Für unsere Kinder Nr. 4ooooooo Beilage zur Gleichheit ooooooo 1914 Inhaltsverzeichnis: Krieg und Hunger. Von daß es zwischen den Hauswänden nur so schallte, Friedrich v. Logau.( Gedicht.) Belle lebt und hat es gut. Von Hans Aanrud. Vom Malbaum und seinen Ueberbleibseln. Von B. S. Herbstabend. Von Hermann Lingg.( Gedicht.) Das Schicksal. Von Awetis Aharonean.( Schluß.) Warum die Schildkröte einen kurzen Schwanz hat. Kreolenmärchen. Krieg und Hunger. Krieg und Hunger, Kriegs Gespan, Sind zwei ungezogne Brüder, Treten, was nur steht, danieder. Jener führet diesen an; Wenn mit Morden, Rauben, Brennen Jener schon genug getan, Lernt man diesen erst recht kennen: Denn er wird, wenn nichts mehr ist, Weder Mensch noch vieh zu fressen, So ergrimmt und so vermessen, Daß er gar den Bruder frißt. 000 warf einen finsteren Blick rückwärts und begegnete zwei Paar verschüchterten Augen, die sich verwirrt zwischen den Gebäuden umsahen. Es war gerade in der Mittagsrast und ganz still auf dem Hofe; in dem Sonnenrauch zwischen den vielen alten Häusern lag ein feiner Duft von frischgetrocknetem Heu. Es mag schon sein, daß du dich damals auf dem Stensethhofe nicht ausgekannt haben würdest und auch nicht ganz unten im Tal, denn dies ereignete sich vor ungefähr hundert Jahren. Der Fluß floß damals ebenso breit und blank unten im Talgrund wie heute, aber die flache Landstraße gab es freilich noch nicht, nur einen schmalen Weg, der die Hügel hinauf und herab durch jedes Gehöft hindurchlief, mit Gattern am Aus- und Eingang. Und das alte Hauptgebäude auf Stenseth steht wohl heute noch ebenso mauerfest, aber es hat eine neue Galerie bekommen, und weiter ist ein neues Friedrich v. Logau. weißgestrichenes Haus hinzugekommen; und der Kuhstall, die Scheune und der Pferdestall, die damals jedes für sich standen, sind jetzt alle unter einem Dache vereinigt, und an Stelle der drei kleinen Vorratshäuschen ist ein einziges großes gekommen; und wo jetzt die schnurgerade Pappelallee vom Hauptweg über Acker und Wiese zum Gehöft hinunterführt, war damals ein unwegsamer, mit Birken bewachsener Hang. Pelle lebt und hat es gut. Von Hans Aanrud. * Den langen steilen Hügel hinunter, über den der Dorfweg nach Stenseth hinabführt, das damals, wie noch heute, unten auf der Anhöhe lag und auf den Fluß hinabschaute, kamen drei Männer marschiert. Sie hatten Tornister auf dem Rücken und trugen eine Art Uniformen, aber die waren so zerrissen und verstaubt, daß man kaum sehen konnte, woraus sie gemacht waren. Die beiden, die vorneweg gingen, waren jung und hatten bartlose Gesichter und langes, glattes Haar, der eine ganz weißblondes; der dritte, der hinterdrein ging, war älter und dunkler, trug kurzes Haar und großen Knebelbart, und der hatte einen langen Säbel an der Seite und eine Pistole im Leibriemen den linken Arm trug er in der Binde. Als sie sich dem Gehöft näherten, sprang er vor, machte das Gatter auf, zog den Säbel, stellte sich voran und marschierte stramm mitten auf den Hofplatz. Dort kommandierte er Halt, * Aus dem schönen Buch: Hans Aanrud, Kroppzeug. Zwölf Geschichten von kleinen Menschen und Tieren. Verlag von Georg Merseburger, Leipzig. In dem Augenblick, als die drei haltmachten, fing ein Hund drinnen im Gang zu bellen an, und der Kopf eines Knaben kam in der offenen Tür des Holzschuppens zu Vorschein. Er fuhr jedoch schnell wieder zurück, als hätte er sich gebrannt. Das war Per, der Sohn des Bauern auf Stenseth; er war elf Jahre alt. Es hatte seinen guten Grund, daß Per den Kopf so rasch wieder zurückzog; er hatte nämlich diese Burschen erwartet, aber erst in einigen Tagen und freilich in ganz anderer Verfassung. Vor einer Woche war vom Generalquartiermeister selbst- demselben, der im Herbst vorigen Jahres einmal mit seinem Gefolge auf Stenseth im Nachtquartier gelegen hatte ein Gilbote ins Tal gekommen mit dem Befehl an den Bauern, er möge sich bereithalten, schwedische Kriegsgefangene ins Quartier zu 26 Für unsere Kinder nehmen; an andere hatte er den Befehl gebracht, Eßwaren ans Heer zu liefern. Nach Stenseth sollten Kriegsgefangene kommen, weil der Stenseth bereits früher ein Pferd gestellt, wie auch anderes geliefert hatte. Der Bote hatte auch Briefe mitgehabt von denen, die draußen im Felde lagen. Unter diesen war auch Pers Ohm. Er schrieb, es ginge ihm gut. Schweden hätte er bisher noch nicht gesehen; aber es sei knapp mit dem Essen. Vor kurzem hätten sie, zwanzig Mann start, auf Feldwache gestanden, drei Nächte und Tage, und den letzten Tag hätten sie Essen überhaupt nicht einmal zu sehen gekriegt. Darauf hätten sie jeder ein paar Maß Hafer bekommen. Den hätten sie auf großen Steinen zerquetscht ein feines Mahlen sei es nicht gerade geworden und das Mehl hätten sie mit Wasser zu ein paar großen Klumpen zu sammengerührt, darauf Feuer angemacht und die Mehlklumpen darübergelegt; aber sie hätten bloß den Geruch davon bekommen; denn im selben Augenblick wäre Alarm geschlagen worden, und als sie zurückgekommen, wären nur noch verkohlte Reste übrig gewesen; aber die hätten sie trotzdem gegessen. Als Pers Vater das gelesen hatte, fragte er sich hinter dem Ohr und ging eine Weile nachdenklich auf und ab. Dann sagte er plößlich: Sie taugen zu nichts, wenn sie hungern müssen, und darauf ging er und die Mutter ins Vorratshaus und nahmen allerlei Eßwaren hervor, schnürten ein tüchtiges Bündel zusammen und packten es dem Saumpferd auf. Er wollte ostwärts nach der Grenze zu ziehen, ste sollten doch jedenfalls eine ordentliche Mahlzeit bekommen, die Leute aus ihrer Gemeinde. Den Gaul wollte er dem Generalquartiermeister geben, sagte er, denn der hatte vergangenes Jahr im Herbst gesagt, es wäre auch knapp mit Pferden. Die folgenden Tage war viel über die Schweden geredet worden, die nach Stenseth fommen sollten, wie abscheulich und gefähr lich die wären, und wie schlimm es sei, daß der Mann fort wäre. Die Mägde getrauten sich nicht mehr allein im Sommerstall zu liegen. Und trotz allen Fragens konnte Per nicht aus der Mutter herauskriegen, was sie mit ihnen anfangen sollten; ob er und Knut Schmied, der Häusler, sie in den Holzschuppen einsperren und mit Knuts Büchse niederschießen sollten, wie sie es in den alten Tagen mit den Schotten gemacht hätten, oder ob sie sie draußen an der Wand festbinden und verhungern lassen sollten. Knut glaubte nämlich, sie würden mit auf den Rücken gebundenen Händen und großen eisernen Ketten an den Füßen kommen, und er gelobte sich selber, an den Holzschuppen eine Tür mit einem ordentlichen Riegel zu machen, damit sie gar nicht erst den Versuch unternahmen, durchzubrennen. Der Sicherheit halber hatte er seine eigene und Pers Art geschliffen und ein Fuchseisen eingeölt, das er draußen vor die Tür aufstellen wollte, wenn er und Per Wache hielten. Aber nun waren sie bereits da- und nicht in Ketten, und Per stand in dem offenen Holzschuppen und konnte nicht einmal in das Haus hineinkommen! Glücklicherweise war unter der einen Wand des Schuppens ein Loch, gerade so groß, daß er sich hindurchzwängen konnte! Er raffte eine Art auf, troch heraus und schlich sich eiligst in die Scheune hinauf, wo ein Riegel innen an der Tür war. Hier blieb er stehen und guckte durch ein Loch in der Tür hinaus. Die drei waren da stehen geblieben, wo sie haltgemacht hatten. Er sah, daß im Hause eine allgemeine Unruhe entstand, die Mägde guckten zu den Fenstern heraus und fuhren entsegt wieder zurück, und dort guckten Knut Schmied und der Dienstknecht aus der Knechtefammer, und da langte ein Arm heraus und raffte eine Art auf, die dort lag; darauf wurde die Tür zugeschmissen, und beide kamen am Guckloch zum Vorschein. Es dauerte eine lange Weile, und Per stand, den Atem anhaltend, da und wartete der Dinge, die da kommen sollen. Endlich sah er die Mutter auf die Treppe heraustreten ganz allein! Und sah er rechthatte sie nicht gar ihren Kopfputz auf, gerade als ob sie vornehme Gäste empfangen und ins Haus bitten wollte! Dort ging sie langsam auf sie zu und blieb stehen. Er hörte sie sagen: Der Hausvater ist verreist. Ich bin die Frau auf dem Hofe. Er, der Halt kommandiert hatte, grüßte mit dem Säbel und zog ein Papier hervor: Befehl vom Generalquartiermeister, für zwei Kriegsgefangene Quartier zu schaffen und ihre richtige Ablieferung zu bescheinigen. Sie nahm das Papier:" Ja, das ist sein Siegel. Ich werde mein Namenszeichen darunterſetzen." Er drehte sich zu den beiden anderen um: Von jetzt an habt ihr der Frau hier zu gehorchen und dem, den sie über euch setzen wird." Er steckte den Säbel in die Scheide. Für unsere Kinder Die Mutter ging nun ganz zu ihnen hin und gab jedem die Hand. Ja, hörte er recht, sie sagte sogar:„ Willkommen auf Stenseth!" und weiter:„ Nun kommt mit herein und eßt etwas; ihr scheint mir müde und hungrig zu sein." Die beiden jungen Leute sahen aus, als wären sie betäubt und könnten weder hören noch begreifen; aber er sah, daß dem einen, dem weißblonden, Tränen die Backen herunterliefen. Der mit dem Säbel mußte erst auf sie einreden, bis sie endlich begriffen, daß sie mit ins Haus kommen sollten. * * Als sie drin sein mochten, tam Per von der Scheune her angeschlichen, und Knut Schmied und der Knecht tamen aus der Knechtestube. Sie trugen noch immer jeder eine Art und gingen auf den Fußspizen und redeten ganz leife. Knut konnte das gar nicht verstehen! Solche Leute mit ins Haus zu bitten, als ob sie vor nehme Gäste wären! Der eine war ja Norweger und außerdem Unteroffizier, das war etwas anderes; aber diese Schweden! Sie mußte offenbar heute gar nicht wissen, was sie tat, die Mutter Stenseth! Das fonnte gefährlich werden; sie mußten sich jedenfalls bei der Tür aufhalten, es würde wohl bald der Bescheid kommen, sie sollten einrücken, sie packen und binden. Draußen auf dem Hofe wurde die Sache lebhaft erörtert, und das Erstaunen wurde größer und größer, je nachdem die Mägde aus und ein huschten und erzählten. Als sie bange gewesen waren und sich nicht hineingetraut hatten, um den Tisch zu decken, hatte Mutter Stenseth gesagt: ,, Du dumme Gans, das sind genau so gut Menschen wie wir." Und wie die Frau ihnen aufgetischt hatte! Das Allerbeste im Hause! Und wie die aßen ja, der Unteroffizier auch, als hätten sie noch nie etwas zu essen bekommen. Und der Jüngste aß, bis er am Tische einschlief! Als aber schließlich eine herauskam und erzählte, Mutter Stenseth hätte oben in der Schlafkammer für sie Betten herrichten lassen und ihnen frische Hemden von denen ihres Mannes gegeben und gesagt, sie könnten nun hinaufgehen und so lange schlafen, als sie Luft hätten, da wurde Knut Schmied so wütend, daß er seine Art hinschmiß und geradeswegs den Hof verließ. ( Schluß folgt.) 000 27 27 Vom Malbaum und seinen Cleberbleibseln. Gewiß haben schon manche von euch von dem festlich gezierten Maibaum gehört oder gelesen, um den in der Zeit, als der Großvater die Großmutter nahm, in Dörfern und Landstädtchen die jungen Burschen und Mädchen tanzten und althergebrachte fröhliche Spiele trieben. Ja, der und jener hat vielleicht solchen Maibaum noch in Thüringen, Bayern, Hessen oder einer anderen Gegend Deutschlands in einem abgelegenen Winkel gesehen. Viele freuen sich alljährlich auf die Maie, die gegen Pfingsten vom Vater aus dem Walde geholt oder in der bescheidenen Gestalt eines grünen Straußes vom Markte heimgebracht wird. Und wie oft zieht nicht ein buntgeschmückter, bewimpelter Richt- oder Hebebaum die Blicke auf sich, der hoch oben am fertigen Dachgestühl eines neuen Gebäudes in die Luft ragt. Maibaum und Richtbaum haben den gleichen Ursprung, der weit in der Vergangenheit zurückliegt, in Zeiten, wo das Christentum noch nicht entstanden war, wo die meisten der damals lebenden, uns bekann ten Völker Heiden waren. Nebenbei: wißt ihr, woher der Name Heiden stammt? Von der Heide. Der auf einsamer, weiter Heide wohnende Bauer hielt lange und zäh am Götterglauben der Vorfahren fest. Die zum Christentum befehrten germanischen Volksgenossen bezeichneten ihn deswegen als„ Heiden". Der alte Götterglaube war eben die Religion der Leute in der Heide. Auf einem ähnlichen Wege tamen die römischen Christen dazu, die Göttergläubigen pagani, das ist Landbewohner zu nennen. Der Ursprung beider Wörter weist darauf hin, daß das Christentum in seinen Anfängen überwiegend eine Religion der Stadtbewohner war, und zwar namentlich der ärmeren, gedrückten Stadtbewohner. Die alten germanischen Heiden lebten viel fester und inniger mit ihren Göttern verbunden als heute mancher fromme Christ mit seinem Gott. So viele Dinge um sich herum und in sich selbst konnten sie sich ohne den Willen und das Tun von Göttern, das heißt von Wesen, die stärkere Kräfte als sie besaßen, nicht erklären, so daß sie sich in größter Abhängigkeit von deren Macht fühlten. Dazu kam noch der Glaube, daß die Götter, die Geister der Vorfahren, in der unmittelbaren Nähe des Menschen wohnten, in seinem Hause womöglich, mindestens in der Ortschaft oder 28 Für unsere Kinder im Gau, wo sie ihre Gräber und Heiligtümer hatten. Tief eingewurzelt war daher in den Seelen unserer heidnischen Vorfahren die überzeugung, daß sie nicht das kleinste Ereignis festlich begehen konnten, ohne daß die Götter dabei waren und teil daran nahmen. Solche Gemeinsamkeit war der Wille der Menschen und der Götter. Sie war nicht möglich ohne einen Treff- und Mittelpunkt, an dem sich die Sippen, Gau- oder Volksgenossen sammelten, und diese Stelle mußte natürlich eine Wohnoder Besuchsstatt der Götter sein. Als das Christentum von seinen ersten Sendboten nach Deutschland getragen wurde, fanden die frommen Männer dort keine heidnischen Tempel vor, die durch Altäre und Kirchen ihres Gottes verdrängt werden sollten. Aber auf den Malplätzen, die die Sippen in den Dörfern, die Stammesgenossen auf Bergen und in Hainen hatten, da grünte lustig der Götterbaum, ein Wahrzeichen des alten heidnischen Glaubens. Diesen Baum zu fällen, hatte für die Apostel des Christentums unter den germanischen Völkerschaften die gleiche Schon in vorchristlicher Zeit, Jahrhunderte Bedeutung wie die Zerstörung eines heidnischen vor der Völkerwanderung drangen westliche Tempels in Rom, Griechenland und Kleinund südliche germanische Völkerschaften bis asien. Es war ein Zeichen des Sieges, des an die römische Grenze vor. Hier stießen sie neuen Gottes. Wenn Mönche an einen Malauf eine überlegene Macht, so daß sie zurück- baum die Art legen konnten, ohne daß, der gestaut wurden und sich zusammendrängen Götter Strafe solchen Frevel ereilte, so mußte mußten. Die Sorge für den Lebensunterhalt gewiß der neue Gott stärker sein als die biszwang fie, ihr früheres Nomadenleben als her verehrten überirdischen Mächte. So wenig Hirten und Jäger aufzugeben und danach zu stens erschienen die Dinge den Augen unserer trachten, durch Ackerbau dem Boden mehr einfachen rauhen Vorfahren. Man erinnere Früchte abzugewinnen. Nun, da eine ganze sich an die Legende, wie Bonifazius die heiSippe ein größerer Kreis von Bluts- lige Hesseneiche fällt. Mit dem Götterbaum verwandten in einem Dorfe beisammen hofften die christlichen Apostel auch den alten wohnten, pflanzten sie in jedem Orte ein Götterglauben auszurotten, die heidnischen lebendes Göttermal für die Sippengeister auf: Bräuche zu bannen, durch die die Germanen die Dorflinde. Das Wort Linde soll von trotz ihrer Bekehrung zum Christentum noch „ lint" stammen, der Wurm, die Schlange. lange mit der Vergangenheit verbunden blieben. Die alten Germanen wähnten, wie viele Aber wie aus den Wurzeln des niedergeworandere Völkerschaften niedriger Kulturstufen fenen Heiligtums junge Reiser emporsproßten, glaubten und noch heute glauben, daß Geister so hat auch die Dorflinde weiter durch die und Götter ganz besonders gern die Gestalt Jahrhunderte gegrünt, wenngleich in den einer Schlange annehmen. Sie hätten daher meisten Orten niemand mehr wußte, welch dem Geisterbaum im Dorfe den Namen Linde große Bedeutung der Baum einst gehabt gegeben. Sehr oft war es eine Linde, manch- hatte. Auf diese uralte heilige Bedeutung weist mal fonnte es auch eine Erle oder Ulme sein. es hin, daß es Orte gab- vielleicht gibt es Im Westen nahmen die germanischen Stämme deren jetzt noch-, wo jedes Jahr ein neuer als Sippenmal des Dorfes gern eine Eiche, Baum" errichtet wurde, der freilich zum die dann staleke hieß, daß bedeutet Grab- bloßen Pfahl geworden war. Als sich allmähplatzeiche oder Malplazeiche. Unter den Asten lich das Christentum befestigt hatte, vermischte des heiligen Baumes fühlten sich die Sippen- sich der christliche Glaube und Brauch mit genossen in der Gesellschaft der von ihnen dem altheidnischen Sinne des Pfahls. So verehrten Geister der Ahnen, der Götter. Hier kam es, daß er hie und da der Kreuzbaum opferten und dankten sie diesen, hier erflehten genannt wurde. Allein den heidnischen Ursie ihren Beistand, ihre Gunst, hier feierten sprung kann man noch an dem Hahn erkennen, sie fröhliche Feste und beschworen sie Eide. der oft auf seiner Spitze thront. Der Hahn Der altgermanische Geisterbaum, Malbaum, war bei den alten Kelten, Germanen und hat sich als Maibaum und in mancherlei Slawen ein Geistertier, ebenso bei den Römern, anderer Gestalt bis in unsere Zeiten erhalten wie auch aus der Legende hervorgeht, die und mit ihm Bräuche, die im Verlauf langer vor Petri Verleugnung Christi den Hahn Jahrhunderte in seinem Schatten erwachsen dreimal frähen läßt. Auch wurde die Dorfsind. Die ursprüngliche Bedeutung des Baumes linde gern in die Nachbarschaft der Kirche geaber und der alten Bräuche ist zum Teil ver- pflanzt, oft sogar auf den Kirchhof selbst, den gessen worden. alten Malplatz, wo einst unsere Vorfahren in " Für unsere Kinder 29 Anwesenheit ihrer Götter ihre Feste zu feiern| Festbaum den Namen der Maie oder auch der und wichtige Beschlüsse zu bekräftigen pfleg- Pfingstmaie. Als Maie gaben unsere Vorten, und den das Christentum durch die Er- fahren der Birke den Vorzug, deren früh und richtung einer Kapelle oder Kirche neu ge- schön grünende schlanke, bewegliche Zweige heiligt hat. In katholischen Gegenden ist der Baum manchmal durch ein Heiligen- oder Muttergottesbild ausgezeichnet, in dem ohne Wissen der alte heidnische Sinn zum Ausdruck tommt. Die Dorflinde und der Kreuzbaum sind noch heute Zeugen vieler abergläubischen Bräuche, von denen die meisten in grauer heidnischer Vorzeit entstanden sind, wenn sie auch vielleicht mit der Anrufung des christlichen dreieinigen Gottes, der Kirchenheiligen, Jesu Blut usw. verbrämt werden. Dort werden Krankheiten besprochen", Heren und böse Geister gebannt", Liebeszaubereien„ festgemacht“ und anderes mehr. Jedoch auch im öffentlichen Leben des Dorfes spielen die überlebsel des Maibaums eine gewisse Rolle. Um sie finden nach alter Weise ernste Beratungen statt, tollt aber auch die Lust fröhlicher Spiele. In manchen Gegenden besteht noch der Brauch, daß die dorffremde Braut bei ihrem Einzug in die neue Heimatgemeinde um die Dorflinde geführt wird. Durch diese Weihehandlung sollte sie nach heidnischem Glauben den Dorfgottheiten empfohlen werden, wie für die Braut die Gunst der Familien- und Hausgötter erfleht wurde, indem man sie im neuen Heim um den Herd geleitete, ums„ Hel", wo ursprünglich die Vorfahren begraben lagen und daher ihre Geister wohnten. wie den Menschen so auch den Göttern gefallen mußten. Doch kamen auch andere aussproffsende Laubbäume als Maien zur Verwendung, ja, wo es zur Festzeit daran fehlte, selbst Nadelbäume. Das letztere war zum Beispiel dort der Fall, wo der Malbaum als Osterbaum" schon zu Ostern gesetzt wurde. ( Schluß folgt.) 000 Herbstabend. Durchs Stoppelfeld auf Nebelstreifen Weht traurig kalt novemberwind; Dort wankt am Wald mit Reisighäufen Ein armes Weib und führt ihr Kind. Dort sucht man die vergeßne Traube, Dort pflückt man Schleh und Hagebutt. Im Hofe pickt die wilde Taube Ein Körnchen noch aus Stroh und Schutt. Und hier, gebeugt auf müden Füßen, Kehrt einer heim, arm und allein, Um noch zum letztenmal zu grüßen Die letzte Seele, die noch sein. 000 Das Schicksal. Bon Awetis Aharonean. Der Kurde näherte sich mir. Hermann Lingg. ( Schluß.) In diesen Tagen und an diesem Platze sich zu zeigen, sagte er, würde kein Armenier den Mut finden. Du scheinst mir keine gute Frucht. Wer bist du? Wohin gehst du? Kurde, sagte ich, die Zeiten sind schlecht ge= worden, aber vergiß nicht, daß wir Nachbarn sind. Ich sage dir als Nachbar, daß ich aus Chnt bin, bei uns ist Hungersnot, das weißt du doch. Ich gehe nach Derdschan,* um für meine Kinder etwas Brot zu kaufen. Laß mich ruhig weiterziehen. Der alte germanische Glaube von der Bedeutung des Malbaums- ja der Bäume überhaupt als bevorzugte Wohnstätten von Geistern und Göttern lebt noch in der Neigung der Deutschen weiter, bei festlichen Ereignissen einen Baum dabei zu haben. Sogar wenn das Fest im Zimmer gefeiert werden muß, wie zu Weihnachten, darf der Baum nicht fehlen. Der übliche Blumenstock für das Geburtstagskind ist eine verkleinerte Ausgabe des Baumes. Für die große Frühlings- und Frühsommerfestzeit unserer Altvordern war natürlich die Aufrichtung eines Festbaums von größter Bedeutung. Der Zeitpunkt dafür war verschieden, Kurde, du hast auch einen Gott; wie du er richtete sich nach der Natur der Gegend. siehst, habe ich keine Waffe bei mir, kein Messer Dort, wo zeitig im Jahre linde Frühlingslüfte in meiner Tasche. Und wenn ich zur wilden die Zweige mit zartem Grün bedeckten, wurde der Festbaum oft schon gegen Ostern errichtet. Im Norden, wo die Bäume spät ausschlagen, pflanzte man den Malbaum am ersten Mai oder gegen Pfingsten auf. Daher erhielt der Nein, Armenier, du kannst mich nicht betrügen, du bist keine gute Frucht. Bestie würde, was könnte ich mit zwei Händen anfangen? Ich bitte dich, laß mich weitergehen. Geh vor mir her, ich werde dich dem Gendarmerieoberst übergeben. * Stadt in der Provinz Erzerum. Für unsere Kinder Dem Gcndarmerieoberst! Das war schon entsetzlich, weil sie uns bereits seit langer Zeit suchten. Kurde, bringe mich nicht zum Gendarmerie oberst. Wenn mir auch von ihm keine Ge fahr vroht, so werde ich mich doch verspäten. Meine Kinder sind elend, sie sterben vor Hunger. Um Gottes willen, Kurde, Bruder, Nachbar, laß mich gehen.— Der Kurde blieb unerbitt lich. Es ist mein Schicksal, dachte ich, und mit gesenktem Kopf ging ich voran. Was sollte ich auch tun? Er hatte die Gewalt. Die Flinte war auf seiner Schulter, der Dolch im Gürtel, das Schwert an seiner Seite. Was konnte ich mit meinen zwei Händen anfangen? Es war mein Schicksal. Wir gingen weiter. Ringsum war alles schön, die Sonne klar, der Himmel hell, die Berge grün, die Blumen voll Duft, in der Luft schwirrende Vögel, überall Leben und Lust. Oben, sehr hoch in der Luft, schwebte ein Kranich, frei und kühn. Ich weiß nicht, warum ich, die ganze Schreck lichkeit meines Geschickes vergessend, auf diesen Vogel blickte, starr und lange. Beneidete ich ihn vielleicht? Oder war es etwas anderes, das mich fesselte; ich wußte es nicht, aber ich blickte hin. Lange schwebte der Kranich umher, plötzlich fing er an, Stöße machend, herabzufliegen, und mit pfeilschnellem Schlag stürzte er sich auf einen Hügel, der ganz in unserer Nähe war. Dort kroch eine Schlange, die der Kranich bemerkt halte. Das Tier krümmte sich vor dem Flügelschlag des Vogels zusammen und versteckte seinen Kopf unter den Ringen seines Körpers. Es begann ein heftiger Kampf. Wir blieben beide stehen. Siehst du, sagte der Kurde, der Armenier ist wie eine Schlange, und man muß ihn so erdrücken. Ich antwortete nicht, ich sah nur hin. Der Kranich stieg herunter, schlug mit dem Schnabel nach der Schlange und ging über sie weg. Die Schlange benutzte die Zeit und bemühte sich zu fliehen, aber kaum hatte sie einige Be wegungen gemacht, so flog der schreckliche Feind wieder über ihrem Kopf. Die Schlange rollte sich wieder zusammen und verbarg wieder den Kopf. Der Kurde hatte recht. Zwischen dem Geschick der Schlange und dem meinen be stand große Ähnlichkeit. Die Schlange hat auch ihr Schicksal erreicht, sie findet keine Rettung mehr, dachte ich. Dieser Gedanke tröstete mich sogar ein wenig. Allmählich wurde der Kranich kühner, seine Schläge wurden häufiger und gefährlicher. Schließlich hielt er die Schlange für genügend geschwächt, er stieg von ihr herab, und um sie herumgehend versetzte er ihr mit seinem langen Schnabel die letzten Stöße. Die Schlange hielt andauernd den Kopf verborgen und fuhr fort, sich anscheinend sehr schwach zu verteidigen. Der Kranich war jetzt ganz nahe bei ihr. Plötzlich aber geschah etwas Merkwürdiges. Das halbtote Tier raffte seine letzten Kräfte zusammen, steckte den Kopf heraus, öffnete seine Ringe, schnellte sich auf dem Schwanz empor, streckte sich wie ein Stab, und mit seinen tod bringenden Ringen umschlang es den Hals des Kranichs. Vergebens waren alle Bemühungen des Vogels, seinen Hals aus den tötenden Ringen herauszuziehen. Er schlug mit den Flügeln, rieb mit dem Schnabel die Erde, er zerrte nach rückwärts, ging wieder vorwärts, rollte sich über die Erde und versuchte, wieder auszustehen, zu fliegen, zu entfliehen— ver gebliches Bemühen. Die verzweifelte Wut der Schlange war furchtbar. Ihre Ringe preßten und preßten zusammen, und endlich streckte sich der Vogel leblos auf dem Rand des Hügels aus. Die Schlange zog sich zurück und verschwand. Der Kurde schwieg jetzt. Er sah mich an, unsere Augen begegneten sich, und einige Se kunden lang waren wir unfähig, den Blick voneinander abzuwende». Jeder von uns be mühte sich zu verstehen, was sein Gegner in diesem Augenblick dachte. Es war kein Zweifel, daß die in unser beider Gehirn brütenden Ge danken furchtbar waren. Das verstanden wir, das lasen wir gegenseitig in unseren Augen. Sind die Augen nicht die unwillkürlichen Ver räter unseres Gedankens? Ich verstand, daß diese Bestie, über den unerwarteten Sieg der Schlange erbost, beschlossen hatte, mich zu töten. Das las ich sehr gut in seinen Augen, deren Ausdruck jetzt noch boshafter war. O, ich ver stand die Augen des Kurden. Aber auch ich überlegte. Der Kampf zwischen der Schlange und dem Kranich hatte auch in mir eine Um wandlung hervorgebracht. Ich hatte noch nie gehört, daß eine Schlange imstande sei, einen Kranich zu erwürgen. Es ist bekannt, daß der Kranich der todbringende Feind der Schlange, ihr verkörpertes Schicksal ist. Wie geschah es nur, daß heute dieses Schicksal sich nicht er füllte? Wurde nicht einmal ein so ekelhaftes Tier wie die Schlange ungerechterweise ein Opfer des Kranichs, sollte dann mein Schicksal durch diesen Kurden bestimmt werden? Nein, das Schicksal ist ein Irrtum, dachte ich. Ich muß einen Ausweg suche». Für unsere Kinder 31 Und ich fing an nachzudenken, lange, lange.| gend dieses furchtbare Werkzeug, das in der Ich suchte nach einem Mittel, aber was blieb schwachen Hand des Menschen den verwickelten mir! Nicht einmal ein Messer hatte ich. In Knoten des Schicksals gelöst hatte. Der kleine diesem Augenblick fiel mein Auge auf den unbedeutende, elende Chai war in aller Augen hübschen Dolch des Kurden, den er in seinen zum Helden geworden. Er war ein Riese, er Gürtel gesteckt hatte. Ach, wenn der wenig- herrschte über sein Schicksal. Er spottete darstens in meiner Hand wäre, nur der! über. Und er hatte recht. Geh, schrie der Kurde, was bleibst du stehen? Ich bewegte mich vorwärts. Wir traten in eine Schlucht ein, in eine öde, menschenleere Schlucht. Der Kurde fing an umherzuschauen, feine Bewegungen wurden unruhig. Es scheint, daß auch der übeltäter im entscheidenden Augenblick vor seinem Opfer wohl zittern kann. Er nahm häufig das Gewehr von der Schulter und warf es wieder über. Ich fühlte, daß mein Ende nahe war, aber ich wollte nicht mehr sterben. Wenn die Schlange ein Recht hat zu leben, dann kann der Mensch nicht jenes Rechts beraubt sein. Ich verlangsamte allmählich meine Schritte. Ich durfte auf feinen Fall vor dem Kurden bleiben, das war gefährlich. Schnell, schnell, geh, drängte der Kurde. Er bemühte sich beständig, daß ich vor ihm bliebe; das war klar. Ich aber bemühte mich, mit ihm gleichen Schritt zu halten. Wir schienen uns beide zu verstehen, wir kämpften schweigend einen Kampf um Leben und Tod, der besonders furchtbar war durch seine tückische Heimlichkeit. Ich blieb plötzlich stehen, denn ich mußte meinen Sandalenriemen befestigen. Der Kurde trat neben mich und blieb gleichfalls stehen. Ich beobachtete, ohne den Kopf zu erheben, von unten seine Stellung. Er stand aufgerichtet an meiner rechten Seite, der weiße Griff des Dolches leuchtete aus dem Gürtel hervor. Mach schnell, daß du zu Ende kommst, Armenier, rief er zornig, als er meine Langsamfeit bemerkte. Ich hob plötzlich den Kopf empor, riß im Augenblick den Dolch aus dem Gürtel des Kurden, und bevor er erstarrt und erschreckt einen Versuch machte, sich zu verteidigen, stieß ich den leuchtenden Stahl mit furchtbarer Gewalt bis zum Griff in seine Brust hinein. Einen Augenblick brüllte er auf, dann stürzte er zu Boden. Ich war gerettet. Und dies hier ist der Dolch, der mich rettete." " Ich glaube nicht an das Schicksal," wiederholte der Chai, dieses Mal in stolzer Haltung, aber seine Worte brachten jetzt weder Lachen noch Zorn hervor, sondern Achtung und Gedanken, Gedanken, erlösende Gedanken, be freiende, heilige Gedanken. Der Chai nahm seinen Dolch wieder auf, steckte ihn in den Gürtel und ging hinaus. Die anderen blieben stumm. Draußen heulte der Wind weiter, aber er erzählte nicht mehr von der starken Macht des Schicksals. Unter den mannigfachen Klängen des Windes unterschieden die Menschen jetzt Stimmen, die unaufhörlich„ Rache, Rache!" riefen. 000 Warum die Schildkröte einen furzen Schwanz hat. Kreolenmärchen aus Louisiana in Nordamerika. Eines Morgens ganz früh stand das Kaninchen auf und verspürte einen Hunger, daß ihm der Magen knurrte. Es durchsuchte seine Wohnung nach allen Richtungen, fand aber nichts zu essen. Da machte sich's auf, zur Gevatterin Hyäne zu gehen, und als es bei ihr ankam, knabberte diese gerade an einem Knochen. " Holla, Gevatterin, ich wollte mit dir früh stücken, ich sehe aber, du hast nichts Besonderes, was du mir vorsetzen könntest." ,, Die Zeiten sind jetzt schlecht, Gevatter Kaninchen, ich habe nichts Eßbares mehr in meiner Wohnung, bloß dieser Knochen hier ist noch übrig." Das Kaninchen überlegte eine Weile. ,, Nun wohl, Gevatterin Hyäne, wenn du Lust hast, wollen wir auf die Jagd nach Schildtröteneiern gehen." " Topp, gehen wir sogleich!" Die Hyäne nahm Korb und Hacke, und so gingen sie den Fluß entlang zum Walde. ,, Gevatter Kaninchen, ich gehe nicht oft auf die Schildkröteneierjagd, ich weiß sie nicht wesenden hin. Vor der Lampe warf die leuch- recht zu finden." Der Chai zog aus seinem Gürtel einen Dolch mit Elfenbeingriff und legte ihn vor die An" tende Klinge einen talten Strahl. Alle waren„ Sei ohne Sorge, Gevatterin, ich werde auf die Knie gesunken und betrachteten schwei- jedesmal die Stellen ausfindig machen, wo 32 Für unsere Kinder die Schildkröten ihre Gier hinlegen, und du wirst sie dann ausgraben." Als sie an die Ebene des Flusses kamen, fing das Kaninchen an, langsam zu gehen und aufmerksam bald hierhin, bald dorthin zu blicken. Plötzlich blieb es stehen. ,, Gevatterin Hyäne, die Schildkröte hält sich für sehr schlau. Sie scharrt die Erde mit ihren Pfoten weg und legt ihre Eter in das Loch, dann tut sie etwas Sand darauf, und zuletzt verstreut sie ein paar Blätter über dem Nest. Siehst du diesen Erdhaufen? Nimm die Blätter ab und grabe mit deiner Hacke, du wirst hier sicherlich Eier finden.".. Die Hyäne tat nach des Kaninchens Geheiß, und bald sahen sie eine Menge Gier in der Höhlung glänzen. ,, Gevatter," sagte die Hyäne,„ du bist viel schlauer als ich, es behagt mir wohl, dich zum Freund zu haben." Das Kaninchen teilte die Eier, gab der Hyäne die Hälfte und sprach:„ Ich habe jetzt großen Hunger und will meine Eier gleich essen." " Wie du willst, Gevatter! Ich will die meinigen zu meiner Frau tragen und sie tochen lassen." Sie gingen noch ein gutes Stück und fanden viele Eier. Das Kaninchen aß seinen Anteil immer gleich auf; die Hyäne mochte keine rohen Gier, darum tat sie sie alle in ihren Korb. ,, Gevatterin," sagte das Kaninchen,„ ich werde müde, ich glaube, es ist jetzt Zeit, nach Hause zu gehen." „ Ich habe auch genug Gier für heute, Gevatter, kehren wir also um!" Während sie nun so gingen, dachte das Kaninchen bei sich: „ Die Hyäne kann keine Schildkröteneier finden, ich habe sie allein gefunden, darum gehören sie mir. Ich muß nachdenken, wie ich sie mir wieder verschaffe." Schon waren sie beinahe zu Hause, da sagte das Kaninchen: ,, Gevatterin, ich habe vergessen, meiner alten Mutter Gier mitzubringen. Du könntest mir wohl ein Dutzend leihen, ich werde sie dir ein andermal wieder geben." Die Hyäne gab ihm ein Dutzend Eier, und ste trennten sich. Das Kaninchen legte das Dutzend in seine Hütte, dann ging es wieder zur Hyäne. Und als es in der Nähe ihrer Wohnung war, fing es an zu klagen und sich den Leib zu halten. Die Hyäne kam heraus. ,, Was hast du, Gevatter? Es sieht aus, als ob es dir nicht gut ginge." ,, Ach, Gevatterin, die Schildkröteneier haben mich vergiftet. Ich bitte dich, hole schnell den Arzt." „ Ich laufe, so schnell ich kann, Gevatter!" Sobald die Hyäne fort war, ging das Kaninchen in die Küche und begann die Eier zu essen. ,, Gott sei Dank, ich kann mich heute tüchtig vollstopfen, der Arzt wohnt weit, da habe ich Zeit, alles aufzuessen, ehe sie kommen." Als es beinahe fertig war, hörte es die Hyäne draußen sagen: " ,, Es freut mich sehr, Doktor Meerkaze, daß ich Sie unterwegs getroffen habe, mein Freund ist sehr krant." Da galt es keine Zeit zu verlieren, das Raninchen öffnete das Fenster und sprang hinaus. Die Hyäne tam nun in ihre Hütte, doch sah sie das Kaninchen nicht. Sie ging in die Küche, da lagen die Eierschalen verstreut umher. Das Kaninchen hatte sich schon in Sicherheit gebracht. Gevatterin Hyäne raufte sich die Haare, so außer sich war sie. Dann lief sie gleich dem Kaninchen nach. Das hatte aber so entsetzlich viel gegessen, daß es nicht schnell laufen konnte. Als es sah, daß die Hyäne ihm zu nahe auf den Fersen war, verkroch es sich in ein Baumloch. Da rief die Hyäne die Schildkröte an, die gerade des Wegs daherkam. ,, Gevatterin Schildkröte, ich bitte dich, bemache das Kaninchen, das mir alle meine Eier gestohlen hat. Ich hole unterdessen meine Hacke, um den Baum umzuhacken." „ Geh nur schnell, Gevatterin, ich werde den Schelm schon bewachen." Als die Hyäne fort war, sagte das Kaninchen: " Gevatterin Schildkröte, sieh in dies Loch, ob ich Eier darin habe." Die Schildkröte sah hinein, da warf ihr das Kaninchen vermodertes Holz in die Augen. Schnell lief die Schildkröte zum Flusse, um sich die Augen auszuwaschen, aber unterdes entschlüpfte das Kaninchen. Und als die Hyäne tam, um den Baum zu fällen, sah sie, daß das Kaninchen schon entflohen war. Da wurde sie so zornig, daß sie zur Schildkröte an den Fluß ging und ihr mit der Art den Schwanz abhackte. Darum ist auch bis heute der Schwanz der Schildkröte so kurz. Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe. Post Degerloch bet Stuttgart. Druck u.Berlag J.H.W.Dtez Nachf. G.m.b.s. Stuttgart.