Nr. 7. Die Gleichheit 2. Jahrgang. Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Herausgegeben von Emma Ihrer in Velten( Mark). Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr 2564a) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf. Stuttgart Mittwoch, den 6. April 1892. Zuschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" find zu richten an Fr. Klara Zetkin( Eißner), Stuttgart, RothebühlStraße 147, IV. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. Bum Gewerkschaftskongres von Halberstadt. Seitdem die Frauen und Töchter des Proletariats in den Kreislauf des modernen Wirthschaftslebens gezogen worden, seitdem an Stelle ihrer früheren häuslichen Thätigkeit die Berufsarbeit in den verschiedensten Industriezweigen getreten, zeichnet sich auch immer klarer und deutlicher die Nothwendigkeit ab, sie in die gewerkschaftlichen Organisationen einzubeziehen, sie mit ihren Klaſſengenoffen zusammen zu Trägerinnen und treibenden Sträften der gewerkschaftlichen Bewegung zu machen. Die schier unzähligen Leiden ihrer Klaffenlage, die Hungerlöhne, langen Arbeitstage, das tausenderlei Elend, das auf ihnen laftet, zwingen ihnen den Kampf gegen das stets ausbeutungslüsterne, profitgierige kapitalistische Unternehmerthum auf. In ihrer Eigenschaft als Frauen, auf Grund der Rechtlosigkeit des weiblichen Geschlechts, ist aber den Proletarierinnen die Antheilnahme an dem Kampf ihrer Klasse auf politischem Gebiete unmöglich. Nur auf dem Felde des Wirthschaftslebens, durch die gewerkschaftliche Bewegung können sie sich gegen den Druck des Kapitals zur Wehr sezen, auf ihm muß sich bis auf Weiteres ihre ganze Kampfesenergie fonzentriren und bethätigen. Welch hohe Bedeutung der gewerkschaftlichen Bewegung und ihrer kräftigen Weiterentwicklung gerade für Hunderttausende von Arbeiterinnen innewohnt, liegt mithin auf der Hand. Der kürzlich stattgehabte erste Kongreß der deutschen Gewerkschaften, der, wenn er auch manche überschwängliche Hoffnung nicht erfüllt hat, so doch immerhin einen Schritt nach vorwärts bedeutet, verdient deshalb ganz besonders die Beachtung der weitesten Streise der Arbeiterinnen. Der Kongreß von Halberstadt hatte über die Frage der besten gewerkschaftlichen Organisationsform zu verhandeln und zu entscheiden, und seine diesbezüglichen Beschlüsse sind von einschneidender Bedeutung für die sich mehr und mehr unter den Arbeiterinnen regenden Organisationsbestrebungen, zeichnen ihnen den für die nächste Zeit einzuschlagenden Weg vor. Schon längst war in den Kreisen der gewerkschaftlich gruppirten Arbeiter die Nothwendigkeit einer Einigung, eines einheitlichen, planvollen, zielbewußten Vorgehens erkannt worden. Der Umstand, daß in einzelnen Industrien verschiedene Formen der Organisation nebeneinander bestanden, die oft ohne Fühlung, ohne Einverständniß miteinander handelten, ja oft sich gegenseitig bekämpften und befehdeten, führte zu einer verhängnißvollen Schwächung und Zersplitterung der proletarischen Streitkräfte, welche auf wirthschaftlichem Gebiete gegen die kapitalistische Uebermacht kämpften. Abhilfe zu schaffen, die gewerkschaftlich organisirten Arbeiter Deutschlands zu einer geschlossen marschirenden, geschlossen fämpfenden und schlagenden Macht zusammen zu fassen, ward um so dringlicher, als sich das Kapital täglich mehr konzentrirte, als sich die Unternehmer ihrerseits in Trußbündnisse gegen die Bestrebungen der Proletarier zusammenthaten, als sich die letzteren mithin einem mächtigeren Feind gegenüber befanden als je zuvor. Zwei Vorkonferenzen der Vertreter deutscher Gewerkschaften, von denen die eine im November 1890 in Berlin, die andere im September 1891 in Halberstadt getagt hat, sollten die Einigung der Organisationen anbahnen und beschlossen zu diesem Zwecke die Einberufung des allgemeinen Gewerkschaftskongresses, der Mitte März in Halberstadt stattgefunden hat. Auf der Konferenz von Berlin ward außerdem die„ Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands" mit dem Siz in Hamburg ernannt. Sie erhielt die Aufgabe zuertheilt, einen Plan für die Neuorganisation der Gewerkschaften auszuarbeiten, Abwehrstreits zu unterstüßen, unter den noch nicht organisirten Arbeitern zu agitiren und ein Korrespondenzblatt herauszugeben, das den gekennzeichneten Zwecken dienen und zugleich ein Bindeglied zwischen den einzelnen Gewerkschaften bilden sollte. Daß die Leistungen der Generalfommission vielfach hinter dem Erwarten zurückgeblieben sind, ist Schuld der ungünstigen Verhältnisse, unter denen sie wirken mußte, Schuld auch der Gewerkschaften, welche viel von ihr verlangten, ohne ihr genügende Mittel zur Erfüllung ihrer Aufgabe zur Verfügung zu stellen. Sie hat geleistet, was unter so schwierigen Verhältnissen überhaupt geleistet werden konnte, und die Vorwürfe, welche ihr auf dem Kongreß nicht erspart blieben, scheinen uns ungerechtfertigt. Der Kongreß zu Halberstadt hatte sich über den Werth dreier verschiedener Organisationsformen schlüssig zu machen. Die Generalkommission hatte einen Organisationsentwurf ausgearbeitet, nach welchem die zu einem Verband zentralisirten Berufsorganisationen verwandten Industriezweige sich zu Unionen zusammenschließen und die einzelnen Unionen untereinander durch eine Generalfommission verbunden werden sollten. Von den Nürnberger Metallarbeitern lag dagegen ein Antrag vor, welcher Organisation sogenannter Industrieverbände forderte. Nach ihm sollten sich nicht die Arbeiter einzelner Berufe gesondert organisiren, zentralisiren und die Zentralisationen zu Unionen zusammenschließen, sondern alle Arbeiter einer ganzen Industrie, so z. B. alle Metallarbeiter, Holzarbeiter, Bauarbeiter 2c. sollten sich an einem Orte gemeinschaftlich in einer Verwaltungsstelle gruppiren, und die so entstandenen lokalen Organisationen sollten sich dann zu großen Industrieverbänden vereinen. Ein dritter Entwurf erklärte sich für die Lokalorganisationen und das System der Vertrauensmänner. Die Arbeiter sollten sich in unabhängig von einander bleibenden Lokalvereinen zusammenthun, die durch in öffentlichen Versammlungen der Berufsgenossen gewählte Vertrauensmänner miteinander lose Fühlung zu halten hätten. Die Gegensäße zwischen dem Entwurf der Generalfommission und dem der Nürnberger waren nicht derart, daß eine Verständigung durch etivas Nachgeben von beiden Seiten unmöglich schien. Beide erstrebten, wenn auch unter verschiedenen Formen, die möglichste Zentralisation, Zusammenfassung der organisirten Arbeiter, um diese zu einer Macht zusammenzuschweißen, welche sich mit dem Unternehmerthum im Kampfe messen, ihm in Zeiten guten Geschäftsganges bessere Arbeitsbedingungen entreißen, ihm in Zeiten flauen Geschäftsganges eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen unmöglich machen könne. Schwieriger, ja fast ausgeschlossen schien dagegen eine Verständigung mit den Anhängern der Lokalorganisation, welche in den Gewerkschaften nicht in erster Linie ein Kampfesmittel be= hufs Verbesserung der wirthschaftlichen Lage der Arbeiterklasse sehen, vielmehr eine Art Vorschule für die politische Erziehung derselben. Will man den Gegensatz zwischen den Anhängern der Zentralisation und den Parteigängern der Lokalorganisation verstehen, so darf man nicht vergessen, daß die verschiedenen deutschen Vereinsgeseze die Ver bindung von Vereinen verbieten, welche sich mit Politik, mit öffentlichen Angelegenheiten beschäftigen. Die deutschen Gewerkschaften müssen mithin entweder auf die Zentralisation, damit auf die Erstarkung zu einer einheitlich vorgehenden Macht, oder aber sie müssen auf die politische Propaganda und Agitation verzichten. Der oben gekennzeichneten verschiedenen Auffassung von der Rolle der Gewerkschaften entsprechend, entschied sich ein Theil der Organisationen unter Preisgabe der politischen Thätigkeit für die Zentralisation, ein anderer Theil dagegen verzichtete auf die stärkere, kampfes fähigere Organisationsform und bewahrte sich als Ganzes die politische Bewegungsfreiheit. Wie schon oft in der Presse und im Vereinsleben, so sind auch auf dem Kongresse die Anhänger der Zentralisation und diejenigen der Lokalorganisation in hartem Strauße aneinander gerathen. Die Delegirten erklärten sich mit überwältigender Mehrheit zu Gunsten der Zentralisation und gegen die Lokalorgani sationen, so daß die anwesenden Vertreter derselben unter Protest den Kongreß verließen. Unseres Erachtens hat dieser mit seiner Stellungnahme zu der Frage das Richtige getroffen. Unsere wirthschaftlichen Verhältnisse, welche längst dem lokalen Rahmen entwachsen sind, die Anhäufung immer größerer Kapitalien in einer immer fleiner werdenden Zahl von Händen, die Unternehmerverbände, welche in allen Industrien zur Regelung der Machtverhältnisse und ebenso sehr zur Niederhaltung der Lohnsklaven wie Pilze aus der Erde emporwachsen, machen die möglichste Konzentration der Proletarier zur Nothwendigkeit. Die gewerkschaftlichen Organisationen befinden sich im Kampfe nur noch selten einzelnen Kapitalisten gegenüber, vielmehr meist Koalitionen von Fabrikanten, Händlern 2c. eines ganzen Industriezweiges, hinter denen oft das ganze Unternehmerthum steht. Auch andere Aufgaben, welche den Gewerkschaften zu= fallen, so die Regelung des Arbeitsnachweises, des Wandergeldes, der Streifunterstützung 2c. können bei dem heutigen Stand des Wirthschaftslebens nicht durch lokale, sie müssen durch zentralisirte Organisationen gelöst werden. Der kräftige Aufschwung, den die gewerkschaftlichen Zentralisationen den Lokalvereinigungen gegenüber genommen, beweist wohl, daß die Einwände nicht stichhaltig sind, welche letztere gegen erstere auch vom rein praktischen Standpunkte aus, so z. B. mit Rücksicht auf die größeren Verwaltungskosten, erheben. Andererseits scheint es uns, daß man das Wesen der ge= werkschaftlichen Bewegung, der gewerkschaftlichen Organisation verfennt, wenn man in ihr das Hauptgewicht auf die politische Erziehung und Schulung ihrer Mitgliedschaft legt. Die gewerkschaftliche Bewegung ist nicht ein Anhängsel der politischen Bewegung; ihr fällt im Befreiungskampfe des Proletariats eine eigene, selbstständige Rolle zu, welche von den Anhängern der Zentralisation richtig erfaßt worden ist. Wenn sie in den letzten Jahren nur wenig für die wirthschaftliche Besserstellung der Arbeiterklasse geleistet hat, so erklärt sich dies durch die ungemein mißliche wirthschaftliche Lage und nicht etwa dadurch, daß sie, um einen trivialen Ausdruck zu gebrauchen, ihren Beruf verfehlt hat." Als Maßstab ihres Werthes für das Proletariat können nicht blos die von ihr errungenen Vortheile dienen, müssen vielmehr auch die Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen in Betracht gezogen werden, denen sie vorgebeugt hat. " Wohl hatten in Deutschland in Folge des Ausnahmegefeßes gegen die Sozialdemokratie die gewerkschaftlichen Organisationen zeitweise einen Theil der politischen Agitation übernehmen müssen, der eigentlich der politischen Partei zugefallen wäre. Aber heut zutage liegt kein Grund vor, aus der Noth eine Tugend zu machen. Die starke, festgefügte sozialdemokratische Partei führt in zielbewußter Weise den Klassenkampf auf politischent Gebiete für das Proletariat, trägt durch ihre Agitation politische Aufklärung und Schulung in dessen breite Massen, sammelt sie zu einer Klassen bewußten, disziplinirten Macht. Dürfen auch die zentralisirten Gewerkschaften, als Ganzes genommen, nicht Politik treiben, so hindert doch nichts, daß ihre einzelnen Mitglieder das thun, so ist es den einzelnen Filialen doch unbenommen, in öffentlichen Versammlungen der Berufsgenossen politische Themata zu erörtern. Daß die Gewerkschaften in der Folge verflachen, in das seichte 58 Fahrwasser der Hirsch- Duncker'schen Nichts- als- Gewerkvereinler gerathen sollten, ist keineswegs zu befürchten. Der Klassenstaat, der sich in Allem und Jedem als unterthänigster Diener des Kapitals, der herrschenden und besitzenden Klassen erweist, zwingt den Arbeitern geradezu das Interesse für politische Fragen, den Eintritt in den politischen Kampf auf. Weiter ist die in den Gewerkschaften gepflegte Erörterung wirthschaftlicher Fragen ganz vorzüglich geeignet, die Proletarier zum Klassenbewußtsein zu wecken, für den Klassenkampf zu schulen, ihnen den Beweis zu erbringen, daß eine Gewerkschaft nicht ein Eintrachtskränzchen sein kann, in dem von der Harmonie zwischen Kapital und Arbeit gesungen und gesagt wird, vielmehr eine Kampfesorganisation sein muß zu Schuß und Truz der Arbeiterinteressen. Können die Gewerkschaften angesichts dieser und anderer Erwägungen auf die unmittelbare politische Thätigkeit verzichten, so müssen sie dies thun, wollen sie bei dem gegenwärtigen Stand unserer Vereinsgesetzgebung, welche den Frauen die Mitgliedschaft von politischen Vereinen untersagt, die Einbeziehung der Arbeiterinnen in die Organisationen, ihre gewerkschaftliche Schulung und Erziehung verwirklichen. Und die Einreihung der beruflich thätigen Proletarierinnen in die Gewerkschaftsbewegung ist im Interesse des gesammten Proletariats mehr als wünschenswerth, sie ist für die Arbeiterschaft mancher Industriezweige, sie ist für den kräftigen und raschen Fortgang der sozialistischen Arbeiterbewegung eine Lebensfrage. Nun wenden die Anhänger der Lokalorganisationen wohl ein, daß sie die vorliegende Nothwendigkeit durchaus anerkennen, daß sich aber die Arbeiterinnen, um die politische Bewegungsfreiheit der Gewerkschaften nicht zu hemmen, in besonderen Organisationen zusammenschließen sollen. Uns erscheinen jedoch gemischte Organisationen, welche sowohl Arbeiter wie Arbeiterinnen umfassen, für Berufszweige, wo beide zusammen arbeiten, nicht nur als das Natürliche, sondern auch überhaupt als bei weitem vorzuziehen. Durch den Zusammenschluß mit den Männern, welche bereits in Sachen der Organisation bedeutende Erfahrungen erworben haben, kommen die Arbeiterinnen schneller über die Kinderjahre und Kinderkrankheiten des Vereinslebens hinweg, gewinnen sie rascher praktische Erfahrung und Routine für Führung der Geschäfte. Durch die Berührung mit den politisch und wirthschaftlich aufgeklärten und geschulten Klassengenossen werden sie schneller zum Verständniß ihrer Interessen, zum Klassenbewußtsein erzogen, als wenn sie sich selbst überlassen bleiben. Die in England seit Jahren bestehenden Trades- Unions für Frauen vegetiren fümmerlich dahin, mehr noch, sie sind zum Theil unter den Einfluß bürgerlicher Elemente gerathen, welche unter dem Vorwand, für die Frauenrechte einzutreten oder unter der Maske der Philanthropie die Entwicklung des Klassenbewußtseins der Mitglieder hintanhalten, feine Zielflarheit und damit auch keine rechte Aktionsfähigkeit aufkommen lassen. Im Gegensatz dazu nehmen die englischen Trades- Unions, welche Arbeiter wie Arbeiterinnen eines Berufs umschließen, in jeder Beziehung einen kräftigen Aufschwung. Mit Recht erklärte Frau Ihrer, als der Kongreß die Organisationsfrage behandelte, daß sie sich nicht für Zentralisationen erwärmen fönne, welche ausschließlich Arbeiterinnen umfassen sollten. Mit Recht forderte Frau Steinbach, daß die gewerkschaftlichen Organisationen ihre Statuten dahin abändern sollten, daß den Arbeiterinnen der Zutritt zu ihnen möglich sei. Der Kongreß nahm den von ihr eingebrachten und von 22 Delegirten unterzeichneten diesbezüglichen Antrag an. Auch Petersdorf, der Delegirte der Tertilarbeiter, und Junge, Vertreter des Spezialfongresses für die Arbeiter der Nahrungs- und Genußmittel- Induſtrie, betonten, wie dringend nothwendig es sei, die Organisationen derart zu gestalten, daß die Arbeiterinnen zusammen mit den Arbeitern in dieselben einbezogen werden könnten. Gerade mit Rücksicht auf die junge, emporstrebende Arbeiterinnenbewegung, mit Rücksicht auf ihr volles Aufgehen in die allgemeine große Arbeiterbewegung ist der Beschluß des Kongresses zu Gunsten der unpolitischen, zentralisirten Organisationen mit Freuden zu begrüßen. Wie zu erwarten, entschied sich der Kongreß angesichts der vorliegenden praktischen Bedenken weder für den Entwurf der Metallarbeiter, noch für den der Generalfommission. Er nahm die folgende, zwischen beiden vermittelnde Resolution an: „ Der Kongreß erklärt sich für die Annäherung der Zen tralisationen verwandter Berufe durch Kartellverträge, überläßt jedoch die Entscheidung über die Frage, ob die spätere Vereinigung der Branchenorganisationen zu Unionen oder Industrieverbänden stattzufinden hat, der weiteren Entwicklung der Organisationen in Folge der Kartellverträge. Der Kongreß erklärt, daß in all denjenigen Berufsgruppen, wo die Verhältnisse den Industrieverband zulassen, dieser vorzuziehen ist, daß jedoch in all denjenigen Berufsgruppen, wo in Folge der großen Verschiedenheit der Verhältnisse die Vereinigung in einen Industrieverband nicht durchführbar ist, durch Bildung von Unionen diese Möglichkeit herbeigeführt werden soll. Der Kongreß empfiehlt die Kartellverträge dahin abzu schließen, daß die verwandten Berufe 1. bei Streits und Aussperrungen sich gegenseitig finanziell unterstützen, 2. ihre auf der Reise befindlichen Mitglieder gegenseitig gleichmäßig unterstützen, 3. die Agitation möglichst gleichmäßig und auf gemeinschaftliche Kosten betreiben, 4. statistische Erhebungen gemeinsam veranstalten, 5. Herbergen und Arbeitsnachweise zentralisiren, 6. ein gemeinsames Organ schaffen, 7. den Uebertritt von einer Organisation in die andere bei Ortswechsel ohne Beitrittsgeld und weitere Formalitäten herbeiführen. Der Kongreß erklärt, daß die Zentralorganisation, als Grundlage der Gewerkschaftsorganisation, am besten befähigt ist, die der letzteren zufallende Aufgabe zu lösen und empfiehlt allen Gewerken, welche bisher lokal organisirt oder durch ein VertrauensmännerSystem verbunden waren, sich den bestehenden Zentralverbänden anzuschließen resp. solche zu bilden. Jeder dieser Zentralvereine( Verbände) hat in allen Orten, wo eine genügende Anzahl Berufsgenossen vorhanden sind und keine gesetzlichen Hindernisse im Wege stehen, Zahlstellen zu errichten. Wo solche Hindernisse bestehen, ist den Arbeitern zu empfehlen, als Einzelmitglieder den Zentralvereinen beizutreten und sich durch gewählte Vertrauensmänner eine stete Vertretung und Verbindung mit der Gesammtorganisation zu schaffen. Dieses Vertrauensmänner- System ist so zu gestalten, daß es gleichzeitig eine Vertretung der Gesammtheit der Berufsgenossen an den Orten bildet, wo für die Zentralvereine als solche Schwierigkeiten bestehen. Außerdem können an solchen Orten lokale Vereine, eventuell in Verbindung mit verwandten Berufszweigen geschaffen werden. Die Verbindung der einzelnen Zentralisationen zum gemeinsamen Handeln in Fällen, bei welchen Alle gleichmäßig interessirt sind, wird durch eine auf jedem stattfindenden Gewerkschaftskongreß zu erwählende Generalkommission herbeigeführt." Die Generalfommission bleibt weiter bestehen, doch sind ihre Aufgaben beschränkt worden. Bei Streifs hat sie weder Unterstügung zu gewähren, noch Darlehen zu diesem Behufe aufzunehmen. Sie hat statistisches Material zu sammeln und auszuarbeiten, ein Korrespondenzblatt der Gewerkschaften herauszugeben und internationale gewerkschaftliche Beziehungen zu pflegen. Die legtgenannte Aufgabe, welche in der internationalen Natur des Wirthschaftslebens und der Internationalität der Interessen der Proletarier aller Länder begründet ist, verdient besondere Beachtung. Der Gedanke der Internationale geht mehr und mehr in Fleisch und Blut der klassenbewußten Arbeiter über. Der Generalkommission, welche wieder ihren Sitz in Hamburg hat, gehört auch eine Frau an, Frau Kähler( Wandsbeck). Sie war als Delegirte des Zentralvereins der deutschen Fabrik- und Handarbeiterinnen auf dem Kongreß, an dessen Arbeiten außer ihr noch drei Geschlechtsgenossinnen theilnahmen: Frau Ihrer( Belten) als Mitglied der ersten Generaltommission, Frau Steinbach( Hamburg) als Vertreterin des Vereins deutscher Blätterinnen und Frau Winter( Bremen) als Delegirte der deutschen Holzarbeiterinnen. Mögen es Arbeiter und Arbeiterinnen an fräftigem Eintreten für die Beschlüsse des Kongresses nicht fehlen lassen. Möchten die Arbeiterinnen insbesondere erkennen, wie dringend geboten es ist, behufs Verbesserung ihrer Lage in der Gegenwart, bezüglich ihrer Befreiung in der Zukunft an der gewerkschaftlichen Bewegung regen Antheil zu nehmen. Und da wir einmal beim Wünschen sind, so sei es auch den Arbeitern ans Herz gelegt, weit mehr als in der 59 Vergangenheit für Organisation und Schulung ihrer Klassengenossinnen zu arbeiten. Nur ein einziges, ungetheiltes Proletariat, das weder Vorurtheile des Berufs, noch des Geschlechts, noch der Nationalität fennt, vermag in der Stunde der Entscheidung die kapitalistische Gesellschaftsordnung für immer zu beseitigen. Arbeiterinnen- Bewegung. -Ende Februar tagte in Darmstadt eine Konferenz der Schneider und Schneiderinnen von Hessen und Nassau. Sie beschäftigte sich mit dem Halberstadter Gewerkschaftskongreß, der Frage der Organisation, Berichterstattung der Agitationskommission und Stellungnahme zur ferneren Agitation. In Schwartau fand Anfang März eine gut besuchte Volksversammlung statt, in welcher Frau Blohm( Hamburg) unter reichem Beifall über„ Die Gewerkschaftsbewegung" sprach. Eine öffentliche Versammlung für Frauen und Mädchen fand in Eppendorf am 2. März statt. Herr Sittenfeld referirte in flarer, leichtverständlicher Weise über„ Die Lage der Fabritarbeiterinnen" und forderte am Schluß seiner Ausführungen die Anwesenden auf, sich dem Zentralverein der Fabrik und Hand- Arbeiterinnen Deutschlands anzuschließen. Seine Worte waren auf guten Boden gefallen, denn es ward sofort für Eppendorf eine Zahlstelle der genannten Organisation gegründet. Herr Trappe sprach am 6. März in einer großen, auch von vielen Frauen besuchten Versammlung zu Stralsund über„ Die Frauenfrage." Der Redner führte aus, wie die Frau mit der Entwicklung der Industrie der kapitalistischen Ausbeutung verfallen sei und durch ihre Lage gezwungen werde, sich zum Widerstand gegen ihre Peiniger zu organisiren und zusammen mit den Männern ihre Befrei ung zu erkämpfen. Nachdem noch Frl. Genzen die Lohn- und Arbeitsverhältnisse der in den Stralsunder Kartenfabriken beschäftigten Proletarierinnen einer scharfen Kritik unterzogen, ward die Gründung eines Arbeiterinnen- Vereins beschlossen, dem sofort 35 Mitglieder beitraten. Am 7. März fand in Berlin eine öffentliche Versammlung der Schneider und Schneiderinnen statt, in welcher Herr Timm einen sehr beifällig aufgenommenen Vortrag über„ Ursachen und Wirkung der großen französischen Revolution" hielt. Eine öffentliche Versammlung der Posamenten- Arbeiter und -Arbeiterinnen von Berlin hatte am 8. März statt. Herr Türk referirte unter großem Beifall über das Thema:" Die sozialistische Gesellschaft." Nachdem von Herrn Berger auf den Werth der Arbeiterfontrolmarken hingewiesen worden, erörterte die Versammlung die Frage der Gründung eines Fonds zur Unterstützung der wegen Lohndifferenzen Gemaßregelten und wählte eine Kommission, welche diese Angelegenheiten berathen soll. In Plauen i. V. fand am 12. März eine öffentliche Versammlung aller in der Buch- und Papierbranche beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen statt, in welcher Herr Kloth( Leipzig) über das Thema sprach: ,, Wie verbessern wir unsere wirthschaftliche Lage?" Der Redner empfahl als Mittel zur Erreichung dieses Ziels die gewerkschaftliche Organisation, und die Versammlung erklärte sich mit seinen Ausführungen einverstanden. " -Frau Blohm( Hamburg) sprach am 13. März in Pinneberg in einer von Frauen und Männern gut besuchten Versammlung über Die Frauenfrage und das Programm der Sozialdemokratie." Die Rednerin zeichnete ein ergreifendes Bild von den Verhältnissen und Leiden der Arbeiterinnen, erläuterte dann Punkt für Punkt des sozialdemokratischen Programms, wies nach, daß einzig und allein seine Verwirklichung die Befreiung des weiblichen Geschlechts herbeiführen fönne und forderte die Frauen auf, Schulter an Schulter mit den Männern für Beseitigung der Lohnsklaverei zu kämpfen. Die Versammlung schloß mit einem begeisterten Hoch auf die internationale Arbeiter und Arbeiterinnenbewegung. In Berlin fand am 13. März eine öffentliche Versammlung für Männer und Frauen statt, in welcher Herr Türk mit Beifall über das Thema referirte:„ Die Hervorbringung und Vertheilung der Produkte." Frau Henrich Wilhelmi sprach am 14. März in Ronsdorf über„ Das Christenthum in Wort und That," am 15. März in Barmen über das Thema:„ Der Mensch im Thier und das Thier im Menschen." In Elberfeld hielt die nämliche Rednerin am 16. März einen Vortrag über„ Der Frauen Natur, Pflichten und Rechte," in welchem sie gleiche Rechte für Frauen wie Männer forderte und es ersteren zur Pflicht machte, zusammen mit ihren männlichen Klassengenossen in den Befreiungskampf des Proletariats einzutreten. Im Oberbarmer Schießverein referirte Frau Henrich Wilhelmi am 21. März über das Thema:„Aus Gegenwart und Zukunft/' und zeigte, das? nur die Sozialdemokratie im Stande sei, der Menschheit eine glückliche Zukunft zu schaffen. Sämmtliche aufgeführte Versammlungen ivaren gut besucht und spendeten der Rednerin begeisterten Beifall. — Vor einer großen öffentlichen Versammlung von Konditoren, Pfefferküchlern und Berufsgenossen, sowie Hilfsarbeitern und-Arbeiterinnen von Berlin sprach Reichstagsabgeordneter Bebel am 14. März über„Die Sonntagsrnkie," als einem Abschnitte der init dem 1."April in Kraft tretenden Gewerbeordnungs-Novelle. Nachdem der Redner die Vorgeschichte der Novelle gezeichnet, erläuterte er die auf die Sonntagsruhe bezügliche?? Bestimmungen derselben, dabei hervorhebend, daß in der Hinsicht, sowie in Betreff der Beschränkung der Frauenarbeit nur in Folge des moralischen Drucks der Arbeiterbewegung Erfolge zu verzeichnen seien. Die Arbeiterklasse müsse mehr und ein schneidendere Konzessionen erringe??, dürfe aber nicht vergesse??, daß durch solche die soziale Frage nicht gelöst werden könne. In einer gut besuchten öffentlichen Versammlung der Schneider und Schneidern??????? von Berlin sprach Herr Täterow über das Thema:„Die außerordentlich schlechte Lage der Konfektionsarbeiter, und sind wir berechtigt, gegen einzelne Firmen vorzugehen?" Der Referent beleuchtete in scharfer Weise die Schädlichkeit der Hausindustrie, die in Verbindung mit ihr stehende schändliche Ausbeutung der mensch lichen, ganz besonders aber der weiblichen Arbeitskräfte. Behufs Besserung der Arbeitsverhältnisse im Schneidergewerbe empfahl er Aufklärung und Organisation der"Arbeiterin?????, Einführung gesetzlicher Sonntagsruhe, Regelung der Frauenarbeit, Verbot der Kinderarbeit, Errichtung von Betriebswerkstätten und Einführung von Kon trolmarken. Nach längerer Diskussion über die bei der Firma Bär herrschenden Arbeits- und Lohnverhältnisse, erklärte sich die Versammlung mit dein Vorgehen der Agitationskommission derselben gegenüber für voll und ganz einverstanden. — Der sozialdemokratische Wahlverein für den K. Wahlkreis von Berlin hielt am 15. März eine Versammlung ab, in welcher Herr Henning über„Die Aufklärung, die Fackel des Jahrhunderts" sprach, und seine Ausführungen an die Punkte 5,