Für unsere Kinder Nr. 11 ooooooo Beilage zur Gleichheit ooooooo 1915 Inhaltsverzeichnis: Freiheit. Von Robert Prut| sie das Gleichgewicht hielten; denn sie standen ( Gedicht.) Der neue Paris. Knabenmärchen für sich, ohne ein Fußbrettchen zu haben. von Wolfgang Goethe.( Schluß.)- Pferde. Von Paul Friedrich.( Gedicht.) Unter den In dianern des Gran Chaco. Walfischjagd. Von J. C. Sörensen.( Fortsetzung.) Vom Büblein, das überall mitgenommen hat sein wollen. Von Friedrich Rückert.( Gedicht.) Freiheit. Die Freiheit läßt sich nicht gewinnen, Sie wird von außen nicht erstrebt, Wenn nicht zuerst sie selbst tief innen 3m eignen Busen dich belebt. Wir hatten nun jedes mit großer Selbstzufriedenheit unsere Heerhausen beschaut, als sie mir den Angriff verkündigte. Wir hatten auch Geschütz in unseren Rästen gefunden; es waren nämlich Schachteln voll kleiner und wohlpolierter Achattugeln. Mit diesen sollten wir aus einer gewissen Entfernung gegenein ander kämpfen, wobei jedoch ausdrücklich be dungen war, daß nicht stärker geworfen werde als nötig sei, die Figuren umzustürzen, denn beschädigt sollte keine werden. Wechselseitig ging nun die Kanonade los, und im Anfang Willst du den Kampf, den großen, wagen, wirfte sie zu unser beider Zufriedenheit. Allein So setz' zuerst dich selber ein: Wer fremde Fesseln will zerschlagen, Darf nicht sein eigner Sklave sein. 000 Der neue Paris. Robert Pruz. Knabenmärchen von Wolfgang Goethe. ( Schluß.) als meine Gegnerin bemerkte, daß ich doch besser zielte als sie und zuletzt den Sieg, der von der Überzahl der Stehengebliebenen abhing, gewinnen möchte, trat sie näher, und ihr mädchenhaftes Werfen hatte denn auch den erwünschten Erfolg. Sie streckte mir eine Menge meiner besten Truppen nieder, und je mehr ich protestierte, desto eifriger warf sie. Das verdroß mich zuletzt, und ich erklärte, daß Alerte brachte darauf einige Kasten hervor, ich ein Gleiches tun würde. Ich trat auch in denen ich kleines Kriegsvolk übereinander- wirklich nicht allein näher heran, sondern warf geschichtet erblickte, von dem ich sogleich be- im Unmut viel heftiger, da es denn nicht lang fennen mußte, daß ich niemals so etwas währte, als ein paar ihrer kleinen ZentauSchönes gesehen hätte. Sie ließ mir die Zeit rinnen in Stücke sprangen. In ihrem Eifer nicht, das einzelne näher zu betrachten, son-| bemerkte sie es nicht gleich, aber ich stand verdern nahm den einen Kasten unter den Arm, steinert, als die zerbrochenen Figürchen sich und ich packte den anderen auf.„ Wir wollen von selbst wieder zusammenfügten, Amazone auf die goldene Brücke gehen," sagte sie, dort und Pferd wieder ein Ganzes, auch zugleich spielt sich's am besten mit Soldaten; die Spieße völlig lebendig wurden, im Galopp von der geben gleich die Richtung, wie man die Armeen goldenen Brücke unter die Linden setzten und gegeneinander zu stellen hat."- Nun waren in Karriere hin und wieder rennend sich endwir auf dem goldenen schwankenden Boden lich gegen die Mauer, ich weiß nicht wie, verangelangt; unter mir hörte ich das Wasser loren. Meine schöne Gegnerin war das kaum rieseln und die Fische plätschern, indem ich gewahr geworden, als sie in ein lautes Weinen niederfniete, meine Linien aufzustellen. Es war und Jammern ausbrach und rief: daß ich ihr alles Reiterei, wie ich nunmehr sah. Sie rühmte einen unersetzlichen Verlust zugefügt, der weit sich, die Königin der Amazonen zum Führer größer sei, als es sich aussprechen lasse. Ich ihres weiblichen Heeres zu besitzen, ich dagegen aber, der ich schon erbost war, freute mich, ihr fand den Achill und eine sehr stattliche grie- etwas zuleide zu tun, und warf noch ein paar chische Reiterei. Die Heere standen gegenein- mir übrig gebliebene Achattugeln blindlings ander, und man konnte nichts Schöneres sehen. mit Gewalt unter ihren Heerhaufen. UnglückEs waren nicht etwa flache bleierne Reiter licherweise traf ich die Königin, die bisher bei wie die unserigen, sondern Mann und Pferd unserem regelmäßigen Spiel ausgenommen rund und körperlich und auf das feinste ge- gewesen. Sie sprang in Stücke, und ihre arbeitet; auch fonnte man faum begreifen, wie nächsten Adjutanten wurden auch zerschmet 82 Für unsere Kinder " tert; aber schnell stellten sie sich wieder her so eine Hülle nach der andern, ja, ich fand und nahmen Reißaus wie die ersten, galop- es endlich bei dem warmen Tage sehr anpierten sehr luftig unter den Linden herum und verloren sich gegen die Mauer. Meine Gegnerin schalt und schimpfte; ich aber nun einmal im Gange bückte mich, einige Achatkugeln aufzuheben, welche an den golde nen Spießen herumrollten. Mein ergrimmter Wunsch war, ihr ganzes Heer zu vernichten; sie dagegen, nicht faul, sprang auf mich los und gab mir eine Ohrfeige, daß mir der Kopf summte. Jch, der ich immer gehört hatte, auf die Ohrfeige eines Mädchens gehöre ein derber Kuß, faßte sie bei den Ohren und füßte sie zu wiederholten Malen. Sie aber tat einen solchen durchdringenden Schrei, der mich selbst erschreckte. Ich ließ sie fahren, und das war mein Glück: denn in dem Augenblick wußte ich nicht, wie mir geschah. Der Boden unter mir fing an zu beben und zu rasseln; ich merkte geschwind, daß sich die Gitter wieder in Bewegung setzten allein ich hatte nicht Zeit zu überlegen, noch konnte ich Fuß fassen, um zu fliehen. Ich fürchtete, jeden Augenblick gespießt zu werden; denn die Partisanen und Lanzen, die sich aufrichteten, zerschlitten mir schon die Kleider- genug, ich weiß nicht, wie mir geschah, mir verging Hören und Sehen, und ich erholte mich aus meiner Betäubung von meinem Schrecken am Fuße einer Linde, wider die mich das aufschnellende Gitter geworfen hatte. Mit dem Erwachen erwachte auch meine Bosheit, die sich noch heftig vermehrte, als ich von drüben die Spottworte und das Gelächter meiner Gegnerin vernahm, die an der anderen Seite etwas gelinder als ich möchte zur Erde gekommen sein. Daher sprang ich auf, und als ich rings um mich das kleine Heer nebst seinem Anführer Achill, welche das auffahrende Gitter mit mir herübergeſchnellt hatte, zerstreut sah, ergriff ich den Helden zuerst und warf ihn wider einen Baum. Seine Wiederherstellung und seine Flucht gefielen mir nun doppelt, weil sich die Schadenfreude zu dem artigsten Anblick von der Welt gesellte, und ich war im Begriff, die sämtlichen Griechen ihm nachzuschicken, als auf einmal zischende Wasser von allen Seiten her, aus Steinen und Mauern, aus Boden und Zweigen hervorsprühten, und wo ich mich hinwendete, treuzweis auf mich lospeitschten. Mein leichtes Gewand war in furzer Zeit völlig durchnäßt; zerschlitzt war es schon, und ich säumte nicht, es mir ganz vom Leibe zu reißen. Die Pantoffeln warf ich von mir und genehm, ein solches Strahlbad über mich ergehen zu lassen. Ganz nackt schritt ich nun gravitätisch zwischen diesen willkommenen Gewässern einher und dachte mich lange so wohl befinden zu können. Mein Zorn verkühlte sich, und ich wünschte nichts mehr als eine Verföhnung mit meiner kleinen Gegnerin. Doch im Nu schnappten die Wasser ab, und ich stand nun feucht auf einem durchnäßten Boden. Die Gegenwart des alten Mannes, der unvermutet vor mich trat, war mir keineswegs willkommen; ich hätte gewünscht, mich wo nicht zu verbergen, doch wenigstens verhüllen zu können. Die Beschämung, der Frostschauer, das Bestreben, mich einigermaßen zu bedecken, ließen mich eine höchst erbärmliche Figur spielen. Der Alte benutzte den Augenblick, um mir die größesten Vorwürfe zu machen:„ Was hindert mich," rief er aus, daß ich nicht eine der grünen Schnuren ergreife und sie wo nicht Eurem Hals, doch Eurem Rücken anmesse!" Diese Drohung nahm ich höchst übel.„ Hütet Euch," rief ich aus, vor solchen Worten, ja nur vor solchen Gedanken: denn sonst seid Ihr Wer und Eure Gebieterinnen verloren!" bist denn du," fragte er truzig, daß du so reden darfst?"- ,, Gin Liebling der Götter," sagte ich ,,, von dem es abhängt, ob jene Frauenzimmer würdige Gatten finden und ein glückliches Leben führen sollen, oder ob er sie will in ihrem Zauberkloster verschmachten und veralten lassen."- Der Alte trat einige Schritte zurück. Wer hat dir das offenbart?" fragte er erstaunt und bedenklich.„ Drei Apfel," sagte ich, drei Juwelen." langst du zum Lohne?" rief er aus. allen Dingen das kleine Geschöpf," versetzte ich, das mich in diesen verwünschten Zustand gebracht hat."- Der Alte warf sich vor mir nieder, ohne sich vor der noch feuchten und schlammigen Erde zu scheuen. Dann stand er auf, ohne benetzt zu sein, nahm mich freundlich bei der Hand, führte mich in jenen kleinen Saal, kleidete mich behend wieder an, und bald war ich wieder sonntäglich geputzt und frisiert wie vorher. Der Pförtner sprach kein Wort weiter, aber ehe er mich über die Schwelle entließ, hielt er mich an und deutete mir auf einige Gegenstände an der Mauer drüben über den Weg, indem er zugleich rückwärts auf das Pförtchen zeigte. Ich verstand ihn wohl; er wollte nämlich, das ich mir die Gegenstände einprägen möchte, um das Pförtchen desto ge" „ Und was ver„ Vor Für unsere Kinder wisser wiederzufinden, welches sich unversehens| Sie trabten vorwärts, geduldig, stumm; hinter mir schloß. Ich merkte mir nun wohl, was mir gegenüber stand. Über eine hohe Mauer ragten die ste uralter Nußbäume herüber und bedeckten zum Teil das Gesims, womit sie endigte. Die Zweige reichten bis an eine steinerne Tafel, deren verzierte Einfassung ich wohl erkennen, deren Inschrift ich aber nicht lesen konnte. Sie ruhte auf dem Kragstein einer Nische, in welcher ein künstlich gearbeiteter Brunnen von Schale zu Schale Wasser in ein großes Becken goß, das wieder einen kleinen Teich bildete und sich in die Erde verlor. Brunnen, Inschrift, Nußbäume, alles stand senkrecht übereinander; ich wollte es malen, wie ich es gesehen hatte. Nun läßt sich wohl denken, wie ich diesen Abend und manche folgenden Tage zubrachte und wie oft ich mir diese Geschichten, die ich kaum selbst glauben konnte, wiederholte. So bald mir's nur irgend möglich war, ging ich wieder zur schlimmen Mauer. Allein zu meinem größten Erstaunen fand ich alles verändert. Nußbäume ragten wohl über die Mauer, aber sie standen nicht unmittelbar nebeneinander. Eine Tafel war auch eingemauert, aber von den Bäumen weit rechts, ohne Verzierung und mit einer leserlichen Inschrift. Eine Nische mit einem Brunnen fand sich weiter links, der aber jenem, den ich gesehen, durchaus nicht zu vergleichen ist, so daß ich beinahe glauben muß, das zweite Abenteuer sei so gut als das erste ein Traum gewesen: denn von dem Pförtchen findet sich überhaupt gar keine Spur. Das einzige, was mich tröstet, ist die Bemerkung, daß jene drei Gegenstände stets den Ort zu verändern scheinen; denn bei wiederholtem Besuch jener Gegend glaube ich bemerkt zu haben, daß die Nußbäume etwas zusammenrücken und daß Tafel und Brunnen sich ebenfalls zu nähern scheinen. Wahrscheinlich, wenn alles wieder zusammentrifft, wird auch die Pforte von neuem sichtbar sein, und ich werde mein möglichstes tun, das Abenteuer wieder anzuknüpfen. Ob ich euch erzählen kann, was mir weiter begegnet, oder ob es mir verboten wird, weiß ich nicht zu sagen. 000 Pferde. Dreihundert Pferde, je drei und drei, 3ogen heut an mir vorbei. Jur Musterung trappelten Roß um Roß, Ein unabsehbarer, brauner Troß. 83 33 nicht ahnend wohin, nicht ahnend warum. Sie träumten von Krippe, Hafer und Stall, Don Wagenrollen und Peitschenknall. Und wußten nicht, daß sie auserkoren 3u schäumendem Ritt, in den Weichen die Sporen, mit kochenden Nüstern in fliegendem Jagen Reiter in Grauen und Tod zu tragen. mit flatternden Mähnen, von Angst getrieben, über die rauchende Walstatt zu stieben, Um schmerzzerrissen mit triefenden Lenden 3m Staub sich wälzend im Starrkrampf zu enden, noch atmend, das Ohr und das Hirn durchgellt Dom Dröhnen, Heulen und Donnern der Welt. So ziehen sie hin, in langsamem Trab, In Jammer, in Hölle, in gähnendes Grab, Geweiht gleich der Gladiatoren Schar, Die sterbend sich brachte dem Cäsar dar, So schreiten sie in ihr Schicksal stumm, nicht ahnend, wofür, wozu und warum. Doch tief mir im Herzen haftet dies Bild So friedlich, so groß und so schreckenswild. Und nachts im Traume steigen sie auf Aus ihren Gräbern in ruhlosem Lauf Die Pferdekadaver, Skelett bei Skelett, Und drängen sich eng auf der Schädelstätt', Gespenstisch wiehernd, zu drei und drei, Biehn mir die toten Rosse vorbei. 000 Paul Friedrich( im„ Tag"). Unter den Indianern des Gran Chaco.* Jm Jahre 1908 begab sich ein junger Schwede namens Erland von Nordenskiöld, der Sohn des Entdeckers der Nordostpassage, nach Buenos Aires, der Hauptstadt der Bundesrepublik Argentinien und der größten Stadt Südamerikas, die am Südufer des Rio de la Plata liegt und 1/2 Millionen Einwohner zählt. Von hier reiste er, soweit die Eisenbahn führte, nach Nordwesten und traf bereits an ihrem Endpunkt mit Indianern von der großen Ebene des Gran Chaco im Osten der Andenketten zusammen. Die ehemals freien Söhne der Wildnis sah er hier als Sklaven der Weißen schwere Arbeit in deren Zuckerfabriken verrichten, ein trauriges Los, das sie körperlich und geistig ruiniert. Dann bahnte sich der schwedische Forscher durch den Urwald einen Weg zu den freien * Aus Sven Hedin, Von Pol zu Pol.( Letzte Folge.) Durch Amerika zum Südpol. Leipzig, F. A. Brockhaus 1912. 84 Für unsere Kinder Räumen hinauf, wo der mit Schnee bedeckte| feuer' tanzte, nahm er an ihren Belustigungen Scheitel des Calilequaberges hoch über den teil, und wie der Indianer schmückte er seine düstern Schlupfwinkeln der Wälder, über den Stirnbinde mit bunden Federn, trug er einen Zuckerfabriken und Sägewerken und dem ganzen grobgewebten Schurz um die Hüften, bemalte Leben und Treiben der Menschen drunten in sich sein Gesicht, ließ sich seinen Arm von der Tiefe emporragt. In diesen Regionen herrscht einer in dieser Kunst bewanderten alten Innoch die Erdgöttin Pachamama, der die In- dianerin tätowieren und lauschte den Sagen dianer dieses Gebirgsstockes, die nur dem Namen und Kriegsliedern der Eingeborenen, wenn nach Christen sind, Opfer darbringen. Wenn sie vor ihren Hütten friedlich beisammen saßen sie längs der Abhänge hinwandern und die und die Bierkalebassen die unde machten. Pässe überschreiten, versäumen sie nicht, einen Er sprach ihre Sprache, aß ihre Speise und am Wege aufgelesenen Stein als Opfergabe trant aus ihren Bechern. Er war gleichsam auf die Steinpyramide zu legen, die sich auf ein weißer Indianer geworden. Wenn die der Paßschwelle erhebt, damit sie auf der Wan- Rothäute am Fluß die Fische in ihre Netze derung nicht ermüden. lockten und scheuchten, ging er mit. Wenn sie im Waldesdickicht Wildschweine mit Hunden und Keulen jagten oder wenn sie die Vögel des Waldes mit abgestumpften Pfeilen flügellahm schossen, war er dabei, und wenn nach beendeter Tagesarbeit die Tabakspfeife von Mund zu Munde ging, saß er mit in der Reihe und wartete, bis die gemeinsame Pfeife auch an ihn kam, um einige Züge daraus zu tun. Die Indianer dieser Gegend hausen in kleinen viereckigen Hütten, die aus Stein oder an der Sonne getrockneten Ziegeln erbaut und mit Gras gedeckt sind. Zum Schutz gegen den Blitz frönt ein Kreuz den Dachfirst. Gegen andere Gefahren und Leiden aber weiß der Medizin mann den besten Rat. Beinschmerzen heilt er mit dem Fett des Tapirs, des Bären oder des Jaguars, der ein verwandelter Mensch sein soll. Bei Erdbeben pilgert man nach den Begräbnisplätzen, um dort zu beten, und bei Hagelschlag verbrennt man Palmblätter, die in Kreuzform hingelegt werden. Dann ritt Nordenskiöld nordwärts nach dem Pilcomayo, einem großen Fluß, der aus dem östlichen Teil der Anden austritt und seine Schlammassen durch die Ebenen des Gran Chaco wälzt. Während der trockenen Jahreszeit wirbelt der Sturm diesen Schlamm in undurchdringlichen Wolken umher, und wenn die Indianer das Präriegras in Brand stecken, um den leckeren Feldmäufen beizukommen, verursacht die weiterfressende Flamme oft vernichtende Brände in den Dickichten, Palmenhainen und üppigen Wäldern. Die Regenzeit beginnt im November oder Dezember und dauert bis zum April oder Mai. Während eines großen Teils des Jahres leben die Indianer fast ausschließlich von Fischen, die der Fluß in reicher Menge bietet. Selten ist ein weißer Mann so tief in das Leben und innerste Wesen eines Naturvolkes eingedrungen, wie Erland von Nordenskiöld. Er behandelte die Indianer nicht als tieferstehende Geschöpfe, sondern als gleichgestellte, und verfehrte mit ihnen wie mit seinesgleichen. Dadurch erwarb er sich bei diesen wilden Stämmen ein unbegrenztes Vertrauen und war stets ein gern gesehener Gast. Wenn das junge Volk an den Ufern des Flusses um die LagerNur auf dem Kriegspfad folgte er ihnen nicht. Wenn einer der Indianerstämme zum Kriegszug gegen Nachbarn aufbrach und ihn zu überreden suchte, sich anzuschließen, erklärte er ihnen, daß der weiße Mann nicht das Recht habe, die Indianer mit seinen überlegenen Feuerwaffen wie Vögel niederzuknallen. Man versprach ihm Pferde, Gefangene und Stalpe bei Verteilung der Beute und konnte nicht begreifen, daß ihn das gar nicht lockte! Und oft versuchte er, sie von ihren kriegerischen Plänen zurückzuhalten, denn ihn dauerte die zweckloje Aufopferung. Auf dem Kriegspfad verbindet die Indianer fein starkes Zusammenhalten, und kein großer, mächtiger Häuptling vermag es, die Führung eines ganzen Stammes zu übernehmen und zu behaupten. Jedes Dorf zieht für sich in den Krieg, und von Ordnung ist keine Rede. Manche Bräuche und Sitten der Indianer find nach unseren Begriffen barbarisch, nach ihrer Anschauung aber durchaus natürlich. Wenn der Mutter ihr neugeborenes Kind zur Last wird, tötet sie es ohne weiteres. Der Sohn tötet seinen alten Vater oder seine blinde Mutter, wenn sie sich nicht länger selbst ernähren können, und niemand sieht darin etwas Unrechtes. Ja, er geht selbst so weit, sie lebendig zu verbrennen, wenn er glaubt, daß sie mit Heren und bösen Geistern in Verbindung stehen! Die Toten werden in große Urnen ge Für unsere Kinder 85 legt und unter den Hütten der Lebenden ein gegraben. Einmal ritt Nordenskiöld mit einigen seiner Leute und einem Führer in den nördlichen Chaco und tief in die Wildnis hinaus. Da stieß er auf einen kriegerischen Stamm mit einem bösartigen Häuptling, und in dem Dickicht des Waldes lagen dessen Krieger mit Bogen und Keulen auf der Lauer. Nordenskiöld ritt dennoch geradenwegs in das Dorf des Häupt lings hinein. Erzürnt trat ihm dieser mit dem Streitkolben in der Hand entgegen. Als ihm Nordensliötd aber ein Messer schenkte, schien er besänftigt zu sein und legte seine Waffen nieder. Durch die Drohungen des Häuptlings eingeschüchtert, führte der Dolmetscher aber die Schar in verkehrter Richtung aus dem Dorf hinaus, und als es Abend wurde, mußte man wieder in einem Jndianerlager Rast machen. Während der Nacht erwachte der Dolmetscher durch ein schrilles Signal vom Walde her und bemerkte, wie sich einer der Indianer leise er hob, fortschlich und bald darauf mit einer Schar Bewaffneter zurückkehrte, die sich flüsternd unter hielten. Einer der Angekommenen fragte, warum die Indianer des Lagers nicht die Reisenden getötet hätten, um in den Besitz der Feuer waffen des Fremden zu kommen und blonde Skalpe zum Schmuck ihrer Hütten bei Festen und Schmausereien zu gewinnen Als nun der Dolmetscher Lärm machte, verschwanden die AufHetzer wieder im Walde. Bis in das Herz Bolivias hinein dehnte Nordenskiöld seine Reisen aus und besuchte die letzten Überreste der einst so volkreichen Stämme, die auf den Anden in den Neben flüsse» des Madeira Fischfang treiben. Aus Flkusrmde klopfen sie sich ihre Kleiderstoffe zurecht und schiutzen sich ihre Pseile aus dem schönen, säubern Pfeilgras. An den Ufern des Sara wohnen sie in viereckigen Hutten, deren Wände aus Bambusrohr und Lehm bestehen und deren Dächer Palmbläller bilden. Der Feuerherd stehl in einem besonderen Küchen- Ichuppen. Kreuze und Heiligenbilder verraten, daß sie wenigstens dem Namen nach Christen sind. Ader in der Tiefe ihrer Seele sind sie noch völlig Heiden, und noch heule tanzen sie, in seltsamen Larven und Straußenfedern gewänder gehüllt, heidnische Tänze um ihre Lagerfeuer. Nachts schlafen sie auf Palm- blällermatten: als Kopfkissen dient ein Holz klotz. Auch sie sind Sklaven der Weißen ge worden; der Branntwein ist ihr Unglück und hat sie in Schulden gestürzt, und ihre herz losen Gebieter zwingen sie, auf den Plantagen und in den Gummiwäldern ihre Trinkschulden abzuarbeiten. Mit Indianern als Führer und mit Paddel ruderern bcfuhr Nordenskiöld zu Boot den Rio Grande, einen Nebenfluß des Rio Mamorö, der wieder ein Nebenfluß des Madeira, eines Nebenflusses des Amazonenstroms ist. Wäh rend sein Kanu am Saum des Urwalds ent lang glitt, saßen die Eingeborenen mit rot bemalten Gesichtern und in Hemden aus ge klopftem Bast regungslos am Ufer, aufmerk sam auf jeden Laut achtend. Sie merken es, wenn der kleinste Fisch im Wasser plätschert, sie erkennen jeden aus dem Wald dringen den Ton und ahmen das Geschrei und das schnarrende Lachen der Affen täuschend nach. Oft landete Nordenskiöld mit seinen Beglei tern und ging in eines der in den Urwald eingebetteten Dörfern hinauf, die von Ba nanenpflanzungen, Ananasbeeten und Gemüse feldern umgeben sind. Hier spielen die Kinder mit gefangenen Affen, Beutelratten und Vögeln. Auf Wandbrettern in den Hütten liegen Pfeile, Boote und Ruder; Wertsachen verwahrt man in geflochtenen Körben. Stirbt ein Mitglied der Familie, so ziehen die überlebenden fort, um dem übelwollenden Geist des Toten zu ent fliehen. Eine Fülle prächtiger Vögel lebt im Walde und auf den morastigen Ebenen jener Gegend, schwarze Störche, Wildenten, Ibisse, Flamingos und Watvögel. Auf der Suche nach Chacobo-Jndianern ge langte Nordenskiöld einst mit seinen Ochsen wagen an einen hochangeschwollenen Fluß, der mit den Wagen nicht zu passieren war. Man brachte also das notwendigste Gepäck in einem Boot unter und schwamm hinüber. Als Nor denskiöld mit seinen Begleitern mitten im Fluß war, tauchte plötzlich ein Alligator unter ihnen auf. Lautes Geschrei vertrieb ihn. Dann ging es vom anderen Ufer aus zu Fuß weiter. Oft war der Wald überschwemmt, und man mußte von Baum zu Baum klettern oder durch den � überschwemmten Wald rudern und sich mit Waldmesser und Beil einen Weg bahnen. End lich erreichte man wieder trockenen Boden. Frische Fährten verrieten die Nähe von In dianern, und bald saß Nordenskiöld in einem Chacobo-Dorfe. Erstaunt und verdrießlich über den plötz lichen Besuch, begannen die Indianer den Fremdling mit ihren Pfeilen zu ängstigen, da mit er sich aus dem Staube mache. Als er sich aber dadurch nicht aus seiner Ruhe bringen 86 Für unsere Kinder ließ, wies man ihm und seinen Begleitern eine Wohnstätte in dem geräumigen Trinkhaus an. In der Mitte dieses Hauses steht ein gewaltiges Tongefäß; es enthält eine Art Bier, das aus den Wurzelknollen der Maniokstaude gebraut wird. Um dieses Gefäß herum tanzen die Indianer zu den Tönen der Flöte, und draußen siten die Weiber auf der Erde und schauen zu, wie sich die Männer unterhalten. Nachbarn mit Bogen und Pfeilen in der Hand kommen auf Besuch, sie trinken von dem ihnen vorgesetzten Maniokbier bis zu widerwärtiger Unmäßigkeit. Auch sie bleiben die Nacht über da und binden ihre Hängematten im Trinkhaus an. Unter den Matten lassen sie kleine Feuer brennen, um die Mücken und die Nachtkälte der Tropen fernzuhalten. Wunderbar und geheimnisvoll ist so eine Nacht in einem Indianerhaus. In dem flackern den, matten Schein der Feuer heben sich Bogen, Pfeile und Verzierungen tiefschwarz gegen das Dach ab. Alles ringsum ist fein und sauber und gut gehalten. Einige der fupferbraunen Gäste führen im Flüsterton noch eine Unterhaltung über Kriegstaten und Jagdabenteuer, und von draußen, aus der nächtlichen Wildnis, dringen rätselhafte Laute herein. Die großen Anpflanzungen um die Hütten herum sind die hauptsächlichsten Einnahmequellen der Chacobo- Indianer. Sie bauen Maniot, Bananen und Reis und bewahren die Ernte in Scheuern auf, die auf Pfählen ruhen. Die fremden Reisenden wurden mit Maiskolben, gerösteten Manioffnollen, Maniotmehl und gekochten Fischen bewirtet, Die Männer find stärker auf Putz erpicht als die Weiber. Sie bemalen sich das Geficht rot und die Arme lila. Durch die Nasenscheidewand bohren sie ein Loch und stecken rote Tufanfedern als Zierat hindurch. In den Ohrläppchen tragen sie die Vorderzähne des Wasserschweins und um den Oberarm eine Boa aus Daunen und Papageienfedern. Das ungeflochtene Haar hängt bei Weibern und Männern lang herab, und den Leib reiben sie mit Vanille ein, um angenehm zu duften. Bei festlichen Gelegenheiten behängen fie sich mit allen ihren Schmucksachen, stecken sich rote, blaue und brandgelbe Papageien- und Tukanfedern ins Haar und binden sich eine hübsche, aus anderthalb Tausend Affenzähnen bestehende Kette um den Hals. Da man hierzu nur Schneidezähne benutzt, muß der Indianer mit seinen tunstlosen Pfeilen gegen zweihundert Affen erlegen, ehe sein Halsschmuck fertig ist. Walfischjagd. Von J. C. Sörensen. ( Fortsetzung.) Der Walfisch ging draußen in der Oberfläche des Wassers vorwärts, so weit die Leine reichte, und blies. Er hatte bei der Fahrt in die Tiefe den Atem verloren und schwamm nun und sammelte Kräfte und blies Blutwolke auf Blutwolke über das Meer empor. Er bewegte sich im Wasser vorwärts wie jeder andere Wal, vielleicht ein wenig schwerfälliger. Der Schütze hatte einige Ordern heruntergerufen, und die Maschine war für das Nachspiel instand gesetzt worden. Dann hatte der Wal die Leine straff gezerrt und begann zu ziehen. Das Boot bekam einen Ruck, und die Leine wurde über Deckt gespannt. Der Steven beugte sich zum Wasser hinab, als ob das Schiff sich vor seinem Gegner draußen verneigte. Dann begann die Jagd über das Meer. Einen Augenblick dauerte es, ehe das Boot richtig in Gang kam. Dann schoß es vorwärts, als würde es von einem Schleppboot geschleppt. Der Schütze rief eine Order in den Maschinenraum hinab, und das Boot begann langsam rückwärts zu gehen. Die Stempel begannen zu arbeiten. Die Schraube platschte herum. Das Boot setzte sich mit dem Achterende tiefer ins Wasser und erhob den Steven. Es wehrte sich, aber das half nichts. Es ging immer heftiger vorwärts. Der Wal arbeitet draußen. Er ist ständig furzatmig und pustet klagend, daß es weit über das Wasser tönt. Er erhebt sich höher als zuvor und rollt vornüber. Der Schütze verfolgt oben vom Turm aus aufmerksam jede seiner Bewegungen. Das Tier wendet ihnen den Rücken zu. Sein großer Körper schneidet sich bei jeder Vorwärtsbewegung wie eine breite, stumpfe Eiche hoch aus dem Meere heraus. Ganz deutlich zeigt es die fürchterliche Wunde in der Seite, aus der die Trosse herabhängt. Nicht das kleinste Stückchen ist von der Harpune zu sehen, sie ist vollständig im Körper des Tieres verborgen. „ Vollkraft back!" kommandiert der Schütze, als er gefehen hat, wie gut die Harpune sitzt. Die Maschine verdoppelt ihre Arbeit. Der Stempelschlag wird klar und scharf, er tönt wie schwerer, tattfester Hammerschlag von dort unten herauf. Die Schraube wirbelt mit verdoppelter Eile herum, versucht zähneknirschend sich im Meere festzubeißen, sich herunterzuwirbeln. Das Boot setzt sich schwer in die See, der Steven hebt Für unsere Kinder 87 sich ein bißchen. Aber das nützt alles mit-| mit einer Geschwindigkeit von mehreren Meilen einander nichts. Der Koloß draußen setzt nur in der Stunde, trotz einer Dampfmaschine, die um so mehr Kraft ein, und seine Bewegungen ununterbrochen mit zweihundert Pferdekräften verstärken sich gleichmäßig und sicher. zurückgeht, und trotz eines Blutverlustes von mehreren Tonnen. Die Maschine arbeitet, pustet und stöhnt, die Schraube wirbelt hinter dem Schiffe in ohnmächtiger Raserei herum. Der Schiffstörper knirscht und tracht, als sollte er in der Mitte auseinandergeriffen werden. Die Leine steht stramm gespannt über dem Vorderteil und schräg im Wasser hinab. Das Wasser schäumt vor dem Bug und wirbelt an den Bootswänden entlang. Der Walfisch draußen ist offenbar im Begriff, zu Kräften zu kommen, er bläst seltener als vorher und nicht so stöhnend. Die Atemsäulen sind nicht so blutig wie zuvor. Er hat seinen Gegner entdeckt und ist entschlossen zu kämpfen. Er schießt nun vorwärts und hinterläßt ein breites Kielwasser, rotgefärbt von dem Blut, das aus seiner Wunde strömt. Er begreist nicht, daß jeder einzige Schlag seines Schwanzes verlorene Mühe ist. Er preßt sich so hoch wie möglich, spannt die Muskeln feines Körpers und geht über das Meer vorwärts, blind und gewaltsam. Das Boot schleppt ihm mit guter Geschwindigkeit nach, während die Schraube im Wasser herummahlt wie ein wütender kleiner Köter, der über einen Bürgersteig hingezerrt wird. So verstreicht eine Stunde und noch eine Stunde. Dies ist unbegreiflich und kolossal. Ja, es ist gar nicht zu verstehen, eine solche Riesenfraft in einem zu Tode verwundeten Tier. Dies ist kein Kampf, es ist Meuchelmord. Hätte das Tier draußen außer seiner Kraft ein bißchen Intelligenz, dann hätte es das Boot hier schon längst zu Splittern und Eisenspänen zerdrückt. Aber es kennt seine eigene Kraft nicht und weiß nicht, wie man kämpft, deshalb jagt es über das Meer vorwärts wie ein scheuer Hirsch. Wie muß die Harpune nicht in seinen Eingeweiden nagen, die von der zersprengten Granate zersplittert sind. Der Walfisch bläst nun völlig rein. Die Blutung in seiner Lunge hat aufgehört. Er ist jetzt auf der Höhe seiner Kraft. Das Wasser um das Boot ist von seinem Blut gefärbt. Es steht einfach gar nicht in der Macht eines Menschen, sich die Kraftentfaltung vorzustellen, die dazu gehört, einen Dampfer von zwanzig Tonnen Gehalt, der in den eigenen Eingeweiden Anker geworfen hat, zwei Stunden durch das Meer vorwärts zu schleppen, Geradezu lächerlich ist es, ein gut ausgerüstetes Stahlschiff von einem einzelnen Tier über das Meer gefahren zu sehen. Die mächtigen, dröhnenden Atemzüge draußen tönen überlegen- prachtvoll, wie ein Hohn auf die eiligen Schläge der Maschine und den Wirbel der Schraube. Es ist die höchste Kraftentfaltung des Lebens, die gegen Menschenklugheit und Menschenschlauheit von Jahrtausenden kämpft. Es ist Fleisch und Blut im Kampf gegen Stahl. Zwei Stunden dauerte der Kampf, und solange er währte, mochte niemand an Bord richtig den Mund auftun. Ständig hämmern die Stempel, ständig mahlt die Schraube. Die Dfentüren werden auf- und zugeschlagen. Der Scheiterhaufen wird erneuert, die Kessel werden gefüllt. Doch wer ersetzt das Blut, das da draußen aus der Wunde lief, wer ersetzt die zermarterten Nerven? Aber das Boot ist Stahl und nur Stahl. Es hat weder Herz noch Nerven, es atmet Kohlen und hat kein Blut, es hat kein Gefühl, es kennt keine Müdigkeit, keine Angst, keinen Schmerz, keine Wut. Es mahlt nur mit der Schraube herum, mahlt und mahlt. Es fizzt aufrecht in der See und mahlt, und es kann acht Tage lang so sizen und mahlen. Dieses kleine verdammte Stahlgeschöpf, das seine eiserne Klaue in das Tier draußen geschlagen hat, kann nicht aufgeben und kann nicht müde werden. Es muß siegen in diesem Kampf, der kein Kampf ist. Und der Sieg kommt, langsam und sicher. Der Wal arbeitet schwer und gewaltsam. Die Hälfte des großen Riesenkörpers wälzt sich über das Meer empor, jedesmal wenn er anzieht und vorwärts geht. Ständig schäumt das Blut aus der fürchterlichen Wunde, welche die Harpune in die Seite des Tieres gerissen hat. Die enorme Arbeit und der Blutverlust er= müden es. Es taumelt draußen, schwankt. Die Bewegungen werden langsamer, hören auf. Das Boot hält sich nun auf demselben Fleck. Das große Tier wälzt sich hilflos in der Meeresfläche. Noch zieht es, aber in schwachen, turzen, zwecklosen Stößen. Der Stahl der Maschine schlägt scharf und taktfest dort unten, hart und klangvoll wie zuvor. Es ist ein Stahlherz, das leidenschaftslos und unbarmherzig schlägt. 88 Für unsere Kinder Das Mahlen der Schraube wird ruhig und| Wenn nur was käme sicher, man hört, daß sie im Begriff ist, sich und mich mitnähme! festzubeißen. Der Wal draußen stöhnt und pustet wie ein undichter Blasebalg. Jetzt schleudert Da ist das Schifflein geschwommen kommen, er aus dem Blasloch nicht allein Luft empor, sondern die Körperwärme selbst, die er in seiner Not und seinem Elend von sich gibt. Er taumelt in der Oberfläche umher, wild und eingeschüchtert, bald nach rechts und bald nach links. Aber er kommt nicht vorwärts, er wirft sich fast aus dem Wasser heraus und torfelt wie ein betrunkener Mann. Das hilft alles miteinander nichts. Das Meer ist ihm verschlossen, wohin er sich auch wendet; das fleine unbarmherzige Stahltier hat sich mit seiner wirbelnden Eisenschraube im Meere fest gebohrt, die Leine gibt nach, der Walfisch wälzt sich draußen, schwindelig vom Blutverlust, zischend vor Atemnot, gequält von und hat' s Büblein mitgenommen; Das Büblein hat sich aufs Schifflein gesetzt Und hat gesagt: Da gefällt mir's jetzt. Aber siehst du? Das Schifflein war schmal, Das Büblein denkt: Da fall' ich einmal; Da fürcht' es sich gar sehr und sagt: Ich mag nicht mehr; Wenn nur was käme Und mich mitnähme! Da ist die Schnecke gekrochen gekommen und hat' s Büblein mitgenommen; Das Büblein hat sich ins Schneckenhäuslein gesetzt Schmerzen. Das Boot hat gefiegt, die kleine unermüd- und hat gesagt: Da gefällt mir's jetzt. liche Eisenschraube hat gesiegt, langsam schraubt sich das Boot zurück, den Walfisch rückwärts an der Leine nachziehend wie einen erschöpften Hund. „ Halb- Kraft," kommandiert der Schüße. Der bebende Stahlschlag der Maschine verlangsamt sich, wird ruhig, überlegen. Hier gibt es ja nichts zu jagen, nur noch ein wenig gewartet, dann geht alles von selbst. Der Wirbel der Schraube wird langsamer, nicht weil sie müde ist, sondern weil sie gesiegt hat.( Schluß folgt.) 000 Vom Büblein, das überall mitgenommen hat sein wollen. Bon Friedrich Rückert. Dent an! Das Büblein ist einmal Spazieren gangen im Wiesental; Da wurd's mid gar sehr Und sagt: ich kann nicht mehr; Wenn nur was käme Und mich mitnähme! Das ist das Bächlein geflossen kommen Und hat' s Büblein mitgenommen; Das Büblein hat sich aufs Bächlein gesetzt Und hat gesagt: So gefällt mir's jetzt. Aber was meinst du? Das Bächlein war kalt, Das hat das Büblein gespürt gar bald; Es hat's gefroren gar sehr, Es sagt: Ich kann nicht mehr; Aber denk'! Die Schnecke war kein Gaul, Sie war im Kriechen gar zu faul; Dem Büblein ging's langsam zu sehr; Es sagt: Ich mag nicht mehr; Wenn nur was fäme Und mich mitnähme! Da ist der Reiter geritten gekommen, Der hat' s Büblein mitgenommen; Das Büblein hat sich hinten aufs Pferd gesetzt Und hat gesagt: So gefällt mir's jetzt. Aber gib acht! Das ging wie der Wind, Es ging dem Büblein gar zu geschwind; Es hopft drauf hin und her Und schreit: Ich kann nicht mehr; Wenn nur was käme Und mich mitnähme! Da ist ein Baum ihm ins Haar gekommen, Und hat das Büblein mitgenommen; Er hat's gehängt an einen Ast gar hoch, Dort hängt das Büblein und zappelt noch. Ist denn das Büblein gestorben?" ,, Nein! Es zappelt ja noch! Morgen gehn wir naus und tun's runter." Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Drud u.Berlag J.H.W.Diez Nachf. 6.m.b.H. Stuttgart.