße ging, sah ich, wie ein Schutzmann einen von Wassersucht aufgeschwollenen, zerlumpten Bauern in einen Wagen steckt«. Ich fragte: .Wofür?� Der Schutzmann antwortete:„Weil er um Almosen gebeten hat.'„Ist denn das verboten?"„Muß wohl verboten sein," ant wortete der Schutzmann. Der Wassersüchtig« wurde auf dem Wagen fortgeschafft. Ich nahm ein Droschke und fuhr hinterher. Ich wollte wissen, ob das wahr sei. daß«S verboten, um Almosen zu bitten, und warum das verboten sei. Ich konnte nicht be greifen, wie man jemand verbieten könne, einen anderen um etwas zu bitten, und zudem schien eS mir unglaublich, daß es verboten wäre, um Almosen zu bitten, während doch Moskau voll von Bettlern war. Ich trat in die Polizeistube ein, wohin man den Bettler geführt halte. In der Polizeistube saß hinter einem Tische ein Mann mit Säbel und Revolver. Ich fragte: „Warum hat man den Bauern ergriffen?" Der Mann mit dem Säbel und dem Revolver blickte mich streng an und sagte:„Was geht das Euch an?" Indessen empiand er doch, daß es sich nicht vermeiden lasse, mir irgend eine Ausklärung zu geben, und sügl» hinzu:„Die Obrigkeit befiehlt, solches Volk aufzugreifen; es muß wohl nötig sein." Später habe ich noch einige Male mit an gesehen, wie Schutzleute Bettler aus die Polizei und dann in das Jussupowsche Arbeitshaus brachten. Aus der Mjassnitzkaja bin ich einmal einem ganzen Trupp solcher Bettler begegnet, an die dreißig mögen es gewesen sein. Hinten und vorn Schutzleute. Ich fragte:„Wofür?" „Weil sie um Almosen gebeten haben." Wenn ich mit Stadtbewohnern über dieses städtische Bettlerlum sprach, sagte man mir immer:„O, was Ihr gesehen habt, das ist noch nichts! Geht mal auf den Khitrowmarkt und in die benachbarten Häuser, wo es Schlaf stellen gibt. Da werdet Ihr die wahre.goldene Rotte' zu sehen bekommen!" Im Dezember, an einem stürmischen Frost tage, bin ich hingegangen zu diesem Mittel- punkl des städtischen Beltlertums, zum Khitrow markt. Es war an einem Werktag um die vierte Nachmittagstunde. Bereits als ich durch die Soljanka kam, bemerkte ich mehr und mehr Menschen in sonderbaren, zu ihnen nicht pas senden Kleidern und mit noch sonderbarerem Schuhwerk, Menschen mit ganz besonderer un gesunder Gesichtsfarbe und namentlich mit einer ihnen allen gemeinsamen, ganz besonde ren Gleichgültigkeit gegen die ganze Umgebung. In der sonderbarsten, unmöglichsten Kleidung ging ein solcher Mensch ganz unbekümmert einher, augenscheinlich ohne überhaupt daran zu denken, wie er wohl den übrigen Menschen erscheine. Alle diese Leute bewegten sich in der gleichen Richtung. Ohne nach dem Weg zu fragen, den ich nicht kannte, ging ich ihnen nach und kam aus dem Khitrowmarkt heraus. Auf dem Markt« gab es ebensolche Weibs bilder in zerrissenen Pelerinen. Mänteln, Jacken, Stieseln und Galoschen, und ebenso unbeküm mert um die Ungeheuerlichkeit ihrer Kleidung; Alte und Junge saßen da, feilschten mitein ander um irgend etwas, schlenderten hin und her und schimpften sich. Wenige Menschen waren aus dem Markte. Offenbar war die Marktzeit vorüber; die meisten Leute gingen weiter, am Markt vorbei oder über den Markt platz, alle in derselben Richtung. Ich folgte ihnen. I« weiter ich kam, um so mehr solches Polt strömte auf demselben Wege zusammen. Als ich den Markt überschritten hall« und die Straße hinanstieg, holt« ich zwei Frauenzimmer ein, eine Alt« und ein« Junge. Beide halten sie irgend etwas Graues, Zerfetztes an. Im Gehe» besprachen sie irgend eme Angelegenheit. Nach jedem nötigen Wort« wurden ein oder zwei unnötige, sehr unanständige aus gesprochen. Die Frauen waren nicht detrunken, sondern nur ganz mit ihrer Sache beschäftigt; die Männer, die ihnen entgegen kamen oder sie überholten, beachteten gar nicht ihre Reden, die mir so sonderbar erschienen. Hier sprach man offenbar immer in dieser Weise. Links von der Straße gab es private Nachtherbergen, einige kehrten dort ein, andere zogen weiter. Als wir oben am Berge angelangt waren, befanden wir uns vor einem großen Eckhaus. Die Mehrzahl der Leute, die mit mir gekommen waren, blieben bei diesem Hause stehen. Das ganze Haus entlang standen auf dem Trottoir oder saßen auf der Straße im Schnee genau solch« Leute: rechlS von der Eingangitür die Weiber, links die Männer. Ich ging an den Weibern vorüber, dann an den Männern— im ganzen waren es einig« Hunderte— und blieb am Ende der Männerreihe stehen. Das Haus, vor dem die Leute warteten, war das Ljäpinsche Obdachlosenasyl. Die Menge bestand aus Obdachlosen, die auf Einlaß warteten. Um S Uhr abends wird geöffnet und eingelassen. Für unsere Kinder 69 Sierher waren fast alle Leute gekommen, die| Menschen und die Erzählungen von den Erlebich eingeholt hatte. nissen waren immer ein und dieselben: Etwas Arbeit hatte es gegeben, die war zu Ende, und hier im Asyl war der Beutel mit dem Geld und dem Basse gestohlen worden. Jetzt war es unmöglich, Moskau zu verlassen. Der Mann erzählte, daß er bei Tag sich in den Schenken wärme und sich dadurch nähre, daß er das Brot effe, das zum Schnaps beigegeben wird; manchmal gebe man ihm davon, ein anderes Mal jage man ihn fort; die Nacht verbringe er umsonst im Ljäpinschen Asyl. Er warte nur auf den Rundgang der Polizei; die werde ihn, weil er leinen Baß habe, ins Gefängnis sperren und nach der Heimat abschieben. Man sagt, am Donnerstag wird die Runde stattfinden," iagte er, dann wird man mich einsperren. Wenn ich mich nur bis zum Donnerstag durchschlage." Das Gefängnis und die Etappenreise erschienen ihm wie ein gelobtes Land! 000 " ( Schluß folgt.) Das Joch am Leman. Bon Konrad Ferdinand Meyer. Die einen liegen tot mit ihren Wunden, Die andern treiben wir daher gebunden! Den Römeraar der Zwillingslegion, Im Männerkampf, im Roßgestampf entrissen Der eingegarnten Wölfin scharfen Biffen, Schwingt Divico, der Berge Sohn!" Ich war am Ende der Männerreihe stehen geblieben. Die Leute, die mir zunächst standen, betrachteten mich und zogen mich gleichsam an sich mit ihren Blicken. Die Kleiderfeßen, die diese Menschen trugen, waren sehr verschieden, aber der Ausdruck der Blicke, die auf mich gerichtet waren, war durchaus der gleiche. In allen Augen lag die Frage: Warum bist du, Mensch einer anderen Welt, hier bei uns stehen geblieben? Wer bist du? Etwa ein selbstaufriedener reicher Proß, der sich an unserer Not erfreuen, sich in seiner Langweile zerstreuen und uns noch quälen will? Oder bist du, was es ja nicht gibt und auch nicht geben kann, ein Mensch, dem es leid um uns tut? Auf allen Gefichtern lag diese Frage. Man schaute mich an, begegnete meinem Blick und wendete sich ab. Ich hatte Lust, mit irgendeinem von den Männern ein Gespräch zu beginnen, lange aber konnte ich mich dazu nicht entschließen. Doch während wir schwiegen, famen wir uns durch unsere Blicke näher. Wie weit uns auch das Leben von einander entfernt hatte, nachdem sich unsere Blicke zwei oder dreimal begegnet waren, fühlten wir, das wir beide Menschen waren, und wir hörten auf, einer den anderen zu fürchten. Mir zunächst stand ein Kerl mit aufgedunsenem Gesicht und rotem Barte, in zerrissenem Kaftan und mit ausgetretenen Galoschen an den nadten Füßen. Dabei hatte es acht Grad Kälte. Zum dritten oder vierten Male begegneten sich unsere Blicke, und ich fühlte, daß ich dem Manne bereits so nahe war, daß ich mich nicht mehr schämte, ihn anzureden, sondern Scham empfand, daß ich ihn noch nicht angesprochen hatte. Ich fragte ihn, wo er her sei. Er gab gern Antwort und tam ins Gespräch; andere traten herzu. Der Rotbärtige war aus dem Smolenstischen gekommen, um Arbeit und Brot zu finden und Geld für die Steuern zusammen zu bringen. Arbeit gibt es nicht," fagte er, „ die Soldaten haben heuer alle Arbeit weggeschnappt. Da treib' ich mich jetzt umher; glaubt es, zwei Tage lang habe ich nichts gegessen." Er sprach bescheiden, mit einem Bersuch zu lächeln. Ein Getränkeverkäufer, ein alter Soldat, stand in der Nähe. Ich rief ihn heran, er schenkte von seinem Getränt ein. Der Mann nahm das heiße Glas in die Hand, und bevor er trant, bemühte er sich, die Die Hörner dröhnen. Zu der blut'gen Pforte Wärme nicht ungenügt verfliegen zu lassen, Strömt her das Bolt aus jedem Tal und Orte, und wärmte seine Hände. Die Erlebnisse dieser| Groß wundert sich am Joch die Kinderschar, Weit blaut die Seeluft. Scheltend jagen Treiber Am Ufer einen Saufen Menschenleiber, Die nackte Schmach umjauchzt Triumphgesang, Ein Jüngling kreist auf einem falben Pferde um die zu zwei'n gepaarte Römerherde Die Krümmen des Gestads entlang. Er schleudert auf den Aar mit stolzem Schreie, Er schickt den Ruf empor zur Firnenreihe Die Grät und Wände blicken groß und bleichSebt, Ahnen, euch vom Silbersih, zu schauen Die Pforte, die wir für den Räuber bauen, Der sich verstieg in euer Reich! " Wir bauen nicht mit Mörtel noch mit Steinen, 3wei Speere pflanzt! Querüber bindet einen! Zwei Römertöpfe drauf! Es ist getan!" Das Joch umstehn verwegne Kriegsgesellen Mit Auerhörnern und mit Bärenfellen Und schauen sich das Bauwerk an. 70 70 Für unsere Kinder Ein Mädelreigen springt in heller Freude Um das von Schande triefende Gebäude, Den blühnden Veilchenkranz im Saar. Der Manlierstirn verzogne Brauen grollen, Des Claudierkopfs erhigte Augen rollen Der Hirtenknabe geißelt wie ein Rind Den Brutusentel. Sich durchs Joch zu bücken, Krümmt jetzt das erste Römerpaar den Rücken, Und gellend lacht das Alpenkind. Mit starren Zügen blickt, als ob er spotte, Ein Felsenblock, der eigen ist dem Gotte, Drauf hoch des Landes Priesterinnen stehn: Ein hell Geschöpf in sonnenlichten Flechten Und eine Drude mit geballter Rechten Und rabenschwarzer Saare Wehn. Die Dunkle höhnt:„ Geht, Römer! Schneidet Stecken! Mit Lumpen gürtet euch und Bettelsäcken! Euch peitsch' ein wildes Wetter durch die Schlucht, Verflucht der Steg, darüber ihr gekommen, Und wen ihr euch zum Führer habt genommen, Er sei am ganzen Leib verflucht!" Die Lichte fleht:„ Du blizzest in den Lüften, Umschwebst die Spitzen, hausest in den Klüften, Behüte, Geist der Firn', uns lange noch!" Die beiden singen starke Zauberlieder Ein Geier hangt im Blau und stößt danieder Und setzt sich schreiend auf das Joch. 0 0 0 Galvanoplastik. ( Schluß.) Jetzt stellen wir den Zinkzylinder mit seinen Anhängseln in die Schwefelsäurelösung. Nach einiger Zeit bemerken wir, daß unsere Wachsformen sich mit Kupfer überziehen. Ist die Kupferhaut nach mehreren Stunden genügend dick, so lösen wir sie vom Wachs ab und haben eine genaue Nachbildung unserer Münze in Kupfer. Wie kam die nun zustande? Vorhin habe ich euch von dem Physiker Volta erzählt und von seiner Entdeckung, Elektrizität mit Hilfe zweier verschiedener Metalle und einer Flüssigkeit zu erzeugen. Andere Forscher tamen und verbesserten Voltas Entdeckung; so zum Beispiel ein gewisser Daniell, der die Einrichtung erfunden hat, die wir gebraucht und allerdings etwas abgeändert haben. Er brachte in das Kupfervitriol eine Kupferplatte, in die verdünnte Schwefelsäure Zink, wie wir. Beide Flüssigkeiten sind durch eine poröse Tonwand geschieden, durch deren Poren hindurch sie sich berühren können. Verbindet man nun die beiden Metalle durch einen Kupferdraht, so entsteht ein elektrischer Strom, der vom Kupfer durch den Draht zum Zink und in der Flüssigteit vom Zint zum Kupfer fließt. Die ganze Einrichtung wird ein galvanisches Element genannt. Ein Petersburger Chemifer, Jacobi, bemerkte, daß sich auf der Kupferplatte dieses Elementes Kupfer niederschlug. Der elektrische Strom vermag nämlich chemische Verbindungen zu zerlegen. Eine solche Verbindung ist das Kupfervitriol oder schwefelsaure Kupfer. Die Kupfervitriollösung wird beim Durchgang des galvanischen Stroms zerlegt in Kupfer und Schwefelsäure; das Kupfer wandert in Form fleinster Teilchen mit dem Strom zur Kupferplatte und schlägt sich auf dieser nieder. Auf dieser Fähigkeit des galvanischen Stroms, Metallsalzlösungen zu zerlegen, beruht die Galvanoplastik. Jacobi stellte den gleichen Bersuch mit Münzen an, den ihr jetzt gemacht habt, und ist so der Vater der Galvanoplastik geworden. Die Galvanoplastik findet viel Anwendung; man formt ganze Denkmäler mit Hilfe des elektrischen Stroms, zum Beispiel wurde das Gutenbergdenkmal in Frankfurt a. M. auf galvanoplastischem Wege hergestellt. Bilder, die gedruckt werden sollen, werden in Holz geschnitten, und von dem Holz werden galvanoplastische Kupferabdrücke gemacht, mit denen man dann druckt. Andere Metalle, zum Beispiel Eisen, kann man zum Schutze gegen Rost auf diese Weise mit Kupier überziehen. Nimmt man statt Kupfervitriollösung eine Lösung von Nickelsalz, so schlägt sich Nickel nieder. Das Vernickeln von Gegenständen geschieht ohne Ausnahme auf galvanoplastischem Wege, desgleichen das Versilbern. Nur bei Vergoldungen wird manchmal noch die sogenannte Feuervergoldung angewendet, das heißt, das Gold wird auf andere Metalle aufgeschmolzen. Die meisten Vergoldungen werden aber gleichfalls auf galvanoplastischem Wege hergestellt. Im Großbetrieb der Technik werden aber feine Apparate verwendet, die zugleich das Kupferbad" mit dem stromerzeugenden ,, Element" vereinigen, wie bei unserem Versuchsapparat. Dort verwendet man Bäder, denen der nötige elektrische Strom von Dynamomaschinen oder Affumulatoren zugeführt wird. Die Wirkungsweise ist dieselbe wie bei unserem Für unsere Kinder 71 Nußschalen an, jagten sich mit Grashüpfern und Maitäfern und führten nach dem Gesang der Vögel die zierlichsten Tänze auf; dazu verstanden sie die Sprache aller lebenden Wesen. Zwei Feste im Jahre machten den Wurzelmännchen besondere Freude. An gewissen Tagen des Frühlings und Herbstes zogen Apparat. Der elektrische, aus Dynamomaschine| und Springen, stellten auf dem Bach, der oder Akkumulator stammende Strom zerlegt auf durch ihr Land floß, große Wasserfahrten in seinem Kreislauf die Metallsalzlösungen, und das Metall schlägt sich auf die zu überziehenden Gegenstände nieder. Bei unserem Apparat ist das Kupferbad gleichzeitig ein Teil des Stromerzeugers. Wir haben Kupfer und Zink, die beide miteinander in Verbindung stehen, und beide berühren eine Flüssigteit, wodurch ein elektrischer Strom entsteht. Die Elektrizi- große Scharen munterer Gäste heran, die tät strömt in unserem Apparat von den Münzenformen durch Drahtring und Kreuz zum Zink und vom Zink durch die Schwefelsäurelösung und die poröse Tonwand zum Kupferbad zurück. Bei dieser Wanderung des galvanischen Stroms aber spaltet sich aus dem Kupfervitriol Kupfer ab und wandert in Form fleinster Teilchen mit dem Strom zu der Wachsform und schlägt sich auf dieser nieder. Ich hoffe, daß es mir gelungen ist, euch einen Einblick in das für die Technik wichtige Gebiet der Galvanoplastik zu geben und wünsche zum Schlusse Glück und viel Vergnügen zu neuen Versuchen. A. Schulze, Ingenieur. 000 Die Wurzelprinzessin. Von Robert Reinick. 1. dann gastfreundlich bewirtet wurden und zum Danke dafür dem kleinen neugierigen Volke zu erzählen pflegten, wie es draußen in der Welt zuging. Diese Gäste waren niemand anders als die Tausende und aber Tausende von Wandervögeln, die im Frühling aus dem Süden, im Da Herbst aus dem Norden daher kamen. klapperten die Störche ihre Dorfgeschichten, die Zugschwalben zwitscherten Hausmärchen, und die Nachtigallen brachten neue schöne Lieder mit; dann tamen auch wohl noch Wanderratten dazu und trugen Reisebeschreibungen vor, und Elstern und Krähen erzählten schauerliche Sagen. Auf diese Weise erhielt das Wurzelvolt fortwährende Kunde von der ganzen Welt. Allerdings erregten solche Erzählungen große Neugier, die Menschen kennen zu lernen; doch immer hielt eine angeborene Scheu die kleinen Wesen ab, ihr friedliches Tal zu verlassen. Auf dem Wege zwischen Nürnberg und Leipzig lief in früheren Zeiten die Straße an einer Stelle neben dem Rande eines dunklen Nun regierte einmal in jenem Volfe ein Waldes hin, der sich weit in das Land hinein guter, lieber Wurzelkönig, der hatte eine sehr über die Berge fortzog. Mitten in diesem schöne Prinzessin zur Tochter. Diese aber war Dickicht bildeten Felsen ein tiefes grünes Tal, neugieriger als alle anderen Mädchen der von fast undurchdringlichen Hecken umgrenzt, Welt, ja sogar neugieriger als alle ihre kleinen so daß weder Menschen noch große Tiere dort Landsmänninnen. Der Wunsch, auch einmal einzudringen vermochten. Hier lebte zu jener die Menschen da draußen zu sehen, von denen Zeit das lustige Volk der Wurzelmännchen. sie so viel Wunderbares gehört hatte, war bei Das waren niedliche, menschenähnliche Ge- ihr gar mächtig geworden. Der gute König schöpfchen, die größten vielleicht eine Spanne, tat sein möglichstes, ihr diesen Wunsch ausdie kleinsten einen tleinen Finger lang. Sie zureden. Er stellte ihr die Menschen als grimwohnten im Sommer in Mooslauben und mige, eigennüßige Riesen vor. Kein lebendes unter hohen Farnkräutern, im Winter ver- Geschöpf, sagte er, sei vor ihrer Herrschsucht frochen sie sich zwischen Baumwurzeln, in Ast- sicher, der größte Elefant müsse ebensogut nach löcher und Felsspalten. Ihre Kleidung war ihrem Willen tanzen wie der kleinste Floh. fein und zierlich: die Männerchen trugen Das half alles nicht, seine Tochter hatte sich's Moosröckchen und Mooshöschen, die Weiber einmal in den Kopf gesetzt, eine Reise ins chen Kleider von hübschen bunten Blumen, Land der Menschen zu versuchen. Weil nun Blättern und Spinnengeweben, je nachdem dieser Gedanke sie immer schwermütiger und es falt oder warm war. Von Langeweile magerer machte, beschloß der König, endlich wußten sie nichts; immer hatten sie viel zu ihren Willen zu tun in der festen Hoffnung, tun, mußten ihre Straßen in Ordnung halten, der eigene Anblick würde sie für immer abVorräte sammeln und dergleichen mehr; auch schrecken und von ihrer krankhaften Neugierde trieben sie gern allerlei Kurzweil mit Klettern| heilen. 72 Für unsere Kinder Sogleich wurde ein schönes neues Vogelnest| Dunkelheit nicht plötzlich Menschen auf die ausgesucht, mit Federn und Moos gepolstert Galerie gekommen wären, um dort Jalumi und darüber von Bättern ein schattiges Dach zum Schuße gegen die Sonne befestigt. Das bestieg der Wurzeltönig mit der Prinzessin. Auch vergaß man nicht, ein feines Mittagessen von fastigen Beeren, Honig und Blütenfnospen hineinzulegen. Zwei Kraniche, die sich acht Tage vorher darauf eingeübt hatten, nahmen das Nest in ihren Schnabel, und im Fluge ging es durch die Luft geradeswegs zur nächsten Hauptstadt der Menschen. In wenig Stunden schwebten die beiden Vögel mit dem Neste über den Häusern der Stadt. Mit leisem Fluge ließen sie sich aus der Luft herab und setzten die königliche Luftfutsche vorsichtig auf die Turmgalerie des Rat hauses nieder, von wo man alle Straßen über: schauen konnte, ohne Gefahr, selbst gesehen zu werden. Das war ein Anblick! So prächtig hatte sich selbst der König eine Menschenstadt nicht denken können. Die Prinzessin jubelte auch vor Freuden so sehr, daß sie beinahe aus dem Nest gefallen wäre, hätte nicht einer der Kraniche mit seinem langen Schnabel sie schnell an den Beinchen festgehalten. Nun wollte aber der Zufall, daß gerade an demselben Tage der Prinz des Landes in diefer Hauptstadt seine Hochzeit mit einer fremden Königstochter feierte, so daß die ganze Stadt in größter Pracht funfelte. Was gab es da nicht alles zu schauen! Auf züge, Jahrmarit, Parade von tausend Regimentern, Theater im Freien, Seiltänzer, Tanz böden, Wettrennenes läßt fich unmöglich beschreiben! Vor allem aber der Prinz und seine junge Frau! Wie schön sah er aus in feiner roten Husarenuniform, mit dem Stern auf der Brust, dem Schnurr- und Knebelbart und den großen blauen Augen, und sie, im roten Samtkleid mit Perlen und Brillanten über und über bedeckt, die bis hoch auf die Ratsturmgalerie heraufbligten! Wo man nur hinsah, gab es immer wieder was Neues, und so ging es vom frühen Morgen, bis die Sonne hinter den Bergen verschwand. So sehr alle Herrlichkeiten den Wurzelfönig auch entzückten, sein Urteil über die Menschen änderte sich nicht. Daher war es ihm denn gar nicht recht, daß seine Tochter gerade am heutigen Tage die glänzendsten Seiten des menschlichen Treibens fennen lernen mußte. Dennoch war er zu schwach, sich selbst den Anblick zu versagen. Er wäre auch noch länger dort oben geblieben, wenn bei anbrechender nation und Feuerwerk anzustecken. Die Männer näherten sich dem Neste. Wie erschrak die Prinzessin beim Anblick dieser Riesengestalten! Auch der König verlor vor Angft die Sprache, und hätten nicht die Kraniche von selbst das Vogelnest in die Höhe gehoben und in raschem Fluge davongetragen, so wäre es mit dem Wurzelpärchen und unserer Geschichte bald zu Ende gewesen. So aber war es gerade zur rechten Zeit. Noch ganz von weitem sahen die Luftfahrer das Feuerwerk über dem Rathausturm in die Luft prasseln, was aus der Ferne zwar sehr prächtig anzuschauen war, in der Nähe aber ihr sicherer Tod gewesen wäre. Wohlbehalten kamen beide wieder in ihrem Wurzeltal an. Freilich erkannte nun wohl die junge Prin zessin, daß die Menschen für sie zu groß wären, als daß sie mit Vergnügen ihre Herrlichkeiten hätte genießen tönnen. Die alten Wünsche stiegen aber dennoch wieder und jetzt viel stärker als früher in ihrem Herzen auf, wenngleich in einer etwas anderen Gestalt. Sie bildete sich seit ein, es müsse auf Erden noch ein anderes Geschlecht geben, so flein wie ihre Landsleute, aber so gescheit wie die Menschen, und sie beschloß daher, niemals in ihrem Leben zu heiraten, wenn nicht ein Prinz von ihrer Größe sie zur Frau nähme; der aber müßte gerade solche Husarenjacke anhaben, gerade solchen Stern auf der Brust tragen und gerade so große blaue Augen besigen wie der Menschenprinz in der Hauptstadt; auch sollte er über ein Wölfchen regieren, das ähnliche Eigenschaften wie jenes besäße. Diese Grille seiner Tochter machte den alten guten König recht traurig. Wie gern hätte er einen Schwiegersohn gehabt! Aber ein solcher? Wo in der ganzen Welt war der zu finden? 3war versuchte er alles mögliche, um sein Bolt nach menschlichen Grundsätzen zu bilden, doch tam bei alledem nicht eben viel Gescheites heraus. Hören konnten die kleinen Kerle nicht genug von den Menschen und ihrem Treiben, aber selbst welche werden! Nein! Sie sollten nun und immer bleiben, was sie waren: freie, lustige Wurzelmänner! Die Folge davon war, daß die Prinzessin keinen Mann und der König teinen Schwiegersohn bekam.( Fortsetzung folgt.) Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Poft Degerloch bei Stuttgart. Drud u.Verlag 3.6.w.tes Nachf. G.m.b.6. Stuttgart.