Für unsere Kinder Nr. 11 o o o o o o o Beilage zur Gleichheit 0000000 1912 Inhaltsverzeichnis: Spruch. Von I.V. Eichen dorff.— Der Funkcnsonntag in Schwaben. Von Heinrich Wandt.— Geschichte des Javancn Said jah. Von Multatuli.(Forts.)— Die Kinder im Schnee. Von Heinrich Seidel.(Gedicht.)— Die Wurzelprinzcssin. Von Robert Reinick.(Forts.) Zpruch. von Joseph v. Eichendorff. Ein wildes Roß ist's Leben, Die Hufe Funken geben, Iver's ehrlich wagt, bezwingt es, Und wo es tritt, da klingt es! 000 Der Funkensonntag in Schwaben. Lichtmeß und die ganze bunte Fastnachts zeit, der Sonntag Lätare und noch einige christ liche Haibfeierlage der Monate Februar und März tragen Merkmale an sich, die ins graue Heidentum zurückweisen. Sie bildeten einen Reigen von Volksfesten, der sich bis über die Osterzeit hinaus ausdehnte. Namentlich der Sonntag nach Aschermittwoch, der die christ liche Fastenzeit einleitet, hat viel von einem alten Fest überkommen, das von unseren heid nischen Ahnen zur Feier des erwachenden Frühlings begangen wurde. Dieser Sonntag heißt im Schwäbischen vielerorts Funken- oder Scheibensonntag. Die Bräuche, mit denen er auf dem Lande noch begangen wird, deuten auf die uraltheidnische Verehrung des Feuers und seiner Geister hin, eine Verehrung, die weit über die Erde verbreitet ist. Der Funkensonntag hat sich als ein Tag ursprünglicher Volksfreude in Schwaben am längsten in den katholischen Gegenden erhalten. So namentlich in der Baar, auf dem Heuberg und in Oberschwaben. Allerlei süße Gebäcke, die den Tag vor anderen auszeichnen sollen, werden dort nach altem Herkommen auf den Mittagstisch gebracht. Gewitter und Hagel schädigen nach dem Volksglauben im kommen den Sommer die Familie, in der die Haus frau von dieser Überlieferung abweicht. Denn der Tag war einst dem trotzigen Wettergott Donar geweiht, der die keimende Saat beschützt und den Obstbäumen Gedeihen schenkt. Aus dem Grunde wird noch heute, wenn auch unbewußt, das Andenken des rotbärtigen Gottes im Jller- und oberen Donautal mit dem Backen von Funkenküchlein am Funken sonntag geehrt. Am Bodensee wird der Tag vielfach mit Apfelküchlein gefeiert. Eigenartige Funkensonntagsgebäcke werden in manchen Gegenden schon tags zuvor in Bäckerläden und an Marktständen seilgeboten. Es sind der Hanselmann und das Hanselweibchen, ein Männchen und ein altes buckliges Weibchen aus Hefenteig, mit Augen und Rockknöpfen aus Rosinen. Sie werden mit Vorliebe Burschen und Mädchen zum Spott verehrt, die noch keinen Schatz besitzen. Denn Gott Donar war als Gott des Feuers und Herdes auch der Schützer der Familie und der Ehe. Das eigent liche Funkensonntagsgebäck aber ist der noch in ganz Oberschwaben anzutreffende Funken ring. Er ist aus Kuchenteig, hat die Form eines Kranzes und wird in allen Größen ge backen, vom Umfang einer Brezel bis zu dem eines kleinen Wagenrads. Die altheidnischen Bräuche, die am Abend des Funkensonntags üblich sind: der Fackelzug in den Kornösch, das sind die Getreidefelder, das Funkenfeuer und das Scheibenschlagen werden auch in Schwaben seltener. Sie ver lieren ihren Sinn in der Neuzeit, in der die Kleinbauern verarmen und die Industrie sich immer mehr auch auf dem Lande ausdehnt. Auch das Mittelalter, in dem die Kirche all mächtig war, in dem aber weniger fromme Heuchelei als heutzutage herrschte, prägte dem Funkensonntag seinen Stempel auf. So hielt im helfensteinischen Städtlein Wiesensteig bei Geislingen ehedem ein Ellwanger oder Ried linger Kapuziner eine Art Rugpredigt in der Gottesackerkirche, wobei Hoch und Niedrig die des Jahres über begangenen Sünden weidlich um die Ohren geschlagen bekam. Der Fackelzug in den Kornösch war einst eine Ehrung Donars. Er soll den Frühlings anfang, die Wiedererweckung der Natur be kunden und nach dem Volksglauben die Saat vor Hagel schützen. Der Brauch wird in vielem der Überlieferung getreu begangen. Erst durch das kirchliche Beiwerk, die Abbetung des Rosen kranzes, das Singen von geistlichen Liedern und einiges andere hat er das Gepräge einer l 82 Für unsere Kinder kirchlichen Prozession bekommen, das er heute| Burschen von Haus zu Haus wandern und besitzt. Große Stroh- oder mit Harz und Pech das Holz mit einem gereimten Spruch erbitten bestrichene Holzfackeln haben sich nach altem mußten. So riefen um Wurzach die HolzHerkommen die Schulbuben und die ledigen sammler, die meist mit einem Pferdegespann Burschen gefertigt, die sich bei Anbruch der den Ort durchzogen, vor den Häusern: Dunkelheit zum Fackelzug in die Getreideäcker sammeln. Gebete und Gesänge sollen Holz und Stroh, Wird der Funken hoh! das Wachstum der Saat fördern. Im Rott- An der Donau traten die kleinen Buben unter weiler Gebiet riefen zu dem Zweck die Fackel- die Haustüren und sangen: träger über die Saatfelder hin:„ Soma, Soma, reg' di!" Die schöne Sitte, die in manchen Gegenden Saatleuchten oder Samenzünden genannt wird, entbehrte auch nicht der Kurzweil. So schritten in der Gegend um Tuttlingen der Dorfbüttel und Feldschütz dem Fackelzug feierlich voran und dienten der hinterher folgenden Jugend als Zielscheibe recht derber Wize. Überhaupt spielte die Jugend bei der Feier eine wichtige Rolle, wie ein ähnlicher Brauch zeigt, der gewöhnlich erst am Dienstagoder Mittwochabend nach dem Funkensonntag in Hofen bei Spaichingen stattfand. Dort erbte sich in einer Familie ein uraltes verblichenes Fähnlein fort. Jedes Jahr an dem bestimmten Abend versammelten sich alle Schulknaben des Ortes vor dem Haus dieser Familie und ordneten sich zur Prozession in die Saatfelder, bei der das Fähnlein, getreu dem Herkommen, vorangetragen wurde. Der Zug ging immer in schönster Ordnung vor sich, obschon er nicht der Aufsicht eines Erwachsenen unterstand. Nur die Frage, wer das Fähnlein dem Zuge vorantragen dürfe, entfachte ab und zu einen Streit unter der Jugend. Länger erhalten hat sich das Funkenfeuer, das am Abend des Funkensonntags auf den Bergen angezündet wird. Ein alter Spruch bezeugt, daß das Funfenfeuer zur Verehrung des Feuergottes entzündet wurde. Er sagt vom Funkensonntag:„ Wenn der Mensch an dem Tag keine Funken macht, macht der Herrgott welche durch Gewitter." Das Holz zum Funkenfeuer wird von den jungen Burschen und Schulknaben zuvor gesammelt. Das geschieht nicht immer auf einwandfreie Weise. Da und dort bekommt über Nacht ein schöner Holzblock Füße, hier verliert ein fester Zaunstecken den Halt und geht auf die Wanderschaft. Selten findet sich eine Bauersfrau, die nicht gutwillig die geforderte Abgabe in Holz entrichtet, denn sie weiß genau: wenn sie es nicht tut, wird sie in der weiten Umgegend als Here verschrien und das ganze Jahr drum angesehen. Da tut sie denn lieber ein übriges. Frü er herrschte überall die Sitte, daß die Stroh, Heu, Heu Und das Funkenküchle auch dabei! Nachmittags wird das gesammelte Holz zu Berge gefahren und an einem bestimmten Plaße zu einem meterhohen Haufen geschichtet. Kundige Hände fertigen unterdessen die„ Here" an. Das ist ein Popanz aus Holz, Stroh und Lumpen, der einen alten Hut aufgesetzt bekommt und an einer großen Stange festgebunden wird, die man in die Mitte des Holzhaufens steckt. Diese Jammergestalt soll den besiegten Winter vorstellen und ist als dessen Sinnbild allen heidnischen Frühlingsfeuern zu eigen. In christlicher Zeit wurde daraus eine Here. So wird das Funkenfeuer im Luxemburgischen vom Volte nur,' s Herenverbrennen" genannt. Anstatt der" Here" wird in manchen Gegenden eine Stange mit einem Strohkreuz in den Scheiterhaufen gesteckt. Der Brauch entstammt erst der christlichen Zeit und soll verhindern, daß der Teufel das nachfolgende Scheibenschlagen stört. Das Funkenfeuer wird angezündet, sobald drunten im Dorfe die Betglocke zu läuten beginnt. In fatholischen Gegenden wie auf dem Heuberg werden vorher drei Vaterunser und der Glauben gebetet. Lodern dann die Flammen aus dem mächtigen Holzstoß empor, so umstehen ihn in der gebotenen Entfernung die Burschen und Mädchen, sprechen Gebete oder singen Lieder und harren gespannt auf das Fallen der„ Here". Ein Böllerschuß oder manchmal eine an der Strohpuppe befestigte Rakete kündet weithin den wichtigen Augenblick, an den sich allerlei uralter Aberglauben fnüpft. Nach der Richtung, in der die" Here" fällt, sollen das ganze Jahr die Gewitter ziehen, und das Mädchen, das an der Stelle steht, muß eine leibhaftige Here sein. Auch sonst spielt der Aberglauben bei dem alten Donarfeuer am Funkensonntag eine Rolle. Da und dort wurde noch bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts das Vieh durch das Funtenfeuer getrieben, damit ihm die Heren nichts anhaben konnten. In manchen Gegenden werden noch heute Für unsere Rinder Obstbäume und Fischnete mit dem Rauch des Funtenfeuers geräuchert, in dem Glauben, daß dieser heilbringend ist. Die Burschen und jungen Mädchen springen paarweise durch das lodernde Feuer. Vor einem halben Jahrhundert, als die Funtenfeuer noch häufig waren, leuchteten von den Berggipfeln der Schwäbischen Alb die mächtigen Flammen weit in die stille Nacht hinaus. Ein prächtiger Anblick. Die Feuerbrände, die auf dem Dreifaltigkeitsberg, Lemberg, Plettenberg, Hohenberg, Deilingerberg, Hohenkarpfen und vielen anderen Bergen auf loderten, bildeten eine ununterbrochene flammende Kette. Bis weit in die Schweiz und Vorarlberg hinein sah man die Flammenzeichen leuchten. Das Funfenfeuer wird noch heute in Oberschwaben, Oberbayern und Vorarlberg begangen und ist in der Schweiz als„ Fastnachtsfeuer", in Tirol als„ Holapfannfeuer" und im Rheingau als„ Hallfeuer“ üblich. In Frankreich ist der Funtensonntag als„ la fête des brandons", das Fest der Strohfackeln" bekannt. In einigen deutschen Gegenden geht der Brauch etwas später, im März vor sich und heißt Kroten-" oder„ Sommerfeuer“. Noch häufiger wird er erst am Dsterabend als„ Osterfeuer" begangen, das trotz seines heidnischen Ursprungs auch in der christlichen Kirche eine große Rolle spielte. Ist bei dem Funfenfeuer die Strohpuppe gefallen, so nimmt das Scheibenschlagen seinen Anfang. Jeder Bursche, der am Arme seines Mädchens zum Funkenfeuer wandert, hat sich ein Dußend oder mehr Holzscheiben an einer Schnur über die Schulter gehängt. Die Scheiben hat er sich entweder selbst geschnitzt oder beim Wagner im Dorfe gekauft. Sie sind dünn, aus Buchenholz und haben gewöhnlich die Größe einer Männerfaust und in der Mitte ein Loch zum hineinstecken des Schleuderstockes. Ein jeder Scheibenschläger hat sich eine Anzahl guter Haselnußgerten als Schleuderstöcke besorgt. Die brennenden Scheiben sollen die kornaufweckende Sonne versinnbildlichen. Die Scheiben waren vielleicht ursprünglich Bestandteile eines Werkzeugs zur Erzeugung von Feuer, das später als geheiligtes Gerät bei der Verehrung des Feuergottes diente. Sie werden auch bei dem Kroten-"," Sommer-"," Oster-" und„ Johannisfeuer" geschlagen. Häufig wer den bei diesen Gelegenheiten auch brennende Strohräder den Berg hinuntergelassen. Auf dem Kornbühl, dem Hohenzollern gegenüber, besorgte dies in früheren Zeiten der Mönch, 83 der dort hauste, und der auch die Wetterglocke zu läuten hatte. In Geroldstein in der Eifel mußte es der jüngste Ehemann tun. Die Holzscheibe wird ins Feuer gehalten, bis sie brennt, dann einigemal mit dem Stock um den Kopf geschwungen und in die Höhe geschleudert. Jede aufsteigende Scheibe wird mit einem Spruche jemand verehrt. Die erste gewöhnlich der heiligen Dreifaltigkeit, die hier an die Stelle des Feuer- und Wettergottes getreten ist; die zweite gehört der Liebsten, und die nachfolgenden Scheiben werden den Eltern, dem Freunde, Schultheiß oder Pfarrer des Ortes gewidmet. Einige der Sprüche, die man in Schwaben während des Schwingens der Scheiben sagt, lauten: Scheibe aus und ein, Wem soll die Scheibe sein? Die Scheibe soll der höchsten Dreifaltigkeit sein! Scheibo, Scheibo! Wem soll die Scheibe sein? Die Scheibe fliegt wohl über den Rhein, Die Scheibe soll meinem Schätzle sein! Scheib auf, Scheib ab, Die Scheib geht krumm und grad, Die Scheib geht links, geht rechts, Geht aus und ein, Sie geht meiner Herzliebsten zum Fenster' nein! Schibo, Schibo! Wem soll die Schibe goh? Die Schibe fahrt links und rechts, Sie fahrt dem Schultes eba recht. Fahrt se nit, so gilt se nit, Hat se tei Loch, so stinkt se nit, Schibo, Schibo! Ein Spruch vom„ Holapfannfeuer" in Tirol lautet: Wem soll die Scheib' sein? Korn in der Wann, Schmalz in der Pfann, Pflug in der Erd', Schau, wie die Scheib' auße fährt! Das Scheibenschlagen, das früher eines der schönsten Vergnügen für die ländliche Jugend war, ist heute vielerorts auch in den Gegenden verschwunden, wo es bis vor einigen Jahrzehnten noch allen Verboten trotzte. Und an solchen hat es nie gemangelt, eiferte doch schon die Kirchenversammlung zu Konstantinopel im Jahre 680 gegen die heidnischen Feuertänze. In späteren Jahrhunderten sind wiederholt geistliche und weltliche Behörden streng dagegen eingeschritten. Eine Varordnung der Stadt Rottweil vom Jahre 1618 verbot das 84 Für unsere Kinder Scheibenschlagen bei einem Gulden Strafe.| das Brüderchen nicht mehr die Kraft seines Die Vögte wurden angewiesen, auf die Be- Büffels rühmen konnte, so behauptete er wenigfolgung des Verbots scharf zu achten, da bei stens, daß kein anderer den seinen an gutem dem Brauch nichts anderes als„ Leichtfertig- Willen übertraf. Und wenn die Furche nicht feit, Gotteslästern und andere Schand und so schnurgerade lief wie früher, und wenn Spott" vor sich gehe. Das Oberamt Ravens- Erdklumpen undurchschnitten liegen geblieben burg vermeinte noch im Jahre 1833 die Sitte waren, so half er gern mit seiner Hacke nach verbieten zu müssen, nachdem die oberschwä- so viel er konnte. Außerdem hatte kein Büffel bische Herrschaft Waldsee in früheren Zeiten einen doppelten Haarwirbel wie der seine. oft genug und vergebens vor ihrer Begehung Der Priester selbst hatte gesagt, daß Glück gewarnt hatte. Was all die Verbote und war in den Linien der Haarwirbel auf den Strafen in Jahrhunderten nicht fertig brachten, Schulterblättern. erreichte binnen kurzem die Neuzeit, die der Gesondertheit des bäuerlichen Lebens nicht günstig war. Heute erinnern an vielen Orten nur noch Flurnamen wie Scheibenberg, Scheibenrain, Radberg und Radelsberg daran, daß an diesen Stellen einst der schöne Brauch des Funkenfeuers und Scheibenschlagens begangen wurde. Nach dem Scheibenschlagen wird von den jungen Burschen noch hier und dort ein Fackelzug veranstaltet. In Ehingen an der Donau marschierten die Scheibenschläger mit ihren großen Holzleuchten in stattlicher Anzahl auf den Wolfert, wo sie Lieder sangen und Ansprachen hielten. In manchen Orten gehen die Buben, wenn sie vom Scheibenschlagen zurückgekehrt sind, in die Häuser und sammeln Eier, Speck, Küchlein und Geld ein. Der Bursche, der seiner Liebsten zu Ehren eine Scheibe geschlagen hat, wandert vor ihrer Eltern Haus und singt: I ha Eurer Tochter Schibe g'schlaga, Ihr were mir' s Küchli nit versaga; D'Schibe fahrt hi und her, Mer esse d'Küchli alle gern. Einmal rief Saidjah im Felde vergebens seinem Büffel zu, schnell zu machen. Das Tier stand wie angenagelt. Saidjah, ärgerlich über so große und noch dazu so ungewöhnliche Widerspenstigkeit, konnte sich nicht enthalten, ein grobes Schimpfwort auszustoßen. Er dachte sich nichts Böses dabei. Er sagte das bloß, weil er es oft von anderen gehört hatte, wenn sie mit ihren Büffeln unzufrieden waren. Aber er hätte es nicht zu sagen brauchen, denn es half nichts, sein Büffel tat keinen Schritt vorwärts. Er schüttelte den Kopf, als wollte er das Joch abwerfen, man sah den Atem aus seinen Nasenlöchern; er blies, zitterte, es war Angst in seinem blauen Auge, und die Oberlippe war hochgezogen, so daß das Zahnfleisch bloß lag... " " Flieh, flieh," riefen Adindas Brüderchen, Saidjah, fliehe, da ist ein Tiger!" Und alle nahmen ihren Büffeln die Joche ab und schwangen sich auf die breiten Rücken und stürmten davon durch Reisfelder, über Dämme, durch Sumpf und Gestrüpp und Buschwerk und hohes Gras, an Feldern und Wegen vorbei; und als sie feuchend und schwitzend in dem Dorfe Badur einritten, war Saidjah nicht unter ihnen. Denn als dieser seinem Büffel, wie die anderen, das Joch abgenommen hatte, um wie sie zu flüchten, hatte ein unerwarteter Geschichte des Javanen Saidjah. Sprung ihm das Gleichgewicht genommen und D'Küchli raus, d'Küchli raus, ' s is a schöni Tochter im Haus! 000 Heinrich Wandt. Bon Multatuli.( Fortsetzung.) Der neue Büffel lernte Saidjah kennen und nahm in dessen Zuneigung sehr bald den Plaz seines Vorgängers ein- viel zu schnell eigentlich; denn, ach! die Wachseindrücke unseres Herzens werden so leicht glattgestrichen, um für spätere Schrift Platz zu machen.... Der neue Büffel war nun nicht so start wie der vorige, und das alte Joch zu groß für seinen Nacken, aber das arme Tier war willig wie sein Vorgänger, der geschlachtet war, und wenn Saidjah auch an der Grenze zu Adinihn zur Erde geworfen. Der Tiger war sehr nahe.... Saidjahs Büffel schoß in seinem Laufe einige Sprünge an dem Fleck vorbei, wo sein kleiner Herr den Tod erwartete. Aber nicht mit Willen war das Tier weiter gestürmt als Saidjah, denn kaum hatte er die Kraft überwunden, die auf alle Stoffe nachwirkt, wenn auch die Ursache aufgehört hat- da kehrte es auch schon zurück, stellte auf seine dicken Füße seinen dicken Leib wie ein Dach über das Kind, und kehrte seine gehörnte Stirne dem Tiger zu. Dieser sprang... aber er sprang zum letzten Male. Für unsere Kinder Als dieser Büffel Saidjahs Vater abgenommen und geschlachtet wurde... 85 Der Büffel fing ihn auf seinen Hörnern auf| dazu kummervoll für jemand, der eigene Büffel und verlor nur etwas Fleisch, das der Tiger gehabt hat. Saidjahs Mutter starb vor Gram, ihm vom Halse riß. Der Tiger lag mit auf- und damals war es, daß sein Vater in einem geriffenem Bauche da, und Saidjah war ge- verzweifelten Augenblick aus Bantam fortrettet. Es war wirklich Glück gewesen in den schlich, um im Buitenzorgschen Arbeit zu suchen. Haarwirbeln dieses Büffels! Aber er wurde mit Stockschlägen gestraft, weil er sein Dorf ohne Paß verlassen hatte, und von der Polizei nach Badur zurückgebracht. Hier wurde er eingesperrt, weil man ihn für irrsinnig hielt, was ich wohl glauben will, und weil man fürchtete, daß er in einem Augenblick von Wahnsinn Amok laufen könnte* oder sonst eine Unsinnigteit begehen würde. Er war jedoch nicht lange gefangen, denn er starb bald darauf. Ich habe gesagt, Leser, daß meine Erzählung eintönig ist. * Als dieser Büffel geschlachtet war, zählte Saidjah schon zwölf Jahre, und Adinda webte schon Sarongs und verzierte sie mit schönen farbigen Mustern. Sie hatte schon Gedanken in den Lauf ihres Farbschiffchens au legen, und sie zeichnete Traurigkeit auf ihr Gewebe, denn sie hatte Saidjah traurig gesehen. Und auch Saidjahs Vater war traurig; seine Mutter aber am meisten. Sie hatte ja die Wunde am Halse des treuen Tieres gepflegt, das ihr Kind unversehrt heimgebracht hatte, als sie auf die Nachricht von Adindas Brüderchen schon geglaubt hatte, der Tiger habe es weggeschleppt. Sie hatte die Wunde so oft betrachtet mit dem Gedanken, wie tief die Klaue, die so tief in das dicke Fell des Büffels eindrang, in den weichen Leib des Kindes geschlagen hätte; und jedesmal, wenn sie frische Kräuter auf die Wunde legte, strei chelte sie den Büffel und sprach ihm freundliche Worte zu, daß das gute treue Tier doch wohl wissen mußte, wie dankbar eine Mutter ist. Sie hoffte später, daß der Büffel sie verstanden habe, denn dann hätte er wohl auch ihr Weinen verstanden, als er weggeführt wurde, um geschlachtet zu werden, und er hätte dann gewußt, daß es nicht Saidjahs Mutter war, die ihn schlachten ließ. Einige Zeit später floh Saidjahs Bater aus dem Lande; denn er hatte große Furcht vor der Strafe, wenn er seine Landrente nicht bezahlte, und er hatte keine Erbstücke mehr, um einen neuen Büffel zu kaufen. Seine Vorfahren hatten stets in Parang- Kudjang gewohnt und ihm deshalb wenig hinterlassen. Auch die Eltern feiner Frau wohnten immer in demselben Distrikt. Nach dem Verlust des letzten Büffels hielt er sich wohl noch einige Jahre, indem er mit gemieteten Pflugtieren arbeitete; aber das ist eine sehr undankbare Arbeit und noch * Der Sarong, das Hauptkleidungsstück der Javanen, oft das einzige, ist ein Stück Baum wollenzeug, einen Meter breit und zwei Meter lang, das um die Hüften gelegt und durch einen Gürtel oder bloß durch einen Knoten festgehalten wird. Was aus den Brüderchen und Schwesterchen Saidjahs geworden ist, weiß ich nicht. Das Häuschen, das sie zu Badur bewohnten, stand einige Zeit leer und fiel dann bald zusammen. Es war ja nur von Bambus gebaut und mit Palmblättern gedeckt. Ein wenig Schutt und Schmutz deckte den Fleck, wo viel gelitten worden war. Es gibt viel solche Flecken in der dortigen Gegend. Saidjah war schon fünfzehn Jahre, als sein Vater nach Buitenzorg flüchtete. Er hatte ihn dahin nicht begleitet, er hatte größere Pläne. Man hatte ihm gesagt, daß in Batavia viele Herren wären, die in Bendis, zweiräderigen Wagen, führen, und daß es für ihn leicht sein würde, eine Stelle als Bendijunge zu finden, wozu man gern jemand nimmt, der noch jung und noch nicht ausgewachsen ist, um nicht durch zu große Schwere hinten auf dem zweiräderigen Wagen das Gleichgewicht zu stören. In solchem Dienst, hatte man ihm gesagt, wäre viel zu verdienen; vielleicht würde er auf die Art in drei Jahren genug Geld sparen können, um zwei Büffel zu kaufen. Diese Aussicht lockte ihn. Mit selbstbewußtem Schritt, wie einer, der Großes im Sinne hat, trat er nach der Abreise seines Vaters bei Adinda ein und teilte ihr seinen Plan mit. " Denke dir," sagte er, wenn ich wiederkomme, werden wir alt genug sein, um zu heiraten, und wir werden zwei Büffel haben." * Der verzweifelte Malaye, den der Wahnsinn padt, fitzt erst in dumpfem Brüten finsteren Auges in irgend einem Winkel; schließlich packt er den Dolch und macht Amok, Mord. Er kennt weder Freund noch Feind, was ihm in den Weg kommt, wird niedergemacht. Alles, was kann, flüchtet, die Holzglocke ertönt, die beherzten Männer des Dorfes bewaffnen sich, und der Kampf dauert so lange, bis der„ Amokläufer" getötet ist. 86 Für unsere Kinder „ Sehr gut, Saidjah. Ich will gern mit dir| Sie laufen zurück und hin und her Hochzeit machen, wenn du wiederkommst. Ich Sie finden im Schnee den Weg nicht mehr. will spinnen und Sarongs weben und färben, Es weinen die Kleinsten, wohl irrten sie weit, und die ganze Zeit sehr fleißig sein." Kalt ist die Nacht, und Schlafenszeit! ,, D, ich glaube dir, Adinda, aber... wenn du denn schon verheiratet bist?" „ Saidjah, du weißt wohl, ich werde niemand heiraten. Mein Vater hat mich deinem Vater versprochen." ,, Und du selber?" " Ich werde dich heiraten, sei gewiß." „ Wenn ich wiederkomme, werde ich in der Ferne rufen." „ Wer wird es hören, wenn wir im Dorfe Reis stampfen?" „ Ja,... aber, Adinda... o ja, so ist es besser... erwarte mich bei dem Busch, unter dem Ketapan, wo du mir den weißen Jasmin gegeben hast." * Aber, Saidjah, wie kann ich wissen, wenn ich hingehen muß, um bei dem Ketapan zu warten?" Saidjah dachte nach und sagte:„ Zähle die Monde. Ich werde dreimal zwölf Monde ausbleiben. Dieser Mond rechnet nicht mit. Sieh, Adinda, mache bei jedem neuen Mond eine Kerbe in deinen Reisblock. Wenn du dreimal zwölf Kerben geschnitten hast, komme ich den Tag, der dann folgt, unter dem Ketapan an... willst du da sein?" " Ja, Saidjah, ich werde unter dem Ketapan sein bei dem Busch, wenn du zurückkommst." Da riß Saidjah einen Fehen von seinem blauen Kopftuch, das schon sehr zerrissen war, und gab Adinda das Stückchen Leinwand als ein Pfand, und dann verließ er Badur. 000 ( Fortsetzung folgt.) Die Kinder im Schnee. Von Heinrich Seidel. Ein Winterabend still und kalt Drei Kinder wandern durch den Wald. Sie gingen schon oft den Weg allein Heut flimmert der Mond mit irrem Schein. Der Pfad, der sonst so kurz nach Haus Heut mündet er nimmer zum Wald hinaus. Die kleinen Beinchen schreiten voran. Da ragt empor der finstre Tann. Sieh dort, unter Wurzeln ein trockenes Hohl, Da bettet das Schwesterchen beide wohl. Trägt Moos und Laub zu ihrer Ruh Und deckt mit dem eignen Tüchlein sie zu. Die Nacht ist talt, vom Mond erhellt Es funkeln die Sterne am Himmelszelt. Man hat sie gesucht mit Rufen und Schrein, Man hat sie gefunden beim Morgenschein. Die beiden Kleinen, sie schlafen fest, Aneinandergeschmiegt im warmen Neft. Den Arm gerafft voll Laub und Moos. So fand man die andre bewegungslos. So lag fie im Schnee- die Wangen rot, Die hatte geküßt der eisige Tod. 000 Die Wurzelprinzessin. Von Robert Reinick.( Fortsetzung.) Jetzt war aber die letzte Aufgabe noch zu erfüllen: eine Prinzessin zu finden und mit ihr ein Stück Land zu erwerben, wo die neue Kolonie sich niederlassen könnte. Auch dazu fand Hampelmann bald Rat. Einige verwundete und gefangene Ratten mußten auf sein Geheiß von allen Prinzessinnen, die sie auf ihren Wanderungen kennen gelernt hatten, Bericht erstatten. Als sie nun auch von der Wurzelprinzessin viel Schönes berichteten, wurde bei ihrer Beschreibung das hölzerne Herz des Fürsten Nußknacker so stark erwärmt, daß ein Ton durch dasselbe fuhr, als wenn eine Diele in einer plöglich erwärmten Stube zu reißen anfängt. Dieser Ton war ihm ein Zeichen: nur diese und keine andere Prinzessin dürfe seine Königin werden. Er beschloß daher auf der Stelle, mit seinem Volke dorthin zu ziehen und um die Prinzessin zu werben. Sogleich wurde der Zug geordnet. Als Führer dienten die gefangenen Ratten. Ihnen folgte Reiterei, dann der König mit seinem Hofstaat, hinter ihm das Geschütz und Fußvolt. Nun tamen Schaukelpferde, über und über mit Schachteln beladen, darin die Städte, * Retapan ist ein tropischer Baum mit mandel- Dörfer, Theater, Festungen, Küchen und derähnlichen Früchten. gleichen mehr, ebenso das Küchengeschirr und Für unfere Kinder 87 wiese zur Aussteuer gab. Und als er nun gar seinen fünftigen Schwiegersohn zärtlich umarmte, jauchzte ringsumher alles Volk, und alle die Tausende der Vögel stimmten mit Singen, Pfeifen und Klappern in das Vivatrufen und Jubelgeschrei ein. Darauf ward angeordnet, daß der ganze Zug des Puppenvolkes vor den Augen des versammelten Wurzelvolkes von seinem neuen Lande, der Nußwiese, Besitz nehmen sollte, was auch sogleich geschah. der Hausrat; hinter diesen die kleinen Last-| vortrug. Auch der König wurde so von seinen wagen, die blechernen und hölzernen Rutschen, Worten gerührt, daß er ihm ohne weiteres ganz mit Passagieren besetzt; dann Fußgänger seine Tochter zur Frau und die ganze Nußaller Art, in allen Kleidertrachten von Adam bis auf unsere Zeiten. Ihnen folgten lange Herden von Tieren, groß und Klein, alle aus den Noahkasten und Menagerien, die auf dem Frachtwagen gewesen waren, erst die zahmen, zuletzt die wilden, letztere umgeben von zinnernen Beduinen und Tscherkessen, die aufpassen mußten, daß die kleinen brüllenden Bestien nicht sich selber oder andere unschuldige Wesen auffräßen. Und zwischen allen diesen Zügen sprangen die Hampelmänner, Harlekine und Ledermäße einher, machten ihre Possen und erhielten das ganze Volt auf dem langen und beschwerlichen Marsch fortwährend bei gutem Mute. Auch schwammen auf dem Wunderbache, an dessen User sie hinzogen, ganze Flotten magnetischer Schiffe, dazwischen die blechernen Schwäne, Enten und Fische. Nun denke man sich diesen unabsehbar langen Zug in dem schönsten grünen Walde zwischen Maiglöckchen, Veilchen und Butterblumen, unter Lattichblättern, Brennesseln und Farnträutern bergauf und bergab marschierend, und alles das bei funkelndem Sonnenschein unter blauem Himmel und dazu die Anstrengung und Mühe der kleinen Wichte, das Rädergefnarre, das Peitschengeknalle, das Kommandieren, Musizieren und Singen an guten Stellen, das Achund Wehgeschrei auf beschwerlichem Pfade, wie zierlich und lustig muß das ausgesehen haben! Da war's wohl sehr natürlich, daß auf dem ganzen Wege, den der Zug machte, die Vögel aus den Sträuchern, die Käfer aus den Blumen, selbst die Regenwürmer und Schnecken aus der Erde neugierig herbeikamen, und daß diese alle doch einen großen Respekt bekamen vor dem König Nußtnacker, der ein so blankes Volk beherrschte und sogar auf Reisen führte. Nach langer Mühe und unfäglichen Anstrengungen langte endlich die Kolonie, wie wir schon gelesen haben, bei der großen Nußwiese an. 4. Wie es nun im Leben so oft zu geschehen pflegt, daß man liebe alte Bekannte über neuen Gästen vergißt und sogar verachtet, so ging es auch hier zu. Die Wandervögel, die früher mit der größten Aufmerksamkeit behandelt wurden, die noch eben bei der Verbindung beider Völkerschaften durch den schönsten Spektafel ihre Teilnahme gezeigt, mußten es im Laufe dieses Tages erleben, daß man ihnen den Rücken kehrte. Die neugierigen Wurzelmännchen drängten sie sogar von allen Seiten zurück und gaben ihnen nicht undeutlich zu verstehen: sie könnten nur fortfliegen und für immer wegbleiben. Empört über eine solche Behandlung, erhoben sich sämtliche Vögel wie mit einem Flügelschlag, schwebten noch einmal mit mächtigem Gebrause über den Köpfen der beiden Völker und verschwanden dann raschen Flugs in der blauen Luft. O Entsetzen! Was ereignete sich da! Der Flügelschlag dieser Tausende hatte einen solchen Luftzug hervorgebracht, daß fast feiner der neuen Ankömmlinge sich auf den Beinen erhalten konnte. Die Zinnsoldaten fielen reihenweise, einer über den anderen zu Boden. Die papiernen Helden, Schauspieler und Jäger wurden weit über die Wiese hingeweht, und selbst Fürst Nußknacker, der eben seiner geliebten Braut mit anständiger Manier die Hand küssen wollte, stand auf so schwachen Füßen, daß er taumelte, umfiel, den Maulwurfshügel herunterrollte und mit offenem Munde am Fuße desselben liegen blieb. Prinz Nußknacker und seine Begleiter wur- Das war ein schlimmes Zeichen für die den vom guten Wurzelkönig auf das freund Macht des neuen Fürstentums! Der große lichste empfangen. Die Prinzessin schwamm in Respekt, den die Wurzelmänner noch eben vor Entzücken über die glänzende Erscheinung des den neuen Ankömmlingen gehabt hatten, verschönlackierten hölzernen Fürsten, der in einer wandelte sich bei diesem Anblick bald in Versteifen, wohlgesetzten Rede seine Liebeserklärung achtung. Nur der gute König und die schöne und seine übrigen Wünsche ungemein anständig| Prinzessin ließen sich in ihrer Bewunderung Für unsere Kinder 88 nicht irre inachen, sie sprangen eilig von ihrem Thron herab und halfen dem gefallenen Fürsten wieder auf die Beine. Nußknacker aber brach in bittere Schmähungen aus; er nannte die Bögel, die ihn umgeworfen hatten, alberne hochfliegende Narren, die sich über alles auf der Welt erhöben, die alle Ordnung und Regel über den Hausen würfen. Sein Zorn wurde nicht eher besänftigt, als bis der künstige Schwiegervater versprach, daß auch er, um ähnliche Unfälle zu vermeiden, nichts Fliegen des, selbst keine fliegenden Blätter in seinem Lande dulden wolle. Allmählich war alles wieder auf die Beine gekommen, der übrige Teil des Tages verging unter Jubel und Lustbarkeiten, und am folgen den Tage ward die Hochzeit des Fürsten Nuß knacker mit seiner schönen Braut auf das aller- glänzendste gefeiert; darauf nahmen beide Völker voneinander freundlichst Abschied, die Wurzelmänner kehrten in ihr Tal zurück, das Puppenvolk blieb auf seiner Nußwiese. s. Ganzer acht Tage bedurfte Fürst Nußknacker, um seinen Staat einzurichten, die Städte, Festungen und Dörfer an geeigneten Stellen aufzubauen und seinen Untertanen ihren Platz und ihre Tätigkeit anzuweisen. Alles das wurde mit Hilfe des lustigen Ministers Hampelmann, der die Seele des Ganzen war, vortrefflich ausgeführt. Es schien auch, als wollte der Himmel selbst das neue Fürstentum begünsti gen, denn bisher hatte sich kein Wölkchen am Himmel gezeigt, kein Windstoß eine Kompagnie Soldaten umgeworfen, kein Rege» die schönen bunten Wasserfarben des Schlosses abgespült oder die fürstlichen Dekorationen des großen Theaters aufgeweicht. So lebte die junge Fürstin einige Tage mit ihrem Gemahl herrlich und in Freuden. Sie hatte bereits ihre alten Kleider aus Blumen blättern und Spinnweben abgelegt und trug sich wie die eleganteste Staatspuppe nach dem neuesten Pariser Modejournal. Ihre munteren natürlichen Bewegungen gewöhnte sie sich ab und nahm die steife Haltung ihres Mannes und ihrer Hofdamen an, die es für unanständig hielten, den Kopf nur etwas auf die Seite zu drehen. Das Gehen verlernte sie fast ganz; dagegen fuhr sie häufig auf Bälle, Konzerte «md Paraden, auf Maiküferhetzen und Fliegen jagden. Ihr liebstes Vergnügen war und blieb der Putz. Alle Tage wechselte sie ihren Anzug, und vor ihren Fenstern waren sämtliche Mode buden aufgestellt, so daß sie gleich beim Auf stehen die ersten Blicke dahin werfen konnte. Aber auch ihr Gemahl und seine Untertanen wurden immer übermütiger. Sie verachteten alles, was nicht Puppe und nicht so schön angestrichen und lackiert war wie sie. Jedes geflügelte Tier, das in ihre Nähe kam, wurde mit der härtesten Grausamkeit verfolgt. Auch die Wurzelmänner, die von Zeit zu Zeit zum Vergnügen herüberkamen, wurden immer kälter empfangen. Bald blieben sie ganz weg. Selbst der gute König mußte es erleben, wie sein Schwiegersohn und seine eigene Tochter ihn mit der Zeit lieblos behandelten. Da ver wandelte sich natürlich die frühere Freundschaft der beiden Völker schnell in bitteren Haß. Noch waren nicht vier Wochen vergangen, so trieb Fürst Nußknacker seinen Übermut so weit, daß er von den Wurzelmännern einen monatlichen Tribut von 2(XX) Stück ausgesuchter Haselnüsse forderte, dabei an der Grenze seine Truppen zusammenzog und alle Festungen in einer Linie gegen das Wurzelreich aufstellen ließ. Im Falle der Weigerung wollte er mit Heeres macht in das Land seines Schwiegervaters einfallen. Eine solche Verletzung alles Rechtes mußte das weiche Gemüt des guten Königs aufs bitterste empören. Einen ganzen Tag lang weinte er die hellen Tränen in seinen bemoosten Bart hinein, dann sagte er sich öffentlich von der undankbaren Tochter los und beschloß, sie nie mehr vor Augen zu sehen. Endlich zog er sich selbst von allen Regierungsgeschäften zu rück. Er fühlte wohl, daß er für ein so schwie riges Geschäft zu weichmütig sei. Die Nachricht davon gelangte bald zu seiner Tochter. Jetzt gingen ihr die Augen auf, wie unwürdig sie ihre Hand verschenkt, wie tief sie durch Eitelkeit alle Pflichten gegen ihren Vater und gegen die verletzt hatte, die ihr früher lieb und wert gewesen. Leider war es zu spät. Sie versuchte alles, ihren Mann von seinen unbilligen Forderungen abzubringen; er blieb bei seinem Vorsatz. Da sie aber mit Bitten nicht nachließ, richtete er endlich seinen Zorn auch gegen sie, schloß sie in ihr Zimmer ein und wollte nichts weiter von ihr hören. Statt Lust und Heiterkeit waren nun Schmerz und Neue ihre ständigen Begleiter.(Schluß folgt.) «srantwortlich sür die Redaltion: Frau Klara Zetlin(Zundel), Wtlhelmshöhe. Post Degerloch bei Stuttgart. Druck«.Verlag J.H.W. Tieg Nachf. G.m.b.H. Stuttgart.