Für unsere Kinder Nr. 6 o o o o o o o Beilage zur Gleichheit 0000000 l9l4 Inhaltsverzeichnis: Der arine iinabc auf Frank- rnchs Königsthron. Bon H. C. Andersen.— Malco Falcone. Eine Erzählung aus Korsika. Bon Prosper M4rimee.— Früh enttäuscht. Bon E. Bcrhaeren. (Gedicht.)— Doltor Faust, der weitbeschrienc Zauberer und Schwarzkünstler. Puppenspiel in drei Aufzügen.(Forts.)— Urmenschen. Bon Roland. — Die fünf HandwcrkSburschen auf Reisen. Der arme Knabe auf Frankreichs Königsthron. Gestern, sagte der Mond, sah ich herab aus das bewegliche Paris, meine Blicke drangen in die Gemächer des Louvre hinein. Eine alte Großmutter in ärmlicher Kleidung— sie ge hörte zum niederen Volke— folgte einem unter geordneten Bedienten in den großen, leeren Thronsaal; den wollte sie sehen, mußte sie sehen. Es hatte sie viele kleine Opfer, viele gute Worte gekostet, bevor sie hineingekom men war. Sie faltete die mageren Hände und sah feierlich um sich, als stände sie in einer Kirche. „Hier war es," sagte sie,„hier!" Und sie näherte sich dem Throne, von dem der reiche, goldverbrämte Samt herabhing.„Hier," sagte sie,„hier!" und sie beugte ihre Knie und küßte den Purpur, ich glaube, sie weinte. „Es war nicht dieser Samt," sagte der Be diente, und ein Lächeln spielte um seinen Mund. „Aber hier war es doch!" sagte die Frau, „so sah es hier aus!" „So," antwortete er,„und doch nicht so; die Fenster waren zerschlagen, die Türen auf gerissen, und Blut floß aus dem Fußboden. Sie kann doch sagen: mein Enkel ist gestorben auf Frankreichs Thron!" „Gestorben," wiederholte die alte Frau. Ich glaube nicht, daß mehr gesprochen wurde, sie verließen auch bald de» Saal, die Abenddämmerung verglühte, und mein Licht strahlte doppelt klar auf den reichen Samt auf Frankreichs Königsthron. Wer, glaubst du, war die alte Frau? Ich will dir eine Geschichte erzählen: Es war in der Julirevolution am glän zendsten. Siegestag gegen Abend, da jedes Haus eine Festung, jedes Fenster eine Schanze war. Das Volk stürmte die Tuilerien. Selbst Weiber und Kinder stritten mit unter den Kämpsenden und drangen durch die Gemächer und Säle. Ein ärmlicher, halbwüchsiger Knabe, in Lumpen gehüllt, focht mutig mit unter den älteren Kriegern; von mehreren Bajonettstichen tödlich verwundet, sank er zur Erde. Das geschah im Thronsaal, man legte den Blutenden auf Frankreichs Thron und hüllte den Samt um seine Wunden, das Blut strömte über den königlichen Purpur. Das war ein Bild: der prächtige Saal, die kämpfenden Gruppen! Eine zerbrochene Fahne lag auf dem Boden, die Trikolore wehte über den Bajonetten, und auf dem Throne lag der arme Knabe mit den: bleichen, verklärten Antlitz, die Augen gen Himmel gerichtet, während die Glieder sich im Tode zusammenkrampften. Seine nackte Brust, seine ärmliche Kleidung waren halb bedeckt von den, reichen Samt behang mit den Silberlilien. Es war geweissagt worden an des Knaben Wiege: Er wird auf Frankreichs Königsthron sterben! Das Mutterherz hatte von einem neuen Napoleon geträumt. Meine Strahlen haben den Jmmortellen- kranz auf seinem Grabe geküßt, sie küßten nachts die Stirn der alten Großmutter, als sie im Traume das Bild sah, das du hier zeichnen kannst: Der arme Knabe auf Frank reichs Königsthron! H.«.«ndersen. 0 0 0 Mateo Falcone. Tins Erzählung aus Korsika. Van Prosper Mörimöe. Wanderst du von Porto Vecchio aus nord- westwärts ins Innere der Insel, so steigt der Weg ziemlich jäh an, und nach dreistündigem Marsch auf gewundenen Pfaden, die dich über mächtige Felstrümmer und ab und zu über Schluchten führen, stehst du am Saume eines weitausgedehnten Maquis. Der Maquis ist die Heimat der korsischen Hirten und all derer, die mit dem Gesetz auf gespanntem Fuße stehen. Du mußt wissen, daß der korsische Bauer, um die Mühe zu sparen, das Feld zu düngen, an eine Strecke Wald Feuer legt: Wen kümmert's. wenn die Flamme sich weiter ausbreitet als nötig. Auf alle Fälle ist der Bauer sicher, eine gute Ernte zu erzielen, wenn er auf diesem 42 Für unsere Kinder durch die Asche der Pflanzen befruchteten| war, wenig glaubwürdig finden wird. Auf Boden die Saat ausstreut. Nachdem die Ahren 80 Schritt stellte man eine brennende Kerze eingesammelt sind das Stroh läßt man hinter einem durchscheinenden Stück Papier liegen, es einzubringen, würde ja Mühe von der Größe eines Tellers auf. Mateo legte tosten treiben die Wurzeln, die im Boden an, man blies das Licht aus und nach einer vom Feuer unversehrt zurückgeblieben sind, Minute drückte er in völliger Dunkelheit ab im nächsten Frühjahr starke Schößlinge, die und traf das Papier unter vier Malen bein wenigen Jahren eine Höhe von zwei bis stimmt dreimal. zweieinhalb Meter erreichen. Das bufchartige Dickicht, das so entsteht, heißt Maquis. Bäume und Sträucher verschiedener Art wuchern da engverschlungen und in wirrem Durcheinander, wie es Gott gefällt. Nur mit der Art in der Hand vermag sich der Mensch hier einen Weg zu bahnen, und manche Maquis bilden ein 10 dichtes stacheliges Gestrüpp, daß selbst das wilde Schat nicht hineindringen kann. Mit solch hervorragenden Eigenschaften erwarb sich Mateo Falcone einen großen Ruf. Er war als zuverlässiger Freund ebenso gesucht, wie als gefährlicher Feind gefürchtet. Als gefälliger und freigebiger Mensch lebte er übrigens im Bezirk Porto Vecchio mit aller Welt in Frieden. Aber man erzählte sich von ihm in Corte, wo er sich sein Weib geholt hatte, habe er sich eines im Kriege wie in der Liebe gleich gefährlichen Nebenbuhlers auf etwas gewaltsame Weise entledigt. Wenigstens wurde ihm ein gewisser Schuß zugeschrieben, der jenen Nebenbuhler überraschte, als er sich gerade vor einem kleinen Spiegel am Fenster rasierte. Nachdem über diese Geschichte Gras gewachsen war, heiratete Mateo. Sein Weib Giuseppa gebar ihm erst drei was ihn in rasende Wut verund endlich einen Sohn, dem er den Hast du einen Menschen getötet, so begib dich in den Maquis von Porto Vecchio, und du wirst dort, ausgerüstet mit einer guten Flinte sowie einem Vorrat von Pulver und Kugeln, in Sicherheit leben. Vergiß auch nicht einen braunen Mantel mit Kapuze mitzunehmen, der dir als Decke und Matratze zu gleich dient. Die Hirten werden dich mit Milch, Käse und Eẞtastanien versehen und du hast Mädchen nichts von den Dienern des Gesetzes oder den setzte Blutsverwandten des Getöteten zu fürchten, Namen Fortunato( der Glückliche) gab: der Junge war die Hoffnung der Familie, der Erbe des Geschlechtsnamens. Die Töchter waren gut verheiratet: ihr Vater konnte im Notfall auf die Dolche und Stuten der Tochtermänner zählen. Der Sohn war erst zehn Jahre alt, aber verriet bereits vielversprechende Anlagen. Eines Tages im Herbst ging Mateo mit seiner Frau fort, nach einer seiner Herden zu sehen, die in einer Lichtung des Maquis weidete. Der kleine Fortunato wollte mit, aber die Lichtung war zu weit. Außerdem mußte auch jemand bleiben, um das Haus zu bewachen. Der Vater schlug daher Fortunatos Bitte ab: man wird sehen, ob er das nicht zu bereuen hatte. außer wenn du nach der Stadt hinunter mußt, um deinen Schießvorrat zu erneuern. Als ich im Jahre 18.. auf Korsika weilte, stand eine halbe Meile von jenem Maquis entfernt, das Haus des Mateo Falcone. Das war ein für korsische Verhältnisse reicher Mann, der als Edelmann lebte, das heißt ohne die Hände zu rühren vom Ertrag seiner Herden, mit denen seme Hirten von Weide zu Weide weit in den Bergen umherzogen. Als ich ihn zwei Jahre nach dem Ereignis sah, das ich erzählen will, schien er mir höchstens 50 Jahre alt zu sein. Stell dir einen kleinen, aber träftig gebauten Mann vor, mit rabenschwarzem, iraujem Haar, Adlernase, schmalen Lippen, großen, lebhaften Augen und von einer lederbraunen Gesichtsfarbe. Er galt als Meisterschüße selbst in seinem Lande, wo es doch so viele tüchtige Schüßen gibt. Mateo hätte zum Beispiel niemals auf ein Wildschaf mit Rehposten geschossen; auf 120 Schritt erlegte er das Tier mit der Kugel, und diese saß im Kopf oder im Blatt, genau wo er es wollte. Er bediente sich seiner Büchse nachts gerade führer der einzelnen Gemeinden, die sich die Bauern im Kampf wider ihre Fronherren erwählten. Heute so sicher wie am Tage, und als Beweis seiner wird dieser Titel manchmal noch einem Manne Geschicklichkeit erzählte man mir das folgende beigelegt, der durch Vermögen und Verbindungen Kunststück, daß einer, der nicht selbst auf Korsika| Einfluß besitzt und in seinem Bezirk eine Art tatMateo war schon einige Stunden fort, und der kleine Fortunato lag lang ausgestreckt ruhig in der Sonne, betrachtete die blauen Berge und dachte daran, daß er nächsten Sonntag in der Stadt beim Onkel Korporal * Korporale hießen ehemals auf Korsika die An Für unsere Kinder 43 zu Mittag essen sollte, als ihn plötzlich der Knall| lange gesucht habe. Nun kann ich das Studium einer Feuerwaffe aus seinen Träumen auf der Magie beginnen.( Er schlägt das Buch auf und störte. Er erhob sich und wendete sich nach der Iteft.) Also so muß ich's machen? Nichts Ebene, woher der Lärm kam. Mehrere Flinten- leichter als das. Und darüber hab ich mir schüsse folgten in ungleichen Zwischenräumen so lange den Kopf zerbrochen?( Er löst seinen und in immer größerer Nähe; endlich tauchte Gürtel, legt thn auf den Boden in einen Krets und auf dem Fußpfad, der aus der Ebene zum tritt mit seinem Stab hinein.) Nun will ich die Hause Mateos führte, ein Mann auf, eine Geifter beschwören.( Er bewegt den Stab und Zipfelmüße auf dem Kopf, wie sie die Gebirgler murmelt unverständliche Worte. Eine Menge Getster tragen, mit struppigem Bart, die Kleider in erscheint in behaarter Affengestalt.) Da sind ihrer Fezen. Auf seine Flinte gestützt, schleppte er ia gleich genug. Aber welchen wähle ich. Ich sich mühsam heran. Er hatte eben einen Schuß muß den Grad ihrer Geschwindigkeit erforschen. in den Schenkel erhalten. Du da mit den weißen Hörnern, gib Antwort. ( Fortsegung folgt.) Wie heißest du? 000 Früh enttäuscht. Es naht der Tag des heiligen Nikolai, Ein Tag des Segens der Bescherung! 3wei Kindlein, lieblich anzusehn, doch arm, Ju ihm Gebete sandten voll Verehrung. Sie stellten dann die Holzschuh auf den Herd, Wo ausgebrannt die letzten Funken, Begaben sich zur Nachtruh auf das Stroh Und sind alsbald in tiefen Schlaf versunken. Gar wild war draußen die Dezembernacht. Des alten Viertels morsche Häuserreihen Umtobt ein mächt'ger Sturm, als wollt' er heut Sie samt und sonders der Vernichtung weihen. Die Kinder unterdessen träumten hold Don Göttern und von guten herz'gen Leuten; mit Blumen und mit Fackeln nahten sie Den Schlafenden, die träumend drob sich freuten, Auf schlugen sie die Auglein, schlossen bald Sie wieder. Als vorüber war die Nachtruh, Da fiel ihr erster Blick nur auf den Schnee, Mit dem der Sturm gefüllt die kleinen Holzschuh. E. Derhaeren. 000 Doktor Johann Faust, der weitbeschriene Erster Geist. Vitlipuzli. Fauft. Sag an, wie geschwind du bist? Viklipuzli. Wie die Schneck im Sande. Faust. Ha! Um so schnell zu sein, brauch ich feine Geister. Zurück, woher du gekommen bist! Apage male spiritus.*( Biglipublt verschwindet.) Der nächste! Wie heißest du? Zweiter Geift. Bolümor. Fauft. Laß hören, wie geschwind du bist! Bolümor. Wie das Laub, das von den Bäumen fällt. Faust. So geschwind wäre ich zur Not auch noch. Zurück, woher du gekommen bist. Apage male spiritus!( Polümor verschwindet.) Der folgende! Wie heißest du? Dritter Geist. Asmodi. Fauft. Wie geschwind bist du? Asmodi. Wie der Bach, der sich vom Felsen stürzt. Faust. So bist du nicht geschwind genug. 3urück! Apage male spiritus!( smodi verschwindet.) Vivat sequens!** Wie heißest du? Vierter Geist. Astarot. Fauft. Wie geschwind bist du? Astarot. Wie der Vogel in der Luft. Fauft. Das geht an, muß aber noch besser tommen. Apage male spiritus!( Astarot verschwindet.) Die Reihe ist an dir, Rotkopf. Wie Zauberer und Schwarzkünstler. heißest du? Puppenspiel in drei Aufzügen.( Forts.) Faust( tritt ein, ein großes schwarzes Buch unterm Arm). Sonderbar, die Studenten sind verschwunden und in der ganzen Stadt nicht mehr aufzutreiben. Aber gleichviel, sie haben doch das Buch zurückgelassen, wonach ich so sächlicher Herrschaft ausübt. Die Korsen scheiden sich von altersher in fünf Stände: Edelleute( wovon die einen Hochwohlgeboren, die anderen bloß Herren heißen), Korporale, Bürger, Bauern und Fremde. Fünfter Geist. Auerhahn. Fauft. Wie geschwind bist du? Auerhahn. Wie die Kugel aus dem Rohr. Faust. Immer besser, tut's aber noch nicht. Apage male spiritus!( Auerhahn verschwindet.) Wie heißt denn du, Blaufuß? Sechster Geist. Haribar. Faust. Wie geschwind bist du? Haribar. Geschwind wie der Wind! Faust. Geschwind wie der Wind! Gine schöne * Hebe dich hinweg, böser Geist. ** Es lebe der Folgende! 44 Für unsere Kinder Geschwindigkeit, doch mir zu langfam. Apage| male spiritus!( Haribay verschwindet.) Nun sind noch zwei übrig. Wie heißest du denn, Kaminfeger? Siebenter Geist. Megära. Faust. Wie geschwind bist du? Megära. Wie die Pest. Faust. So ist die Pest geschwinder als der Wind? Aber der nächste muß ihm noch über sein. Apage pessime spiritus!*( Megära verschwindet.) Wie heißest du denn, Ultimus?** Achter Geift. Mephistopheles. Faust. Und wie geschwind bist du? Mephistopheles. Wie der Gedanke Menschen. Mephistopheles. Merkurius erscheine!( Gin Rabe bringt den Patt in seinem Schnabel getragen.) Faust( nimmt und lieft):„ Ich schwöre Gott und den christlichen Glauben ab. Nach vierundzwanzig Jahren, das Jahr zu dreihundertfünfundsechzig Tagen gerechnet, will ich dein sein mit Leib und Seele. Ich gelobe, mich in all der Beit nicht zu waschen noch zu kämmen, auch Haar und Nägel nicht zu schneiden. Ich will den Ehestand meiden." Mephistopheles( nimmt die Hahnenfeder von seinen Hut und reicht ste ihm dar). So unterschreib! des( Während Faust den Batt unterzeichnet, erscheint in den Lüften sein Schußgeist in Gestalt eines Engels mit einem Palmzweig in der Hand.) Fauft. Du bist mein Mann. Wie der Gedanke des Menschen? Was kann ich mehr verlangen, als daß meine Gedanken erfüllt werden, sobald ich sie denke? Weiter bringt es Gott selbst nicht. Eritis sicut deus.*** Willst du mir dienen? Mephistopheles. Wenn es Pluto erlaubt. Faust. Wer ist Pluto? Mephistopheles. Mein Herr und Meister. Faust. So frag ihn, ob du mir achtund vierzig Jahr dienen darfst. Hernach will ich dir dienen. Aber tehr wieder in menschlicher Gestalt, ich mag die Affen nicht. Und sage deinem Herrn, daß ich den Genuß aller Herrlichkeiten der Welt, Schönheit, Ruhm und wahrhafte Beantwortung aller meiner Fragen verlange. Mephistopheles. Ich bin gleich wieder hier. ( Verschwindet und erscheint alsbald wieder in menschlicher Gestalt, in rotem Kleid, mit langem schwarzem Mantel und einem Horn auf der Stirn.) Deine Bedingungen sind dir gewährt, aber vierundzwanzig Jahre ist die längste Frist, auf die ich mich verdingen darf. Fauft. Vierundzwanzig Jahr. Das ist mancher Tag und manche schöne Nacht. Gut denn, ich willige in die Bedingung. Mephistopheles. So gebt mir ein BriefchenLebens und Sterbens wegen. Faust. Mußt du's Schwarz auf Weiß haben, so schaff' Tinte herbei; denn in meinem Tintenfaß ist sie längst eingetrocknet. Mephistopheles. Schwarz auf Weiß nicht, aber Rot auf Weiß. Die Unterschrift bitt' ich mir mit Eurem Blut aus. Hier ist eine Nadel, damit riht Euch den Finger! Faust. Wo ist der Batt? Erst will ich ihn lesen. * Hebe dich hinweg, schlimmster Geist. ** Letzter. *** Ihr werdet sein wie Gott. Schutzgeist. Betörtes Menschenkind, einst rein und sonder Fehle, Verloren ewiglich ist deine reine Seele. Geschaffen, Gott zu schaun und aller Himmel Lust, Sinkst du dem Abgrund zu: ich traure dem Verlust.( Verschwindet.) Faust( hat die Verschreibung vollendet und übergibt sie Mephistopheles). Nimm diese Schrift! Mephistopheles. Auf schnellen Schwingen Soll sie Merkurius alsbald zu Pluto bringen. ( Der Rabe nimmt die Verschreibung in den Schnabel und fliegt damit hinweg unter dem Hohngelächter der Hölle.) Faust. Doch nun wohin? Hier in Mainz halt ich's nicht aus. Mephistopheles. Hier, mein Luftmantel soll uns alsbald an den Hof des Herzogs von Parma tragen, der eben Hochzeit hält. Da möget Ihr in allen Freuden schwelgen und mit Zauberkünsten Ruhm und Ehre gewinnen. Nehmen wir auch Euer Gesinde mit? Fauft. Den Wagner laßt daheim, der ist langweilig. Mephistopheles. Aber Kasperle? Faust. Den bringt nach, aber auf einem anderen Gefährt. Ich hab' Euch unterwegs noch dies und das zu fragen, wovon er nichts zu wissen braucht. Mephistopheles. So laßt uns fort! In wenig Minuten sind wir in Parma.( Er breitet den Luftmantel aus, beide feßen sich darauf, der Mantel bebt sich und entführt sie in die Lüfte.) Kasperle( tritt ins Zimmer ein, stolpert über Fausts Gürtel, der noch auf der Erde liegt, und fällt langwegs auf den Boden). Pardauz! Nun weiß ich auch, wie lang dies Zimmer ist.( Steht auf und betrachtet den Gürtel.) Was ist denn das? Ein Schneidermaß? Ist mein neuer Herr am Ende Für unsere Kinder 45 davon kommen. Perlippe!( Dte Getster erscheinen.) Perlappe!( Die Geister verschwinden.) Perlippe. Perlappe. Perlippe. Perlappe. Perlippe, Perlappe, Perlippe, Perlappe Perlippe Perlappe Perlippe( Er wechselt mit den Worten so geschwind, bis er endlich außer Atem tommt und mit dem Wort Perlippe schließt. Die Teufel, die er hin und her gehegt hat, rächen sich an thm, indem sie ihm eine Ratete in den Saarzopf flechten.) Ich hab's ihnen gut eingetränkt. Aber wer den andern jagt, wird zuletzt selbst müde.( Ein Teufel schleicht sich mit einer brennenden Bunte heran und steckt ihm den Haarzopf in Brand. Explosion. Kasperle fällt schreiend zur Erde, wo er Itegen bleibt und sich noch tot stellt, als das Feuerwerk zu Ende ist. Auerhahn rüttelt thn.) Sein Herr ist nach Parma. Will er nicht auch gar ein Schneider? Das kann ich mir doch| daß ihr fortkommt! Perlappe!( Die Geister vernit denken. Was soll ein Schneider mit all schwinden.) Aber so wohlfeil sollen sie doch nit den Büchern machen? Da liegt gleich eins auf dem Tisch. Ich will doch zuschauen.( Jm Buch blätternd.) Das ist gewiß ein Brevier, wo der Herr draus betet. Er ist gewiß fein Schneider, die sind nit so fromm, sie lassen zuviel in die Hölle fallen. Was steht denn da geschrieben? ( Lieft.) E- e- rste- 3-- k- t- faz- Pu-del oder wie das heißen mag. Das ist doch furios, wenn eins lesen will und kann nit buchstabieren. Ich hätt's gewiß gelernt, aber meine Großmutter starb so früh; denn wie sie starb, da war ich noch ein Kind von zwanzig Jahren. Ich muß aber doch sehen, ob ich's nicht herausbring. Razz- Pudel heißt es nit, das seh ich schon. E- r- stes ka- pitel, ah, das will sagen Schnapitel, erstes Schnapitel. Nu kommen wir an die Sach.( test):„ Wenn man- will die Geis die Geis- ter kommen laffen so sagt man- Perlippe."( Gine Menge Geister erscheint.) Ihr Rattenschwänz, seid ihr Geister? Was wollt ihr? Geisterchorus. Dir dienen. Kasperle. Was habt ihr denn Gutes gefocht? Geisterchorus. Eisen und Stahl, Pech und Schwefel. Kasperle. Pfui Teufel!( test wetter):„ Wenn man will daß die Geis die Geister verschwinden so sagt man Perlappe." ( Die Geister verschwinden.) Das ist ja lustig! Perlippe!( Die Getfter erscheinen.) Perlappe!( Die Geister verschwinden.) Das geht ja wie geschmiert. Perlippe!( Die Getſter erscheinen.) Jetzt bin ich aber schon ein ganzer Herenmeister. Was unser Herrgott nit für Zeugs gemacht hat! Muß doch hören, was sie treiben. Rattenschwanz, wie heißt du? Erster Geist. Asmodi. Kasperle. Wie alt ist er denn? Asmodi. Dreitausend Jahr. Kasperle. Dreitausend Jahr, Asmodi? Da ist er schon lang aus de Modi. Scher er sich! Aber da ist ein handgroßes freundliches Teufels chen, das will ich mal fragen. Wie heißt du, alter Bursch? Teufelchen. Xerges. Kasperle. Wie alt ist er denn? Auerhahn. Steh er auf, Kasperle, steh er auf! Dahin? Kasperle( noch immer auf dem Boden). Nach Parma? Was soll ich in Parma machen? Vielleicht Parma- sankäse? Auerhahn. Er soll zu seinem Herrn. Wo der Herr ist, da gehört auch der Knecht hin. Also nach Parma! Er weiß wohl gar nicht, daß sein Herr des Teufels ist. Kasperle. Ist er des Teufels? Das wär des Teufels! Auerhahn. Ich soll ihn auch dahin bringen, wenn's ihm recht ist. Kasperle. Wohin soll er mich bringen? Zum Teufel? Da bin ich schon. Ist er nit selbst der Teufel? Wenn ich's nit schon wüßt, so könnt ich's riechen, so' ne feine Nas hab ich. Auerhahn. Nicht zum Teufel, nach Parma soll ich ihn bringen; sein Herr hat es befohlen. Kasperle. Na, meinetwegen, bring er mich hin! Auerhahn. Steig er nur auf.( Gin feuriger Drache erscheint.) Steig er nur auf! Kasperle. Na, ich sage doch! Wer alt wird, der lebt lang. Auf dem höllischen Sperling soll ich nach Parma reiten? Auerhahn. Ja, das soll er, wenn er mir erst Leib und Seele verschreibt. Kasperle. Auch noch Fuhrlohn? Ich denk, mein Herr hat ihm befohlen, mich nachzubringen. Da schneidet er sich. Leib und Seel verschreiben? Das ist pur unmöglich. Auerhahn. Warum soll's unmöglich sein? Kasperle. Ja, sieht er, den Leib brauch ich selbst, ohne den kann ich nit mitfahren. Und eine Seel hat Kasperle nit. Ihr dumme Teufel, daß ihr das nit gemerkt habt! Als ich zur Welt gekommen bin, waren just feine Seelen Xerxes. Achthundertneunundachtzig Jahr. Kasperle. Ei, noch so jung und hat schon Haare ums Kinn? Na, aus ihm kann mit der Zeit noch ein tüchtiger Kerl werden. Aber er muß nit zu lang schlafen und das Schnapstrinken lassen. Das tut nit gut fürs Wachstum. Kerls, ihr stinkt aber pestialisch. Macht, mehr vorrätig. 46 Für unsere Kinder Auerhahn. Nun, so steig er auf! Aber noch eins: Kann er auch schweigen? Kasperle. Ich schweig halt immer, wenn ich grab nix zu sagen Hab. Auerhahn. Sein Herr braucht einen ver schwiegenen Knecht. Kasperle. Wenn's weiter nix ist, ich laß mir ein Schloß vors Maul hängen. Aber Appelpo. Meine fünf Mablzeiten halt ich mir aus. Auerhahn. Fünf Mahlzeiten? Was denn für fünf? Kasperle. Erst morgens ein Imbiß, hernach ein Zehnuhrbrot, mittags pumpsatt, ein guts Vesperbrot und abends ein Salätchen, ein Brätchen und zwei Pinten Roten. Auerhahn. Und was muß man ihm geben, wenn er den ganzen Tag frißt? Kasperle. Was man mir geben muß? Zu essen muß man mir geben; sonst tu ich's umsonst. Auerhahn. Na, so steig er auf. Aber unter wegs darf er nicht sprechen, sonst werf ich ihn holperdipolper zur Erde hinunter. Kasperle. Sachte, sachte, das wird sich finden. «Er steigt auf de» Drachen, Auerhahn setzt stch hinter ihn. Der Drache stiegt auf.— Der Vorhang fällt.) (Fortfetzung folgt.) c> c> o Armenschen. Wie gespenstische Schatten jagten am Himmel zerfetzte Wolken hin; wenn sie an der weißen Mondscheibe vorüberzogen, war's für einen Augenblick schwarz und unheimlich auf der Erde. Im Inner» des Urwaldes herrschte eine geheimnisvolle Stille. Plötzlich jedoch, wie durch einen Zauberschlag ward die Ruhe ge stört. Schnaubend stürzte eine Horde Auer ochsen zwischen den Bäumen hindurch. Irgend etwas hatte sie aus ihrem Lager im Ried auf geschreckt. Vielleicht ein nächtliches Raubtier, vielleicht ein zusammenbrechender, vermorschter Baumriese. Die starken Hufe der Auerochsen zertraten und zerstampften, was ihnen in den Weg kam. Vorne führte der riesige Bulle mit den mächtigen Hörnern, die Herde folgte, die braunen zottigen Körper fest aneinandergepreßt. Es schien, als ob mit den vorwärtsstürmenden Auerochsen das tausendfältige Leben im Walde erwachte. In seiner Felsenhöhle reckte sich der plumpe Bär, und mit dumpfem Gebrumm trabte er hinter der Herde drein. Der Wolf strich mit heiserem Geheul durch den Wald; weil hing ihm dieZunge aus rem schaumbedeckten Rachen, und seine Zähne fletschten gierig. Ein Mammut stürzte vorüber; unter seinen breiten Füßen zitterte der Boden. Junge Bäume brachen von der Wucht seines Körpers; seine gebogenen Stoßzähne zerfetzten die Stämme, und sein Rüssel schleuderte Sand und Steine, Blätter und Zweige hoch in die Luft. Vögel und Fledermäuse flatterten aufgeschreckt durch die Wipfel der Bäume. Bis außerhalb des Ur waldes pflanzte sich die Bewegung fort, die die flüchtenden Auerochsen unler den Tieren ausgelöst hatten. In der Steppe, zu der der Wald in schluchtenzerrissenen Felswänden ab fällt, jagten die Wildpferde mit aufgeblähten Nüstern und schweißenden Flanken daher.... Und dann war's wieder still im Innern des Waldes. Alles Getier hatte sich aufs neue in seinen Schlupfwinkeln verkrochen; nur ab und zu unterbrach ein heiserer Laut, ein durch dringendes Jammergeheul, ein erstickender Todesschrei die Stille: wieder hatte ein Ge schöpf unter den Tatzen oder Kralle» eines Stärkeren sein Leben gelassen. So verrann Stunde um Stunde. Endlich begann sich von Osten her ein Heller Lichtschein über den Himmel auszubreiten. Rot und golden stieg dann die Sonne auf. Nebel wogte über der Ebene, zerrann und entschleierte die weite Grassteppe zu Füßen des Waldes. Unermeß lich dehnt sie sich nach der einen Seite hin aus, durchzogen von busch- und baumumsäumten Flußläuien, die ihren Ursprung in den tiefen Schluchten des Waldes nehmen und ihre Wasser in den sumpfigen See dort fern am Horizont ergieße». Im Walde und auch in dem Felsen- gewirr, das ihn gegen die Steppe abgrenzt, ward es immer lebendiger. In einer Felsenspaltc, vor der ein unge füger Felsblock liegt, zeigt sich eine rauhbe haarte Hand. Der große Stein bewegt sich; er rückt ein wenig zur Seite, und aus der dunklen Öffnung kriecht ein Mensch hervor. Er kauert auf dem Boden, als könnten seine Augen das helle Licht nicht ertragen. Dann reckt er sich empor, reibt sich die verschlafenen Augen und wendet sein Gesicht blinzelnd nach allen Seiten. Seine breite Brust dehnt sich in der frischen Lust. Sein nackter Körper ist be haart wie ein Tierleib; die Gestalt ist plump, untersetzt, aber sehnig und kräftig. Die Stirn ist niedrig und flieht schräg zurück. Die Augen schauen unter weit vorgeschobenen wulstigen Brauen hervor. Aus ihnen blickt Wildheit und tierische Kraft. Das Tierische im Gesicht des Mannes wird noch verstärkt durch den schnauzen artig vorspringenden Mund. Jetzt stößt der Für unsere Kinder Mann einen Schrei aus, laut, schrill; im Nu taucht aus der Höhlung ein Mensch nach dem anderen hervor; mit heiserem Rufen begrüßen sie das helle Licht des Tages. Auch Frauen und Kinder kommen aus der Höhle hervor. Bis auf die Knie hängen den Frauen die Haare in wilden Strähnen herab; die Kinder jagen sich in tollem Spiel über die Steine hinweg, in die Schluchten hinein. Die Männer hocken im Kreise auf dem Boden. In der Mitte sitzt ein Greis mit weißem Kopfhaar und lang herabflatterndem Bart. Seine Bewegungen verraten noch keine Abnahme der Kraft. Er spricht in wilden, abgerissenen Lauten, die fast klingen wie tierisches Geschrei und von gleich heftigen Gebärden begleitet sind. Zuweilen wird er unterbrochen; ein anderer spricht; zuletzt schreien alle wild durch einander. Ihre Augen rollen, ihre Hände zucken. Plöglich springen die Menschen auf; sie werfen ihre Hände in die Höhe, ein und der selbe Schrei bricht aus den Kehlen aller. Einige flettern den Abhang hinunter, die Augen spähend vor sich gerichtet. Von Zeit zu Zeit bücken sie sich und halten einen Stein prüfend in den Händen. Die andern sind in die Höhle hineingefrochen. Tief und geräumig ist sie, aber schwarz und finster; nur ein schwacher Lichtschein fällt in ihren vorderen Teil. Nicht immer hat die Höhle den Menschen gehört. Einst hauste der Bär darin; mehr als einmal hat er einen der Menschen angefallen, die auf ihren Wandergängen hierher kamen. Mit seiner Taze schlug Petz den Eindringling als will kommene Beute zu Boden und schleppte Arme und Beine oder den Rumpf in seine Höhle zu blutigem Fraß. Aber die Menschen wandten Listen und Schliche an, der alte Herr der Höhle mußte weichen, und die Sieger zogen in seine Wohnstatt ein. Hier hatten sie Schutz gegen Kälte und Nässe, gegen die überfälle nächtlicher Raubtiere oder auch anderer Menschenhorden. Im hinteren Raume der Höhle liegt ein Haufen blutiger und halb verkohlter Knochen, die Überreste der Mahlzeiten. Daneben find mehrere große Steine aufeinander geschichtet, und zwischen ihnen glimmte ein Haufen Asche. Eine alte Frau, die daneben kauert, wirft von Zeit zu Zeit welfes Laub und trockenes Gras auf die Asche, daß die Flamme hell aufzüngelt. Schwarzer, beißender Rauch zieht an der Decke der Höhle entlang dem Ausgang zu. Unter den Steinmassen, die überall den Boden bedecken, haben unterdessen die Männer gewühlt und einen Stein nach dem andern aufgehoben 47 und auf seine Schärfe geprüft, bis sie den rechten gefunden. Einer nach dem andern friecht wieder hinaus an das Licht des Tages. Nur einer ist zurückgeblieben; er fann nicht finden, was er sucht. Er hockt auf dem Boden und schlägt mit einem Stein auf einen andern, daß die Splitter herumfliegen. Jezt sieht er sich den Stein an und fährt mit den Fingerspitzen über die scharfe Kante; er schmunzelt. Nun ist auch seine Waffe gut, und er verläßt die Höhle. In wilden Sprüngen eilt er zwischen den Felsen seinen Genossen nach, die schon weiter unten sind; in kühnem Schwunge setzt er über den wild dahinbrausenden Bach, und nun ist er bei den andern. Die Schar streift eine Strecke über die Steppe und von dort in anderer Richtung wieder dem Walde zu. Von Zeit zu Zeit bleiben sie stehen und horchen. Einige werfen sich auf den Boden und legen das Ohr an die Erde. Plötzlich stößt der Borderste einen Schrei aus und weist mit seinem Arm auf den Boden. Alle drängen herbei; in dem feuchten Moraftboden ist die deutliche Spur eines Tieres zu erkennen. Ihre Augen blicken voll wilder Gier. Die Menschen folgen der Spur, die in den Wald hineinführt. Vorsichtiger schreiten sie vorwärts und dichter halten sie sich zusammen. Mühsam geht's über Baumwurzeln und gestürzte, morsche Stämme, an fumpfigen Stellen voll ekler Gerüche vorbei. wieder schreit einer. Die Hände klammern sich fester um den Stein; die Muskeln im Gesicht verzerren sich, das Auge tritt hervor. Daein Schrei, hell und jubelnd, und alle antworten. Ganz übermütig gebärden sich die wilden Menschen. Sie springen, tanzen, zeigen mit weitausgestreckten Armen nach einem Platze, wo die Bäume etwas weiter auseinanderstehen. Dort haben sie vor kurzem im Boden eine Grube tief ausgehöhlt und sie dann mit Üsten und Zweigen, Blättern und Steinen bedeckt. Das sollte eine Fanggrube sein für eines der größeren Waldtiere, und der Plan ist geglückt. In die Mitte der Bedeckung ist eine breite Öffnung gebrochen. Aus der Tiefe dringt zorniges Brummen und heiseres Fauchen und Schnauben. Nun stehen die Männer vor der Fanggrube und reißen geschäftig alle Zweige und Blätter beiseite, die die Grube noch bedecken. Am Grunde der Grube müht sich ein riesiger Bär ab, wieder nach oben zu kommen. Immer und immer wieder versucht er, an der steilen Wand heraufzuklettern, aber immer wieder fällt er zurück. Die Männer schauen indes seinen Bemühungen nicht untätig zu. 48 Für unsere Kinder Von allen Seiten schleppen sie Steine, Baum- Mit wilder Gier stürzen sich die Männer wurzeln, Aste heran. Unaufhörlich prasselt's auf das Tier hernieder, das in der Grube voller Verzweiflung um sein Leben fämpft. Schwere Wunden reißen ihm die scharfkantigen Steine; dickes schwarzes Blut rinnt ihm über den Pelz und die Augen und netzt die zerstampfte Erde. Jeder neue Schmerz erpreßt dem Tier einen wütenden Schrei. Seine Wut wird immer größer; aber seine Kräfte nehmen ab. über den Braten. Mit ihren scharfen Steinmessern reißen sie sich große Stücke von dem Fleisch ab; noch ist's nicht gar, das Blut träufelt noch heraus. Aber das ist diesen wilden Jägern gerade so recht, hastig reißen sie mit ihren Zähnen, das saftige Fleisch von den Knochen, gierig schlingen sie es hinunter. Giner hat einen Schenkelfnochen ergriffen. Er sucht auf dem Boden; da findet er einen Nun wälzen mehrere Männer mit vieler Kieferknochen, in dem noch ein spitzer Zahn Mühe einen Felsblock an den Rand der Grube; steckt. Damit schlägt der Mann den Bärennoch halten sie ihn; dann aber lassen sie ihn fnochen entzwei, und dann schlürft er das los, und der Stein fällt mit Wucht auf den warme Mart. Den leeren Knochen wirft er Körper des Bären. Dieser bricht zusammen, zur Seite. Auch die Frauen und Kinder haben ein wilder, schauriger Todesschrei, ein legtes fich herangedrängt. Sie dürfen von dem Röcheln, der Bär regt sich nicht mehr. Sein| nehmen, was die Männer übrig lassen. Tod weckt ein Freudengeheul bei den Jägern. Ihre Augen glühen. Dann klettern sie vor sichtig hinab; mit Asten stechen sie nach dem Tiere, um sich zu vergewissern, ob wirklich das Leben entflohen. Aber keine Gefahr droht ihnen mehr von der Bestie, die gewiß manchen ihrer Horde angefallen und getötet hat. Einen abgerissenen Baumstamm schieben sie unter die Leiche, daß der Körper sich hebt; kräftige Arme greifen zu; langsam bewegt sich das Tier nach oben. Eine letzte Anstrengung, und das Werk ist getan. Da liegt das stolze Tier mit gebrochenen Augen, zerquetschten Gliedmaßen, blutbesudeltem Pelz. Es wird auf zwei Stämme gelegt, und dann tragen starke Arme und Schultern es fort. Dicke Tropfen Blutes bezeichnen den Weg. Vor der Höhle warten schon die Frauen. Einige haben im Walde und der Steppe Wurzeln ausgegraben und Früchte und Pilze gesammelt; andere trockenes Gras ausgerissen, um Futter fürs Feuer zu haben. Nun er blicken sie die heimkommenden Männer und stoßen ein Freudengeschrei aus, während die Kinder über Steine und Felsspalten den Männern entgegenstürzen. Die sind bald vor der Höhle angelangt. Das Tier wird auf den Boden geworfen. Mit ihren scharfen Steinmessern schneiden einige das Fell auf und streifen es ihm über den Kopf. Die Frauen haben inzwischen das Feuer angefacht; hell Iodert es empor. Jezt tragen die Männer den Bären herein und legen ihn auf die Steine und in die glühende Asche. Nach einiger Zeit wird der Braten gedreht; das Feuer hat ihm eine schwarze Kruste gegeben. Die Menschen warten bereits mit lüsternen Augen auf das Mahl. Endlich ist's so weit. Die Mahlzeit ist beendet. Auf dem nackten Steinboden vor der Höhle liegen die Menschen und lassen sich von der heißen Mittagssonne bescheinen. Still und einsam ist's weit umher. Nur in der Ferne heulen die wilden Tiere der Steppe und des Waldes. 000 Roland. Die fünf Handwerksburschen auf Reisen. Da zogen einstmals fünf Handwerksburschen aus einem Orte zusammen auf die Wanderschaft und hatten sich gegenseitig versprochen, daß sie sich nicht trennen wollten voneinander. Wie sie nun schon ein gut Stück Wegs gegangen waren, fiel's dem einen plötzlich ein, ob sie auch wohl noch alle fünf beisammen wären, und er machte seine Kameraden aufmertsam darauf. Da standen sie alsbald still, und der eine fing an zu zählen:„ Das bin ich, eins, zwei, drei, vier!" Ach Gott, wie erschrafen sie da, als einer fehlte! Sie zählten nun einer nach dem anderen und brachten immer nur vier heraus, weil der Zähler sich selbst überging. Da tam ein Fremder daher und fragte, was sie hätten. Sie sagten's ihm und baten, er folle doch suchen helfen. Der Mann aber riet, sie sollten alle ihre Nasen einmal in dem Kot abdrücken und dann die Löcher zählen. Das taten sie, und da kamen richtig fünf Nasen heraus, und nun wußten sie gewiß, daß sie noch keinen Kameraden verloren hatten, und setzten vergnügt ihre Reise wieder fort. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bunde!), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Drud u. Verlaa J.H.W.Dietz Nachf. 6.m.b.H. Stuttgart.