2. Jahrgang. "«e MM. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen. Herausgegeben von Emma Ihrer in Velten(Mark). Die„Gleichheit" erscheint alle 14 Tage emmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post(eingetragen unter Nr 2K64a) vierteljährlich ohne Bestellgeld KS Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf. Stuttgart Mittwoch, den 4. Mai 189S Zuschriften an die RedaNion der„Gleichheit" sind ,u richten an Fr, Klara Zetkin(Sißner), Stuttgart, Rothebllhl- Straßc>47, IV. Die Expedition befindet sich In Stuttgart, Furthbach-Straße 12, Weifte Sklavinnen. In den letzten Wochen berichteten die Blätter darüber, wie es zu den noblen Gepflogenheiten des Grafen und der Gräfin von Dönhoff-Selten gehörte, ihr Dienstmädchen, das sowohl die frühere wie die nachfolgende Herrschaft als ein Muster von Bescheidenheit, Zuverlässigkeit und Fleiß rühmen, zu mißhandeln und in gröbster Weise zu beschimpfen. Die„gnädige Frau" zumal geruhte gnädigst, ein anmuthiges Zeugniß ihrer Bildung und feinen Sitte dadurch abzulegen, daß sie dem Mädchen Schimpfwörter wie „Schwein,"„alte Sau" und ähnliche liebliche Titulaturen an den Kopf warf, die kaum noch unter den einst wegen ihrer Kraftausdrücke berüchtigten Fischweibern gang und gäbe sein dürften. In liebevollem Gedenken jener Zeiten, wo der mittelalterliche Adelige nach Willkür mit Leib und Leben seiner Hörigen schaltete und waltete, behandelte das würdige Ehepaar das Mädchen so schlecht, wie es nach der Aussage einer Zeugin wohl im Deutschen Reiche nicht zum zweiten Male vorkommen könne. Als die Mißhandelte — nachdem sie sich eine Zeitlang mit Selbstmordgedanken getragen— schließlich ohne Kündignng den Dienst verließ, wurde sie auf die Klage der Herrschast hin zu drei Mark Geldstrafe ver- urtheilt. Das Gericht nahm nämlich an, daß in dem vorliegenden Falle nicht die Rede sein könne von„einer ungewöhnlichen Härte," die allein zum sofortigen Verlassen des Dienstes berechtige. Der Urtheilsspruch würde dem simplen Menschenverstand als ein Beispiel mehr jener unfaßbaren, tiefgründigen richterlichen Weisheit erscheinen, welche in den letzten Jahren öfters die Spitzfindigkeit Salomo's in den Schatten gestellt hat, wenn nicht die bestehenden Gesinde-Ordnungen den Schlüssel zum Verständniß der gerichtlichen Erkenntniß lieferten. Auf Grund unserer deutschen Gesinde-Ordnungen muß es als etwas„Gewöhnliches" erscheinen, daß Dienstmädchen seitens ihrer hochfeinen Herrschaften schlecht behandelt und grob geschimpft werden. Noch bei weitem grelleres Licht als durch den berichteten Vorgang fiel auf die Schönheiten der Gesinde-Ordnung anläßlich von Verhandlungen, welche Ende Januar vor dem Glatzer Schwurgericht stattfanden. Die verwitwete Bauergutsbesitzer Siemon, deren Sohn und drei bei den Genannten in Dienst stehende Knechte standen unter der Anklage vor Gericht, durch vorsätzliche Körperverletzung mittelst gefährlicher Werkzeuge und durch lebensgefährliche Behandlung das Siechthum und schließlich den Tod der siebzehnjährigen Dienstmagd Schreiber herbeigeführt zu haben. Die Verhandlungen wiesen nach, daß das Mädchen seitens der Gutsherrschaft und der Knechte eine Behandlung erfahren, für welche die Bezeichnung„barbarisch" und„teuflisch" fast noch als zu mild erscheint. Als das Opfer der scheußlichsten Brutalität sterbend in ein Krankenhaus übergeführt worden und daselbst ihren Leiden erlegen war, ergab die gerichtliche Sektion der Leiche, daß der Körper der Verstorbenen durch fortgesetzte Mißhandlungen niit tausend großen und kleinen, alten und nenen Wunden bedeckt war, welche Siechthum und schließlich den Tod zur Folge gehabt hatten. Einer der Sachverständigen sagte aus:„daß ihm in seiner vierzigjährigen Praxis ein derartiger Fall, wo thatsächlich kein Glied des ganzen Körpers ohne Beschädigung war, noch nicht vorgekommen sei." Die Geschworenen vernrtheilten die Knechte zu 3, 4 und 5 Jahren Gefängniß, sprachen dagegen die Witwe Siemon und deren Sohn frei. Und dies obgleich Beide bewiesenermaßen nicht nur die nioralischen Urheber der an der Schreiber verübten Greuel waren, diesen ruhig zugesehen hatten, sondern auch selbst das Mädchen vorkommenden Falles mit Holzschuh, Reitpeitsche und Besenstiel unbarmherzig zu züchtigen pflegten. Die Geschworeneu, welche sich vermuthlich aus der Gutsbesitzerschaft der Gegend rekrutirten, und die mithin für die„gesetzlich gewährleisteten väterlichen Rechte" der Dienstherrschaft das richtige feine Verständniß mit zu den Verhandlungen brachten, gingen bei ihrem ungeheuerlichen Entscheid offenbar von den Voraussetzungen aus, daß die Siemon's das ihnen nach der Gesindeordnung zustehende Züchtigungsrecht nicht überschritten hatten. Die beiden hier kurz gekennzeichneten Fälle sind auf Rechnung der preußischen Gesinde-Ordnung zu setzen, doch könnten sie sich ebenso gut unter dem„Schutz" der Gesinde-Ordnung eines x-beliebigen deutschen Landes oder Ländchens zugetragen haben. Denn wenn auch die Bestimmungen der deutschen Gesinde-Ordnungen so mannigfaltig sind wie unsere kleinen„Einzelvaterländer" auf der Landkarte buntscheckig, so bekunden sie doch sammt und sonders darin eine rührende Uebereinstimmung, daß sie den reaktionärsten mittelalterlichen Geist athmen, daß sie unter dem Vorwand, ein angeblich„patriarchalisches Verhältniß" zwischen Dienstherrschaft und Dienstboten zu wahren, letztere an Händen und Füßen gebunden der größten Willkür der ersteren preisgeben. Es vergeht kaum eine Woche, in welcher die Blätter nicht durch Berichte über Gerichtsverhandlungen und durch Notizen rc. der Geschichte des Märtyrerthums der Dienstboten ein neues Kapitel hinzufügen. Und wie viele Fälle grausamster physischer und moralischer Qualen der Dienstboten überhaupt nie in die Oeffentlichkeit gelangen, weil die Gemarterten weder zu sprechen, »och klagbar zu werden wagen, das entzieht sich jeder Berechnung. Alle jene Beispiele„ungewöhnlicher" oder„gewöhnlicher" Härte legen nicht nur Zeugniß ab, daß die Bildung und Humanität unserer oberen Zehntausend vielfach nichts als eine dünne Schminke ist, welche zu Hause nebst anderem in„guter Gesellschaft modischeu Flitterstaat" bei Seite gelassen wird, sie reden vor allem auch ganze Bände gegen die Ungeheuerlichkeit der Gesinde-Ordnungen, welche das„patriarchalische Walten" der Dienstherrschaft, lies die kaum eine Grenze kennende Versklavung der Dienstboten gesetzlich billigen und heiligen. Die Gesinde-Ordnungen sind Ausnahmegesetze härtester Art, welche unter mehr oder weniger modernisirten Namen und Formen für einen großen Theil der werkthätigeu Masse die Sklaverei des Alterthums, die Hörigkeit des Mittelalters fortsetzen und befestigen. Von den von Junkern und Muckern mit öliger Beredtsamkeit gepriesenen„Segnungen" der„alten patriarchalischen Verhältnisse" ist in den Gesinde-Ordnungen mehr als sich mit dem Geiste unserer Zeit, mehr als sich mit dem bescheidensten Gefühl der Menschenwürde verträgt als maßgebend für Stellung, Pflichten und Behandlung der Dienstboten erhalten geblieben: echt patriarchalisch nach Faustrecht und Stall duftende Brutalität und Rohheit, und die gleicherweise in echt mittelalterlich feudaler Wolle gefärbte Forderung gedanken- und kritikloser Unterwerfung des Gesindes unter die Launen und Schrullen der Herrschaft. Die Gesinde- ---- 74 Ordnungen aller deutschen Staaten fußen auf der Vorstellung, daß die Dienstboten Menschen zweiter und dritter Ordnung, daß sie Unmündige seien, denen nur ein höchst beschränktes Maß der Freiheit persönlicher Selbstbestimmung gelassen lverden dürfe, die dagegen unter steter väterlicher strenger Aufsicht und Bevormundung der Lohnherrschaft, bezw. der Polizeibehörden gehalten werden müßten. Und dieser Auffassung entsprechend verliert der junge Mann, verliert das junge Mädchen, welche in einen Dienst treten, so gut wie jedes Recht freier Selbstbestimmung über ihre Person, sind sie gezwungen, sich blind dem Willen ihrer Dienstherren zu unterwerfen, sehen sie sich genöthigt, ihr Leben in fast aller und jeder Beziehung nach deren Belieben zu regeln, müssen sie sich — natürlich„behufs ihrer Erziehung durch eine väterliche Ge- � walt"— schlagen, mißhandeln und gröblich beschimpfen lasse». Die zwischen Herrschaft und Gesinde bestehende„häusliche Gemeinschaft," welche diejenigen, denen sie profitlich ist, in das oben beleuchtete patriarchalisch-idyllische Verhältniß umfabuliren, wird für Knechte und Mägde zu einer Quelle der Versklavung. wie sie selbst die gewiß genügend verknechteten Lohnarbeiter und Lohnarbeiterinnen nicht kennen lernen. Auf Grund der„häuslichen Gemeinschaft" giebt es keine Be- stininiungen über die Arbeitszeit des Gesindes, ist der Ausbeutung von dessen Arbeitskraft nicht die geringste Grenze gezogen. Dienstmädchen müssen Tag und Nacht zur Verfügung der Herrschaft stehen, welche die zu leistende Arbeitsmenge auf beliebige Tag- und Nachtstunden vertheilen oder den Arbeitstag beliebig lang ausdehnen kann. Wie manches„Mädchen für Alles" muß nicht, nachdem es sich von frühem Morgen an mit Waschen, Scheuern, Putzen und Kochen abgerackert hat, derweilen die„Gnädige" nicht wußte, wie sie ihre Langeweile todtschlagen sollte, noch Nachts eben diese Gnädige oder deren Töchter aus dem Theater oder Konzert abholen oder auch bei bis spät in die Nacht hineindauernden Abendgesellschaften aufwarten? Wann und wie oft das Mädchen ausgehen darf, welche und wie viel Minuten des Tages es für seine eigenen Angelegenheiten, für Ausbessern seiner Kleidung, für nöthige persönliche Einkäufe zc. verwenden kann, das hängt lediglich von dem Belieben der Dienstherrschaft ab. Die Zeit für das Jn- standhalten der Wäsche und Kleidung muß nur zu oft von den karg bemessenen nächtlichen Ruhestunden abgezwackt werden, und die Ausgänge werden unter dem Vorwand, daß„Madame" das „Herumtreiben auf Tanzböden, das Herumlaufen mit Mannspersonen" nicht begünstigen wolle, auf ein Minimum beschränkt. Daß ein Dienstmädchen so gut wie irgend eine„höhere Tochter" das Bedürfniß fühlen kann, ab und zu sich selbst anzugehören, sich auszuruhen und zu erholen, ein Buch oder eine Zeitung zu lesen, ein Theaterstück zu sehen, mit Verwandten, Freunden und Freundinnen zusammen zu kommen, kurz„die trockene Kruste ihrer Existenz in ein wenig Freude und Lebensgenuß zu tauchen," dieser Gedanke scheint in dem Schädel einer gebildeten Gnädigen keinen Platz zu finden. Die„häusliche Gemeinschaft" bringt es mit sich, daß sich ein Dienstmädchen eine gewisse Kontrole ihrer Ausgaben, ihres „Aufwandes," ein stetes Hineinmischen in ihre Lebensführung gefallen lassen muß. Die eine„Gnädige" wünscht von einem kokett herausstaffirten Kammerkätzchen bedient zu werden; eine„sittenstrenge Hausfrau" kann dagegen an ihrer Lina oder Minna kein Löckchen, keine bunte Schleife, kein modisch geschnittenes Kleid ertragen, sie will diese so einfach und schlicht als möglich gekleidet sehen, damit nicht etwa das„ungebildete Bauernding" die weniger hübschen Fräulein Töchter aussticht. In dem einen wie dem anderen Falle heißt es für das Mädchen Ordre pariren, ihren Geschmack, ihre Neigung ohne Mucksen dem Willen des ersten besten launenhaften Hausdrachens unterordnen. Der„häuslichen Gemeinschaft" hat das Mädchen öfters die Annehmlichkeiten der denkbar schlechtesten Schlafräumlichkeiten, ungenügender und miserabler Kost zu verdanken. Der Schooßhund hat eventuell in dem Prunkgemach der Familie auf weichen Kissen seine Stätte, als Mädchengelaß ist der finsterste Winkel der Wohnung gut genug oder irgend ein Dachkämmerchen, in dem die Bewohnerin im Sommer vor Hitze braten, im Winter vor Kälte erfrieren kann. Wie dürfte auch„nur ein Dienstmädchen" so unsagbar vermessen sein, einen Raum zu beanspruchen, der ihm nach des Tages Last und Mühe einen angenehmen und behaglichen Aufenthalt bietet! Was die Kost anbelangt, mit welcher die Dienstmädchen patriarchalisch abgespeist werden, so ist sattsam bekannt, welche hervorragende Rolle bei derselben halb oder ganz verdorbene, nichts weniger als apetit- liche Reste und Abfälle spielen. Die„praktische" Verwendung dieser Reste und Abfälle, die Kunst aus alten Knochen„Kraftbrühe" zu kochen, ist eine Erztugend der„guten Hausfrau," und diese ihre Erztugend und Kunst läßt sie mit Vorliebe bezüglich des Speisezettels ihres Dienstpersonals leuchten, das sich zufrieden geben muß, mag die erhaltene Kost noch so hundsmiserabel sein. Im Interesse der Moral und guten Sitte erlaubt oder verbietet es die„Gnädige," ob ihr Mädchen einen„Bräutigam" haben darf oder nicht. Wenn sie es duldet, daß einem jungen, frischen Ding seitens der Söhne und Freunde des Hauses nachgestellt wird, so thut sie dies ebenfalls nur im Interesse der Moral. „Ein Verhältniß niit einem Dienstmädchen ist noch anständiger als der Ilmgang niit Prostituirten, und die goldene Jugend muß sich nun einmal die Hörner ablaufen, soll sie später solide Familienväter abgeben." Aber falls das vom mütterlichen Auge begünstigte Verhältniß Folgen hat, dann wehe der Verführten, die als„sittenloses Geschöpf" aus dem Hause muß, ohne Rücksicht darauf, was aus ihr, was aus dem unter ihrem Herzen keimenden Leben wird. Daß die meisten Gesinde-Ordnungen durch Androhung strenger Strafen dafür sorgen, daß das holde Einvernehmen der patriarchalischen Gemeinschaft zwischen Dienstmädchen und Herrschaft nicht durch Ausplaudern der häuslichen Verhältnisse seitens ersterer getrübt wird, versteht sich von selbst. Dagegen hat die„Gnädige" volle Freiheit, beim Kaffeeklatsch so recht mit Lust und Liebe zur Sache vor gleichgesinnten schönen Seelen die intimsten Verhältnisse ihrer Köchin oder ihres Mädchens für Alles auszuplandern und in gehässigster Weise durchzuhecheln. Auf Grund der„häuslichen Gemeinschaft" besitzt die Herrschaft das Recht, jederzeit die Lade oder Kommode eines Dienstmädchens öffnen und durchsuchen zu lassen. Wenn die weiße Sklavin ihre Herrin wechselt, so muß sie es sich nicht selten widerstandslos gefallen lassen, daß ihr Bosheit oder Rachsucht durch lügenhafte oder übertriebene Bemerkungen im Dienstbuche das Fortkommen erschwert.„Treu und fleißig, aber eine Soldatenläufige," so lautete das Zeugniß, das eine gute Kölner Hausfrau einem Dienstmädchen ausstellte, ohne danach zu fragen, ob die so gebrandmarkle Person eine andere Stellung finden oder vielleicht der Prostitution in die Arme gettieben werden würde. Es versteht sich am Rande, daß die erste Pflicht eines Dienstmädchens ihrer Herrschaft gegenüber Gehorsam ist, das heißt, daß sie sich in deren Händen mit Preisgabe des eigenen Willens und ohne Prüfung von Recht und Unrecht als ein willfähriges, fügsames Werkzeug erweist. Daß der Dienstherrschaft ihrem Gesinde gegen- j über in Wort und That das väterliche Züchtigungsrecht zusteht,! und daß sie dieses ihr Recht nur zu oft ausgiebig gebraucht und mißbraucht, ist bereits durch die Eingangs angeführten Vorfälle zur Genüge gezeigt worden. In einer kürzlich vom sächsischen Landtag angenommenen neuen Gesinde-Ordnung ist allerdings das Recht körperlicher Züchtigung in Wegfall gekommen, dafür aber ist in � demselben das Prügelrecht an jugendlichen Dienstboten bis zum Alter von 17 Jahren obligatorisch gemacht worden. Andere deutsche Staaten schicken sich gleichfalls zu einer, schönfärberisch„Reform"� genannten Umänderung ihrer Gesinde-Ordnungen an. Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß auch dort der Hauptsache nach die neuen Gesetze die alten Gesetze bleiben werden, daß sie von dem nämlichen reaktionären, engherzigen Geist der sozialen Ungleichheit und Ungerechtigkeit erfüllt sein werden wie bisher. Nicht Reform der Gesinde-Ordnungen, nur Beseitigung derselben, wie sie von sozialdemoftatischer Seite beantragt worden ist, vermag Abhilfe der schreiendsten Mißstände zu schaffen. Es wäre ein Leichtes, die Aufzählung der gerade aus der Gesinde-Ordnung herrührenden Mißstände für Stellung und Behandlung der Dienstboten um ein Beträchtliches zu vermehren. Wir mußten uns damit begnügen, nur die sinnenfälligsten Uebel zu kennzeichnen. Wer nur einigermaßen die Lage unserer weißen Sklavinnen in Dentschland kennt, den kann es nicht überraschen, ivaruni immer mehr Töchter des Proletariats die so magere und beschränkte Freiheit der Fabrikarbeiterin den„Segnungen eines patriarchalischen Dienstverhältnisses" vorziehen, den kann es aber auch nicht überraschen, daß das konservative Junkerthum und das liberale Bürgerthum männlichen und weiblichen Geschlechts über die zunehmende Unzufriedenheit, Begehrlichkeit, Unbotmäßigkeit und Widersetzlichkeit des zeitgenössischen Dienstpersonals, zumal der großstädtischen Dienstmädchen klagen. Der Geist der neuen, nach Freiheit dürstenden Zeit weht bis in die Schichten der Versklavtesten aller Versklavten, auch die Dienstmädchen erwachen zum Bewußtsein ihrer Menschenwürde und Menschenrechte, ihr früher so naiver Glaube an die Naturnothwendigkeit und Sittlichkeit des patriarchalischen Faustregiments ist arg ins Wanken gerathen, und daß ihre Herren den Hingang des alten Wahns beHeulmeiern, ist erklärlich. Die Dienstmädchen verschiedener Länder sind im Betreff ihrer „Begehrlichkeit" ihren Schwestern in Deutschland mit gutem Beispiel vorangegangen. Lohn- und Arbeitsverhältnisse wie im Deutschen Reiche finden sich vielleicht mit Ausnahme von Oesterreich in keinem anderen der großen westeuropäischen Länder. Daß die Dienstmädchen der neuen Welt vielfach bei weitem besser gestellt sind, als die weißen Sklavinnen in Europa, ist eine bekannte Thatsache. Trotzdem oder gerade darum kämpfen sie daselbst für weitere Verbesserungen ihrer Lage. In Charleville in Australien, in Haven- ford in Nordamerika haben sich vor etlicher Zeit die Dienstmädchen organisirt, um eine Regelung ihrer Arbeitszeit und besseren Lohn durchzusetzen. Auch in London sind die Dienstmädchen in eine Bewegung getreten, um bessere Arbeitsbedingungen zu erringen. Wie der Telegraph dieser Tage meldete, veranstalteten dieselben eine Kundgebung zu Gunsten kürzerer Arbeitszeit und eines halben Feiertages in der Woche. Sie zogen, gefolgt von einer ungeheuren Menschenmenge, in ihrer kleidsamen Tracht und Sinnbilder ihrer Beschäftigung in Gestalt von Bügeleisen, Kohleneimern, Bürsten, Besen, Waschschlägeln zc. tragend durch die Hauptstraßen und hielten eine Versammlung ab, in welcher sie die Errichtung einer Organisation für Dienstmädchen beschlossen. Es ist hohe Zeit, daß die deutschen Dienstmädchen durch eine organisirte, zielbewußte Bewegung Protestiren gegen die Schmach der Gesinde-Ordnungen, welche ihnen Zustände schaffen, die ihre Menschenwürde, ihr Selbstbestimmungsrecht in schnödester Weise beeinträchtigen. Es ist Zeit, daß sie energisch die Beseitigung des Ausnahmegesetzes fordern, das ihr Leben regiert, daß sie als Arbeiterinnen Unterstellung unter die Gewerbenovelle, Regelung ihrer Arbeitsverhältnisse, Besserung ihres Verdienstes verlangen, daß sie ihren Willen kund thun, als Menschen und nicht als weiße Sklavinnen zu leben und zu schaffen. Arbeiterinnen-Bewegung. — In Bielefeld fand am 20. März eine öffentliche Versamin- lnng aller im graphischen Gewerbe beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen statt, in der Herr Dietrich(Stuttgart) über„Die Bedeutung der Gewerkschaftsorganisationen und die Verhandlungen des Halberstadter Gewerkschaftskongresses" sprach. Nachdem der Redner in trefflicher Weise die Rolle der gewerkschaftlichen Organisation und die Nothwendigkeit des Zusammenwirkens der einzelnen Verbände dargelegt, sowie über den Kongreß zu Halberstadt und den Spezial- kongreß der graphischen Gewerbe berichtet hatte, erklärte sich die Versammlung zu Gunsten der beschlossenen graphischen„Union" und versprach, init allen Kräften für dieselbe einzutreten. — Am 20. März fand in Vegesack die erste öffentliche Frauen- und Mädchenversammlung statt. Frau Bosse(Bremen) referirte über„Die Stellung der Frau zur Sozialdemokratie" und erntete für ihre klaren, warmen Ausführungen reichen Beifall. Die Lokalpresse ist natürlich über die so erfolgreich verlaufene Versammlung aus Rand und Band gerathen. — Frau Stein b ach(Hamburg) sprach in Münden am 22. März unter reichem Beifall über das Thema:„Das sozialdemokratische Programm und die Frauenfrage." Die Versammlung war seitens der Frauen und Mädchen sehr gut besucht. — In Kellinghausen ward am 20. März eine gut besuchte Volksversammlung abgehalten, in welcher Frau Kühler(Wandsbeck) über„Die Frauenfrage und das Programm der Sozialdemokratie" referirte. Reicher Beifall lohnte die Rednerin für ihre verständlichen, packenden'Ausführungen, die im Laufe der Diskussion von einem Gegner als„Hetzerei" bezeichnet wurden. Der betreffende„Herr," ein Lehrer, ward von Frau Kähler und Herrn Krögert in trefflicher Weise widerlegt, und die Versammlung schloß mit einem Hoch auf die Sozialdemokratie. — Am 27. März fand in Uetersen eine von gegen 3W Personen besuchte öffentliche Versammlung statt, in welcher Frau Steinbach über„Das sozialdemokratische Programm und die Frauenbewegung" sprach. Die Versammlung erklärte sich durch reichen Beifall mit den Ausführungen der Referentin einverstanden. — Frl. Wabnitz(Berlin) referirte in einer auch seitens der Frauen gut besuchten Versammlung, welche am 27. März zu Mainz stattfand, über„Die Gottes- und Königsidee." In fließender Rede, die von Gleichnissen und treffenden Zitaten belebt ward, schilderte sie die Entwicklung der Gottes und Königsidee und zeigte dann anschau lich, wie die einzige Gotteslästerung, welche man gelten lassen könne, die von dein Kapitalismus verschuldete Degenerirung des Menschengeschlechts sei. Nachdem sich der reiche, der Rednerin gespendete Beifall gelegt hatte, verlangte der Polizeikommissar den Namen der Vorsitzenden zu wissen und erklärte, daß er um 11 Uhr Feierabend bieten werde. Obgleich Genosse Jöst den Herrn darauf aufmerksam machte, daß die hessische Verfassung den hessischen Staatsbürgern gestatte, sich frei, ohne Verpflichtung zu polizeilicher Anmeldung, folglich auch ohne polizeiliche Ueberwachung zu versammeln, ferner, daß er höchstens den'Ausschank der Getränke verbieten, aber nicht den Schluß der Versammlung fordern könne, erklärte der Polizeikommissar dieselbe um 11 Uhr für geschlossen. Unter allgemeiner Entrüstung und mit einem Hoch auf die internationale Sozialdemokratie gingen die Versammelten auseinander. Seitens der Einberufer der Versammlung wird der Beschwerdeweg beschritten werden, um ein für allemal die Uebergriffe der Polizei zurückzuweisen. — Eine Frauenversammlung, welche am 3. April in Weisenau bei Mainz stattfand, und in der Frl. Wabnitz über das Thema referirte:„Naturgesetz und Menschenrechte," ereilte das gleiche Schicksal wie die Mainzer Versammlung. Dank der nnfreiwilligen Propaganda, welche der Ortspfarrer dadurch für die Versammlung gemacht, daß er von der Kanzel herab gegen dieselbe gedonnert, hatte sich ein zahlreiches Publikum eingefunden, welches der Rednerin reichen Beifall zollte. — Am 31. März fand in Frankfurt a. M. eine öffentliche Versammlung der Arbeiter und Arbeiterinnen der graphischen Gewerbe statt. Herr Domine referirte über„Die Arbeiten des Halberstadter Kongresses, sowie über den Verlauf und die Beschlüsse des Spezialkongresses der graphischen'Arbeiter." Die Versammlung erklärte ihre volle Zustimmung zu den in Halberstadt gefaßten Beschlüssen und verpflichtete sich, für ihre Verwirklichung einzutreten. — In Schleswig sprach am 1. April Herr Lorenz(Hamburg) in einer von Frauen und Männern gut besuchten Versammlung über das Thema:„Sozialismus und Kapitalismus." Nachdem der Redner die Auffassung zurückgewiesen, als ob die sozialistische Bewegung künstlich von etlichen Hetzern gemacht sei, legte er ausführlich das Wesen des Sozialismus und Kapitalismus dar. — Frau Eichhorn(Dresden) sprach am 2. April in Leipzig in einer öffentlichen Versammlung aller im Buchbindergewerbe und verivandten Berufszweigen beschäftigten'Arbeiter und'Arbeiterinnen über„Die Ausgaben der Frau." In klarer, überzeugender Weise wies die Referentin nach, wie die wirthschaftlichen Verhältnisse der Frau in unserer Zeit noch andere Pflichten zuertheilen, als am Koch topf zu stehen. Ausführlich schilderte sie, wie die Erwerbsarbeit der Frau, die Ausbeutung ihrer Arbeitskraft durch den Kapitalisten. ivelche zur Ergänzung des Verdienstes die Prostitution unvermeidlich mache, der Arbeiterin die Verpflichtung auferlege, sich gewerkschaftlich und politisch zu organisiren. Nachdem noch die Rednerin die Vorurtheile gegen die Betheiligung der Frau am öffentlichen Leben gegeißelt, zeichnete sie in großen Zügen ein Bild der sozialistischen Gesellschaft, welche allein die endgiltige und volle Befreiung des weib lichen Geschlechts verwirklichen könne. An die mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Ausführungen knüpfte eine rege Debatte an, in der alle Redner betonten, wie nöthig es sei, die Arbeiterinnen mit den Zielen der Arbeiterbewegung bekannt zu inachen und sie zu organisiren. — In O.uickborn fand am 3. April eine Volksversammlung statt, vor welcher Frau Steinbach über„Das sozialdemokratische Programm und die Frauenbewegung" sprach. Die Referentin wies am Schlüsse ihrer mit stürmischem Beifall aufgenoinmenen Ausführ unge» darauf hin, daß wohl auf dem platten Lande zur Zeit eine Frauenorganisation noch unmöglich sei, daß jedoch auch hier die Ar beiterfrauen sich um das öffentliche Leben, die sozialistische Bewegung kümmern und ihre Männer antreiben müßte», im Vereins- und Versammlungsleben ihre Pflicht zu thun, — Am 3. April fand in Berlin eine öffentliche Versammlung für Frauen und Männer statt, in der Herr Kunkel über„Frauenemanzipation" sprach und an seine Darlegungen anknüpfend die anwesenden Frauen aufforderte, Schulter an Schulter mit den Männern unter der Fahne der Sozialdemokratie für ihre Befreiung zu kämpfen. — Eine öffentliche Versammlung der Arbeiter und �Arbeiterinnen von Wilhclmsburg hörte am 3. April ein Referat des Herrn Marti kke(Hamburg) über„Die Verkürzung der Arbeitszeit und ihre Bedeutung." Die Anwesenden erklärten sich in einer Resolution mit den Ausführungen des Redners und der Forderung des achtstündigen Arbeitstags einverstanden und versprachen, durch feste politische und gewerkschaftliche Organisation für ihre Verwirklichung einzutreten. Behufs Vorbereitung der Maifeier ward ein aus Männern und Frauen bestehendes Komite gewählt. — Am 3. April sollte in Sagan«Schlesien) Frau Rohrlack sprechen. Obgleich die Referentin durch Krankheit am Erscheinen verhindert war, fand die einberufene Versammlung doch statt, und es ward in ihr ein Frauenverein gegründet, dem sofort gegen 30 Mitglieder beitraten. Die neue Organisation nahm am selben Abend noch ein Statut an und wählte einen Vorstand. — In Riesa fand am 3. April eine öffentliche Maurerversammlung statt, welche u. a. in einer Resolution den Wunsch aussprach, der Riesaer Stadtrath möge für Abschaffung der Frauenarbeit bei den Bauten eintreten. — In einer öffentlichen Versammlung der Textilarbeiter und -Arbeiterinnen von Berlin, welche am 4. April abgehalten ward, erstattete Herr Petersdorf Bericht über den„Halberstadter Kongreß" und bedauerte, daß derselbe anstatt der Organisationsfrage gegenüber eine Einigung zu erzielen, durch seine Beschlüsse den Streit zwischen Zentralisten und Lokalisten nur verschärft habe. Der Redner rieth den Zentralorganisationen, sich mit Politik zu beschäftigen und dadurch den Lokalorganisationen gleichwerthig zu machen. Verschiedene Redner sprachen im Sinne des Referenten, die Versammlung erklärte in einer Resolution den die Lokalorganisation betreffenden Beschluß für einen„Fehler." — Am 3. April fand in Leipzig eine öffentliche Parteiversamm lung für den Westbezirk statt, die von rund 8tX) Männern und Frauen besucht war. Herr Geyer, welcher dem deutschen Reichstage und dem sächsischen Landtage angehört, berichtete über„Die Thätigkeit der sozialdemokratischen Fraktion im Reichs- und Landtag." Nach dem der Redner die Gruppirung der Parteien in den Parlamenten gezeichnet, besprach er eingehend die von den sozialdemokratischen Die Doppelgängerin. Tin Märchen von Nia Claasscn. Es sah traurig aus auf der Erde. Nur verstohlen erst keimte und drängte das junge Grün hervor, das den Frühling bringen wollte, aber der Winter, zu dem die Natur wieder einmal erstarrt war, lag niit seiner Eisdecke noch so gewaltig darüber, daß es verschüchtert zurückduckte in die alte Nacht oder, wo es die Fessel doch gesprengt hatte, meist überwuchernd und ungestüm in die Höhe schoß, so daß die Menschen es nicht einmal erkannten und für Unkraut hielten. In dieser Zeit regte sich auf welkem Blätterlager, das von dichten Hecken eng umsponnen war, ein junges Weib und rieb sich schlaftrunken die Augen. Aber es war kein Märchenprinz, der es geweckt hatte; die scharfe Zugluft des Jahrhunderts hatte es wach geküßt und wehte ihm nun kühl und erfrischend um Stirn und Auge, daß seine Haare hoch aufflatterten und die welken Blätter wirr durcheinanderraschelten. Tanzende Sonnenfunken spielten drüber hin, und geblendet schloß das junge Weib noch einmal die Augen vor dem blitzenden Widerschein, den ein Schwert in seinem Arm ihni entgegenwarf. Der Sonnenstrahl aber glitt weiter, und da — erblickte es neben sich, fast verhüllt im dürren Reisig, eine halbverfaulte Spindel liegen, die es aufhob und nachdenklich betrachtete. Und plötzlich saß au seiner Seite, so dicht, daß es fast davon berührt ivurde, die bleiche, weiße Gestalt eines anderen Weibes. „Gieb mir mein Eigenthum," sprach diese mit wehmüthigem Lächeln und griff nach der Spindel,„Du hast nichts damit zu schaffen!"—„Wer bist Du?" fragte das junge Weib, von einen, Schander ergriffen.—„Ich bin nicht, ich war einmal— vor langer, Abgeordneten im Reichstag bezw. Landtag eingebrachten Anträge und erntete für seine fast zweistündigen Ausführungen reichen Beifall. Die Versammlung erklärte ihre Zustimmung zu der Thätigkeit der Fraktion und schloß mit einem brausenden Hoch auf die internationale � Arbeiterbewegung und mit dem Gesang der Arbeiter-Marseillaise. — Die Schneider und Schneiderinnen von München hielten am 6. April eine große öffentliche Versammlung ab, in welcher die Herren Moosauer und Gothe über„Die Thätigkeit der Tarifkommission" berichteten und Herr Reimann über„Die Sonntagsarbeit" sprach. — In Hamburg fand am 7. April eine öffentliche Versammlung der Schneider und Schneiderinnen statt, in welcher Herr Holzhäuser (Hannover) über das Thema referirte:„DerKämpf auf wirthschaftlichem Gebiete" und sich seiner Aufgabe in trefflicher Weise entledigte. — Frau Vogel(Gera) hielt in Elberfeld am 6. April in einer öffentlichen Versammlung der Textilarbeiter und-Arbeiterinnen einen sehr beifällig aufgenommenen Vortrag über„Die wirthschaftliche Lage des arbeitenden Volks." Die Rednerin schilderte, wie der handwerksmäßige Betrieb der kapitalistischen Produktionsweise weichen muß und zeigte, wie unsäglich elend der Kapitalismus die Lage der Arbeiterklasse gestalte. Mit kernigen Worten geißelte sie die herzlose Ausbeutung der Arbeit überhaupt, insbesondere aber der Frauenarbeit, und sie forderte die Frauen auf, durch Anschluß an die Organisationen der Arbeiter aus Schmutzkonkurrentinnen zu Mitkämpferinnen der Männer zu werden. Die Versammlung nahm eine sich mit dem Inhalt des Vortrags deckende Resolution an. — Die ebengenannte Rednerin sprach am 7.'April in Crefcld, am 11. April in Rheydt in öffentlichen Versammlungen der Textilarbeiter und-Arbeiterinnen über das Thema:„Tie Fabrikordnung im Lichte der Arbeiterschutzgesetzgebung." Frau Vogel entrollte wahrhaft erschütternde Bilder der Ausbeutung und Knechtung, der zumal Frauen und jugendliche Arbeiterinnen in der Textilindustrie preisgegeben seien. In Rheydt ward im Anschluß an ihre Ausführungen die Gründung einer Filiale des Textilarbeiterverbandes beschlossen. Bemerkt muß werden, daß die Mitglieder des städtischen Turnvereins unter dein'Abbrüllen patriotischer Lieder Steine gegen die Fenster des Versammlungslokals schleuderten und dadurch einen Vorgeschmack der„geistigen Waffen" gaben, mit denen sie die Organisationsbestrebungen der Rheydter'Arbeiter und Arbeiterinnen zu bekänipfen gedenken. — Die im Vergoldergewerbe beschäftigten Arbeiter und Arbei terinnen von Berlin hielten am 8. April eine öffentliche Versammlung ab, in welcher sie sich mit dem bei der Firma R. Schmidt, Braune u. Co. ausgebrochenen Streik beschäftigten. Ursache des Auslanger Zeit! Ich habe vollbracht, was mir zukam. Dann haben sie mich hier eingesargt— auch das ist schon lange her. Aber ich konnte nicht sterben, denn Du warst noch nicht geboren."— „Wer bin ich?" fragte das junge Weib wieder mit leiser, ahnender Stimme.—„Du?"— und aus dem abgestorbenen Auge der bleichen Gestalt brach ein plötzliches Leuchten—„wer Du bist? Du bist die Fortsetzung und Ergänzung nieiner selbst. Da lies!" Und sie hielt ihr die Spindel entgegen, auf der in halbverlöschter Schrift die Worte standen:„Diene und empfange!"„Und nun lies die Worte auf Deinem Schwerte!" Und das junge Weib las, was ihr in goldenen sieghaften Lettern entgegenstrahlte:„Befreie Dich und gieb!" „Weißt Du es nun, iver Du bist? Jetzt bedürfen sie Deiner, wie sie einst meiner bedurften; aber wo ich im Schatten wandelte, wirst Du im Lichte wandeln, und wo ich folgte, wirst Du vorangehen. Geh', geh', beeile Dich! es ist hohe Zeit, daß Du kamst!" „Und ivie soll ich uns nennen, Dich und mich, wenn sie mich fragen?"—„Die Weiblichkeit!" sprach die Gestalt mit leisem Lächeln, und wie ein Lufthauch war sie verschwunden. Da sprang das junge Weib auf mit blitzenden Augen, und mit beiden Händen sein Schwert fassend hieb es die Hecke in Stücke; mit einem Sprung war es draußen und lief und lief, bis es an das Thor einer mächtige», großen Stadt gelangte.„Wer bist Du und was willst Du?" fragte der Wächter.„Ich bin die Weiblichkeit und komme Euch zu helfen, denn Ihr bedürft meiner!" sprach noch athemlos das junge Weib. Da umspielte den Mund des Wächters ei» höhnisches Lächeln:„Hier ist die Residenz unserer mächtigen Herrin, der„Guten Sitte," die läßt kein Weib ein mit dem Schwerte in der Hand. Und was die Weiblichkeit betrifft, standes ist eine Herabsetzung der im Tarif vorgesehenen Löhne um S bis 30 Prozent. Die Versammlung sprach sich für Unterstützung der Streikenden aus und beschäftigte sich dann mit der Frage der Maifeier. — Frau v. Hofstetten referirte am 10. April in einer vom sozialdemokratischen Agitationsklub für den Osten Berlins veranstalteten öffentlichen Versammlung über„Die Wichtigkeit der Arbeiterbewegung." Die Ausführungen der Rednerin fanden reichen Beifall. — In Breslau fand am 10. April eine von ca. 700 Personen, darunter vielen Frauen besuchte Volksversammlung statt, in welcher Herr Schütz über das Thema svrach:„Das Christenthum und die herrschenden Klassen." Den Darlegungen des Referenten entsprechend erklärte die Versammlung in einer Resolution, daß sie auch in der Frage der Religion auf dem Boden des sozialdemokratischen Parteiprogramms stehe. — Am 10. April fand in Berlin eine vom freien Diskutir- verein veranstaltete-Versammlung statt, in welcher Herr Folger einen beifällig aufgenommenen Vortrag über„Christenthum und Sozialis mus" hielt. In der anschließenden lebhaften Diskussion unterstützten verschiedene Redner, sowie Frau Kolbe die Ausführungen des Referenten. — Herr Fräßdorf sprach am 10. April in einer auch von Frauen besuchten öffentlichen Versammlung der sozialdemokratischen Partei Dresdens über„Die Stellungnahme zur Feier des 1. Mai." Nachdem der Referent und einige andere Redner für möglichst imposante, aber ruhige Gestaltung der Kundgebung eingetreten waren, forderte eine Frau ihre Geschlechtsgenossinnen, sowie die Männer auf, dafür zu sorgen, daß sich auch der weibliche Theil der Arbeiterschaft recht zahlreich an der Feier betheiligen möge. In Nürnberg sprach am 10. April Frau Henri ch-Wilhelmi über das Thema i„Der Frauen Natur, Recht und Pflicht." Die Rednerin führte aus, wie die Frau bezüglich ihrer gesummten Entwicklung, bezüglich auch ihrer privatrechtlichen und öffentlichrechtlichen Stellung darunter zu leiden habe, daß Gewalt vor Recht gehe. Ter Frau müssen die besseren Erwerbsquellen der liberalen Berufe er schloffen, ihr muß das Stimm- und Wahlrecht gewährt werden. Der Kampf der Frauen um ihr Recht sei kein Klassenkampf l!!?), sie forderten nur ein Recht, ihr Menschenrecht. Man brauche die Konkurrenz der Frau nicht mehr zu fürchten, wenn der Grundsatz verwirklicht iverde:„Gleicher Lohn für gleiche Leistung." — Am 13. April fand in Nürnberg eine öffentliche Versammlung der in den graphischen Gewerben beschäftigten Arbeiter, Hilfsarbeiter und Hilfsarbeiterinnen statt, in welcher Herr Sillier so sorge Dich nicht um sie, denn sie ist unser seit ewigen Zeiten; Dich aber— kennen wir nicht!" „Du lügst!" rief die Weiblichkeit zornentflammt und erhob ihr Schwert, daß der Wächter erschreckt zurückwich. Im selben Augenblick war sie an ihm vorüber und in der Stadt und ohne Aufenthalt, ohne der entsetzten Blicke der Menge, ohne der Drohrufe hinter ihr her zu achten, eilte sie geradezu in den herrlichen Palast, den sie schimmernd vor sich sah, gerade vor den Thron der Frau Sitte, welche steif und langweilig im Kreise ihrer Hofdamen dasaß. Es entstand ein ängstliches Rücken und Zurückweichen.„Was willst Du?" herrschte Frau Sitte mit drohender Miene sie an. Die Weiblichkeit wollte antworten.... Da— von Entsetzen gepackt blieb ihr Blick auf den Stufen des Thrones haften.... Dort saß, als wenn sie sich im Spiegel sähe, ein Wesen wie sie, von ihrer Gestalt, ihrer Größe, ihrer Art, ihrem Antlitz sie selbst, sie selbst! Der Wächter hatte ivahr gesprochen. Wie erstarit bohrten sich die Blicke der Doppelgängerinncn einen Augenblick lang in einander— sie selbst, sie selbst! und— nein! doch nicht sie selbst! Es war ein leerer falscher Blick, der dem ihrigen entgegen kam. Und sieh! auf der Stirn jenes Selbst dort thronte lächelnd die Dummheit, und in den Augen und ans den Halbgeöffnelen Lippen lauerte die Lüsternheit.... Mit einem Schrei schlug die Weiblichkeit beide Hände vor's Gesicht; sie konnte den Anblick ihres entsetzlichen Spiegelbildes nicht ertragen. „Hinaus! Du willst zerstören, was uns heilig ist, hinaus!" rief mit strenger, höhnender Stimme die Sitte auf ihrem Throne, und�die vielen Ritter im Saal, die sich schützend um die Doppelgängerin geschaart hatten, erhoben ein gar geivaltiges Getöse:„Das 7- (Berlin! über„Die Stellungnahme zu den auf dem Hatberstadter Gewerkschaftskongreß gefaßten Beschlüssen" referirte. Der Redner sprach sich unbedingt zu Gunsten der zentralen Organisation aus, um eventuelle wirthschaftliche Kämpfe gemeinsam führen zu können. Er betonte die Nothwendigkeit, ungelernte Arbeiter und Arbeiterinnen zur Organisation heranzuziehen, doch empfahl er rücksichtlich der letztgenannten die Gründung bes anderer Arbeiterinnenvereine. Frl. Fischer machte den Männern den Vorwurf, daß sie bisher trotz aller schönen Worte nur sehr wenig für die Selbständigmachung und Organisation der Frauen gethan hätten. Die seitens der Frauen gut besuchte Versammlung erklärte sich mit den Beschlüssen des Gewerkschaftskongresses einverstanden und verpflichtete sich, für das Zustandekommen einer graphischen Union und die Ausbreitung der Organisation zu arbeiten und zu wirken. — Eine öffentliche Versammlung für Frauen und Männer, welche am 17. April in Hohcn-Tchönhauscn statthatte, hörte einen Vortrag des Herrn Lazarus über das Thema:„Was hat die ländliche Bevölkerung von der Sozialdemokratie zu erwarten?" Der Redner führte aus, daß allein die Sozialdemokratie die Befreiung des ländlichen wie des industriellen Proletariats anstrebe und verwirklichen werde, und die Versammlung versprach, fleißig für die Ziele d»r Sozialdemokratie und den Beitritt zum sozialdemokratischen Ortsverein Propaganda zu machen. — Am 17. April fand in dem Landorte Klein- Tschausch i Schlesien) eine von etwa 1S0 Männern und Frauen besuchte Volksversammlung statt, in welcher Herr Schütz«Breslau) über„Die Lage der ländlichen Arbeiter" referirte. Tie Anwesenden verpflichteten sich zur regen Agitation für die sozialdemokratische Idee, deren Verwirklichung allein den Landarbeitern Besserung ihrer Lage und endliche Befreiung bringen könne. Die Versammlungsbesucher waren voller Begeisterung und gingen nach dem Absingen der Arbeitermarseillaise auseinander. — In Lübeck tagte am 18. und 10. April der sozialdemokratische Parteitag für Lübeck und beide Mecklenburg. Nach kurzer Diskussion ward ein von Frau Kleve mit warmen Worten begründeter Antrag angenommen, die Arbeiterinnenbewegnng zu unterstützen. Auf dem Parteitag waren zwei Frauen als Delegirte für Lübeck anwesend. — Eine von etwa 1000 Personen, darunter sehr vielen Frauen besuchte Volksversammlung fand am 23. April in Nürnberg auf Veranlassung des Arbeiterbildungsvereins statt. Frau Zetkin iStutt gart» sprach über„Tie gegenwärtige Stellung der Frau in der Gesellschaft" und wies nach, wie dieselbe in erster Linie nicht von der Geschlechtslage, vielmehr von der Klassenlage beeinflußt werde. Tie Klassenunterschiede seien innerhalb der Frauenwelt ebenso scharf zu- Schwcrt, das Schwert des Geistes in ihrer Hand, sie hat es uns gestohlen, entreißt es ihr!" Da flüchtete die arme Weiblichkeit hinaus, verfolgt von den Schmähungen und den Drohrufe» aller Derer, denen zu helfen sie gekommen war, hinaus bis vor die Thore der Stadt und weiter, weiter, in die Nacht hinein, durch Felder und Dörfer, so weit die Herrschaft der Frau Sitte reichte, bis in den tiefen schweigenden Wald, Ivo sie fern von Menschen niedersank. Wie lange sie so gelegen, wußte sie nicht; sie war so uiüde und verzweifelt. Aber dann strich es ihr kühl um die Stirn, und in ihrem Ohr klingelte und tönte es wie von feinen Glöckchen, so lieblich und lustig, daß sie die Augen aufschlug. Es waren die Waldelfen, die sie zu trösten gekommen waren.„Bleibe bei uns!" baten sie schmeichelnd.„Ich kann ja nicht, sie bedürfen dort ineiner," schluchzte die Weiblichkeit und wies nach der Richtung, von der sie gekommen. Da niachten die Elfen betrübte Gesichter und flüsterten miteinander, und plötzlich faßten sie sie bei der Hand und zogen sie weiter bis in ein duftig verschwiegenes Thal. lind sieh! da stand sie plötzlich vor ihr, der Ewigen, Einzigen, Allwissenden: der Mutter Natur. Die saß auf felsigem Thron, und die Elemente webten um sie herum, und von ihrem Antlitz strahlte ein sieghaftes Leuchten, so daß die Weiblichkeit erschauernd in die Knie sank, das Haupt zu Boden gesenkt.„Sieh' auf!" sprach die Natur. Und die Weiblichkeit sah auf, der Natur gerade ins Angesicht, und die Natur lächelte. Wie Heller Sonnenschein glitt dieses Lächeln überall hin, in Winkel und Spalten, hinein auch in das wunde Herz der Weiblichkeit, und während ihr noch die Thräuen die Wangen herabliefen, lachte sie mit einem Mal hell und jauchzend auf. gespitzt, wie innerhalb der Männerwelt, und sie veranlaßten, daß die als Klassenangehörige bereits freien Frauen der Bourgeoisie ihre Emanzipation auf dem Boden der heutigen Gesellschaft im Kampfe gegen die Vorrechte des männlichen Geschlechts erringen wollten, während die Proletarierinnen als Glieder einer gesellschaftlich versklavten Klasse ihre Befreiung im Kampfe gegen die Kapitalistenklasse und die kapitalistische Gesellschaftsordnung suchen müßten. Die neue wirthschaftliche Thätigkeit der Frau, welche ihre ökonomische Verselbständigung bewirkte, müsse auch ihre politische und soziale Ber- selbständigung herbeiführen, aber die politischen Rechte könnte» für die Arbeiterinnen nur Mittel sein, zusammen mit den Arbeitern ihre volle soziale Befreiung durch die Befreiung der"Arbeit vom Joche des Kapitalismus zu erkämpfen. Nachdem Herr Schmidt mit warmen Worten zur Organisation aufgefordert hatte, empfahl Frl. Fischer in frischer und energischer, sehr beifällig aufgenommener Rede die Gründung eines besonderen Arbeiterinuenvereins. Mehrere Redner unterstützten ihren Vorschlag, andere dagegen, darunter Herr Schern», sprachen zu Gunsten des Eintritts der Arbeiterinne» in die bereits bestehenden gewerkschaftlichen Organisationen der Männer. Eine am 3». April stattfindende Versammlung soll sich iveiter mit der Frage:„Gemischte Organisation oder besonderer Arbeiterinnenverein" beschäftigen und dieselbe regeln., — In Frankfurt a. M.»vard an» 24. April eine öffentliche Versaminlung abgehalten, die leider seitens der Frauen nicht sehr zahlreich besucht»var. Herr Opificius referirte in ansführlicher und gediegener Weise über das Thema:„Die Frau»nrd der Sozialis- inus.""Auf Grund der Morgan'schen Forschungen»vies der Redner nach, wie die Frau mit Veränderung der Eigenthumsverhältnisse aus ihrer früheren bevorzugten Stellung verdrängt»vard und zu der untergeordneten Stellung herabgesunken ist,»velche sie in der Neuzeit einnimmt. Nur die Sozialdemokratie beschreite den richtigen Weg zur Lösung der Frauenfrage, indem sie dieselbe als Theil der großen sozialen Frage betrachte und überzeug» sei, daß sie nur»nit dieser zusammen gelöst»verde»» könne. Der Redner unterzog in»»veiteren Laufe seiner Ausführungen die gegen die Bethätigung der Frauen auf dein Gebiete der Kunst, Wissenschaft und Politik herrschenden Vorurtheile einer scharfen Kritik, erbrachte den Beiveis, daß wie die Befreiung des»veiblichen Geschlechts in der heutigen Gesellschaft, so die sozialistische Gesellschaft ohne die Befreiung der Frau unmöglich sei»lud forderte die Frauen auf, sich zu vereinigen. Nach einer an den beifällig aufgenommenen Vortrag anknüpfenden, sehr lebhaften Debatte nahm die Versammlung folgende Resolution an: „Die heutige Versammlung erklärt sich mit den Ausführungen des Rcscrcntcn einverstanden und spricht sich dahin aus, daß die noch vielfach „Du hast mich schon verstanden," sagte die Natur, noch immer lächelnd.„Wenn von jener Tochter der„Guten Sitte" längst der Name dem Ohr der Menschen fremd geworden, wenn jener Palast, dem Du eben entflohen, längst eingestürzt, ein neuer errichtet und wieder eingestürzt sein wird,— dann wirst Du noch blühend wandeln auf Erden, schaffend und wirkend. Darum aber mußt Du ausharren und kämpfen, kämpfen gegen die Unreinheit und Lüge, die sich eingeschlichen hat in Deiner Gestalt, kämpfen gegen Selbstsucht und Heuchelei, Vorurtheil und Blindheit Deiner Brüder, bis sie Dir frei ins Ange schauen können und Dir die Hand reichen als ihrer Schwester. Bis es so weit gekommen, werden Alle Dich begeifern mit ihrem Haß, doch was geht Dich Dein Glück an? Unermüdlich mußt Du kämpfen, damit Du erstarkst im Kampfe, Dich befreist und theilhaftig wirst der Arbeit an dem großen Werke der Menschheit. Dann aber wird ein Geschlecht von Dir ausgehen, stark, gesund und rein, wie es seine Aufgabe erfordert. Dazu gab ich Dir schon das Schwert; doch ich fürchte, es ist nicht genug damit. Nun will ich Dir noch einen Gehilfen geben." Die Natur winkte der Menschenliebe. Vor dem inneren Auge der Weiblichkeit aber entrollte sich das Bild weiter, das die Natur ihr gezeichnet, und klarer und klarer trat es aus dem Nebel der Zukunft.... Ihr Busen hob und senkte sich wie die Sturmfluth auf hoher See, die Wangeu glühten ihr in rosigem Widerschein, und ungeblendet schauten ihre Augen in das Licht der eben aufsteigenden Morgensonnc. „Komm!" rief sie mit jubelnder Stimme und eilte voraus in den jungen Tag, zurück zu den Menschen, so schnell, daß der stille Gefährte ihr kaum zn folgen vermochte. bestehkiidcn Vorurtheile der Männer gegen die Frauenbewegung beseitigt »Verden, und daß sich die Frauen und Mädchen sämmtlich dein bestehenden allgemeinen Frauenverein anschließen inilsscn, um dadurch eine kräftige Organisation zu erreichen. Die Versammlung fordert den Vorstand des allgemeinen Fraucnvereins auf, in allerkürzester Zeit eine Mitgliederversammlung einzuberufen. Ehe die Anwesenden auseinandergingen,»vard den Frauen noch dringend empfohlen, sich an den an» 30. April stattfinde>»den Ver- sainmlungei», bezw. der Maifeier recht rege zu betheiligen. — Der Fachverein der im Buchbindergewerbe beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen zu Stuttgart hielt am 2. April eine Mit- gliederversammlung ab, in welcher Herr Dietrich Bericht erstattete über den„Halberstadter Gewerkschaftskongreß und die Verhandlunge» des Spezialkongresses der graphischen Gewerbe." — Am 10. April hielt die Filiale Berlin des Zentralverbandes sämintlicher in der Bürsten- und Pinselindustrie beschäftigten"Arbeiter und Arbeiterinnen seine Generalversammlung ab, in welcher nur interne Angelegenheiten behandelt wurden. — An» 10. April fand eine auch seitens der Frauen gut besuchte Mitgliederversammlung des Fachvereins der im Buchbindergewerbe beschäftigten"Arbeiter und Arbeiterinnen von Stuttgart statt, in der Herr Baluff über„Die neue Fabrikorduung mit besonderer Berücksichtigung der auf die"Arbeiterinnen bezüglichen Bestimmungen der Novelle des Gewerbegesetzes" sprach und den Kolleginnen die Bedeutung derselben deutlich klarlegte. — In der Mitgliederversammlung der Filiale Hamburg des deutschen Schneider- und Schneiderinnenverbandes, welche am 1l. April stattfand, berichtete Herr Stähmer über das„Hanlburger Gewerk schaftskartell." Die Versammlung wählte drei Delegirte zu demselben. — Der Bildungsverein für Frauen und Mädchen Elberfelds hielt am 15."April eine Mitgliederversammlung ab, in»velcher Herr Gewehr über das Thema referirte:„Die Arbeiterinnenbewegung, ein Fortschritt in der Kulturentivicklung." Der Redner wies nach, daß die Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung, indem sie gegen alle nicht mehr zeitgemäßen Einrichtungen kämpfe und sie durch bessere ersetzen ivolle, einen großen Fortschritt der Kulturentivicklung bedeute. — In Wien fand an» 3. April eine sehr gut besuchte öffentliche Frauenversammlung statt,»velche sich mit der„Stellungnahme zum einberufenen dritten österreichischen Parteitag und den dort einzubringenden Anfragen und Anträgen" beschäftigte. Frau Grubinger und Frau Divorak führten aus, wie nothwendig es sei, daß sich die Arbeiterinnen an die sozialdemokratische Partei anschließen. Frau Kofi er verlangte, daß die Frauen eine selbständige Zeitung haben, und daß der Parteitag die Schaffung einer geeigneten Literatur für Kinder beschließe. Frau Grubinger, Dworak und Köster wurden zu Delegirtinnen für den Parteitag geivählt, der seitdem seitens der Behörden verboten»vorden ist. — Frau Dworak sprach am 10. April in einer öffentlichen Versammlung des"Arbeiterinnen-Bildungsvereins zu Nculerchcnscld (Wien) über das Thema:„Der erste Mai." Mit zündenden Worten legte sie die Bedeutung der internationalen"Arbeiterkundgebung dar und beleuchtete ihre besondere Wichtigkeit für die österreichische Arbeiterklasse, die dadurch nicht blos zu Gunsten des"Achtstundentages, sondern auch zu Gunsten der politischen Rechte demonstrire. Eine Verwirk lichung beider Forderungen bringe keinen Stillstand der Arbeiter- beweguiig, dem» diese müsse iveiter gehen, bis die völlige Umgestaltung der herrschenden Gesellschaftsordnung erreicht sei. — Wir berichteten bereits an anderer Stelle, daß die Londoner Tieustmädchen in Bewegung behufs Regelung ihrer"Arbeitsverhältnisse getreten sind. Von den Dienstmädchen der Grafschaft Durhan» ist das Gleiche zu melden. In Hartlepool marschirteu die Dienst- mädchen in geschlossenen» Zuge manifestirend durch die Straßen der Stadt, um dadurch ihrer Forderung auf den"Achtstundentag und einen vollständig freien Tag pro Woche energischen"Nachdruck zu verleihen. — Frau Marr-Aveling agitirte in den letzten Wochen in rührigster und erfolgreichster Weise unter den"Arbeitern und Arbei terinnen von Westcngland. Unter Anderen sprach sie vor den wegen ihres Festhaltens am Organisationsrecht ausgesperrten Spinnen» und Weber» von Buckfastleigh und den"Arbeitern von Plymouth. Ihre"Agitation hat viel dazu beigetragen, die in der Gegend bestehen den Organisationen zu kräftigen und zielbewußter zu inachen, be ziehuugsweise neue Organisationen zu gründen. — In Oschatz(Sachsen) will die Polizeibehörde nicht gestatten, daß Frauen Mitglieder des dortigen Arbeiter- und Arbeiterinneu Vereins iverden. Ter Verein hat gegen das Verbot der Polizei Beschwerde eingelegt. — Die bekannte Vorkämpferin der Arbeiterinnen-Bewegung, Fräulein Wabnitz, hatte sich am 19. April vor den» Schöffengericht zu Frankfurt a. M. wegen einer Rede zu verantworten, die sie in einer öffentlichen Buchdruckerversammlung gehalten hatte. Der kleine Zuhörerraum war von Publikum überfüllt. Viele, welche der Verhandlung anwohnen wollten, fanden keinen Platz mehr. Die Angeklagte. welche während ihrer achttägigen Untersuchungshaft keine Speisen zu sich genommen hat, und die nur mit Anstrengung und heiserer leiser Stimme zu sprechen vermag, giebt zu. die ihr zur Last gelegten Ausdrücke gebraucht zu haben. Das Gericht erkannte auf drei Tage Ge- fängniß. die durch die erlittene Umersuchungshaft als verbüßt zu erachten seien. Luft, melzr Lnfi! Einige englische Chemiker und Hygieniker— die Professoren Carnelley und Haldaue und der Medizinalbeamte I>r. Andersen in Dundee— haben sehr interessante Untersuchungen über die'Abhängigkeit der Sterblichkeit von der Beschaffenheit der Luft in den Wohnungen veröffentlicht, die besonders für die Bewohner der Großstädte von besonderem Werth sind. Es wurde dabei genau die Anzahl und Größe der Zimmer, sowie die Zahl der darin schlafenden Personen notirt: die Wohnungen mit einem Zimmer hatten gewöhnlich nur 1 Bett, in dem U. ja sogar S Personen schliefen. Die Luftproben wurden stets Nachts entnommen und auf ihren Gehalt an Kohlensäure, organische Stoffe und Mikro-Organismen geprüft. Von diesen Stoffen wirkt jeder nach seiner'Art sehr schädlich auf die Gesundheit der Menschen ein. Auch wurde die Luft der umgebenden Höfe und Gassen untersucht. Aus den Ergebnissen dieser Untersuchungen folgt klar, daß je kleiner die Schlasräume. oder je weniger Raum auf eine Person trifft, desto unreinlicher und schädlicher wird die Luft. Gleichzeitig mit diesen Untersuchungen waren nun für einige Jahre bei der Sterblichkeitsstatistik auch genau die Wohnungsverhältnisse, in denen die Todesfälle vorkamen, festgestellt, nnd diese Statistik ergab folgende Sterblichkeitszahlen! auf je UXX) Personen starben in Wohnungen mit: 4(und mehr) Zimmern 12.3. 3 Zimmern 17,2. 2 Zimmern 18,8, 1 Zinnner 23,3 Prozent. Mit der Verschlechterung der Luft in den Wohnräumen nimmt also die Sterblichkeit zu und das Durchschnittsalter in hohem Grade ab, so daß die Sterblichkeil in Einzimmer-Wohnungen fast doppelt so groß ist, als in den Wohnungen mit vier Zimmern. Ebenso ist das Durchschnittsalter in den Vierzimmer-Wohnungen fast zweimal so groß als in den Wohnungen init einem Zimmer.„Leute in Einzimmer-Wohnungen haben bei ihrer Geburt Aussicht nur halb so alt zu iverden als Leute, die in besseren Räumen wohnen. Letztere leben 20 Jahre länger." Daß es gerade die schlechte Luft ist, welche hier ihre verderbliche Wirkung ausübt, beweist die Thatsache. daß von den Krankheiten in den Einzimmer-Wohnungen Luftröhrenkatarrh und Lungenentzündung besonders häufig angetroffen werden, also Krankheiten, die vorzüglich auf schlechte Beschaffenheit der Luft zurückzuführen sind. Während nämlich in den Vierzimmer-Wohnungen an diesen Krankheiten im Allgemeinen nur 7.8 auf 10 000 Lebende starben, gehen in den Einzimmer-Wohnungen 26.7 auf 10000 Lebende daran zu Grunde, das heißt fast 3'/« mal so viel. Ein Kommentar zu diesen Thatsache» ist überflüssig. Es braucht auch nicht erst nachgewiesen zu werden, daß dieselben Ursachen unter gleichen Umständen auch überall die gleich schrecklichen Folgen nach sich ziehen, und wir können, wenn uns die Wohnverhältnisse eines Ortes bekannt sind, mit gewisser Bestimmtheit auch da� Sterblichkeitsverhältniß zwischen den Inwohnern verschieden großer Räume und sogar die Ursache der Sterblichkeit voraussagen. Wären die Professoren bei ihren Untersuchungen weiter gegange». hätten sie dieselben auf die Klassenzugehörigkeit der Inhaber verschiedener Wohnungen ausgedehnt, so hätten sie gefunden, daß es hauptsächlich Proletarier sind, die durch ihre Geburt in Einzimmer Wohnungen Aussicht haben, nur halb so alt zu werden als die Glückspilze. welche in weiten, luftigen Wohnungen das Licht der Welt erblicken und leben. Das Proletariat ist nicht allein durch seine Arbeitsund Ernährungsverhältnisse, auch durch seine Wohnungsverhältnisse größerer Sterblichkeit, geringerem durchschnittlichen Lebensalter, zahlreicheren Erkrankungen der Athmungswerkzeuge ausgesetzt, als die Besitzenden und Herrschenden. In den berüchtigten Einzimmer-Wohnungen Hausen keine Rentbürger mit ihren Angehörigen, in ihnen sind Arbeiter. Arbeiterinnen. ganze'Arbeiterfamilien zusammengepfercht. Die Industriezentren, mögen sie in der Stadt oder auf den, Lande gelegen sein, weisen fast stets miserable Wohnungsverhältnisse auf. Gerade auf dem Lande sind dieselben vielfach noch elendere als in der Stadt, weil hier die Zahl der vorhandenen Wohnungen oft eine verhältnißmäßig kleinere, die Auswahl zwischen ihnen eine beschränktere ist. die sanitätspolizeilichen Vorschriften inangelhaftere sind als in den städtischen Jndustrie- und Verkehrszentren. Im sächsischen Voigtlande und Erzgebirge. im Eulengebirge, in Schlesien zc. beherbergt ein Zimmer oft mehrere Proletarierfamilien, deren Wohnungsbezirk innerhalb des einen Raumes durch Kreidestriche abgegrenzt ist. Wenn der Arbeiter eine Wohnung miethet, so kann er nicht zuerst fragen, ob sie gesund gelegen und für ihn. bezw. seine Familie geräumig genug sei. Er muß vielmehr zuerst darauf sehen, daß sie in möglichster Nähe des Ortes gelegen, wo er Arbeit und Brot gefunden und daß ihr Miethpreis im Verhältniß zu seinen« Verdienst steht. Deshalb hal seine Wohnung oft die denkbar ungesundeste Lage, deshalb ist sie meist eng. klein, enthält nicht die nöthige Kubikinenge an Luft und noch«veniger an frischer, reiner Luft. Wir sind den Gelehrten zu Dank verpflichtet,«velche aus der reichen Rüstkammer ihres Wissens durch neue und neue beiveiskräftige Thalsachen darthun,«velche Bedeutung die Luft für Leben uiid Ge sundheit der Menschen hat,«vie nothwendig es ist. Wohn- und Schlaf räuinen jederzeit reichliche Mengen frischer, unverdorbener Luft zuzuführen. Zumal den Frauen, denen init der Sorge für den Haushalt auch das Lüften der Wohnungen obliegt, kann man»icht genug wiederholen: sperrt Euch und Eure Kinder nicht ängstlich von jeden« Lustzug ab. lüftet, lüftet! Sollen aber die Arbeiter von der Aufklärung über den Werth der Luft profitiren könne««, so brauchen sie noch eins: bessere Löhne, damit es ihnen materiell möglich ist, in Wohnungen zu lebe», die gesund gelegen, groß und gut gebaut sind. Gewöhnlich heißt es: die Luft ist unlsonst. Für den Arbeiter trifft das nur sehr bedingt zu, ja er«nuß sogar die geringe Menge schlechter Luft, die er in seiner Wohnung athmet, theurer bezahle», als der Reiche die großen Mengen frischer Luft, die seine Bel-Etagen, Villen und Hotels erfüllen. Es ist durch Berechnungen nachgewiesen. daß die Größe der Wohnung in umgekehrten« Verhältniß zu ihrem Preise steht. Je grüßer eine Wohnung, um so billiger stellt sich jeder Kubikmeter Raum, je kleiner die Wohnung, um so theurer. Für den Proletarier gilt auch bezüglich der Luft, der Wohnung: „Wenn Du aber gar nichts hast, Ach, so lasse Dich begraben, Denn ein Recht zum Leben, Lump, Haben nur die etwas haben." Maria Gaetana d'Agnest. Zu den Frauen, welche durch ihre glänzende Begabung, durch ihr umfassendes, gründliches Wissen, den Ernst ihres Charakters, den Werth ihrer Leistungen, die Vorurtheile über die geringen Geisteskräfte des weiblichen Geschlechts, über die Unmöglichkeit von dessen Bethätigung auf wissenschaftlichem Gebiete widerlegen, als gedankenlos geplärrten Gemeinplatz, Ausfluß zopfigen Jnnungsdünkels oder auch der Konkurrenzfurcht erscheinen lassen, gehört Maria Gaötana d'Agnesi. Im Jahre 1718 ward sie zu Mailand geboren als Tochter des hochgelehrten Professors d'Agnesi, der in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts an der Universität zu Bologna Mathematik vortrug. Da sie im zarten Alter die Mutter verlor, so ruhte ihre Erziehung fast ausschließlich in den Händen ihres Vaters, der sich angelegen sein ließ, die frühzeitig hervortretenden außergewöhnlichen Anlagen des Kindes zu entwickeln. Der Unistand trug viel dazu bei, Marias Geist in eine von den gewöhnlichen Bahnen weiblicher Entwicklung und Thätigkeit abweichende Richtung zu lenken, ihren Gedanken einen hohen Flug, ihrem Charaver leidenschaftliche Liebe zu den Wissenschaften, Festigkeit und Ausdauer beim Studium zu verleihen. Das in der Folge zwischen Vater und Tochter bestehende Verhältniß war ein ungemein inniges und schönes; der Professor sah in dem jungen Mädchen nicht nur sein Kind, sondern bald auch seinen liebsten und begabtesten Schüler, späterhin den Genossen strenger Forschung, den gleichdenkende», gleichstrebenden Kameraden. Wie es zu jener Zeit üblich ivar, lernte Plana zuerst das Lateinische und beherrschte diese Sprache im Alter von 9 Jahren bereits mit solcher Vollkommenheit, daß sie in ihr eine Rede über das Studium des weiblichen Geschlechts hielt. Mit 18 Jahren sprach sie nicht weniger als sechs fremde Sprachen: Lateinisch, Griechisch, Hebräisch, Spanisch, Französisch und Deutsch. Ihr Hauptinteresse wendete sich jedoch der Philosophie und Mathematik Nr. tv der„Gleichheit" gelangt am 18. Mai 18SS zur Ausgabe. 80 zu, deren Studium sie so viel Eifer und Verstcindniß entgegenbrachte, daß der Vater beschloß, sie sich ganz den genanuteu Wissenschaften widmen zu lassen. Sie lag ihrem Studinm mit großem Erfolg ob, so daß sie kaum 19 Jahre alt 191 philosophische Thesen aufstellen upd vertheidigen konnte. Ihre Gelehrsamkeit machte sie bald zum Mittelpunkt allgemeiner Bewunderung, und da sie nicht nur gelehrt, vielmehr auch schön und liebenswürdig ivar, so fehlte es ihr nicht an Anbetern und Freiern. Sie wies Alle zurück: die unausgesetzte Beschäftigung mit der Wissenschaft ließ erst spät die Liebe in ihrem Herzen erwachen. Viel trug dazu wohl auch der Umstand bei, daß sich unter den um sie drängenden Bewerbern keiner fand, der ihr ebenbürtig gewesen wäre. Erst als bereits die Jahre der Jugendblüthe vergangen, lernte Maria einen Mann kennen, der ihren Geist und ihr Herz zu fesseln vermochte. Es war dies Stefanello de Cinla, ein junger, hochbegabter Gelehrter, der nach Bologna gekommen, um seine bedeutenden Kenntnisse zu erweitern und zu vertiefen. Er besuchte häufig das Haus des Professors d'Agnesi und fühlte sich mächtig zu dessen Tochter hingezogen, ohne daß er ihr seine Liebe zu gestehen wagte. Auch Maria faßte allmälig zu dem glänzenden Gelehrten eine Zuneigung, die täglich festere und tiefere Wurzel schlug, sich aber nur durch um so anhaltenderes Studium äußerte. Sie wollte nämlich den geliebten Mann durch ein gelehrtes Werk„Analytische Institutionen" überraschen und sich durch dasselbe als ihm ebenbürtig erweisen. Da erkrankte Professor d'Agnesi schwer, und seine durch fortgesetzte geistige Anstrengung erschütterte Gesundheit zwang ihn, seine Vorlesungen einzustellen. Mit seiner Zustiinmung und mit Erlaubniß des Papstes Benedikt XIV.— der sich in der Beziehung als einsichtsvoller erwies, wie viele unserer heutigen Staatsmänner und Gelehrten, die sich mit Händen und Füßen gegen das Unioersitätsstudiilm der Frauen wehren— betrat nun Maria das Katheder und hielt statt ihres Vaters Vorlesungen über höhere Mathematik. Damit ward Stefanello zum Schüler seiner Geliebten, und er konnte sich nur schwer in das neue, ungewohnte Verhältniß finden. Bei Lösung einer schwierigen Aufgabe lief ihm ein Fehler unter, auf den ihn Maria aufmerksam inachte. Ihre Bemerkung, so harmlos sie gewesen, traf den empfindlichen und etwas eitlen Mann wie ein Dolchstoß, und von da an mischte sich dem Gefühl seiner Liebe ein leiser Groll gegen die„Gelehrte" bei. Maria war durch das kurze Zeit nach dem Vorfall erfolgende Gcständniß von de Cinta's Liebe— das sie in ihrem Arbeitszimmer erhielt, während sie mit Ausarbeitung ihres gelehrten Werkes begriffen>var— hochbeglückt, als aber der Geliebte forderte, daß sie auf die Wissenschaft verzichten und ihm allein ihr ganzes' Leben widmen sollte, da bemächtigte sich ihrer tiefe Traurigkeit und Bestürzung. Nach schwerem inneren Kampfe zwischen ihrer Liebe und ihrer Pflicht, sich selbst und ihrem besten Streben treu zu bleiben, erklärte sie Stefanello, die gestellte Bedingung nicht annehmen zu können. Die Aussprache zwischen den Liebenden endete, ohne einen bestimmten Abschluß ihrer Beziehungen herbeizuführen. Marias Werk schritt in der folgenden Zeit rasch seiner Vollendung entgegen, so daß Professor d'Agnesi kurz vor seinem Tode das erste Exemplar davon erhalten konnte. Nachdem der Vater gestorben, ward die Tochter offiziell zum Professor der Mathematik an der Universität zu Bologna ernannt, sie stand nun auf dem Höhepunkt ihres Ruhmes, ihre wissenschaftliche Bedeutung ward allgemein anerkannt, nur wenige ihrer Zeitgenossen konnten sich bezüglich ihrer Leistungen mit ihr messen. Dagegen schwand ihr persönliches Glück mehr und mehr dahin. Wohl besuchte Stefanello noch ihre Vorlesungen, wohl brachte er ihr tadellose Aufgaben, allein sein Benehmen verrieth deutlich, daß die frühere Liebe für Maria erloschen war. Es dauerte nicht lange, so erhielt diese einen endgiltigen Abschiedsbrief. Der Schlag traf sie nach dem Tode des Vaters doppelt schmerzlich, die Vereinsamung ihres Geistes und Herzens ward ihr unerträglich und brach die früher so unbezähmbare Energie ihres Charakters, die Frische und Elastizität ihres Gedankens. Ihr Lebensglück war durch das Vorurtheil und vor allem die verletzte Eitelkeit eines Mannes für immer zerstört, und selbst die Wissenschaft vermochte ihr keinen Ersatz dafür zu bieten. Nachdem sie noch zwei Jahre als Professor weiter gewirkt hatte, legte sie Amt und Würde nieder und trat als Kranken- und Armenpflegerin in das Hospiz der blauen Nonne» ein. Sie starb 1799 in dem Hospiz Trivulzio zu Mailand. Ihr Name hat in der Geschichte der Wissenschaft einen ehrenvollen Platz bewahrt, und die Vorkämpfer der Frauenbefreiung verweisen gern auf ihre Person, als ein beweiskräftiges Beispiel dafür, welche Höhen des Geistes das weibliche Geschlecht erklimmen könne, falls ihm nur günstige Bedingungen für seine Entwicklung zu Theil werden. Einen richtigen Maßstab dafür werden wir freilich erst dann erhalten, wenn diese günstigen Entwickluugs- bedingungen nicht nur vereinzelten glücklichen Existenzen, vielmehr der gesammten Frauenwelt geboten werden, wenn all die in der Masse ruhenden Keime schlummernder Talente ungehindert durch Roth, Elend und Sorge emporsprosseu und sich in herrlichen Blüthen entfalten können. Kleine Nachrichten. Die schmachvolle Ausbeutung weiblicher Arbeitskraft wird durch die Zustände in einer Schuhfabrik zu Göppingen«Württemberg) in helle Beleuchtung gerückt. Während daselbst der durchschnittliche Akkordlohn eines Arbeiters pro Woche 11 Mk. 47 Pf. beträgt, verdient eine Arbeiterin wöchentlich im Mittel 3—4 Mk. Wie es möglich ist, daß Jemand bei einem solchen Hundelohn die Kosten für Nahrung, Wohnung und Kleidung bestreitet, das gehört zu den„Geheimnissen einer unerforschlichen Vorsehung," welche ein gewöhnlicher Sterblicher nicht begreifen kann, an die er aber glauben muß.— Zumal die Arbeiterin, sie, die jeden Tag aufs Neue vor die Frage ge stellt wird, ihren Unterhalt auf Grund ihres Verdienstes zu decken, sie muß an diese Möglichkeit glauben, und wenn nicht? Je nun, Samiel— Prostitution hilf! In Thorn und Umgegend werden bei den Bauten vielfach Fraucu und Kinder zu den niedrigsten Tagelöhnen beschäftigt. Der Verdienst der Unglücklichen ist so gering, daß sie sich den ganzen Tag über nur von trockenem Brot nähren und auch davon nicht immer genug haben. Die Konkurrenz der Frauen- und Kinderarbeit drückt die Löhne der Bauarbeiter herunter und das Elend der betreffenden Proletarierkreise kennt kaum noch eine Grenze. Gar lustig und lieblich gedeihen aber dafür die Profite der Herren Bauunternehmer und Bauspekulanten— die Bauarbeiter mögen zusehen, von diesem tröstlichen Bewußtsein satt zu werden. Der Landrath des Kantons Glarus(Schweiz« hat ein Arbeiter- schungcsen angenommen für die Arbeiterinnen, minderjährigen Lehr linge und Lehrmädchen unter 18 Jahren, welche dem eidgenössischen Fabrikgesetz nicht unterstellt sind.„Wir danken dir, Herr, daß unsere Reichsboten nicht sind wie diese demokratischen Zöllner und Sünder," werden wohl unsere deutschen Schlot- und Krautjunker bei dieser Nachricht beten. Proletarische Frauen und Kinder gegen die kapitalistische Profitgier schützen, welch sträfliches Beginnen! Die Fabrikarbeiterinnen Venedigs sind durch das entsetzliche Elend ihrer Lage binnen einem Monat in zwei große Streiks gehetzt worden. Anfang März traten mehrere Hunderte von Zigarren- wicklerinnen in'Ausstand und machten wahrhaft greuliche Lohn- und Arbeitsverhältnisse bekannt. Anfang April legten die Arbeiterinnen der als„Cotonificio" bekannten Baumwollspinnerei die Arbeit nieder und zertrümmerten die Fenster der Fabrik. In Folge dessen stellte die Direktion den Betrieb ein, wodurch 700 Männer brotlos wurden. Die streikenden Arbeilerinnen und ausgesperrten'Arbeiter durchzogen miteinander die Stadt, und erstere schilderten der sich ansammelnden Volksmasse ihre Leiden. Ihr Verdienst hatte bisher bei zwölfstündiger Arbeitszeit 1 Lire M Pf.) pro Tag betragen, jetzt sollte derselbe jedoch auf 80 Centesimi(64 Pf.) herabgesetzt werden. Unter den fadenscheinigsten Vorwänden wurden ihnen oft bis 20 Prozent des Lohnes als„Strafgelder" abgezwackt. Tie Arbeiterinnen erklärten, daß sie von 80 Centesimi unmöglich Essen, Wohnung und Kleidung beschaffen könnten, ferner, daß ihre Gesundheit durch das elfstündige Stehen, durch Hitze und Staub in den Fabriksälen-c. ganz untergraben sei. Angesichts solcher Verhältnisse ist die Verzweiflung der 'Aermsten ivohl begreiflich. Freilich ist die Zertrümmerung etlicher Fensterscheiben nicht das geeignete Mittel, Abhilfe zu schaffen. Nur dadurch, daß die Arbeiterinnen zum Bewußtsein ihrer Klassenlage gelangen, daß sie aufgeklärt und organisirt Schulter an Schulter mit den Arbeiten! gegen die kapitalistische Ausbeutung kämpfen, können sie in der Gegenwart eine Besserung ibrer Lohn- und Arbeitsverhältnisse und in der Zukunft ihre Befreiung erringen. Lerantworllich für dir Redallion: Fr. Klara Zetkin(Eißner) in-lnttgarl.— Druck und Verlag von I. H. W. Diey in Stuttgart.