Für unsere Kinder Nr. 13 o o o c> c> o o Beilage zur Gleichheit o o o O o o o 1915 Inhaltsverzeichnis: Was ist der Krieg? Sinn gedicht von Friedrich v. rogau.— Die neue An- siedlung� Von Roland.(Schluß.)— Kaller Früh- lingSabend. Von Detlev v. Liliencron.(Gedicht.) — Granada. Von M. Andersen NcxS. Klänge aus einer Weberleicr. Von Joseph Schiller.(Ge dicht.)— Der Schwan. Von H. C. Andersen.— Ha-lschi! Ha-tschi! Von A. E. Vonser.(Schluß.) — Vogelhochzeit.(Gedicht.) was ist der Nrieg? Kummer, der das Mark verzehret, Kaub, der ksab und Gut verheeret, Jammer, der den Sinn verkehret, Elend, das den Leib beschweret. Grausamkeit, die Unrecht kehret, Sind die Frucht, die Krieg gewähret. Friedrich v. Logau. V O O Die neue Ansiedlung. Von Roland.(Schluß.) S. Am Rande des Waldes tummelt sich eine Schar Knaben. An einer Eiche haben sie die rauhe Rinde gelöst, so daß ein weißer Fleck entstanden ist. Blondhaarig« Burschen sind's mit nackter, praller Haut und blitzenden Augen. Der Kleinste hebt gerade die Axt. Ja. sie ist nicht leicht. Wie er sich abmüht! Beide Hände gebraucht er, aber nur eine winzige Spanne vermag er das steinerne Ding von der Erde emporzuheben. Da kommt sein Bruder. Er ist schon einen Kopf größer.„Ich will dir'S zeigen." ruft er. und hoch schwingt er die Axt, daß die Muskeln seines Armes sich recken und strecken. „Sieh so!" Und die Axt saust durch die Luft und bleibt in dem Baume krachend sitzen. Andere üben sich darin, den Spieß zu schleudern. Weil biegen sie den Körper zurück: ihre Zehen krallen sich fest in die Erde. Lautes Schreien und Lachen tönt von der Schar her. Bor der letzten Hütte hockt ein Mann auf dem Boden. Zu seinen Füßen liegt ein Haufen Steine. Neben ihm liegt eine Axt; die hat er aus einem Stein sich angefertigt und mit Leder striemen einen Stiel daran befestigt. Haarscharf ist ihre Schneide; wehe dem Tier, dem sie in den Schädel fliegt! Nun ist er dabei, sich ein Messer zu machen. Gr ergreift«inen der großen Steine; mit einem anderen schlägt er Stücke von ihm los. Die Splitter fliegen, und die Funken sprühen. Nun hält er inne. Er prüft den Stein; er ist länglich und scharfkantig. Er schlägt noch etwas an ihm herum. Dann schiebt er einen flachen Steinblock herbei, gießt ein wenig Wasser darauf, tut etwas grobkörnigen Sand hinzu und schleift dem Stück alle Un ebenheiten und Ecken weg. Von Zeit zu Zeit fährt er mit der Spitze des Fingers an der Schneide entlang. Endlich ist das Messer fertig. Er schmunzelt. Das ist ihm gelungen. Die Schneide ist glatt und scharf; damit kann man Fleisch und Fell des Bären leicht und sicher zerschneiden. Dann ruft er sein Weib. Das Fell vor dem Eingang der Hütte wird zurück geschlagen, und aus dem Dunkel taucht die Frau hervor. An der Brust saugt gierig ihr Jüngstes. Er zeigt ihr die neuen Geräte, und sie nimmt sie in die Hand und beschaut sie. Ja, sie sind gut geraten. Und nötig waren sie. Das alte Messer war schon schlecht; Stücke waren herausgebrochen, und die Schneide war stumpf. Es hatte redlich seine Dienste getan und konnte durch ein neues ersetzt werden. „Gefällt dir's?" fragt er, und sie nickt. Da kommt ein Junge gelaufen. „Mach mir eine Axt, Vater!" bittet er,„aber eine, die ich heben kann." Lächelnd schaut der Vater zu seinem Jungen empor. Da schallt mit einem Male lautes Geschrei vom Walde her. Die Knaben haben ihr Spiel vergessen und sind zwischen den Stämmen des Waldes verschwunden. Der Lärm wird lauter. Da stürzen ein paar der Knaben wieder her vor.„Ein Bär! Sie haben einen Bären ge sangen," schreien sie und springen über die Wurzel», ohne zu stolpern. Hinter ihnen kom men, begleitet von den übrigen, die Jäger. Auf zwei Stämmen tragen sie einen Bären. Ein mächtiges Tier. Die Augen der Männer blitzen; ihr« Gesichter glühen; ihre Brust hebt und senkt sich. Einige bluten aus kleinen Wun den und Schmarren. Das war ein heißer Kampf mit dem braunen Gesellen. Fast hätte der Un gestüme einige mit seiner breiten Tatze er schlagen, wären ihm nicht mehrere Spieße auf einmal tief in den aufgesperrten Rachen gesaust. 98 Für unsere Kinder Jubelnd zieht der Haufe zwischen den Hütten hindurch, von allen freudig begrüßt. Andächtig lauschen die Knaben den Berichten. Hei, wenn sie erst groß sind, dann wollen auch sie ihren Mann stehen im Kampf mit dem wilden Ge tier des Waldes! In der Mitte des Dorfes liegt ein mäch tiger Stein. Dort ziehen sie dem Bären mit steinernen Messern das Fell ab und weiden den Leib aus. Jeder trägt sein Teil nach Hause zum leckeren Schmause. Auch die Kno chen und Zähne und das weiche Fell finden ihre Verwendung. Es ist Mittag geworden. Hoch steht die Sonne am Himmel. Das Vieh liegt auf der Weide und wiederkäut. Vor seiner Hütte siyt der Töpfer; neben ihm liegt ein Klumpen feuchten Tons, der mit zerstoßenem Gestein vermischt ist. Erst formt er mit seinen Händen den unteren Teil des Kruges. Dann legt er Ring um Ring hinauf, bis die Form gelungen ist. Mit zwei runden Steinen glättet er Außen- und Innenseite. Dann setzt er den Krug in die Sonne; die soll ihn dörren. Frauen schreiten vorüber mit leeren Krügen. Sie wollen die Kühe melken. Auf einer Matte sitzt eine alte Frau; zwischen ihren Knien liegt ein flacher, ein wenig ausgehöhlter StAn; sie streut einen Haufen Weizenkörner darauf und drückt sie mit einem andern Stein entzwei, daß weißes Mehl umherstäubt. Sie will Brote backen; von Zeit zu Zeit sieht sie nach, ob das Feuer im Herd ordentlich glüht; sie wirft einiges Holz und eine Handvoll trockener Blätter nach. Der Rauch zieht zwischen den Dachsparren heraus. Andere Frauen kehren aus dem Walde heim, wo sie Wurzeln, Nüsse, Pilze und Beeren gesammelt haben. So ist das Leben in der neuen Ansiedlung. Wenn dann die Sonne untergeht, wird's stiller und stiller. Die Nacht ist tiefschwarz. In den Hüllen kauern die Menschen auf dem Boden ui tiefem Schlaf; nur zuweilen, wenn im Walde ein Bär oder ein Wolf überlaut schreit, schreckt einmal einer empor, um sich gleich wieder fester einzuhüllen in den warmen Pelz. Wenn der neue Tag da ist, ist auch neue Arbeil und neues Leben da. 4. Auf weichem Moospolster vor seiner Hütte sitzt der greise Ralf. Er hat sich in den Abend sonnenschein hinaustragen lassen. Fern über den Bergen steht die Sonne, ein glutroter Ball; noch einmal leuchtet alles in ihrem mil den Glänze auf. Still sitzt der Alte und sinnt. Sein Haar und Bart sind weiß wie erster Schnee; sein ehemals so kraftvoller Körper ist zusammengesunken. Ihn lockt nicht mehr der Ruf zur Jagd. Das muß er den Jüngeren überlassen. Mit seinen Gedanken ist er in jener Zeit, da noch sein Arm straff war und sein Blut noch feurig durch die Adern pulste. Lang ist es her.... Er hebt den Kopf und schaut um sich. Wie ist hier alles anders geworden als damals, da er diesen Platz bestimmte als neue Heimat. Zahlreicher sind die Familien geworden; ein neues Geschlecht ist aufgewachsen. Die Herden haben sich vermehrt; weit mehr Boden muß jetzt beackert werden. Ob der Wald wollte oder nicht— er hat zurückweichen müssen vor den Menschen. Und immer hat er mitgeholfen, mit seiner Tat und mit seinem Rat. Darum verehren ihn alle; sein Wort gilt mehr als das jedes andern. Voller Ehrfurcht schaut die Jugend zu dem Greise auf. Die Sonne ist versunken. Dämmerung bricht herein. In den Wiesen steigt weißer Nebel empor und hüllt«inen dichten Schleier um alles. Ein kühler Wind hat sich erhoben. Immer noch sitzt der Alte da. Drinnen in der Hütte sind seine Töchter am Herde beschäftigt; Heller Feuerschein fällt heraus. Schon ist es schwarz umher, als seine Töchter ihn hereinholen und aus weichen Decken sorg lich betten.... Tiefe Trauer herrscht im Dorfe. Ralf, der Alte, ist gestorben. Ganz plötzlich und un erwartet. Das hat der feuchte Nebel getan, der von den Wiesen gestiegen. Man denkt nicht an Jagd und Arbeit; nur Trauer ist überall. Er war so klug. Gar mancher hat von ihm gelernt, den Bären zu beschleichen und den Spieß zu schleudern, daß er tödlich trifft; gar mancher verdankt ihm die Kunst, aus hartem Stein sich scharfe Waffen, nütz liche Geräte zu machen; nicht wenigen hat er das Leben gerettet, indem er kühn und ohne Furcht dem heranspringenden Bären sich ent gegengeworfen, das spitze Messer tief in seine Brust gestoßen, daß das Tier mit dumpfem Wehelaut in sich zusammenbrach. Nun ist er tot; in seiner Hütte liegt er auf dem Boden, bleich und kalt und regungslos. DaS ganze Dorf rüstet zum Begräbnis. Für unsere Kinder 99 Unter einer alten Eiche tief drinnen im Walde haben die Jünglinge ein Grab ge graben und die Höhlung mit kleinen, flachen Steinen ausgelegt. Ringsherum haben sie riesige Felsblöcke gelagert, die sie mühsam aus dem Waldboden herausgegraben und heran gewälzt haben. Schon kommt der Zug der Klagenden und Jammernden. Vier Männer tragen den Toten auf der Schulter daher; der ist in sein bestes Gewand gehüllt; im Gürtel stecken seine Axt und seine Messer. Dahinter folgt das Weib des Toten, ein uraltes Mütter lein, gebückt am Stabe, gestützt von den Söhnen, und dann die Enkel und Enkelkinder und alle Volksgenossen. Nun ist der Zug am Grabe angelangt. Aus rauhen Kehlen schallt dumpfer Klagegesang zu den Wipfeln der alten Eichen empor. Sie rühmen seinen Mut, seine Unerschrockenheit, seinen klugen Rat; sie wissen zu erzählen von kühnen Taten des Toten, den sie nie vergessen wollen. Dann senken die Träger den Leichnam in die Gruft hinein. Dort liegt der Alte mit schneeweißem Haar und geschlossenen Augen. Sie decken ihn mit weichen Fellen zu und legen ihm zur Seite seine Spieße und Messer. Dann bedecken sie das Grab mit Steinen, und hoch herüber wälzen sie, damit das Grab ihres Führers nie vergessen werde, drei der mäch tigsten Blöcke. Senkrecht ragen sie empor, und auf sie türmt die junge Mannschaft endlich einen riesigen flachen Felsblock. Nun kann er ausruhen von allem Streit und aller Arbeit. Die alten Eichen rauschen und raunen weihevoll. Unter wehmütigem Klagegesang begeben sich alle ins Dorf zurück, zum täglichen Leben, zur täglichen Arbeit. O o o Kalter Frühlingsabend. Nein vogelruf, verlassen liegt das Feld. Fern grenzt der Wald: Vas ist das Große Schweigen, Und hinter ihm, als letzte Spur der Welt, will langsam eine fahle Wolke steigen. Kam' doch einlsus, klippklapp, umstaubt, umbellt, war' nur ein wenig Grün erst in den Zweigen, ksätt' sich der drollige Slarmatz eingestellt, Granada.* Von M. Andersen Nexö. Granada hat den Ruf, einer der schönsten Plätze der Welt zu sein. Die Stadt liegt da, wo die Sierra Nevada ihre Ausläufer strahlenförmig der Bega zu sendet wie gewaltige oberirdische Wurzeln. Der neue Stadtteil breitet sich gemächlich auf der Ebene aus mit geräumigen horizontalen Straßen und Ulmenolleen(Alamädas) oder keilt sich zwischen den Bergen ein, folgt Tälern und Flußbetten und endet in dünnen Strahlen weit drinnen im Schöße der Sierra. Die ältere Stadt hat sich diese Bequemlichkeit nicht leisten können. Die Unsicherheit alter Zeiten spricht deutlich aus diesen allen Stadtvierteln, wo die Häuser in dicht gepackter Masse sich an die steilen Bergrücken klammern wie eine Schar aufgescheuchter Bergziegen und viele friedliche Jahrhunderte lang so stehen geblieben sind, Bau auf Bau getürmt, immer noch weit nach dem Feinde ausspähend in erstarrter Panik. Steile Treppengäßchen führen durch die Stadt, und allerorten gucken maurische Über reste hervor. Bald ist es eine große gewölbte Zisterne, mit glasierten Fliesen geschmückt, bald das Überbleibsel einer kleinen Moschee oder einer Torwölbung, die den Zweck hatte, feindliche Vorstöße zu erschweren. Ringsum in den Mauern sind Reste von Stuckbogen, die auf einer oder zwei Marmorsäulen ruhen, und da und dort blickt man in einen ganz maurischen Hof. Die Häuser bilden hier das wunderlichste Wirrwarr von Dachteilen, drei eckigen Mauern und kleinen über die Dächer hängenden Gärten; in diesem steilen über einander sieht es aus, als fei all dies bunt drunter und drüber geworfen; das dritte Stock werk eines Gebäudes läuft gerade in den Keller des Nachbarhauses. Dann wird die Steigung selbst für Treppen zu steil, und der Weg muß sich in langgestrecktem Zickzack aufwärts winden. Die Häuser können nur an der Innenseite hängen, wo sieden Berg als Rückenwand benüyen, außen hat man eine weiße Brustwehr mit einzelnen schlanken Zy pressen über sich und— das blaue Luftmeer. Und man steigt weiter, hinein in ein endloses Labyrinth von Hütten und verwitterten Mauer resten, in denen der Feigenbaum wächst. Un beschreiblicher Schmutz herrscht hier, die Gäß- chen sind ungangbar vor Abfällen und Ex- " Aus: M. Andersen NexS, Sonnentage. Leipzig, G. Mcrseburger. 100 Für unsere Kinder frementen, in den Rinnsteinen liegen die Weiber| an Robolde, die im Felsen ihren Morgenimbiẞ und halten große Wäsche, und in den Türen der baufälligen Hütten figen halbblinde Blatternfrante und zupfen an den Wunden und blinzeln sonderbar gegen das Licht; ihre Gesichter sehen aus, als habe es Blut auf sie geregnet. Vor einem Häuschen liegt ein fleines Kind auf dem Ricken, in einige Lumpen gehüllt, und starrt mit seinem einen Auge in die Luft hinauf; das andere ist fortgefressen, und in der schwärenden Masse fißen die Fliegen in dichtem Haufen. Schon hier wohnen Zigeuner. Das Gerücht von den Fremden hat sich rasch im Viertel verbreitet, und bald sind wir von einer Schar bettelnder Weiber und Kinder umringt. Sie haben niedere Stirnen, breite Nasen und einen suchenden boshaften Blick; dies sowohl wie ihre huschenden Bewegungen und ungenierten Gebärden geben ihnen eine ähnlichkeit mit Affen. Während sie betteln, traßen sie sich und gucken suchend unter die Nägel, und zahlreiche graue Flecken in ihrem rabenschwarzen Haar deuten an, daß diese Handlung nicht ganz ohne Zweck ist. Als wir einer eine Münze geben, werden die anderen noch zudringlicher, zupfen uns an den Kleidern und fahren mit den Händen in unsere Taschen. Zulegt müssen wir einen alten Zigeuner bezahlen, daß er sie fortjagt und uns aus diesem Wespennest führt. Wir treten auf eine Terrasse hinaus, wo eine alte Kirche liegt. Von der Plattform starrt man hinab in einen Abgrund, den die Stadt selbst in schwindelndem Sturz bildet; es sieht aus, als könnte man von hier aus über alle Häuserreihen hinwegspringen, geradeswegs hinab auf die Promenade der Armen beim Darrofluß. Und jenseits des Abgrundes steigt die Stadt wieder empor auf den Bergrücken, der Alhambras mächtige Außenwerke so scharf gegen Sierras weiße Schneemassen zeichnet. Wir tauchen unter die breite maurische Mauer, wandern über einen versengten Berggipfel und stehen wieder auf dem Südabhang des Ges birges. Die steile Böschung ist mit indianischem Feigenfaltus bewachsen, der sich mit breiten Handflächen an den Felsen klammert. Unter uns schlängeln sich die Steige wie Bänder an der Berglehne hin und her, und über ihnen tauchen unregelmäßige Reihen rauchender Schornsteine direkt aus der roten Bergerde auf. Die Eingänge der Höhlen* kann man von hier oben nicht sehen, und so kommt einem der Gedanke * Ein großer Teil der Bevölkerung Granadas lebt in Höhlen. kochen. Da und dort erweitert sich die schroffe Felswand zu Terrassen, auf denen blühende Mandel- und Pfirsichbäume fortkommen; an anderen Stellen ist sie zu weichen Gruben eingesunken, die eingestürzte Höhlen bedeuten. Die Bergfeite ist ausgesprengt, um der Straße Platz zu machen, außen beschützt ein Saum von Aloën die Reisenden vor der Tiefe. Nackte Zigeunerkinder krabbeln unter den Aloën, an deren blaugrünen Hörnern Wäsche in schreienden Farben flattert, und hängen ganz über den Abgrund hinaus. In der Bergwand find Türen, draußen stehen feuerrote Schweine mit dem Spannseil um ein Bein; und oben auf den Höhlen, in den kräftigen Brauen des Kaktus, der, mit Brombeeren und wildem Efeu gemischt, über die Felswand vorragt, ißen große schwatzende Weiber und helfen einander bei der Morgentoilette. ,, Ingleses! Ingleses!"( Engländer) schreien sie, sobald sie uns erblicken; von oben und von unten kommen sie dahergeschossen und gekrabbelt, der ganze Abhang wird lebendig, und in einem Nu haben wir wieder eine Schar bettelnder Kinder und Weibsleute auf dem Halse. Die Weiber bieten uns fleine Meffingarbeiten zu fabelhaften Preisen an, wollen wahrsagen und tanzen; als nichts hilft, schlagen sie sich an den Magen und sagen, sie erwarteten Familienzuwachs-: „ Ein kleines Almosen für das Ungeborene was? es hat keinen Vater!" und die ganze Schar grinst. Und die Kinder, diese kleinen Taugenichtse, tanzen um uns herum und johlen uns zu, wir seien die schönsten, die sie je gefehen haben. Ginige haben Wunden über das ganze Gesicht, und sie haschen nach unserer Hand und drücken sie an die Lippen. Ein achtjähriger Junge trägt ein nacktes Kind von neun Monaten rittlings auf den Schultern; das Kleine, dessen schwarzes furzes Hemdchen ihm ganz über den Hals gekrochen ist, hängt wie eine welke Pflanze über den Schultern des Knaben, und dieser hat einen nassen Streifen über den Rücken hinab. In einer Falte des Berges liegen die Höhlen dicht aneinander, Öffnung an Öffnung und in amphitheatralischen Reihen aufwärts; häns gende Steige, halb von dem starken Kattus getragen, treuzen den Berg und berühren alle Höhlen. Kunzlige, rauchfarbige Greise und Weiber sitzen vor den Eingängen und flechten Weidentörbe, ein zwölfjähriges Mädchen hockt auf der Schwelle einer Höhle und säugt ein Kind fie starrt uns mit kindlicher Neugierde Für unsere Rinder 101 nach. Auf einem vorspringenden Erdknollen| öffnet den Mund wie ein Vogel, der dem Ersteht ein Zigeuner, beschäftigt, einen alten, sticken nahe ist, und streckt eine zitternde Hand graumelierten Esel schön maufegrau zu färben. nach uns aus. Eine fleine Rupfermünze stillt Einige Kupfermünzen schaffen uns die Zu- den Anfall genau so lange, daß sie die Augen dringlichsten vom Halse, aber immer neue öffnen und die Geringfügigkeit der Gabe festBettler nehmen ihren Platz ein, sie als Ge- ftellen kann dann fällt sie wieder zurück. währsmänner benützend. Und diejenigen, mit. Als wir aber unseren Weg fortsetzen, gibt sie denen wir uns abgefunden, krabbeln oben für diesmal jeden weiteren Todeskampf auf herum und empfangen uns ein Stück weiter und streicht im nächsten Augenblick rasch an mit ihrem: Mosju, Madame ein kleines uns vorbei, auf den Lippen ein leicht verAlmosen! ich sterbe vor Hunger!" Aber wir zeihliches böses Gemurmel. beginnen sie nun schon zu unterscheiden, trot Schmutz und Blatternarben, und jagen sie fort; und alle die anderen, die nichts bekommen haben, helfen uns eifrig dabei. So schön wie diese Parias wohnen wohl wenige Menschen auf Gottes grüner Erde. Die ausgedehnten Schneefelder der Sierra blinken wie Silber in der Mittagssonne, in einer Entfernung von sechs Meilen und doch nicht so fern, daß man nicht eine Frachtenfarawane sich auf ihnen hinabschlängeln sehen tönnte. Der in letter Nacht gefallene Schnee liegt noch auf der Nordfeite aller Höhen ringsumher, und die Berge, die die Vega umgeben, Allmählich fällt der ganze Haufe ab, einer nach dem anderen, unter Schimpf- und Hohnworten über das„ geizige Gesindel"; ein paar Steine tollern als ihr letter Gruß vor unsere Füße. Wir bahnen uns einen Weg durch den Rattus und folgen den Pfaden aufwärts von Etage zu Etage. überall stinkt es von mensch- legen einen weißen Kranz um die üppige, lichem Unrat, in den Höhlen selbst dagegen sieht es ziemlich ordentlich aus, und einige unter ihnen tragen sogar Spuren von Wohls stand. Selbst die am armseligften ausgestatteten enthalten Sammlungen blankgepußter alter Kupfer- und Messinggeräte, die gerechten Neid zu erwecken imstande sind. Die ärmsten der Höhlen bestehen nur aus einem Raum, und Decke und Wände werden von dem rohen Ronglomeratfelsen gebildet; zumeist aber sind es zwei Stuben, eine Wohnstube, die ihr Licht vom Eingang und wenn es vornehm aussehen soll von einem an je einer Seite der Tür gelegenen scheibenlosen Fenster empfängt, und eine Schlaftammer, in die man durch eine Öffnung in der Hinterwand der Wohnstube gelangt. Decken und Wände sind hier ausgeputzt, und zuweilen ist eine Wölbung gemauert. Wir geraten auf einen neuangelegten Weg, der sich in langen Gängen den Berg hinan windet, und folgen ihm. Ein Stück vor uns geht eine alte Zigeunerin mit einem großen Wasserkrug auf der Schulter; die Bergbewohner haben Beinmuskeln von Stahl, und wir be= wundern die alte Frau, die so aufrecht und leicht mit ihrer Last dahinschreitet, während wir selbst uns mühsam hinaufschleppen. Sie hat an unseren Stimmen gehört, daß wir Fremde sind, sie wendet sich nicht um, aber sinkt unter ihrer Bürde ganz zusammen, schleppt sich vor uns her wie eine Totkranke, stöhnt und jammert: Ach, ich sterbe! Jesus, Jesus, ich sterbe! O, o!" Sie schließt die Augen, ewiggrüne Ebene. Die Stadt stürzt die steilen Anhöhen hinab, bildet eine Schlucht von Häusern und breitet sich auf der Ebene aus, ers trinkend in schwellenden Laubmassen, die herein. rollen wie mächtige Wogen in ein grünes Meer. Die Vega selbst scheint trotz ihrer 25 Meilen Umkreis nicht groß, sie ist flach wie ein See, und die Wohnhäuser flecken sie wie weiße Segel. Da unten grünen bereits Obstbäume, und auf allen Südabhängen der Bergzüge und weit hinein in die tiefen Flußbetten flimmert es in dem blendenden Weiß und Korallenrot blühender Mandel, Aprikosen-, Pfirsich- und Kirschenbäume. Und die blaue Sonnenluft umwogt uns mit warmem, dufterfülltem Atem. 000 102 Für unsere Kinder Der Schwan. „ Es war Meeresstille," sagte der Mond, „ das Wasser war so durchsichtig wie die reine Luft, die ich durchsegelte; ich konnte tief unter der Meeresfläche die seltsamen Pflanzen sehen, die, wie Riesenbäume im Walde, mit klafterlangen Stengeln zu mir aufstiegen; die Fische schwammen über ihre Wipfel hin. Hoch in der Luft zog ein Schwarm wilder Schwäne; einer von ihnen sant mit ermatteten Schwingen tiefer und tiefer, sein Auge folgte der luftigen Karawane, die sich mehr und mehr entfernte, er hielt die Schwingen weit ausgebreitet und sant, wie die Seifenblase in der stillen Luft fintt, er berührte die Wasserfläche, sein Haupt bog sich zurück zwischen die Flügel; still lag er wie der weiße Lotus auf dem ruhigen Binnensee. Und der Wind erhob sich und kräuselte die leichte Wasserfläche, die so strahlend schien, als wär' es der Ather, der sich in großen, breiten Wogen dahin wälzte, und der Schwan erhob sein Haupt, und das blitzende Wasser sprühte wie blaues Feuer über Brust und Rücken. Der Morgenschimmer beleuchtete die roten Wolken, und der Schwan erhob sich gestärkt und flog zur aufsteigenden Sonne, zur blauenden Küste, wohin die Luftkarawane gezogen, aber er flog allein mit der Sehnsucht in seiner Brust; einsam flog er über die blauen, die schwellenden Wasser." H. C. Andersen. 000 Sa- tschi! Sa- tschi! Von A. E. Bonser. ( Schluß.) Als es dunkel wurde, spähte der Prinz nach allen Seiten aus, bis er in der Ferne ein Für unsere Kinder Licht erblickte. Diesem ging er nach und kam zu einem Gasthof, auf deffen Schild der Name des Wirtes S. Schlaumeier und ein großer Drachen aufgemalt war. " Oho," rief der Prinz, das ist sicher der selbe Herr Schlaumeier, der immer davon träumt, einen Drachen zu fangen." Der Prinz verblieb die Nacht in dem Gasthof und ließ sich am nächsten Morgen mit dem Wirt in ein Gespräch ein. Der wollte aber von gar nichts anderem reden und hören als vom Drachenfangen.„ Wenn ich nur einen einfangen und vor meinen Wagen spannen könnte, wie glücklich würde ich dann sein!" sagte er. ,, Und hast du noch nie einen gefangen?" fragte der Prinz. " „ Na, eigentlich nicht," antwortete Schlaumeier. Aber ich habe 24 der berühmten Pfefferkörner, die Leo Lieser ausgelesen, um die Drachen damit anzulocken, aber, um die Wahrheit zu sagen, ich hatte keinen Erfolg damit." ,, Das ist leicht begreiflich," entgegnete der Prinz, denn man fängt Drachen, indem man ihnen Salz auf den Schwanz streut, nicht aber Pfeffer." Ist das sicher?" fragte ängstlich Herr Schlaumeier. " Totsicher," sagte der Prinz, denn Salz bleibt liegen, während die runden Pfefferförner doch herunter follern." " Wenn dem so ist, will ich's das nächste mal mit Salz versuchen," meinte der Wirt. Aber wie kann ich mich Euch für den guten Rat dankbar erweisen?" „ Indem du mir die Pfefferkörner gibst, denn ich sammle solche," und der Prinz zeigte die wenigen, die er bereits bekommen hatte. Hier sind sie," sagte Schlaumeier. Aber jetzt wirst du wohl hier bleiben, um zuzusehen, wie ich einen Drachen fange." " 103 „ Auf der Straße haben wir sie gefunden. Ich weiß nicht, wie sie dahin gekommen sind," meinte die Schlange. ,, Und wir sind so schrecklich hungrig," schrie der Wurm. ,, Wollt ihr mir die Körner geben, so gebe ich jedem ein Schokoladeplätzchen," meinte der Prinz. „ Wenn du uns die Schokolade ordentlich zerdrückt, so daß wir sie leicht genießen können, wollen wir gerne auf den Tausch eingehen," erwiderte die Schlange. So bekam der Prinz von Wurm, Schlange, Käfer und Faul tier je ein Pfefferkorn. Nun segte er seinen Weg fort, bis er wieder einen Hügel erreichte. Da hörte er lautes Gelächter und sah, als er näher kam, einige Gassenjungen, die ein Wettlaufen veranstalteten. ,, Was ist der Preis eurer Wette?" fragte nähertretend der Prinz. ,, Ein ganz besonderes Pfefferkorn. Eines der berühmten Körner, die Leo Lieser ausgelesen hat," antwortete einer der Läufer. „ Wie viele dieser Körner habt ihr?" fragte der Prinz weiter. " " ,, D, eine ganze Menge," riefen die Jungens. Wenn ihr mir einen Teil davon geben wolltet, würde ich euch etwas zeigen, was ihr noch nie gesehen habt und auch niemals mehr sehen werdet," schlug der Prinz vor. " He- he- he," lachten die übermütigen Burschen im Chor.„ Wenn du dein Versprechen halten kannst, mußt du wohl schrecklich gescheit sein." Darauf liefen sie eilig herbei und umringten neugierig den Prinzen. Der zog eine Nuß aus der Tasche, knackte sie auf und zeigte ihnen den Kern. Diese Nuß habt ihr nie vorher gesehen, schaut sie jetzt gut an, denn ihr werdet sie niemals wieder sehen." Und damit steckte er fie in den Mund. Die Gassenjungen lachten und lachten über diesen Scherz, bis ihnen die Seiten weh taten ,, Wie gern würde ich das mitansehen, habe und die hellen Tränen über die Wangen liefen. aber leider keine Zeit dazu." Mit diesen Wor- Da hast du die wohlverdienten Pfefferkörner," ten setzte der Prinz in freudiger Stimmung sagten sie, während sie dem Prinzen die be seinen Weg fort. Er war noch nicht weit ge- dungenen Körner übergaben. gangen, als er eine Schlange, einen Käfer, ein Faultier und einen Wurm antraf, die alle mit irgend etwas sehr beschäftigt waren. Was treibt ihr denn da?" fragte der Prinz. ,, Siehst du denn nicht, daß wir bemüht sind, Pfefferkörner zu essen," entgegnete das Faultier. Es ist ein ausgezeichnetes Mittel gegen Magenbeschwerden," bemerkte der Käfer. " Woher habt ihr die Körner?" fragte der Prinz. Der Prinz meinte nun genug der berühmten Pfefferkörner gesammelt zu haben und beSchloß, damit heimzugehen. Als er zu Herrn Schlaumeiers Gasthof kam, fiel ihm auf, daß dort große Aufregung herrschte. Es hatte sich nämlich das Merkwürdige zugetragen, daß Herr Schlaumeier einen wirklichen, lebendigen Drachen gefangen hatte, den er eben vor seinen Wagen zu spannen im Begriff war. 104 Für unsere Kinder Als der Wirt den Prinzen erblickte, eilte er auf ihn zu und umarmte ihn freudig.„Mein geliebter Freund," rief er,„das Salz hat sich vorzüglich bewährt. Sieh den schönen Drachen, den ich damit gefangen habe! Aber jetzt rasch in den Wagen gesprungen, wir wollen eine lustige Fahrt machen." Der Prinz nahm neben dem Wirt im Wagen Platz, der Drache zog an, und pfeilschnell sausten sie dahin und waren bald vor dem Palast des Prinzen angelangt. Der Prinz suchte vor allem seine Patin auf und erzählte ihr, was er erlebt hatte. Die Patin nickte befriedigt und sagte:„Erinnerst du dich noch, wie die alte Hexe gesagt hat: ,BiS erst etwas Scharfes dann Dich davon erlösen kann/ Nun hast du das Scharfe heimgebracht. Erst mußt du aber die Körner fein zerstoßen, dann kannst du die Wirkung versuchen." Der Prinz tat wie chm geheißen, dann eilte er mit dem Pulver zur Prinzessin. Auch ihr erzählte er seine Erlebnisse und weshalb er sich so sehr bemüht habe, in den Besitz der Pfefferkörner zu gelangen. Die arme Prin zessin konnte aber auf all das nur erwidern: „Ha-tschi!" Da hielt sich der Prinz das Taschentuch vor die eigene Nase und streute den scharfen, fein- gestoßenen Pfeffer vor die Prinzessin hin. Gar bald stellte sich die wunderbare Wirkung ein. Die Prinzessin tat einundzwanzig kräftige, königliche Nieser, und nach jedem der einund zwanzig Nieser rief der Prinz:„Wohl be- komm's!"„O, endlich Hilfe!" rief die genesene Prin zessin und fiel dem Prinzen voll Freude um den Hals. Jetzt gab es erst das rechte Hochzeitsfest mit noch größerem Kuchen und noch mehr Zucker, Rosinen und Mandeln. Und noch mehr Gäste als das erstemal wurden eingeladen. Außer der weisen Patin waren noch zur Hochzeits tafel geladen: der Kräuterkrämer, Herr Gin gang, Herr Schlaumeier, die drei müden Krö ten, die lustigen Gassenjungen, das Faultier, die Schlange, der Wurm und der Käfer, und alle freuten sich über die gelungene Pfefferkur. Zur Erinnerung an die glücklich überstan- denen Leiden nannte das Prinzenpaar ihren ersten Sohn Ha-tschi, und dessen Urururenkel leben noch heule in Japan und heißen alle Ha-tschi. OOS Vogelhochzeit. Die Vögel hielten Hochzeitsschmaus, Die Hochzeit gab der Vogel Strauß. Der schönste Hahn mit Sporn und Kamm, Das war der stolze Bräutigam. Und Kratzefuß, die junge Braut, Die sollt' ihm werden anvertraut. Der grüne Specht, der grüne Specht, Der macht der Braut das Haar zurecht. Der Kakadu, der Kakadu, Der bringt der Braut die neuen Schuh. Der Seidenschwanz, der Seidenschwanz, Der bringt der Braut den Hochzeitskranz. Die Lerche, die Lerche, Die führt die Braut zur Kirche. Der Sperling, der Sperling, Der gibt der Braut den Trauring. Der Auerhahn, der Auerhahn, Das ist der Küster und Kaplan. Die Ente, die Ente, Die war der Suprindente. Der schwarze Nab', der war der Koch, Man sieht's an seinen Federn noch. Die Schnepfe, die Schnepfe, Setzt auf den Tisch die Näpfe. Der Papagei mit krummem Schnabel, Der bringt den Gästen Messer und Gabel. Das Rebhuhn, das Rebhuhn, Das hat den Dienst bei Tisch zu tun. Die Meise, die Meise, Die bringt der Braut die Speise. Der Wiedehopf, der Wiedehopf, Der bringt der Braut den Kaffeetopf. Der Kuckuck und und der Kolibri, Das sind die Herren Musici. Das Rotschwänzchen, das Rotschwänzchen, Macht mit der Braut das erste Tänzchen. veramwortltch für dt« Redaktion: Frau Klara Z«lltn(Zundcl), WtlhelmShöh«. Post Degerloch det Stuttgart. Druck„.Verlag J.H.W.Dtetz Nachf.».in.d.H.«lutlgart.