Nr. 13. Die Gleichheit. 2. Jahrgang. Zeitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Herausgegeben von Emma Ihrer in Velten( Mark). Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr 2564a) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf. Stuttgart Mittwoch, den 29. Juni 1892. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. § 137 der neuen Gewerbeordnung und die Untertükung der Wöchnerinnen. Obgleich die neue Gewerbeordnung unter dem Zeichen herausfordernden Arbeitertruges steht, so enthält sie doch etliche targe Bestimmungen zum Schuß der Arbeit gegen die kapitalistische Ausbeutung. So setzt§ 137 fest, daß Arbeiterinnen erst sechs Wochen, bezw. auf Grund eines ärztlichen Zeugnisses frühestens vier Wochen nach ihrer Niederkunft in fabrikmäßigen Betrieben wieder beschäftigt werden dürfen. Mit dem Inkrafttreten dieser Bestimmung wird. für die Fachvereine, welche männliche und weibliche oder auch nur weibliche Mitglieder umschließen, eine Frage von großer Wichtig keit aufgeworfen. Die meisten dieser Organisationen sichern statutengemäß ihren Mitgliedern im Falle von Arbeitslosigkeit Unterstüßung zu. Nun ist es klar, daß in Folge der Bestimmung zum Schutz der Wöchnerinnen für diese eine sechs-, bezw. vierwöchentliche Periode des Feierns eintritt. Sind in diesem Falle die Fachvereine, Gewerkschaften 2c. zur Leistung des festgefeßten Unterstüßungsbetrag für Arbeitslose verpflichtet oder nicht? Bereits haben sich einzelne Fachvereine mit dieser Frage beschäftigen müssen, welche in Zukunft an viele Organisationen herantreten wird. Die Statuten der meisten betreffenden Vereine zuerkennen ihren Mitgliedern eine Unterstützung im Falle von unfreiwilliger Arbeitslosigkeit überhaupt, ohne Näheres über Natur und Art dieser Arbeitslosigkeit zu bestimmen. Formell sind mithin auch die Fachvereinen angehörenden Wöchnerinnen im Recht, von diesen auf Grund der ihnen gefeßlich auferlegten Arbeitslosigkeit die zugesicherte Unterstützung zu verlangen. Diese Auffassung der Frage wäre jedoch eine rein äußerliche, sich an den Buchstaben des Statutentextes flammernde, den Geist der gewerkschaftlichen Organisationen mißachtende Auffassung. Ihr gegenüber müßte geltend gemacht werden, daß es sich dem ganzen Charakter der Fachvereine nach nur um Unterstüßung von Arbeitslosigkeit in Fällen handeln kann, wo diese sozusagen rein wirthschaftlicher Natur ist. Soviel uns bekannt, haben auch die Fachvereine bis jetzt abgelehnt, Wöchnerinnen den statutengemäßen Unterſtüßungsbetrag für arbeitslose Mitglieder auszuzahlen. Ihre Haltung begründeten sie in der Regel mit dem Hinweis auf das praktische Unvermögen, die anderen Falls zu bringenden bedeutenden materiellen Opfer tragen zu können. Besonders angesichts der geringen Mitgliedsbeiträge der Arbeiterinnen, wurde angeführt, sei ein Eingehen auf die erhobene Forderung gleichbedeutend mit dem Ruin der Organisationen. Allein noch ein anderer, nicht minder gewichtiger Grund spricht dagegen, die Fachvereine mit der Unterstützung der Wöchnerinnen zu belasten. Die gewerkschaftlichen Organisationen sind in erster Linie durchaus nicht Unterstüßungsvereine, vielmehr Kampfesorganisationen, bestimmt auf wirthschaftlichem Gebiete mit dem Kapitalisten zu ringen, ihm in Zeiten guten Geschäftsganges bessere Arbeitsbedingungen für Proletarier und Proletarierinnen zu entreißen, ihn in Zeiten der Geschäftsstockung zu hindern, die Arbeitsbedingungen zu verschlechtern. Wenn die Fachbereine 2c. arbeitslose Mitglieder unterstüßen, so geschieht dies im Zuschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" find zu richten an Fr. Klara Zetkin( Eißner), Stuttgart, RothebühlStraße 147, IV. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. Zusammenhang und behufs Wahrung dieses ihres eigentlichen Zwecks. Sie beabsichtigen dadurch die Führung von Streits zu ermöglichen, zu verhüten, daß brotlose Kameraden von dem Kapitalisten im wirthschaftlichen Kampfe als Schmußkonkurrenten ausgespielt werden 2c. Die Gewerkschaften würden mithin ihren wahren Charakter verkennen, wollten sie die Unterstüßung der in Folge des§ 137 arbeitslosen Wöchnerinnen übernehmen. Der Begriffsverwirrung über den eigentlichen Zweck der gewerkschaftlichen Organisation, der Unterschiebung von Nebenaufgaben Unterschiebung von Nebenaufgaben Unterstützungswesen, Fachsimpeleian Stelle der Hauptaufgaben Führung des Klassenkampfes auf wirthschaftlichem Gebiete, Organisation und Schulung des Proletariats wäre damit wieder Thür und Thor geöffnet. Eine Zersplitterung der gewerkschaftlichen Kräfte auf Nebenaufgaben aber würde deren Leistungsfähigkeit der kapitalistischen Ausbeutung gegenüber herabseßen, mit den Interessen des gesammten Proletariats auch diejenigen der Arbeiterinnen selbst schwer schädigen. Je schwächer die von ihrer eigentlichen Aufgabe abgelenkten Gewerkschaften im wirthschaftlichen Kampfe find, je weniger sie für Besserung der Arbeitsbedingungen vermögen, um so miserabler wird auch die Lage der wirthschaftlich so schwachen Arbeiterinnen sein und bleiben. Allein wenn es die Gewerkschaften mit Recht ablehnen, ihre weiblichen Mitglieder zu unterstüßen, welche auf Grund des§ 137 außer Arbeit sind, so liegt doch andererseits auf der Hand, daß Etwas für die arbeitslosen Wöchnerinnen geschehen muß. Nicht nur in ihrem eigenen Interesse, auch in dem der proletarischen Nachkommenschaft, des Proletariats überhaupt, wurde Schutz gefordert gegen die kapitalistische Ausbeutung ihrer Arbeitskraft in der Zeit nach ihrer Niederkunft. Dieses Ziel würde jedoch unvollkommen erreicht, ja der erstrebte Schuß würde in sein Gegentheil verkehrt, wenn die Wochen der Arbeitslosigkeit gleichbedeutend wären mit Wochen der Brotlosig= feit, wenn an Stelle des Ruins der Gesundheit der Frau durch die Arbeit, die Untergrabung ihrer Kräfte durch den Hunger träte. In einer vernünftig organisirten Gesellschaft verstände es sich von selbst, daß die Wöchnerin, sowie auch die schwangere und die einen Säugling nährende und pflegende Frau aller Nahrungssorgen enthoben wäre, daß ihr die denkbar günstigsten Bedingungen für die Entwicklung ihrer Leibesfrucht, für Aufziehung des Säuglings, für Wiederherstellung und Kräftigung der eigenen Gesundheit ge= boten würden. Handelt es sich ja darum, in Mutter und Kind die Zukunft, die Kraft und Gesundheit der kommenden Geschlechter sicher zu stellen. sicher zu stellen. Aber wir leben heutzutage nicht in einer vernünftig organisirten Gesellschaft. Der nämliche Staat, welcher Hunderte und Tausende von Millionen verausgabt für die kulturfeindlichen Militärzwecke, hat natürlich nicht die Mittel, Einrichtungen zu schaffen, welche die Proletarierin im Falle der Mutterschaft und mit ihr zugleich die kommende proletarische Generation schirmen, die Zukunft der Gesellschaft sicher stellen. In der Beziehung Wandel zu schaffen, die gesellschaftlichen Organe, Staat und Gemeinde, zur Erfüllung einer ihrer wichtigsten Pflichten zu zwingen, das gehört zu den Aufgaben, welche der politischen Arbeiterbewegung zugefallen sind. Die französischen Sozialisten traten bei den letzten Gemeinderathswahlen in den Kampf mit einem Programm, welches dementsprechende Forderungen enthielt.( S. die Korrespondenz Aus Frankreich," Nr. 7 der„ Gleichheit.") Jedoch bis die sozialistische Arbeiterpartei auf dem Wege des politischen Kampfes Maßregeln zum Schutz der proletarischen Mütter und Kinder erzwungen, dürfen die arbeitslosen Wöchnerinnen nicht ihrem Schicksal, dem Hunger, überlassen bleiben. Daß man angesichts der Hundelöhne und des unsicheren Verdienstes der Lohnsklaven und Lohnsflavinnen nicht auf die von kapitalistischer Seite gepredigte Spartheorie verweisen kann, versteht sich von selbst. Die organisirte Arbeiterschaft muß auch den Wöchnerinnen gegenüber den Beistand leisten, welcher früher dem Einzelnen seitens der Familie zu Theil ward, welcher diesem in der Zukunft seitens der Gesellschaft zu Theil werden wird, der ihm aber unter der kapitalistischen Ordnung versagt bleibt. Die Unterstützung der Wöch nerinnen während der Zeit ihres unfreiwilligen, aber nothwendigen Feierns ist Aufgabe der Kranken-, Hilfs- und Unterstüßungsfassen. Die Ortskrankenkassen gewähren bereits eine Unterſtügung an Wöchnerinnen auf die Dauer von drei Wochen nach ihrer Niederkunft. Die Unterstützung aber ist, wie die gesammite Unterstüßung seitens der Ortskrankenkasse, ungenügend und muß- bis ein Wandel zum Besseren eingetreten durch die Leistungen der Arbeiterfassen ergänzt werden. Die Bestimmungen des§ 137 haben für Leßtere eine neue Situation geschaffen und machen eine Abänderung ihrer Statuten in dem Sinne zur dringenden Nothwendigkeit, daß Wöchnerinnen Stranken gleichgestellt werden und die für diese üblichen Tagegelder erhalten. bis Die Verwirklichung dieser Forderung schließt aber Eins in sich die Unmöglichkeit der Forteristenz von Kranken- und Unterstüßungskassen, deren Mitgliedschaft ausschließlich aus Frauen besteht. Diesen Kassen würde es schlechterdings unmöglich sein, die mit der täglich dringlicher werdenden Neuerung verbundenen materiellen Opfer zu bringen. Aber abgesehen davon wäre es auch eine ungeheuerliche Ungerechtigkeit, die Lasten einer Maßregel, welche im Interesse des gesammten Proletariats nothwendig ge= worden, dem weiblichen Theile desselben allein aufzubürden. Müssen die Proletarierinnen mit Rücksicht auf die Zukunft ihrer Klasse in den auf ihre Entbindung folgenden Wochen feiern, so ist es auch Pflicht der Proletarier, um des nämlichen Grundes willen dafür zu sorgen, daß die Wöchnerinnen nicht darben. Nur Kassen, welche sowohl Arbeiter wie Arbeiterinnen umschließen, können auf die Dauer den diesbezüglichen Anforderungen und Aufgaben genügen. Indem die Proletarier ihr Scherflein zum Nutzen ihrer Klassen schwestern beisteuern, gewähren sie diesen durchaus keine herablassende Vergünstigung, und indem letztere die Unterstüßung annehmen, stellen sie sich keineswegs in ein entwürdigendes Abhängigkeitsverhältniß zu jenen. Die Einen wie die Andern erfüllen vielmehr im dauernden Interesse ihrer Klasse eine selbstverständliche Pflicht. So weichen auch auf dem Gebiete des Kassen- und Unterstüßungswesens die Sonderinteressen und Sonderbestrebungen der Arbeiter und Arbeiterinnen, so werden diese auch hier zu einer einheitlichen Masse, zu dem einen, ungetheilten Proletariat zu sammengeschweißt, dessen einzelne Glieder ihre persönlichen Augenblicksinteressen den dauernden Interessen der ganzen Klasse unterzuordnen und zu opfern verstehen. Arbeiterinnen- Bewegung. -In Eisenberg fand am 28. Mai eine öffentliche Volksversammlung statt, in welcher Frau Farchim( Gera) in zündender Weise und unter rauschendem Beifall über das Thema referirte: ,, Die Lage der Arbeiter und Arbeiterinnen und was können wir thun, dieselbe zu verbessern." Die Rednerin gab einen geschichtlichen Ueber blick über die Stellung der Frau, zeichnete dann die Lage der Arbeiterinnen und Arbeiter innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft, wies nach, welche Pflichten denselben behuss Verbesserung ihrer Verhältnisse erwachsen und forderte die Gleichstellung der Frau mit dem Manne, damit sie zusammen mit diesem den Kapitalismus bekämpfen könne. Trotz mehrmaliger Aufforderung meldeten sich keine Gegner zum Wort und ein brausendes Hoch auf die internationale Sozialdemokratie endete die Versammlung, welche ein interessantes Vorspiel gehabt hatte. Nachdem dieselbe nämlich eröffnet worden, verlangte der überwachende Beamte, Frau Farchim solle sich auf Grund von Dokumenten legitimiren! Als die Referentin erwiderte, sie sei ohne Taufschein nach Eisenberg gekommen, erklärte der Beamte, daß in 106 diesem Falle auf strikten Befehl hin die Versammlung nicht stattfinden könne. Erst nach längerer lebhafter Debatte und nachdem die Persönlichkeit der Frau Farchim durch drei Zeugen festgestellt worden war, konnte die Versammlung in ihre Tagesordnung eintreten. Am 30. Mai sprach in Hannover Frau Steinbach( Hamburg) in einer öffentlichen, gut besuchten Versammlung der Schneider und Schneiderinnen über das Thema:„ Der Nutzen der gewerblichen Organisationen der Arbeiter." In zweistündiger packender Rede schilderte die Referentin die Bedeutung der Gewerkschaften für das Proletariat, dabei die vorliegende Nothwendigkeit betonend, die Arbeiterinnen in die Organisationen einzubeziehen. Die Versammlung erklärte sich in einer Resolution mit den gehörten Ausführungen einverstanden und versprach, nach immer größerer Kampffähigkeit zu streben, um wirksam an der Befreiung des Proletariats mitarbeiten zu können. Frau Henrich Wilhelmi referirte am 2. Juni in Barmen in einer sehr gut besuchten öffentlichen Versammlung über das Thema: Der freie Wille." Die Rednerin gelangte an der Hand streng logischer Beweisführung zu dem Schlusse, daß sich der sogenannte freie Wille nur auf sicherer materieller Unterlage bethätigen könne und im Dienst der Allgemeinheit bethätigen müsse. Ihren Ausführungen ward reicher Beifall gespendet. In Berlin fand am 3. Juni eine gut besuchte Volksversammlung statt, welche sich mit der„ Angelegenheit Bär Sohn und Agitationskommission der Schneider und Schneiderinnen" beschäftigte. Im Namen der Fünfer- Kommission, welche eingehend und objektiv den Streitfall geprüft hatte, legte Herr Dr. Wolf der Versammlung eine Resolution folgenden Inhalts vor: 1. Das Vorgehen der Agitationskommission gegen die Zwischenhändler im Allgemeinen, wie auch gegen die Inhaber der Firma Bär Sohn ist durchaus gerechtfertigt. 2. Die Fünfer- Kommission ertheilt den Inhabern der genannten Firma eine Rüge, weil diese sich als Parteigenossen geriren, aber die bei ihnen beschäftigten Arbeiter von der politischen und gewerkschaftlichen Organisation zurückhalten, und weil diese ferner in einem Flugblatte Mitglieder der Agitationskommission beleidigten und verdächtigten. 3. Die Kommission überläßt es der Versammlung, zu entscheiden, ob die Inhaber der Firma Bär Sohn noch als Parteigenossen zu betrachten sind. Nach eingehender Diskussion mußte die endgiltige Beschlußnahme vertagt werden, und eine weitere Versammlung, welche am 15. Juni stattfand, befaßte sich abermals mit der Angelegenheit. Die einzelnen Punkte der Resolution wurden durchberathen und entweder einstimmig oder mit großer Majorität angenommen. Im Anschluß an dieses Resultat erklärte die Versammlung in einer zweiten Resolution, daß ihrer Ansicht nach die Herren D. und E. Bär nicht mehr als Parteigenossen zu betrachten sind. " In Elberfeld fand am 7. Juni eine vom Bildungsverein für Frauen und Mädchen einberufene öffentliche Versammlung statt, in welcher Frau Henrich- Wilhelmi über„ Ehe und Ehescheidung" sprach. Mit scharfen Worten geißelte sie die heutige Ehe, die in den bürgerlichen Kreisen meist ein schmachvoller Handel sei, während bei. den Arbeitern oft der aus Neigung geschlossene Bund durch Nahrungssorgen gestört werde. Die bestehende Art der Ehescheidung lasse Alles zu wünschen übrig und sei besonders nachtheilig für die Frau. Besserung der diesbezüglichen Verhältnisse könne erst zusammen mit anderen wirthschaftlichen und sozialen Zuständen eintreten. Am 7. Juni fand in Breslau eine große Volksversammlung statt, in welcher Reichstagsabgeordneter Kunert über das Thema referirte:„ Die Frau und die Sozialdemokratie." In überzeugender Weise wies der Redner nach, daß nur die Sozialdemokratie die Gleichstellung von Mann und Frau erstrebe. Nachdem er die üblichen Gründe gegen die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts widerlegt, zeigte er, daß die selbständig erwerbenden Frauen durch ihre wirthschaftliche Lage zur Antheilnahme an den politischen und gewerkschaftlichen Bestrebungen und zur Organisation gedrängt würden. Auch für Breslau sei die Gründung eines Arbeiterinnenvereins unabweisbare Nothwendigkeit geworden. An den beifällig aufgenommenen Vortrag schlossen sich lebhafte Debatten, die Gründung eines Arbeiterinnenvereins betreffend, die durch eine mit großer Majorität angenommene Resolution beschlossen wurde. Eine gut besuchte Volksversammlung, welche am 8. Juni in Itzehoe stattfand, hörte einen Vortrag von Frau Kähler über „ Die heutige Produktion und ihre Folgen." Die Rednerin zeichnete ein packendes Bild der Klassenlage des Proletariats unter der heutigen Produktionsweise und erbrachte den Beweis, daß nur durch die Vergesellschaftung der Produktionsmittel das werkthätige Volk befreit werden könne. In Hamburg fand am 8. Juni eine öffentliche Versammlung für Frauen und Mädchen statt. Frau Blohm sprach über ,, Die traurige Lage der Arbeiterinnen und die Nothwendigkeit einer einheitlichen Organisation" und empfahl, an Stelle der Lokal- und Zentralvereine einen einzigen großen Frauen und Mädchenverein für ganz Deutschland zu gründen. Frau Kähler trat dagegen in einem Schreiben dafür ein, die Frauen sollten sich mit den Männern zusammen in den Gewerkschaften und sozialdemokratischen Vereinen organisiren. Nachdem eine Reihe von Rednerinnen theils für, theils gegen die Gründung eines neuen Vereins gesprochen, ward dessen Konstituirung beschlossen. Es ließen sich 37 Mitglieder aufnehmen. Eine öffentliche Versammlung der Filzschuharbeiter und -Arbeiterinnen von Berlin vollzog am 13. Juni die Wahl von Vertrauensmännern auf Grund des Aufrufs der Berliner Vertrauensleute der auf dem Boden der losen Zentralisation stehenden Gewerkschaften. Ferner wurde die Einführung einer Kontrolmarke für die Filzschuhbranche in Erwägung gezogen, jedoch nicht endgiltig beschlossen. In Berlin fand am 14. Juni eine auch seitens der Frauen besonders stark besuchte Volksversammlung statt, in welcher Herr Reichstagsabgeordneter Stadthagen über die Frage referirte: Finden die gelehrten Gerichte selten die Wahrheit?" Der Redner wies nach, daß innerhalb der heutigen Gesellschaft die Geseze meist der Ausdruck der herrschenden Klasseninteressen seien, nicht mit dem allgemeinen, lebendigen Rechtsbewußtsein übereinstimmten. Der Richter fönne nicht Der Richter könne nicht immer die Wahrheit finden, lege vielmehr die Gesetze aus nach seinen eigenen Anschauungen. Dies gelte sowohl für das Zivilrecht, wie für das Strafrecht, wie Redner an charakteristischen Beispielen erläuterte. Eine der Mehrzahl nach von Männern besuchte öffentliche Kellnerinnenversammlung zu Berlin verweigerte Frau Dmoch bis auf Weiteres die Decharge für den von ihr gegebenen Kassenbericht und erklärte in einer Resolution, daß die Berliner Arbeiterbewegung mit der von Frau Dmoch geleiteten Agitation nichts zu thun habe. Frau Dmoch ihrerseits erklärte öffentlich mit Bezug auf die Berichte über die betreffende Versammlung, daß ihr Kassenbericht von den Revisoren geprüft und unterschrieben worden sei. Ihre Betheiligung an der Kellnerinnenbewegung habe ihr keinerlei persönlichen Vortheil gebracht. - Der Zentralverein der Fabrik- und Handarbeiterinnen Deutschlands, Zahlstelle Wandsbeck, hielt am 16. Mai eine außerordentliche Mitgliederversammlung ab, welche sich nur mit internen Angelegenheiten beschäftigte. Die Mitgliedschaft Hamburg des deutschen Schneider- und Schneiderinnenverbandes hielt am 23. Mai eine Mitgliederversammlung ab, welche sich mit der Frage beschäftigte:„ Halten wir einen Kongreß im Anschluß an dem in diesem Jahre stattfindenden Verbandstag ab?" Die meisten Redner erklärten sich für Abhaltung eines Kongresses, um das Vertrauensmännersystem beseitigen zu können, da es sich nicht bewährt habe. In dem weiteren Punkt der Tagesordnung„ Anträge zum Verbandstag" berieth die Versammlung den vorliegenden Statutenentwurf. Frau Steinbach's Antrag auf Einführung der Arbeitslosenunterstützung ward abgelehnt. -In der Mitgliederversammlung des allgemeinen Arbeiterinnenvereins sämmtlicher Berufszweige Berlins und Umgegend hielt Herr Dr. Pinn am 11. Juni einen interessanten Vortrag über„ Die alte und die neue Zeit." Der Ortsverein Berlin I des Verbands der in Holzbearbeitungsfabriken und auf Holzplätzen beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen hielt am 13. Juni eine Mitgliederversammlung ab, in welcher Herr König unter Beifall über das Thema sprach:„ Die Krisen der heutigen Zeit, und wie stellen sich die Arbeiter dazu." Die Wirker und Wirkerinnen von Berlin beschäftigten sich in ihrer Versammlung am 13. Juni mit verschiedenen, auf die Einführung der Kontrolmarke bezüglichen Angelegenheiten. Der neugegründete Arbeiterinnenverein zu Mannheim hielt am 16. Juni seine erste Mitgliederversammlung ab. Nachdem Herr Hänsler einen sehr beifällig aufgenommenen Vortrag über„ Zweck und Nutzen der Organisation" gehalten, trat die Versammlung in die Berathung der Statuten ein. Laut des angenommenen Statuts schließt sich der Verein der sozialdemokratischen Partei Deutschlands an, um in Gemeinschaft mit derselben die wirthschaftliche und politische Freiheit der Frauen zu erlangen.( Bravo!) Der Vereinsbeitrag wurde auf monatlich 25 Pfennig normirt, wofür die „ Gleichheit" den Mitgliedern von der Organisation aus unentgeltlich geliefert wird. - Der Zentralverein deutscher Gärtner erstrebt die Organi sation der furchtbar ausgebeuteten Kranzbinderinnen. Die Arbeitszeit derselben beträgt täglich 14-16 Stunden, oft noch mehr, ihr Wochenverdienst beläuft sich auf 5-6 Mark, nur die ersten" Binderinnen können es wöchentlich auf 16-18 Mark bringen. Die Inhaber 107 der Kranzbindereien wollen ihren Arbeiterinnen außerdem die mit dem 1. Juli in Kraft tretenden Bestimmungen über die Sonntagsruhe illusorisch machen. Diesen Verhältnissen gegenüber hat sich die Ueberzeugung Bahn gebrochen, daß nur eine stramme Organisation Besserung zu schaffen vermöge. Die Bestrebungen des Zentralvereins deutscher Gärtner werden deshalb auf fruchtbaren Boden fallen. In Neunkirchen( Oesterreich) fand am 29. Mai eine öffentliche Versammlung statt, in welcher Frl. Grubinger( Wien) über ,, Die Stellung der Frau in der Gesellschaft" referirte und mit beredten Worten die traurige Lage der Arbeiterinnen schilderte. Der Kapitalist beute in schonungsloser Weise die Arbeiterin aus, zahle ihr um ein Drittel schlechtere Löhne als den Männern, zwinge sie, die Pflege ihrer Kinder zu vernachlässigen, treibe sie zum Selbstmord und zur Prostitution. Durch die entsetzlichen Leiden ihrer Lage werde die Proletarierin gezwungen, sich am Vereins- und Versammlungsleben zu betheiligen, um zusammen mit den Arbeitern eine bessere Zukunft zu erkämpfen. Vom 5.- 9. Juni tagte in Wien der dritte Parteikongreß der österreichischen Sozialdemokratie. Die wichtigsten der auf der Tagesordnung stehenden Fragen waren die über Programm, Taktik und Organisation der Partei. Die Unterhandlungen legten glänzendes Zeugniß ab von dem Zielbewußtsein, der Energie, Einheit und den Fortschritten der österreichischen Sozialdemokratie. Bekanntlich besitzt diese seit dem Hainfelder Kongreß ein treffliches Programm, das nur bestätigt und durch Zusätze, betreffend die volle Gleichbezüglich der politischen Rechte, erweitert wurde. Der Parteiberechtigung des weiblichen Geschlechts, besonders auch tag beschloß mit großer Einmüthigkeit an der bisher beobachteten bewährten Taktik festzuhalten. Der Schwerpunkt der Kongreßarbeiten lag auf Lösung der angesichts der österreichischen Verhältnisse sehr schwierigen Aufgabe, eine Parteiorganisation zu schaffen. Der Parteitag hat eine Organisation geschaffen, die aller Wahrscheinlichkeit nach zur kräftigen Fortentwicklung der österreichischen Sozialdemokratie beitragen wird. Den Verhandlungen wohnten viele Frauen als Gäste bei. Als Delegirte betheiligten sich an denselben die Genossinnen Dworschak, Grubinger und Kofler, welche die Wiener Arbeiterinnen vertraten. Die Genannten bewiesen durch ihre verständige, energische und schlagfertige Betheiligung an den Debatten, daß die österreichischen Arbeiterinnen reif genug sind, ihre Aufgabe zu begreifen und zu lösen, mit ihren männlichen Klassengenossen zusammen zu arbeiten und zu kämpfen für die Befreiung des Proletariats aus dem Joche des Kapitalismus. Außer der bereits oben erwähnten, auf die Gleichberechtigung der Frau bezüglichen Erweiterung des Programms durch Einschaltung der Worte ohne Unterschied des Geschlechts" bei den verschiedenen Forderungen, beschloß der Parteitag die Herausgabe einer selbständigen ArbeiterinnenZeitung und einer parteigenössischen Jugendliteratur. Die drei weiblichen Delegirten betonten nachdrücklichst, daß sich die österreichischen Arbeiterinnen entschieden gegen jede abgesonderte Frauenbewegung, nach Art der bürgerlichen Frauenrechtlerinnen, verwahren, daß das ganze Proletariat, ohne Unterschied der Nation und des Geschlechts, Schulter an Schulter kämpfen müsse, daß aber bei der Agitation die besondere Stellung berücksichtigt werden müsse, welche die Frau bisher innegehabt. In diesem Sinne wurde der Beschluß, die Herausgabe eines selbständigen Arbeiterinnenblattes betreffend, gefaßt. Der Parteitag ist überzeugt, daß auf die Arbeiterinnenbewegung ein Hauptaugenmerk gerichtet, und daß diese überall in Fluß gebracht werden müsse. - Der jüngst in Namur stattgehabte Jahreskongreß der belgischen Sozialisten beschäftigte sich besonders eingehend mit der Frage der Agitation zu Gunsten des allgemeinen Stimmrechts. Der Kongreß beschloß für das Frauenstimmrecht und die Proportionalwahl einzutreten. Ueberall, wo Proletarier für ihre Befreiung fämpfen, da bricht sich die Ueberzeugung Bahn, daß die Arbeiterinnen, mit den gleichen Rechten ausgerüstet wie ihre Brüder, hineingezogen werden müssen in den Emanzipationskampf ihrer Klasse. In Rochdale( England) tagte in der Pfingstwoche der 24. Jahreskongreß der englischen Genossenschafter, auf welchem Fräulein Potter, welche kürzlich ein Werk über die Genossenschaftsfrage veröffentlicht hat, ein bemerkenswerthes Referat hielt über„ Die Beseitigung des Schwitzsystems." Die Dame wies nach, daß die Schwitzarbeit im ganzen modernen Wirthschaftssystem wurzele und daß dieselbe durch die Gesetzgebung bekämpft werden müsse. Wenn man die Frage aus dem einen Gesichtspunkt der Konkurrenz, welche die Schwizzarbeit der Genossenschaftsarbeit mache, heraushebe und sie unter dem Gesichtswinkel der Degradirung von Millionen Arbeitsgenossen betrachte, so würde man auch wissen, wie gegen sie vorzugehen. 108 — Die Union der Schneiderinnen zu London führt in letzter Zeit eine energische Kampagne zur Beseitigung der Stückarbeitz welche die Löhne der Arbeiterinnen tiefer drückt und zur Verlängerung der Arbeitszeit führt, so daß im Schneider- und Konfektionsgewerbe geradezu menschenunwürdige Verhältnisse entstanden sind. — In Karlsruhe sollte in letzter Zeit Frau Ihrer eine öffentliche Frauenversammlung abhalten. Diese konnte jedoch nicht stattfinden, weil der Wirth das in Aussicht genommene, einzig passende Lokal verweigerte. Die Kapitalisten und ihre Zuhälter stellen Arbeiter und Arbeiterinnen gleich in Betreff der Ausbeutung, der Verfolgung und der Chikanirungen. Die Frauenarbeit auf der Weltausstellung zu Clziragu. Die Weltausstellung zu Chicago wird bekanntlich eine besondere, im eigenen, von Frl. Händen erbauten Palast untergebrachte Abtheilung für Frauenarbeit enthalten.(Siehe Nr. 2 u. 4 der„Gleichheit.") Der Ausschuß amerikanischer Frauen, welcher mit der Organisation und Leitung der betreffenden Abtheilung betraut ist, hat in verschiedenen Ländern die Bildung von Frauenkomitös angeregt, welche Sonderausstellungen der respektive» nationalen Frauenarbeit vorzubereiten haben. Für Deutschland hat sich ein solches Komitö in Berlin gebildet, das sich durch Zuwahl von 5—8 Damen aus dem Reiche ergänzen wird. Die Komitömitglieder rekrutiren sich ausschließlich aus den Kreisen der bürgerlichen Frauenwelt und stehen im Allgemeinen auf dem Standpunkt der bürgerlichen Frauenrechtelei farblosester und schwächlichster Richtung, nämlich der gesinnungstüchtigen, reichstreuen deutschen Frauenrechtelei. So darf es Niemand überraschen, daß die ersten Schritte des Komitss darin bestanden, für das Unternehmen den Schutz und die Glorie eines„allerhöchsten" fürstlichen Namens zu erbetteln. Die Damen des monarchischen Deutschlands sind übrigens mit dieser ihrer schranzenwürdigen Handlungsweise nur in die Fußstapfen ihrer Schwestern der republikanischen Vereinigten Staaten getreten. Auch diese hatten nämlich nichts Eiligeres zu thun, als bei den Königinnen von England, Italien und Spanien, sowie der Gemahlin des Präsidenten der französischen Republik behufs Gewährung„höchst- dero" Protektion antichambriren zu lassen. Man denke, wie erbaulich! Der alten Viktoria von England, welche zeitlebens mehr Verständniß, Interesse und Sympathie für ihre königlichen Hunde als für die Frauenemanzipation an den Tag gelegt, wird von„freien und stolzen Töchtern der größten Republik" das de- und wehmüthige„Gesuch" unterbreitet, das Patronat der Frauenabtheilung der Ausstellung zu übernehmen,„damit auch die Thätigkeit der Frauen auf der Ausstellung würdig vertreten sei." Wie man sieht:„gleiche Brüder, gleiche Kappen." wir sind versucht zu sagen„gleiche Schellenkappen der Thorheit," mag die bürgerliche Frauenrechtelei unter monarchischer oder republikanischer Flagge segeln. Das Berliner Komits hat vier Sonderausschüsse konstituirt behufs planmäßiger Organisation von Unterabtheilungen, welche zeigen sollen, was die deutschen Frauen leisten auf den Gebieten 1) der Kunst; 2) des Unterrichtswesens für das gesammte weibliche Geschlecht; 3) der Hygiene, Medizin, Krankenpflege, Anstalten zur Hebung der Sittlich keit; 4) des Krippen- und Kindergartenwesens, der Ferienkolonien:c. Aus der Uebersicht erhellt, daß die Komitsdamen als biedere Frauenrechtlerinnen, die sie sind, wieder einmal eine Straßenlaterne für den Mond und die bürgerliche Frau für die Repräsentantin des weiblichen Geschlechts überhaupt, für die„Normalfrau" halten und mithin nur ein Bild von deren Wirken und Emanzipationsbestrebungen geben werden. Wir heben den Umstand nur hervor, weil er charakteristisch ist für die Auffassung oder richtiger Begriffsverwirrung, mit welcher die bürgerlichen Frauenrechtlerinnen an die Frage der Befreiung des weiblichen Geschlechts herantreten. Die Thatsache an und für sich, daß die Damen des Berliner Komites kein Bild des Wirkens und der Emanzipationsbestrebungen der Millionen von Proletarierinnen zusammenzustellen versuchen, giebt uns dagegen keinerlei Anlaß zu Bedauern oder gar zu Entrüstung. Im Gegentheil, wir erachten dies für durchaus begründet. Bei der Entwicklung unseres heutigen Wirthschaftslebens, bei der Natur und dem Stand unserer modernen Großindustrie, da ist unserer Ansicht nach eine Sonderausstellung der Erzeugnisse industrieller Frauenarbeit genau die nämliche Kinderei wie die sogenannten„Arbeiterausstellungen." Abgesehen von etlichen Zweigen der Hausindustrie, welche sich, wie z. B. die Spitzenfabrikation, ausschließlich oder fast ausschließlich in den Händen von Frauen befinden, und von einzelnen Branchen der Großindustrie, in denen die Frauenarbeit überwiegt, ist heutzutage Dank der Maschinentechnik auf industriellem Gebiete Männer- und Frauenarbeit nicht mehr von einander zu trennen. Die Maschinentechnik läßt an Stelle des individuell(von einem Einzelnen) das kollektiv tvon einer Gesammtheit) erzeugte Produkt treten, sie bewirkt, daß die Leistung des Einzelnen in der Leistung einer Gesammtheit untergeht, sie verwischt die Unterschiede zwischen gelernter und ungelernter, zwischen Männer- und Frauen- Das Veilchen. von V. Oulet. tSchluß., Violette nahm beinahe unbewußt die dargereichte aufgehäufte Schale, und ließ ihre Augen in die Runde schweifen. Man sah wie sie nach Athem rang. Sie hatte endlich verstanden, in was für einer Gesellschaft sie sich befand. Alle Greuel, die sie in dem Feuilletonroman gelesen, und die denselben begleitenden Schmähungs- reden der Madame Lenoir traten ihr vor die Seele. „Nun, liebes Kind," sagte jetzt die Hausfrau freundlich,„gieb mir Deine Blumen, ich glaube, sie sind Dir nicht schlecht bezahlt." „Meine Blumen, Madame, gebe ich Ihnen nicht." Violette hatte ihre Stimme wiedergefunden, und mit der Stimme auch einen niegekannten exaltirten Muth.„Nicht eine dieser Blumen, die Frucht meiner Arbeit, gebe ich für alle Ihre Diamanten, die Frucht Ihrer Schande-- und Ihr Alle, die Ihr ein armes Mädchen beschimpft und verhöhnt, seht wie ich Euer Geld zu schätzen weiß," und mit einer heftigen Geberde warf sie die Schale zu Boden, so daß selbe klirrend an einem Tischfuß zerschellte und die Goldstücke in alle Ecken rollten. „Die Wahnsinnige, jagt sie fort," rief die Hausfrau,„sie insultirt uns." Ein junger Mann, der sich, an dem ganzen Auftritt unbe- theiligt, bisher in einer unerlenchteten Ecke des Salons aufgehalten hatte, trat nun in die Gruppe. Violettens Herz stand still: Leon! — Leon, den sie abwesend glaubte, hier— und in solcher Gesellschaft? Aber er würde sie jetzt schützend in seine Arme nehmen, dachte sie, und sie von hier entfernen. Dies that er jedoch nicht. Er näherte sich der Hausfrau, beugte sich zärtlich über ihre blendende Schulter und sagte: „Ereifern Sie sich nicht, schöne Palmyre, wissen Sie, wer es ? wagt, Sie zu beleidigen, Sie, die stolze einstige Favoritin eines Königs?— es ist— ich habe die Kleine recht gut gekannt— die Maitresse eines Clowns." Violette stieß einen dumpfen Schrei aus, und wie ein zu Tode getroffenes Wild wankte sie zur Thüre, um zu fliehen. Es hielt sie Niemand zurück, die Diener öffneten ihr die Hauspforte, ! so kam sie auf die Straße und stürzte am nächsten Eckstein zusammen. Da weinte und stöhnte sie leise. Ihr armer schöner Liebestraum war also dahin! Doch sie raffte sich schnell wieder auf, da sie sich plötzlich ihres Kranken erinnerte; der Clown, dessen Maitresse— sie hatte sich die grausamen Worte wiederholt— das war ja ihr geliebter, pflegebedürftiger alter Bernard, zu ihm mußte sie zurückeilen, sie war ja des Armen einziger Trost, sowie er der ihre.„Du verkennst Dein Kind nicht, Bernard, Du nnd Marco, Ihr seit die einzigen, die mich gerne haben— und ich Euch auch... O mein Gott, lasse mir nur den theuren Freund gesunden— für Liebesglück war ich ohnehin nicht geschaffen— ich bin nicht hübsch und nicht liebenswürdig— aber mein Gott, laß mich nur Arbeit finden, damit ich den theuren Kranken gut pflegen kann nnd damit er noch frohe Tage erlebe durch sein dankbares Kind!" So betete Violette, während sie sich nach Hause schleppte; die vielen eben erlebten Aufregungen hatten ihre Kräfte arg erschöpft, und sie kam nur mühsam weiter. Endlich war sie bei ihrer Wohnung angelangt und eilte in das Krankenzimmer. Marco, der neben dem Bett saß, heulte jämmerlich. Violette stürzte zu dem Pflegevater:„Papa, Papa, wie geht es Dir— warum bist Du allein? Wo ist die Wärterin?" „Sie ging den Arzt zu holen," antwortete der Kranke mit schwacher Stimme,„mir ist sehr schlecht." arbeit. Gerade in dem Umstand, daß auf industriellem Gebiete als Ganzes genommen eine Sonderausstellung der Erzeugnisse weiblicher Arbeit nicht nöthig, ja nicht möglich ist, um die gleichwerthigen Leistungen des weiblichen und männlichen Geschlechts darzuthun, liegt der Beweis für die wirthschaftliche Gleichheit beider, auf welcher sich mit der Zeit ihre gesellschaftliche Gleichheit aufbauen wird. wir Allerdings bedeutet für die Proletarierin die wirthschaftliche Gleichstellung mit dem Manne heutzutage nur die Gleichstellung mit ihm unter der nämlichen kapitalistischen Fuchtel der Lohnsklaverei. Ihre Emanzipationsbestrebungen können folglich auch nicht wie die der bürgerlichen Frauen zum Ausdruck gelangen durch eine geben es gern zu hochinteressante Ausstellung, welche beweist, daß das weibliche Leistungsvermögen auf dem oder jenem Gebiete erfolg= reich mit dem männlichen Wirken zu konkurriren vermag. Was die Proletarierinnen gethan und thun, um ihre volle Befreiung zu erringen, das liegt auf dem Gebiete des Klassenkampfes, das äußert sich in ihrem Vereins- und Versammlungsleben, in ihrer Mitarbeit an gewerk schaftlichen und sozialistischen Kongressen, in ihrer Betheiligung an den Kämpfen ihrer männlichen Klassengenossen auf wirthschaftlichem und, soweit es möglich, auf politischem Gebiete. Soll eine Ausstellung eine Uebersicht geben von den Emanzipationsbestrebungen der Arbeiterinnen, so muß sie dieselben zeigen als Streiterinnen im Klassen tampfe, mit ihrem Wirken und Ringen nicht im Gegensatz zu der Männerwelt ihrer Klasse, vielmehr in Gemeinschaft mit dieser im Gegensatz zu dem Kapitalisten und der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Eine derartige Uebersicht kann aber nicht aus den Kreisen bürgerlicher Frauenrechtlerinnen geschaffen werden, sie muß aus dem proletarischen Lager selbst hervorgehen. Wohl diesen Erwägungen folgend, hat sich das Chicagoer Frauenkomité in letzter Zeit an Frau Liebknecht gewendet, um diese zur Mitwirkung heranzuziehen. Frau Liebknecht hat sich in Verbindung gesetzt mit Frl. Baader und anderen Frauen, welche innerhalb der Arbeiterinnenbewegung thätig sind, und wir hoffen, demnächst über die von dieser Seite geplanten Schritte berichten zu können. Das Chicagoer Komité hat außerdem vor ungefähr einem Jahr an Frau Ihrer( Velten) das gleiche Ersuchen gestellt, und die unermüdliche Vorkämpferin der deutschen Arbeiterinnenbewegung ist bereits damit beschäftigt, durch Zusammenstellung der Statuten von Fach- und Bildungsvereinen der Proletarierinnen einen Ueberblick über deren Emanzipationsbestreb ungen zu schaffen. Wir empfehlen die am Schlusse ds. Bl. befindliche Aufforderung unserer Genossin der Beachtung aller Arbeiterinnenorganisationen. " Papa, um Gotteswillen, was ist Dir?" " Ich fühle, daß es zu Ende geht... knie hierher mein Kind... ich danke Dir für die vielen Freuden, die ich an Dir erlebte, und für Deine aufopfernde Pflege... und ich bitte Dich um Verzeihung, daß ich nicht besser für Deine Zukunft sorgte ich kann nichts dafür. Mein Trost ist Madame Lenoir bei ihr bist Du gut aufgehoben. Sei immer aufrichtig mit ihr wie mit einer Mutter wenn dieser junge Mann dieser Monsieur dieser Monsieur Leon wieder da ist, weise ihn an Madame Lenoir. Vergiß mich nicht, mein kleines Veilchen... weine nicht so, mein armes Kind. Ich sterbe gern, ich wollte nicht so als Krüppel leben Dir zur Last. Verpflege nur unsern alten Marco. So und nun höre und nun höre ich den Doktor kommen... er wird mir nicht mehr helfen." In der That, es war der Arzt, den die Wärterin herbeigeholt hatte, und wie Bernard gesagt er konnte nicht mehr er konnte nicht mehr helfen. Der Brand war zu der Wunde gekommen, ein heftiges Fieber stellte sich ein, und nach einer langen, von Delirien und Todeskampf erfüllten Nacht gab der arme alte Clown seinen Geist auf. Violette, auf welche zu viele Leiden auf einmal hereingebrochen waren, verfiel selbst in ein so heftiges delirendes Fieber, daß sie erst drei Tage nach Bernards Beerdigung zur Besinnung fam. Die Wärterin und die Portierin hatten sie gepflegt, und nun erzählten sie ihr, daß der Hausadministrator die Begräbnißkosten bestritten habe und dem jungen Mädchen die Erlaubniß ertheilt, noch vierzehn Tage dazubleiben, nach welcher Frist die Wohnung jedoch geräumt werden müsse. Violette nickte zu alledem mit dem Kopfe; sie verstand, daß sie ganz allein auf der Welt stand. Wo ist Marco?" frug sie, ihres einzigen Freundes gedenkend. " Der ist bei mir," antwortete die Portiersfrau, ich habe den braven Pudel sehr gerne. Er hat aber so viel ge109 Briefe an die Leserin der„ Gleichheit: Bon S. Kokosky. II. Nachdem der Mann auf die Ihnen im vorigen Briefe vorgeführte Weise seine höhere geistige Natur bewiesen zu haben glaubt, ist es für ihn auch selbstverständlich, daß er der geborene Gesetzgeber und Vormund der Frau ist. Er ist der Lenker ihrer Geschicke, und seine überlegene Einsicht hat ihren Verstandesmangel zu decken. Den Besitz der Eigenschaften, welche die Voraussetzungen eines Vormundes, den die Frauen wie die zweite Vorsehung zu verehren haben, bilden, Güte und Gerechtigkeit, giebt sich der Mann gar nicht erst die Mühe nachzuweisen. Mit der Macht ist der Herrscher immer im Besitz aller Tugenden. Und welche Tugenden hat nicht alle der Mann bei sich entdeckt! Nicht allein die bedeutendere Hirnmasse hat er aufzuweisen, sondern auch einen ganz besonders beschaffenen Magen. Ja, ja, liebe Leserin, so ist es. Einen guten Braten und ähnliche Annehmlichkeiten versteht nur der Mann recht zu genießen; die Frau kann sie wohl zubereiten, aber den Genuß voll und ganz zu würdigen, ist ihr versagt, denn die Natur verlieh ihr neben dem kleineren Verstandskasten auch noch die größere Bedürfnißlosigkeit. Der letzte Rest der Gewissensbedenken des herrschenden Mannes ist nunmehr gehoben; was er der Frau immer versagen oder vorenthalten mag, er thut ihr damit kein Unrecht, und sie empfindet es auch nicht als solches in ihrer natürlichen Bedürfnißlosigkeit." Es geht dem Manne gegenüber der Frau wie dem Bourgeois gegenüber dem Arbeiter. Der übersättigte Prot, der nach üppigem Male einen Arbeiter ein Stück groben Brotes herunterschlingen sieht, empfindet eine Art Neid; zugleich aber regen sich in ihm Zweifel, ob er auch in gerechter Weise den Arbeitsertrag des Arbeiters mit diesem theile, ob der Antheil des Arbeiters nicht zu hoch bemessen sei. Denn wozu bedürfe der Arbeiter eines so hohen Lohnes; ein solcher könnte ihm höchstens seine beneidenswerthe Bedürfnißlosigkeit rauben, der Kapitalist vollzieht also nur ein gutes Werk, wenn er bei der ersten besten Gelegenheit, bei der geringsten Geschäftsstockung den Lohn noch etwas weiter herabdrückt. Nicht umsonst schalt Lassalle auf die„ verdammte" Bedürfnißlosigkeit der Arbeiter, die zu beseitigen die Hauptaufgabe wäre. Durch jahrtausendlange Knechtschaft hat man die große Masse des arbeitenden Volkes der über die äußerste Nothdurft hinausgehenden Lebensbedürfnisse entwöhnt, so daß selbst Luft und Licht als entbehrliche Lurusgegenstände erscheinen, wie ein oberflächlicher Blick in die Wohnungs- und Arbeitsräume der Arbeiter zeigt. heult, daß ich ihn von hier entfernte, damit Sie Ruhe hätten, Mademoiselle." ,, Bringen Sie mir ihn, ich bitte," bat Violette. ,, Gern, armes Fräulein." Und das gute alte Thier wurde herbeigeholt. Es stürzte auf Violette los und leckte ihre Hände. Die Waise schlang ihre Hände um Marcos Hals, grub ihr blasses Gesicht in seine Mähne und weinte da lange, lange, die ersten lindernden Thränen nach ihrem großen Verlust. Nach zwei Tagen fonnte sie aufstehen. Sie entließ die Wärterin und bezahlte sie mit einem goldenen Armband, das sie noch von ihrer Mutter hatte. Dann ging sie aus, Arbeit suchen. Sie trat in mehrere Kunstblumenläden und trug sich an, doch wurde sie überall mit dem Bescheide abgewiesen, man brauche Niemand. Dazu nickte Violette immer schweigend und ergeben das Köpfchen und ging weiter. Es war, als paßten ihr die abweisenden Antworten sie fühlte sich so furchtbar unglücklich, daß es ihr eine eigene Genugthuung gewährte, das Maß ihrer Leiden sich häufen zu sehen. Dennoch ging sie zu Madame Martin, der Portiersfrau, sich Rath zu holen und übergab derselben noch ein letztes Schmuckstückchen mit der Bitte, es für sie zu verkaufen. Madame Martin brachte dem jungen Mädchen dreißig Francs für das Geschmeide, und gab ihr den Nath, sich behufs Arbeit an ein Arbeitsvermittlungsbureau zu wenden und ein Inserat in die ,, Petites annonces" zu schicken. Violette that wie man ihr sagte, jedoch erfolglos. Die Einlagsumme im Bureau sowie die Insertionskosten schmälerten arg ihr kleines Kapital, und die Zeit fam immer näher, wo sie ihre Wohnung verlassen mußte. Sie kaufte täglich nur ein Laibchen Brot für sich und ein paar Knochen für Marco. Wie der Unternehmer dem Arbeiter, der Ausbeuter dem Ausgebeuteten die Bedürfnißlosigkeit angedichtet und aufgezwungen hat, ebenso hat es der Mann der Frau gegenüber gethan. Wie verderb lich und unheilvoll für den Arbeiter die größere Bedürfnißlosigkeit" der Frau ist, wird sich der Leserin im späteren Verlaufe unserer Unterhaltungen zeigen. Die angebliche Bedürfnißlosigkeit des Weibes ist nichts weiter als das Produkt des Egoismus des Mannes, eines Egoismus, wie ihn jedes Herrschaftsverhältniß erzeugt. Religion und Gesetze müssen den Egoismus des Herrschers ehrwürdig machen, Sitte und Gewohnheit thun das Uebrige, so daß der Unterdrückte selbst die Anerkennung und Pflege seiner Unterdrückung als Pflicht und Tugend ansieht. Die Wirkung hiervon erkennt man in jedem Haushalt, wenn man von einem kleinen Kreise Bevorzugter absieht, denen sehr reiche Mittel zu Gebote stehen. Die Einschränkung in der Befriedigung der nothwendigsten Lebensbedürfnisse geht weit über das Proletariat hinaus. Bei diesem wird sie durch die Noth erzwungen, in denjenigen Kreisen aber, die man oft der Sorge um die gemeine Nothdurft des Lebens überhoben wähnt, durch die Wahrung des äußeren Scheins, den man in der „ Gesellschaft" behaupten zu müssen glaubt. Diese Einschränkung aber macht ihre Wirkung vorzugsweise gegenüber der Frau in Folge ihrer ,, Bedürfnißlosigkeit" geltend. Wenn die Arbeiterfrau ihrem Manne, der bei der Arbeit alle Muskeln angespannt, der der Glühhize wie dem Frost bei der Arbeit zu trotzen hat, den Löwenantheil an dem gemeinsamen Mahle gewährt, so ist das nur naturgemäß. Hier handelt es sich nicht um einen Vorzug, den der Mann als solcher zu beanspruchen hat, sondern nur um einen etwas ausgleichenden Ersatz der aufgebrauchten Kräfte, die zur Erhaltung des gemeinsamen Haushalts nothwendig sind. Und wenn hiebei auch die Frau in ihrer Selbstvergessenheit und Liebe zu dem Manne ihm noch was Besonders zu Gute thut, nun, liebe Leserin, ich müßte selbst kein Mann sein, wenn ich hieran Anstoß nehmen wollte. So weit ist alles in Ordnung und naturgemäß, d. h. aus vernünftigen Gründen zu erklären. Aber der Mann begnügt sich nicht damit; er leitet seinen Vorzug aus der ihm zugefallenen Herrscherrolle her. Als Mann beansprucht er die Bevorzugung zuweilen selbst dann, wenn der Frau die Last der Beschaffung der Mittel für den Unterhalt des Haushalts obliegt. Wie sie sich immer plagen und mühen mag, nun, der gute Mann mag es wohl anerkennen, aber selbst er findet sich schließlich damit ab, daß Entbehren und Entsagen einmal in der Natur des Weibes liege. Jedes Opfer nimmt der Madame Martin kam auf den Einfall, dem Zirkusdirektor Violettens Lage mitzutheilen, doch die Truppe, zu welcher Bernard einst gehörte, hatte vor einer Woche Paris verlassen und war nun in Holland oder Belgien, man wußte es nicht genau anzugeben. Immer noch famen feine Anträge aus den Blumenhandlungen. Da entschloß sich Violette wieder auf Madame Martins Rath sich als Dienstmagd zu verdingen. Nun ging sie in ein Stellenvermittlungsbureau. Sie legte ihre letzten drei Francs als Einschreibgebühr auf das Pult. ,, Wo haben Sie schon gedient, und wo kann man Erkundigungen über Sie einholen?" fragte die Dame vom Komptoir. ,, Nirgends," mußte Violette antworten. " Dann werden Sie schwerlich einen Dienst finden, und ich werde Sie keinesfalls plaziren. Nehmen Sie Ihr Geld zurück." Violette versuchte es mit einem anderen Bureau. Dasselbe Resultat. Sie wußte sich nicht mehr zu helfen. Die drei Francs dauerten noch einige Tage, und ihr Ausziehtermin war gekommen. Sie hatte noch zwanzig Sous in der Tasche, die letzten. Morgen oder übermorgen mußte sie, um zu essen, die Hand nach Almosen ausstrecken. Gegen Abend ging sie mit Marco aus, einige Einkäufe zu besorgen. Beim Nachhausegehen trat sie in die Loge der Portiersfrau. Keine Briefe, teine Nachrichten für mich da, Madame?" Wieder nichts, Fräulein Violette." " " Madame, ich habe eine Bitte an Sie. Möchten Sie so gut sein, meinen Marco heute Nacht bei sich zu behalten? Er kommt immer an mein Bett und weckt mich aus dem Schlafe und ich möchte einmal ordentlich ausruhen." " Ja, ja, Mademoiselle, lassen Sie mir den Hund da, Sie brauchen wirklich einmal Ruhe, armes Kind. Es ist ein recht 110 " " Mann von der Frau an, aber er besteht auf den Schein, daß er der Frau in der Annahme des Opfers noch eine Gunst, eine gewisse gütige Herablassung erweise. Es sind nicht Alle frei, die ihrer Ketten spotten, und wenn die lieben Leserinnen ihre Männer und ihre Brüder recht prüfen, so werden sie bei ihnen im Verhältniß zur Frau einen großen Vorrath von Herrschaftsdünkel entdecken. Ihr Verstand erfennt wohl die Gleichberechtigung der Frau an, aber ihr Fühlen und Empfinden steckt noch mitten in den alten Vorurtheilen, die sich in unzähligen Aeußerungen und Handlungen kundgeben. Leider sind es die Frauen selbst, welche diese Vorurtheile pflegen. Im Knaben schon werden die höheren Ansprüche und Anmaßungen des Mannes groß gezogen, und frühzeitig wird das Mädchen auf ihre größere Bedürfnißlosigkeit" trainirt, oder, indem man aus der Noth eine Tugend macht, zur Anspruchslosigkeit" erzogen. Da für die Befriedigung der vernünftigen und mehr noch der gesellschaftlichen" Bedürfnisse nur bei einem sehr kleinen Kreise Bevorzugter auch genügende Mittel vorhanden sind, so müssen diese Bedürfnisse eingeschränkt werden. Die Kosten dieser Einschränkung hat die Frau zu tragen und zwar nicht blos in Proletarierkreisen, sondern auch in den sogenannten„ besseren" und" gebildeten" Ständen. Die Entwicklung des Kapitalismus hat kolossale Privatvermögen geschaffen, die einen ungeheuren Lurus ermöglichen, und nach diesem hat sich auch der Umfang des gesellschaftlich" Nothwendigen erweitert. Die höchsten Beamtengehälter können selbstverständlich nicht Schritt halten mit den Einkünften eines Kapitalisten. So giebt es hochgestellte Beamtenkreise, bei denen um der Aufrechterhaltung des äußeren Scheins willens die nothwendigsten Bedürfnisse eingeschränkt werden, und während ein einziger Gesellschaftsabend Hunderte verschlingt, im Alltagsleben Schmalhans Küchenmeister ist. Manche unserer Leserinnen, die als Dienstmädchen, Schneiderin oder Wäscherin in geheimräthlichen Häusern thätig war, weiß von der dort vielfach herrschenden Knauserei zu erzählen. Der Mann freilich hat sie auch hier weniger zu empfinden, auch nicht der Herr Sohn, aber gegenüber den Töchtern macht sie sich schon sehr geltend. Die geheimräthlichen Töchter müssen sich oft Abends mit einer Tasse Thee und dünn gestrichenen Butterbrötchen begnügen, während der Herr Gymnasiast bereits sein Beefsteak verlangt, und, wenn er es nicht zu Hause erhält, das Wirthshaus aufsucht. Ist nun gar der Sohn Student oder Offizier, welche Opfer verlangt er da von seinen Angehörigen! Er wirft mit vollen Händen vielleicht im Kreise seiner Kameraden das Geld um sich und macht schlechte und gemeine Witze über hübsche Näherinnen und Puzz macherinnen. Es fällt ihm gar nicht ein, daß in derselben Zeit seine grausames Schicksal morgen ist Ihr Termin; uun, ich hoffe, man wird Ihnen die kleine Wohnung lassen." " Ja, ja, man wird mir meine kleine Wohnung lassen..." Und was haben Sie da in dem Körbchen, unter Ihrem Shawl sind das Ihre Provisionen?" " Und " Ja, meine Provisionen. Gute Nacht, Madame." Violette reichte der freundlichen Frau die Hand. Dann kniete sie neben Marco nieder und füßte das treue alte Thier auf die schwarzen Lippen. Madame Martin glaubte zu bemerken, daß dabei Thränen von den Wangen des Mädchens auf das wollige Haupt ihres Pudels fielen, doch Violette erhob sich rasch und eilte die Treppe hinauf. In ihrem Zimmer angelangt, verschloß sie sorgfältig Thüren und Fensterläden, steckte ein Licht an und packte die Provisionen aus ihrem Körbchen. Es waren Kohlen. Diese zündete das arme Kind an und legte sich dann zur Ruhe. Sie war so müde und ermattet von den Kämpfen und Schlägen der letzten Zeit. Mein Gott," betete sie leise, verzeihe mir, wenn ich eine Sünde thue ich habe ja Alles, Alles verloren und nichts zu hoffen. Ich hätte vielleicht noch ringen sollen, aber die fremden Menschen sehen mich falt und hart an mit den vielen Augen und ich bin so furchtsam!" Des andern Morgens, als Madame Martin nach wiederholtem Klopfen an Violettens Thür keine Antwort erhielt, und die Thür schließlich aufgebrochen wurde, fand man das kleine blasse Mädchen entseelt auf seinem Bette liegen. Die Fenster wurden aufgerissen und es strömten Sonnenstrahlen und Frühlingsdüfte herein. Aber zu spät:" Das Veilchen," wie es in dem wehmüthigen Mendelssohn'schen Liede heißt, das Beilchen war todt." Schwestern vielleicht zu Hause sitzen und diesen armen Arbeiterinnen eine erdrückende Konkurrenz machen, ihnen den nothwendigen Lebensunterhalt noch mehr herabdrücken, indem sie„ heimlich" für Ladengeschäfte arbeiten, um sich für den nächsten Ball die Handschuhe zu verdienen. Und, um nicht zu weit zu gehen, hat nicht die Leserin schon manchmal Gelegenheit gehabt, einen Blick in eine kleinbürger liche Familie zu werfen, die einen Sohn studiren läßt, oder ihn zum Beamten oder Kaufmann ausbilden lassen will. Für den Sohn wird da Alles geopfert, vor Allem aber werden alle Ansprüche der Töchter mit dem Hinweise auf die Ausgaben für den Sohn abgespeist. Auf diesen Sohn setzt dann die Familie alle Hoffnungen, die aber nur zu oft getäuscht werden. In wie vielen solchen Fällen sehen wir die Töchter als Ernährerinnen der Mutter und jüngerer Geschwister, während der Bruder nichts thut, für die seiner Ausbildung gebrachten Opfer zu entschädigen. Mit der neuen sozialen Stellung hat er andere „ gesellschaftliche" Pflichten zu erfüllen, die seine reichlicheren Mittel in Anspruch nehmen. Die Mädchen, meint er, können doch arbeiten, und bei ihren„ geringen" Bedürfnissen müsse es ihnen leicht sein, eine Mutter zu unterhalten. Diese Verhältnisse bilden mit einen Grund, daß die„ Frauenfrage" auch in die gesellschaftlichen Schichten hinein greift, in denen man sonst der Arbeiterbewegung feindlich gegenübersteht. Ich werde später Gelegenheit haben, die Ursachen zu zeigen, weshalb die Vertreterinnen der Frauenfrage in der Bourgeoisie die Frauenfrage in anderem Geiste behandeln, als die proletarischen, die sie im Zusammenhange mit der gesammten Arbeiterbewegung und unter dem Gesichtswinkel des Klassenkampfes auffassen. Mit den unmittelbaren Bedürfnissen und Verhältnissen der Letzteren, der Arbeiterinnen, werde ich mich in den folgenden Briefen ausführlich beschäftigen. Für heute, freundliche Leserin, verabschiede ich mich. Auf baldiges Wiedersehen! Eine muthige Frankfurterin. Das Wort:„ Revolutionen können nicht gemacht werden," ist ein durchaus wahres Wort. Aussicht auf Erfolg werden dieselben nur dann haben, wenn die Verhältnisse reif für eine Umwälzung des sozialen und politischen Lebens geworden sind. Einzelnen feurigen Geistern wird es niemals gelingen, eine große allgemeine Bewegung anzufachen, es sei denn, daß die materiellen Vorbedingungen für eine solche vorhanden sind und eine ihnen entsprechende Gährung und Bewegung im Gedankenleben der Masse erzeugt haben. Dies sehen wir deutlich an der am 3. April 1833 zu Frankfurt a. M. ausgebrochenen Revolte, welche, aus flammender Begeisterung geboren, ein so flägliches Ende nahm. Als Nachklänge der großen französischen Revolutions- und Freiheitskriege zeigten sich auch in Deutschland Anfangs dieses Jahrhunderts freiheitliche Regungen. Vom Tage auf der Wartburg im Jahre 1817*) bis zur Demonstration in Hambach 1832**) verzeichnet die Geschichte eine ganze Reihe Ereignisse, in denen sich das Streben nach Freiheit, nach einer neuen und freien Gestaltung des deutschen Staatslebens offenbart. Aber es mangelte ihnen allen die rechte Kraft und ihren *) Am 18. Oktober 1817 beging auf der Wartburg eine Anzahl Studenten und jüngerer Professoren der Universität Jena das Andenken der Schlacht bei Leipzig in festlicher Weise. In schwungvollen Reden und feurigen Liedern protestirten sie gegen den Druck der absolutistischen Herrschaft, die bleischwer auf Deutschland lastete und verliehen sie ihrer Begeisterung Ausdruck für Freiheit, Volkswohl und eine Umgestaltung des öffentlichen Lebens. Am Ende des Festes verbrannten die jungen Leute auf dem Wartberge zusammen mit Zopf, Schnürbruſt und Korporalstock, als Zeichen der alten, unfreien Zeit, die Titel von Büchern, in denen der Absolutismus verherrlicht und die Forderungen nach Freiheit und Konstitution bekämpft wurden. Die Jünglinge ahnten nicht, wie lange in Deutschland der Zopf lustig weiter baumeln sollte; daß noch Jahrzehnt auf Jahrzehnt das Geistesleben und die Bewegungsfreiheit des deutschen Volks in eine enge Schnürbrust gepreßt bliebe, welch hervorragende Rolle der Korporalstock als Mittel der Volkserziehung in unseren Tagen spielen würde, wo der Unteroffizier zum„ Stellvertreter Gottes auf Erden" avancirt ist, ohne daß sich unsere heutige studentische Jugend zum Protest gedrungen fühlte! D. Red. **) Am 27. Mai 1832 ward auf der Hambacher Schloßruine bei Neustadt a. d. Haardt das sogenannte Konstitutionsfest gefeiert, zu dem eine begeisterte Volksmenge aus allen Theilen des südwestlichen Deutschlands herbeigeströmt war. Verschiedene Vorkämpfer des damals sich noch revolutionär geberdenden deutschen Bürgerthums geißelten mit zündenden Worten die Tyrannei der Fürsten, die Knechtsseligkeit der Bureaukratie, die Willkür der Polizei, die Brutalität des Militärs. Mit flammender Begeisterung traten sie für die Formel der großen Revolution, für Freiheit, Gleichheit, Brüder= lichkeit ein und forderten als ersten Schritt zu deren Verwirklichung eine Konstitution. D. Red. 111 Trägern die Fühlung mit den Interessen des Volkes. Darum war es auch der Staatskunst eines Metternich möglich, durch die Bundestagsbeschlüsse von 1832*) jeden Schatten von Freiheit wieder auszulöschen, den das Volk in den einzelnen Bundesstaaten noch besessen hatte. Die schmachvollen Demagogenriechereien waren wieder an der Tagesordnung, und das Tragen harmloser schwarz- roth- goldener Bänder wie unter dem Sozialistengesetz das Tragen der verpönten rothen Abzeichen wie ein Verbrechen bestraft. wurde Da ergriff zuerst eine kleine Zahl von Gebildeten das Bewußtsein dieser Schmach. Vor Allem die Studenten, die damals auf höherer Stufe standen als der Durchschnitt derselben von heute, waren von der Ueberzeugung durchdrungen, daß eine durchgreifende freiheitliche Umgestaltung des politischen Lebens in Deutschland nothwendig sei. Und da alle Freunde der Freiheit angesichts der immer frecher auftretenden Reaktion von dem Wohlwollen und der Einsicht der Regierungen und einem geistigen Kampf keine gründliche Reform des Staatslebens erwarten durften, so beschloß ein kleines Häuflein jugendlicher Feuerköpfe- Studenten, Schriftsteller, politische Flüchtlinge einen gewaltsamen Umsturz der Dinge. Der Anfang dazu sollte in Frankfurt a. M. gemacht werden, als dem Sitz des Bundestages. Im Vertrauen auf Mitverschworene, welche sie in der Stadt besaßen und in der bald enttäuschten Hoffnung auf Zuzug aus der Ferne und auf die Unterstützung der Landbevölkerung überfielen etliche fünfzig junge Leute am Abend des 3. April 1833 die Hauptwache und die Konstablerwache zu Frankfurt a. M., nahmen der Mannschaft die Waffen ab und riefen das herbeiströmende Volk auf, sich für die Freiheit zu erheben. Die Reden waren vom Feuer der Begeisterung eingegeben, aber sie zündeten dennoch nicht. Die Frankfurter Spießbürger hatten durch die Bundestagsbeschlüsse von 1832 in ihrem Geschäft feinerlei Schaden verspürt, sie ließen sich daher auch nicht aus ihrer Ruhe aufrütteln. Der erwartete Zuzug blieb natürlich aus, und das allarmirte Bataillon wurde rasch mit den Aufrührern fertig, obgleich dieselben heldenmüthigen Widerstand leisteten. Dreißig der feurigen jungen Leute wurden hinter Schloß und Riegel auf derselben Hauptwache gesetzt, die sie kurz vorher in Kühnem Handstreich gestürmt hatten. Ein Stein war ins Wasser gefallen, und weit davon entfernt, einen Sturm aus der Tiefe heraufzubeschwören, hinterließ sein Fall nur leise zitternde Wellenkreise, die rasch verschwanden. Die Gefangenen erwartete der Prozeß wegen Hochverraths. Sie waren mit der Waffe in der Hand im Aufstand ergriffen worden, und auf ihr„ Verbrechen" stand Todesstrafe. Da die Verschwörung, welche der Revolte zu Grunde lag, eine weitverzweigte war und ihre Fäden bis ins Ausland reichten, so drohte die Untersuchungshaft der Jüng linge eine endlos lange zu werden. Ihre Freunde boten natürlich Alles auf, die Gefangenen zu befreien und sie wurden bei ihren Be mühungen vielfach thatkräftigst von Frauen unterstützt. Es gelang auch, eine Anzahl der„ Hochverräther" auf zum Theil sehr abenteuerliche Weise zu retten und nach Holland, England und Amerika zu schaffen. Die in derartige Unternehmungen eingeweihten Frauen bewiesen nicht allein Klugheit und Erfindungsgabe, sondern auch große Verschwiegenheit. Sie gingen mit kühler Unerschrockenheit zu Wege, obwohl sie wußten, was ihrer wartete, wenn entdeckt wurde, daß sie an einem Komplott zur Befreiung von„ Hochverräthern" theil genommen hatten. Mit treuer Hingebung und Selbstlosigkeit dienten sie der Sache der Freiheit und ließen ihre Persönlichkeiten so vollständig in den Hintergrund treten, daß wir nur geringe Kunde von ihrem aufopfernden Thun besitzen. Dies gilt auch von der muthigen Frau, welche dem zwanzigjährigen Studenten Feddersen zur glücklichen Flucht perhalf, und deren Namen uns nicht einmal bekannt ist. In der Geschichte wird sie als eine Frau B. bezeichnet. Von Freiheitsliebe und tiefem Mitgefühl für das Schicksal der inhaftirten„ Aufrührer" beseelt, hatte sie und eine kleine Anzahl gleichgesinnter Frauen sich das Wort gegeben:„ Zu jeder Zeit unweigerlich zu jedem Dienst bereit zu sein, den man im Betreff der Gefangenen von ihnen fordern würde." Schweigen war jeder Ginzelnen von ihnen zur strengsten Pflicht gemacht, sogar dem Gatten gegenüber. Frau B. mußte ihrem Manne gegenüber besonders vorsichtig und verschwiegen sein. Sie durfte ihm ihr Mitleid mit den Gefangenen nicht einmal ahnen lassen, denn er empfand keinerlei Sympathie für die jungen Brauseköpfe, verurtheilte ihre That und war außerdem so unruhigen *) Die Bundestagsbeschlüsse, angeblich behufs„ Aufrechthaltung der gesetzlichen Ordnung und Ruhe" geschaffen, bezweckten eine Kräftigung und Berewigung des nacktesten absolutistischen Regiments. Von dem Grundsatze ausgehend, daß die gesammte Staatsgewalt in dem Fürsten vereint sei, vernichteten sie die geringen Rechte der Landstände, knebelten sie das Vereinsund Versammlungsrecht und beschränkten sie die Rede-, Lehr- und Preßfreiheit in unanständigster Weise. D. Red. Nr. 14 der ,, Gleichheit" gelangt am 13. Juli 1892 zur Ausgabe. Temperamentes, daß er sich, selbst bei dem besten Willen seinerseits, nicht zur Mitwissenschaft der Fluchtpläne geeignet hätte. Frau B. bewohnte ein eigenes, in der Vorstadt gelegenes Haus, das in einem großen Garten stand, welcher bis an den Main reichte. Das gegenüber liegende Ufer des Flusses war von einem dichten Wald begrenzt; die Lage des Hauses war mithin einem Entkommen sehr günstig. Eines Tages tam zu Frau B. ein Bekannter, von dem diese bisher nicht einmal gewußt hatte, daß er in die Pläne behufs Befreiung der Gefangenen eingeweiht sei. Er fragte sie: Ob das Boot der Familie stets bereit liege, ob sie einen sicheren Versteck im Hause habe, und ob sie noch am nämlichen Abend um neun Uhr einen Gefangenen dort verbergen wolle. Bald waren zwischen Frau B. und ihrem Besucher alle auf die Aufnahme des unerwarteten Gastes bezüglichen Einzelheiten festgesetzt. Es traf sich schlecht, daß Frau B. gerade für diesen Abend mit ihrem Gatten zu einem Feste geladen war, doch hoffte sie, daß ihr im gegebenen Momente ein guter Einfall kommen würde, der es ihr ermöglichen sollte, allein zu Hause zurück zu bleiben. Gegen Abend schützte sie ein Unwohlsein vor und bat den Gatten, er möge ohne sie zum Feste gehen. Als dieser jedoch in seiner Besorgniß um sie den Abend mit ihr zu Hause verbringen wollte, da entschloß sie sich kurzer Hand, mit ihm das Fest zu besuchen. Kaum war sie hier angekommen, so flüsterte sie der Gastgeberin zu, daß sie arges Kopfweh habe und sich entfernen müsse, falls dieses, wie es häufig geschehe, unerträglich werden sollte. Als angeblich das Uebel ihr ferneres Verweilen auf dem Feste unmöglich machte, half die Dame des Hauses Frau B. sich von ihrem Manne und den anderen Gästen unbemerkt zu entfernen. Diese schied mit der Versicherung, daß wenn sie sich ruhig zu Bette lege, sie bald wieder wohler werden würde." Frau B. eilte heim, vertauschte ihre Festtoilette mit einem schlichten dunklen Kleid und warf ein Tuch über den Kopf. Die ungenügende Straßenbeleuchtung des damaligen Frankfurt that das Uebrige, daß sie von Niemand erkannt wurde. Schlag neun Uhr langte sie, wie es ihre Ordre vorschrieb, an der Ecke der Hasengasse an. In der nämlichen Minute trat aus dem Schatten der Häuser eine männliche Gestalt hervor, die bei ihrem Nahen, wie zu sich selbst, sagte:„ Ist es geschehen?" Als verabredetes Zeichen gab sie zur Antwort:„ Es ist geschehen, Brutus." Darauf ergriff sie den Arm des Jünglings und in bangem Schweigen, aber doch glücklich, als ob die Flucht schon gelungen, schritt sie mit ihm in der Dunkelheit des Abends der Vorstadt zu. Das Haus, in welchem Frau B. lebte, war durch einen verdeckten Gang mit einem kleinen, unbewohnten Gartenhäuschen verbunden. In demselben befand sich ein Zimmer, welches, der dort verwahrten Vorräthe wegen, stets verschlossen war, und zu welchem nur die Hausfrau den Schlüssel besaß. Nach diesem Zimmer, das bereits für den Flüchtling hergerichtet war, führte Frau B. ihren Begleiter. Beim Scheine der angezündeten Kerze erblickte sie ein edles, von schwarzen Locken umrahmtes Gesicht, bleich durch die sechs Monate lange Haft; die großen dunklen Augen des jungen Mannes strömten von Thränen der Dankbarkeit über. Frau B. brachte ihrem Schützling rasch noch etwas zu essen, verschloß dann die Thür und lag längst scheinbar ruhig schlafend, in Wirklichkeit von Befürchtungen aller Art gequält zu Bette, als ihr Mann heimkehrte. Mit Bangen harrte der junge Mann in seinem Versteck, einem neuen Gefängnisse aus, und sorgsam verstand Frau B. das Geheimniß zu wahren. Endlich kam eines Tags ein neuer Befehl zum Handeln. Frau B. sollte einen Frauenanzug für„ Brutus" bereit halten, und die Thür am Abend durch diesen selbst von innen verschließen lassen. Im Uebrigen möge sie unbesorgt sein, man suche auf falscher Fährte, so lautete die Nachricht, welche sie erhielt. Ein beifolgender Brief gab Brutus" die entsprechenden Verhaltungsmaßregeln. Erwartungsvoll sah Frau B. dem Abend entgegen. Als die Dämmerung hereinbrach, erschien im Vorderhause ein Freund, welcher mit der Sache der Freiheit und der gefangenen ,, Hochverräther" sympathisirte. Von ihm hoffte die bange Frau Näheres über die geplante Flucht zu hören. Ihr Besucher knüpfte jedoch ein Gespräch an über gleichgiltige Dinge, bat schließlich um ein Licht, setzte sich ans Klavier und begann zu spielen. Frau B. bewahrte zwar äußerlich eine ruhige gleichmüthige Haltung, war aber innerlich aufs Höchste erregt. Hatte sie sich in ihren Voraussetzungen getäuscht? War der Freund nicht eingeweiht in das Geheimniß? Stand sein Kommen in keinem Zusammenhang mit dem beabsichtigten Entweichen des Jünglings? Wie und mit welchem Erfolg würde dieses bewerkstelligt werden? Diese und ähnliche Fragen drängten sich in ihren Gedanken durcheinander, den= noch kam kein auf die Angelegenheit bezügliches Wort über ihre Lippen. Kaum hatte sich der Freund entfernt, so eilte Frau B. zu ,, Brutus" und fand das Versteck leer. Während sie sich mit ihrem 112 Besucher unterhalten, war die Flucht vor sich gegangen; das Anzünden des Lichts und das Klavierspiel hatten als Zeichen gedient, welche den Freunden gesagt, daß Alles gut stände. Frau B. war absichtlich nicht weiter in den Fluchtplan eingeweiht worden, damit sie bei einer eventuellen Entdeckung und Untersuchung nicht als Mitschuldige erscheine. Sogar den Namen ihres Schüßlings, Feddersen, erfuhr sie erst viel später. Ihre stille That warmer Menschenliebe, die unter den damals obwaltenden Umständen zugleich eine That großen Muthes und edler Selbstverleugnung war, ist ein schöner Beweis des hohen Sinns, den Frauen stets bethätigt haben, wo und wann im Namen der Freiheit und Gerechtigkeit gekämpft worden ist. L. W.-K. Kleine Nachrichten. Der frühere Obermeister der Bildhauer und Stuffateur- Innung zu Berlin, Kleemann heißt der Biedere, beschäftigt neuerdings im Stuffateurgewerbe Frauen, natürlich zu niedrigeren Löhnen als die Männer. Er verwendet das ewigweibliche" Element bei der Herstellung von Gußarbeiten, die er zu sehr billigen Preisen in den Handel bringt. Welch reizende Illustration zu dem Geschrei der Innungsmeier von der„ Rettung des Handwerks." Rettung des Handwerks bedeutet in Deutsch übersetzt nichts anderes als Steigerung der Profite der Kleinmeister auf Kosten schamlos ausgebeuteter Arbeiter und Arbeiterinnen. " Nach der ,, Statistik des österreichischen Post- und Telegraphenwesens im Jahre 1890" tamen in diesem Jahr auf die 15 503 Angestellten der staatlichen Post- und Telegraphenämter 781 weibliche Beamte, also 5 Prozent. Weit größer ist die Zahl der weiblichen Hilfskräfte bei den nichtstaatlichen Anstalten, an denen 1890 auf 8750 Beamte 2512 Frauen beschäftigt waren, also 28,7 Prozent. Auch in Desterreich sind die Gehälter der im Verkehrsdienst beschäf tigten weiblichen Beamten niedriger und miserabler als die ihrer männlichen Kollegen. Hieran ändert der Umstand nicht das Geringste, ob die weibliche Arbeitskraft staatlich oder nichtstaatlich ausgebeutet wird, denn in dem einen wie dem anderen Falle wird sie in echt kapitalistischer Weise ausgebeutet, wird sie als unterbezahlte, Schmutzfonkurrenz machende Arbeitskraft verwendet. Ein Blick auf die steigende Zahl der weiblichen Beamten, auf die steigende Zahl der Frauen überhaupt, welche sich zu den früher den Männern vorbehaltenen Berufen drängen, sollte Manchen belehren, daß die„ Frauenbewegung" nicht ein bloßes fünstliches Produkt etlicher halbtoller, überspannter Weiberköpfe" ist; daß sich die„ Frauenfrage" nicht durch den Hinweis auf den dem weiblichen Geschlecht gnädig zugesprochenen ,, Naturberuf" als Gattin und Mutter lösen läßt; daß veränderte wirthschaftliche Verhältnisse immer breitere Schichten der kleinbürgerlichen Frauenwelt mit unwiderstehlicher Gewalt zu einer Erwerbsthätigkeit zwingen. Ein Blick aber auf die Erwerbsverhältnisse der in den liberalen Berufen, im Verkehrsdienst 2c. beschäftigten Frauen sollte Manche belehren, daß es im Punkte der Befreiung der Frau mit der bloßen ,, Erweiterung der Sphäre der Erwerbsthätigkeit des weiblichen Geschlechts" auch noch nicht gethan ist. Die Thätigkeitssphäre des weiblichen Geschlechts lies: der Frauen des Mittelstandes durch Erschließung der liberalen Berufe erweitern, bedeutet in der kapitalistischen Gesellschaft steigendes Angebot von Arbeitsfräften in den betreffenden Berufszweigen, bedeutet Schmutzkonkurrenz, Verschlechterung der Erwerbsverhältnisse der in Frage kommenden Männer und Frauen, kurz Mißstände, die erst zusammen mit der fapitalistischen Gesellschaft verschwinden können. Aber auch hier wie auf dem Gebiete der Industrie ist ein Zurückdrängen der nach Brot ausschauenden Frauenwelt unmöglich. Auch hier müssen die Frauen und Mädchen zum Bewußtsein ihrer Klassenlage, ihrer Klassenlage als Proletarierinnen der Kopfarbeit erzogen werden, damit sie anstatt gegen den Mann und seine Vorrechte" zu deklamiren, gegen eine Gesellschaftsordnung kämpfen, welche Jeden, der auf seine Arbeit angewiesen ist, zu Knechtschaft und Elend verurtheilt. An die Fach- und Bildungsvereine von oder für Frauen. Alle Vorstände der Fach- und Bildungsvereine von und für Frauen werden hiermit ersucht, ein Statut der betreffenden Organisationen an die Unterzeichnete einzusenden zum Zweck einer Zusammenstellung für die Ausstellung in Chicago. Emma Jhrer. Velten bei Berlin. Berlin. Arbeiterinnenverein Berlins und Umgegend. Nächste Mitgliederversammlung am 5. Juli. Verantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zettin( Eißner) in Stuttgart. Druck und Verlag von J. H. W. Dieg in Stuttgart.