Für unsere Kinder Nr. 2ooooooo Beilage zur Gleichheit ooooooo 1914 Inhaltsverzeichnis: Spruch. Von Freiligrath.| den Herrschern und ihren Heerführern geleitet, Ferdinand Lassalle. Von Mar Adler. Das Pensionat. Von Wladimir Korolenko.( Schluß.) Die fleine Passion. Von Gottfried Keller.( Gedicht.) Die Prinzessin auf dem Baum.( Forts.) Spruch. Das sei dir unverloren: Sest, tapfer allezeit Verdien dir deine Sporen Im Dienst der menschlichkeit! Rundum der Kampf aufs Messer! Lern' du zu jeder Frist, Daß Wunden heilen besser Als Wunden schlagen ist. 000 Ferdinand Lassalle. Von Mar Adler. Freiligrath. In der Schule und in den Büchern, welche euch die Schule empfiehlt, ist viel von großen Männern die Rede, die sich um das Vaterland verdient gemacht haben und deren wir mit Dankbarkeit gedenken sollen. Aber fast immer ist es der Ruhm des Schlachtfeldes, den die Schule so preist, wie denn auch die Geschichte, so wie sie heute euch noch gelehrt wird, fast nur als eine Kette von Kriegen und Handlungen mächtiger Herrscher und großer Heerführer erscheint. So kommt es, daß ihr von Alexander dem Großen, der Asien er oberte, viel mehr zu hören bekommt als von seinem großen Lehrer, dem Philosophen Aristoteles, der mit seinem Denken die Welt eroberte und heute noch im Gedankenreich herrscht, während das Weltreich Alexanders längst zerfallen und vergangen ist. So ist euch viel mehr von Prinz Eugen und Napoleon bekannt, als von Männern wie Galilei und Lamarck, obgleich diese beiden großen Naturforscher viel tiefergehende Kämpfe geführt haben, die heute noch nachwirken, Kämpfe nicht mit blutigen Waffen, sondern mit hellen, großen Gedanken, Kämpfe um die wissenschaftliche Wahrheit, um den Fortschritt der Erkenntnis und gegen die Irrtümer ihrer Zeit. Es gibt eben noch einen anderen und größeren Krieg als von dem allein eure Geschichtsbücher erzählen, einen Krieg, der nicht von der überhaupt nicht mit Soldaten und Waffen geführt wird und doch nicht weniger Blut und Opfer fostet, nur daß diese zu einem wahrhaft edlen und schönen Zweck erfordert werden: das ist der Krieg, den die Menschen mit dem Elend und der Unterdrückung führen, mit der Armut und Unwissenheit, der Krieg um Freiheit, Fortschritt und ein menschenwürdiges Dasein für alle. Nicht Völker werden bekämpft, sondern der Jammer, der die Menschen bei den Völkern quält. Die Unterdrückung soll beseitigt, die Quellen des Unglücks sollen verstopft werden; und nur, wer sich diesem Streben eigensinnig und eigensüchtig entgegenstellt, weil ihm seine Macht, seine Herrschaft, seine Bequemlichkeit höher steht als das Wohl der Gesamtheit, der muß hier als Feind bekämpft, und wenn er es nicht anders will, vernichtet werden. In diesem Kriege können die Völker nicht entzweit werden, sondern sind im Gegenteil von vornherein verbunden. Denn Elend und Unterdrückung kommen ja leider bei allen Völkern vor, und so wird der Kampf dagegen von selbst eine allen Völkern gleich wichtige Sache. Hier ertennt jedes Volk die gleichen Feinde- nicht mehr in dem anderen Volke, sondern in all dem, wodurch es in Unfreiheit und Dummheit niedergehalten wird. Unterdrückung, Ausbeutung und Unwissenheit das sind die wahren Erzfeinde der Menschheit, gegen welche der Kampf geführt wird, seit Menschen angefangen haben, über ihre Leiden nachzudenken, und der nicht eher enden kann, als bis die Ursachen des Leidens weggeschafft sind. So ist also kein Krieg zwischen den Völkern mehr, sondern ein Kampf, den sie gemeinsam führen, auch wenn sie dies lange Zeit nicht gewußt haben ist einfach der Kampf der Menschheit um bessere Lebensbedingungen, um ein reiches und schönes Leben für alle, kurz um das, was man mit dem Namen Kultur bezeichnet. es 10 Für unsere Kinder Und in diesem Kampfe gegen die Feinde der Kultur, gegen Armut, Unwissenheit und Unterdrückung, da gibt es andere Heerführer und einen anderen Kriegsruhm als in jenen lärmenden Schlachten der Könige und ihrer Feldherren. Während die Namen dieser als Helden gepriesener Männer verherrlicht wer den von allen Völkern und noch Jahrtausende nach ihrem Tode gerühmt sind, sind die Namen vieler der größten Wohltäter der Menschheit, die ihre eigentlichen Fortschritte begründet haben, nur ganz wenigen bekannt. Denn, seht ihr, die Heerführer in diesem Kampfe um Kultur, sie stehen nicht von Anfang an vor aller Augen da, gleichsam an der Spitze des Volkes wie die Könige und Feldherren, sondern sie arbeiten meistens im stillen und oft genug ihr ganzes Leben lang unbeachtet, bis ihr Werk reif ist, daß es nun an die Menschen sich wen den kann und sie um sich sammelt in immer größerer und sieghafterer Menge. Es ist die Arbeit der Denker eines Volkes, von der ich hier spreche; es sind die großen Männer der Wissenschaft, welche die Gedanken und Er kenntnisse der Völker umformen, es sind die großen Entdecker und Erfinder, welche die Lebensbedingungen der Menschen verbessern und bereichern, es sind die großen Staats männer und Politiker, welche die neuen Lebens formen erfassen, die den geänderten gedank lichen, technischen und wirtschaftlichen Verhält nissen entsprechen und geeignet sind, das Leben der Menschen zu einer höheren Blüte zu führen. Diese Männer sind die eigentlichen Helden der Geschichte; Der Ruhm dieser großen Männer scheint heute vielen noch nicht so hell zu strahle» wie der Glanz, der von den siegreichen Waffen ausgeht, aber dies nur deshalb, weil das Volk noch zu wenig von ihnen weiß, da es von den Herrschenden überall noch dazu an gehalten wird, jenen falschen Ruhm als den schönsten und patriotischsten zu betrachten. Wenn erst einmal das Verständnis für die wahre Bedeutung dieser Männer mehr ver breitet sein wird, dann wird aus der lieben den Verehrung eines ganzen Volkes ihr Ruhm glanzvoller hervorgehen, als je der Name eines Eroberers durch die schreckenvolle Bewunde rung seiner Zeit emporgetragen wurde. Von einem solchen Manne, dessen Gedanken heute schon mit der leidenschaftlichsten Liebe und Verehrung von Massen nicht nur eines, sondern aller Völker, zumal aber des deutschen Volkes, gehegt und gepriesen wird, von einem dieser wahrhaft großen Männer, der zudem dem Arbeiterstand zunächst gestanden ist, will ich heute ein weniges zu euch sprechen, von Fer dinand Lassalle, dem Begründer der deutschen Sozialdemokratie, dem großen Vorkämpfer des Proletariats. Noch seid ihr in eurem kindlichen Alter nicht imstande, den ganzen Inhalt und die volle Bedeutung dessen zu begreifen, was die Worte „Proletariat" und„Sozialdemokratie" bedeuten, zwei Worte, die ihr wohl oft genug von den Eltern gehört haben werdet. Aber doch müßt ihr mit beiden Worten schon die Vorstellung von etwas Großem und Stolzem verbunden habe», wenn ihr euch an den 1. Mai erinnert. An diesem Tage seid ihr mit euren Eltern und älteren Geschwistern hinausgezogen und habt die Tausende und Tausende von Arbeitern ziehen sehen mit ihren Fahnen und Standarten, alle voll Festesfreude an einem Tag, der doch kein Sonntag war und doch ein Feiertag für sie, ein Tag, den sich die Arbeiter selbst freigemacht haben mit eigenem Willen und eigener Kraft. Und so wie sie in eurer Stadt den 1. Mai feiern, so geschieht es überall, wo es Arbeiter gibt, in allen Ländern der Erde— überall, trotz aller verschiedenen Sprachen bei Deut schen, Franzosen, Engländern, Italienern, trotz aller Entfernungen, in Europa wie in Amerika, feiern die Arbeiter den 1. Mai als ein einiges Volk, als ein Zeichen ihres gleichen Willens und ihrer gleichen Gesinnung. Und ihr Wille ist, mit vereinten Kräften dahin zu arbeilen, daß die Armut und die Ausbeutung, in der die Arbeiter überall leben, endlich aushören mögen, indem der Unterschied von arm und reich, von Herr und Knechl endlich überhaupt beseitigt werde und alle Reichtümer, welche die Menschen besitzen, die Häuser, Felder und Wälder, die Bergwerke und Maschinen und alle die unzähligen Gegenstände, welche zum Lebe» nötig sind, nicht mehr im Besitze weniger seien, von denen die anderen sie kaufen müssen, wenn sie— Geld dazu haben, sondern im Be sitz aller, so daß endlich alle Menschen froh und auskömmlich leben könnten. Denn— das wißt ihr ja— das können heute die allermeisten Atenschen nicht. Die große Überzahl der Men schen hat gar nichts zu eigen, weder Haus noch Feld, weder Gut noch Gell», sie hat nichts Für unsere Kinder " 11 als ihren Körper und das bißchen Kraft, das Surin, set' du's ihm auseinander!" Diein ihm steckt, um zu arbeiten, und oft genug selbe Geschichte wiederholte sich mit Surin. ist der Körper schwach und taugt nicht einmal An die Tafel rief er auch uns beide zuzur Arbeit. Und alle diese vielen, vielen Men- sammen. Wir traten gottergeben vor, stellten schen, die gar nichts haben, als ihre paar uns auf die Zehenspitzen, schrieben irgend Hände, sie müssen arbeiten, wenn sie nicht etwas hin und erklärten es einander. Das verhungern wollen, runde Gesicht Surins mit den guten Augen blickte gerade in das meine mit der unbegründeten Hoffnung, daß ich irgend etwas verstanden haben mochte; ich blickte mit der gleichen Hoffnung auf ihn. Die Kameraden schwiegen düster, Paschkowski genoß die Lage, aber die Fünklein in seinen Augen wurden immer größer. Plötzlich wand er sich zu seiner ganzen Höhe auf, und dann entlud sich über uns irgendein Gewitter. Am häufigsten packte er von einem Bett ein großes Kissen und warf uns beide mit einem wohlgezielten Schlag zu Boden. Dann ging er im Schlafsaal von Bett zu Bett, und ein Berg von Kissen wuchs an der Tafel über unsern unglückseligen Leibern empor. Atmest du?" frug mich der gute Kerl Surin. Ich atme. Und du?" Diese Menschen, die arbeiten müssen, um essen zu können, eure Väter und eure Mütter und eure älteren Geschwister und ihr selbst nur zu bald auch, wenn ihr erst mit der Schule fertig geworden seid, diese Menschen, die nichts haben als ihre Arbeit, und nur von dieser leben, das ist das Proletariat. 000 Das Pensionat. Bon Wladimir Korolento. ( Schluß folgt.) ( Schluß.) Die Sache ging nun gleich von Anbeginn an schief. Mir schien, daß dieser große Mensch eine unüberwindliche Verachtung für sehr kleine Jungen empfände, ich war aber nebst einem Kameraden namens Surin der kleinste im Pensionat. Und beide vermochten wir merk würdigerweise bei Paschkowski nicht einen einzigen Lehrsatz und noch viel weniger eine " Probe" aufs Erempel zu erfassen. Die Unterrichtsweise des Herrn Paschkowski war eigenartig: er faßte ein Büblein um die Taille, stellte es neben sich und legte ihm freundlich die linke Hand auf den Scheitel. Das Büblein fühlte sofort, wie in seine kurz geschorene Kopfhaut fünf nadelspitze Fingernägel eindrangen, die ihm die mathematische Weisheit offenbar in den Kopf einbohren sollten. ,, Nun, lieber Junge, hast du verstanden?" In den großen vorquellenden Augen( wer konnte sie nur schön finden!) glomm ein grünes Fünklein auf. Meine ganze Aufmerksamkeit wurde durch die fünf Stiche auf meinem Schädel abgelenkt, und ich antwortete leise: " Ich habe verstanden." " So fetz' es auseinander." " " „ Es geht...." Paschtowstis Schreie drangen immer dumpfer zu uns, und wir wären nicht abgeneigt gewesen, so zugedeckt bis zum Schluß des Unterrichts zu liegen. Allein bald flogen die Kissen, eines nach dem anderen, wieder auf die Betten, unser glückliches Begräbnis nahm ein Ende, und wir erstanden zu neuem Unheil. Einmal trat der Quälgeist an mich heran, packte mich am Kragen und hob mich mit seinem kräftigen Arm in die Luft. ,, Wo, wo ist hier ein Nagel?" rief Baschkomsti mit gepreßter Stimme, und die Blicke seiner vorstehenden Augen suchten die Wände ab. " Ich hänge den Lumpen auf!" Ein Nagel fand sich nicht. " Das Fenster auf!" Das Fenster wurde aufgerissen. Paschkowski stellte sich ihm gegenüber und begann mich wie ein Pendel hin und her zu schwingen, wobei er im Verstatt sang: „ Jetzt schmeiße ich " Den Taugenichts In den Teterew..." Das war einer von den schreckhaftesten Augenblicken meines Lebens. Der Fluß, mit Ich fing an, ein wirres Zeug daherzureden. dem mir Paschkowski drohte, war vom Fenster Die Nagelspizen bohrten sich immer tiefer in aus nicht zu sehen, hinter dem Bergrücken meine Kopfhaut ein, und die letzte Spur des aber konnte man den Abhang ahnen, und Verständnisses verschwand.... Ich sah nur weiterhin schimmerte die steile Anhöhe des noch den grünen Funken in den widerwärtigen anderen Ufers.... Das Fenster mit dieser Augen und spürte fünf brennende Punkte auf Landschaft flog vor meinem traurigen Blick dem Kopfe. Sonst sah und fühlte ich nichts.... hin und her, während Paschkowski mit grau 12 Für unsere Kinder samer Wollust weitere Aussichten eröffnete:| selbst wenn er nicht an der Reihe war.... „ Die Mutter erwartet ihren kleinen Jungen.... Zum Baden mußten wir über den großen Der kleine Junge fommt nicht. Sie schickt nach Jungfernplatz, der vor dem alten Nonnenkloster ihm den Kutscher Philipp. Der Philipp kommt den jungen Herrn abholen. Aber ach! Der junge Herr liegt im Fluß, die Beine am Ufer, den Kopf im Wasser, und in beiden Nasenlöchern sitzt ein Krebs!" Ich horchte während meiner Schwingungen in der Luft gespannt zu, und mir tat der arme kleine Junge leid.... Besonderes Grausen rief in mir das grelle Bild von den Krebsen hervor.... Solche starke und ziemlich abwechslungsreiche Empfindungen stellten sich zwischen mich und die Rechenkunst wie eine unübersteigliche Mauer. Selbst als Paschtowski nach einiger Zeit entlassen wurde oder als er eine Braut gefunden hatte, blieb ich der Überzeugung, daß man die Probe" beim Dividieren nur durch eine besondere Gnade Gottes begreifen könne, die mir von Geburt an versagt war.... In den anderen Fächern ging es mir vortrefflich, ich eignete mir alles ohne sonderliche Mühe an, und den Grundton meiner Erinne rungen aus jener Zeit bildet die Freude des sich entfaltenden Lebens, eine lärmende liebe Schar Kameraden, eine nicht beschwerliche, obgleich strenge Schulzucht, das Tummeln in der frischen Luft und hochgeworfene Spielbälle. Das Beste an jenem Erziehungssystem war das Gefühl einer eigentümlichen Vertraulich feit, fast Kameradschaft mit den Erziehern. Während der Schulstunden herrschte stets eine so völlige Ruhe, daß man im ganzen Pensionat nur die Stimmen der Lehrer vernahm, die in verschiedenen Zimmern Unterricht erteilten. Dafür beteiligten sich dieselben jungen Lehrer am Ballspiel auf dem brachen Feld oder im Winter am Schneemannbauen und Schneeballwerfen. Und dann gab es ihnen gegenüber feine Rücksichten und keine Schonung. Man bewarf sie fräftig wie die Kameraden mit Bällen, und es galt als ein vollkommen er laubtes Vergnügen, daß einer von uns einen nassen Schneeball auf dem Gesicht des Monfier Huguenette zerschmettern ließ, unseres Erziehers und Lehrers der französischen Sprache.... Huguenette war ein junger Franzose, lebhaft, vollblütig, beweglich, sehr lustig und überaus jähzornig. Wir gehorchten ihm unbedingt, wo er zu befehlen hatte, und liebten besonders die Tage, an denen er die Aufsicht führte, wobei es ungemein lustig und lebhaft zuging. Ihm machte unsere Gesellschaft gleichfalls Freude. Zum Baden gar ging er mit uns, lag. In diesem Kloster befand sich ein Töchterheim. Und jedesmal in den Stunden, da wir uns in lustigem Haufen zum Teterew und von dort zurück begaben, machten die Klostermädchen in den langen, weißen, steifen Hauben, die ihre Gesichter ganz verhüllten, still und züchtig im Gänsemarsch ihre Runde auf dem Play.... Vor und hinter ihnen gingen die aufsichtführenden Nonnen, während eine Greis sin, wohl die Abtissin, auf einer Bank sitzend, Strümpfe strickte oder den Rosenkranz betete, hin und wieder die Spazierenden mit den Blicken musternd, einer alten Henve gleich, die ihre Küchlein überwacht. Nachdem wir diesen Platz durchquert hatten, sprangen wir lustig den Abhang hinunter, der dicht mit jungem Hornstrauch bewachsen war, und dann schallte das Ufer des Teterem von unserem Geschrei und Geplätscher wider, und der Fluß wimmelte von zappelnden Knabenleibern. Unterdessen setzte sich der entkleidete Monsieur Huguenette auf den sandigen Abhang und überwachte alle scharf, wobei er die kleinen Büblein beim Schwimmenlernen ermunterte und den übermut der Alteren zügelte. Schließlich gab er für alle das Kommando zum Herausgehen aus dem Wasser und stürzte sich dann selbst in den Fluß. Dabei pflegte er vom Ufer aus einen erstaunlichen Salto mortale zu vollführen, pruſtete, plätscherte und schwamm weit den Teterew hinunter. Einmal begann Huguenette, während er noch am Ufer saß, meinen älteren Bruder und den jüngeren Rychlinsti zu necken, die als letzte das Wasser verließen. Bänke gab es am Ufer nicht; um die Stiefel anzuziehen, mußten wir also auf einem Bein eine Strecke weit hüpfen, das andere im Fluß abgewaschene hochhaltend. Monsieur Huguenette war an jenem Tage besonders ausgelassen und bewarf die beiden mit Sand, kaum daß sie aus dem Wasser waren. Die Buben mußten wieder ins Wasser, um sich abzuwaschen. Er wiederholte das Spiel unter Lachen und Tollen mehrere Male, bis sie darauf verfielen, ihre Kleidungsstücke zu packen und damit weit auf die Seite zu gehen. Nunmehr stürzte sich Monsieur Huguenette sorglos ins Wasser und begann zu tauchen und zu schwimmen wie eine Ente. Dann stieg er ordentlich ermüdet und atemlos ans User und wollte gerade ins Hemd schlüpfen, als beide Buben ihn ihrerseits mit Sand bewarfen. Für unsere Kinder 13 Huguenette lachte auf und begab sich wieder| uns verblüfft. Wir dachten nicht, daß er so ins Wasser. Kaum war er jedoch bei seinen weit laufen würde, und in der Erwartung Kleidern, als sich derselbe Streich wiederholte. seiner Rückkehr fingen wir an, Steine in den Der Lehrer machte gute Miene zum Spiel, während sein Gesicht rot wurde. Er blieb stehen und sagte furz:" Genug!..." Darauf begann er wieder das Hemd über den Kopf zu ziehen. Allein der eine von den losen Bengeln konnte nicht an sich halten und bewarf Huguenette wiederum mit Sand. Der Franzose verfiel plötzlich in Raserei. Das gestärkte Hemd flog auf den Sand, das Gesicht Huguenettes wurde blau, und seine Augen rollten wild. Beide Strolche begriffen, daß sie zu weit gegangen waren, und stürzten er schreckt den Fußpfad hinauf; Huguenette, nackt, stürzte ihnen nach, und bald entschwanden alle drei unseren Blicken. Fluß zu werfen und am Ufer hin und her zu laufen.... Im Vorhof des Klosters hatte sich gleichfalls alles einigermaßen beruhigt, und das Leben kam allmählich wieder in das gewohnte Geleise. Die ältlichen Nonnen spähten auf den weitläufigen Platz hinaus, und da sie sahen, daß alle Spuren der teuflischen Versuchung verschwunden waren, beschlossen sie, den Spaziergang beenden zu lassen. Einige Minuten später kreisten wieder die Mädchen in den weißen Hauben züchtiglich im Gänsemarsch unter der Führung der ehrwürdigen Brigittenschwestern um den Platz. Die Greisin mit dem Rosenkranz nahm wieder von ihrer Bank Besitz. Unterdessen neigte sich die Sonne zum UnterWas sich darauf begab, ist wahrscheinlich gang. Der arme Franzose, den das vergeblange Zeit Gegenstand ernster Erörterungen liche Warten in seinem Gesträuch zu langin den düsteren Mauern des Klosters geblieben weilen begann, und der sah, daß ihm niemand als ein Fall von offensichtlicher Versuchung zu Hilfe tam, entschloß sich plötzlich zu einem des Teufels. Zuerst tauchten am Uferabhang verzweifelten Handstreich. Er sprang aus seinem die Gestalten von zwei erschreckten Schülern Versteck und stürzte wieder mitten durch die auf, die sich durch die Reihen der im Kreise Lustwandelnden zum Fluß. Wir stiegen gerade wandelnden Klostermädchen schlugen und auf die Anhöhe hinan, um nach ihm Ausschau zu den breiten Weg zwischen den tlösterlichen Ge- halten, als der Franzose unter entsetztem müsegärten stürzten. Kaum hatte sich die Ver- Weibergekreisch und allgemeiner Verwirrung wirrung gelegt, die durch diese Flucht ver- wie ein Blitz an uns vorbeischoß und, ohne ursacht war, als auf der Anhöhe der atemlose die Pfade zu beachten, durch das Gesträuch und splitternackte Huguenette erschien. Im zum Ufer hinabstürzte..... Vordergrund waren noch die Gestalten der beiden Flüchtlinge sichtbar, und der tolle Franzose setzte nun seinerseits über den Platz.... Die erschreckten Nonnen sammelten rasch, sich bekreuzigend und Gebete murmelnd, ihre Herde und trieben sie wie eine Schar Küchlein ins Klosters, indes Huguenette weiterlief.... Die Buben waren in dem großen klöfterlichen Gemüsegarten, zwischen den dichten Bohnen und Erbsen verschwunden. Huguenette stürzte an die Umzäunung, und erst da überzeugte er sich, daß die weitere Verfolgung zweck los fei. Zugleich erkannte er, wie Adam nach dem Sündenfall, daß er nackend war, und er schämte sich. Just inmitten des breiten Grasstreifens zwischen den Gemüsebeeten, durch die der Gartenweg führte, stand eine malerische Baumgruppe, unten von dichtem Jungholz umgeben. Dort verkroch sich der arme Franzose und wartete, den Kopf vorstreckend, bis seine Zöglinge darauf kommen würden, ihm die Kleider zu bringen. Wir kamen aber nicht darauf. Das plötzliche Verschwinden des nackten Erziehers hatte Als wir in das Pensionat zurückfamen, waren beide Schuldigen schon zur Stelle und fragten ängstlich, wo Huguenette geblieben sei und in welcher Verfassung wir ihn verlassen hätten. Der Franzose tam zum abendlichen Tee; seine Augen blitzten lustig, doch sein Gesicht war ernst. Am Abend saßen wir, wie gewöhnlich, reihenweise an langen Tischen und lernten laut unsere Aufgaben, die Finger in die Ohren gesteckt. Ein schrecklicher Lärm herrschte in der Stube, und Monsieur Huguenette ging, streng und ganz bei der Sache, zwischen den Tischen hin und her, um zu wachen, daß kein Schabernack getrieben wurde. Erst spät am Abend, als alle schlafen gegangen waren und die Lampe ausgelöscht wurde, erscholl vom Lager des„ Wachthabenden", wo Huguenette schlief, verhaltenes Kichern. Dieser saß auf dem Bett, hielt sich den Bauch und wälzte sich fast vor Lachen.... Gegen das Ende meiner Schulzeit im Penfionat entschwand der gutmütige Franzose unserem Gesichtskreis. Man sagte, er sei irgendwohin gefahren, um sein Examen abzulegen. Ich war in der dritten Klasse des 14 Für unsere Kinder Gymnasiums, als ich einmal, zu Beginn des Schuljahrs, plötzlich an eine Gestalt anprallte, die Huguenette merkwürdig ähnlich sah, bloß daß sie bereits in einem blauen Professorenfrack steckte. Ich ging gerade mit einem Jungen, der gleichfalls von Rychlinski aufs Gymnasium gekommen war, und beide stürzten wir freudig dem alten Bekannten entgegen. ,, Monfieur Huguenette!... Monsieur Huguenette!..." Die Gestalt blieb stehen und maß uns mit einem offiziellen Blick von oben bis unten. Wir wurden beide verlegen und verstummten. " He? Was ist gefällig?" fragte der neue Lehrer, schritt, mit einem falten Blick uns streifend, weiter den Gang entlang, ohne sich umzudrehen, und schwenkte das Klassenbuch. " Ist er's nicht?" fragte mein Kamerad. Es stellte sich jedoch heraus, daß der neue Lehrer richtig Huguenette hieß, nur war man jetzt auf dem Gymnasium, einer offiziellen Anstalt, in der der lustige Franzose selbst offiziell geworden war. Ein zweites Mal begegnete ich ihm auf der Straße. Mein Herz schlug heftig. Ich dachte bei mir, daß Monsieur Huguenette wohl nur innerhalb des Gymnasiums streng und unGlänzten mir in das tiefste Herz. Dies zierliche und manierliche Wesen Satt' sich zu Gruft und Leichentuch, Das glänzende Papier erlesen, Darin ich las, ein dichterliches Buch; So ließ den Band ich aufgeschlagen Und sah erstaunt dem Sterben zu, Wie langsam, langsam ohne Klagen Das Tierlein tam zu seiner Ruh. Drei Tage ging es müd und matt Umher auf dem Papiere; Die Flügelein, von Seide fein, Sie glänzten alle viere. Um vierten Tage stand es still Gerade auf dem Wörtlein„ will!" Gar tapfer stand's auf selbem Raum, Sob je ein Füßchen wie im Traum; Am fünften Tage legt es sich, Doch noch am sechsten regt es sich, Am siebten endlich siegt der Tod, Da war zu Ende seine Not. Nun ruht im Buch sein leicht Gebein, Mög' uns sein Frieden eigen sein! 000 nahbar wäre, hier aber, auf der Straße, in Die Prinzessin auf dem Baum. alter Weise mit Scherz und Lachen antworten würde wie ein älterer Kamerad. Als wir an= einander waren, zog ich meine Schülermüze und blickte ihn voll Hoffnung und Erwartung an. Ich war sicher, daß er mich erkannt hatte. Doch sein Blick streifte nur über mein Gesicht, Huguenette tniff die Augen zusammen, er widerte talt meinen Gruß und wandte sich ab. Mein Herz schnürte sich so schmerzlich zu sammen, wie wenn ich einen nahestehenden und teuren Menschen verloren hätte.... 000 Die kleine Passion. Von Gottfried Keller. Der sonnige Duft, Oktoberluft, ( Fortsetzung statt Schluß.) ,, Väterchen," sagte die Prinzessin zutraulich, als der Zauberer zu Bette gegangen war, und traute ihm die struppigen Haare ,,, Väterchen, wie seid Ihr zu dem dreibeinigen Schimmel gekommen? Das ist ein prächtiges Pferd, ist flüger als ein Mensch und läuft schneller als der Wind."" Das will ich dir sagen, mein Töchterchen," sprach der alte Jäger und schmunzelte über sein garstiges Gesicht, denn das Krauen tat ihm wohl,„ den Schimmel habe ich mir in drei Tagen erworben."„ Kann sich jeder Mensch ein solches Pferd verdienen?" fragte die Prinzessin. Gewiß," antwortete der Jäger, wenn er flug ist, kann's ihm nicht fehlen. Ein Stündchen von hier im Walde " 1 Sie wehten ein Mücklein mir aufs Buch, wohnt eine Bauersfrau, das ist eine, arge Das suchte sich die Ruhegruft Und fern vom Wald sein Leichentuch. Vier Flügelein von Seiden fein Trug's auf dem Rücken zart, Drin man im Regenbogenschein Spielendes Licht gewahrt! Hellgrün das schlanke Leibchen war, Sellgrün der Füßchen dreifach Paar, Und auf dem Köpfchen wundersam Saß ein Federbüschchen stramm; Die Äuglein wie ein goldnes Erz Here. Sie besitzt die schönsten Pferde weit und breit; und wer ihre Fohlen drei Tage zu hüten vermag, der kann sich zur Belohnung das Pferd aussuchen, das ihm von allen Tieren im Stalle am besten gefällt. Vorzeiten gab sie auch noch zwölf Lämmer obendrein; mir hat sie dieselben aber nicht gegeben; so fam's, daß die zwölf Wölfe, die in dem Walde wohnen, als ich mit meinem Schimmel davonritt, auf mich los stürzten. Und da ich keine Lämmer hatte, die ich ihnen vorwerfen konnte, Für unsere Kinder so eilten sie meinem Schimmel nach, und ehe ich über die Grenze kam, die sie nicht über schreiten dürfen, hatten sie dem Tiere den rechten Fuß ausgerissen, und seitdem hat er drei Beine bis auf den heutigen Tag."„Wer nun aber die Fohlen nicht hüten kann, wie geht's dem?" fragte die Prinzessin.„Dem geht's schlecht," erwiderte der alte Jäger,„die Hexe schlägt ihm das Haupt ab und spießt es auf dem Zaune auf, der um das Gehöft geht; und da staken schon so viel Köpfe, daß sie bald einen neuen Zaun bauen muß, um sie alle unterzubringen." Jetzt wußte der Junge unter dem Bette genug; die Prinzessin hörte darum auf mit Frage», und sie schliefen alle drei die ganze Nacht hindurch. Am anderen Morgen, als der Jäger wieder in den Wald gegangen war, kroch der Junge unter dem Bett hervor, aß und trank mit der Prinzessin, und dann machte er sich auf den Weg nach dem Gehöft der Hexe, von dem der Jäger in der Nacht gesprochen hatte. Es dauerte auch gar nicht lange, so sah er den Zaun mit den Menschenköpfen vor sich, und nun wußte er Bescheid, daß er nicht irre ge gangen sei. Als er an dem Hoftor war, trat ihm auch schon die Hexe entgegen und sprach zu ihm:„Was willst du hier?"—„Deine Fohlen hüten!" antwortete der Junge.„Gut, ich will dich annehmen," sagte die Hexe,„und wenn du mit den Pferden jeden Abend hübsch pünktlich um acht Uhr zu Hause kommst, so darfst du dir nach drei Tagen das Pferd in meinem Stalle aussuchen, das dir am besten gefällt. Das soll dein Lohn sein! Kommst du aber später heim, so schlage ich dir das Haupt ab und stecke es auf den Staketenzaun."— „Das magst du tun," erwiderte der Junge, aber der Lohn ist mir nicht hoch genug. Ich verlange außer dem Pferde noch zwölf Läm mer obendrein."—„Das habe ich früher ge tan," antwortete die Hexe,„aber die Zeiten sind schlechter geworden, und die Pferdezucht wirft die zwölf Lämmer nicht ab."—„Dann hüte ich gar nicht," antwortete der Junge. Als die Hexe sah, daß er auf seinem Kopfe bestand, brummte sie:„Meinetwegen» bekom men wird er sie ja ebensowenig wie das Pferd," dann sprach sie laut:„Die Sache ist abgemacht, du sollst auch die zwölf Lämmer erhalten, und morgen früh treibst du meine zwölf Fohlen auf die Wiese." Und so tat der Junge auch. Am frühen Morgen, ehe die Sonne aufging, schwang er sich dem stärksten Füllen aus ven Rücken und ritt zur Wiese hinab, und es dauerte gerade eine halbe Stunde, bis er dort angelangt war. „Um halb acht mußt du wieder aufbrechen," dachte er bei sich, dann ließ er die Fohlen grasen und legte sich hinter einen Schlehen busch. um die schönen Sachen zu verzehren, die ihm die alte Hexe in den Korb gepackt hatte. Da war Weißbrot und Braten und Wurst, aber das Beste von allem war eine halbe Flasche Branntwein. Als er die an die Lippen gesetzt hatte und der erste Schluck die Kehl» hinabgelaufen war, da tat ihm der Trank so wohl, und er trank und trank, bis er den ganzen Branntwein ausgetrunken hatte. In den Branntwein hatte die alte Hexe aber einen Schlaftrunk gemischt, und so kam's, daß er in einen tiefen Schlaf verfiel. Nachdem er endlich wieder aufgewacht war, rieb er sich die Augen und sah sich um. Ja, da war von den Fohlen nichts mehr zu sehen, sie waren auf und davon gegangen, und er klagte und jammerte und schlug sich mit der Hand vor den Kopf. Endlich fiel ihm der Wolf ein:„Wenn du in Not bist, sollst du die drei Haare zwischen den Fingern reiben!" hat er dir gesagt! und damit zog er die Wolfs haare aus der Tasche hervor und rieb sie zwischen den Fingern. Sogleich stand der Wolf neben ihm und sprach:„Was ist dir, mein Junge, womit kann ich dir helfen?"—„Ach, mir sind meine Fohlen weggekommen," jam merte der Junge,„und wenn du mir nicht hilfst, lieber Wolf, so schlägt mir die alte Hexe heute abend den Kopf ab und steckt ihn auf den Stakelenzaun."—„Zehn Meilen sind die Fohlen schon gelaufen," antwortete der Wolf, „darum setz dich schnell auf meinen Rücken, und wenn ich sie eingeholt habe und ihnen vorgekommen bin, so schlage mit den drei Zäumen, die du in der Hand hast, drei Kreuze vor ihnen, und sie müssen stehen bleiben, als wären sie angewachsen." Da setzte er sich dem Wolf auf den Rücken, und der lief so schnell, daß dem Jungen die Haare nur so flogen. Es dauerte auch gar nicht lange, so hatte der Wolf den Fohlen einen Voriprung abgewon nen; der Junge schlug mit den Zäumen drei mal ein Kreuz, und sie konnten weder vor wärts noch rückwärts.„Nun reite mit ihnen nach Hause," sprach der Wolf,„du wirst noch beizeiten heimkommen." Das ließ sich der Junge nicht zweimal sagen, er schwang sich aus den Rücken des stärksten Füllens hinauf, und dann kehrte er mit ihnen im Trabe zur Wiese zurück und langte dort an, ehe die Glocke die siebente 16 Für unsere Kinder Stunde verkündet hatte. Dann ließ er die Tiere noch ein Weilchen abtrocknen und grasen, bis er sich um halb acht auf den Heimweg machte und zur rechten Zeit in das Gehöft zurückkehrte. " Die alte Here riß die Augen weit auf, als sie den Jungen mit den Fohlen zur rechten Zeit heimkehren sah; aber sie bezwang sich und reichte ihm freundlich die Hand und sprach: Du bist ein tüchtiger Hütejunge, du gefällst mir!" Dann führte sie ihn in die Stube und setzte ihm Speise und Trank vor; doch während er aß, lief sie in den Stall und bearbeitete die Fohlen mit dem Besenstiel. Konntet ihr ihm denn nicht entlaufen, ihr ungehorsamen Tiere," rief sie zornig." Wir sind zehn Meilen gelaufen," schrien die Füllen, er kam uns aber auf einem Wolfe nachgeritten und hat uns wieder zurückgebracht."-„ Ein Wolf?" sagte die Here verwundert, das ist etwas anderes; da müssen wir schon ein stärkeres Mittel gebrauchen." Und am anderen Morgen gab sie dem Jungen die Flasche, drei Viertel mit Branntwein gefüllt, mit auf den Weg. Der mundete ihm wieder so köstlich und tat ihm im Herzen so wohl, daß er ihn mit einem Zuge austrant; dann sank er um und schlief unter dem Schlehdornbusch ein und rückte und rührte sich nicht. Als er endlich aufwachte, merkte er wohl, daß die Mittagszeit schon vorüber sei, und von seinen Fohlen war wiederum nichts mehr zu sehen. Diesmal besann er sich nicht lange. „ Gestern hat dir der Wolf geholfen; heute muß dich der Bär aus der Not retten," dachte er und rieb die Bärenhaare zwischen den Fingern. Und schon stand er vor ihm und sprach:" Was ist dir, mein Junge, und wo mit kann ich dir helfen?"" Hilf mir zu meinen Fohlen," antwortete der Junge. 3wanzig Meilen sind sie schon gelaufen," sprach der Bär, aber set dich geschwind auf meinen Rücken, daß wir sie einholen." Da stieg der Junge dem Bären auf den Rücken, und der Bär lief, daß die Haare seines Reiters in der Luft sausten, und er hörte nicht eher auf, als bis er den Fohlen einen Vorsprung abgewonnen hatte. Darauf schlug der Junge mit den drei Zäumen die Kreuze, und als sie stillstanden, schwang er sich auf sein Handpferd hinauf und ritt so schnell wie möglich zur Wiese zurück; aber so sehr er die Füllen auch laufen ließ, er konnte die Wiese vor halb acht nicht erreichen, so daß er stracks weiter reiten mußte, um noch zur Zeit in den Hof der Here zu gelangen. " „ Das nenn' ich mir einen Hirten," sagte die Alte freundlich, und doch war sie inwendig Gift und Galle, jetzt komm nur herein und verzehr dein Abendbrot." Und als der Junge in der Stube saß und aß, lief sie wieder in den Stall hinab und hieb mit dem Besenstiel auf die Fohlen ein. Wir können nichts dafür," riefen die Fohlen und schrien vor Schmerz, wir sind zwanzig Meilen gelaufen, da kam er uns nach geritten auf einem Bären und hat uns wieder zurückgebracht." ,, Auf einem Bären?" sagte die Here, der Junge ist stärker als ich. Aber warte nur, morgen sollst du mir nicht entkommen." Den anderen Tag gab ihm die Here die ganze Flasche voll Branntwein mit auf den Weg, und der Junge bedankte sich noch bei der alten Here für das schöne Getränk. Und als der Junge auf der Wiese angelangt war, trank er die ganze Flasche in einem Zug aus und legte sich ins Gras und schlief fest ein und erwachte erst zur Nachmittagszeit wieder aus dem Schlafe. ,, Donner Sachsen! Hilft mir heute der Löwe nicht, so bin ich gewißlich verloren!" rief er erschrocken, zog die drei Löwenhaare eilends aus der Tasche hervor und rieb sie zwischen den Fingern. Alsbald stand der Löwe vor ihm und sprach:„ Nur rasch auf meinen Rücken hinauf, wir haben feine Zeit zu verlieren! Dreißig Meilen haben die Fohlen schon zurückgelegt;" und als der Junge sich auf ihn gesetzt hatte, lief er, wie der Sturmwind saust, und die Haare sausten und summten dem Jungen um den Kopf, und als die Sonne sich ihrem Untergang neigte, hatte der Löwe auch die Fohlen eingeholt und der Junge sie zum Stehen gebracht.„ So, nun spare Sporn und Peitsche nicht und laß sie laufen, was sie können, dann kommst du noch hin auf den Hof," rief der Löwe, und der, Junge tat, wie ihm geheißen war, und spornte sein Pferd, daß ihm das Blut aus den Weichen floß, und hieb auf die anderen Fohlen mit der Peitsche ein, daß die Fezen flogen, und langte ein Viertel vor acht auf der Wiese an. Da war an Ruhe und Rast nicht zu denken, er trieb die Füllen nur um so stärker an, und als die Glocke acht schlug, war er im Torweg, und die Flügel des Tores, welche die Alte zuwarf, hätten ihm beinahe die Fersen abgeschlagen. ( Schluß folgt.) Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Druck u.Berlag J.S.W.Diez Nachf. G.m.b.6. Stuttgart.