Für unsere Kinder Nr. 20 ooooooo Beilage zur Gleichheit ooooooo 1912 Tanner.( Gedicht.) haus. Von Jürgen Brand. Tod in Aehren. Von Detlev v. Liliencron. Das Leben auf einer einsamen Insel. Vom kleinen Jusseff. Von Ella Wierzbitzki. Das Unkraut, Von Karl Ewald. -Königsterze. Bon Joh. Trojan.( Gedicht.) Im Gewitter. Don K. R. Tanner. Die Schwalben fliegen bang und tief Auf nächtlich düstern Gründen hin, Ein Regenschauer brauset schief Durchs Land daher; das Licht entschlief. Ich aber, schauend, hoffe gar: Den Schmerz besiegt der feste Sinn; Je dunkler ist die Wolkenschar, Je schneller wird der Himmel klar. 000 Vorderhaus und Hinterhaus. Snhaltsverzeichnis: Im Gewitter. Von K. R.| geringe Mühe kosten laffen, sie selber herzuBorderhaus und Hinter- richten. Auf den ersten Blick sollte man meinen, so ein kleiner Bursche täme wohl mit einer weniger geräumigen Wohnung aus. Aber JoChen denkt darüber anders. Als guter Familienpater fühlt er sich vor allem verpflichtet, für seine Nachkommen zu sorgen, und da er in der Regel auf eine zahlreiche Familie rechnen kann, so muß er eine geräumige Wohnung haben. Bauplatz ist ja reichlich vorhanden. Groß genug ist also die Wohnung, und einigermaßen sicher steht sie auch. Jedoch ihr Außeres läßt sehr viel zu wünschen übrig. Wollte man nach dem Außeren des Hauses auf den Charakter seines Erbauers schließen, so müßte man ohne weiteres zugeben, daß Jochen ein großer Lüderjahn sein muß. Und das trifft denn auch so ziemlich zu. Der ganze Bau ist höchst unordentlich aufgeführt; überall hängen die langen Strohhalme herunter. Die gütige Natur hat indessen ein Einsehen gehabt und hat die liederliche Außenseite aufs freundlichste mit grünen Zweigen umgeben. Aber Jochen ist ein Schlaumeier; er denkt: Bei mir soll es nicht heißen: buten fix und binnen nix( außen fix und innen nig). Ist das Häuschen außen auch ruppig, innen ist es um so behaglicher. Hier haben der sorgsame Jochen und seine allzeit hilfbereite Frau die weichsten Federn herbeigetragen, um die Wohnung so mollig und warm einzurichten, daß ihre Kinder, solange sie nackt und bloß sind, nicht zu frieren brauchen. Denn die Spatzenfinder kommen ebenso splitternackt in diese talte Welt, wie die kleinen Menschenkinder. Und darum ist es ein schöner Zug in Jochens Wesen, Wenn ich aus dem Fenster meiner Arbeits- daß er zärtliche Vorsorge trifft für seine hilfstube im ersten Stock hinaussehe, so wird mein lose Brut. Im übrigen, ihr fennt ihn ja, ist Gesichtsfeld nahezu ausgefüllt durch die Krone er ein ziemlich frecher Bursche. Breit und dreist eines Lindenbaumes. Die Straße, die an meinem fißt er vor der Tür seiner Hütte und schreit Wohnhause vorüberführt, ist nämlich mit Lin- unaufhörlich lungernd: Gib, gib, gib! Und denbäumen bepflanzt. Die Linde an meinem wenn niemand darauf hört, so nimmt er's sich, Fenster hat durch häufiges Beschneiden beson- wo er's friegen fann. Erst fürzlich hat er ein ders knorrige Äste erhalten, und auf einem dieser ganzes Erbsenfeld verwüstet, der Strolch! Wenn Aste, gerade an der Stelle, wo er abgesägt ist, ich auch zuweilen aus meinem Fenster drohend steht die Proletarierwohnung. Der Erbauer den Finger erhebe, so fümmert er sich nicht und glückliche Besizer ist Jochen, der Spaz. im mindesten darum, sondern schreit nur um so Obschon er, je nach den Umständen, auch nichts lauter. Im Grunde kann ich ihm aber doch danach fragt, anderen Leuten, zum Beispiel nicht böse sein. Du liebe Zeit! Woher soll er der Schwalbe, einfach ihre Wohnung wegzu- die feinen Manieren haben? Sein ganzes Leben nehmen, in diesem Falle hat er's sich nicht bringt er auf der Gasse zu und muß sich schlecht Für gewöhnlich wohnen im Vorderhause die vornehmeren Leute und im Hinterhause die Habenichtse. Denn so ist es vorderhand noch auf dieser„ besten aller Welten": Wer den größten Geldsack hat, der kann auch am schönſten und zweckmäßigsten wohnen. In der Geschichte jedoch, die ich euch nun erzählen will, ist es umgekehrt: der Aristokrat, der Vornehme wohnt im Hinterhause, und der Plebejer, der Gewöhnliche, hat sich dickköpfig, wie er nun einmal ist, im Vorderhause höchst behaglich eingerichtet. 154 Für unsere Kinder und recht durchschlagen. Und wenn es dabei häufig mehr schlecht als recht hergeht, so muß man ihm doch die schlimmen Verhältnisse zu gute halten, übrigens ist das Mitleid bei Jo chen und Seinesgleichen wenig angebracht. Er findet schon seinen Weg, denn„er paßt in die Welt". Aber es wird Zeit, daß ich euch den Be wohner des Hinterhauses vorstelle. Hinter un serem Hause liegt ein kleiner Garten. Auf einem Rasenplatz darin steht ein pyramidenförmiger Birnbaum, der vor einigen Wochen über und über mit Blüten bedeckt war. Aus einem Zweige nahe der Spitze steht im Laub versteckt die Wohnung des Aristokraten. Stieglitz heißt er, und ihr werdet ihn ebensogut kennen wie Jo chen den Spatz. Der Unterschied zwischen bei den kann kaum größer sein. Der Jochen ist notdürftig in ein unscheinbares graubraunes Gewand gehüllt, das auf der schmutzigen Straße sehrzweckmäßig sein mag, aber neben dem feinen Kleide des Herrn Stieglitz sich nicht sehen lassen kann. Schau, wie so einem eleganten Herrn die Hosen sitzen! Und der braune Frack! Und auf dem Kopf das rote Käpplein! Alles an dem Herrn Stieglitz ist glatt und nett. Und nun erst sein Haus! Das ist geradezu ein Wunder werk der Baukunst. Die Außenwand ist mit grauen Flechten verkleidet, zwischen denen hie und da zarie Wollepflöckchen hervorblicken. Innen ist die überaus zierliche Wohnung mit zarten Wurzeln und Wolle sehr sauber aus gepolstert. Die Wohnung des Spatzenjochen ist ein roher 5kasten gegen dieses reizende Kunst werk des Herrn Stieglitz. Als im Mai der Bau vollendet war und Frau Stieglitz zu legen be gann, konnte ich's doch nicht unterlassen, hinauf zusteigen und hineinzusehen. Kann man sich etwas Zierlicheres deuten als die kleinen bläu lichen Eierchest mit braunroten Punkten in dem sauber gerundetem Napf? Aber ich habe mich sehr gehütet, irgend etwas zu berühren und bin schnell wieder herabgestiegen. Ich habe noch Vorkehrungen getroffen, daß Stachbars Katze dort oben keinen Einbruch verüben kann. Dann kam eine Zeit der Ruhe. Madame Stieglitz wie Frau Spatz saßen brütend auf den Eiern.— Heute hat sich das Bild schon wieder ver ändert: Im Vorder- wie im Hinterhause ist großer Familienzuwachs erschienen. Und beide Häuser sind voller Kinder. Die Eltern haben ihre liebe Not, alle die schreienden Schnäbel zu befriedigen. Jochen hat's bequem: er fliegt von seiner Villa hinunter auf die Straße, sucht zwischen den Roßäpfeln die schönsten Hafer körner und stopft sie seinen Kindern in den Schnabel. Aber dem vornehmen Herrn Stieglitz im braunen Fracke graut's vor solcher Atzung. Er fliegt ins Feld und sucht zarte Insekten und Sämereien für seine aristokratische Brut. Das muß ich jedoch gerechterweise anerkennen: In rührender Fürsorge für Weib und Kind läßt Jochen sich von keinem noch so gewichsten Aristokraten übertreffen. Und leicht hat er's wahrlich auch nicht: Sechs junge Jochen liegen im Nest und schreien vom frühen Morgen bis Sonnenuntergang. Sie sind schon ziemlich groß und werden demnächst das elterliche Haus ver lassen. Aber Jochen ist unermüdlich; er wird, wie auch sein Nachbar im Hinterhause, zu einer zweiten Brut rüsten. Jürgen Brand. ovo Tod in Aehren. Von Detlev v. LMencron. Im Weizenfeld, in Korn und Mohn, Liegt ein Soldat, unaufgefunden, Zwei Tage schon, zwei Nächte schon, Mit schweren Wunden, unverbunden. Durstüberquält und fieberwild, Im Todskampf den Kopf erhoben. Ein letzter Traum, ein letztes Bild, Sein brechend Auge schlägt nach oben. Die Sense sirrt im Aehrenfeld, Er sieht sein Dorf im Arbeitsfrieden, Ade, ade du Keimatwelt— And beugt das Äaupt, und ist verschieden. o o c> Das Leben auf einer einsamen Insel. Inmitten des Südallantischen Ozeans liegt die Inselgruppe Tristan da Cunha. Einsam erheben sich die drei Inseln, die sie bilden, aus den Fluten. Hunderte von Seemeilen ent fernt von ihnen liegt im Osten das afrikanische und im Westen das südamerikanische Festland. Nach Norden erstreckt sich die sie umgebende ungeheure Wafferwüste schier ohne Grenzen, und im Süden setzt ihr erst das Festland des Süd pols Schranken. Die Inselgruppe trägt den Namen der Hauplinsel, die im Jahre 1506 von dem portugiesischen Seefahrer Tristan da Cunha entdeckt wurde. Das war zu der Zeil, da die Portugiesen die Beherrscher des See wegs nach Ostindien und die Herren der asri- Für unsere Kinder 155 kanischen Küste und der Küsten des Indischen seien. Um sich über das Schicksal der beiden Dzeans waren. Nachdem die Briten Ostindien Deutschen zu vergewissern, dampfte der Chalerobert hatten und als sie Australien zu be- lenger noch in der Nacht nach der Unnahbaren siedeln begannen, hißten sie ihre Flagge auf Insel. Als man sich am Morgen der Insel Tristan da Cunha. Denn diese Insel bildet näherte, konnte man feiner Bewohner gewahr einen günstigen Haltepunkt für die Ostindien werden. Doch als man dann ein Boot ans und Australienfahrer. Die Inselgruppe ist vu Land schickte, wurden die beiden Einsiedler in tanischen Ursprungs und gebirgig. Als sie von der Nähe einer kleinen Grashütte entdeckt. Sie den Portugiesen entdeckt wurde, war sie un- tamen gern mit an Bord, und hier erzählte bewohnt. Da aber das Klima der Entwicklung der ältere der beiden Brüder, Friedrich Stols des Pflanzen und Tierlebens günstig ist, so tenhoff, die unten folgende Geschichte. Die beisiedelten sich auf der Hauptinsel Menschen an, den Brüder entschlossen sich nunmehr, ihre einund bauten dort Gemüse und zogen Vieh. Diese same Insel zu verlassen und mit dem Chalsetzten sie dann an die vorüberfahrenden Schiffe lenger nach dem Kap der Guten Hoffnung zu ab. Besonders früher, da man die schnellfah- fahren. Die Geschichte ihres Aufenthalts auf renden Dampfschiffe noch nicht kannte und die der Unnahbaren Insel ist nicht reich an AbenSegelschiffe oft monatelang auf dem Meere teuern, wie sie die Robinsongeschichten gewöhnunterwegs waren, freuten sich die Seefahrer, lich zu enthalten pflegen, aber sie gewinnt durch wenn sie die endlose Fahrt unterbrechen und ihre schlichte Wahrheit. an einer Insel vor Anker gehen konnten, die ihnen frisches Wasser, Gemüse und Fleisch bot. So wird die Insel Tristan da Cunha denn auch„ Erfrischungsinsel" genannt. Heute leben auf der etwas über 100 Quadratkilometer großen Insel an die 70 Menschen. Neben Viehzucht und Gemüsebau betreiben sie Jagd auf Robben, an denen die Inselgruppe wie auch an Seevögeln reich ist. Südwestlich der Hauptinsel liegen die beiden kleineren unbewohnten Felseninseln Nachtigall und Inaccessible Jsland, das heißt die Unnahbare Insel. Unnahbar wird die letztere aber genannt, weil die fie ewig umtobende Brandung eine Landung auch nur mit einem Boot zu einem gefährlichen Unternehmen macht. " Ich bin im Jahre 1846 von deutschen Eltern in Moskau geboren, wo mein Vater Färber war, und war bei Ausbruch des Deutsch- Französischen Krieges in einem Raufmannshause zu Aachen beschäftigt. Wie andere wurde ich von der Regierung zur Armee eingezogen. Nach Beendigung des Feldzugs wurde ich entlassen und kehrte nach meiner Heimat zurück. Im Juni 1871 fam mein jüngerer Bruder Gustav von Tristan da Cunha zurück, wo er mit der Mannschaft eines Schiffes aus St. John's( Neufundland) gelandet war, das etwa 300 Seemeilen nordwestlich von der Insel durch Feuer zerstört worden. Die Mannschaft wurde später von der Insel nach Aden gebracht, von wo Gustav, der auf einem englischen Dampfer Dienste genommen hatte, nach Deutschland zurückgekehrt war. Im Jahre 1872 sandte England das Schiff Challenger, das ist der Herausforderer, zur Erforschung der Weltmeere, aus. Das Schiff hatte Die Erzählungen meines Bruders über das die Tiefe der Meere zu messen, die Beschaffenheit des Meeresbodens zu ergründen und die Leben auf Tristan und seine Absicht, dorthin Pflanzen und Tierwelt des Ozeans zu erzurückzukehren, veranlaßten auch mich zu dem forschen. In einer vierjährigen Fahrt durch die Weltmeere hat die Besatzung des Schiffes ihre Aufgabe in glänzender Weise erfüllt und dadurch Großes zur Kenntnis eines bis dahin fast unbekannten Gebietes beigetragen. Auf der Fahrt von Brasilien nach dem Kap der Guten Hoffnung kam der Challenger auch nach Tristan da Cunha. Hier erfuhr die Besayung, daß auf der Unnahbaren Insel einfam zwei Deutsche lebten, die sich dort niedergelassen hatten, um Seehunde zu fangen. Da man aber in der letzten Zeit nichts mehr von den beiden, die Brüder waren, gehört hatte, so nahmen die Bewohner Tristan da Cunhas an, daß sie umgekommen Entschlusse, nach jener Insel auszuwandern, nicht aber, um mich dort anzusiedeln und zu bleiben, sondern nur um eine bestimmte Summe Geldes mit Robbenfang und Tauschhandel zu erwerben. Mit diesem Plane segelten wir nach den nötigen Vorbereitungen im August 1871 mit einem englischen Dampfer von Southampton nach St. Helena ab, das wir im folgenden Monate erreichten und am 6. November mit dem amerikanischen Walfischfänger„ Java", der auf eine Fahrt nach dem Südatlantischen Dzean ausging, wieder verließen. Wir befan den uns als Passagiere an Bord und wollten auf Tristan ans Land gesetzt werden. Auf der 156 Für unsere Kinder Reise erzählte der Rapitän uns manches von den Ansiedlern auf der Insel und, wie wir voraussichtlich von ihnen empfangen werden würden. Sein Bericht stand aber in geradem Widerspruch zu der Beschreibung, die mein Bruder mir von dem Orte und seinen Bewohnern gemacht hatte, allerdings nach dem, was er während seines nur achtzehntägigen Aufenthaltes gesehen. Dagegen beschrieb der Kapitän uns die Insel Inaccessible als sehr fruchtbaren Ort, der ebenso wie die nächste Insel, Nachtigall, vielen Robben und See löwen zum Aufenthalt diene. Er wisse das, wie er sagte, weil er mehrere Male die Insel besucht und bei der Landung dort auch Ziegen und Schweine angetroffen habe. Infolgedessen beschlossen mein Bruder und ich, unser Glück auf dieser Insel zu versuchen, wo wir denn auch am 27. November 1871 von den Booten des Walfischfängers gelandet wurden. Wir nahmen ein altes Walfischfängerboot, das wir in St. Helena gekauft hatten, nebst Mast, Segeln und Rudern mit uns, 200 Pfund Reis, 200 Pfund Mehl, 100 Pfund Schiffszwieback, 20 Pfund Kaffee, 10 Pfund Tee, 30 Pfund Zucker, ein Faß grobes Salz, das uns späterhin fortgespült wurde, 30 Pfund Steinfalz, etwas Pfeffer, 8 Pfund Taback, 14 leere Tonnen zur Aufbewahrung des Öls, 5 Flaschen holländi schen Genevre, 6 Flaschen Kapwein, 6 Flaschen Essig und als einziges Arzneimittel etwas Bittersalz. Sodann hatten wir jeder 2 wollene Decken, Stiefeln und Schuhe und unsere gewöhnlichen Kleidungsstücke. Der Kapitän des Walfischfängers verkaufte uns dann noch eine Laterne und eine Flasche Ol; Lichte besaßen wir nicht, doch hatten wir, um Feuer zu machen, sechsDutzend Schachteln Schwefelhölzer. Außerdem hatten wir uns mit einer Schiebfarre verfehen, zwei Spaten, einer Schaufel, zwei Picken, Reffel, Bratpfanne, zwei Schmortigeln und Eß geräten. An Waffen und Munition besaßen wir einen kurzen gezogenen Vorderlader, eine alte deutsche Vogelflinte, zwei und ein halbes Pfund Pulver- vom Steuermann des Schiffes befamen wir noch ein Pfund Sprengpulver 200 Kugeln und soviel Blei, daß wir noch weitere hundert gießen konnten, vier Scheidemesser, wie sie die Seeleute tragen. Ferner hatten wir eine Säge, einige Nägel, Hammer, zwei Hartmeisel, etwas Segelgarn, zwei oder drei Bohrer, eine Tür, drei Dachsparren, ein Fenster mit Scheiben und zwei eiserne Eimer. Unsere Kleidungsstücke verwahrten wir in Risten, wir hatten aber auch überzüge mitgenommen, die wir in furzer Zeit mit Vogelfedern gefüllt hatten und zu guten Betten umgestalteten. Am 27. November famen wir, wie schon erwähnt, auf der Westseite der Insel ans Land, und eine Viertelstunde später fegelte der Walfischfänger weiter, nachdem er uns vorher noch einige Kartoffeln zur Aussaat gegeben hatte. Samen fast aller gewöhnlichen Gartengemüse hatten wir selbst mitgebracht, ebenso auch eine Hündin mit drei Jungen. Mein Bruder machte sich sofort auf den Weg uud erflomm mit Hilfe des Tussockgrafes* den Abhang des Felsens, um oben auf der Insel nach Ziegen und Schweinen zu suchen. Es gelang ihm aber nicht, ein Tier zu schießen, und da er sehr ermüdet war, fehrte er erst am folgenden Tage zurück, um mir beim Bau einer Hütte zu helfen. Unser Boot lag auf dem Strande, wohin die Mannschaft des Wallfischfängers es für uns gebracht hatte. Nachdem wir uns dann einen Tag ausgeruht, gingen wir zusammen auf die Jagd und hatten das Glück, ein Schwein zu erlegen. Ziegen sahen wir ebenfalls, doch konnten wir uns ihnen nicht nähern. Am vierten Tage nach unserer Landung empfingen wir den Besuch von 16 Männern, die in zwei Booten von Tristan da Cunha herüber gekommen waren und mit zwei anderen, die zurückgeblieben waren, die ganze männliche Bevölkerung jener Insel bildeten. Sie hatten sich, da die Robbenfangzeit begonnen, beeilt, ihren jährlichen Besuch auf der Insel zu machen, und dies um so mehr, als sie von dem Kapitän des Walfischfängers " Java" gehört hatten, daß wir im Besitze von Briefen und vier Kisten seien, die von St. Helena nach Tristan da Cunha bestimmt waren. Die " Java" war nämlich, nachdem sie uns verlassen, an der Küste jener Insel von Windstille befallen worden. Während der Nacht war ein Boot vom Land gekommen und hatte Lebens mittel angeboten, der Kapitän habe aber, wie die Leute erzählten, nicht handeln wollen, weil er erst vor so kurzer Zeit den Hafen verlassen hatte. Es war unsere Absicht gewesen, sobald unsere Vorräte unter Dach gebracht waren, den ersten südlichen Wind zu benutzen, um nach Tristan zu fahren und die vier Kisten, * Eine Grasart, deren Stengel 11/2 bis 2 Meter hoch werden. Die Pflanze erscheint aber noch höher, da die Wurzeln ein dicht verschlungenes Bolster auf dem Boden bilden, das häufig die gleiche Höhe wie die Stengel erreicht. Dieses Gras dient als Bichfutter. Für unsere Kinder 157 schöneren. Manchmal hatte Mutter Anuschka ein Apfelchen für Jusseff. Das briet er sich schnell, ehe Vater und die größeren Brüder heimkamen. Denn dann rührte er sich nicht und blieb stumm. Die Großen, im Gefühl ihrer erwachenden Mannestraft, ließen feine Gelegenheit vorüber, den„ feigen Schwächling" ihre Überlegenheit und Verachtung fühlen zu laffen. Bis sie kamen, gehörte die Mutter dem kleinen Jusseff allein. Er hatte es eilig, ihr seine Schmerzen und die kindlichen Gedanken seines blonden Krauskopfs mitzuteilen, und sie weinte mit ihm, aber sie wußte ihm keine Hilfe. Hatten seine Brüder nicht auch schon in dem Alter morgens barfuß über die Stoppeln laufen müssen, um dem Vater das Frühstück, gekochte Kartoffeln mit Rotebeet zu bringen? Aber früher hatte doch der Gendarm nie verlangt, daß die Kinder auch im Winter zur Schule gingen. Nein, wenn die Wege gut waren und es gerade mal keine Arbeit gab, dann durften sie zur Schule. Der Lehrer fand es nett, daß sie kamen, und empfing sie nicht allemal mit einer Tracht Prügel, wie dieser neue Lehrer, der Unmensch! die Briefe und Bestellungen zu überbringen,| Asche ins Gesicht stob, wenn Mutter das Feuer die uns von in St. Helena lebenden Verwandten schürte, oder ihn gar ein Spritzer aus dem der Inselbewohner aufgetragen waren. Das Kochtopf auf die Nase traf, er mußte feinen war nun nicht mehr nötig. Die beiden Boote hatten im Norden unserer Insel angelegt, doch fuhren sie nach unserer Seite herum, um mit uns zusammenzutreffen. Die Männer verweilten übrigens, da es schon spät am Nachmittage war, nur etwa eine Stunde, waren während dieser Zeit aber sehr freundlich und zu vorkommend gegen uns, boten uns Hülfe an und lehrten uns Hütten aus dem Zuffodgras bauen. Am nächsten Tage bekamen wir wieder Besuch von einem Dutzend Ansiedler von Tristan; diesmal tamen sie aber, da sie nach Biegen gesucht hatten, über Land zu uns. Sie halfen uns beim Bau einer kleinen Hütte, mochten uns darauf aufmerksam, daß wir uns eine schlechte Lage ausgesucht hätten, und rieten uns, unsere Wohnstätte nach der Nordseite der Insel zu verlegen. Während der nächsten paar Wochen konnte des stürmischen Wetters wegen teine Verbindung zwischen den beiden Seiten der Insel unterhalten werden, alsdann aber begaben mein Bruder und ich uns über den Hügel nach der Nordseite der Insel. Dort zeigte einer der Männer aus Tristan uns einen den Abhang hinabführenden Weg sowie eine geeignete Stelle, wo wir in Zukunft unsere Wohnstätte aufschlagen sollten. Am nächsten Tage fehrten wir nach unserer alten Behausung zurück. Bis dahin hatten die Bewohner von Tristan geglaubt, daß wir mit ihnen zu ihrer Insel fommen würden, und hatten sich uns gegenüber auf das freundschaftlichste benom men; sie waren uns auch während ihres zehntägigen Aufenthalts behilflich gewesen, unfere Vorräte mittels ihrer Boote nach der Nordfeite zu schaffen, wo wir zwei Tage mit ihnen zusammen verweilten. Nach neun oder zehn Tagen verließen uns die Leute, die diesmal nur eine Robbe gefangen hatten, um nach Tristan zurückzukehren, und da ich gern eine Kuh, ein Kalb und einen jungen Stier zu er werben wünschte, so traf ich ein entsprechendes Abkommen mit Green, dem Oberhaupt Tristans, der mir die Tiere, wenn möglich, bis Weih( Forts. folgt.) nachten zu bringen versprach. 000 Vom kleinen Jusseff. Der kleine Jusseff hockte in der Dämmerung in der Ede am Herd seiner Mutter Anuschka. Dort war sein Play. Ob ihm auch die glühende Mutter Anuschka sandte ihm aus Herzensgrund tausend Verwünschungen zu, während sie mit Hühnerfett und Muttertränen die dicken Striemen fühlte, die ihr Nesthäfchen nicht ordentlich fizen ließen, und die er sich doch täglich aus der Schule holte. Jusseff wimmerte und erzählte der Mutter, der dumme Lehrer ver stehe kein Wort polnisch. Da Jusseff aber kein Deutsch verstand und zu Hause schleunigst vergaß, was er in der Schule mühevoll gelernt, so blieb der Stock das einzige Verständigungsmittel. Zudem fam Jusseff auch ja regelmäßig zu spät in die Schule! So weinte er sein kleines Herz bei der Mutter aus. Traten die Brüder ein, die mit dem Vater bereits in Feld und Scheune arbeiteten, so verstummte er. Nur große Tränen rollten über seine blassen Wangen, während er mit steifen Händen den Bast von den blutigen Zehen zerrte, die von dem Laufen über die kalten scharfen Stoppeln zerstochen waren. Mit ungefchickten Fingern fuchte er die Dornen auszuziehen, die sich tückisch in seine entzündeten Hacken eingebohrt hatten. Mutter Anuschka aber setzte schleunigst die Abendmahlzeit auf den Tisch, das Hauptessen des Tages, Klunterchen, bohnengroße Stümpchen aus geriebenen Kartoffeln mit einer Heinen 158 Für unsere Kinder Geld. Ich verspreche euch, ihr bekommt neue Hosen und dürft mit auf den Jahrmarkt gehen." Handvoll Mehl hergestellt. Sie wurden in Salz-| wir eine Prachternte," sagte er. Ich bekomme wasser gekocht und, sobald der Topf auf dem meine Scheunen strozend voll und verdiene viel Tisch stand, goß Mutter Anuschka vor aller Augen Milch, richtige Milch, hinein. Dazu gab's eigengebackenes Schwarzbrot und für den Vater Schnaps. Hatten die Söhne tagsüber wacker mit zugegriffen, so bekamen sie auch ein Gläschen. Alle aßen mit Eifer und Ausdauer. Nur Jusseff nicht. Ungern hatte er seine Ecke verlassen und nach dem zweiten oder dritten Löffel aus der gemeinsamen Schüssel nickte er ein. Der große Vater mit dem prachtvollen lockigen Haar und Bart erhob sich dann und trug mit zarter Sorgfalt, die bei dem Hünen rührend mirkte, seinen Liebling zurück in die warme Ecke am Herd. Wie der Bauer seine Felder abschritt, rief der Roggen:„ Wenn du mich nun nicht bald schlägst, Bauer, dann leg' ich mich nieder," und er neigte seine vollen Ahren bis zur Erde hinab. Der Bauer hörte nun zwar nicht, was der Roggen sagte, er konnte ihm aber ansehen, was er dachte, und deshalb ging er nach Hause und holte seine Sense. ,, Es ist wirklich hübsch, im Dienste der Menschen zu stehen," sagte der Roggen.„ Ich bin doch immer sicher, daß meine Körner untergebracht werden. Die meisten kommen in die Mühle. Das ist ja nun freilich nicht gerade behaglich, dann aber wird man herrliches, friNach dem Essen wurden die Kartoffeln zum nächsten Tag gemeinsam geschält, denn Kartoffeln war der Hauptbestandteil jeder Mahl- sches Brot, und der Ehre wegen kann man zeit. Dann suchten alle ihr Nachtlager auf. Die Eltern schliefen im Bett in der Stube. Die Söhne, auch Jusseff, mußten einige Schritte über den Hof gehen und die Leiter auf dem Heuboden hinaufsteigen. Jusseff hütete sich aufzuwachen und ließ sich gern hinauftragen. Oben war ein großes buntes Leinentuch auf dem Heu ausgebreitet. Die drei schmiegten sich unter das dicke Federnbett und schliefen, bis morgens um vier Uhr der Vater die Großen wieder zur Arbeit rief. Jusseff ging dann auch gleich mit herunter und schlüpfte noch zur Mutter ins Bett. Hier lag er, bis er mit dem Frühstück Loslaufen mußte. Ja, so ging's dem armen Jusseff alle Tage. Ella Wierzbigti. 000 Das Unkraut.* Von Karl Ewald. Es war ein gesegnetes, ein fruchtbares Jahr. Regen und Sonnenschein wechselten gerade so ab, wie es für das Getreide am besten war. Sobald der Bauer fand, nun werde es etwas zu trocken, da regnete es sicher am nächsten Tage. Und meinte er, nun habe es genug geregnet, dann teilten sich ganz sicher die Wolfen, und die Sonne schien es war geradezu, als fommandierte der Bauer das Wetter. Kein Wunder also, daß der Bauer guter Laune war und nicht jammerte, wie das sonst seine Art. Munter und guter Dinge schritt er mit jeinen Jungen das Feld ab.„ Diesmal friegen * Aus„ Der Storch und andere Märchen". Dresden, Verlag von Kaden& Co. schon einige Leiden auf sich nehmen. Den Rest bewahrt der Bauer auf und sät ihn das nächste Jahr wieder aus." Neben dem Acker, den Rain und den Grabenrand entlang, stand das Unkraut. Distel und Klette, Mohn, Glockenblume und Löwenzahn gediehen da in dichten Haufen, und alle hatten sie die Köpfe voller Samen. Auch für sie war es ein fruchtbares Jahr gewesen, denn die Sonne scheint und der Regen fällt ebenso für das arme Unkraut wie für das reiche Korn. ,, Uns mäht niemand, und niemand fährt uns in die Scheune," sagte der Löwenzahn und schüttelte seinen Kopf, aber ganz vorsichtig, Damit der Samen nicht vor der Zeit aussiele. " Was soll doch aus allen unseren Kindern werden?" " " Ich bekomme Kopfschmerzen, wenn ich daran denke," sagte der Mohn. Da stehe ich nun und habe zu Hunderten Samenkörner im Kopf und weiß nicht, wohin ich sie legen soll." Rat," meinte die Klette. Und dann fragten sie „ Fragen wir doch einmal den Roggen um den Roggen, was sie tun sollten. " Wenn man seine Angelegenheiten in Ordnung hat," antwortete der Roggen, soll man sich nicht in anderer Leute Sachen mischen. Ich rate euch nur das eine: paßt auf, daß ihr euren dummen Samen nicht auf den Acker werft; sonst bekommt ihr es mit mir zu tun." Dieser Rat fonnte nun natürlich dem Untraut nichts nüßen, und sie dachten den lieben langen Tag darüber nach, was sie anfangen sollten. Als die Sonne unterging, schlossen sie ihre Blätter, um zu schlafen; die ganze Nacht aber r t I. e Für unsere Kinder 159 träumten sie von ihrem Samen, und am näch-| unterzubringen, und man möchte doch gern sten Morgen hatten fie Rat gefunden. Der Mohn erwachte zuerst. Vorsichtig öffnete er oben in seinem Kopf einige Klappen, damit die Sonne direkt auf den Samen scheinen konnte. Dann rief er den Morgenwind, der spielend den Rain entlang lief. Lieber Wind," sagte er freundlich.„ Willst du mir einen Dienst erweisen?" ,, Gern," antwortete der Wind. Ich möchte ganz gern irgend etwas unternehmen." Es handelt sich nur um eine Kleinigkeit," fuhr der Mohn fort.„ Schüttle nur, bitte, meinen Stiel recht ordentlich, damit mein Same aus den Klappen herausfällt." " Machen wir!" rief der Wind. Und der Same flog nach allen Himmelsrichtungen. Der Stiel brach zwar dabei, daran kehrte sich aber der Mohn nicht weiter. Wenn man seine Kinder gut versorgt hat, hat man ja eigentlich hier auf Erden nichts mehr zu tun. „ Leb wohl," sagte der Wind und eilte weiter. ,, Warte noch einen Augenblick," rief ihm der Mohn nach.„ Versprich mir noch, daß du es den anderen nicht verraten willst. Sonst könnten die auf dieselbe Idee verfallen, und dann betäme mein Same nicht genügend Play." " Ich bin stumm wie das Grab," antwortete der Wind und lief weiter. Da rief ihm aber die Glockenblume nach:" Pst, pst. Haft du Zeit, mir einen ganz kleinen Dienst zu erweisen?" „ Meinetwegen!" antwortete der Wind. ,, Was ist denn los?" ,, Ach, ich wollte dich nur bitten, mich ein bißchen zu schütteln," sagte die Glockenblume. " Ich habe in meinem Kopfe einige Klappen geöffnet und möchte gern meinen Samen recht weit in die Welt hinausgetragen haben. Du darfst aber den anderen nichts davon erzählen, sonst kommen sie auf denselben Gedanken." „ Gott bewahre!" antwortete der Wind und lachte.„ Ich werde schon den Mund halten." Und dann schüttelte er die Blume ordentlich und eilte weiter. ,, Lieber Wind, lieber Wind!" rief da der Löwenzahn. Wohin willst du denn so eilig?" " Hast du auch etwas auf dem Herzen?" fragte der Wind. Ganz und gar nicht," antwortete der Löwenzahn.„ Ich wollte nur ein paar Worte mit dir sprechen." " Dann beeile dich, bitte," rief der Wind. " Ich möchte mich nun legen." " für seine Familie ordentlich sorgen. Wie die Glockenblume, der Mohn und die arme Klette sich einrichten wollen, weiß ich nicht. Die Distel aber und ich, wir haben zusammen beraten, und jetzt haben wir einen Ausweg gefunden. Du sollst uns helfen." " Das wären also vier im ganzen, denen ich helfen soll," dachte der Wind und konnte nicht mehr an sich halten; er lachte ganz laut. " Worüber lachst du denn?" fragte der Löwenzahn. Ich habe vorhin wohl bemerkt, daß du mit der Glockenblume und dem Mohn getuschelt hast; wenn du ihnen aber etwas erzählst, so erfährst du von uns nichts." ,, Gott bewahre!" sagte der Wind.„ Ich bin stumm wie ein Fisch. Nun also, was willst du von mir?" " Wir haben oben an unseren Samen kleine, feine Schirme angebracht. Ich sage dir, es ist das niedlichste Spielzeug, das du dir denken Kannst. Wenn du mich nun nur ein ganz klein wenig anbläst, dann fliegen sie in die Höhe und fallen da nieder, wo es dir gefällt. Willst du?" " Jawphl!" sagte der Wind. Und rutsch! fuhr er über Distel und Löwenzahn hin und nahm all ihren Samen mit sich auf den Acker hinüber. Die Klette stand noch in tiefe Gedanken versunken da. Sie war etwas schwerfällig, und daher dauerte alles bei ihr lange. Am Abend aber fam ein Hase über den Rain gesprungen und rief ihr zu:„ Verbirg mich! Rette mich. Der Karo des Bauern ist hinter mir her." ,, Komm nur," sagte die Klette.„ Ich will dich schon verstecken." " Du siehst mir zwar nicht danach aus, als ob du das könntest," sagte der Hase. In der Not hilft man sich aber, so gut man fann." Und dann verkroch er sich hinter dem Feldrain. „ Zum Dank für meine Dienste könntest du einen Teil von meinem Samen mit auf den Acker hinübernehmen," sagte die Klette, brach einige von ihren vielen Köpfen ab und setzte fie dem Hasen in den Pelz. Kurze Zeit darauf tam Karo angetrabt. „ Da ist der Hund!" flüsterte die Klette, und da war der Hase mit einem Satz über den Rain hinweg und in den Roggen hinein. " Hast du den Hasen nicht gesehen?" fragte Karo. Ich fühle es, ich bin für die Jagd etwas zu alt geworden. Auf dem einen Auge bin ich ganz blind, und meine Nase kann die Siehst du," sagte der Löwenzahn, heuer fällt es uns recht schwer, den vielen Samen Spur nicht mehr finden." 160 Für unsere Kinder „ Gesehen habe ich ihn," antwortete die Klette, ,, und wenn du mir eine Gefälligkeit erweisen willst, werde ich dir zeigen, wo er ist." Staro ging natürlich darauf ein, und da heftete ihm die Klette einige von ihren Köpfen an den Rücken und sagte:„ Nun reib dich einmal dort an dem Zaun und sorge dafür, daß mein Same auf den Acker fällt. Nach dem Hasen aber brauchst du auf dem Roggenfelde gar nicht erst zu suchen. Den habe ich eben erst in den Wald hineinlaufen sehen." Da legte Karo die Kletten auf dem Roggenfelde ab und trabte dann dem Walde zu. „ Ich habe nun also meinen Samen untergebracht," sagte die Klette vergnügt schmunzelnd. Wer weiß aber, wie es der Distel, dem Löwenzahn, der Glockenblume und dem Mohn gehen wird." Im nächsten Frühjahr, als der Roggen schon hoch aufgeschossen war, meinten die Roggenhalme:„ Uns geht es doch wirklich gut. Wir stehen nun hier in großer Gesellschaft, sind ganz unter uns und werden von Fremden nicht belästigt. Und keines von uns kommt dem andern zu nahe. Es ist doch wirklich hübsch, im Dienste des Menschen zu stehen." Eines schönen Tages aber steckte eine Masse von kleinen Mohnblumen, Disteln, Löwenzähnen, Kletten und Glockenblumen inmitten der vornehmen Roggengesellschaft ihre Köpfe aus der Erde heraus. Was ist denn das?" rief der Roggen.„ Woher in aller Welt kommt denn ihr?" Und die Mohnblume sah die Glockenblume an und fragte:„ Wie kommst denn du hierher?" Und die Distel sah die Klette an und fragte: ,, Wie in aller Welt bist denn du hierher getommen?" Eines war so erstaunt wie das andere, und es dauerte einige Zeit, bis alle Aufklärung erhalten hatten. Der Roggen aber war am wütendsten von allen, und als er die ganze Geschichte von Karo, dem Hasen und dem Winde gehört hatte, war er ganz verzweifelt. ,, Gottseidank," rief er, daß der Bauer letzten Herbst den Hasen erschossen hat. Und Karo, der elende alte Kerl, ist auch tot. Vor denen find wir also jezt sicher. Wie konnte der Wind es aber wagen, Unkrautsamen auf das Feld unjeres Bauern zu tragen?" Nur nicht so higig, du grüner Roggen!" sagte da der Wind, der am Rain gelegen und alles angehört hatte. Ich frage niemand um Erlaubnis, wenn ich etwas tun will. Ich tue was ich will, und jetzt werde ich dich zwingen, daß du dich vor mir verneigst." Und da fuhr er über den jungen Roggen hin, daß die dünnen Halme hin und her schwankten. „ Siehst du wohl!" sagte er dann.„ Der Bauer sorgt für seinen Roggen, das ist sein Geschäft. Der Regen aber, die Sonne und ich mir nehmen uns eurer alle zusammen an, ohne Ansehen der Person. In unseren Augen ist das arme Unkraut ebenso schön wie das reiche, vornehme Korn." Nun kam der Bauer aufs Feld hinaus, um sich seinen Roggen anzusehen, und als er des Untrauts ansichtig wurde, das auf dem Felde stand, da kratzte er sich ärgerlich hinterm Ohr und fing an zu schimpfen. " Das ist dieser elende Wicht, der Wind gewesen," sagte er zu seinen Jungen, die neben ihm standen, die Hände in den Taschen ihrer neuen Hosen. Da kam aber der Wind daher und wehte allen dreien die Mützen vom Kopfe und rollte sie den Weg entlang weit hinaus. Der Bauer und seine beiden Jungen liefen hinter ihnen drein; der Wind war aber schneller. Schließlich rollte er die Mügen in den Dorfteich hinein, und der Bauer und seine Jungen hatten lange zu tun, bis es ihnen gelang, ihre Mühen wieder aus dem Teiche herauszufischen. 000 Königsterze. Bon Johannes Trojan. Königskerz auf der Heide Geht in blaßgrüner Seide, Reckt die Arme zum Himmel auf, Trägt einen Leuchter mit Lichtern darauf. In der Nacht, in der Sommernacht, Leuchtet hell ihrer Kerzen Pracht; Dann halten in dem goldnen Schein Die Elfchen ihren Ringelreihn. Wer hat's gesehn? Zwei Wandersleut Berichten darüber hocherfreut, Ein Käfer und eine Grille; Die kamen spät des Nachts daher, Sahen den Tanz und staunten sehr Und hielten sich mäuschenstille. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Betfin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Drud u.Verlag 3.5.W.Dtet Nachf. G.m.b.G. Stuttgart.