C t e 1 r t it 1, 11 r, 11 3= 0 e m 32 n, 3. ιδ 11 it re en en ごり ch m 70 en on It. 4 J. ig Nr. 4. Die Gleichheit 2. Jahrgang. Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Herausgegeben von Emma Ihrer in Velten( Mark). Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr 2564a) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf. 3ur gefälligen Beachtung. Stuttgart Montag, den 22. Februar 1892. Alle neueintretenden Abonnenten der ,, Gleich heit" erhalten sämmtliche bis jetzt erschienenen Nummern nachgeliefert. Die regelmäßigen Sigungen der Frauenvereine werden gratis inſerirt. Die Vereinsvorstände werden um diesbezügliche Mittheilung ersucht. Alle Reklamationen und berechtigte Beschwerden bitten wir an die Verlagsbuchhandlung von J. H. W. Diez in Stuttgart zu richten, worauf sofort Abhilfe geschaffen wird. Stuttgart. Redaktion und Verlag der„, Gleichheit." Nieder mit dem Militarismus. " Die das allgemeine Interesse in Spannung erhaltende Frage, welche das sozialdemokratische Zentralorgan, der Vorwärts," durch seine Veröffentlichung, die Soldatenmißhandlungen betreffend angeschnitten, ist ganz besonders dazu angethan, die volle Aufmerksamkeit der weitesten Frauenkreise des werkthätigen Volkes zu erregen, ihren tiefempfundenen, energischen Protest gegen Zustände herauszufordern, von deren Barbarei ein Schleierzipfelchen gelüftet worden ist. Durch den im„ Vorwärts" veröffentlichten Erlaß des Herzogs Georg von Sachsen ist beweiskräftig dargethan, daß der " gemeine Soldat" seitens seiner unmittelbaren Vorgesezten, der Unteroffiziere, vielfach einer Behandlung oder richtiger Mißhandlung ausgesetzt ist, die seine Gesundheit gefährdet, wenn sie die selbe nicht wie vorgekommen für immer vernichtet; einer Behandlung, die seinen Charakter bricht, das Gefühl der Selbst achtung in ihm ertödten muß; einer Behandlung, welche eine zhnische Verhöhnung ist jedes Funkens von Menschenwürde, jeder Spur von Humanität und Zivilisation, mit denen sich unsere Zeit so gern brüstet. Und wie aus dem Erlaß weiter- allerdings noch mehr zwischen als in den Zeilen zu ersehen, hat zu ersehen, hat der Gequälte und Gepeinigte von seinen höheren Vorgesetzten nicht immer den zugesicherten Rechtsschutz zu erwarten, dagegen öfters Gleichgiltigkeit, barsche Abweisung oder gar weitere Drangfalirungen. Die auffallend große Zahl der Selbstmorde im Heer hatte Manches in der Beziehung ahnen lassen, was nun Gewißheit geworden ist. -aller Die Mundstücke der verschiedenen bürgerlichen Parteien bemühen sich, die schrecklichen Thatsachen in bedeutungslose, ausnahmsweise Vorkommnisse umzu- stempeln oder zu ihrer Bekämpfung harm- und nutzlose Mittel, wie die Oeffentlichkeit des militärischen Gerichtsverfahrens, vorzuschlagen. Nur die sozialistischen Blätter sind fonsequent und muthig genug, über die Köpfe bestialisch roher Unter offiziere hinweg den Militarismus als System für die vorgekommenen Greuel verantwortlich zu machen und seine Beseitigung zu fordern. Niemand wohl fonnte durch die Offenbarungen tiefer getroffen werden, Niemand wohl mußte angesichts der enthüllten Barbareien schmerzlicher leiden, als die Hunderttausende von Müttern, als alle die Frauen, deren Söhne und sonstige Angehörige unter den Fahnen stehen. Allerdings rechnen wir unter die Zahl der Frauen, die von Schmerzen und Entseßen erfaßt sich der Forderung anschließen müssen:„ Nieder mit dem Militarismus!" nicht die Zuschriften an die Redaktion der Gleichheit" find zu richten an Fr. Klara Zetkin( Eißner), Stuttgart, RothebühlStraße 147, IV. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. Freiinnen der Jßenpliße und Stöckerize mit ein, deren Söhne das Patent zu schneidigen Jardelieutenants" mit auf die Welt bringen; wir denken auch nicht einmal an die Mütter, welche vorsichtig genug waren, ihren Knaben Renten in die Wiege zu legen, die den Besuch höherer Bildungsanstalten, die Erlangung des Einjährig- Freiwilligen- Zeugnisses ermöglichten. Der Einjährige wird zwar gelegentlich auch gern etwas geschuhriegelt," allein die Drangfalirungen, welche ihm widerfahren, halten sich gewöhnlich innerhalb gewisser Grenzen. Als Sohn vermöglicher Eltern fann er bei dem gestrengen Herrn Unteroffizier die Mängel seiner Leistungen durch jene kleinen Geschenke wett machen, welche, wie es heißt, die Freundschaft erhalten." Weiter vermag er eher als sein Kamerad mit dreijähriger Dienstzeit, sich durch die Jrr- und Wirrgänge der militärgeseßlichen Bestimmungen über Beschwerde= recht und Beschwerdegang hindurchzuarbeiten, rede- und schriftgewandter als dieser, fann er leichter sein Recht suchen. " 1 Weit ungünstiger liegen die Dinge für den dreijährigen Gemeinen." Dieser bringt in Folge der schon jahrelang geübten Berufethätigkeit meist einen mangelhaft oder einseitig entwickelten, steifen, ungelenken Störper mit in die Kaserne. Die Ungeschicktheit des„ Bauernlümmels" und" Fabriklers" mag die Geduld der Unteroffiziere auf manche Probe stellen, welcher diese um so weniger Stand halten, als hier ihrer Tugend der Mäßigung kein Lohn winkt. Woher sollte auch der arme Teufel nehmen, um zu geben? Für ihn also die gröbsten, gemeinsten Schimpfwörter, die Knüffe und Büffe, die bis zur Schinderei gesteigerten außerordentlichen Uebungen, die Mißhandlungen der bestialischsten und raffinirtesten Art, von denen der Erlaß des Herzogs von Sachsen berichtet. Der dem Soldaten nach dem Wortlaute des Gesetzes offenstehende Beschwerdeweg nüßt ihm selten etwas; er findet sich in den vielen diesbezüglichen Bestimmungen nicht zurecht, die niedrigeren Vorgesetzten, an die er sich wenden muß, sind oft gerade seine Peiniger, die höheren Vorgesezten haben für seine Klagen nur zu oft taube Ohren. Ihre Die Frauen, deren Herz sich beim Lesen der an Soldaten verübten Scheußlichkeiten zusammenkrampfte, gehören der Mehrzahl nach den breiten Schichten des arbeitenden Volks, der Arbeiterklasse, dem Kleinbürgerthum, dem Kleinbauernstand an. Söhne und Brüder sind es, die gemißhandelt worden, oder denen die Gefahr droht, in Zukunft mißhandelt zu werden, denn von all den in Aussicht gestellten Abhilfemitteln, mögen sie noch so gut und ernst gemeint sein, ist keine oder nur geringfügige Besserung zu hoffen. Das Wesen des Militarismus bringt es mit sich, daß wir auch fünftighin von Mißhandlungen der Soldaten hören werden. Wo, wie dies beim Militär der Fall, von der einen Seite blinde Unterordnung, unbedingter Gehorsam gefordert, auf der anderen Seite dagegen so gut wie unbeschränkte Macht verliehen wird, da bleiben auch Greuel, wie die enthüllten, nicht aus. Der Besitz der Macht schließt stets die Möglichkeit von dem Mißbrauch der Macht in sich. Aber, nehmen wir sogar an, das Unmögliche geschähe, das Kasernenleben verwirklichte in Zukunft das Ideal der idyllischen " Ferienkolonie," welche der General Vogel von Falkenstein ge= priesen. Auch dann noch wären für die Frauen des Volks genug und übergenug Gründe vorhanden, unversöhnliche Gegnerinnen des Militarismus zu sein und zu bleiben. Die Mütter der Junkerlein, die altabligen Namen führen oder auf einem wohlgefüllten Geldsack sizen, können dem Eintritt ihrer Söhne in das Heer leichten Herzens entgegensehen. Soldatwerden bedeutet hier eine Karrière machen, einen Lebensberuf er= greifen, der, sind erst die niederen Staffeln der militärischen Hierarchie überflommen, ein reichliches, auf alle Fälle aber und dies ist heutzutage sehr hoch anzuschlagen ein sicheres Einkommen bietet. Der zum Krüppel geschossene oder in den Ruhestand getretene höhere Offizier bezieht eine Pension, mit welcher er sehr standesgemäß" leben kann, und sogar der schmalere Alterssold der niederen Offiziere ist im Vergleich zu der berüchtigten Altersrente der Arbeiter noch immer als eine glänzende Versorgung zu bezeichnen. Für den jungen Mann aus dem Volke dagegen ist die Einbeziehung in den Militärdienst gleichbedeutend mit einer Unterbrechung, mit einer empfindlichen Störung seiner Berufsthätigkeit. Vom vierzehnten, fünfzehnten Jahre an, oft noch früher, ist er darauf angewiesen gewesen, selbst für seinen Lebensunterhalt aufzukommen. Die Familienmutter, welche mit dem Groschen, ja Pfennige rechnen muß, fie empfindet es als Erleichterung, wenn sie für einen Mund weniger zu sorgen hat, oder wenn sich allwöchentlich der Verdienst des Sohnes dem Lohn des Vaters, wohl auch ihrem eigenen hinzufügte. Mit dem Eintritt des jungen Mannes in das Heer fällt die Mehreinnahme weg, auf Grund derer vortheilhafteres Wirthschaften war; umgekehrt sollte die Mutter, oder möchte sie wenigstens gern, wieder mit Dem oder Jenem für die Bedürfnisse ihres Kindes sorgen. Mehr noch, sind es nicht die Eltern, sind es nicht die Brüder und Schwestern oft jüngeren Alters, welche in Wirklichkeit nun wieder auf Jahre hinaus für den Unterhalt des Sohnes aufkommen müssen? Die Riesensummen, welche der Militärmoloch verschlingt, werden durch die direkten und noch mehr durch die indirekten Steuern aufgebracht, welche die unteren Volksmassen am stärksten belasten. Die Hausfrau muß ihr Brot, ihren Kaffee, ihr Petroleum 2c. theurer bezahlen, damit die Millionen zusammentommen, welche der Unterhalt des Heeres und die unaufhörlichen Rüstungen kosten; unter heuchlerischer Form wird ihr und den Ihren der Unterhalt der erwachsenen, rüstigen, arbeitsfähigen Söhne aufgebürdet. Nach vollendeter Dienstzeit tritt dann die sorgenschwere Frage an die Familie heran, ob der heimkehrende Sohn wohl sofort einen Erwerb finden werde, ob er durch die lange Unterbrechung seiner Berufsthätigkeit nichts von seiner Fähigkeit und Geschicklichkeit im Arbeiten eingebüßt habe. Von Erwägungen moralischer Natur, ob der Sohn als der Alte zurückkehre, ob Charakter und Gemüth gelitten, sei hier nicht die Rede. Es giebt Leute, welche sehr viel von der versittlichenden, erzieherischen Wirkung des Militärdienstes sprechen und es giebt Leute, welche ihnen glauben. Doch weiter. Ist der Militarismus nicht, wie jeder Körper, Der von seinem Schatten, von dem drohenden Gespenst eines möglichen Krieges begleitet, und welche Qualen leidet das Herz von Millionen von Frauen bei dem Gedanken einer solchen Möglichkeit? Ehrgeiz, die Machtgelüfte eines Fürsten, die Ungeschicklichkeit eines Diplomaten, die Profitwuth der Bourgeoisie, die neue Abjazgebiete für ihre Waaren braucht, werden Ursache, daß die Kriegsfurie zwei Nationen gegeneinander heßt. Der mit Schmerzen geborene, unter Sorgen und Mühen großgezogene Sohn, der Stolz, vielleicht auch die Stüße der Mutter, der Gatte und Vater, sie alle müssen fort, ein Zufall bestimmt darüber, ob sie gesund, ob sie als Krüppel, als Kranke wiederkehren, oder ob sie die Heimath gar nicht wiedersehen. Gewiß, auch die Frauen der Bourgeoisie und Aristokratie werden bis ins Mark getroffen, wenn der Krieg ihnen einen theuren Angehörigen raubt oder als Krüppel zurückschickt. Allein bei den proletarischen Frauen gesellt sich in ähnlichen Fällen zu dem Schmerz noch ein anderes Moment hinzu: die Sorge. Mit dem Gatten, dem Vater, dem Sohne fällt der Ernährer; der ganz oder theilweise arbeitsunfähige Invalid wird aus einer Stüße zu einer Last für die Familie. Zwar erhält auch der auf dem„ Felde der Ehre" zum Einarm oder Stelzfuß gewordene Soldat seine Pension, allein diese ist nicht mit Rücksicht auf ein„ standesgemäßes" Leben bemessen, sie wird in der Regel durch den berühmten Erlaubnißschein 34 des Leierkastenmannes vervollständigt, durch die Freiheit, den Bettelsack umzuhängen. Und noch vor Einem, dem Furchtbarsten, Schrecklichsten, müssen die Frauen des Volks, müssen vor Allem die Proletarierinnen zittern, deren Angehörigen unter die Waffen gerufen werden. Das Militär ist nicht blos gegen den äußeren, es ist bekanntlich auch gegen den inneren Feind da. An hoher Stelle soll- wenn die Zeitungen recht berichteten Zeitungen recht berichteten vor nicht zu langer Zeit Refruten gegenüber das Wort gefallen sein, daß der Soldat dem Kriegsherrn unverbrüchlichen Gehorsam schulde, der sich auch dann bethätigen müsse, wenn es sich darum handle, auf Vater und Mutter zu schießen. zu schießen. Wenn das Wort wirklich gesprochen, es wäre nur ein streng wahrheitsgemäßer Ausdruck thatsächlicher Verhältnisse. In Frankreich, in Fourmies, um kein anderes Beispiel zu geben, mußten im vorigen Jahre die als Soldaten zum unverbrüchlichen Gehorsam gegen ihre Vorgesetzten verpflichteten Söhne des Volkes Feuer geben auf ihre Väter und Brüder, auf ihre Mütter, Schwestern und Freunde, die wegen einer höchst friedlichen, festlichen Kundgebung für den Achtstundentag mit einem Schlage als innerer Feind" betrachtet werden mußten. " Die Frauen des Volks, die an einer Lohnbewegung theilnehmen, die eine Verkürzung der Arbeitszeit zu erringen suchen, die sich selbst und den Ihren ausreichend Brot und eine„ kurze Sklavenrast," wie es im Liede heißt, verschaffen möchten, sie müssen mit der Gefahr, mit dem entsetzlichen Gedanken rechnen, daß eines schönen Tages ihre nächsten männlichen Blutsverwandten die mörderische Waffe auf sie richten. Denn auch in diesem Falle ist der Soldat im Namen des Vaterlands zum Gehorsam verpflichtet. Der Weg zur Musterung, auf welchem die Proletarierin in Gedanken den unter fröhlicher oder richtiger betäubender Musik dahinziehenden Sohn begleitet, ist für sie, angesichts solcher Erwägungen, denen sich noch viele andere anschließen, ein Weg nach Golgatha. Die vor das Licht der Oeffentlichkeit gezogenen, an Soldaten verübten Barbareien sind nur ein Grund mehr, aber lange nicht der einzige, daß die Arbeiterinnen, daß die nicht zu den oberen Zehntausend zählenden Frauen mit aller Energie in den Ruf einstimmen:„ Nieder mit dem Militarismus," und daß sie mit Rücksicht auf den Sozialismus, welcher allein das herrliche Ideal des Weltfriedens zu verwirklichen vermag, inbrünstig flehen:„ Dein Reich komme!" Arbeiterinnen- Bewegung. Am 19. Januar fand in Heide eine äußerst zahlreich besuchte Volksversammlung statt, in welcher Frau Kähler( Wandsbeck) unter großem Beifall über„ Die wirthschaftliche Stellung der Frauen" sprach. -In Buckau bei Magdeburg sprach Frau Henrich- Wilhelmi am 21. Januar in einer von Männern und Frauen gut besuchten öffentlichen Versammlung über das Thema:„ Der Frauen Natur, Pflicht und Recht." Nachdem die Rednerin einen Ueberblick über die Stellung der Frau gegeben, die Behauptung von deren geringerer geistiger Beanlagung zurückgewiesen und die Zulassung des weiblichen Geschlechts zu den Studien und liberalen Berufen gefordert hatte, gelangte sie zu dem Schlusse, daß die Sozialdemokratie die einzige Partei sei, welche für gleiches Recht für Alle einträte und die Gleich berechtigung der Frau in ihr Programm aufgenommen habe. Eine öffentliche Versammlung der Tabakarbeiter und-Arbeiterinnen Erfurts tagte am 23. Januar, um sich über die Stellung nahme zum Gewerkschaftskongreß und örtliche Angelegenheiten schlüssig zu machen. Die Versammelten sprachen sich für Entsendung eines eigenen Delegirten aus. -Die Frauen und Mädchen Schiffbecks und Umgegend hörten am 24. Januar ein Referat des Genossen Klüß über„ Die jetzigen wirthschaftlichen Krisen und ihre Folgen." Der Redner empfahl zum Schluß seiner trefflichen Ausführungen, kräftig an der gewerkschaft lichen und politischen Bewegung theilzunehmen, sich der Sozialdemo fratie anzuschließen. Die Versammlung erklärte sich in einer Resolution mit den Darlegungen des Redners einverstanden. In Liegnitz( Schlesien) fand am 24. Januar eine öffentliche Versammlung der Tertilarbeiter und Arbeiterinnen statt, in welcher Frau Ihrer( Velten) über die Frauenbewegung" sprach. Der Zu drang zu der Versammlung war so stark, daß schon lange vor ihrem Beginn das Lokal überfüllt war und viele Männer und Frauen wieder umkehren mußten, ohne Platz gefunden zu haben. Nachdem die Referentin ein anschauliches und interessantes Bild von der untergeordneten Stellung der Frau in der Gesellschaft und der Ausbeutung der Proletarierinnen durch die Profitwuth der Kapitalisten entworfen, begründete sie die Nothwendigkeit, die Arbeiterinnen in die gewerkschaftlichen Organisationen einzubeziehen und politisch zu schulen. Die Versammlung erklärte sich durch stürmischen Beifall mit den Ausführungen der Referentin einverstanden. Eine Genossin legte die Nothwendigkeit der Organisation der Arbeiterinnen behufs Steigerung der Löhne mit Hinweis auf die Thatsache dar, daß der Preis der Lebensmittel stetig steigt, während die ortsüblichen Löhne ebenso stetig sinten, seit einigen Jahren um 50 Prozent zurückgegangen sind. Am 25. Januar referirte Frau Ihrer in Haynan( Schlesien) vor einer gleichfalls außerordentlich stark besuchten Versammlung über das nämliche Thema. Die Versammlung, welche die Ausführungen der Rednerin mit begeistertem Beifall aufgenommen, erklärte in einer Resolution ihre volle Zustimmung zu denselben und versprach, energisch für sie einzutreten. In einer öffentlichen Versammlung der Frauen und Mädchen von Wandsbeck, die am 25. Januar stattfand, sprach Genosse Klüß über„ Die Verbannung von Wissenschaft und Recht," und erntete mit seinen Ausführungen reichen Beifall. Die Schneider und Schneiderinnen von Leipzig beschlossen am 25. Januar in einer öffentlichen, gutbesuchten Versammlung die Errichtung einer Herberge für alle in der Bekleidungsindustrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen. Frau Henrich Wilhelmi referirte am 27. Januar in einer gut besuchten Versammlung des Allgemeinen Arbeiterinnen- Vereins für Berlin und Umgegend über:„ Die rechtlose Stellung der Frau." Die Rednerin forderte in Anschluß an ihre diesbezüglichen Darlegungen für weibliche Angeklagte weibliche Vertheidiger und Geschworenen, für kranke Frauen weibliche Aerzte, sie verlangte ferner für das weibliche Geschlecht das Recht, Vertreter in Reichstag, Landtag und Gemeinde wählen zu können. Der Vortrag wurde mit anhaltendem Beifall belohnt. In Güstrow fand am 27. Januar eine von tausend Personen, Männer wie Frauen, besuchte Versammlung statt, in welcher Frau Steinbach( Hamburg) über das Thema sprach:„ Die gewerbliche Frauenarbeit und ihre Bedeutung für die moderne Arbeiterbewegung." Die Rednerin zeichnete in kräftigen Strichen ein Bild der Ausbeutung der Frauenarbeit und legte dann die Gründe dar, welche die Proletarierinnen zum Anschluß an die sozialdemokratische Bewegung zwingen, zugleich den Nutzen zeigend, den letztere aus der Antheilnahme der Frauen am Klassenkampfe ziehen muß. Am 29. Januar referirte Frau Steinbach am nämlichen Orte in einer öffentlichen Versamm lung der Schneider über„ Die Gewerkschaftsbewegung." Klar und verständlich legte sie die Bedeutung der gewerkschaftlichen Organisation dar, welche der Arbeit zum Schutz, dem Kapital zum Truß gereichen müsse. Beide Versammlungen stimmten durch begeisterten Beifall den Ausführungen der Rednerin zu. Der Leseklub ,, Karl Mary" zu Berlin hatte für den 31. Januar eine Versammlung für Männer und Frauen berufen, die von mehr als tausend Personen besucht war. Herr Dr. Bernstein hielt einen sehr interessanten Vortrag über„ Die erste Hilfe bei Unglücksfällen." -Am 31. Januar sprach in Aschersleben Frau HenrichWilhelmi vor einer auch seitens der Frauen gut besuchten Versammlung über das Thema:„ Der Begriff der Gotteslästerung." In Nordhausen hielten am 1. Februar die Tabatarbeiter und Arbeiterinnen eine öffentliche Versammlung ab, in welcher die Nothwendigkeit einer strammen Organisation betont und ein Delegirter für den Gewerkschaftskongreß zu Halberstadt gewählt ward. -Am 7. Februar fand in Berlin eine gut besuchte Versammlung für Männer und Frauen statt, in welcher Genosse Koblenzer unter reichem Beifall über„ Die Chartistenbewegung in England" referirte. Der sozialdemokratische Leseklub„ Dietzgen" in Berlin hielt am 7. Februar eine öffentliche Versammlung für Männer und Frauen ab, in welcher Genosse Keßler über den„ Entwurf des VolksschulGesetzes" sprach. Die Versammlung protestirte in einer Resolution gegen diesen Entwurf und erklärte es für Gewissenszwang, daß Kinder, deren Eltern aus der Landeskirche ausgetreten sind, zum Religionsunterricht gezwungen werden sollen. In einer zweiten Resolution sprach die Versammlung ihre Entrüstung darüber aus, daß die Staatsanwaltschaft zu Magdeburg den Genossen Peus nicht aus der Untersuchungshaft an das Sterbebett seiner Frau entlassen habe. In einer öffentlichen Versammlung der in der Blumen- und Puzzfedernbranche thätigen Arbeiter und Arbeiterinnen zu Berlin sprach Herr Dr. Pinn über das Thema:„ Konventionelle Lügen." 35 An den mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag schloß sich eine lebhafte Diskussion, an welcher sich Frln. Wabnitz und Frau Rönsch betheiligten. Genosse Meyner referirte in Berlin am 7. Februar in einer vom Leseklub„ Karl Mary" einberufenen öffentlichen Versammlung, die von 1500 Männern und Frauen besucht war, über„ Die Ethik der heutigen Gesellschaft." Der Redner erntete für seine Ausführungen reichen Beifall. " -In einer gut besuchten öffentlichen Versammlung der Tabakarbeiter und-Arbeiterinnen von Berlin, die am 7. Februar stattfand, sprach Herr Stahl über„ Die Vortheile der Einführung der Kontrollmarke in die Tabakindustrie." Die Versammlung erklärte sich in einer Resolution für die Einführung der Kontrollmarke und forderte den Unterstützungsverein der Tabakarbeiter Deutschlands auf, zu dem Beschluß bezw. der Frage Stellung zu nehmen. " Am 8. Februar fand in Berlin eine von 5000 Männern und Frauen besuchte Volksversammlung statt, in welcher Bebel über den„ Entwurf des neuen Volksschul- Gesetzes und die Sozialdemokratie" sprach. Nach dem zweistündigen Vortrag Bebel's wurde folgende Resolution einstimmig angenommen:„ Die Versammlung erblickt in dem neuen Volksschul- Gesetzentwurf nur die Konsequenz der fortschritts und kulturfeindlichen Bestrebungen, die seit geraumer Zeit die herrschenden Klassen und Regierungen in Deutschland verfolgen. Der Kampf der Liberalen aller Schattirungen gegen den Entwurf kann sie darüber nicht täuschen. Die Auffassung, daß ein Schulgesetz nach dem Entwurf mit seiner streng religiösen und konfessionellen Grundlage als wirksames Mittel zur Bekämpfung der Sozialdemokratie zu verwenden sei, erachtet die Versammlung als naiv und absurd und als einen Beweis dafür, daß man gegnerischerseits keine Ahnung hat von den Grundursachen, welche die Sozialdemokratie hervorriefen und deren schließlichen Sieg bedingen. Die Versammlung kann das Heil der Volkserziehung nur von gesetzlichen Einrichtungen erwarten, durch welche die Religion als Privatsache erklärt, die Abschaffung aller Aufwendungen aus öffentlichen Mitteln zu kirchlichen und religiösen Zwecken ausgesprochen und die Weltlichkeit der Schule durchgeführt wird. Die Versammlung ist ferner überzeugt, daß weder die Regierung noch die herrschenden Klassen, die im preußischen Landtage ausschließlich vertreten sind, den Willen besitzen und ihn aus Klasseninteresse nicht besitzen können, diesen Grundsätzen gerecht zu werden. Daher steht die Versammlung sowohl dem Entwurf wie allen von jener Seite ausgehenden Reformvorschlägen feindlich und ablehnend gegenüber." In Frankfurt a. M. fand eine sehr gut besuchte öffentliche Versammlung der Schneider und Schneiderinnen statt, welche ein: stimmig folgende Resolution annahm:" In Erwägung, daß das Königl. Polizeipräsidium zu Frankfurt a. M. zum zweiten Male die Schließung der Mitgliedschaft des Deutschen Schneider- und Schneiderinnen- Verbandes angeordnet hat mit der Motivirung, daß nach Urtheil des Schöffengerichtes der Verein als ein politischer zu betrachten und demgemäß die Aufnahme von Frauen ungesetzlich sei, protestirt die Versammlung mit aller Entschiedenheit gegen diese Auffassung. Sie ist der Ansicht, das Schöffengericht würde den Verein nicht freigegeben haben, wenn er als politischer zu betrachten wäre, da er kein lokaler, sondern eine Mitgliedschaft eines zentralisirten Vereins sei, als ersterer aber nach§ 8 des Vereinsgesetzes nicht mit einem anderen in Verbindung treten dürfte. Die Versammlung erblickt in dem Vorgehen des Polizeipräsidiums eine empfindliche Störung der Gewerkschaftsbewegung, die um so bedeutungsvoller ist, als es den Arbeitern nur durch eine geeignete Organisation möglich ist, sich vor der vollständigen Unterjochung durch das Großkapital zu sichern." Am 9. Februar fand in Berlin eine Versammlung der Schneider und Schneiderinnen statt, in welcher Reichstagsabgeordneter Singer über„ Die Gewerbeschiedsgerichte und den Entwurf eines Ortsstatuts für dieselben" referirte. Der Redner betonte im Laufe seiner Ausführungen besonders, daß es unbedingt nöthig sei, auch den Arbeiterinnen das Wahlrecht zu den Gewerbeschiedsgerichten zu ver leihen, wie dies die sozialdemokratischen Stadtverordneten beantragt hätten, als es sich um Ausarbeitung eines neuen Ortsstatuts für Berlin gehandelt habe. Ihr Antrag wurde abgelehnt. Das gleiche Schicksal hatte der anläßlich der Berathung des Gesetzes über Gewerbeschiedsgerichte von den sozialdemokratischen Abgeordneten im Reichstag eingebrachte Antrag, allen 21 Jahre alten Arbeitern und Arbeiterinnen das Wahlrecht zu den Gewerbeschiedsgerichten zuzusprechen. Referent verbreitete sich noch eingehend über den vom Berliner Magistrat ausgearbeiteten Entwurf eines Ortsstatuts, der noch reaktionärer als das betreffende Reichsgesetz sei. Nach Schluß des sehr beifällig aufgenommenen Vortrags führte Herr Pfeiffer an, daß die Zahl der Arbeiterinnen, welche auf Grund des neuen Gesetzes von der Antheil| nahme an den Wahlen des Gewerbeschiedsgerichtes ausgeschlossen sind, Der in Berlin für die Bekleidungsbranche allein 50 000 beträgt( gegen 18-20 000 männliche Arbeiter). Frau Ihrer sprach am 10. Februar in einer außerordentlich zahlreich besuchten öffentlichen Versammlung der in Album-, Karton, Papier, Luruspapier und Lederwaarenfabriken beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen von Berlin unter reichem Beifall über ,, Die Ernährung der Arbeiter." Die Referentin führte aus, daß die Arbeiterfrauen der nöthigen Kenntniß des Ernährungsprozesses, des Nährwerths der Hauptnahrungsmittel ermangelten, ferner angesichts ihres knappen Wirthschaftsgeldes nicht rationell kochen könnten. Die Versammlung wählte dann zwei Delegirte zu dem Halberstadter Gewerkschaftskongreß und erklärte in einer Resolution, daß sie erwarte, dieser werde die Gründung großer Vereinigungen von Arbeitern und Arbeiterinnen in die Hand nehmen, ferner darüber entscheiden, ob die Arbeiterinnen mit Arbeitern zusammen oder von denselben getrennt zu organisiren seien. In der Mitgliederversammlung der Wirker und Wirkerinnen von Berlin hielt Frau Rohrlack am 17. Januar einen beifällig aufgenommenen Vortrag über„ Die wirthschaftliche Entwicklung und die Arbeiterbewegung," in welchem sie eingehend die Bedeutung und Rolle der Frauenarbeit schilderte und die Nothwendigkeit nachwies, die Arbeiterinnen zur Antheilnahme an der Arbeiterbewegung zu erziehen. In der am 21. Januar abgehaltenen Generalversammlung des Vereins der in Buchbindereien und verwandten Betrieben beschäftigten Arbeiterinnen zu Berlin sprach Herr Türk unter reichem Beifall über„ Frauenbefreiung." Die folgende Diskussion zeigte, daß die Anwesenden mit den Ausführungen des Redners einverstanden waren. Aus dem seitens des Vorstandes erstatteten Geschäftsbericht verdient die Thatsache Erwähnung, daß die Mitgliederzahl seit Gründung des Vereins, am 1. Oktober 1890, von 36 auf 78 gestiegen ist. Die Freie Vereinigung der in der Papierindustrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen von Berlin und Umgegend hielt am 27. Januar ihre Generalversammlung ab. Aus dem Kassen- und Thätigkeitsbericht des Vorstandes erhellte die Gewißheit, daß die Organisation sich kräftigt und zunimmt. Eine gut besuchte Mitgliederversammlung der Näherinnen Deutschlands, Zahlstelle Eimsbüttel, fand am 28. Januar statt. Nach Wahl eines neuen Vorstandes wurden verschiedene Fragen von nur lokalem Interesse diskutirt und eine große Anzahl neuer Mitglieder aufgenommen. Am 30. Jan. hielt der Fachverein der in dem Buchbinder gewerbe beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen zu Stuttgart seine vierteljährige Generalversammlung ab. Aus dem Thätigkeitsbericht Weihnachten. Erzählung von M. Kautsky. ( Fortsetzung.) „ Schau, ein Karl hatte das Packet auseinander geschlagen. seidenes Halstuch," er breitete es auseinander. Dunkelblau mit weißen Streifen, gerade wie es unsere Gecken tragen." " " ,, O, damit will ich Staat machen, darum werde ich beneidet werden," fam es noch immer von der Thüre her. Donnerwetter, Friz, bist Du denn an dieser Stelle angewurzelt, so rühre Dich doch." „ Ja, ich" sein aufmerksames Ohr hatte in der Küche ein leichtes Knarren des Fußbodens vernommen, das durch die sich entfernenden Schritte der nichts weniger als ätherischen Gestalt der kleinen Rosa verursacht wurde." Ah!" schrie Friz auf,„ ich habe sie!" und mit einem Sprung war er in der Küche. " Bist Du verrückt, Kerl, was hast Du, wen hast Du?" ,, Eine Wohnungseinschleicherin," antwortete Friß von draußen. „ Ich habe sie erwischt, ich halte sie." Und in der That umfaßte er im Dunkeln die vermeintliche Spißbübin mit seinen kräftigen Armen und preßte sie dergestalt an sich, als wenn er ihr das Wohnungseinschleichen für immer vertreiben wollte. Die arme Rosa war wohl vom Schreck gelähmt, sonst hätte sie sich der Umschlingung ihres Feindes gewiß entrissen, während sie jetzt das Schreckliche lautlos und geduldig über sich ergehen ließ. Die Eheleute waren ebenfalls herbeigeeilt. ,, Lasse sie!" versezte Auguste, um ihre Freundin ernstlich besorgt.„ Lasse sie, es ist ja Roja!" Friz hatte die Bedauernswerthe indeß schon in das Zimmer geführt. Fräulein Rosa!" rief er, und er that als wäre er auf's höchste erstaunt, als er ihr jetzt bei der hellen Beleuchtung in das 36 des Vorstandes verdient hervorgehoben zu werden, daß der Fachverein zum Zwecke der Agitation unter den Arbeiterinnen besondere Arbeiterinnen- Versammlungen( zwei im letzten Vierteljahr) abhalten läßt, und daß die Zahl der weiblichen Mitglieder 100 gegen 250 männ liche beträgt. Die erfreuliche Zunahme der organisirten Arbeiterinnen des Fachs, die sich erst seit letztem Juli dem Verein anschließen können, ist hauptsächlich auf die von den Arbeitern energisch betriebene Agitation in den Werkstuben zurückzuführen. -In dem allgemeinen Arbeiterinnenverein sämmtlicher Berufszweige von Berlin und Umgegend sprach Herr Henning am 1. Februar über die„ Bartholomäusnacht." Nach Schluß des beifällig aufgenom menen Vortrags wurden die Anwesenden aufgefordert, eine Petition gegen den Entwurf des neuen Volksschulgesetzes zu unterzeichnen. - Der Zentralverein der Fabrik- und Handarbeiterinnen Deutschlands, Zahlstelle Eimsbüttel, hielt am 1. Februar seine Mitgliederversammlung ab, in welcher Frau Busky über„ Zweck und Nutzen des Vereins" referirte. Die Versammlung delegirte Frau Schneider als Vertreterin zu der im April bevorstehenden Generalversammlung des Zentralvereins und beschloß, von der Entsendung einer Delegirtin zu dem Gewerkschaftskongreß zu Halberstadt abzustehen. Am 1. Februar fand die erste Versammlung der Filiale des Zentralvereins der Fabrikarbeiterinnen Deutschlands in Grabow bei Stettin statt. In einem Vortrag über die„ Frauenbewegung" schilderte Frau Panzram die elenden Lohn- und Arbeiterverhältnisse der Proletarierinnen und zeigte die Nothwendigkeit, dieselben zu organisiren und zu der allgemeinen Arbeiterbewegung heranzuziehen. Der Zentralverein der Hand- und Fabrikarbeiterinnen, Zahlstelle Altona, hielt am 2. Februar eine Mitgliederversammlung ab, in welcher Frau Kramm einstimmig als Delegirtin für den Halberstadter Gewerkschaftskongreß und Frau Kähler gleichfalls einstimmig als Delegirtin für die am 24. April stattfindende Generalversammlung des Vereins gewählt wurden. In Marienthal( Desterreich) ward am 10. Januar ein Verein der Textilarbeiter und Arbeiterinnen für Marienthal und Umgegend gegründet, in dem nach anderen Rednern Frau Dworschak aus Wien in packender Weise über„ Zweck und Nutzen der Vereine und Fachorganisationen" sprach. Am 23. Januar fand in Wien ein von dem„ Komité für Frauenstimmrecht" im Saale der österreichischen Eisenbahnbeamten veranstalteter Vortragsabend statt. Frau Turnau, eine sehr gewandte Rednerin, sprach über das Thema:„ Die Nothwendigkeit eines österreichischen Frauentags." Sie wies nach, daß die heutige Form Gesicht sah. Er ließ sie rasch und erschreckt los. O, wenn ich das gewußt hätte!" fügte er in entschuldigendem Ton hinzu, obwohl es recht schelmisch dabei um seinen hübschen Mund zuckte. „ Wer hätte das auch gedacht, Fräulein Rosa, daß sie heimlich in anderer Leute Wohnung " " „ Ich- ich- Auguste Auguste" stotterte das Mädchen, blutroth und wirklich ganz verwirrt. " " Du Narr!" rief Auguste erbost, indem sie ihrem Schwager einen fleinen, freundschaftlichen Rippenstoß versezte. Was glaubst Du denn? Ich hatte sie gebeten, der Bescheerung beizuwohnen, sie wollte durchaus nicht, aber ich drang so lange in sie, bis sie mir versprach, für einen Augenblick unbemerkt ein Zeuge unseres Glücks zu sein." " Dem sie jetzt, wo sie bemerkt wurde, nicht sogleich den Rücken wenden darf," sagte Karl freundlich und bestimmt. " ,, Rosa!" rief ihr Georg von seinem Rappen, auf den er sich rittlings gesezt hatte, jetzt zu. Schau, ich habe eine Peitsche und einen Wagen, und eine schöne Puppe habe ich und das hat mir alles das Christkind gebringt." " Gebracht!" forrigirte der Vater, und sehen Sie nur, Rosa, wie auch der Hans mit seinem Büppchen zärtlich thut." Rosa trat zu den Kindern. Es wäre doch lächerlich gewesen, wenn sie sogleich wieder fortgelaufen wäre. Sie hatte auch bald ihren munteren Ton und die fröhliche Unbefangenheit, die ihr eigen war, wieder erlangt, und sie spielte mit Georg und als er nach der Puppe verlangte, der er bisher aus embarraz de richesse nicht die gebührende Aufmerksamkeit gewidmet hatte, setzte sie ihm dieselbe in den Wagen, damit er sie spazieren fahren könne. Nach Friz hatte sie sich nicht mehr umgesehen. Jest faßte Auguste die Freundin unter den Arm; sie bat sie nun, auch die Geschenke der Großen zu besehen. Alles wurde noch einmal durchgenommen der Familie nicht auf einem Naturgesetze beruhe, sondern als Ergebniß einer geschichtlichen Entwicklung weitere Veränderungen zulasse. Die wirthschaftlichen Verhältnisse arbeiteten an einer Zersetzung und Umgestaltung der Familie und der mit ihr zusammenhängenden Thätig keit und Rolle der Frau. In lebendiger Weise schilderte die Rednerin das Elend der Arbeiterfrauen, die, zum Erwerb herangezogen, die Konfurrentinnen des Mannes werden müssen, und denen es unmöglich sei, ihren Mutterpflichten zu genügen. Aber da das Großkapital den Mittelstand aufzehre und proletarisire, so müßten auch die Frauen und Töchter desselben einen Broterwerb oder wenigstens einen Nebenverdienst suchen. In den höheren Kreisen gehe die Frau vollständig in den Repräsentationspflichten auf. Thöricht sei es, die Frauen auf ihre Bestimmung" als Hausfrauen und Mütter zu verweisen, denn werde etwa von Staatswegen gesorgt, alle Mädchen zu verheirathen und sie dadurch diesem ihrem angeblichen Naturberufe zuzuführen? In Folge der Erfindungen und wirthschaftlichen Umwälzungen werde der berühmte häusliche Herd, an den man die Frau verweisen wolle, bald kalt gestellt sein. Es bereite sich Großes vor, eine Umwälzung der bestehenden Ordnung, die man an maßgebender Stelle nicht sehen wolle. Die Frauen müßten sich zufammenthun, um für ihre Rechte zu kämpfen. Sei die große Mehrzahl der Frauen zum Erwerben gezwungen, so dürfe ihr die Möglichkeit dazu nicht erschwert werden. Die Rednerin ging auf die elende Lage der Arbeiterinnen, Post- und Telegraphenbeamtinnen, Buchhalterinnen 2c. ein und hob hervor, daß die weiblichen Arbeitskräfte überall unterbezahlt würden. Die Frauen wollten nicht länger die entwürdigende Rolle von Konkurrentinnen der Männer spielen, behufs Besserung ihrer wirthschaftlichen Stellung, ihrer Erwerbsverhältnisse, verlangten sie: uneingeschränktes Vereinsund Versammlungsrecht; allgemeines, gleiches und direktes Wahlrecht für alle Staatsbürger ohne Unterschied des Geschlechts; Verstaatlichung der Unterrichtsanstalten, der Lehr- und Lernmittel; gemeinsamer Unterricht beider Geschlechter auf allen Stufen. Sache des Frauentags solle es sein, Aufklärung in jene Kreise der Frauenwelt zu tragen, in denen man die eigenen Interessen noch nicht erkannt hat. Geradezu wunderbar muß es erscheinen, daß Frau Turnau im Laufe ihrer trefflichen, wenn auch den sozialistischen Arbeitern und Arbeiterinnen nicht neuen Ausführungen erklären konnte:„ Wir( die Frauen) gehören keiner Partei an, die alten Parteien sind im Niedergange begriffen, und die neu aufsteigende sozialistische Partei ist nicht anerfannt." Wenn man, wie die Rednerin gethan, die Waffen, mit denen man für die Befreiung der Frau kämpft, aus den sozialistischen Lehren schöpft, die Forderungen, welche man erhebt, aus dem sozia " " " 37 und bewundert: Augustens Garnitur mit den blauen Schleifen, das Medaillon, die Zigarrenspize, welche Rosa auf Karls Verlangen in den Mund steckte, um dann lachend zu versichern, daß sie einen guten Zug habe, endlich konnte sie nicht umhin, auch dem seidenen Halstuch einige Beachtung zu schenken. Sie ließ es einigemal prüfend durch ihre Finger gleiten.„ Es ist von guter Es ist von guter Seide," sagte sie mit einer gewissen Wichtigkeit. Frizz stand plößlich an ihrer Seite, er hatte das entgegengesetzte Ende des Tuches ergriffen.„ Ein schwerer Stoff." bemerkte er, diesen ebenfalls mit den Fingern prüfend. Und eine hübsche Farbe," setzte sie hinzu. " D, gewiß, sehr hübsch, nur zu sehr in die Augen fallend." Rosa dachte, daß dieses tiefe Blau zu seiner brännlichen Gesichtsfarbe allerdings so gut stimmen würde, daß er damit gar vielen Mädchen in die Augen fallen dürfte, aber sie sagte dies nicht und betrachtete mit gesenkten Augen nur noch aufmerksamer das seidene Gewebe. " Es läßt sich daraus wohl eine hübsche Schleife binden," sagte sie dann, gleichsam als das Ergebniß dieser Betrachtungen.„ Meinen Sie wirklich, Fräulein Rosa?" fragte Friz lebhaft, und er wagte es sie dabei anzusehen. Seine Finger waren unter dem Stoffe den ihrigen so nahe gekommen, daß sie sich berührten.„ Nun, es freut mich wirklich recht sehr, daß das Tuch Ihnen so gut gefällt, Fräulein Rosa, denn es ist mein; es ist Augustes Geschenk." Sie ließ ihren Zipfel plötzlich los.„ Entschuldigen Sie," rief sie erröthend in peinlicher Verlegenheit, das wußte ich nicht."" O, ich bitte, das thut nichts," antwortete er eben so verwirrt.„ Und wenn es Ihnen Vergnügen macht-" Er hielt ihr den Zipfel gutmüthig wieder hin. Rosa hustete, ihre Augen schweiften umher, um einen ablehnenden Gegenstand aufzufinden. " " Was bedeutet denn das?" rief sie ganz erstaunt aus, und ihre Finger wiesen auf einen Zettel, worauf ihr Name geschrieben stand. listischen Programm entlehnt, so muß man sich mit der Zeit auch in Reih und Glied der kämpfenden Sozialdemokratie stellen oder aber in Rückwärtserei verfallen und in simpler bürgerlicher Frauenrechtlerei scheitern. Am 31. Januar tagte in Bremen der sozialdemokratische Parteitag für Bremen und benachbarte Wahlkreise. Zur Frage der Agitation brachte die Delegirtin Frau Bosse( Bremen) folgende Resolution ein, welche einstimmig angenommen ward:„ Der Parteitag wolle beschließen, die Genossen in den einzelnen Kreisen zu verpflichten, in der entschiedensten Weise für die Aufklärung und die Organisirung der in der Industrie und Landwirthschaft beschäftigten Arbeiterinnen zu wirken, besonders durch Abhaltung von Frauenversammlungen und durch die Verbreitung der Frauenzeitung„ Die Gleichheit." Frau Bosse begründete ihren Antrag in einer ausgezeich neten und überzeugenden Rede, in welcher sie u. a. darlegte, daß der Mangel an Organisation und Aufklärung der Arbeiterinnen ein Hemmschuh für die gesammte Arbeiterbewegung sei, weil dadurch der Konkurrenz der weiblichen Arbeitskraft der männlichen gegenüber der größte Vorschub geleistet werde. Das Wort„ Proletarier aller Länder vereinigt Euch" werde erst voll und ganz gewürdigt und verwirklicht, wenn man es auf Proletarier und Proletarierinnen beziehe. Auf dem Kongreß der Sozialdemokratie Galiziens, der am 31. Januar in Lemberg stattfand, waren auch Delegirtinnen anwesend. Frau Koszycka trat in warmer und energischer Weise für die Nothwendigkeit ein, die Frauen zu organisiren. Ihre Ausführungen riefen eine längere Diskussion hervor, in welcher von mehreren Genossen geltend gemacht ward, daß die gegenwärtigen Verhältnisse die Organi sation der Frauen bedeutend erschwerten, so daß die diesbezüglichen Bestrebungen nutzlos bleiben oder zu große Opfer fordern würden. Trotzdem nahm der Kongreß eine Resolution an, welche besagt, daß die weiblichen Arbeitskräfte, wo es möglich sei, in die Organisationen einzubeziehen sind. Zu Ostern soll in Elberfeld ein Verbandstag der Textilarbeiter und Arbeiterinnen Deutschlands tagen, der Stellung zu den Beschlüssen des Halberstadter Gewerkschaftskongresses nehmen wird. Im Anschluß an den Verbandstag ist die Abhaltung eines Textilarbeiterkongresses geplant, der gleichfalls in Elberfeld tagen soll. In Leipzig sind nach Beendigung des Buchdruckerstreifs 300 Hilfsarbeiterinnen nicht wieder eingestellt worden, die Zahl der ausgesperrten Hilfsarbeiterinnen beträgt in ganz Deutschland gegen 500. Die Prinzipale rächen sich für den während des Streits ausgestandenen Schrecken und die erlittenen Verluste. , Ein Schächtelchen liegt darunter," sagte Friß, das ist für Sie, aber wie ist das so plötzlich hierhergekommen?" Er reichte es ihr hin. Sie nahm es mit den Fingerspißen entgegen. " Du mußt es öffnen, Rosa," rief Auguste aus der einen Zimmerecke herüber, wo sie ihre Kleinen mit Backwerk fütterte. „ Ich bitte Dich, was thust Du denn so zimperlich, öffne es dreist, sage ich Dir, es wäre sehr ungerecht vom Christkind gewesen, wenn die Rosel leer ausgegangen wäre." Rosa zauderte noch immer. Es war ihr vorgekommen, als ob Friß mit Auguste einen Blick des Einverständnisses gewechselt und es fiel ihr ein: wie, wenn diese Gabe von ihm käme?„ Aber dann will ich sie nicht," dachte sie.„ Ich brauche nichts von ihm, ich kann nichts von ihm nehmen; ich habe ihm doch eine Ohrfeige gegeben und er ist heute so gegeben und er ist heute so ich begreife es gar nicht." Sie warf einen raschen, verstohlenen Blick auf ihn. Er war wirklich ein sehr hübscher Mensch, der Frig, und er hatte so liebe Augen, man fonnte es faum glauben, daß er so falsch war. „ Du sollst öffnen," drängte Auguste. Rosa schlug den Deckel der weißen Papierschachtel zurück. Eine schwarze, ziemlich große Broche lag darin, auf rosa Papier geheftet. In freudiger Bewegung nahm sie sie heraus und be= trachtete dieselbe, plößlich wurden ihre Züge sehr ernst, und ein jähes dunkles Roth stieg bis an ihre Schläfen hinan. Sie besah noch immer den einfachen Schmuck, starr, unbeweglich, als blickte ihr das Haupt der Medusa entgegen, dann, wie zu einem schmerzlichen Bewußtsein erwachend, warf sie die Schachtel sammt dem Inhalt auf den Tisch zurück und einen Blick zornigster Empörung gegen Frizz schleudernd, rannte sie wie toll der Thüre zu, sank aber von ihren Gefühlen überwältigt nahe derselben auf einen Stuhl. Das ist zu viel!" schluchzte sie, indem sie heftig die Hände vor ihr Gesicht schlug. ( Fortsetzung folgt.) " In England widersetzen sich die Kapitalisten mit ihrer ganzen wirthschaftlichen Uebermacht den Organisationsbestrebungen der Arbeiterinnen, bezw. der ungelernten Arbeiter. Die Kämpfe, welche die Gewerkschaften der gelernten Arbeiter vor 50 und 60 Jahren für das Recht der Organisation zu bestehen hatten, die müssen heute in gleicher Form von den ungelernten und weiblichen Arbeitern durchgefochten werden. Entlassungen und Aussperrungen von organisirten Arbeiterinnen regnen nur so hernieder; je schwächer noch die Organisationen sind, um so unverschämter gehen die Herren Unternehmer gegen sie vor. In Bukfastleigh( Südengland) hatte sich die große Mehrzahl der Arbeiter und Arbeiterinnen zweier Wollenmanufakturen der„ Union der Gasarbeiter und Handarbeiter aller Art" angeschlossen, um ihre ganz miserablen Arbeitsverhältnisse verbessern zu können. Da aber diese Verbesserung eine Schmälerung der kapitalistischen Profite bedeutete, so erklärte sehr bald der eine der Fabrikanten seinen„ Händen", daß sie entweder ihre Arbeit verlassen oder aus der Union austreten müßten. Die Androhung der Hungerpeitsche verfehlte nicht ihre Wirfung. Die Arbeiter und Arbeiterinnen traten aus der Organisation aus. Dadurch ermuthigt, stellte der andere Fabrikant seine Arbeiter und Arbeiterinnen vor die gleiche Wahl, jedoch nicht mit dem gleichen Erfolg. In der Folge wurden die in der Fabrit beschäftigten 300 Männer und Frauen vor ca. sechs Wochen ausgesperrt. Ihr Verdienst war ein so niedriger, daß sich viele von ihnen Dank der Unterstützung seitens der Union und freiwilliger Beiträge während der Aussperrung besser stehen, als vorher, wo sie arbeiteten. Auf ihr Nachgeben war also nicht sobald zu rechnen. Der Fabrikant kündigte nun den Arbeitern und Arbeiterinnen, welche fast ausschließlich ihm gehörige Häuser bewohnen, die Miethe. Sein Vorgehen zeigt wieder einmal recht sinnenfällig, daß die als„ Wohlthat" gepriesene Errichtung von Arbeiterhäusern" seitens der Unternehmer nur den Zweck verfolgt, die Lohnsklaven an die Scholle zu fesseln, ein Mittel mehr zu schaffen, ihren Widerstand zu brechen, sie bis aufs Mark ausbeuten zu können. Die Führer der Ausgesperrten von Bukfastleigh haben diesen den Rath gegeben, einer Ausführung der Mittheilung Widerstand entgegenzusetzen, wie dies die irischen Pächter seiner Zeit auf Parnell's Rath hin gethan. Die englischen Arbeiterblätter erkennen einstimmig den bewundernswerthen Muth, die entschlossene Haltung der ausgesperrten Frauen und Mädchen an, welche durch ihre Begeisterung die Männer zum Aushalten anfeuern. " Die Herren Geldsäcke finden bei ihrem Bemühen, den Organisationen der Arbeiterinnen das Lebenslicht auszublasen, allzeit dienstbeflissene Bundesgenossen in den Polizeibehörden. So wird aus Frankfurt a. M. berichtet, daß die dortige Filiale des deutschen Schneider und Schneiderinnen- Verbandes auf Grund des berühmten § 8 des Vereinsgefeßes abermals geschlossen worden ist, weil sie nach ihrer fürzlich erfolgten Wiedereröffnung aufs Neue weibliche Mitglieder aufgenommen habe und sich mit Politik beschäftige. Der Vorstand des sozialdemokratischen Wahlvereins Augsburg hatte im Dezember v. J. eine Beschwerde gegen die polizeiliche Ueberwachung eines Familienabends an die städtischen Behörden zu Augsburg gerichtet. Die Beschwerde ward abgewiesen, da der Polizeibehörde das Recht zustehe, alle Versammlungen politischer Vereine zu überwachen. Der Vorstand des Wahlvereins legte gegen den Bescheid bei der königlichen Regierung von Schwaben Berufung ein. Diese entschied ebenfalls, daß Familienabende, zu denen auch Frauen und Kinder zugelassen wären, politischen Versammlungen gleich zu stellen seien, wenn sie von politischen Vereinen organisirt worden. In Elmshorn fand am 7. Februar an Stelle eines allgegemeinen Festes ein Männerfränzchen des Arbeiterbildungsvereins statt, weil die königliche Regierung zu Schleswig den Frauen den Zutritt als zu einer„ politischen Versammlung" verboten hatte. Während die Männer in dem einen Saale miteinander tanzten, sangen die zahlreich in einem Nebensaale versammelten Frauen Freiheitslieder. Wann werden die Polizeibehörden die letzte Konsequenz aus ihrer Auslegung der Vereinsgesetze ziehen und jede Arbeiterfamilie in ihrem Hause als„ politische Versammlung" überwachen lassen, jede Arbeiterehe als einen„ politischen Verein," dem Frauen„ nicht angehören dürfen," auflösen? Korrespondenz. Lübeck. Am Sonntag den 31. Januar 1892 hielt Herr Hauptlehrer Groth im Tivoli einen Vortrag über„ Die hauswirthschaftliche Ausbildung des weiblichen Geschlechts," der so interessante Details enthielt, daß er verdient in den weitesten Frauenkreisen bekannt zu werden. So führte der Redner z. B. an:„ Die Frau muß Herrin sein über Küche, Keller und Kammer, sie muß in den weiblichen Künsten tüchtig sein und vor allem ihre Kindlichkeit und 38 Keuschheit bewahren; dann ist sie eine liebliche Krone ihres Geschlechts, des Mannes Freude und des Hauses höchster Schmuck." Schöne Worte gedankenlosen Inhalts! Für Herrn Groth scheint die Frau überhaupt nichts weiter als ein Spielzeug oder eine Nippfigur zu sein; es wäre interessant zu erfahren, welche Frauen er eigentlich bei seinen Worten im Auge hatte, wahrscheinlich die Bourgeoisdamen, denn an die Proletarierinnen kann er doch unmöglich gedacht haben. Hat Herr Groth schon gesehen, wie Frauen, mit kurzen Röcken und groben Stiefeln angethan, bei der Abtragung des Walles Seite an Seite mit den Männern arbeiten müssen? Wie es scheint nicht, obgleich er dies in seiner nächsten Nähe beobachten könnte. Ferner muß Herr Groth, als Leiter einer Knaben- Freischule, doch auch sicherlich wissen, daß in vielen Fabriken Kinder in Gemeinschaft mit Erwachsenen beschäftigt werden, und daß da nicht bei jedem Worte Rücksicht auf die anwesenden Kleinen genommen wird. Bei unserem heutigen Gesellschaftszustande, wo der Mann nicht immer so viel verdient, daß er Frau und Kinder zu ernähren vermag, wo die ganze Familie von Morgens früh bis Abends spät auf den Erwerb ausgehen muß, um das Nothdürftigste für ihren Unterhalt zu verdienen, kann aber der Bildungsgrad des Volks kein allzuhoher sein. Was die Kinder von den Erwachsenen bei der Arbeit hören, ist nicht immer gut und schön. Wo bleibt da die Kindlichkeit und Keuschheit der jungen Mädchen. Schon in den Kinderjahren wird sie abgestreift. Sehr liebenswürdig räumt Herr Groth der Frau das Recht ein, über Küche, Kammer und Keller Herrin zu sein; vergißt aber zu erwähnen, daß nur ein Drittel des weiblichen Geschlechts in den Hafen der Ehe einläuft, und daß von den Verheiratheten noch nicht der zehnte Theil Küche, Kammer und Keller besitzt. Glücklich schätzt der Herr Hauptlehrer die Mädchen, welche bald nach Verlassen der Schule zu einer tüchtigen Hausfrau in den Dienst kommen, denn das Dienen sei keineswegs entehrend, sondern eine allgemeine menschliche Pflicht. Das ganze Berufs- und Erwerbsleben sei ein bürgerlicher Ehrendienst. Sehr richtig, Herr Groth! Aber erst in der Zukunftsgesellschaft wird die Arbeit Ehrendienst, wenn die Klasse der jetzt faullenzenden Bevorzugten sich abgewirthschaftet hat, und für alle Menschen die Arbeit zur Pflicht geworden ist. Weiter empfiehlt Herr G. die Einschränkung der Fabrikarbeit des weiblichen Geschlechts, damit wenigstens die verheirathete Frau dem Hause und ihren Kindern leben könne; er bedenkt aber nicht, daß dadurch das pekuniäre Elend der Bevölkerung gesteigert würde, denn wie viele Frauen giebt es, die der kräftigen Stütze des Gatten beraubt sind, die allein für ihren und der Kinder Unterhalt sorgen müssen. Und was sollte aus den alleinstehenden Mädchen werden, die freund- und elternlos durchs Leben gehen, wenn ihre Erwerbsthätigkeit ein geschränkt würde? Man trieb sie entweder der Prostitution in die Arme oder sie wären dem sicheren Hungertode preisgegeben. Weiter empfiehlt Herr G. den Haushaltungsunterricht in den Schulen und das Sparen, denn von der Kunst des Sparens hänge vielfach das Glück und die Existenz des Hauswesens ab. Ein jedes Mädchen solle lernen, wie eine Wohnung freundlich eingerichtet wird; Schönheit bestehe nicht im Ueberfluß. Eine einfache aber behagliche Häuslichkeit sei geeignet, jedem noch unverwöhnten Menschen das Dasein zu verschönern. Ein solches Glück dem Manne zu bereiten, sei die erste Aufgabe der Hausfrau, die sie aber nur dann erfüllen könne, wenn sie in der Hauswirthschaft genügend ausgebildet worden wäre. Wohl wahr, aber nicht maßgebend. Sorge man nur dafür, daß alle Mädchen ohne Unterschied des Standes eine gesunde geistige Bildung erhalten, lege man eine besondere Sorgfalt auf die Erziehung des Charakters der Kinder, damit dieser nicht schon in den Kinderjahren verkrüppelt werde, so wird man damit auch gute Hausfrauen heranbilden; eine gute, geistige Erziehung, verbunden mit gesunder Weltanschauung fördert das ästhetische Gefühl mehr wie jede besondere hauswirthschaftliche Ausbildung. Wenn ein Mädchen, das eine gute allgemeine Bildung des Geistes und Charakters erhalten hat, sich verheirathet, und nur die nöthigen Mittel vorhanden sind, wird es auch die Fähigkeit besitzen, die Häuslichkeit gemüthlich und geschmackvoll einzurichten. Aber das sind vorläufig fromme Wünsche, die erst in einer besseren Gesellschaftsordnung erfüllt werden können. M.. y. Anna Louisa Karschin. Es giebt Menschen, denen das bittere Los zu Theil wird, durch unausgesetzte Arbeit abgeheßt, durch lieblose Behandlung gequält und durch Kummer und Sorge geplagt zu werden, Menschen, die überhaupt einen so schweren Druck auszuhalten haben, daß man erstaunt fragt, wie sie demselben nicht erliegen. So viele auch im Elend sittlich verkommen, so scheinen doch einzelne Naturen erst im Kampfe mit demselben zu ihrer ganzen Größe gelangt zu sein. Ein Beispiel hiefür ist Anna Louisa Karschin, die arme Magd und Hirtin, die Proletarierfrau und Dichterin. Ihre Lebensschicksale sind so interessant, daß sie wohl verdienen, allgemeiner bekannt zu werden. Der außerordentliche Muth, mit dem sich die Karschin durch die Noth des Lebens hindurch gearbeitet hat, mit dem sie alle Zeit benutzte, sich auszubilden, um durch ihr Talent sich und die Ihren zu erhalten, ist wahrhaft bewunderungswerth. Ebenso hoch ist die Einfachheit und Wahrhaftigkeit ihres Charakters und ihre große Menschenliebe zu schäßen. Als echte Proletarierin hielt sie auch in späterer Zeit, in der es ihr selber besser ging, an denen fest, die ihr in der Zeit ihres Elends nahe gestanden hatten, und behielt sie, obwohl sie selber fast stets mit der Dürftigkeit tämpfte, noch Unterstützungen für die übrig, die ärmer waren als fie selbst. Die Karschin ist keine Vorkämpferin für die Rechte der Frau gewesen, aber ihre Arbeiten als Dichterin sind in eine Linie zu stellen mit denen der Dichter ihrer Zeit, und sie wurde darum von dem mit ihr lebenden Geschlechte auch wirklich ihren männlichen Zeitgenossen gleichgeschätzt. Im Jahre 1722 wurde unsere Dichterin in einem kleinen Orte, der„ Hammer" genannt, an der Grenze von Niederschlesien, geboren. Anna Louisa war das dritte Stind des Brauers und Schankwirthes Dürrbach. Von ihrer Mutter hatte sie die Gabe zu dichten geerbt, empfing aber nicht viel Liebe von ihr. Frau Dürrbach gab viel auf das Aeußere und zog deshalb die hübschen Geschwister der von Natur häßlichen Louisa vor. Der Vater dagegen hatte sein fleines sinniges Mädchen lieb. Leider verlor fie ihn schon, als sie kaum das sechste Jahr erreicht hatte. Mit der großen Wahrhaftigkeit, die der Karschin stets eigen war, sagt sie später von sich selber:„ Ich war ein häßliches Kind, die Haut im Gesicht und am Körper war gelb und schrumpfig, die Augen lagen mir tief und finster im Kopfe und mein mageres fleines Gesicht besaß eine widernatürliche Ernsthaftigkeit." Wir haben ein Bild von ihr aus ihrem 41. Jahre, auf dem sie feines wegs abstoßend erscheint. Das ganze Gesicht macht im Gegentheil einen durchgeistigten Eindruck, ihre Augen leuchten voller Begeisterung; vor allem aber berührt uns ein liebenswürdiger wohlwollender Zug um den Mund angenehm, der ihrem ganzen Gesichte den Ausdruck reiner Menschenliebe verleiht. Eine seltene Schönheit aber streitet ihr Niemand von ihren Zeitgenossen ab: sie besaß eine außerordentlich wohlflingende Stimme, mit der sie, wenn sie ihre Gedichte vortrug, alle zu ergreifen verstand. Die Mutter beschäftigte Louisa schon als kleines Mädchen im Hause. Da sie aber mit dem stillen, verschlossenen, träumerischen Stinde nicht viel anzufangen verstand, gab sie den Bitten ihres Oheims, eines Justizamtmanns, nach), der die Kleine gern um sich haben wollte. Ihm sagte das Wesen der Kleinen zu. Bei dem Oheim verbrachte sie nun, wie sie später selber sagt, die drei schönsten Jahre ihres Lebens. Er unterrichtete das fleißige und strebsame Kind im Lesen, Schreiben, Geographie und Geschichte. Sie war ihm bis ans Ende ihrer Tage dankbar dafür und widmete ihm eines ihrer schönsten Gedichte. Kaum war Louisa zehn Jahre alt geworden, so fürchtete die Mutter, die den ganzen Unterricht von vornherein nicht gern gesehen hatte, daß das Schreibenlernen für ihre Tochter schädlich sein könne. Sie hegte die Besorgniß, diese fönne bei ihrem Oheim statt zu einer tüchtigen Hausfrau zu einer nichtsnußigen Gelehrtin" werden. Die Mutter hatte sich wieder verheirathet und brauchte nun die Dienste der Tochter als Wärterin der nachgeborenen Geschwister. Mit ihrer Rückkehr ins Elternhaus begannen die Mühseligkeiten des Lebens für Anna Louija. Die zweite Ehe ihrer Mutter war feine glückliche, und die täglichen Zänkereien der Gheleute arteten bisweilen auf das Heftigste aus. Dem Streite gesellte sich die Sorge zu, die Leute kamen bald gänzlich herunter und mußten schließlich den„ Hammer" räumen. In dem neuen Wohnort wurden Louisa drei Rinder zum Hüten anvertraut, und es begann die Zeit ihres Hirtenlebens, auf welches sie später öfter in ihren Gedichten zurückfommt. Ihre Lebensweise als Hirtin war ganz geeignet, lebhafte Naturempfindungen 39 anzuregen. Sinnend am Ufer des kleinen Flusses sizend, an dem sie ihre Rinder weidete, schaute sie den ziehenden Wolken, dem Flug der Vögel nach. Am anderen Ufer erschien ein junger Hirt, mit dem sie bald bekannt wurde. Es war ein armer, verwachsener, der Natur vernachlässigter Knabe mit rothem Haar und heiserer Stimme. Aber sie waren ja beide häßlich, und so kam es, daß sich die beiden Kinder aneinander anschlossen. Bald lernte Louisa's Freund ihre Vorliebe für Bücher kennen und brachte ihr seinen eigenen Bücherschatz: den Robinson, das Märchen von der schönen Melusine und Tausend und eine Nacht. Später wußte er Mittel und Wege zu finden, ihr auch noch einige andere Bücher zu beschaffen. Und so saßen denn die Kinder im Schatten einer breitäftigen Buche, lasen die wundersamen Geschichten und genossen ein unschuldvolles Glück. Auch später, selbst in den Zeiten ihres Glanzes als Dichterin, hat die treue ehrliche Natur der Karschin des armen Hirten nie vergessen. Sie stand bis an ihr Lebensende in Briefwechsel mit ihm und hat ihm stets eine echte Freundschaft bewahrt. Und, obgleich selber fast immer mit der Noth kämpfend, hatte sie doch noch Unterstützungen für ihn, der immer noch ärmer war als sie. Außer sich vor Freude war Louisa, als ihr der Freund einst einen Band von weltlichen Gedichten brachte, die ersten, die sie kennen lernte. Sofort begann sie nach diesen Mustern selbst Verse zu dichten. Die ersten galten natürlich ihrem kleinen Freunde. Das Glück des Hirtenlebens hatte aber bald ein Ende. Die Mutter ließ die nun 15jährige Louisa konfirmiren und vermiethete sie dann als Kinderwärterin und Magd. Das junge Mädchen war nicht besonders geschickt bei ihrer Arbeit und wurde viel gescholten. Unter diesen Umständen erschien es ihr als eine Erlösung, als ihr die Mutter die Aussicht eröffnete, daß sie sich verheirathen könne. Sie war eben 17 Jahre alt geworden. Louisa ahnte nicht, daß ihr die Ehe keine Erlösung, sondern eine noch größere Last bringen sollte. Der Freier, der Tuchweber Hirseforn aus Schwiebus, war ein junger und ansehnlicher Mann, und sein Auftreten ihr gegenüber war ein so freundliches, daß er ihr bald wohlgefiel. Aber sogleich nach der Hochzeit zeigte er ein anderes Gesicht. Der erste Verdruß rührte von der Entdeckung her, daß Louisa's Mitgift viel geringer ausgefallen war, als er erwartet hatte. Er trat brutal gegen die junge Frau auf, war geizig, ließ sie manchmal fast Hunger leiden und behandelte sie überhaupt hart und lieblos. Daß sie alle Hausarbeiten zu verrichten hatte, das hielt sie für selbstverständlich. Dagegen schmerzte es sie tief, daß ihr der Mann in der freien Zeit Wolle zum Krazen brachte und ihr das Lesen oder gar das Schreiben gänzlich verbot. Sie las, dichtete und weinte an den Sonntagen, an denen wenigstens das Kragen der Wolle wegfiel. So gut es ging, suchte sie ihre geringen Kenntnisse zu erweitern und tröstete sich durch das Erlernte. In Betreff ihrer Bildungsmittel war sie auf die Bücher angewiesen, welche der junge Hirt ihr heimlich versorgte. Schon damals machte Louisa einzelne Gelegenheitsgedichte, wofür sie kleine Geschenke erhielt. Ihre Sachen wurden von den Leuten sehr schön gefunden. Einst fam ihr Mann betrunken nach Hause, warf den Hut auf den Tisch und sagte lachend:„ Der König von Preußen hat die Ehescheidung erlaubt, was meinst Du, Louisa, wenn wir die ersten wären, die sich scheiden ließen?" Sie war damals 19 Jahre alt, Mutter zweier Kinder und erwartete die Geburt eines dritten. Troß des Kummers, den sie in ihrer unglücklichen Ehe gehabt, wurde ihr der Entschluß einer Scheidung nicht leicht. Sie empfand für den Mann, der ihr nur Härte und nie Liebe entgegengebracht hatte, eine gewisse Zärtlichkeit. Hirseforn wußte ihren Widerstand durch Ueberredung und Drohungen zu brechen, und sie willigte schließlich tief betrübt in die Trennung. Die arme verstoßene Frau ward während der Zeit ihrer Niederkunft von ihrer Schwiegermutter und von ihren eigenen Verwandten unterstüßt. Kaum genesen, raffte sie sich auf, um für sich selber zu sorgen; ihre Dichtergabe mußte ihr Brot verschaffen. Auf Bestellung und für Geld verfaßte sie Gelegenheitsgedichte, zog von Ort zu Ort, von Gutshof zu Gutshof, und trug mit ihrer flangvollen schönen Stimme die selbst gedichteten Lieder vor. So schlug sich die Volksdichterin mühsam durch. Welch außerordent Nr. 5 der ,, Gleichheit" gelangt am 7. März 1892 zur Ausgabe. liche Gewandtheit sie schon damals besaß, aus dem Stegreif zu dichten, davon legen die Verse Zeugniß ab, mit welchen sie einem Lehrer antwortete, als dieser sie eine armselige Bänkelsängerin genannt hatte. " Es brennt ein Feuer in der heißen Brust, An ihm entflammt mein Denken und Empfinden; Nicht hehrer Künste mir bewußt, Weiß ich den Klang der Worte doch zu finden. Dem Schmerze und der Freude dient mein Lied, Des eignen Elends Klagen mußt' es mildern, Dem Glücklichen, von Maienluft umblüht, Dient willig es, ihm seine Lust zu schildern. Mein einzig Gut in meiner Noth Entsetzen, Ich biet' es Euch zum heiteren Ergötzen." ( Schluß folgt.) Kleine Nachrichten. Thatsachen Anklagen. Nach dem„ Sozialpol. Zentralblatt" ist in dem industriellen Aachen jüngst durch Erhebungen eines unter dem Vorsitz des Oberbürgermeisters begründeten Hauptausschusses für soziale Wohlfahrtseinrichtungen festgestellt worden, daß in den Elementarschulen ein großer Theil der Kinder, ungefähr 1500, eines Frühstücks dringend bedürftig sind, weil sie es zu Hause nicht erhalten. Es sollen nun an die Kinder täglich je 1 Liter Vollmilch und ein Brötchen vertheilt werden. Damit ist offiziell und von gewiß unverdächtiger Seite her eingestanden, daß in Aachen bisher und seit wie lange schon? täglich 1500 Proletarierkinder mit knurrendem Magen zur Schule gingen, dem Unterricht mit gespannter Aufmerksamkeit folgen sollten, während der Hunger in ihren Eingeweiden wühlte, und hungrig, wie sie gekommen, wieder nach Hause wanderten. Ob und womit sie den übrigen Theil des Tages ihren Hunger stillten, darüber breiten die Erhebungen den Mantel der christlichen Liebe. In einer großen Anzahl anderer Städte, so Wien, Berlin 2c. 2c., ist bereits die nämliche Thatsache nachgewiesen worden, haben seitens der städtischen Behörden oder von Wohlthätigkeitsvereinen ähnliche Maßregeln wie in Aachen ergriffen werden müssen. Tausende und Abertausende proletarischer Eltern sind also nicht im Stande, ihren Kindern schulpflichtigen Alters auch nur ein Stück trockenen Brotes zum Frühstück zu verabreichen. Warum? Etwa, weil die Herren Schlotjunker die Mehrwerthschraube fester anziehen, die Löhne ihrer Arbeiter und Arbeiterinnen tiefer herabdrücken? Pfui, welche„ gewerbsmäßig verheßende" Auffassung der Dinge. Wenn Kinder des werkthätigen Volks hungrig zur Schule gehen, so einzig und allein, weil ihre Mütter, die„ nachlässigen, liederlichen, wirthschaftsunkundigen" Arbeiterfrauen, kein Frühstück zu bereiten wissen oder kein Frühstück bereiten wollen. Man führe nur in die Fortbildungsschulen für Mädchen den obligatorischen Unterricht in der Haushaltungskunde ein und das Wunder der Witwe zu Zarepta wird sich erneuern. In Küche und Kasten der Proletarier werden die Vorräthe kein Ende nehmen, und die Kapitalisten können das Ideal aller Jdeale verwirklichen anstatt Hungerlöhne gar keine Löhne überhaupt zu zahlen. Die Handelsschule für Mädchen, welche vor anderthalb Jahren in Frankfurt a. M. gegründet wurde, hat in dem letzten Jahre eine solche Zunahme an Schülerinnen erfahren, daß die bisherigen Unterrichtsräume nicht mehr ausreichten und für die Zwecke der Schule ein Haus angekauft werden mußte. Der Mittelstand geht mit Riesenschritten seiner völligen Proletarisirung entgegen; immer kleiner wird die Zahl seiner weiblichen Angehörigen, welche auf Grund ihrer Thätigkeit im Hause leben können; immer mehr wächst das Heer derjenigen von ihnen, die zu einem Broterwerb gezwungen werden. Das Proletariat der Kopfarbeit schwillt durch die Einbeziehung der Frauen in seine Reihen mächtig an, seine Lebensbedingungen verschlimmern sich stetig, es muß zum Bewußtsein seiner Klassenlage erwachen und sich, ohne Unterschied des Geschlechts, an das Proletariat der Handarbeit zum gemeinsamen Befreiungskampfe anschließen. Tiefer hängen. Die Berliner Studentenzeitung ,, Vivat Academia" brachte kürzlich eine Briefkastennotiz folgenden Inhalts:„ Junge Damen werden zu deutschen Hochschulen nicht zugelassen. Es ist dies. auch ganz unnöthig, denn junge und schöne Damen kommen hier immer fort, wenn sie nur die ars amandi fennen." Ars amandi heißt wörtlich: die Kunst zu lieben, und ist der Titel eines Ovidischen Gedichts, das unter der Kunst zu lieben die Kunst der Buhldirne versteht. Die nämlichen Elemente, welche mit dem Schlagworte von dem„ ewig 40 Weiblichen" den Frauen den Zutritt zu den medizinischen Vorlesungen, den Universitätsstudien überhaupt verwehren möchten, verweisen die selben hier in zynischster Weise auf die ihnen jedenfalls als„ weiblicher" erscheinende Prostitution. Höchst bezeichnend, aber nicht überraschend für den, der die Moral unseres modernen Universitätspöbels kennt, der noch obendrein die Anmaßung hat, sich als die„ geistige und moralische Blüthe" der Nation aufzuspielen. Auf der Station Bietigheim( Württemberg) und auf zwei Stationen der Enzthalbahn sind Frauen als Steinklopferinnen beschäftigt. Auf dem Gebiete der Industrie, der Handarbeit, bedarf es feiner frauenrechtlerischen Agitation zu Gunsten einer„ erweiterten Erwerbsthätigkeit" des weiblichen Geschlechts. Zwei Pioniere er schließen den Proletarierinnen ein Gebiet nach dem anderen: die Maschine, welche die gelernte, muskelstarke Arbeitskraft entbehrlich macht, und die Profitwuth der Kapitalisten, welche nach der denkbar billigsten Arbeitskraft förmlich lechzt. Vor ihr fallen alle die altersgrauen und darum Vielen heiligen„ vorurtheilsvollen" Begriffe von ,, weiblichen“ und„ unweiblichen" Thätigkeiten wie Kartenhäuser zu sammen, vor ihr halten nicht einmal Rücksichten auf Gesundheit und Kraft der weiblichen Arbeitskräfte Stand. Ihr gegenüber ist die Parole erweiterte Erwerbsthätigkeit der Frauen" überflüssig, dagegen die andere eine zwingende Nothwendigkeit:„ Schutz der weiblichen Arbeitskraft gegen die nimmersatte kapitalistische Ausbeutung." " Weltausstellung in Chicago. Bekanntlich wird daselbst auch die Frauenarbeit vertreten sein. Der amerikanischen Zeitschrift „ Haus und Herd" entnehmen wir folgende Notiz: Der Frauenarbeit wird auf der Chicagoer Weltausstellung ein eigener Palast angewiesen sein, woselbst alle Zweige derselben dem Besucher vorgeführt werden sollen. Noch auf keiner der bisherigen Ausstellungen waren den Frauen solche Rechte eingeräumt, wie dies auf der 1893er Ausstellung der Fall sein wird, und ihre Ausstellung wird ohne Zweifel eine der interessantesten werden.... Der Palast für Frauenarbeit zeugt von dem Unternehmungsgeist der Frau. Fräulein Sophie G. Hayden ist die tüchtige Architektin des Baues. Nur Frauen durften Entwürfe zu diesem Palast einsenden, und einige derselben sind außer dem erst genannten, angenommenen, ebenfalls ausgezeichnet. Frl. Hayden ist ein technisch gebildeter Architekt und beaufsichtigte selbst die Errichtung des Gebäudes. Dasselbe befindet sich im nordwestlichen Theile des Ausstellungsparkes inmitten herrlicher Blumenbeete. Auf der Vorderseite breitet sich ein schöner Teich aus die Erweiterung der Lagune, die sich durch den ganzen Park hinzieht. Das Gebäude ist 400 Fuß lang, 200 Fuß breit und im italienischen Renaissancestil gehalten. Die Baumwollspinnerei ist in Japan in bedeutendstem Fortschritt begriffen. In dem Zeitraum vom Juli 1888 bis Juli 1891 ist die Zahl der großen Spinnereien von 19 auf 30, die der Spindeln von 83360 auf 300499, die Quantität der monatlich verarbeiteten Wolle von 1152250 Pfd. auf 6156300 Pfd., des monatlich erzeugten Garns von 1008825 Pfd. auf 5221908 Pfd. gestiegen. Die sechs neuen, noch in der Anlage begriffenen Fabriken mit in Rücksicht gezogen, betrug die Zahl der Arbeiter am 30. Juni ds. Js. 17,248, der Spindeln 377970. Natürlich ist in Folge dessen weit weniger Baumwollengarn als früher in Japan eingeführt worden. Die Arbeiter und Arbeiterinnen der europäischen Baumwollenspinnereien werden den Umschwung in Gestalt von geringerer Nachfrage nach Arbeitskräften, niedrigerem Lohn, härteren Arbeitsbedingungen bemerken. Es giebt kaum einen Fortschritt, der sich in der kapitalistischen Gesellschaft für die Arbeiterklasse nicht in sein Gegentheil verkehrte, eine Verschlimmerung deren Lage mit sich brächte. Das mittlere Lebensalter der Grubenarbeiter beträgt 31 Jahre, das der Setzer 39 Jahre. Berufsmusiker werden 40, Fabrifanten und Bankiers dagegen 43 Jahre alt. Während Geistliche und Richter ein Durchschnittsalter von 54 bezw. 65 Jahren erreichen, fällt die durchschnittliche Lebensgrenze für Glasbläser, Zimmermaler, Weber 2c. unter das 30. Jahr. Am niedrigsten stellt sich das durchschnittliche Lebensalter jedoch für die Näherinnen, sie werden im Mittel nur 23 Jahre alt. Die eine Zahl redet ganze Bände über die mörderischen Arbeits- und Lebensbedingungen der Näherinnen. Hungerlöhne und übermäßig ausgedehnte, aushungernde Arbeit thun ihr Werk so sicher und rasch, wie irgend welcher Schinderhannes, wie irgend eine Guillotine. Bremen. Verein zur Vertretung der gewerblichen Interessen der Frauen und Mädchen. Mitglieder- Versammlung am Donnerstag, den 25. Februar 1892 im oberen Saale der Vereinshalle. Vor und nach der Versammlung Aufnahme neuer Mitglieder. Um zahlreiches Erscheinen ersucht Der Vorstand. Verantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zetkin( Eißner) in Stuttgart. Druck und Verlag von J. H. W. Diez in Stuttgart. Ses 11236 D h t b C