Für unsere Kinder Nr. 25 ooooooo Beilage zur Gleichheit ooooooo 1912 land. Inhaltsverzeichnis: Der junge Arbeiter. Bon Alfons Petzold.( Gedicht.) Sedan. Von RoIm Luftballon zum Nordpol. Von Sven Hedin. Mutter Krickente und ihre Reise über Land. Von Ernest Seton Thompson.( Schluß.) Der musikalische Esel. Von R. Reinid.( Gedicht.) Der junge Arbeiter. Don Alfons Petzold. Jn Dämmerfrühe muß ich schon gehn Ins Haus der Mühe Und Eisen drehn. Wie hart und spröde Jst doch der Stahl, Ich schürf' und löte In langer Qual. Der Eisenspäne Schartiger Rand Frißt mir wie Zähne Blutig die Hand. und jede Stunde In dieser Haft Schlägt eine Wunde Der Jugendkraft. Sedan. Es war an einem Sommertag des Jahres 1870. Während die Menschen sonst durch die Straßen hasteten und kaum einen Blick für einander hatten, blieben sie heute überall in kleinen Gruppen stehen. Ihre Gesichter waren ernst und sorgenvoll. Gerüchte schwirrten von Mund zu Mund. Niemand wußte, was Wahres daran war. Seit Wochen schrieben ja allerdings die Zeitungen, daß man schweren Zeiten entgegen gehe. Sollte nun wirklich der Krieg mit Frankreich ausbrechen? Sollte morgen vielleicht schon das blutige Ringen beginnen? Ja, aber warum mußte denn der Krieg kommen? Langsam und bedächtig schreitet der alte Martins die Straße entlang. Er ist ein schmächtiger Mann, auf den ersten Blick erkennt man, daß er Schneider ist. Unterm Arm trägt er ein sorgfältig zusammengelegtes schwarzes Tuch, in dem er eben einem Kunden den bestellten Anzug gebracht hat. Nun ist er auf dem Wege nach Hause. Auch er hat vernommen, wovon man sich überall erzählt. Das hat ihn nach denklich gemacht und bange Sorge in ihm geweckt. Endlich biegt er in eine Nebenstraße ein; vor einem Hause hält er; dort im dritten Stocke wohnt er mit seiner Frau und seinem Sohne schon lange Jahre. Das erste, was er spricht, als er seine Wohnung betreten, ist: Mutter, weißt du schon, es gibt Krieg!" " Seine Frau sitzt am Fenster im Lehnstuhl. Sie hat sich den Schemel unter die Füße ge= schoben und strickt. Krieg?" wiederholt sie langfam, indes sie mit großen Augen zu ihrem Manne aufschaut, und hastig setzt sie hinzu: " Dann muß ja auch Karl mit!?" Sie läßt den Strumpf in den Schoß sinken, so daß eine der Nadeln klirrend zur Erde fällt. Ihre Hände zittern. Ihr Mann legt unterdes seinen Backen auf den Tisch.„ Sie sagen's alle auf der Straße, es muß wohl wahr sein, und Karl muß dann ja mit!" Die beiden Alten sizzen am Fenster sich schweigsam gegenüber. Die Abendsonne fällt herein. Doch heute achten sie nicht auf ihr goldenes Leuchten. Ihre Gedanken weilen bei ihrem Sohne, ihrem einzigen Sohne. Sie sehen ihn im bunten Rock marschieren, weit, weit, im fremden Lande, und die Kugeln sausen und pfeifen, und rotes Blut tränkt den Boden. Da wird die Tür aufgerissen. Karl ist's, ein junger, kräftiger Mann von einigen zwanzig Jahren. Er kommt in seinem Tischlerkittel. Im Sturmschritt ist er die Treppe heraufgestürmt. Sein Herz klopft, und sein Gesicht ist rot. Mutter, Vater, habt ihr gehört?" Beide nicken leise. ,, Und du mußt mit, Karl?" fragt die Mutter voll Sorge. " Ja, Mutter, da hilft wohl nichts." Eine Träne rollt der alten Frau über die Backen. Wein doch nicht, Mutting, ich komme ja wieder, alle Kugeln treffen doch nicht." Er nimmt ihr Gesicht zwischen die Hände und schaut sie zärtlich an, und die Mutter muß über ihren großen Jungen lächeln. Am Abend sitzen alle drei im Zimmer um die brennende Lampe. Sonst ist's gemütlich. Aber heute sind alle einfilbig, und früh schon gehen sie schlafen. Aber die Mutter kann nicht einschlafen. Sie liegt mit offenen Augen in den Kissen. Sie muß soviel denken. Warum ist denn eigentlich Krieg? Warum muß sie ihren Sohn, den sie unter bitteren Schmerzen geboren hat, für Sen 194 Für unsere Kinder sie gesorgt und gewacht hat so manche stille Nacht, warum muß sie ihn fortgeben, daß er erschossen wird? Gar oft haben sie beide ge darbt um ihres Sohnes willen; sie haben ge hofft. er werde einst, wenn er erwachsen, für sie, die dann alt und schwach sind, sorgen und ihnen«ine Stütze sein. Was soll nun werden, wenn er in der Schlacht fällt? Und sie sieht ihn jetzt schon auf dem Schlachtfeld im Blute liegen, die Kugel im Herzen, und seine lieben Augen schauen starr und schrecklich in die Ferne.... Träne auf Träne rinnt aus ihren Augen. Am nächsten Morgen schreien es die Kinder auf der Gasse: Krieg! Krieg! Von den Mauer wänden leuchten rote Anschläge. Die Menschen drängen sich herum und lesen, was drin steht: Der Krieg ist erklärt! Die Mobilmachung be ginnt! Manche freuen sich. Aber die meisten sind beklommen. Was wird der Krieg bringen? Wird er lange dauern? Er kann nur Not und Sorge über viele Menschen bringen. Gar manche Frau wird ihres Mannes, unzählige Kinder werden des Vaters beraubt werden. Die Ge schäfte werden stocken. Wer wird die Ernte in die Scheune bringen? Fabriken werden ge schlossen werden müssen. Ist denn wirklich der Krieg nicht abzuwenden gewesen, der so viel Unglück bringen wird? Ob die Menschen in Frankreich nicht das Gleiche dachten wie sie? Ja, wer wollte eigentlich den Krieg? Kurz vor Mittag kommt Karl nach Hause. Wie alle hat auch er die Mobilmachungsordre gelesen. Heute Nachmittag muß er sich mit seinem Militärpaß auf dem Kasernenhof ein finden, und morgen, in der Frühe schon, wird die Bahn ihn und seine Kameraden an die Grenze führen. Die letzte Nacht in der Heimat wird er in der Kaserne zubringen. Die Mutler hängt an seinem Halse. Sie will ihn nicht lassen.„Karl, mein Einziger!" Er tröstet sie mit sanften Worten und lächelt. Aber auch ihm ist gar nicht so fröhlich zumute. Stumm packt er leine Sachen zusammen, die er nötig hat, und dann heißt's Abschied nehmen. Er küßt die Mutter. Aber die klammert sich mit zitternden Händen an ihn. Nur mit Mühe kann er ihre Finger von seiner Schulter lösen. Tann drückt er dem Vater die Hand. Ach, ihm ist sein Herz so schwer. Wer weiß, ob er seine Eltern je wiedersieht? Wie mag es ihnen er gehe», wenn er umkommt? Noch einmal um fängt er die Mutter; leise schließt er dann die Tür hinter sich. Er sieht nicht mehr, wie die Mutter vor Qual zusammensinkt. Am folgenden Morgen herrscht auf dem Bahnhof ein reges Leben. In dem Eisenbahn zug. dem man noch einige Wagen angehängt hat, sitzen die Soldaten. Auf dem Bahnsteig stehen dichtgedrängt die Verwandten und Freunde. Hier Vater und Mutter, dort die Frau mit ihren Kindern, das jüngste auf dem Arme. Alle sind ernst und bedrückt; viele schluchzen. Nur bei den Soldaten ist's laut und lustig. Sie schreien und lachen. Aber mit ihrem Lärmen suchen sie nur ihre eigene Weh mut, ihren Abschiedsschmerz zu betäuben. Ein Pfiff, und der Zug setzt sich in Bewegung. Für einen Augenblick herrscht tiefe Stille. Dann setzt das Weinen und Lärmen wieder ein. An den Fenstern drängen sich die Gesichter der Soldaten» Jünglinge mit hellen Augen und ernste Männer. Mancher hat eine Träne im Auge, die meisten sind blaß. Noch einmal schauen sie zu ihren Lieben zurück, ein letzter Gruß flattert hinüber; dann ist nichts mehr von ihnen zu sehen. Eintönig rollen die Räder über die Schienen.... Langsam schleicht ein Tag nach dem anderen dahin. Schweigend gehen der alte Marlins und seine Frau in ihrer Wohnung umher. Still verrichten sie ihre Arbeit, kein lautes Wort fällt. Alle ihre Gedanken sind bei ihrem Sohne, der weit fort ist. Ob er noch lebt? Des Nachts weint die Mutter in die Kissen. Ihr Mann tröstet sie; aber seine Worte ver fangen nichts. Die Zeitungen melden von den ersten Kämpfen.„200 Tote, 1000 Verwundete," steht großgedruckl auf der ersten Seite; Blut, Blut in jeder Zeile, Nachrichten von erbitter ten Kämpfen um Bauerngehöfte, um Wein berge, um jeden Fußbreit Landes. Da kommt ein Brie; von ihrem Karl. Er lebt! Die beiden Menschen atmen auf. Hastig öffnen sie, und dann schauen zwei Augenpaare verlangend hinein. Zeile um Zeile lesen sie, was Karl schreibt. Er erzählt von der Reise durch Deutsch land. Überall stehe das Korn in goldener Pracht und harre der Schnitter, und die Dörfer und Städte lägen so ruhig, als wäre nichts geschehen. Stach endloser Fahrt seien sie an die Grenze ge kommen; der Ort, wo er diesen Brief schreibe, sei schon französischer Boden. Noch habe er keine Schlacht mitgemacht. Alle Augenblicke führen Wagen mit Verwundeten vorbei, denen ein Arm oder ein Bein abgerissen sei, die laut stöhnten und ächzten. Und Pulverdampf läge in der Luft. Bald müßte auch sein Regiment mit dran. Morgen vielleicht schon.„Aber fürchtet nichts, liebe Eltern, ich komme schon Für unsere Kinder 195 glücklich durch." so schließt der Brief.— Und eine leise fröhliche Hoffnung erwacht wieder in den Herzen der beiden alten Leute ---- Und fern im fremden Lande liegt ihr Karl im Lager. Nacht ist's. Die Gewehre sind zu sammengestellt. Alle schlafen. Aber ihr Schlaf ist unruhig. Zu vieles Gräßliche haben sie er lebt, gestern und heute. Und wie wird's morgen werden? Sie werfen sich von der einen zur anderen Seite; aber die trüben Gedanken wollen nicht weichen. Endlich wird's fern im Osten etwas Heller. Der Morgen kommt. Da schmet tern auch schon die Signale und wecken die Schlafenden. Erschreckt fahren sie auf; schlaf trunken reiben sie sich die Augen und recken und strecken sie die Glieder, die von dem Liegen auf dem feuchten Erdboden in der kühlen Nacht luft steif geworden sind. Und kaum blitzt der erste Sonnenstrahl über den Himmel, so setzen sich die Regimenter in Bewegung. Quer über sumpfige Wiesen geht's, über Kornfelder hin über, daß die dicken Ähren zerstampft am Boden liegen. Stumpfsinnig marschieren die Soldaten, bleich, unsicher, heiser die Kehle und dumpf der Kopf, nur mit dem einen Gedanken beschäftigt: Was wird der Tag uns bringen? Schon prasseln in der Ferne die Granaten. Immer rascher geht's vorwärts, und jetzt sind sie mitten drin im Wirbel der Schlacht. Von allen Seiten blitzt und donnert es. Ein ohrenbetäubender Lärm erfüllt die Lust. Kugeln pfeifen und reißen hier und dort einen fort.„Kamerad, hilf!" Aber niemand hilft. Erbarmungslos geht's über die Gefallenen hinweg.„Niederlegen!" schallt das Kommando, und alle legen sich nieder und drücken den Kolben an die Backe und schießen, schießen auf Menschen, die sie nie gesehe», die ihnen nie ein Leids getan. Und immer mehr sinken zurück, �laut ausschrei end, und stürzen auf den Weg, in die Sumpf löcher, zu einsamem, quälendem Sterben. Gra naten platzen und schütten einen Regen von Eisenspliltern herab. Der Boden tränkt sich mit Blut. Immer neue Massen werden ins Verderben geschickt. Wie wilde Tiere wüten die Menschen. Hoch auf türmen sich die Hügel von Toten und Verwundeten; blutbespritzte Pferdeleichen und von Kugeln zerfetzte Arme und Füße ragen daraus hervor. Hier stöhnt einer und schreit nach Wasser; dort flucht einer denen, die seine blühende Jugend dahinmorden ließen. Erst am Abend ruht die Schlacht. Uber zerstampften Feldern, zerschossenen Dörfern, über all dem Grausen und Entsetzen sinkt die Nacht.... Fern in der Heimat, auf deutschem wie auf französischem Boden, zittern Millionen um ihre Lieben. Und eines Tags steht's in dicken Lettern am Kopfe der Zeitung: Schlacht bei Sedan! In der Stadt ziehen die Leute durch die Straßen. Und die Kinder jubeln. Ach, sie wissen ja noch nicht, was es bedeutet, das Wort Schlacht. Tags darauf kommt genauere Kunde. Tau sende von Toten auf deutscher und auf fran zösischer Seite, und Ungezählte, die auf den Tod wund im Lazarett liegen, die zum Krüppel geschossen, die zu langem Siechtum verdammt sind. Der alte Martins und seine Frau sind in banger Sorge. Ist ihr Karl unter den Toten? Noch wissen sie's nicht. Aber kein Brief kommt, um ihnen zu sagen, daß ihre Sorge wieder einmal unnötig war, und daß ihr Sohn lebt. Aber da kommt doch einer. Langsamer als sonst steigt der Postbote die Treppen hinauf. Er kennt die Beiden und weiß, worauf sie warten. Er hat gar manches Mal mit ihnen über ihren Sohn geplaudert. Aber heute mag er nicht anklopfen. Der Brief, den er in der Hand hält, trägt einen amtlichen Vermerk. Er kann sich denken, was er zu melden hat. Zag haft klopft er. Die Tür geht auf. Die Mutter steht auf der Schwelle. Vielleicht hat sie auf den Postboten schon gewartet, ihn von oben gesehen. Er reicht ihr den Brief mit stummer Handbewegung. Ein Blick nur, und sie wird bleich und muß sich an der Wand festhalten. Ihr Mann kommt hinzu. Er öffnet den Brief und liest. Da steht das Traurige drin, knapp und nüchtern, daß ihr Sohn bei Sedan sein junges Leben hat lassen müssen.... Tage sind vergangen. In schwarzen Kleidern gehen auf der Straße ein Mann und eine Frau. Die Frau hängt im Arme ihres Mannes. In ihrem Gesicht sind die Spuren tiefen Schmerzes zu sehen; ihre Augen blicken trübe in die Welt hinein. Ihre Hände zittern. Ehrfurchtsvoll weichen die Vor übergehenden ihnen aus. „Sie haben gewiß ihren Sohn im Kriege verloren," meinen sie. Der Mann deutet mit der Hand nach dem Flusse, dessen Wasser im Abendsonnenglanz goldig schimmern.„Mutter, sieh, wie die Sonne so schön scheint!" Aber sie schaut nicht hin. Sie schüttelt den Kopf und schluchzt nur: „Warum mußte Karl uns genommen wer den, warum gibt es Krieg?"... Ja, warum? Roland. 196 Für unsere Kinder Im Luftballon zum Nordpol.* Im Jahre 1895 entwarf Andrée den Plan zu einer Luftreise, die sich nicht auf die Ostsee beschränken sollte. Das ganze nördliche Eismeer von Spitzbergen bis zur Beringstraße, eine 3700 Kilometer lange Strecke, wollte er durchqueren und, wenn möglich, gerade über den Nordpol fliegen! Es war der kühnste Plan, den je ein Forschungsreisender ersann. Und Andrée hatte so lange und so gründlich darüber nachgedacht, daß er ganz genau berechnet hatte, wieviel jede Schraube und jede Leine seines Luftschiffes wiegen dürfe. des Meeres oder auf dem Eise hemmen sie die Geschwindigkeit. Der Wind weht infolgedessen schneller als der Ballon fliegt, der nicht völlig frei schwebt, sondern sozusagen noch einen Fuß auf der Erde hat. Durch Aufziehen eines Segels an der einen oder anderen Seite fann man dann den Ballon einigermaßen steuern und ihn rechts oder links von der herrschenden Windrichtung abschwenken lassen. Die Gondel des Andréeschen Ballons bestand aus Weidengeflecht und war rund, ge= räumig, fest und leicht und mit einem Dach versehen, auf dem die Luftschiffer wie auf einem Balkon, den ein Geländer umgibt, stehen und ihre Beobachtungen machen konnten. Durch eine Lufe ließ man sich in die Gondel hinab, in der zwei Männer ausgestreckt liegen konnten. An der Unterseite des Gondeldaches entlang zogen sich kleine Bücherregale aus Korbgeflecht, und zwei Fenster gestatteten die AusDer Ballon sollte aus dreifachem chinesischem Seidenzeug bestehen und auf der Innen- wie auf der Außenseite gefirnißt werden, um von feinen 4500 Rubikmetern Wasserstoffgas möglichst wenig zu verlieren. Sein Durchmesser sollte zwanzig Meter betragen, und oben sollte er eine Haube erhalten, die den Schnee versicht ins Freie. Die Wände hatten eine Menge hinderte, im Neze hasten zu bleiben. Lange Schlepptaue sollten den Ballon beständig in gleicher Höhe erhalten. Sie sollten aus Kokosfasern hergestellt werden, um auf dem Wasser schwimmen zu können, und mußten voraussichtlich über das Eis viel leichter hingleiten als über Land, wo sie oft an Bäumen und anderen Gegenständen hängen bleiben und dadurch den Ballon manchem gefährlichen Ruck aussetzen konnten. Wenn das halbe Schlepptau auf der Erde liegt und nur die andere Hälfte in der Luft schwebt, so zieht nur diese lettere Hälfte durch ihr Gewicht den Ballon nach unten. Sinkt dieser, so wird der auf der Erde ruhende Teil des Taues immer größer, der Ballon wird dadurch erleichtert und steigt wieder. Die Schlepptaue aber verhindern wieder sein allzu hohes Aufsteigen, denn je länger der in der Luft hängende Teil wird, desto stärker zieht er den Ballon wieder abwärts. Infolgedessen wird der Ballon, so berechnet Andrée, stets in gleicher Höhe über dem Erdboden bleiben. Die Schlepptaue haben noch einen anderen Zweck. Durch ihre Reibung an der Oberfläche * Aus Sven Hedin, Von Pol zu Pot( Neue Folge). F. A. Brockhaus, Leipzig 1912. Mit zahl reichen Jllustrationen und Karten. 296 Seiten. 8°. Gebunden 3 Mr. Vom Nordpol zum Aequator" führt uns Sven Hedin in diesem Buche. Klar und anschaulich schildert er Länder und Städte, Menschen und Tiere und ihre Schicksale. Packende Bilder gibt er aus den Kämpfen, die um die Erforschung und Erschließung unbekannter Gebiete am Nordpol und in Afrika geführt wurden. Taschen und Ösen zum Unterbringen aller möglichen Dinge. Mit sechs dicken Tauen war die Gondel am Tragring befestigt. Acht siebzig Meter lange Ballaſtleinen hingen herab, um den Stoß abzuschwächen, wenn der Wind das Luftschiff plötzlich heftig auf den Erdboden herabdrücken sollte; sie ließen sich auch kappen, sobald der Ballon so viel Gas verlor, daß er sich mit seiner Belastung nicht mehr in der Luft halten konnte. Alle diese Schlepptaue und Ballastleinen wogen ungefähr tausend Kilogramm. Andrées Ballon sollte dreißig Tage schweben können. Aber wenn nun Windstille eintrat oder man über das den Pol umgebende Packeis wieder zurückgetrieben wurde? Auch mit dieser möglichkeit hatte Andrée gerechnet und war darauf vorbereitet, den Ballon irgendwo zurückzulassen und den Rückzug auf dem Eife anzutreten. Dazu sollten Schlitten und Schneeschuhe, ein Zelt, ein Segeltuchboot und drei Flinten mit Munition mitgeführt werden, außerdem Proviant auf hundert Tage, der oberhalb des Tragrings in Säcken und Taschen zu verstauen war. Wie wollte man sich aber oben in der kalten Luft etwas Warmes fochen? Dazu wurde ein besonderer Kochapparat angefertigt, der der Feuersgefahr halber tief unter dem Ballon an einer Leine hängen sollte. Man brauchte nur eine Konfervendose mit Suppe oder Fleisch oder einem Gericht Fisch in den Kochtopf zu tun, die Spirituslampe zu füllen und den ganzen Apparat unter die Gondel hinabzu Für unsere Kinder lassen; zog man an einer bestimmten Schnur, dann entzündete sich drunten eine Flamme, die man mit Hilfe eines Schlauches wieder auslöschte, wenn das Essen genug gefocht hatte und man den Apparat wieder hinaufzog. Um Nachrichten über den Verlauf der Reise zu geben, sollten dreizehn Korkbojen mitge: nommen werden, die mit Kupferdraht übersponnen waren und eine Metallhülfe für Briefe enthielten. Die Bojen waren numeriert. Die größte follte ausgeworfen werden, wenn man am Nordpol angekommen sein würde! Außerdem gedachte Andrée schriftliche Mitteilungen geradewegs durch die Luft zu schicken. Dazu faufte er etwa fünfzig Brieftauben bester Raffe, die frühzeitig nach der nördlichsten Leuchtturm station am Nordkap gebracht wurden. Damit sie sich mit dem Aussehen der Küste vertraut machten, brachte man sie zuerst auf einen hohen Berg mit freier Aussicht nach allen Seiten. Dann nahmen Segelboote sie mit aufs Meer hinaus, wo man sie fliegen ließ. Einige flogen sofort nach dem Taubenschlag der Station zurück, andere schlugen die Richtung nach dem Süden ein, und zwei holte sich ein Habicht. Während der Reise sollten die Tauben in leichten Korkbauern wohnen, wo kleine Aluminiumgefäße Wasser und kleine Körbchen Gerste, Erbsen und Rübsamen enthielten. Als man dann von Spizbergen aus drei dieser Tauben fliegen ließ, stiegen sie fentrecht hoch in die Luft empor, blieben dort einige Minuten lang ganz unbeweglich, um sich zu orientieren, und schossen dann wie gehofft pfeilschnell nach Süden davon. Nur eine dieser Versuchstauben wurde bei Ofoten an der norwegischen Rüfte aufgefangen. Aber sie war eine Schwindlerin; sie hatte sich auf ein nach Norwegen fahrendes Dampfschiff hinabgelassen und erst, als sie die Küste sah, sich wieder aufgeschwungen, um dann allein nach Ofoten zu segeln. Der Brief, den eine solche Taube trägt, muß federleicht sein, damit er sie nicht beim Fliegen hindert. Er wird auf Seidenpapier geschrieben, aufgerollt und in eine wasserdichte Papier hülse geschoben, die man mit Wachs verklebt und unter der mittelften Echwanzfeder der Taube befestigt. So hatte Andrée alles mit großem Scharffinn ausgedacht. Ein ganzes Buch war allein über die Ausrüstung dieser Reise geschrieben worden. Anfang Juli, wenn die Sonne Tag und Nacht am Himmel steht, wollte Andrée mit zwei Begleitern von der Däneninsel an der Nordküste von Spitzbergen aus den Auf197 stieg wagen. Man konnte in dieser Jahreszeit stets photographische Aufnahmen machen, falls man über unbekannte Inseln hinsegelte. Auch mußte der beständige Sonnenschein das Gas des Ballons in gleichmäßiger Temperatur halten und die Tragkraft daher, solange der Ballon schwebte, unverändert bleiben. Andrée war von dem Gelingen seines Planes fest überzeugt. Jm besten Falle müsse alles wie von selbst gehen! Auf einer seiner Ballonfahrten hatte er die 400 Kilometer lange Strecke von Gothenburg nach Gotland in drei Stunden zurückgelegt! Solch ein Wind konnte ihn in nur neun Stunden zum Nordpol tragen und auch bei mäßigem Winde mußte er den Pol in spätestens zwei Tagen erreichen! Hatte er auf Spitzbergen guten südlichen Wind und lief unterwegs alles glücklich ab, so konnte er, das war seine feste Überzeugung, schon nach acht Tagen an der Beringstraße oder irgend einem anderen Punkte der asiatischen oder amerikanischen Nordküste eintreffen! Aber der Wind bläset, wo er will; und du hörest sein Sausen wohl; aber du weißt nicht. von wannen er kommt und wohin er fähret". Das einzig Gewisse ist die Tatsache, daß es am Nordpol selbst immer nur aus Süden weht! Denn am Pol laufen die Meridiane in einen einzigen Punkt zusammen, und stehst du am Pol, so schaust du, wohin du dich auch wendest, immer nach Süden! Vor dem Aufstieg. Als der Plan der Ballonreise Andrèes die Runde um die Welt machte, schossen natürlich allenthalben Unglückspropheten wie die Pilze hervor. Im Ausland tadelte man ihn mit scharfen Worten und nannte ihn dummdreist oder verrückt. Andrée könne sich doch wohl denken, daß die Seevögel droben im Norden die Ballonhülle zerhacken würden, daß die Insassen der Gondel, wenn sie über Land hintrieben, von Eingeborenen mit Pfeilen erschossen würden, und daß sie, falls sie je den Pol erreichten, dort totfrieren müßten! Schnee und Gis würden die gewaltige Ballonkuppel durch ihr Gewicht niederdrücken, die Schlepptaue sich zwischen den Eisblöcken einteilen, anfrieren und den Ballon festhalten, so daß er nicht mehr vom Flecke käme. Nur in Schweden erregte der Plan zuerst Staunen, dann Bewunderung und schließlich Begeisterung! Aber woher sollte das Geld kommen? 130000 Kronen waren dazu erforder= lich. Alfred Nobel erbot sich, die Hälfte der 198 Für unsere Kinder Kosten zu decken. König Oskar, der alles, was Entdeckungsreise hieß, mit freigebiger Hand unterstützte, übernahm den vierten Teil der Kosten, und der Nest wurde von anderen ge zeichnet. Als alles in Ordnung war, reiste Andröe nach Spitzbergen. Auf der Däneninsel wurde ein gewalliger Schuppen gebaut zum Schutze des Ballons vor dem Wetter während der Füllung. Ende Juli l89S stand der Ballon gefüllt da, und nun wartete man nur noch— auf den Südwind. Doch unaufhörlich wehte es aus Norden oder Westen. Wochen vergingen. Nebel und Schneeregen verschlechterten die Ausfichten. Vergebliches Warten— der günstige Wind kam nicht. Im Norden der Däneninsel liegt die Amster daminsel, die eine flache Landzunge, die Hol länderspitze, nach Osten hinsendet. Hier ging am 14. August ein merkwürdiges Schiff vor Anker. Andröe und mehrere andere Schweden bestiegen ihre Dampfbarkasse und fuhren zu ihm hinaus. Es war die.Fram", die sich erst vor wenigen Tagen aus ihrer dreijährigen Gefangenschaft im Polareis befreit hatte! .Könnte ich Nansen sprechen fragte Andröe, nachdem er Sverdrup und dessen Kameraden begrüßt hatte. .Was, Nansen ist noch nicht heimgekommen?" riefen die Norweger. .Nein, aber warum ist er nicht auf der >FranL?".Es ist beinahe anderthalb Jahre her, daß er uns verließ." Bestürzung und Betrübnis auf beiden Seiten. Sverdrup lehrte schleunigst nach Norwegen zurück, sest entschlossen, sich mit Kohlen und Proviant zu versehen, um nach Franz-Joseph- Land zu fahren und Nansen zu suchen. Als er den ersten Hafen einer kleinen norwegischen Küstenstadt erreicht hatte, ließ er sich mitten in der Nacht ans Land rudern und begab sich nach dem Telegraphenamt. Dort klopfte er so heftig an die Tür, als gelte es das Leben. Der ganze Ort schlief. Schließlich schaute ein älterer Mann zum Fenster heraus und brüllte ihn an:.Was ist denn das für ein fürchter licher Spektakel mitten in der Nacht?" Sverdrup antwortet«:.Machen Sie nur die Tür aus; ich bin Kapitän Sverdrup von der ,Fram'." überall wurden jetzt die Fenster hell, und der Tclegraphenbeamle kam Hals über Kopf heruntcrge�ürzt. .Ich habe von Andröe gehört," sagte Sver drup betrübt,.daß noch keine Nachricht von Nansen da ist." „Oho," rief der Telegraphenbeamte,.Nan sen? der ist ja am 13. August in Vardö an gekommen! Jetzt ist er in Hammerfest." Sverdrup schnellte in die Höhe, machte auf dem Fleck kehrt und eilte fort, um seinen Kame raden die frohe Kunde zu bringen. Unterdessen wartete Andröe noch immer ver geblich aus Südwind. Das Jahr war mittler weile zu weit vorgeschritten, und so mußte er umkehren. Der Ballon wurde entleert, alles wieder eingepackt, und Andröe reiste nach Stockholm zurück. Es läßt sich denken, wie niedergeschlagen er war. Nie hatte der Plan einer Polarreise größere und wärmere Teilnahme gefunden. Die ganz« Welt wartete gespannt auf die Ab fahrt und den Ausgang. Bei seiner Abreise hatte man ihn in Stockholm und Gothenburg wie einen Helden gefeiert, und nun kam er unverrichteter Sache wieder zurück! Viele spotteten, aber die meisten bewunderten doch seine Selbstbeherrschung. Die zu einem neuen Versuch ersorderlichen Summen wurden sofort gezeichnet, und zwar nur von Schweden. Mitte Mai nächsten Jahres wollte sich Andröe wieder zur Däneninsel begeben. Am 10. Mai 18S7 kam ich aus Asien zurück. Am 13. gab Andröe mir zu Ehren ein Diner. Wir waren nur sechs Personen bei Tisch, und ich sah ihn bei dieser Gelegenheit zum ersten mal. Im Verlauf des Essens hieß er mich mit einer Rede willkommen, deren ich mich noch voller Rührung erinnere. Wie verschieden doch das Leben vor uns beiden liege, führte er aus. Ich hätte meine große Reise hinter mir und sei zu ruhiger Arbeit heimgekehrt, er habe sie noch vor sich und wollt sich eben jetzt in die große Einsamkeit hinausbegeben zu einem Un gewissen Ausgang. Ich merkte seinen Worten eine Wehmut an, die er vergeblich zu ver bergen suchte. In meiner Antwort beglück wünschte ich ihn als den Urheber ejnes so glänzenden Planes und sprach meine Über zeugung aus, daß wir uns dereinst unter glück licheren Verhältnissen wieder treffen würden! Die Gesellschaft war früh zu Ende. Andre« hatte noch viel zu tun; zwei Tage später sollte er Stockholm auf immer verlassen. Diesmal ging die Abreise in aller Stille vor sich. Man halte ihn genug gehetzt, und es war vorauszusehen, daß er diesmal auch bei nicht ganz günstigem Winde aufsteigen werde. Nur Für unsere Kinder 199 wenige Freunde sagten ihm auf dem Zentral-| Dinge würde er sie alle samt der Wutter bald bahnhof Lebewohl. Ich drückte ihm warm die Hand zum letztenmal! Dann rollte der Zug fort in den hellen Abend hinein. Im Juni herrschte wieder das alte geschäftige Treiben auf der Däneninsel. Anfang Juli war alles zur Abfahrt bereit. Man wartete wieder um nur noch auf den Südwind. Während eines heftigen Sturmes wirbelte der Ballon so wild in seinem Schuppen umher, daß er sich an den Wänden zu zerschlagen und gar wegzufliegen drohte. Täglich schrieb Andrée einige Zeilen in sein Tagebuch. Mit dem 8. Juli 1897 endete auf immer. ( Schluß folgt.) es 000 Mutter Krickente und ihre Reise über Land. ( Schluß.) Fort flog der Habicht und ihm nach der Königsvogel, der eine groß, schwerfällig und feig, der andere klein, schnell und furchtlos wie ein Held, weiter und immer weiter, fort aus dem Gesichtskreis, wobei der Verfolger mit jedem Flügelschlag näherkam, bis sich sein Schrei in der Ferne verlor. War der Kummer der Mutter Ente auch nicht so tief wie der einer menschlichen Mutter, so war er doch sehr wirklich. Aber sie hatte jetzt die neun zu behüten und brauchte dafür jeden Gedanken, So schnell wie möglich führte sie die Jungen in das Gebüsch, und nun konn ten sie ein Weilchen freier atmen. Bon jetzt an ließ sie nur noch unter Deckung weiter wandern. Eine reichliche Stunde verging, unterbrochen von häufigen Aufregungen infolge neuer drohender oder eingebildeter Gefahren und von häufigem Rasten; dann war der Teich ganz nahe, und es war auch hohe Zeit, denn die Entlein waren halbtot vor Erschöpfung und ihre Füßchen zertraßt und blutig. Eine Weile holten sie Atem unter dem Schatten des letzten hohen Busches, ehe sie in geschlossener Masse den nächsten ungedeckten Platz kreuzten, ein unebenes, mit Pappeln bestandenes Gelände. Und sie erfuhren niemals, daß der Tod auch noch in anderer Form auf ihrem Wege gelauert hatte. Ein Fuchs stieß auf die Fährte der wandernden Entenschar; seine scharfe Nase sagte ihm sofort, daß hier ein feiner Schmaus seiner harre, und er brauchte weiter nichts zu tun, als der Spur zu folgen und zuzulangen. So schlich er lautlos und eilig hinter der unverkennbaren Fährte her. Im gewöhnlichen Lauf der gehabt haben, aber der gewöhnliche Lauf der Dinge kann auch für einen Fuchs einmal schiefgehen. Er war jetzt so nahe, daß er die kleinen Wanderer zählen konnte, wenn er zählen gelernt hatte, als ihm der Wind etwas zutrug was ihn Halt machen, sich ducken und dann, nachdem er durch eine zweite Witterung seiner Sache noch sicherer geworden war, sich seitwärts in die Büsche schleichen und unter Deckung so schnell als möglich davonlaufen ließ. Damit war die greifbarste Gefahr, der sicherste Tod, der sie bedrohen konnte, durch eine unbemerkte Macht beschworen worden, und nicht einmal die wachsame Mutter Ente hatte auch nur die geringste Ahnung davon. Die Kleinen watschelten nun hinter der Mutter her, die sie möglichst schnell über die Lichtung führen wollte. Zu ihrer großen Freude war ein langer Arm des Teiches ganz nahe, gleich dort hinter dem baumlosen Stück. Sie eilte gerade darauf zu und rief erfreut; ,, Kommt, meine Lieben!" Aber, o weh! Das baumlose Stück war etwas, das die Menschen einen Weg nennen, und darauf tiefe Wagenspuren. Auf jeder Seite waren zwei tiefausgefahrene steile Schluchten oder Kannons, von den Menschen auch„ Radbrecher" genannt, und in das erste Kannon fielen vier von der Brut. Fünf trabbelten drüber weg, aber nur, um in die noch tiefere und breitere Spur daneben zu geraten, und hier waren die fünf gefangen. D Himmel, das war schrecklich! Die Kleinen waren jetzt zu schwach, um den steilen Abhang hinaufzuklimmen, nach beiden Seiten schienen die tiefen Spuren kein Ende zu nehmen, und die Mutter wußte nicht, wie sie ihnen helfen sollte. Mutter und Kinder waren in Verzweis lung, und während sie hin und her lief, die Kleinen ermunterte und antrieb, ihre ganze Kraft aufzuwenden, da kam auf einmal herbei, was sie am allermeisten fürchtete, der Todfeind der Enten, ein großer langer Mann. Mutter Grünschwinge stürzte sich ihm zu Füßen und fiel wie tot auf das Gras nieder; nicht etwa, um seine Gnade anzuflehen, o bewahre! Sie wollte nur den Mann trüglich zu dem Glauben bringen, daß sie verwundet sei, damit er ihr folge und sie ihn so von ihren Jungen wegführen könne. Aber dieser Mann kannte den kniff und ließ sich nicht täuschen. Statt der Alten zu folgen, sah er sich um und fand die neun Kleinen helläugigen Daunenträger tief unten 200 Für unsere Kinder in den Räderrinnen fißen, wo sie sich ver-| Tropfenschauer zurück. Dreimal stieß er hergebens zu verstecken suchten. Er bückte sich und tat sie allesamt in seinen Hut. Arme fleine Dinger, wie sie piepten! Arme Kleine Mutter, wie sie voll Bitterkeit in Todesangst um ihre Brut aufschrie! Jetzt wußte sie, daß alle vor ihren Augen vernichtet werden sollten, und von Kummer überwältigt, schlug sie vor dem schrecklichen Riesen ihre Brust auf den Boden. Dann ging das herzlose Ungeheuer zum Rande des Teiches, zweifellos um mit einem Trunke die Entlein besser seine mörderische Kehle hinabzuspülen. Er beugte sich nieder, und einen Augenblick später plätscherten die Kleinen frei im Wasser. Die Mutter schwebte eiligst auf der kristallenen Fläche dahin; sie rief ihre Kinder, und mühelos schwammen diese hinter ihr drein. Sie wußte ja nicht, daß dieser Mensch ihr wahrer Freund, daß er die unsichtbare Macht gewesen war, deren bloße Gegenwart genügte, den Fuchs fortzutreiben und sie aus ihrer größten Bedrängnis zu retten -sein Geschlecht ist zu lange der grimmigste Verfolger des Entengeschlechts gewesen, und so fuhr sie fort, ihn und seinesgleichen bis ans Ende zu hassen. Ihr Streben ging dahin, ihre Brut weit weg von dem riesigen Zweibein zu führen; sie nahm deshalb ihren Weg quer über den offenen Teich. Das war aber ein Fehler, denn dadurch setzte sie ihre Familie anderen, wahr haften Feinden aus. Ein großer Sumpfhabicht erspähte sie und kam dahergeschwebt in der ficheren Erwartung, wenigstens eins in jeder Kralle zu ergattern. Schnell! In die Binsen!" rief Mutter Grünschwinge; und eilig folgten sie dem Gebot, die Wasserfläche so rasch schlagend, als es ihre müden Beinchen nur erlaubten. unter, und dreimal durchnäßte sie ihn, bis alle ihre Daunlinge wohlbehalten in den Hafen der Binsensträucher gelangt waren. Ergrimmt machte nun der Habicht einen Ausfall auf die Mutter, aber sie konnte tauchen, und mit einem letzten Spriter zum Abschied" entging sie ihm mühelos. Tief beim Binfengebüsch kam sie empor und gab ein gemütliches Quack Quack von sich. Sofort scharten sich die erschöpften neun Jungen um sie, und nun konnten sie in Frieden miteinander ansruhen. Aber damit noch nicht genug. Als sie eben daran gingen, sich an der Fülle des nahrungspendenden Insektenlebens zu weiden, vernahmen sie aus weiter Ferne ein schwaches Piep. Mutter Grünschwing wiederholte ihr lockendes Qu- a- a- a- t. Und durch die Binsen würdevoll wie ein Altes daherrudernd kam der vermißte Sohn und Bruder, den der Habicht entführt hatte. Seine Krallen hatten ihm glücklicherweise fein Leid getan; der unerschrockene Königswürger hatte den Räuber über dem Teich eingeholt. Beim ersten Schnabelhieb hatte der Habicht auskreischend seine Beute fahren lassen; das Entlein fiel unversehrt ins Wasser und entkam in die Binsen, wo es seine Mutter und seine Geschwister wiederfand. Von nun an lebten fie vereint und in Sicherheit auf dem großen Teiche, bis sie alle ausgewachsen und flügge waren und mit eigenen Schwingen sich hinauswagen konnten in die weite, weite Welt. 1000 Der musikalische Esel. Von' Robert Reinick. Ein Knabe saß auf grünem Rasen, Schnitt' eine Flöte sich von Rohr; Die hielt er einem Giel vor und sprach:„ Herr Esel, willst du blasen?" Der Esel schien dazu nicht faul, Er nahm die Flöte gleich ins Maul; Doch statt zu blasen schöne Weisen, Trieb er damit ein ander Spiel. " Schnell! Schnell!" rief die Mutter, aber schon war der Habicht ganz nahe; trotz aller ihrer Gile mußte er sie in der nächsten Sefunde erreichen. Zum Tauchen waren sie noch zu jung, und so schien kein Entrinnen mehr möglich. Aber da, gerade als er herabschoß, platschte sie mit aller Kraft ins Wasser und sprigte, indem sie von ihren Füßchen und Flügeln ausgiebigen Gebrauch machte, alle Und was denn?- Nun, mit Stumpf und Flüssigkeit auf den Habicht. Ganz verblüfft Stiel Verantwortlich für die Redaktion: fuhr er in die Luft zurück, um sich trocken zu Tat er das Instrument verspeisen. schütteln. Die heldenhafte Mutter aber trieb die Kleinen:„ Vorwärts! Vorwärts!" Vorwärts patschelten sie auch; doch wieder fuhr Habicht nieder, und wieder trieb ihn ein Frau Klara Betfin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Drud u.Berlag S..W.Diez Nachf. G.m.b.6. Stuttgart.