Für unsere Kinder Nr. 23 o o c> o o o o Beilage zur Gleichheit o o o c> O o O 1912 Inhaltsverzeichnis: Der Sichel verfallen. Von Martin Greis.(Gedicht.)— Ein fahrender Schüler. Äon Roland.— Der Ostwind. Von Karl Spittclcr. (Gedicht.)— Die Hermannshöhle im Harz. Von H. Arnulf.— Das Kornjahr. Von Adolf Frey. (Gedicht.)— Die Regentropfen. Von SophicNcin- hciiner.— Die Nose. Von Emma Dölh.(Gedicht.) lich so herrlich war? Uni dies sagen zu kön nen, wollen wir einiges aus der Geschichte eines solchen„fahrenden Schülers" hören. In seiner Lebensbeschreibung berichtet uns Thomas Platter ausführlich von seiner Jugend und seinen Schulfahrten. Thonias Platter war ein Schweizer; geboren ist er 1499. Seinen Vater hat er früh verloren; als die Mutter wieder heiratete, wurden Thomas und seine Geschwister, die er nicht einmal alle kennen gelernt hat, in alle Winde verstreut. Thomas, der jüngste, wurde von seinen Basen aufge nommen und mnszte die Geißen des Dorfes hüten. Das ward dem Siebenjährigen nicht leicht. Gar oftmals geriet er in die Gefahr, von herabstürzenden Felsbrocken erschlagen zu werden oder in tiefe Abgründe zu stürzen. Er erzählt von seinem Leben als Geißhirt:„Das weiß ich wohl, daß ich selten ganze Zehe» hatte, sondern mir Stücke abgestoßen, große Schrunden geholt, oft übel gefallen, ohne Schuhe meistens im Sommer gewesen oder Holzschuhe gelragen und großen Durst gelitten. Meine Speise war morgens vor Tag ein Roggenbrei, das ist eine Pappe von Roggen mehl gemacht. Käse und Roggenbrot gibt man in einem Korbe mit, den man auf dem Rücken trägt. Abends gekochte Käsmilch, doch alles ziemlich genug. Im Sommer lag ich im Heu, im Winter auf einem Strohsack voll Wanzen, oft voll Läusen." Später mußte Thomas Kühe hüten. Aber da wendete sich seinLeben. Er sollte die Schule besuchen, damit er ein Geistlicher werde. Er kam zu einem Vetter, der ein Priester, aber ein zorniger Mann war. Bei dem hatte er es nicht gut.„Er schlug mich grausam übel, nahm mich vielmal bei den Ohren und zog inich vom Herd auf, daß ich schrie, wie eine Geiß, die ain Messer steckt, so daß oft die Nach barn über ihn schrien, ob er mich morden , volle." Nach kurzer Zeit ward Thomas er löst. Paulus Summermatter, ein Verwandter, der schon mehrere Jahre in Deutschland herum- gewandert war, erbot sich, ihn in seine Hut zu nehmen und ihn der Schule zuzuführen. Das Ziel der Fahrt sollte die Stadt Meißen an der Elbe sein. Die fortziehende Schar be stand aus acht oder neun Burschen, drei kleinen „Schuhen", von denen Thomas der jüngste war, uno mehreren großen„Vacchantsn", Der Sichel verfallen. von Martin Greif. vom vertobten Sturm gebogen, Kngstlich noch die Khrcn wogen, Die schon voll gereift heran. Sieh, jetzt an des Feldes Rande Blitzt es auf im Sonnenbrande! Leuchtend mit erfrischtem Blicke Schaut im Ilorn die fremde Wicke ahnungslos den Schnitter an. o O o Ein fahrender Schüler. Wenn die helle Morgensonne so recht golden über die grauen Häusermassen scheint, wandern Linaben und Mädchen, das Ranzel auf dem Rücken, zur Schule. Manche tun's gern, den meisten aber kann man's vom Gesicht ablesen, daß sie viel lieber im Freien sich tummeln und balgen würden. Jeden Morgen geht's densel ben Weg ins gleiche öde Schulhans mit den vielen Fenstern, in die gleiche Klasse, zu dem selben Lehrer. Nur selten gibls eine Abwechs lung. Kein Kind kann sich seine Lehrer aus suchen, zu einem anderen gehen, wenn ihm einer zu streng oder zu langweilig ist. Jeder Schüler muß sie nehmen, wie sie lym zugeteilt werden. Und doch hat es einmal eine Zeit gegeben, da die Schüler von Ort zu Ort zogen und sich Lehrer und Schule selbst wählten. Wo es ihnen gut dünkte, blieben sie und be suchten die Schule; gefiel's ihnen nicht mehr, so sagten sie ihrem Lehrer ade! und wander ten weiter. Das war eine herrliche Zeit! seufzt gar mancher Schuljunge von heute. Sie liegt allerdings schon 400 Jahre zurück. Damals gab es in Deutschland nur in den wenigen größeren Städten Schulen, und in diese gin gen fast nur Kinder wohlhabender Bürger. Die Kinder der Bauern und anderer armen Leute lernten damals selten lesen und schreiben. Ob jene Zeit der„fahrenden Schüler" wirk- 173 Für unsere Kinder dtis sind ältere erwachsene Schüler. Wie glücklich war Thomas! Der arme Bauernjunge, der von seiner Alm bisher noch nicht herunter gekommen war, sah auf seiner Wanderung Wunder über Wunder. Er erzählt:„Als wir über den Berg Grimsel abends in ein Wirts haus kamen, sah ich zum ersten Mal einen Kachelofen. Dader Mond aus die Kacheln schien, glaubte ich, es wäre ein so großes Kalb; denn ich sah nur zwei Kacheln, die hielt ich für die Augen. Morgens sah ich Gänse, deren ich nie gesehen hatte; da sie mich anschnatterten, meinte ich, es wäre der Teufel, der mich fressen wollte; ich floh und schrie. Zu Luzern sah ich die ersten Ziegeldächer." Dann gings nach Deutsch land hinein, dem Thüringerlande zu. Aber das Leben war nicht so angenehm, wie Thomas sich es ausgemalt hatte. Ohne Hosen und mit zerrissenen Schuhen wanderte er fürbaß. Die kleinen Schützen mußten für ihre großen Begleiter betteln, vor den Türen singen und sogar stehlen; zum Dank dafür wurden sie von diesen gar jämmerlich gequält und geprügelt. In elenden Ställen und nicht selten unter freiem Himmel mußten sie dieNächte zubringen. Einige male wurden sie von Räubern überfallen, oft auch von bestohlenen Bauern verfolgt und ver prügelt. In Naumburg an der Saale blieben sie ein paar Wochen. Da sie dort aber die Schule nicht besuchten, wurden sie vom Schul meister dazu aufgefordert. Als das nichts nützte. kam der Schulmeister mit all seinen Schülern nach dem Hause, in dem Thomas und seine Kameraden hausten. Diese aber, von der Ge fahr benachrichtigt, stiegen auf das Dach, warfen Steine auf die Angreifer und hielten sie sich so vom Leibe. Als sie darauf vor der Obrigkeit verklagt wurden, verließen sie die Stadt, nahmen aber rasch noch einige ge mästete Gänse mit, an denen sie sich unterwegs labten. Weil aber einige Bacchanten sie so schlecht behandelten, verabredete sich Thomas mit einigen anderen und mit Paulus Summer matter, daß sie ihnen entlaufen wollten. Sie wanderten nach Dresden. Weil sie aber hier keine gute Schule und ein Nachtlager voll Un geziefer fansen, ging es weiter Breslau zu. Das war keine angenehme Wanderung.„Unter wegs mußten wir viel Hunger leiden, so daß wir oft nichts als rohe Zwiebeln mit Salz, oft etliche Tage nur gebratene Eicheln, Holz äpfel und Birnen zu essen hatten. Manche Nächte lagen wir unter freiem Himmel, da man uns nirgends in den Häusern leiden wollte, wie sehr wir auch um Herberge baten; zuweilen hetzte man die Hunde auf uns." In Breslau fanden sie endlich Landsleute, gutes Essen und auch eine gute Schule. Sieben Pfarren gab es, und jede Pfarre hatte ihre eigene Schule. Kein Schüler einer Pfarre durfte in einer anderen Pfarre singen oder betteln gehen. Tat es einer doch, so ward er von den Schülern dieser Pfarre arg verprügelt. In Breslau waren damals mehrere tausend fremder Schüler, die sich alle von Almosen ernährten. Manche von ihnen waren bereits über 20 Jahr dort und immer noch Schüler. Hier in Breslau blieb Thomas längere Zeit. Dreimal lag er krank im Spital, das eigens für die Schüler da war. Da aber die Betten voll Ungeziefer waren, war's kein angenehmer Aufenthalt. Unsauber waren auch die Schulen und die Behausungen der Schüler.„Im Winter liegen di? Schützen auf dem Herde inderSchule, die Bacchanten aber in ihren Schlafkammern; den Sommer aber, wenn es heiß war, lagen wir auf dem Kirchhofe, trugen Gras zusammen, und wir lagen darin wie Säue auf der Streu. Wenn es aber regnete, liefen wir in die Schule." Die Schüler führten ein wüstes Leben. Thomas erzählte, daß er oft gänzlich betrunken war und nicht in die Schule gehen konnte. Gelernt ward überhaupt nicht viel. In einer Stube lasen zuweilen gleichzeitig neun Lehrer. Die Schüler hörten zu, mußten nachsprechen und das Gehörte in große Bücher eintragen. Ein gedrucktes Buch hatte nur der Lehrer. Thomas und seine Freunde hielten es in Breslau endlich nicht mehr aus; sie wanderten über Dresden und Nürnberg nach München. Hier kamen sie am späten Abend an. Die Tore waren bereits geschlossen und sie mußten auf freiem Felde bei den Aussätzigen übernachten. Erst am Morgen dursten sie in die Stadt hinein, nachdem si�sich aus einen Bürger, den Paulus kannte, berufen hatten. Nur selten ging Thomas hier in die Schule. Er wohnte bei einem Seifen sieder; mit ihm zog er in die Dörfer, um Asche zu kaufen, die der Mann zur Herstellung der Seife gebrauchte. Endlich beschlössen Paulus und Thomas heimzukehren. Nach fünf Jahren Abwesenheit sah Thomas Platter seine Heimat wieder mit ihren schneebedeckten Bergen und grünen Tälern. Er hatte sich in der Fremde sehr verändert; seine Freunde kannten ihn kaum wieder. Vor allem wunderten sie sich über seine Sprache. Aus all den Mundarten, die er in den verschiedenen Gebieten gehört hatte, halte er Brocken aufgeschnappt und in seine Sprachweste gemengt. Für unsere Kinder 173 Doch es hielt ihn nicht lange zu Hause. Bald war er mit Paulus wieder unterwegs. Paulus hatte noch einen Buben mitgenommen, dem sein Vater Tuch zu einem Rocke mitge geben hatte. Mit dem Tuche mußte nun Thomas überall umherziehen und um den Macherlohn für den Rock betteln.„Damit bekam ich viel Geld; denn ich verstand wohl das Schmeicheln und Betteln; dazu hatten mich die Bacchanten von Anfang an gebraucht, mich gar nicht zur Schule gehalten, nicht einmal das Lesen ge lehrt." Was er an Gaben erhielt, mußte er an die Bacchanten abliefern. Er selbst mußte hungern; zuweilen gab ihm Paulus von dem durch langes Lagern schimmelig gewordenen Brot.„Ich habe solchen Hunger gehabt, daß ich den Hunden auf der Gasse die Knochen abgejagt und daran genagt, auch Brosamen aus den Säcken gesucht und gegessen habe." Noch als alter Mann erinnerte er sich an ein zelne gute Menschen, die ihm Essen gegeben und seine erfrorenen Füße gewärmt hatten. Sie hatten ihn gern, weil er ein Schweizer war; denn diese waren wegen ihres Freiheils sinnes und ihres unbeugsamen Mutes gegen ihre Bedrücker überall beliebt, über Ulm wan derten sie wieder nach München. Hier endlich verließ Thomas seinen Bacchanten Paulus, der so hart und unbarmherzig zu ihm war. Er tat's mit schwerem Herzen. Auf einem Hügel an der Isar setzte er sich in den Sand, schaute zur Stadt hinab mit ihren Mauern, spitzgiebeligen Häusern und schlanken Türmen und weinte inniglich, daß er nun niemand mehr hatte, der sich seiner annahm. Dann wanderte er weiter. Aber Paulus verfolgte ihn.„Denn er hatte eine gute Pfründe an mir verloren; ich halte ihn einige Jahre er nährt." Auf der Flucht vor ihm kam Thomas nach Konstanz am Bodensee; da sah er einige Schweizerbäuerlcin in weißen Röcken.„Ach, mein Gott," erzählt er,„wie war ich so froh, ich meinte, ich wäre im Himmel." Aber wiederum hielt ihn die Heimat nicht lange; die Lust am Wandern und Umher streifen war noch nicht erloschen. Bald war er in Schlettstadt im Elsässischen. Hier fand er die erste Schule, in der es ordentlich her ging, und einen tüchtigen Lehrer. Thomas, der schon achtzehn Jahre alt geworden war, be kannte von sich, daß er gar nichts konnte, nicht lesen, nicht schreiben. Er mußte sich unter die kleinen Kinder setzen; er saß unter ihnen wie eine Glucke unter den Küchlein. Aber auch hier blieb er nur vom Herbst bis Psingslen. Nach der Schweiz stand wieder sein Sinn. Jetzt lernte er endlich ein wenig schreiben. In Zürich ward er dann seines ewigen Manderns müde. Er erkannte, daß es nun an der Zeit wäre, zu lernen, von Grund aus zu lernen, wenn er nicht ganz verkommen wollte. Als ein»euer Lehrer kam, setzte er sich in einen Winkel, dicht bei des Lehrers Stuhl und dachte: In dem Winkel willst du studieren oder sterben! Und nun fing für den„fahrenden Schüler" wirklich ein neues Leben an. Seinen Plan, Priester zu werden, gab er allerdings auf. Er ging zu einem Seilermcister in die Lehre; in seiner freien Zeit, ja sogar während der Ar beit studierte er in seinen Büchern. Später brachte er es zu angesehener Stellung. Er leitete selbst eine Schule und ward auch Be sitzer einer Buchdruckerei. So ist aus dem armen Jungen nach harten Jugendschicksalen ein tüch tiger Mann geworden. Als hochbetagter Greis ist Thomas Platter gestorben. In seinen letzten Lebensjahren hat er für seinen Sohn seine Lebensgeschichte geschrieben, die uns so an schaulich und getreu von dem Leben eines „fahrenden Schülers" berichtet. Ob wirklich die Schüler jener alten Zeit es besser und angenehmer hatten als die Kinder, die heute die Schule besuchen? Roland. c> o c> Der Ostwind. Von Karl Spilreler. Der Ost vom Sonnenberg Schwingt Banner und Flamberg Flugs sammeln sich zum Ball Die Wolken all. And meuternd schwenkt der grimme Äaus Den Wetterbcrg hinauf. Ein schwarzer Turm Drin Blitz und Sturm. Der Oster mißt den finstern Feind: „Man will mir trotzen, wie mir scheint." Er greift zu Bogen, Schild und Speer Da fährt ein Schrecken in das Keer; Die Vorhut setzt mit wildem Graus Über das letzte Glied hinaus. Die Mitte steht, die Nachhut drückt, Und schiefgebogen, krummgebückt Äangt schräg die Kagelbucht, Bereit zur Flucht. Nun kommen Speer um Speer geschwirrt !Ind keiner, der im Ziel sich irrt. Zerspringt, zerschlissen und zerschellt Änmpcln die Wölklcin aus dem Feld. 180 Für unsere Kinder Der Oster wendet stolz sich um: „Nun, Sonne, nimm dein Eigentum!" Sie naht mit ruhigem Äerrschertritt And Lust und Frohsinn kehren mit. o o o Die Kermannshöhle im Äarz. Auf einer Fußwanderung besuchte ich die berühmte Hermannshöhle bei Rübeland im Nnterharz. Eine mächtige Kalkader durchzieht hier das Gebirge mehrere Stunden weit, bis sie in der Gegend des genannten Ortes ihr Ende erreicht. Riesige Höhlungen sind dort im Innern des Kalkgebirges entdeckt worden, die auf natürlichem Wege entstanden und be sonders wegen ihrerTropssteinbildungensehens- wert sind. Graue Kalksteinwände steigen be reits vor Rübelaiid zu beiden Seiten des Weges empor. In Steinbrüchen schlagen Ar beiter das Gestein los und verladen es auf kleine eiserne Wagen. Auf Schienen werden dann die Steinbrocken zu den Kalköfen gefahren. An einer Stelle lausen die Schienen in ein dunkles, viereckiges Loch in der Bergwand. Es ist der Eingang zu einem langen Tunnel, der mitten durch den Berg sührt. Die Kalk öfen sind an den hohen Schornsteinen kennt lich. Ich sah nicht weniger als sechs aus dem Wege nach Rübeland, einige mit mehrere» Jeuerstellen. In den Schachtöfen wird der Kalkstein ausgeglüht, wodurch aus ihm Kalk entsteht. Dieser gebrannte Kalk ist ganz ver schieden von dem Kalkstein, den man in den Ofen schüttete. Der Chemiker, der die Zu sammensetzung der Stoffe untersucht, bezeich net den Kalkstein als kohlensauren Kalk. Durch das Glühen wird die Kohlensäure aus dem Kalkstein als Gas ausgetrieben. Während der natürliche Kalkstein auch hart bleibt, wenn er mit Wasser in Berührung kommt, zerfällt der gebrannte Kalk, sobald er benetzt wird. Er verbindet sich mit dem Wasser, und dieses wird dabei bis zum Sieden erhitzt, es ent steht gelöschter Kalk. Der gelöschte Kalk wird mit Sand und Wasser zu Mörtel angerührt, der beim Häuserbauen gebraucht wird. Der gelöschte Kalk hat nämlich die Fähigkeit, aus der Lust Kohlensäure anzuziehen, wodurch er wieder in harten kohlensauren Kalk, in Kalk stein verwandelt wird. Infolgedessen und durch die Verdunstung des Wassers erhärtet der Mörtel zwischen den einzelnen Bausteinen und verlillct diese dadurch fest miteinander. Wo eine breite Steinbrücke die zwischen Felstrümmern schäumende Bode überspannt, ist auf dem rechten Ufer der Eingang zur Hermannshöhle. Am andern Ufer liegt die Bau mannshöhle, die auch besucht werden kann, während die Bielshöhle unzugänglich ist. Ich löse ein Billett zu einer Mark und schließe mich dem Zug der Touristen an, die abtei lungsweise in den Berg geführt werden. Wir hängen Mantel und Tücher um, denn eins eisige Kälte strömt uns aus dem Innern des Berges entgegen. Um IS Grad wohl mochte die Temperatur in der Höhle niedriger sein als draußen. Wir würden uns in undurch dringlichem Dunkel dahintasten und bei jedem Schritt stolpern, wäre nicht für künstliche Be leuchtung gesorgt. Ob man überhaupt aus diesem Irrgarten ohne Licht den Ausgang wiederfände? Vielleicht würde es uns ergehen wie dem unglücklichen Bergmanne, nach dem die Baumannshöhle benannt worden ist. Als er nach neuen Erzgängen suchte, fand er durch eine Öffnung des Felsens den Weg in die Höhle, von deren Vorhandensein bis dahin niemand etwas gewußt hatte. Mit seiner Grubenlampe drang der Bergknappe kühn in die unbekannten Räume ein. Aber das Licht seiner Lampe erlosch plötzlich, und Dunkelheit umgab ihn. Vergeblich suchte er einen Aus gang zu finden. In Todesangst irrte er drei Tage im Dunkel umher. Er war schon am Ende seiner Kräfte, als er endlich einen Schein der Außenwelt gewahrte. Mühsam schleppte er sich ins Freie und starb bald darauf. Stach ihm sind Tausende in der Baumannshöhle und der später entdeckten Hermannshöhle ohne jegliche Gefahr gewesen. Die einzelnen Hohlräume des Berges sind durch künstlich hergestellte Wege miteinander verbunden. Oft führen ins Gestein gehauene Stufen uns hinauf oder tief hinab. Einmal müssen wir sogar durch einen langen Gang ganz gebückt hindurchkriechen. Beinahe einen halben Kilometer erstreckt sich die Höhle in den Berg. Fast eine Stunde wandern wir so im Schöße der Erde und stehen bei jedem Schritt vor neuen Wundern. Was sehen wir beim bleichen, grünlichen oder mattvioletten Lichte der überall angebrachten kleinen Lam pen? Wir schauen an den Seiten Grotten und Nischen, die keines Menschen Hand ge schassen hat und die doch in der wunder barsten Weise geschmückt sind. Da stehen Säu len und Kerzen, und von der Decke hängen Eiszapfen herab, oft meterlang, alles aus Für unsere Kinder Stein. Hier guckt ein Elefantenkopf aus der Wand, da hängen Gardinen, dort ist eine Kirche, aber eine kleine und mit einem win zigen Türmchen. Hier erhebt sich eine riesig große Kanzel. Ein versteinerter Wasserfall stürzt herab, und im Hintergrunde wachsen steinerne Wälder. In den Ritzen gibt es schöne Wein trauben, Ananas, Blumenkohl und Spargel, leider alles aus Stein. In der„blauen Grotte" erblickt man die Mutter Maria mit dem Kind auf dem Arm. Man erkennt Affen und Hunde im Stein. Der schönste Teil der Höhle aber ist die Kristallkammer, die durch die Reinheit ihrer kristallinischen Bildungen alles übertrifft. Wagercchte Linien an den Wänden zeigen, wie hoch das Waffer hier vorzeiten stand, und immer an der Wasserlinie haben sich die Kristalle angesetzt, die durchsichtig wie Glas sind. Wo ist das Waffer heute? Unten an den tiefsten Stellen der Höhle, die bis zu 33 Meter hoch ist, fließt es als Höhlenbach. ES ist ein unterirdischer Arm der draußen vorüberrau- schendcn Bode. Mit dem Wasserspiegel der Bode steigt und fällt auch das Wasser in der Höhle, das früher bedeutend höher gestanden hat. Das Wasser ist es, das durch Zerstörung des Steins die Höhle schuf. Das Waffer ist es aber auch, das die Höhle mit all den steinernen Herrlichkeiten geschmückt und die Kristalle an die Wände gezaubert hat. Wir sagten oben, daß das Wasser den Kalkstein nicht zu erweichen vermag. Wohl hat es aber die Fähigkeit, den Kalkstein aufzulösen, näm lich wenn es Kohlensäure enthält. Da nun das Wasser häufig reich an Kohlensäure ist, so hat es in manchen Kalkgebirgen großeHöhlen geschaffen. Auf diese Weise sind die Höhlen des Harzes, die Hermanns-, die Baumanns und die Bielshöhle entstanden. Gleichen Ur sprungs sind ferner die Höhlen der Schwäbi schen Alb, die sich ja aus Kalkgcslein ausbaut, und die Höhlen des fränkischen Juras. Im Kalkgebirge des Karstes liegt die berühmte Adelsberger Grotte. Eine der größten Höhlen ist wohl die Mammulhöhle in dem nordameri kanischen Staat Kentucky. Mit all ihren Seiten- verzweigungen hat diese an die 300 Kilometer Länge und birgt große Hallen, Seen und Flüsse in sich. Ein fließendes Wasser, das Kalkstein aufgelöst hat, führt natürlich den gelösten kohlensauren Kalk mit sich fort. Kommt aber solches Wasser mit der äußeren Lust in Berührung, so entweicht ein Teil der Kohlen säure in die Lust und das Wasser verliert dadurch seine Fähigkeit, den kohlensauren Kalk gelöst zu halten. Er fällt aus und setzt sich auf dem Boden als Kalkstein ab. Darauf be ruht die ausbauende Kraft des Wassers, die in jahrtausendelanger Tätigkeit die Tropf steine, die Säulen und die anderen Wunder der Hermannshöhle geschaffen hat. Das Wachsen all der wunderlichen Bil dungen aus Stein, das sich in der Finsternis ungemessener Zeiträume vollzogen hat, geht auch jetzt noch ungestört vor sich, überall tropft es langsamer oder rascher von der Decke und von den feuchten Wänden herab. Regen und andere oberirdische Niederschläge dringen durch die Felsbedeckung der Höhle. Wo die Tropfen an den Wölbungen hervor treten, setzt sich der kohlensaure Kalk als kleine Warzen ab. Aus diesen werden Zapfen, immer dickere und längere Zapfen. Jeder Tropfen führt etwas aufgelösten Kalk mit sich und gibt ihn beim Herabrieseln an den von der Decke hängenden Tropfstein ab, während das Wasser verdunstet oder zu Boden fällt. Wo aber der Tropfen ausschlägt, wächst von unten her ebenso eine Kerze, eine Säule empor, die sich hier und da mit dem hängenden Zapfen vereinigt. Das geht so langsam vor sich, daß in 20 Jahren das Wachstum nur etwa sieben Millimeter beträgt. Einer schlank und regel mäßig emporgewachsenen Säule von über drei Meter Höhe hat man das Alter von mehreren tausend Jahren zugesprochen. Wie alt mag wohl die Höhle sein? Jeden falls bestand sie schon zur sogenannten Eis zeit, als vor mehr als hundertlausend Jahren die Gletscher Skandinaviens Norddeutschland bedeckte» und sich an den Höhen des Harzes brachen. Das sieht man an Knochen von Tieren, die in der Höhle gesunde» wurden, von Tieren, die wie der Höhlenbär jetzt längst ausgestorben sind, oder wie das Renntier heule nur»och im hohen kalten Norden leben. Zwar hat es damals in Europa schon Menschen ge gebe», aber wahrscheinlich nicht im Harz. In derHöhle wenigstens hat man nirgends Knochen des Nienschen gefunden, keine Spuren seiner Tätigkeit entdeckt oder Werkzeuge von ihm. Knoche» des Höhlenbären dagegen sind massen haft zu finden. Besonders auf dem sogenannten Bärenkirchhof, doch auch an anderen Stellen sieht man Gelentknochen und Schädel ins Ge stein eingebettet, oft aus der Wand ragend. Ein vollständiges Skelett ist jedoch auch vom Höhlenbären nicht gefunden worden. Hat viel leicht das Wasjer der Bode die Ticrluocheu 182 Für unsere Kinder von draußen in die Höhle geschwemmt? Oder sind die Überreste von in der Höhle gestor benen Tieren plötzlich von den Wassermassen der Bode durcheinandergeworfen worden, die an dieser Stelle ihren Lauf unter der Erde nahm? So werden der wissenschaftlichen For schung Fragen gestellt, und wenn sie gelöst sind, werden immer wieder neue Fragen auf tauchen und der Antwort harren. Einem Felsen in der Höhle ist ein Bärenschädel als Krone aufgesetzt. Wenn der erzählen könnte! H. Arnulf. OOS Das Kornjahr. Von Adolf Frey. Auf allen Ackern schwimmt das Ährenmeer. Es llberbrandete Markstein und Säge And schlug zusammen über alle Wege: Der Wandrer findet Pfad und Steg nicht mehr. Das Dörfchen liegt versenkt im Korngelasse Die Äalme nicken in die stille Gasse And rühren rauschend an die Äüttenwand. Zwei Kinder stehen lauschend Kand in Äand Da drinnen gluckt und sprudelt Nacht und Tag Bald hier bald dort im Grunde Wachtelschlag. Der Knabe bohrt ins Äalmenwirrsal ein, Das braune Dirnchen raschelt hinterdrein. Sie stoßen durch das goldne Strohgestänge Mit Stirn und Künden Lücken, Schacht und Gänge. Auf ihren Scheiteln wogt die Ährenlast, And drüber zittert Iulisonnenglast. Die weggeschobnen Kalmenwände rücken Knisternd zusammen hinter ihrem Rücken. Ihr Kerz erschrickt, sie schluchzen und um klammern Sich eng und enger, recken sich und jammern: „O Vater, hol uns! Mutter, bist du ferne?" Der Schlummer sinkt, und tröstlich steigen Sterne. Die Dämmerschleier hangen leis herein, In Ährenmorgenschauer steigt ihr Schrein, And immer leiser klagt's vom blassen Munde. Bereitet ist ihr Pfühl im Blumengrunde. Koch oben schimmern duftige Wolkenzüge, Vorüber schwenken bunte Falterflüge, Der Träumer Mohn neigt ernst die Purpur fahne, Aus blauen Augen lächelt die Zyane, Der Wachtel helle Schlummerspiele klingen In der Zikaden anmutvolles Singen, And durch die Ähren flüstert Sommerwind: Wer weiß, wo die verlornen Kinder sind? Die Regentropfen.* Von Sophie Reinheimer. Am Himmel zog eine große, dicke, graue Wolke daher. Wißt ihr, woher es kam, daß sie so dick war? Sie war ganz gefüllt mit lauter kleinen Regentropfen. Die Regentropfen machten der armen Wolke gar viel zu schaffen. Sie konnten es gar nicht abwarten, bis sie endlich hinunter auf die Erde dursten, und rüttelten ungeduldig an der Wol kentür. Aber die Wolke selbst, die hatte es gar nicht so eilig; sie mußte doch auch erst jedem der kleinen Tropfen sagen, was er da unten für eine Arbeit zu verrichten habe. Denn ihr dürft nicht denken, daß die Reise nach der Erde nur eine Vergnügungspartie für die Tröpflein werden sollte. O nein! Nun blieb die Wolle stehen.„So, jetzt wären wir am Platze, nun kann's losgehen," sagte sie und schob die Wolkentür ein wenig aus einander. Husch— da waren ein paar der neu gierigsten auch schon durchgeschlupft. Schnur stracks auf das Straßenpflaster liefen sie zu und jedes malte einen dicken schwarzen Punkt darauf.„Es fängt an zu regnen," sagten die Leute und spannten die Schirme auf; und das war gut, denn nun kam mit einem Male die ganze Tropfengesellschaft angelaufen— alle angefaßt in langen Reihen. Hei— war das lustig! Sie tanzten und hüpften auf der Straße herum und malten sie schwarz an. Wo eine Vertiefung war, da sprangen sie hinein, so daß gleich eine Pfütze entstand und dann kamen wieder andere, die sprangen in die Pfütze hinein und tanzten darin im Kreise herum. Auf dem Trottoir mochten sie nicht gerne bleiben, sie liefen lieber nebenher und wenn sie einem Blatt oder einem Stück Papier be gegneten, das auf der Straße lag, so riefen sie:„Komm mit! Komm mit!" und rissen es mit sich fort. Das war eine lustige Fahrt! Und einen Lärm machte die Gesellschaft— ganz schrecklich! Das rieselte und rauschte, das plitschte und platschte— vor lauter Vergnügen! O— was waren das doch für leichtsinnige, vergeßliche Tröpflein; hüpften und tanzten da herum, freuten sich und dachten gar nicht mehr an die Arbeit, die ihnen die Wolke aufgetragen. ' AuS Sophie Reinheimer. Von Sonne, Regen, Schnee und Wind und anderen guten Freunden. Mit Buchschmuck von Adolf Amberg. Buchverlag der„Hilft" Berlin-Schöncbcrg. Für unsere Kinder 18Z C» war nur gut, dag wenigstens nicht alle so waren, dag auch vernünftige fleißige Tropfen darunter waren, die die Arbeit besorgten. Denn zu tun gab's eine ganze Masse. Da waren zuerst die Dächer, die reingewaschen werden sollten— und das war eine große Arbeit, dabei mußte eine ganze Menge Tröpf lein helfen. Aber sie taten es gerne. .Wie lustig das ist," sagten sie und schrubbten die Dachsteine schön blank.„Hu— aber vor sichtig muß man sein, das geht ja ganz schräg hier. Wenn die Dachrinne nicht wäre, dann wären wir jetzt vom Dach heruntergefallen. Aber was ist denn das für ein Rohr, das da auf die Straße hinunterläuft? Neugierig, wie die Tröpflein nun einmal waren, wollten sie in das Rohr hineinsehen — plumps— da sielen sie hinein. War das eine lange Rutschpartie in dem stockfinsteren Rohre! Endlich kamen sie wieder ans Tageslicht— aber gefangen waren sie doch— in einem Regenfaß nämlich; das hatten die Leute hier aufgestellt, um Regenwasser zum Waschen zu bekommen. „Nun sind wir gefangen," klagten die Tröpf chen,„nun kriegen wir gar nichts mehr zu sehen und wir haben uns doch auf diese Reise so gefreut! Was wohl die andern jetzt machen? Ob sie auch nicht vergessen, die alte Landstraße draußen zu begießen?" Nein, das halten die anderen nicht vergeflen. Die Landstraße hätte ihnen das auch schön übelgenommen! Sie brummte so schon ganz ärgerlich, weil sie so lange hatte warten müssen. „Seht ihr denn nicht, wie staubig ich bin?" sagte sie zu den Regentropfen;„die Leute wollen, schon gar nicht mehr auf mir gehen. Gießt jetzt nur tüchtig zu. Vergeht aber auch die Blumen hierneben am Rande nicht— die jammern schon lange vor Durst." Da mußten denn schnell ein paar Tröpfchen zu den Blumen eilen und ihnen Wasser bringe»; sie waren schon nahe am Verdursten und ließen die Köpfe ganz tief hängen. „Aah!" machten sie, als sie endlich zu trinken bekamen und hoben die Köpfe,„aah! danke! danke! Wie gut, daß ihr kommt! Wir dachten schon, wir müßten sterben. Wenn ihrnicht gekommen wäret, hätten uns die Sonnenstrahlen verbrannt! „Die Sonnenstrahlen? Die sind doch so gut und freundlich," sagten die Regentropfen." „O, sie können auch böse sein. Fragt nur einmal den Bach dort drüben auf der Wiese." Ach, wie traurig sah der Bach aus! Wo früher alle die lustige» Wellcnkindcr gehüpft und getanzt hatten, über Steine gesprungen und geschwätzt und gelacht, daß man sie schon von weitem hörte, da lagen jetzt nur noch ein paar große Steine; über die schlichen nnr noch ein paar übriggebliebene Wellchcn traurig und langsam hinüber. „Wo sind denn alle deine Kinder?" fragten die Regentropfen den Bach. „Ach, die Sonnenstrahlen haben sie mir weg geholt. Die sind immer so heiß und durstig, wenn sie uns besuchen; da kommen ihnen meine Tröpflein gerade recht." Da hatten nun die Regentropfen wieder ihre liebe Not, bis sie den armen Bach getröstet hatten. „Wir wollen bei dir bleiben und deine Kinder sein," sagten sie und sprangen zu ihm hin. Es waren aber viele tausend Tröpflein nötig, ehe der Bach wieder so voll war wie früher. Ihr hättet aber auch einmal sehen sollen, wie froh und stolz er dann wieder daherrauschte. Nicht alle Regentropfen bekamen so viel von der Welt zu sehen, wie die, die nun mit dem Bache Weiterreisen durften; aber etwas erlebten sie alle, manche sogar etwas recht Niedliches. Da waren welche, denen hatte die Wolke gesagt, sie sollten den großen Baum rein waschen, der mitten auf der Wiese stand. Das hatten sie getan und ruhten nun aus den grünen Blättern von ihrer Arbeit aus. „Piep! Piep!" hörten sie da jemand sagen. „Es ist doch gut, daß der Regen das große Reinemachen besorgt; es ist doch allemal eine sürchterliche Arbeit in dem großen Hause." Nun wußten die Tropfen, daß der Baum einer Vogelfamilie zur Wohnung diente. Sie wollten aber die Familie gern einmal sehen und durchsuchten die ganze Wohnung nach ihr. Alle Zimmer waren grün; es schien die Lieblingsfarbe der Vogelfamilie zu sein. Endlich fanden sie sie im Schlafzimmer, das natürlich auch grün war. Nur die Vogel mama und das Jüngste waren zu Hause! Das Kleine lag in der Wiege und piepste. „Piep! Sei ruhig," sagte die Mutter und zog die grünen Wiegenvorhänge zusammen. „Hörst du, wie es draußen regnet? Das ist gut für uns, da kommen alle Würmchen und Käfer aus der Erde herausgekrochen. Wenn du jetzt brav einschläfst, hole ich dir morgen ein paar recht fette. Da war das kleine Vogelbaby mäuschenstill. Oben am Himmel stand die Wolkentür noch immer offen; es laincn immer noch neue 184 ?sur unsere Kinder Trepfen herunter und alle wollten noch etwas sehen und erleben. „Seht ihr das kleine Mädchen mit seiner Puppe dort am Fenster?" sagte ein Trvpflein, „das wollen wir besuchen, kommt." Aber das war nicht so leicht; denn das Fenster war geschlossen. Sie klatschten an die Scheiben, aber es wurde nicht ausgemacht. Sie liefen die ganze Scheibe hinunter und suchten nach einem Eingang. Endlich fanden sie ein ganz schmales Nitzchen unten am Holze, durch dieses quetschte sich nun eines nach dem andern durch. Nun waren sie drinnen in der Stube bei dein kleinen Mädchen. Es hatte ein feines weißes Kleid an mit einer roten Schärpe, und die Puppe auch. Aber trotzdem machte es gar kein vergnügtes Gesicht, sondern ein sehr böses. „Seht doch— seht!" rief plötzlich eines der Tröpslein,„auf dem Gesicht des kleinen Mäd chens regnet es auch." Wirklich, über die Backen liefen zwei dicke Tropfen. Die wurden aber gleich ganz böse.„Wir sind keine Regentropfen, wir sind was viel Feineres," sagten sie,„wir sind Tränen. Das kleine Mädchen hat uns geweint und ihr seid daran schuld. Warum kommt ihr gerade heute? Wußtet ihr nicht, daß es heute mit seiner Puppe spazieren gehen wollte?" „Nein, das wußten wir nicht und es tut uns leid," sagten die Negentropfen.„Ihr seid ein unnützes Volk— jedermann ärgert sich bloß über euch," schalt nun auch das kleine Mädchen. Aber die Regentropfen sagten:„Nein, das ist nicht wahr, wir sind nicht unnütz. Sieh dir bloß das Dach da drüben an; ist es nicht blitzblank? Das haben wir getan. Alle Dächer in der ganzen Stadt habe» wir gewaschen. Und es ist auch nicht wahr, daß sich jeder mann über uns ärgert. Guck doch mal auf die Straße hinunter, siehst du die Tauben dort? Wie vergnügt die sich in den Pfütze» baden, die wir gemacht haben! Sie baden sich am allerliebsten in Negenwasser und freuen sich immer sehr, wenn es regnet. Und viele, viele andere haben sich auch gefreut." Und nun erzählten sie von der staubigen Landstraße, die sie begossen und von den durstigen Blumen, denen sie Wasier gebracht. Sie erzählten von dem armen Bach, der seine Kinder verloren und so froh war, daß er wieder neue bekam und vondem kleinen Vögelein, daS sich aus die Würmchen und Mücken gefreut. Das kleine Mädchen Hörle sehr aufmerksam zu.„Der arme Bach," sagte es einmal ganz leise, „und die armen, armen Blumen. Es war doch gut, daß ihr kamt, sonst wären sie sicher ver durstet."„Bist du uns nun nicht mehr böse?" fragten die Regentropfen.„Wir sind doch daran schuld, daß du nicht spazieren gehen konntest." „Ach," sagte die Kleine und lachte,„das hatte ich ja ganz vergessen!" Dabei wischte sie mit der Hand über die Backe, aber sieh da: die Tränen waren weg! O O o Die Nose. Emma Töltz. Etile Nosellknospe war über Nacht Zu schöner, duftender Blüte erwacht. Leis bebend rollten die Blätter sich auf, Noch lag der schimmernde Tau daraus; Sie gab ihre Düfte dem Morgenwind, Und die Sonne küßte ihr jüngstes Kind. Unterm Kelche saß eine Raupe versteckt, Die hielt den Kopf in die Höhe gereckt Und meinte: man könne zwar wenig sehn, Doch sei es wahrhaftig zum Anbeißen schön. Das hatte ein Schmetterling gehört Und war bis ins Innerste drüber empört. „Nein," rief er,„das finde ich wirklich gemein! Wie kann man nur so gewöhnlich sein, BeisovielSchönheitvomFressenzusprechen, Das kann nur solch elender Wurm ver brechen." So sprach er zürnend, mit zartem Gemüte, Und— sangtedürstcnddenNektarderBlüte. Die Raupe entgegnet:„Du Kiekindiewelt, Man frißtdoch, was einem am besten gefällt. AuchfürdieVerdauungsoll'sförderlichsein." Dann biß sie sich tiefindasKelchblatthineiu. Ein Spatzenpaar hatte die beiden belauscht, UndalsnunvomNagenundNippenberauscht Ein jedes sein Recht an der Blüte beweist, Da wurden sie beide zum Frühstück verspeist. Und freier duftet die Nose und spricht: „Sodacht' ich mir meine Bewunderernicht." PeraniwortUch für dfe Ncdallion: Frau i.lara ZcUiu(Zündet), Willielmvhöhe, Post Tcgerloch bei Stuttgart. Druck u-ÜZerlag J.H.W. Tics Nacht. Li. m.b.H. CUltt(>art.