Nr. 1. Die Gleichheit Beitschrift für die Intereffen der Herausgegeben von Emma Ihrer in Velten( Mark). Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Prets der Nummer 10 Pf., durch die Post bezogen beträgt der Abonnements- Preis vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf. Stuttgart Montag, den 11. Januar 1892. 2 2. Jahrgang. TENTRALSTELLE VOLKSVEREINS FÜR DAS KATH. DEUTSCHLAND GLADBACH Buschriften an die Redaktion der Gleichheit" sind zu richten an Fr. Klara Bettin( Eißner), Stuttgart, Rothebühl Straße 147, IV. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. Bur gefl. Beachtung. Diejenigen Vereine, die früher ihren Mitgliedern bie„ Arbeiterin" theils gratis, theils gegen den Abonnementspreis lieferten, werden freundlichst gebeten, ihren Bedarf ungefäumt aufgeben zu wollen, damit in der Zustellung eine Unterbrechung nicht eintritt. Die regelmäßigen Sizungen der Frauen- Vereine werden gratis inferirt. Die Vereinsvorstände werden um diesbezügliche Mittheilung ersucht. Alle Reklamationen und berechtigte Beschwerden bitten wir an die Verlagsbuchhandlung von J. H. W. Diez in Stuttgart zu richten, worauf sofort Abhilfe geschaffen wird. Stuttgart. Der Buchdruckerstreik und die Frauen. Schon seit langen Wochen stehen Tausende von deutschen Buchdruckern im Streit, weil sich die Prinzipale in ihrer nimmerfatten Profitwuth nicht dazu verstehen wollen, den neunstündigen Arbeitstag zu bewilligen. Der Streit ist über den Rahmen eines Scharmüßels zwischen Arbeitern und Arbeitsherren eines Gewerbes hinausgewachsen, er ist zum Krieg geworden, in dem sich Klasse gegen Klasse, Proletariat und Bourgeoisie gegenübersteht, ein schlagendes Beispiel für den Krieg mitten im Frieden, der eine nothwendige Folge des unversöhnlichen Gegensatzes zwischen den Interessen von Kapital und Arbeit ist. Die Prinzipale des Buchbruckergewerbes haben sich zu Schuß und Truz verbündet, sie unterstüßen einander, sie haben sich bei hohen Strafen verpflichtet, der Forderung der Gehilfen nicht nachzugeben, sie suchen durch Lüge und Verleumdung die Streitbewegung zu Fall zu bringen. Hinter ihnen steht voller Sympathie und hilfsbereit das gesammte Unternehmerthum; steht die bürgerliche Presse, welche die öffentliche Meinung zu täuschen, Zwietracht und Verwirrung in die Reihen der Ausständigen zu säen sucht; stehen die öffentlichen Gewalten, die in München und Dresden zum Ersatz der Streifenden Soldaten in die Druckereien kommandiren ließen, welche die Gehilfen maßregeln, den Prinzipalen und Streitbrechern entgegenkommen, wo und wie sie können. Auf der anderen Seite halten die Gehilfen nicht weniger fest zusammen; eine festgefügte, geschulte, mit Mitteln ausgerüstete Organisation verleiht ihnen einen Rückhalt, sie unterstützen einander, Sie suchen durch aufklärende, die Wahrheit über Ursache und Zweck des Streits in die Masse tragende Agitation, durch charaktervolles Festhalten an ihrem Verlangen, durch opferfreudiges Aufsichnehmen bon Entbehrungen ihrer gerechten Forderung zum Siege zu ver= helfen. Und auch sie sind in dem Kampfe nicht allein. Die gesammte Arbeiterschaft Deutschlands hat die Sache der Gehilfen zu der ihren gemacht, sie verfolgt mit warmer, thatkräftiger Theilnahme die Einzelheiten des Kampfes, sie führt den für ihr Recht Streitenden in Gestalt von Unterstützungen Munitionen zu. Die Arbeiter der verschiedensten Gewerbe sind von der Ueberzeugung durchdrungen, daß die Buchdrucker als„ Preisfechter" der Arbeiterklasse den Kampf eröffnet haben, und daß der von ihnen errungene Neunstundentag einen Sieg der Arbeit über das Kapital bedeutet, der ihnen allen zugute kommen muß. Der Bedeutung des Streits entsprechend tritt nicht nur die Arbeiterschaft Deutschlands, tritt die Arbeiterschaft aller Länder, wo Proletarier unter kapitalistischer Ausbeutung seufzen, für die deutschen Buchdrucker ein. Die englischen Gewerkbereine haben Unterstüßung gesendet, in Frankreich erklärten Buchbrucker und andere Organisationen, den Streifenden unter die Arme Redaktion und Verlag der ,, Gleichheit." greifen zu wollen, aus Belgien, Oesterreich, Dänemark, der Schweiz liefen Hilfsgelder ein, die vereinigten amerikanischen Gewerkschaften haben Unterstügung zugesagt, und die australischen Gewerkvereine werden sicher dem überall gegebenen Beispiel folgen. Kurz, die internationale Gemeinsamkeit der Interessen aller Arbeiter dem Kapital gegenüber hat zu einer erhebenden Bethätigung des internationalen Solidaritätsgefühls geführt. Hie Kapital und seine Uebermacht," ertönte proßig aus dem Lager der Prinzipale das Kriegsgeschrei, und„ hie Arbeit und ihr gutes Recht" klang es vielsprachig aus der alten und neuen Welt seitens der Arbeiterklasse. So tobt der Kampf seit Wochen und wird voraussichtlich noch weitere Wochen toben. " Diesem Streit nun müssen unseres Erachtens die weitesten Kreise der Proletarierinnen Verständniß, Sympathie, energische Unterstüßung entgegenbringen. Mögen sie als Berufsarbeiterinnen in dem oder jenem Industriezweige thätig sein, mögen sie als Arbeiterinnen am Herd irgend eines Arbeiters schalten und walten, der Streif der Buchdrucker berührt in seinem Verlaufe und seinen Folgen, mittelbar oder unmittelbar, jezt oder in naher Zukunft ihre eigenen Lebensinteressen, die Lebensinteressen ihrer Familie in fühlbarster Weise. Daß das Gesagte zunächst von den in Druckereien beschäftigten Hilfsarbeiterinnen gilt, liegt auf der Hand. Dort, wo diese, wie in Berlin, Leipzig, München, zum Theil in den Streit eingetreten sind, aber auch dort, wo sie in Folge der mit dem Ausstand verbundenen Arbeitsstockung brotlos geworden oder unregelmäßiger, oft länger und schwerer als sonst arbeiten, ohne besseren Lohn zu erhalten, sind sie unmittelbar durch den im Gewerbe herrschenden Kriegszustand in Mitleidenschaft gezogen. Sie sind Proletarierinnen, die für ihren Unterhalt ausschließlich auf ihre Berufsarbeit augewiesen sind, und als solche müssen sie empfinden, wie jede Störung und Veränderung ihrer Arbeitsverhältnisse auf ihr Leben zurückwirft. Der Ausgang des Streiks ist für sie von schwerwiegendster Bedeutung. Endet er mit dem Sieg der Prinzipale, so heißt es für sie: lange Arbeitszeit, schlechte Löhne; schließt er mit dem Triumph der Gehilfenschaft ab, so wird in Zukunft auch ihr Arbeitstag ein kürzerer, ihr Verdienst ein höherer sein, werden auch sie über etwas mehr Zeit und Mittel verfügen, sich von schwerem Tagewerk erholen, sich bilden, ihrer Familie, ihren Freunden leben zu fönnen. Eine große Anzahl von Hilfsarbeiterinnen hat dies begriffen, ist selbst in den Ausstand getreten oder unterstüßt diesen nach Kräften. Und wenn es noch Biele giebt, welche Nothwendigfeit und Bedeutung des Streifs, sowie ihre Pflichten diesem gegen über noch nicht verstanden haben, so mag dies den Gehilfen eine ernste Mahnung sein, ihre Kolleginnen für den Klassenkampf zu schulen, mit mehr Eifer und Energie als bisher an deren Aufklärung und Organisation zu arbeiten. Stadtbibliothek Mönch ladbach 10 Aber nicht nur die in den Buchdruckereien, nein, alle als Berufsarbeiterinnen thätige Prolctarierinnen haben das nämliche Interesse an dem Triumph der Gehilfenschaft. Ist der Neunstunden- tag einmal im Buchdruckergemerbe die Regel, so werden nach und »ach auch die Arbeiterschaften anderer Gewerbe eine Verkürzung der Arbeitszeit erringen, welche eine der wichtigsten Vorbedingungen. ist, daß sich die Lage des Proletariats materiell und sozial hebt. Für die Arbeiterinnen aber ist— man denke zunächst nur daran, daß diese meist nicht nur im Berufe, sondern auch noch für das Haus arbeiten müssen— die Einführung eines verkürzten Arbeitstages doppelt wünschenswerth. Die Buchdrucker, welche für den Neunstundentag in den Kampf gegangen, vertreten somit auch die Interessen von Hunderttansenden von Arbeiterinnen, welche sich in Fabriken und Werkstätten lange Arbeitstage für kärglichen Lohn mühen. Auch für sie wird der Sieg der Gehilfenschaft mehr freie Zeit und besseres Einkommen im Gefolge haben, während deren Niederlage längeres Fortbestehen der alten Sklaverei in ihrer ganzen Härte mit sich bringt. Müssen die Arbeiterinnen aller Berufszweige angesichts der auf dem Spiel stehenden gemeinsamen Interessen, angesichts der auch ihnen winkenden Früchte des Sieges nicht im wohlverstandenen eigenen Nutzen die Nothwendigkeit erkennen, auch ihrerseits durch moralische und materielle Unterstützung der Streikenden mit thatkräftiger Hand in den Streik einzugreifen? � Aber, sagten wir weiter oben, der Streik berührt in seinem Verlaufe und in seinen Folgen auch die Interessen der Proletarierinnen, die am Herde irgend eines Arbeiters schalten und walten. Dabei dachten wir zunächst an die Tausende von Frauen und Mädchen, welche Familienangehörige von Buchdruckern, von Streikenden sind, und deren Leben gegenwärtig in unmittelbarster Weise durch den Streik beeinflußt wird. Der Streik ist der im Wirthschaftsleben herrschende Krieg zwischen Kapital und Arbeit in seiner schärfsten Form. Jeder Krieg aber fordert Opfer. Die Opfer, welche ein Ausstand den betheiligten Arbeiterschichten und ihren Familien auferlegt, heißen mehr Entbehrungen, schwerere Sorgen, größerer Mangel, tiefere Roth als der Proletar gewöhnlich schon zu tragen hat. Und wenn auch in dem Streik der Buchdrucker bis jetzt Dank ihrer materiell kräftigen Organisation, Dank der Unterstützung der arbeitenden Gehilfen und der Arbeiter verschiedenster Berufsarten und Länder der schlimmste Nothstand abgewehrt geblieben ist, so hat doch der Streik für Hunderte und Abcrhunderte von Familien Einschränkungen, Verzicht auf manche kleine Annehmlichkeit, Entbehren manches Röthigen, Sorgen für den kommenden Tag gezeitigt. Die Frau aber leidet unter den Sorgen für des Lebens Nahrung und Nothdurft ihrer Familie ebenso sehr, ja oft stärker als der Man». Dieser, der mitten im Streik steht, der, von Begeisterung für die verfochtene Idee getragen mit leidenschaftlichem Interesse alle Einzelheiten des Kriegs verfolgt, sich durch Gedankenaustausch mit den Kameraden, durch das Bewußtsein der Bedeutung des unternommenen Schrittes erhebt und tröstet, er sieht vielleicht kaum, daß ein werthvolles Stück des Haushalts ins Pfandhaus gewandert, daß Schmalhans ein strengeres Regiment als Küchenmeister wie gewöhnlich führt, daß die Portionen kleiner und schlechter ausfallen, daß seltener Fleisch auf den Tisch kommt, daß die Höschen der Kinder gar arg geflickt sind, daß die Kleinen bei nassem Wetter mit zerrissenen Schuhen zur Schule wandern müssen, daß die sonntäglichen Spaziergänge unterbleiben. Die Hausfrau und Mutter bemerkt das Alles. Hat sie nicht thränenden Auges das Werthslück selbst zur„Tante" getragen, muß sie nicht Tag für Tag die schwierige Frage lösen, mit weniger Wochengeld als früher genau soviel hungrige Mägen als sonst zu füllen, ist sie es nicht, die vorkommenden Falles bei Bäcker und Krämer um Kredit bitten und betteln, welche die hämischen Bemerkungen des Hausbesitzers über das wahrscheinliche Nichtzahlen des Miethzinses und das Hinauswerfen des faulen, begehrlichen Arbeilerpackes einstecken muß? Und hat nicht ihr Mutterherz mehr als einmal geblutet, wenn sie anläßlich des nahenden Weihnachtsfestes in den Schaufenstern Berge jener Herrlichkeiten anfgethürmt sah, welche ein Kinderherz entzücken, und von denen sie Heuer keine ihren Buben und Mädchen als Christkindchen vergönnen konnte? „Der Streik, der Streik," so klingt es unaufhörlich und oft recht bitter und anklagend in ihrem Innern, wenn in Folge des Ausstands eine neue Sorge an sie herantritt, weitere Entbehrungen den Ihren auferlegt werden müssen. Es gehört sehr viel Liebe für den Gatten dazu, daß sie nicht diesen angesichts der materiellen Weihnachten. Trzählung von M. Kautsky. Zwischen Fritz und Rosa existirte seit ungefähr drei Wochen eine grimmige Feindschaft, wie jedes von ihnen nämlich selbst versicherte. Was der eigentliche Grund zu dieser Ungeheuerlichkeit war, hatte sie noch nicht erfahren können, beide Theile beobachteten darüber ein unverbrüchliches Stillschweigen, und Auguste war viel zu delikat, um in die Freundin zu dringen und ein Geständniß zu provoziren. Auch war sie der Ansicht, die plötzliche Abneigung sei doch nur eine Kinderei und könne nicht von Dauer sein. Was sollte auch zwischen zwei so lieben, guten Personen, wie die Beiden es waren, die überdies in keinem Verhältniß zu einander standen, die sich täglich nur auf Minuten sahen und bisher kaum einige Worte mit einander gewechselt hatten, so Bedeutendes sich ereignet haben, daß ihre Gemüther in gegenseitiger Erbitterung jede Versöhnung zurückweisen sollten? Gustel wollte diese Versöhnung herbeiführen, der heutige Abend wäre am passendsten dafür gewesen, und doch fehlte ihr wieder der Muth, den Feind mit der Feindin gerade an diesem Abend zusammenzubringen; wer weiß, es hätte ja auch übel ablaufen können und hätte eines von der Gegenwart des anderen in vorhinein gewußt, so wären sie wahrscheinlich beide nicht gekommen. An alles das dachte Frau Auguste, erwog das Für und Gegen, das Gelingen und Mißlingen ihres Plaues, und dabei salzte sie den Fisch und wickelte ihn in Semmelbrösel. Da läutete eS, behende öffnete sie; es war der Briefträger, er brachte ein an ihren Mann adressirtes Schreiben. Das ist vielleicht wichtig, dachte sie und da Hansel so ruhig mit seiner gestrickten Puppe >1 spielte, ersah sie den günstigen Moment, um es ihrem Karl sogleich zu überbringen. Sie war auch etwas neugierig, die gute Gustel, sie wollte sehen, was er da drinnen mache, wie weit er mit dem Aufputz des' Baumes gekommen, sie wollte ihm dabei helfen; und dann hatte sie noch allerlei Sächelchen in Verwahrung, die sie herauslegen mußte. „Gieb hübsch auf Deinen kleinen Bruder Acht," sagte sie zu Georg, und nachdem sie vorsichtshalber noch die Lampe auf einen erhöhten Platz gestellt hatte, huschte sie, selbst glücklich wie ein Kind, zu ihrem Manne in das Zimmer. Dieses war durch eine Petroleumlampe erleuchtet. Es war ein geräumiges, überaus nettes Zinimer, freilich das einzige, das sie hatten. Das ziemlich hohe Tannenbäumchen stand am Boden, es wa. bereits mit einer ziemlichen Anzahl von Nüssen und kleinen Aepfelchen, Papierrosen und goldenen Sternen geschmückt. Der emsige Vater war soeben daran, bunte Papierketten festonartig von einem Zweig zu dem andern zu winden. Frau Gustel schlug entzückt die Hände zusammen. „Das wird sehr hübsch werden, Karl, das wird allerliebst." „Nicht wahr, Gustel, ich mein' es auch, die Freude, die der Bub' damit haben wird." „Beide, der Hansel versteht das auch schon. Du wirst sehen, was der für Augen machen wird, er ist gar ein Pfiffiger, der, er ist so gescheidt für sein Alter." „Die vielen Lichter, die werden ihn verblüffen, aber am neugierigsten bin ich doch, was Georg dazu sagen wird. Was wird nur sein erstes Wort sein?" „Er wird jubeln, beide werden sie jubeln. Ach, wenn eS nur schon fertig wäre, ich kann es kaum erwarten, aber wie ich sehe, giebts da noch viel zu thun." „Freilich, freilich, ich weiß gar nicht, wie ich fertig werde, — da haben wir's, die Ketten reichen nicht, ich muß noch ein Stück dazu machen,— und hier das Backwerk! Daran müssen noch rothe Bändchen gebunden werden, damit ich es aufhängen -? 12 wird in seinen Folgen auch der ihre sein, wie sie deren Niederlage durch eine Verschlechterung ihrer eigenen Lage empfinden würden. Proletarierinnen, tretet mit allen Kräften für den Streik der Buchdrucker ein. Arbeiterinnen-Bewegung. — In Uetersen fand am S. Dezember eine öffentliche Frauenversammlung statt, in welcher Frau Kahler(Wandsbeck) in I V- stundiger anziehender und lehrreicher Rede über die„wirthschaftliche und politische Stellung der Frau in der Gesellschaft" sprach. Tie Referentin wies nach, daß die Entwicklung der Industrie die wirthschaftliche Rolle der Frau gegen früher völlig verändert habe, daß jedoch ihre rechtliche und politische Stellung die alte geblieben sei. Der Staat bürde den Frauen Pflichten auf, gewähre ihnen aber keine Rechte, abgesehen dasjenige, sich in Fabrik und Werkstatt von kapitalistischen Unternehmern ausbeuten zu lassen. Wollten Frauen und Mädchen sich wirthschaftlich und politisch befreien, so müßten sie sich der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung anschließen, welche für einen Gesellschaftszustand kämpfe, in dem die Frauen gleichberechtigte Glieder der Allgeineinheit sein werden.— Tie Ausführungen fanden beifällige Zustimmung des sehr zahlreichen Publikums, unter dem sich viele Arbeiterinnen befanden. Die Frauenversanunlung war die erste ihrer Art, die in Uetersen stattfand. — Die Gold und Tilbcrarbciter und-Arbeiterinnen von Berlin hatten für den 8. Dezember eine Versammlung einberufen, in der Bebel über„Wesen und Zweck der modernen Arbeiterbewegung" sprach. An die mit großem Beifall aufgenommenen Ausführungen schloß sich eine lebhafte Diskussion, die durch die Betheiligung etlicher Meister der Goldschmiedeinnung besonderes Interesse erhielt. Die von diesen Herren erhobenen Einwände gegen Bebel's Darlegungen wurden aus der Mltte der Versammlung heraus treffend zurückgewiesen. — Am 9. Dezember referirte Herr Pinkau in einer gut besuchten Versammlung der in den Buchdruckereien Leipzigs beschäftigten Hilfsarbeiter und-Arbeiterinnen über das Thema:„Die Frau und die Verkürzung der Arbeitszeit." Die Versammelten erklärten nach Schluß des Vortrags in einer Resolution, mit allen gesetzlichen Mitteln für ihre wirthschaftliche Besserstellung eintreten zu wollen. — Eine gut besuchte Versammlung von Handclsgehilfcn und -Gehilfinnen, welche in Berlin am 10. Dezember stattfand, verhandelte über die„Stellung der kaufmännisch Angestellten zum Krankenkassenzwang, zum Teutschfreisinn und zur Sozialdemokratie." Der Referent, Reichstagsabgeordneter Seifert, folgerte aus der elenden Lage der Handlungsangestellten auf die Nothwendigkeit, auch diese dem Kassenzwang zu unterstellen. Die Versammlung mißbilligte in Diskussion und Resolution das Verhalten der freisinnigen Partei, als nicht den Interessen der Handlungsangestellten entsprechend, und erklärte sich für den Anschluß an die Sozialdemokratie. — Frau E. Ihrer sprach am 12. Dez. in einer Kellnerinnen- versamlung zu Berlin über die„Befreiung der Frau." Nach einem geschichtlichen Rückblick über die Stellung des weiblichen Geschlechts, erörterte die Rednerin eingehend die traurigen Existenzbedingungen, welche für die Mehrzahl der Frauen und Mädchen in der kapitalistischen Gesellschaft gelten, und die Erscheinungen, ivie Prostitution und das Kellnerinnenunwesen, zeitigen. Die heutige Gesellschaft versuche, derartige Uebel zu vertuschen, strebe aber nicht, sie von der Wurzel aus zu beseitigen, da sie dies nicht thun könne, ohne sich selbst aufzuheben. Die Kellnerinnen, welche ihrer schmachvollen Stellung ein Ende gemacht wissen wollten, müßten theilnehmen am Kampfe für die Gleichstellung der Geschlechter, müßten sich organisircn und das Ringen der Arbeiterklasse nach Beseitigung der kapitalistischen Gesellschaft unterstützen. Ter Vortrag fand lebhaften Beifall und führte zu einer Diskussion, an der sich die Damen Rohrlack, Wabnitz', Dmoch zc. betheiligten. — In Stettin fand am 14. Dezember eine öffentliche Frauenversammlung statt, in welcher Frau Kähler(Wandsbeck) über„Nutzen und Bedeutung der gewerkschaftlichen Bewegung" sprach. Referentin legte den Unterschied zwischen dieser und der politischen Bewegung klar und verweilte eingehend bei der Bedeutung, welche die gewerkschaftliche Organisation für Besserstellung und Schulung der Arbeiterinnen habe.— An der anknüpfenden Diskussion betheiligten sich mehrere Frauen. — Eine zweite öffentliche Frauenversanunlung, die von ca. 1200 Personen besucht war, fand am 16. Dezember in Stettin statt. Frau Kähler referirte in derselben über das obengenannte Thema, und ihre Ausführungen wurden mit reichem Beifall aufgenommen. Die Versammlung beschloß, in Grabow eine Filiale des Zentralvereins der Fabrikarbeiterinnen zu gründen und beauftragte eine Kommission, die diesbezüglichen Schritte zu thun. — lieber das Thema:„Die soziale Stellung der Frau in der „Das habe ich alles verstrichen." „Ein Ohr hat auch gefehlt." „Das habe ich angeleimt. Ich glaube, er erkennt es nicht wieder," lachte befriedigt der Vater, indem er sein Werk aus einer gewissen Entfernung liebevoll betrachtete,„und der kleine Betrug gelingt mir." „Natürlich," sagte Gustel,„wie sollte er es denn erkennen? Wenn ich es nicht wüßte, ich würde darauf schwören, daß das ein nagelneues Pferd ist, und gewiß nicht den alten Schimmel vom vorigen Jahr dahinter vermuthen." „Nun, und was haben wir sonst noch?" Frau Gustel machte recht schelmische Augen und lief dann zur Kommode. Sie suchte zuerst das verlangte Tuch heraus. Es war ein altes rothes Unihängetuch, noch von der Großmutter her, und wenn auch etwas defekt, doch von brillanter Farbe, dann schob sie einige Päckchen verstohlen in ihre Tasche und endlich brachte sie zwei ziemlich umfangreiche Packete herbei. „Potztausend I" rief Karl.„Meine Alte hat sich angestrengt." Er öffnete hastig das erste.„Eine Arche Noah! An die hatte ich auch gedacht. Und hier? Eine Schachtel mit Häusern— ah!"— „Aber die gehören dem Hans, der Kleine muß auch etwas bekommen." „Natürlich, alle, alle sollen heute etwas bekommen!" Und der junge Ehemann zog in übermüthiger Freude sein Weibchen an sich und drehte sich mit ihr im Kreise herum. Jndeß waren die Kinder wirklich sehr artig gewesen. Georg hatte sich, gleich nachdem die Mutter sich entfernt hatte, zu dem kleinen Hans auf den Boden gesetzt, um mit ihm zu spielen. Bei armen Leuten sind die älteren Kinder immer die Hofmeister und Erzieher der jüngeren, und dies kommt beiden zugute. Der Kleine war immer ganz glücklich, wenn der Große sich zu ihm herabließ, und Georg war nie so liebenswürdig und dabei so verständig, als wenn er auf seinen Bruder Acht haben mußte. Er sprach jetzt gar eindringlich zu Hans, und dieser lachte darüber, so viel er nur konnte. Von seinem pädagogischen Erfolge entzückt, fing Georg ebenfalls zu lachen an und dann schnitt er Gesichter und schüttelte seinen Kopf, und der Kleine versuchte dies alles nachzumachen. Georg erfand aber immer neue Belustigungen. Jetzt machte er den Hund; er kroch auf allen Vieren, er bellte und legte sich zu den Füßen des Kleinen, und dieser, höchlich vergnügt, fing an, den Bruder bei den Haaren zu raufen. Der arme Georg ließ ganz geduldig seine blonden Locken zausen, er muckste nicht, er war ja der Hund und dem kleinen Hansel machte das so viel Spaß. Aber plötzlich entwand er sich mit einer raschen Bewegung den Händen seines Peinigers, so daß diesem ein Büschel des goldigen Haares zurückblieb. Während er sich am Boden gewälzt, hatte er das Licht bemerkt, das durch die Thürspalte hindurchdrang. Das erregte seine Neugierde. Er wendete sich gegen Hans und tippte auf seine Hand.„Schau, da unten, siehst Du, da ganz unten, das kommt vom Christkind." Er demonstrirte dies mit einem großen Aufwand von Mimik und Gestikulation. „Toi, toi!" antwortete ihm Hans. „Komm, schauen, komm!" Georg ergriff ihn an der Hand und zog ihn in die Höhe.„Du mußt auf den Zehenspitzen gehen," flüsterte er ihm diktatorisch zu. Und mit gutem Beispiel vorangehend, trippelte er bis knapp zur Thür, legte sich vor dieselbe platt auf den Boden und guckte durch die erleuchtete Spalte. Der Kleine that wie ein Affe das nämliche. „Ich seh' schon was!" rief Georg hocherfreut ihm zu. „To ta toi," antwortete HanS mit einem sehr lustigen Gesicht, und er ließ dabei reichlichen Speichel auf den Boden fließen. Gegenwart," sprach Genosse Bebel am 15. Dezember in einer öffent lichen Versammlung zu Berlin. Trotz ungenügender Anzeige wardieselbe von 1200 Personen, darunter ein Drittel Frauen, besucht. Wir geben in der nächsten Nummer einen ausführlichen Auszug des trefflichen Vortrags, mit dem sich die Versammlung nach stürmischen Beifallsbezeugungen einstimmig einverstanden erklärte. -Die Mitgliederversammlungen von Vereinen, welche entweder ganz oder theilweise aus Frauen bestehen, waren in den letzten Wochen fast ausnahmsweise gut besucht und zeugten von den Fortschritten, welche der Gedanke der Aufklärung und Organisation der Arbeite rinnen macht. Im deutschen Schneider- und Schneiderinnenverband, Mitgliedschaft Hamburg, ward über den„ Buchdruckerstreit" referirt. Der Verein der Kurbelstepperinnen, Stepper 2c. hielt eine Versammlung ab, in welcher Herr Hennig über das Thema: " Jwan der Schreckliche" sprach. -Im Allgemeinen Arbeiterinnenverein sämmtlicher Berufszweige für Berlin und Umgegend hielt Frau E. Ihrer( Velten) einen mit reichem Beifall aufgenommenen Vortrag über„ Volksernährung." Ueber das nämliche Thema ward in einer Versammlung des Zentralvereins der Fabrik- und Handarbeiterinnen Deutsch lands, Zahlstelle Hamburg, referirt. Die Freie Vereinigung der in der Papierindustrie Berlins und Umgegend beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen hielt eine Mitgliederversammlung ab, in welcher Frau Rohrlack über„ Volksaberglauben" sprach. Reicher Beifall lohnte den anziehenden Vortrag, an den sich eine rege Diskussion knüpfte. Frau Beier referirte im Verein zur Vertretung der gewerblichen Interessen der Frauen und Mädchen Hamburgs über:„ Die Lage der Buchdrucker, bezw. den Buchdruckerstreik." Im Zentralverein der Fabrik- und Handarbeiterinnen Deutschlands, Zahlstelle Altona, hielt Genosse Schlicke einen beifällig aufgenommenen Vortrag über das Thema:„ Die Stellung der Frau und die Bedeutung der gewerkschaftlichen Organisation." Im Fabrikarbeiterinnenverein zu Stettin sprach Frau Herbert über„ Das schwache Geschlecht," und verbreitete sich eingehend über die Schmutzkonkurrenz, welche den Arbeitern seitens der Arbeiterinnen gemacht werde, und der nur durch Aufklärung und Organisation der letzteren gesteuert werden könne. -In Düsseldorf ward ein Bildungsverein für Frauen und " In diesem Augenblick ward nach einem leichten Pochen die Eingangsthür rasch geöffnet und ein hübsches Mädchen trat ein. Sie trug, obwohl das Thermometer einige Grad Kälte wies, ein dünnes, lichtes Perkalkleid, das jedoch auf das sorgfältigste ge= waschen und gebügelt war. Troß dieses leichten Anzuges schien sie nichts von Stälte zu verspüren, ihr Teint war von zarter Frische, ihre Wangen zeigten das blühendste Roth. Sie gehörte eben zu den leppigen, zu den Gutgenährten, die schon in früher Jugend einiges Fett ansammeln. Fröhlich guckte sie mit ihren blauen Augen in die Welt, ihr fleines Näschen, das, im Profil wenigstens, einen leichten Schwung nach aufwärts nahm, verlieh ihrem Gefichte etwas Nedisches, und sobald ihre Augen ernster blickten, etwas Resolutes; und resolut war sie auch, diese kleine, runde Person, dabei flink und lebhaft in ihrer Sprechweise, und in allen ihren Bewegungen. " " Ihr seid allein, Kinder?" rief sie, sich in der Küche umsehend. Und was treiben denn die Schlingel da? Hahahah, ba liegen sie beide am Boden und wollen durch die Rize guden." Sie lief zu ihnen und fniete an ihrer Seite nieder, vergaß jedoch nicht, vorher ihr Kleid vorsorglich in die Höhe Sie zu nehmen.„ Heda, Ihr Neugierigen kommt zu mir." nahm Hans auf den Arm und füßte ihn. Der mußte sie gut tennen, er ließ sich, was sonst nicht seine Sache war, ihre Liebfofung ruhig gefallen und schwang sich in ihren Armen behaglich hin und her. " Georg aber legte den Finger an den Mund. Pst, Rosa," machte er, er ist schon drinnen." " Wer? Onfel Friz?" fragte das Mädchen, fast erschreckt. Der Kleine schüttelte verneinend den Kopf.„ Der Vater, er spricht mit dem Christkind; ich habe ihn schon reden gehört, o ja," und er schnitt ein ungeheuer pfiffiges Gesicht dazu. " I Du Affer!!" rief Rosa.„ Du freuft Dich wohl schon „ I " 13 Mädchen" gegründet, welcher die Proletarierinnen mit geistigen Waffen für die Antheilnahme an den sozialen und wirthschaftlichen Rämpfen unserer Zeit ausrüsten soll. In Mettmann( bei Elberfeld) fand eine große Versammlung statt, zu welcher auch die Frauen herangezogen werden sollten. Die Behörden strichen jedoch in der Anmeldung die Worte und für Frauen" aus und machten es damit den Bewohnerinnen des Ortes unmöglich, der Versammlung beizuwohnen. Genosse Rohrlack( Berlin), der über das Programm der Sozialdemokratie referirte, führte zum Punkt„ Abschaffung aller das Vereins- und Versammlungsrecht beschränkenden Geseze" in scharfer Weise aus, daß der Polizei durchaus nicht das Recht zustehe, den Frauen den Zutritt zu den Volksversammlungen zu verbieten. Die Versammlung beschloß dafür einzutreten, daß die schon so arg beschränkten Volksrechte nicht noch durch polizeiliche Verfügungen geschmälert werden. Die Frauen des Saarreviers, welche bis jetzt der Arbeiterbewegung ferne gestanden, fangen an, derselben ihr Interesse zuzuwenden. In Anschluß an eine sehr stark besuchte Versammlung zu Hunnes, bei der ein Drittel der Anwesenden sich aus Frauen refrutirte, erklärte eine größere Anzahl der letzteren, dem lokalen Rechtsschutzverein beitreten zu wollen. Da das Vereinsgesetz die Mitgliedschaft der Frauen bei politischen Vereinen verbietet, ward die Gründung einer nur Frauen und Mädchen umfassenden Organisation beschlossen. Zweck derselben soll Unterstützung der Mitglieder in Krankheitsfällen und Vermittlung von Belehrung über die soziale Frage sein. In Pfersee( bei Augsburg) wurde die Filiale des Verbandes deutscher Textilarbeiter und Arbeiterinnen aufgelöst, weil der Vorsitzende derselben angeblich eine politische Versammlung einberufen hatte, und diese dem überwachenden Auge des Gesetzes gegenüber für eine Versammlung der betreffenden Filiale ausgegeben haben sollte. Der Vorsitzende bestreitet die Richtigkeit dieser superfeinen polizeilichen Auslegung. Die in Frage kommende Versammlung war übrigens aufgelöst worden, noch ehe sie in die Tagesordnung eingetreten war. -In Oesterreich, wo die sozialistische Arbeiterbewegung binnen wenigen Jahren Fortschritte gemacht wie in feinem zweiten Lande, nehmen auch die Proletarierinnen einen immer thätiger und energischer werdenden Antheil am Klassenkampf, zeichnet sich immer schärfer eine, Hand in Hand mit der Arbeiterbewegung gehende, klassenbewußte Arbeiterinnenbewegung ab. So wurden in letzter Zeit in Habers pirck, Kasten( bei Teplitz), Neunkirchen, Wernstadt und Schönau Bildungsvereine für Arbeiter und Arbeiterinnen gegründet. sehr? Ich kann mir's denken. Höre, ist die Mama auch drinnen?" Sie zeigte nach der Thür. " Ja," nickte Georg. „ Und " Und Onkel Friß noch nicht?" " Onein." Sie nahm ihn beim Kinn und füßte ihn, von dieser Auskunft sehr befriedigt. Sie wollte ihn ebenfalls auf den Arm nehmen, aber Georg wehrte sich dessen. „ Ich lasse mich nicht mehr tragen, ich bin schon groß," sagte er. " I freilich, Du bist schon ein ganzer Mann, sprichst ja auch wie ein solcher; sage mir nur" das Mädchen neigte sich noch etwas mehr ihm zu und dämpfte ihre Stimme sage, wird Onkel Friz heut Abend bei Euch sein?" " Georg sah sie groß an, der veränderte Ton war ihm jedenfalls aufgefallen.„ Ja," sagte er ebenso leise. Und nach einer Weile noch leiser ihr ins Ohr:„ Die Mutter hat schon einen Fisch für ihn gekauft." Rosa mußte lachen. Ich möchte doch wissen, Georg, ob Du den Onkel Fris sehr lieb hast?" " O ja, ich habe ihn sehr lieb." " Warum denn?" ,, Er ist immer mein Pferd, und ich kann auf ihm reiten." Rosa stellte keine weiteren Fragen, fie sezte Hans nieder auf den Boden und ganz wie vorher die Mutter sagte sie:„ Gieb hübsch Acht auf den Kleinen, Georg, ich muß ein wenig hineinsehen." Ehe sie aber ins Zimmer trat, sprang sie noch zur Eingangsthür und versperrte diese, zweimal den Schlüssel umdrehend. Jetzt war sie doch sicher, daß dieser Friß sie nicht unvorbereitet hier überraschen könne.„ Ich komme gleich wieder!" Sie winkte nochmals den Kindern zu, und dann verschwand auch sie in der Thür, diese fest hinter sich zuziehend. ( Fortsetzung folgt.) Der Verein sämmtlicher Manufakturarbeiter für Wien und Umgegend hielt eine sehr zahlreich besuchte Versammlung ab, in welcher zwei Drittel der Anwesenden Frauen waren. Auf der Tagesordnung stand:„ Die Frauenfrage," zu der verschiedene Redner vom sozialistischen Standpunkte aus sprachen. In einer von dem nämlichen Verein in Augersdorf einberufenen Versammlung referirte Genossin Salomon über das nämliche Thema. Stürmischer Beifall folgte den Ausführungen, die sichtbar einen tiefen Eindruck auf das Publikum gemacht. -In Steinschönan tagte Anfangs Dezember der zweite Kongreß der Glas- und Keramikwaarenarbeiter Desterreich- Ungarns. Die in den einschlägigen Berufszweigen thätigen Arbeiterinnen hatten sich durch eine Delegirte, Genossin Fenkt, vertreten lassen, welche mit großer Begeisterung für die Interessen ihrer Berufsgenossinnen sprach und die Kollegen aufforderte, ihre Vorurtheile gegen die Gleichberechtigung der Arbeiterinnen fahren zu lassen, diesen vielmehr das Recht zuzugestehen, ihrerseits thätigen Antheil an den großen BeDie dem strebungen der Arbeiterklasse zu nehmen.( Beifall.) Kongreß vorgelegten Berichte konstatiren, daß Frauen und Kinderarbeit in den meisten Branchen eine große Rolle spielt, die männlichen Arbeitskräfte verdrängt und auf das Schonungsloseste ausgebeutet wird. Der Kongreß beschloß zum Punkte der Frauenarbeit:„ Die Frauenarbeit kann nur dann geregelt werden, wenn sämmtliche Arbeiterinnen in die Organisation einbezogen werden. Durch ein geregeltes, der Arbeitsleistung entsprechendes Lohnsystem wird die Arbeiterin dem Arbeiter nicht mehr eine gefährliche Konkurrenz bieten. Der Beschäftigung von Frauen in den, dem weiblichen Organismus besonders schädlichen Betrieben ist von den Gewerkschaften auf das Energischste entgegen zu wirken." Der Verein der Schneider und Schneiderinnen Klagenfurts veranstaltete eine Versammlung, in welcher Frau Grubinger aus Wien über:„ Die traurige Lage der Schneider und Schneiderinnen" referirte. Am Schluß ihrer Ausführungen forderte die Rednerin die Arbeiterinnen zum Anschluß an die Arbeitervereine und zur Antheil nahme an dem öffentlichen Leben auf. Als nächste Ziele empfahl sie ihnen zu erstreben: Gleichstellung der Arbeiterin mit dem Arbeiter; strenge Einhaltung der Sonntagsruhe; Einführung des achtstündigen Arbeitstages. Pflicht der klassenbewußten Arbeiter sei es, die Arbeiterinnen aufzuklären und zum Kampf für das Recht zu schulen. " Vom 1. Januar an erscheint in Wien zusammen mit der Arbeiter- Zeitung eine Arbeiterinnen- Zeitung," welche den Frauen und Mädchen des Proletariats eine Waffe im Kampfe für ihre Befreiung sein soll. Ein herzliches und freudiges Glückauf dem neuen Organ, dem Mitstreiter für die Interessen der Frauen des werkthätigen Volks! Der in London bestehende Bund für Frauenbefreiung hielt seine erste Versammlung unter dem Vorsitze des Parlamentsmitgliedes Stansfeld ab. Dieselbe war sehr stark und namentlich von Frauen besucht. In seiner Einleitungsrede erklärte der Vorsitzende, die Frauen hätten den Beweis ihrer Tüchtigkeit auf allen Arbeitsgebieten geliefert. Er sei gegen jede gesetzliche Beschränkung ihrer Thätigkeit, denn er stimme mit dem verstorbenen Lord Derby überein, welcher einmal sagte:„ Den Frauen sollte jede Arbeit, sei sie nun industrieller oder wissenschaftlicher Art, gestattet sein, sobald sie sich dazu fähig erwiesen." Die Hilfe der Frauen sei besonders nothwendig auf dem Gebiete der Erziehung, der Verwaltung und ganz besonders dem des Armenwesens. Es sei eine seiner angenehmsten Erinnerungen, daß er, als er noch im Dienste war, Frauen als Inspektorinnen des Armenwesens ernannte. Nach längerer Debatte wurde eine Resolution angenommen, in welcher folgende Forderungen aufgestellt sind: Erleichterung der gleichen Erziehung für Frauen wie Männer, Zulassung der Frauen zu allen Berufen und öffentlichen Aemtern, keine Beschränkung der Arbeitszeit für Frauen, die nicht auch den Männern auferlegt ist, gleicher Lohn für gleiche Arbeit ohne Unterschied des Geschlechts. Die nächste Versammlung soll sich mit den politischen Rechten und Pflichten der Frau beschäftigen. Es sei hierzu bemerkt, daß in dem Bund der Einfluß wohlmeinender, aber unklarer, von einer bürgerlichen Auffassung der Verhältnisse ausgehender Elemente überwiegt, wie der Beschluß bezüglich Beschränkung der Arbeitszeit beweist. Die russischen Revolutionärinnen. In der Geschichte der Kämpfe für Volkswohl und Voltsfreiheit verdienen die Russinnen ein besonderes Blatt, auf dem in goldenen Schriftzügen die Namen von Hunderten und Hunderten von jungen Mädchen und Frauen zu verzeichnen sind, die, weil 14 sie eine bessere, schönere Zukunft für Alle geträumt, weil sie mit einem Muth, einer Opferfreudigkeit ohne Gleichen für dieses ihr Ideal gekämpft haben, mit vorzeitig aufgeriebenen Kräften ins Grab sanken, nach Sibiriens Eiswüsten verschickt wurden, hinter Kerfermauern im Wahnsinn oder durch Selbstmord endeten, am Galgen ihr Leben aushauchten oder als Flüchtlinge fern von der Heimath ein freudloses, entbehrungsreiches Leben führen. Die Russinnen, welche zuerst in die revolutionäre Bewegung eintraten, hatten meist schon einen Kampf geführt, den Kampf für die Emanzipation der Frau, den Kampf zumal für die gleiche Ausbildung, die gleiche Berufsthätigkeit des weiblichen und männ lichen Geschlechts. In Folge der Weite und Schärfe ihrer Auffassung, der rücksichtslosen Kritik, welche sie an Alles legten, vor der kein Vorurtheil, so altersgrau und heilig es sein mochte, bestehen konnte, in Folge des leidenschaftlichen Bestrebens, in allen menschlichen und gesellschaftlichen Beziehungen die Wahrheit zu suchen, in Folge der tiefen Liebe zu dem unglücklichen, von einer despotischen Regierung geknechteten und verdummten, von einem spizbübiſchen Beamtenthum bis aufs Mark ausgesaugten Volfe, in Folge ihres heißen Wunsches, diesem Erlösung zu bringen, standen sie schon damals hoch über dem Durchschnitt unserer bürgerlichen Frauenrechtlerinnen Westeuropas. Durch das Studium der Werke von Fourier, Owen, Lassalle, Marx, durch die Schriften von Herzen, Ogarieff und vor Allem von Tschernischewsky, dessen Roman " Was thun?" den Anstoß zu einer moralischen Wiedergeburt der russischen gebildeten Jugend gegeben, waren sie mit dem Sozialismus bekannt, waren sie zum größten Theil glühende Anhängerinnen seiner Lehren geworden. Wenn sie Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre in Schaaren ins Ausland, zumal nach der Schweiz zogen, so geschah dies nicht blos, weil sie hier Wissen holen fonnten, nach dem sie dürsteten, sondern auch, weil es ihnen hier möglich war, die sozialistische Literatur, die soziale Frage, die sozialen Kämpfe umfassender und gründlicher zu studiren, als in der Heimath. Laßt uns lernen, um frei zu werden und unsere versklavten Brüder und Schwestern aus dem Volke frei zu machen, das war die Losung, unter der sie nach Zürich wie zu einem sozialistischen Mekka wanderten. In Zürich verließen sie die Hörsäle der Professoren und besuchten sie die Versammlungen der Sozialisten und Revolutionäre; hier vertauschten sie ihre Lehrbücher der Medizin und Naturwissenschaften mit sozialistischen Schriften, befestigten und vertieften sie ihre sozialistischen Ueberzeugungen. Der Heldenkampf des Pariser Proletariats in der Kommune, der in diese Zeit fiel, gab ihren Gefühlen und Ueberzeugungen neue Nahrung. Alle ihre Wünsche von Volksglück und Volksfreiheit, all ihre bis dahin unklaren, nebelhaften Vorsätze, ihr Leben, ihre Thätigkeit der Befreiung der unteren Klassen zu widmen, fanden nun einen klaren, zielbewußten Ausdruck in dem Schrei:„ Laßt uns unter das Volk gehen," laßt uns das Volk bilden, laßt uns Bauern und Arbeiter zu thätigen Gliedern einer freien, glücklichen Gesellschaft erziehen. Diesem Ziel entsprechend kehrten sie in die Heimath zurück, wo sie sofort mit Feuereifer ans Werk gingen. Junge Mädchen, welche den reichsten und vornehmsten Familien entstammten, in Wohlleben, ja Lurus herangewachsen waren, verzichteten freudig auf alle Vortheile ihrer Geburt und Stellung. Sie flohen aus dem elterlichen Hause, vertauschten ihre elegante Kleidung mit dem einfachen, groben Volkskostüm, sie, die nie erfahren, was Noth, was Arbeit um ein Stück Brot bedeutet, traten in Fabriken ein, schafften täglich 12, 14, 16 Stunden in eintöniger Arbeit an der Maschine, theilten das Leben ihrer Arbeitskameradinnen, schliefen wie diese in verpesteten Nachtherbergen auf hölzernen Pritschen, lebten wie diese von schlechter und ungenügender Nahrung. Nicht nur allen liebgewordenen Gewohnheiten, auch vielem Unentbehrlichen entsagten sie. Noch größer war die Zahl der jungen Mädchen und Frauen, welche unter die Bauern gingen, deren hartes, mühseliges Leben mit all seinen Qualen und Entbehrungen auf sich nahmen. Andere wieder ließen sich als Lehrerinnen, Hebammen, Doktorinnen auf dem Lande und in Arbeitervierteln nieder, suchten in steter Berührung mit dem Volke dessen moralische und materielle Leiden und Bedürfnisse kennen zu lernen. Das Elend, das sie in jeder Beziehung fanden, war so riesengroß, daß all ihre Be= muhungen, Erleichterung zu schaffen, dem Tropfen Wasser auf einem heißenStein glichen, daß sie in derlleberzeugung von derNothwendigkeit einer Umgestaltung der gesellschaftlichen Ordnung bestärkt wurden. All den Mädchen und Frauen, die„unter das Volk" gingen, war mithin die Propaganda der sozialistischen Idee die Hauptsache, von ihr erwarteten sie eine gesellschaftliche Wiedergeburt des Landes. In der Stube, wo sie ihr Quartier aufgeschlagen, in der sußigen Hütte eines Bauem, oft auch auf einem freien Platz mitten im Dorfe sammelten sie Leute aus dem Volke um sich, lasen sie ihnen sozialistische Broschüren vor, erklärten sie diese, suchten sie durch Lieder und Gedichte die frohe Botschaft von der Berufung Aller zum Glück in einer umgestalteten Gesellschaft in Herzen und Köpfe der Armen und Elenden zu tragen. Sie kannten bei ihrem Propagandawerk keine Ermüdung, keine Entbehrung war ihnen zu groß, kein Opfer zu schwer. Um des Volks, um ihrer Mission willen gaben sie mit freudiger Genugthuung Alles preis, was ihnen im Leben früher lieb und theuer gewesen war, sie fanden nur in Einem Befriedigung: in dem Bewußtsein, ihre Pflicht den Mühseligen und Beladenen gegenüber gethau zu haben. Und die Erfüllung dieser ihrer Pflicht war oft sehr schwer. Der Boden, den sie für den Sozialismus bestellen wollten, war in Folge Jahrhunderte langer Vernachlässigung meist rauh und hart. Der russische Bauer hoffte nicht mehr auf Erlösung, er mißtraute den„Herren" und„gnädigen Frauen," die zu ihm kamen, er brachte ihren Bestrebungen Gleichgiltigkeit und Stumpfsinn entgegen. Die Pro- pagandistinnen lernten die Bitterniß vergeblichen Mühens und Ringens, des Verkanntwerdens der edelsten Absichten kennen, sie wurden von denen, die sie retten wollten, oft mit Feindschaft, mit Denunziation gelohnt. Dies Alles vermochte nicht ihren Eifer zu lähmen, ihre Begeisterung erkalten zu machen, sie setzten ihr Werk mit der Ueberzeugungstreue, dem Entsagungsmuth von Aposteln fort. Als die Regierung voller Furcht vor den Wirkungen der »sozialistischen Pest" Propagandisten und Propagandistinnen in den Riesenprozessen der 50 zu Moskau, der 193 zu Petersburg vor Gericht stellte, als hier die Einzelheiten über Leben und Wirken der jungen Mädchen und Männer bekannt wurden, als diese mit Worten voll flammender Begeisterung ihre Ueberzeugungen und Ziele darlegten, da hatte die bürgerliche Presse und Gesellschaft Rußlands nur ein Urtheil:„Das sind keine Missethäter, das sind Heilige." Die despotische Regierung des Zaren ging von da an mit steigender, unerhörter Brutalität und Grausamkeit gegen die durchaus friedliche Propaganda und ihre Träger vor. Hunderte von jungen Leuten und jungen Mädchen wurden ohne Prozeß, ohne Ver- urthcilung in die scheußlichsten Gefängnisse geworfen, nach Sibirien geschleppt, in die öden nordischen Provinzen verbannt, ihren Familien und Freunden entrissen, unter Polizeiaufsicht gestellt, gemiß- handelt, wie nie gemeine Verbrecher gemißhandelt worden waren. Spitzel und Polizisten hefteten sich an die Fersen der Propagandisten und Propagandistinnen, machte ihnen das Wirken unter dem Volk geradezu zur Unmöglichkeit. Unter solchen Verhältnissen sahen die russischen Revolutionäre ein, daß sie die Form des Kampfes für eine neue Gesellschaft ändern mußten. Sie wurden von ihrem übermächtigen Gegner gezwungen, auf den Druck durch Gegendruck Zu antworten. Waren die Polizisten, hohe wie niedere, ihre unversöhnlichen Feinde, die sie zu Tode hetzten, so mußten auch sie zu keinen Pardon kennenden Gegnern der Polizisten werden. Die wilde Hätz gegen die idealen, friedlichen Propagandisten riefen die Attentate gegen Spione, Gensdarmen und deren Chefs hervor. Auf den weißen Schrecken seitens der Regierung folgte der rothe Schrecken seitens der Revolutionäre, der zuletzt, wie dies dem persönlichen, absolutistischen Regiments des Zaren gegenüber uahe lag, in einen Kampf gegen die Person des russischen Selbstherrschers gipfeln mußte. So trat unter dem Gebot der Nothwehr der Terrorismus an Stelle der Propaganda. Auch an den terroristischen Kämpfen der russischen Revolutionäre uahmen die Frauen einen hervorragenden Antheil, setzten sie Leib und Leben für ihre Ideen aufs Spiel. Frauen streiften als Sendboten der revolutionären Organisationen unter tausenderlei Gefahren' und Schwierigkeiten durch das Land, vermittelten den Verkehr von Gruppen und Personen miteinander, gewannen neue Anhänger,. sammelten Mittel, schloffen sich monatelang in den ungesunden, oft in Kellern gelegenen geheimen Druckereien ein, wo sie die revolutionären Propagandaschriften, die Proklamationen des revolutionären Exekutivkomites herstellten, nahmen an den gefährlichsten Berathungen Theil, forderten bei den schwierigsten, anstrengendsten, Körper und Geist verzehrenden Unternehmungen ihren Platz, waren oft Kopf und Arm, leitender Gedanke und ausführende Kraft der revolutionären Streiter. Was sie auch thaten, sie thaten es einfach und schlicht, ohne Aufhebens, ohne Rühmens, wie etwas Alltägliches und Selbstverständliches, wie eine Pflicht, deren Erfüllung Herzenssache ist. Dutzende um Dutzende von ihnen fielen den polizeilichen Schergen in die Hände, wurden moralisch und körperlich zu Tode gemartert und starben am Galgen, aber Kämpferinnen um Kämpferinnen drängten sich in die gerissenen Lücken und füllten die Reihen. Frauen wie Perowskaja, Helfmann, Sassulitsch, Aigner, Bardina, Subotina und andere haben als Vorkämpferinnen der Volksfreiheit in Rußland gelebt und gehandelt, sind als Märtyrerinnen derselben gefallen und verdienen dankbare Erinnerung, wo immer auch für die Befreiung der unteren Klassen gekämpft werden mag. Ein so guter Kenner der russischen revolutionären Bewegung wie Stepnjak bemerkt treffend, daß diese ihren fast religiösen Charakter den Frauen verdankt, die an ihr Antheil nahmen, die heilige, läuternde Flamme der Begeisterung in sie hineintrugen. Als nach der Hinrichtung Alexander II. und nach etlichen anderen, meist verunglückten Attentaten, die Zeit des Terrorismus ihren Abschluß fand, als die revolutionären Streitkräfte erschöpft waren, sich wieder sammeln und zählen mußten, da blieben die Frauen nach wie vor der Bewegung treu und stellten ihr Sein und Können in deren Dienst. Das Heldenmädchen Sophie Günzburg, das im letzten Jahre in einem der höllischsten Gefängnisse des Zarenreichs unter Aufbietung ungewöhnlicher Energie durch Selbstmord endete, um nicht in Augenblicken geistiger Umnachtung die Kameraden den Henkern auszuliefern, ist der beste Beweis dafür, daß die russischen Frauen nicht darauf verzichtet haben, in dem Kampf für die Freiheit in den vordersten Reihen zu stehen. Wenn heute in Rußland der Despotismus fällt und politische Bewegungsfreiheit gegeben wird, da wird man in Rußland eine Frauenbewegung, eine An- theilnahme des weiblichen Geschlechts an der Ausgestaltung des öffentlichen Lebens sehen, wie in keinem zweiten Lande. Es sei noch bemerkt, daß sich die russischen Revolutionärinnen mit wenig Ausnahmen, wie Jessa Helfmann und etliche Andere, aus den Schichten der Besitzenden und Gebildeten rekrutirten. Dieser Umstand erklärt sich aus den politischen Verhältnissen des Landes. Sie haben zur Folge, daß nicht nur die breiten Massen des Volks, sondern auch die Klassen der Reichen und Gebildeten unter dem Drucke des Despotismus, der Selbstherrschaft des Zaren seufzen. Nun stehen Erstere unter einem doppelten Joch, dem wirthschaftlichen, das noch härter auf ihnen als auf ihren proletarischen Brüdern Westeuropas lastet, und unter dem der politischen Tyrannei, die ihnen den Kampf so gut wie unmöglich macht. Letztere dagegen sind in Gestalt ihrer Bildung, einer Folge ihrer größeren wirthschaftlichen Unabhängigkeit, mit einer dem Volke mangelnden Waffe ausgerüstet, die ihnen ermöglichte, bisher im Kampfe gegen den Despotismus eine hervorragende Rolle zu spielen. Anders liegen die Dinge in Deutschland, in Westeuropa. Hier haben die sogenannten gebildeten Klassen, Adel und Bürgerthum, alles Interesse an der Fortdauer der bestehenden politischen Verhältnisse. Hier liegt weder für deren männliche noch weibliche Angehörige ein Grund vor, das Proletariat in seinem Kampfe gegen die herrschende Gesellschaftsordnung zu unterstützen, im Gegentheil haben sie alles Interesse daran, diesen Kampf zu hindern. Die deutschen Proletarierinnen werden nicht das Schauspiel erleben, daß Hunderte und Tausende der Frauen der Oberen Zehntausend in ihre Reihen treten und ihnen durch ihr Beispiel nicht nur zeigen, wie man für eine Idee mit Würde stirbt, sondern auch— was oft weit schwerer— wie man tagaus tagein für eine Idee lebt und kämpft, wie dies die russischen Revolutionärinnen gethan. Die deutschen Proletarierinnen sind für ihren Befreiungskampf— von Ausnahmen abgesehen— einzig und allein auf ihre Klassengenossen und Klassengenossinnen angewiesen. Nr. 2 der ,, Gleichheit" gelangt am 25. Januar 1892 zur Ausgabe. Kleine Nachrichten. Die Beschäftigung der Arbeiterinnen an Schleifsteinen hält der Aufsichtsbeamte für den Regierungsbezirk Düsseldorf als für den weiblichen Organismus besonders nachtheilig. Die Natur der Schleifarbeit und die bekannte Schädlichkeit derselben, das öftere Fehlen einer entsprechenden Betriebsüberwachung lassen nach ihm das Verbot der Frauenarbeit in dem betreffenden Berufszweig als wünschenswerth erscheinen. Die badische Regierung hat die Zulassung der Frauen zum Universitätsstudium, zunächst in der mathematisch- naturwissenschaftlichen Fakultät, beschlossen. Es ist mit Freuden zu begrüßen, daß endlich ein deutsches Land mit dem alten Zopf gebrochen, aber man begreift nicht, warum den Frauen nicht gleichzeitig der Zutritt zu allen Fakultäten gestattet worden ist. Das dringendste Bedürfniß liegt unbestreitbar für Freigabe des medizinischen Studiums vor, damit die Frauen endlich Gelegenheit erhalten, sich im Krankheitsfalle von Geschlechtsgenossinnen behandeln zu lassen und nicht, wie dies vielfach vorkommt, sich jahrelang mit Leiden zu schleppen, weil es ihrem Gefühle widerstrebt, die ärztliche Hilfe eines Mannes in Anspruch zu nehmen. Das badische Unterrichtsministerium hat verordnet, daß für alle Mädchen einer Fortbildungsschule, sowie für freiwillige Theilnehmerinnen, an Stelle des Fortbildungsunterrichts die Unterweisung in der Haushaltungskunde verbunden mit Kochkurs treten kann. Der Unterricht soll auf Erwerbung von Kenntnissen behufs Führung einer praktischen Lebenshaltung gerichtet sein. Sehr schön, aber welches Ministerium verordnet, daß die männlichen Angehörigen der Proletarierfamilien so viel verdienen, daß ihre Frauen und Töchter zu Hause bleiben, daß sie über die nöthigen Mittel für die Lebenshaltung verfügen können, um die im Haushaltungsunterricht erworbenen Kenntnisse praktischer Wirthschaftsführung zu verwerthen? Die Proletarierinnen können nicht zuerst ans Kochen und Wirthschaften, sie müssen zuerst ans Verdienen denken, und der Verdienst der gesammten Arbeiterfamilie ist meist derart, daß ihre praktische Lebenshaltung" nach dem erschütternden Vers geregelt werden muß: ,, Kartoffeln in der Früh', Des Mittags Kartoffeln in Brüh, Des Abends Kartoffeln im Kleid, Kartoffeln in alle Ewigkeit." Die Nürnberger Bau-, Maurer- und Zimmermeister- Innung giebt in der„ Baugewerkszeitung" die ortsüblichen Arbeitslöhne für Maurerarbeiten an. Nach den betreffenden Angaben erhält eine Arbeiterin pro Stunde 22 Pfg., sage und schreibe zweiundzwanzig Pfennige. Der höchste Lohnsatz für Männer beträgt 65 Pfg. pro Stunde. Solch schamloser Ausbeutung der weiblichen Arbeitskraft gegenüber erhellt die Nothwendigkeit der Forderung: gleicher Lohn für gleiche Arbeit ohne Unterschied des Geschlechts, eine Forderung, die nur in dem Maße verwirklicht wird, als die Arbeiterinnen sich organisiren und am Kampf ihrer Klasse gegen die kapitalistische Gesellschaft theilnehmen. Zur Lage der Kellnerinnen. Wie die„ Münchener Post" berichtet, müssen in München die Kellnerinnen den Stellenvermittlern geradezu Riesenpreise zahlen. Es sind Fälle bekannt, wo Kellnerinnen für die Zuweisung eines Plates 40, 50, ja 72 Mf. bezahlen mußten. Die Lohnverhältnisse entsprechen durchaus nicht diesen den Mädchen abgepreßten Summen. In vielen Wirthschaften erhalten die Kellnerinnen überhaupt keinen Lohn, und dort, wo sie gezahlt werden, nimmt ihnen die Herrschaft ihren„ Gehalt" unter den verschiedensten Vorwänden wieder ab. So giebt es z. B. größere Wirthschaften, in welchen eine Kellnerin pro Monat 12 Mt. Lohn erhält. Davon gehen 1 Mt. 40 Pf. für Invaliditäts- und Krankenkasse und 10 Mk. für die Wohnung ab; von den übrig bleibenden 60 Pf. muß die Kellnerin die Fenster- und Besteckpuzzer bezahlen. Für jedes Loch, das ein Gast in eine Tischdecke gebrannt, muß die Kellnerin eine Mark bezahlen. Solche Erwerbs- und Lohnverhältnisse bereichern- nämlich Stellenvermittler, Wirthe und das Heer der Prostituirten. Frauenstudium. Eine in Stry( Desterreich) stattgefundene ruthenische Frauenversammlung beschloß, bei dem Reichsrathe zu petitioniren, es möge den Frauen fortan die Aufnahme in Gymnasien und Universitäten gestattet werden. Von welcher Wichtigkeit die Einsetzung von parlamentarischen Untersuchungskommissionen, wie sie der Abgeordnete Bebel im Reichstage beantragte, für die Erforschung der Lage der Arbeiterklasse ist, zeigen die in den letzten Sizungen der parlamentarischen Untersuchungsfommission in England gemachten Erhebungen über die Lage der Arbeiterinnen Londons. Sämmtliche vernommenen Zeuginnen, Arbeiterinnen der verschiedenen Industrien, klagten über schlechten 16 Lohn, lange Arbeitszeit, Ueberzeitarbeit, ungesunde Arbeitsräume und theilweise über grobe Behandlung und mangelhafte Fabritinspektion. Die Vertreterin des Tapezierergewerks gab an, daß hier oft bis 10 Uhr Abends, manchmal die ganze Nacht hindurch gearbeitet werden müßte. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob sie nicht wisse, daß Frauen nach dem Fabrikgesetz nicht über die gesetzlich bestimmte Zeit arbeiten dürfen, antwortete sie:„ Ach, sie thun es aber doch!" In Uebereinstimmung verlangten die Zeuginnen weibliche Fabrikinspektoren, weil die Arbeiterinnen mit solchen freier und offener sprechen könnten, namentlich in Bezug auf gesundheitliche Verhältnisse. Geradezu schauderhafte Dinge tamen über die Lage der Barmaids( Kellnerinnen) zu Tage. Die Arbeitszeit derselben ist so lang, daß eine Wirthschaft, in welcher sie wöchentlich nur 105 Stunden arbeiten, ein gutes Haus genannt wird. Nur in einigen großen Restaurants beträgt die Arbeitszeit 90 Stunden pro Woche. Die gesundheitlichen Bedingungen, unter welchen die Mädchen leben müssen, sind oft ganz unerhörte. Die Schlafräume sind nicht nur ungesunde, sondern oft geradezu mörderische. Die Gesundheit der Mädchen leidet sehr durch das lange Stehen, das viele Korkziehen und durch Alkoholvergiftung verschiedener Art. Was die Sittlichkeitsverhältnisse betrifft, so giebt es Arbeitgeber, welche es beinahe zur Engagementsbedingung machen, daß die Mädchen ihnen zu Willen sind. Es giebt in England und Wales ungefähr 80 000 Kellnerinnen. Auf dem Wege der Organisation kann nur wenig für dieselben gethan werden, dagegen sehr viel durch Unterstellung der Wirthschaften unter das Fabrikgesetz. Vor der nämlichen Kommission wurde auch Dr. Tatham, Gesundheitsbeamter für Manchester, über die Ursachen der großen Kindersterblichkeit vernommen. Derselbe behauptete, an derselben sei hauptsächlich Schuld, daß viele junge verheirathete Frauen bald nach der Entbindung wieder in die Fabrik gehen und ihre Kinder fremder Pflege überlassen. Ein Monat Ausschluß aus der Fabrik nach erfolgter Entbindung, wie ihn das Fabrikgesetz vorschreibt, sei nicht genügend, vielmehr sollten die Frauen erst sechs Monate nach der Niederkunft wieder arbeiten dürfen. Eine dahin lautende Bestimmung würde, wie er glaube, von hervorragendem Einfluß auf die Verminderung der Kindersterblichkeit sein. Er zweifle auch nicht, daß die Gesundheit der Mütter durch die zu frühe Rückkehr zur Arbeit leide. Der gute Mann meint es unzweifelhaft gut mit den Arbeiterinnen, aber sein Vorschlag ist deshalb unausführbar, weil er die für sechs Monate aus der Fabrik gesperrten Arbeiterfrauen mit ihren Kindern dem Hunger überliefern würde. Umfassender Schutz der Gesundheit wird den Arbeitermüttern erst in der sozialistischen Gesellschaft zu Theil werden. Eine Nordamerikanerin, Frau Helen Remington in San Francisco, behauptet, das Verfahren erfunden zu haben, einen Faden durch das Papier einer Banknote laufen zu lassen und dadurch deren Nachahmung unmöglich zu machen. Die Dame besitzt ein Patent für ihre Erfindung und will die Regierung zwingen, ihr für den Gebrauch derselben ein Abstandsgeld zu zahlen. Wissenschaftliche Autoritäten( Proust, Arnould, Deplats 2c.) haben nachgewiesen, daß in den Bleiweißfabriken jährlich auf je 100 Arbeiter 50 Kranke kommen. Von geradezu mörderischen Folgen ist die Bleiweißvergiftung der Arbeiterinnen im Mutterschaftsfalle begleitet. Nach Constantin Paul kamen auf 27 Schwangerschaften 22 Fehlgeburten, 4 Todtgeburten und nur ein lebendes Kind. Für 43 Schwangerschaften ergaben sich folgende Resultate: 32 Fehlgeburten, 3 Todtgeburten, 2 lebende, aber sehr schwächliche Kinder. Eine Frau, welche bereits fünf Fehlgeburten gemacht hatte, gab ihre Arbeit in der Bleiweißfabrik auf und bekam ein gesundes Kind. Je nachdem die Arbeiterinnen in Bleiweißfabriken schafften oder nicht, kamen sie mit todten oder lebenden Kindern nieder. Auf 141 Schwangerschaften, die von an Bleiweißvergiftung leidenden Männern herrührten, zählte man 82 Fehlgeburten, 4 Frühgeburten, 5 Todtgeburten. Von den 50 lebenden Kindern starben 20 im Alter vor einem Jahre, 15 wurden 1-3 Jahr alt, 14 verschieden im dritten Lebensjahre, nur 4 überschritten dasselbe. Ist das nicht Engelmacherei im großen Stile, welche alle Enthüllungen über Kindesabtreibungen durch Hebammen tief in den Schatten stellt? Von Frau Henrich- Wilhelmi geht uns unter Hinweis auf § 11 des Preßgesetzes eine Entgegnung auf eine aus Köln datirte Korrespondenz in Nr. 51 der„ Arbeiterin" zu; Frau H.-W. behauptet in dieser Entgegnung, daß sie die Verantwortung für die Erklärung des Kölner Freidenkervereins nicht übernehme; sie habe entgegengesetzt, als sie Kenntniß davon erhielt,„ einige Stellen, die böswilligen Gegnern(?) zu Mißdeutungen Anlaß geben konnten, bemängelt." Die übrigen Auslassungen der Frau H.-W. drucken wir nicht ab, da sie nicht zur Sache gehören. Berantwortlich für die Rebaktion: Fr. Klara Bettin( Gißner) in Stuttgart. Druck und Verlag von J. H. W. Diez in Stuttgart.