Nr. 17. Die Gleichheit 2. Jahrgang. Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Herausgegeben von Emma Ihrer in Velten( Mark). Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr 2564 a) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf. Stuttgart Mittwoch, den 24. August 1892. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Die Frauenabtheilung der Weltausstellung zu Chirago. Menschen Charles C. Bonney, Vorsitzender. Thos. B. Bryan, zweiter Vorsitzender. nicht Dinge. Lyman J. Gage, Schahmeister. Benjamin Butterworth, Schriftführer. Hilfskongreß( Auxiliary- Congress) der Kolumbischen Weltausstellung. Geist nicht Materie. Frauenabtheilung des Hilfskongresses der Weltkongresse von 1893. Frau Potter- Palmer, Vorsigende. Frau Chas. Henrotin, zweite Vorsitzende. Ansprache des Frauentomités des Hilfskongresses, die Arbeitskongresse betreffend. An die Frauen aller Länder! Eine umfassende Uebersicht der industriellen, wirthschaftlichen und finanziellen Verhältnisse der Menschheit in Gegenwart und Zufunst umschließt das eingehende Studium der Lage der Frau und ihres Antheils an dem Leben und dem Ringen der Welt. Wohl wird der Kampf ums Dasein von der Frau so gut geführt wie von dem Mann, auch sind auf den ersten Blick die Interessen beider identisch. Bei genauerer Prüfung ergiebt sich aber, daß den Frauen noch die Lösung mancher Fragen obliegt, welche ihre Brüder, soweit es deren eigenes Interesse betrifft, schon gelöst haben; daß die Frauen unter besonderen Schwierigkeiten leiden und noch sehr viel lernen, noch manches Gebiet erobern müssen, ehe es ihnen möglich ist, den Wettkampf zu beginnen, dessen unschätzbarer Gewinn in der Fähigfeit besteht, sich eine unabhängige Stellung zu schaffen. In jener Abtheilung der Kongresse, welche sich mit den wirthschaftlichen Verhältnissen der Frauen und Kinder in der Industrie beschäftigt, wünschen wir ganz besonders, sowohl einzelne Frauen, als auch organisirte Frauenvereine zu thätiger Mitwirkung heranzuziehen und ihnen bei Veranstaltung zweckdienlicher Erörterungen und Berathungen zu helfen. Indem wir die treibende Gewalt, den unschätzbaren Werth hoher Ideale und großer Gedanken wohl erkennen, tönt doch die Stimme der beladenen Menschheit so laut an unser Ohr, daß wir genöthigt sind, uns zunächst mit der lebendigen Gegenwart zu beschäftigen. Wir kümmern uns mehr um das was jetzt ist, als um das was sein könnte; wir richten unsere Aufmerk samkeit während des kommenden Wunderjahres 1893 auf das wirkliche Leben, seinen Ruhm und seine Schmach, seine Siege und seine Niederlagen, seinen Einfluß und seine Macht. Es ist der Zweck unseres Komités, die Aufmerksamkeit der Frauen aller Länder auf die wichtigen Fragen zu lenken, welche hier erwogen werden und die Mitwirkung der Frauen aller Länder zu gewinnen, damit die geplanten Arbeitskongresse den Frauen von möglichst großem praktischen Nutzen sein mögen. Behufs Erleichterung der Arbeit schlagen wir, als einleitenden Schritt, das folgende Programm vor, welches unserer Ansicht nach die Ideen enthält, deren Durchführung dem Komité obliegt. Abänderungsvorschäge der berathenden Abtheilung des Hilfskongresses, sowie der forrespondirenden oder Ehrenmitglieder werden wir zu berücksichtigen suchen. Die Behandlung unseres ersten Themas: Die Stellung der Frauen in der Industrie, soll durch Berichte und Arbeitsstatistik möglichst flar beleuchtet einen Einblick schaffen in die Verhältnisse, unter welchen Frauen in der Industrie Beschäftigung finden; sie soll uns aufklären über ihre Löhne, verglichen mit denen des Mannes, der auf demselben Arbeitsfeld thätig ist, über den Werth des Arbeitslohnes der Frau im Vergleich zu den Kosten des LebensZuschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" find zu richten an Fr. Klara Zetkin( Eißner), Stuttgart, RothebühlStraße 147, IV. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. unterhaltes; sie soll uns zeigen, welche Beschäftigungen den Frauen offen stehen und welche sich ihnen fünftig wahrscheinlich erschließen werden, ferner, welchen Gewinn die Frauen aus den bestehenden Organisationen ziehen. In Betreff der Kinderarbeit wünschen wir Aufklärung über die Rechte des Kindes und die Pflichten der Eltern. Unser zweites Thema: Die ökonomische Abhängigkeit der Frau soll hauptsächlich handeln von den Nachtheilen, welche diese Abhängigkeit begleiten. Ferner soll hier nachgewiesen werden, wie diese theoretische oder thatsächliche Abhängigkeit das Recht der Frau auf Eigenthum und das Bestimmungsrecht über ihre Kinder beschränkt, und ob die geltenden Gesetze über Ehe, Scheidung und andere Fragen, welche im Zusammenhang mit der Familie stehen, nicht abgeändert werden könnten, so daß der Frau das Recht auf Arbeit, nebst dem ungeschmälerten Genuß der Früchte ihrer Arbeit gewahrt bliebe. Dies führt uns zu dem Recht der Frau, in berathenden und gesetzgebenden Körperschaften zu sitzen, ein Recht, das jetzt ausschließlich das Monopol der Männer ist, obgleich die Interessen des weiblichen Geschlechts ebenso wohl wie diejenigen des männlichen die Zuerkennung desselben fordern. Das Gleiche gilt von allen richterlichen Funktionen. Als erster Schritt zur Beschäftigung der Frau mit öffentlichen Angelegenheiten kann die Thätigkeit der Schutzvereine gelten, welche dargelegt werden soll, ebenso wie die schon nachweisbaren Fortschritte, welche die Forderung der Rechtsgleichheit für beide Geschlechter allen Gerichtshöfen und öffentlichen Einrichtungen gegenüber rechtfertigen. Die genannten Themata, zusammen mit Reformvorschlägen und theoretischen Abhandlungen, werden von hohem Interesse sein; ihre Erörterung wird ein helles Licht auf die Probleme des Lebens werfen und auf die Art, wie die Frauen sich mit ihnen abfinden. Wir wünschen, daß die angedeuteten Fragen von der Frauenabtheilung des Kongresses behandelt werden, ferner, daß Gelegenheit geboten wird zu Vorträgen über sie seitens von Frauen. Unser drittes Thema, dessen Erörterung wir vereint mit dem Arbeitskomité der Männer zu leiten gedenken, lautet: Soziale Theorien und Versuche, Vorbeugungs- und Heilmittel sozialer Uebel inbegriffen. Hier sollen die neuesten sozialen Einrichtungen geschildert werden, wie Toynbee Hall und Hull House, weil die Bewegung, welche ihrer Schöpfung zu Grunde liegt, im Verein mit dem neuen Plan für Erweiterung der Universitäten, die ideale Seite des sozialen Zusammenwirkens zeigt, und die Fähigkeit steigert zu intelligenter und einträglicher Arbeit, somit auch die Freude an den eigenen Erfolgen. Und da die bestehenden wirthschaftlichen Zustände zum guten Theil nur möglich sind in Folge der Unwissenheit aller Klassen über ihre inneren Wechselbeziehungen zu einander, so erscheint es dringend geboten, zusammen mit den wirthschaftlichen Fragen auch das eng mit ihnen verbundene Thema der Volksaufklärung zu behandeln. Kooperativgenossenschaften und andere Versuche der verschiedensten Art werden, natürlich im Anschluß hieran, vollste Berücksichtigung finden, ebenso Unternehmungen mit Gewinnbetheiligung der Arbeiter. Während wir uns angelegen sein lassen, reiche Gelegenheit zu bieten für Erörterung von Fragen, welche für erwerbsthätige Frauen besonders wichtig sind, werden wir gleichfalls gewissenhaft Sorge tragen, daß alle großen, auf die soziale Wiedergeburt bezüglichen Fragen zur Erörterung gelangen. Die verschiedenen Schulen der Sozialreform empfehlen verschiedene Heilmittel behufs Linderung der Uebel, an denen die Gesellschaft krankt, weil das Recht auf Arbeit nicht anerkannt wird, weil drückende Monopole der Arbeit ihren gerechten Lohn und Gewinn rauben. In Folge dessen erscheint es als wünschenswerth, daß das Komité, angemessene Beschränkungen vorausgesetzt, Gelegenheit bietet zu einer ruhigen und lichtvollen Dar stellung der angestrebten Reformen seitens ihrer geeignetsten und befähigsten Vertreter. Unsere Aufgabe besteht unseres Erachtens darin, Denen zu helfen, welche über die einschlägigen Fragen gedacht und gearbeitet haben, und welche über dieselben etwas zu sagen wissen. Wir hoffen auf Vorschläge, Ermunterung und Beistand von Seiten Aller, welche in unseren Tagen eifrig und thätig innerhalb der weiten Welt der Arbeit wirken. Wir erwarten mit Recht, daß genügende Räumlichkeiten beschafft werden für Arbeitervereine, Verbindungen und industrielle Gesellschaften, welche unter eigener Leitung Kongresse abhalten wollen. Diesen Spezialfongressen soll jede Erleichterung zu Theil werden, welche in der Macht des Hilfskongresses liegt. Außer diesen Kongressen wird der Hilfskongreß des Weltkongresses allgemeine Versammlungen veranstalten, in denen unter seiner Leitung, gleichsam in einem großen vereinigten Arbeitskongreß, solche Redner und Vorträge gehört werden, für welche sich das große Publikum ganz besonders interessirt. Wir bitten dringend, unsere vorliegende Ansprache in allen Zeitungen und Zeitschriften zu veröffentlichen, welche von Arbeiterorganisationen herausgegeben werden, sowie in denen, welche die Interessen der Frauenarbeit vertreten. Wir bitten um Antwort auf folgende Fragen: Welche Personen würden Sie aus den verschiedenen Ländern empfehlen behufs Ernennung als Mitglied des berathenden Komité's dieser Abtheilung der Weltkongresse? Welche Themata würden Sie, mit Bezug auf die obigen Ausführungen, dem Weltkongreß zur Erörterung empfehlen und wen würden Sie zur Behandlung dieser Thematas vorschlagen? Alle Mittheilungen über Spezialkongresse oder Versammlungen von Frauenvereinen, oder Vorschläge, den Frauenarbeitskongreß betreffend, ersuchen wir zu richten an Mrs. J. D. Harvey, Vorsitzende des Frauenkomités des mit dem Weltkongresse verbundenen Hilfskongresses. ,, Gott, dak Brot so theuer ist, Und so wohlfeil Fleisch und Blut." In jüngster Zeit ging wieder einmal durch die Presse eine jener Nachrichten, welche die heutige Gesellschaft in ihrer vollen Stulturwidrigkeit brandmarken, in Flammenschrift ihr das„ Mene Tefel" schreiben. " In Leipzig wurden von Professor Dr. Heubner und Dr. Taube behufs Aufnahme in die Ferienkolonien 1250 Kinder untersucht. Die Untersuchungen ergaben ein geradezu niederschmetterndes Resultat. Etwa zwei Drittel sämmtlicher untersuchter Kinder sind in hervorragender Weise körperlich schwäch lich und tränklich und bedürfen dringend einer Kräftigung ihrer Gesundheit, wenn sie nicht dauerndem Siechthum verfallen sollen," so lautete das Urtheil der Männer der Wissenschaft. Niemand kann sich über die Bedeutung des Untersuchungsresultats mit dem Wahne hinwegtäuschen, daß es sich um eine lokale, vereinzelte Erscheinung handle. Im Gegentheil. Aus Stuttgart, aus Berlin, aus so und so vielen Städten liegen Mittheilungen vor, welche sich dem Sinne nach mit der obigen Nachricht durchaus decken. Die Zahl der fränklichen, einer Erholung dringend bedürftigen Kleinen ist auch hier überaus groß; so groß, daß die öffentliche Wohlthätigkeit bei Weitem nicht vermag, Allen von ihnen den Ferienaufenthalt unter gesunden Lebensbedingungen zu gewähren. Und wollte man die diesbezüglichen Untersuchungen von der großstädtischen Jugend auf die Proletarierkinder kleinstädtischer und ländlicher Industriezentren ausdehnen, so würde man hinsichtlich ihrer Gesundheit zu den nämlichen Schlüssen gelangen. Wer je das liebliche Thüringen, wer die romantischen Thäler des sächsischen Erzgebirges, die reizenden Landschaften Schlesiens durchstreift hat, dem werden die hohlwangigen, greisenhaft ausschauenden Kindergestalten unvergessen bleiben, denen er daselbst auf Schritt und Tritt begegnet. Der Mensch lebt nicht von Luft allein, und die köstliche reine Atmosphäre jener Gegenden vermag nicht aufzuwiegen, was den Kindern abgeht in Betreff der übrigen unentbehrlichen Lebensbedürfnisse. Und das Warum? Je nun, weil sie nicht fürsichtig genug gewesen, als Kinder von Leuten geboren zu wer 138 den, welche auf Kosten des bittersten Elends dritter Personen ,, Entbehrungslöhne" zusammenzuscharren verstanden. " Es ist eine seit langen Jahrzehnten bekannte Thatsache, daß die Sterblichkeit der Proletarierkinder, zumal in dem ersten Lebensjahr, eine weit höhere ist, als die der Nachkommen anderer Klassen. In England kamen z. B. nach dem„ Sechsten Bericht über den Stand der öffentlichen Gesundheit" von 1864( zitirt im Kapital") in 16 Distrikten auf je 100 000 lebende Kinder unter einem Jahr im Durchschnitt nur 9000 Todesfälle; in den Industriezentren Hoo, Wolverhampton, Ashton- under- Lyne und Preston dagegen über 24 000, und in Manchester, der Königin der englischen Fabrikstädte, gar 26 125. Bezüglich der hohen Sterblichkeitsziffer der Proletarierfinder in den Mittelpunkten der deutschen und französischen Industrie beweisen Zahlen die nämliche Erscheinung. Wie Schritt für Schritt mit der Entwicklung der Großindustrie und der Entfaltung der kapitalistischen Wirthschaftsweise die Lebenskraft des Proletariats von Jugend auf, ja noch vor der Geburt in den Eltern vernichtet wird, das erhellt sinnenfällig aus einem anderen sattsam bekannten Umstand. Die Industriezentren liefern bei den Militärstellungen einen geringen und stetig abnehmenden Prozentsaz diensttauglicher Leute. Frankreich hat in diesem Jahrhundert bereits zweimal das Soldatenmaß heruntersezen müssen; ein englischer General bejammerte, daß das Ostende von London, der Sitz der größten Armuth, nur wenig militärtüchtige Männer stelle; die Refrutenuntersuchungen in der Schweiz vom Herbst 1890 ergaben, daß von 30 348 Untersuchten nur 15 509 als diensttauglich erklärt werden konnten. Nach einer in der, Statistik der Neuzeit" veröffentlichten Untersuchung des Sozialpolitikers Caspar sind von 1000 Wohlhabenden nach 5 Jahren noch 943, von 1000 Armen nur noch 655 am Leben. Mit anderen Worten: fast die Hälfte der Kinder des werkthätigen Volks stirbt bis zum Alter von 5 Jahren! Ab und zu wird ob der betreffenden Verhältnisse sogar die bürgerliche Gesellschaft stuzzig. Nicht etwa aus gefühlsseliger Humanität, versteht sich, wohl aber aus eigenem, praktischem Interesse! Sie muß möglichst zahlreiches, lohndrückendes Maschinenfutter zur Disposition haben, sie kann des Kanonenfutters nicht entrathen. Um sich das Eine wie das Andere zu sichern, erklärt sie dann den gekennzeichneten Zuständen gegenüber mit dem ihr eigenthümlichen Bruſtton der Ueberzeugungsheuchelei, daß etwas gethan werden müsse." Und sie thut auch wirklich etwas" und wähnt ein Uebriges gethan zu haben, wenn sie kräftig den Bettelsack schwingt, um Ferienkolonien, Seebadstationen 2c. zu gründen. Wenige Wochen einer gesunden Lebensweise sollen dann ausgleichen, was Jahre lang durch schlechte Nahrung, ungesunde Wohnung und mangelnde Pflege gefündigt worden ist! Von der eigenen Großmuth gerührt, mit der sie grammweise etlichen Wenigen zurückgiebt, was sie zentnerweise der ganzen Klasse gestohlen, drückt sich dann die kapitalistische Gesellschaft die Bürgerkrone der Humanität aufs Haupt und läßt sich von dem Troß ihrer literarischen Landsknechte als menschenfreundlichste aller Gesellschaften beweihräuchern. An die Wurzel des Uebels zu rühren, hütet sie sich wohl. Sie könnte es ja auch nicht, ohne sich beim Keltern des Mehrwerths, beim Anziehen der Profitschraube eine winzige Beschränkung aufzuerlegen. Das Nüßliche mit dem Angenehmen vereinigend, wirthschaftet sie drauf los nach dem„ Bereichert Euch" des filzigen französischen Königs, der ihr Geschöpf und ihr Abgott war, und in Gemäßheit des„ Nach uns die Sintfluth" einer vergnügungstollen königlichen Maitresse. So verwüstet sie in der Jugend die Lebenskraft des Proletariats, ja der Nation durch einen Raubbau gewissenlosester Art, wie sie in blinder Profitwuth die Ertragsfähigkeit des Bodens ganzer Länderstriche vernichtet. " Mit langen lateinischen Namen werden gewöhnlich die Todesursachen bezeichnet, denen die Kleinen der Proletarier wie die Fliegen erliegen. Sie starben, weil sie Arbeiterkinder waren," könnte man in der Mehrzahl der Fälle auf ihren Todtenschein schreiben. Als Nachfommen abgerackerter, schlechtgenährter Eltern wurden sie schon mit einem Zuwenig an Kraft und Gesundheit geboren, als Proletarierkinder wuchsen sie unter Entbehrung und Vernachlässigung heran, als Proletarierkinder verfielen sie dem Siechthum und einem frühen Tod. "! In der That, die Kleinen, über deren Schwächlichkeit man sich entsetzt, die Stellungspflichtigen, deren Untauglichkeit man mit Krokodilsthränen beheulmeiert, sind sie nicht Kinder und Enkel jener Arbeiter und Arbeiterinnen, die in unserem so christlichen Jahrhundert eine Ausbeutung erfahren, wie sie das heidnische Alterthum nie gefannt hat? Stammen sie nicht von Eltern und Voreltern ab, die in jenen goldenen Tagen, wo noch kein dürftiges Gesetz über den Schutz der Kinderarbeit eristirte ,,, im Alter von 9 und 10 Jahren um 2, 3, 4 Uhr des Morgens aus den schmußigen Betten gerissen und gezwungen wurden, für die nackte Eristenz bis 10, 11, 12 Uhr Nachts zu arbeiten, während ihre Glieder wegschwinden, ihre Gestalt zusammenschrumpft, ihre Gefichtszüge abstumpfen...."*)" Physisch, geistig und moralisch " Physisch, geistig und moralisch niedergetretene Kinder wurden die Eltern des jezigen Geschlechts." Die Lebensbedingungen der Proletarierkinder sind keinesfalls dazu angethan, die von den Vätern überkommenen Krankheitsfeime zu überwinden. Sie wachsen vielmehr unter Umständen auf, welche förperliche Entartung und Verfall begünstigen und erzeugen. Was die Dame der Bourgeoisie aus Eitelkeit oder Vergnügungssucht, aus Mode oder Laune ihren Kleinen verweigert, das muß die Proletariersfrau den ihrigen aus Noth versagen: die mütterliche Pflege. Kaum hat sie das Wochenbett überstanden, so heißt es für sie:„ zurück in die Fabrik, schaffen, schaffen und schaffen," um die zu Haus harrenden hungrigen Mägen zu füllen. Anstatt an der Mutterbrust genährt zu werden, erhält das Würmchen ,, fleiner Leute" fünstliche Nahrung, die im besten Falle nur gefälscht ist, der aber sehr oft Betäubungsmittel beigemischt sind, welche verdummen oder nach und nach tödten. Wie eine offizielle ärztliche Untersuchung nachwies, sind, von Lokalumständen abgesehen, die hohen Sterblichkeitsraten( der Proletarierkinder) vorzugsweise der außerhäuslichen Beschäftigung der Mütter geschuldet und der daher entspringenden Vernachlässigung und Mißhandlung der Kinder, u. a. unpassender Nahrung, Mangel an Nahrung, Fütterung mit Opiaten u. s. w." Nach Dr. Hunter nahm in ackerbautreibenden Gegenden Englands die Kindersterblichkeit bedeutend zu, als die Landwirthschaft nach dem Muster der Industrie betrieben ward und viele Frauen als Lohnarbeiterinnen außer dem Hause schafften. Während der im Gefolge des amerikanischen Bürgerkriegs auf tretenden Krise der englischen Baumwollenindustrie beobachtete Dr. Smith bekanntlich eine Abnahme der Kindersterblichkeit, und dies trop des Nothstands der Arbeiterkreise.„ Die Arbeiterfrauen Die Arbeiterfrauen fanden die Muße, ihren Kindern die Brust zu reichen, anstatt sie mit Godfrey's Cordial( Opiat) zu vergiften." Dem Säuglingsalter entwachsen bleibt das Kind während der Abwesenheit der Mutter der Fürsorge wenig älterer Geschwister oder der Nachbarsleute überlassen. Es vergeht fast kein Tag, an dem man nicht von Unglücksfällen liest, welche so behütete Kleine betroffen, deren Mütter im Dienste des Kapitals frohnden. Damit sind die ungünstigen Verhältnisse, welche die Entwicklung des proletarischen Nachwuchses verhängnißvoll beeinflussen, noch keineswegs erschöpft. Vater und Mutter zusammen verdienen heutzutage kaum noch genug, die nackte Existenz ihrer Kinder zu fristen. Oder was sonst bedeutet die Thatsache, daß in Berlin, Wien, Halberstadt, Aachen und Dußenden anderer Städte während des Winters armen Schülern und Schülerinnen ein Frühstück verabreicht ward oder richtiger verabreicht werden mußte, weil die halbverhungerten und erfrorenen Kleinen dem Unterricht nicht zu folgen vermochten? Die Organe der bürgerlichen Presse, welche vor Lobgefängen auf die Trinkgelder zahlende Kapitalistenwelt überfließen, verzeichnen tagtäglich Erscheinungen, die ,, wenn Menschen schweigen, werden Steine schreien" die Ursache der Sterblichkeit und des Siechthums der Proletarierkinder verrathen. " In den Landbezirken, wo die moderne Industrie festen Fuß faßt,„ rohe und halbgebildete Parvenus" zu hervorragenden Spinnereibesißern,"" sehr großen Wurstmachern" und„ einfluß*) Sämmtliche im Artikel enthaltene Zitate sind aus Karl Marg' ,, Kapital" entlehnt. 8. Kapitel: Der Arbeitstag. 13. Kapitel: Maschinerie und große Industrie. 23. Kapitel: Das allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation. 139 reichen Schuhwichsfabrikanten" verwandelt, da tritt auf dem Küchenzettel der proletarischen Arbeitsbienen die Kartoffel an Stelle des Brotes, der Häring an Stelle von Fleisch und Zukost. In den Großstädten nimmt gleichfalls der Fleischkonsum stetig ab. In Leipzig ist er z. B. von 1888-1891 um 3312 Prozent zurückgegangen. Dafür hat der Verbrauch von Pferdefleisch eine erhebliche Zunahme erfahren. Am stärksten ist er gerade in den großen Städten gestiegen, welche als Industriezentren und Siz der Massenarmuth bekannt sind, so z. B. in Breslau. In Schlesien ist es bezüglich der Verschlechterung der Volksnahrungsmittel nicht bei dem Pferdefleisch geblieben, dort ist man von dem Pferd auf den Hund gekommen. Im vorigen Winter wurden schlesische Behörden darum angegangen, sie möchten von Amtswegen gegen den Verkauf von Hundefleisch wegen dessen Gesundheitsschädlichkeit einschreiten. Nun braucht man wahrlich kein Prophet zu sein, um mit Sicherheit zu behaupten, daß es nicht die schlesischen Großgrundbefizer und Schnapsbrenner sind, die sich an Portionen Hottehü und Wauwau ergößen. Der Ausfall, bezw. die Verschlechterung der Fleischnahrung betrifft lediglich die werkthätige Masse. Mit der Entwicklung der Maschinentechnik geht für Tausende ein Sinken der Löhne Hand in Hand, für andere Tausende der Verlust von Arbeit und Brot. Diesem Stand der Dinge entsprechend nimmt die Kauftraft des Proletariats ab, nicht nur die Nahrung, auch Wohnung und Kleidung verschlechtert sich mehr und mehr, Mangel und Elend sind stete Gäste im Heim der Arbeiterfamilie. Was Dr. Simon 1864 in seinem Bericht über die Lebensverhältnisse der englischen Proletarier sagt, das gilt noch heutzutage für die Mehrheit ihrer deutschen Brüder.„ Daß die Fälle zahllos sind, worin Nahrungsmangel Krankheiten erzeugt oder verschärft, wird Jeder bestätigen, der mit medizinischer Armenpraris oder mit den Patienten der Spitäler... vertraut ist. Jedoch kommen hier vom sanitären Standpunkt noch andere, sehr entscheidende Umstände hinzu.... Kleidung und Heizung werden noch dürftiger gewesen sein als die Speise. Kein hinreichender Schutz wider die Härten des Wetters; Abknappung des Wohnraums zu einem Grad, der Krankheiten erzeugt oder verschärft. Kaum eine Spur von Hausgeräth oder Möbeln; die Reinlichkeit selbst wird kostspielig oder schwierig geworden sein. Werden noch aus Selbstachtung Versuche gemacht, sie aufrecht zu erhalten, so .. Dies repräsentirt jeder solche Versuch zuschüssige Hungerpein. sind die Gesundheitsgefahren, denen die Armuth unvermeidlich ausgefeßt ist, wenn diese Armuth Nahrungsmangel einschließt.. Dies sind qualvolle Gedanken, namentlich wenn man sich erinnert, daß die Armuth, wovon es sich handelt, nicht die sebstverschuldete Armuth des Müssiggangs ist. Es ist die Armuth von Arbeitern." Wer darf sich wundern, daß angesichts solcher Lebensverhältnisse der Theil des Proletariats am schwersten geschädigt wird, der, in der Entwicklung begriffen, günstiger Bedingungen am dringendsten bedarf: die proletarische Kinder- und Jugendwelt.*) Hunderttausende von Kinderleichen und Hunderttausende und Aberhunderttausende von Siechen und Krüppeln bezeichnen den Entwicklungsgang der kapitalistischen Wirthschaftsweise. Leute, welche angesichts dieser„ Timur- Tamerlan'schen Verschwendung von Menschenleben" auf Friedensfongressen über die Greuel des Kriegs und seine Opfer jammern, aber keinen Finger rühren, um dem .herodischen Kindermord" durch den kapitalistischen Industrialismus Einhalt zu thun, das sind entweder furzsichtige Narren oder Heuchler. Siechthum und früher Tod des proletarischen Nachwuchses, das sind Erscheinungen, welche mit der heutigen Gesellschaftsordnung unauflöslich verbunden sind, welche der schamlosen Spekulation mit der Waare Arbeitskraft folgen wie der Schatten dem Licht. Verschwinden werden sie erst, wenn in der sozialistischen Gesellschaft die Arbeitskraft aufgehört hat, eine Waare zu sein, welche Proletarier und Proletarierinnen bei Strafe des Verhungerns zu jedem Preis losschlagen müssen. Denn erst mit der Beseitigung der *) Wir sehen für den Moment davon ab, wie schwer das Unternehmerthum dadurch an der nämlichen Jugend frevelt, daß es, um mit Shelley zu reden, Kinder in leblose und blutlose Maschinen verwandelt in einem Alter, wenn sie sonst vor den Thüren ihrer Eltern zu spielen pflegten." Lohnsklaverei werden Zustände geschaffen, welche der Kindheit und Jugend eine volle, allseitige, gesunde Entwicklung verbürgen.! Soll aber die wirthschaftliche Entwicklung nicht zunehmende Degeneration des Proletariats bewirken und damit die gesellschaftliche Macht vernichten, welche die Umgestaltung der Gesellschaft in eine sozialistische vollziehen muß, so ist es nöthig, dem heutigen Staat Maßregeln abzutrotzen, welche der gewissenlosen Vergeudung proletarischer Lebenskraft durch Verelendung der Arbeiterkinder Einhalt thut. Schutz des Kindes in der Mutter, Einführung eines Normalarbeitstags für alle Proletarier, Erhöhung der Löhne, mit einem Wort bessere Lebensbedingungen der Arbeiterklasse sind mit Rücksicht hierauf unabweisbare Nothwendigkeit geworden. Und mit der Verwirklichung der diesbezüglichen Forderungen allein ist es noch nicht gethan. Die Gestaltung unseres modernen wirthschaft- lichen und gesellschaftlichen Lebens verlangt dringend, daß Anstalten geschaffen und demokratisch ausgebaut werden, in denen sich Kinder des werkthätigen Volks von Rechtswegen und nicht von Almosenwegen körperlich und geistig gesund entwickeln können. Die heutige Gesellschaft begnügt sich behufs Beschwöiung des körperlichen Verkomniens der Proletarierkinder mit einem Tropfen Philanthropie, wo es eines Ozeans Gerechtigkeit bedürfte. Mit Händen und Zähnen wehrt sie sich gegen alle Maßregeln, welche auf eine Hebung der Klassenlage des Proletariats, damit auf eine Milderung der gekennzeichneten Uebelstände abzwecken. Denn alle jene Maßregeln können nicht durchgeführt werden, ohne daß sie ein Titelchen Mehrwerth fahren läßt. Sie aber antwortet auf die Klage über physische und geistige Verkümmerung und vorzeitigen Tod:„Sollte diese Qual uns quälen, da sie unsere Lust(den Profit) vermehrt?" Die von uns angeführten Thatsachen müßten vor Allem zu den proletarischen Müttern mit Donnerstimme sprechen. Die Kleinen, welche elend dahinsiechen, welche sozusagen mit einem bereits ausgefüllten Todtenschein zur Welt kommen, sie sind ihr eigenstes Fleisch und Blut, unter Schmerzen geboren, unter unsäglichen Mühsalen über die ersten Lebensjahre hinaus aufgepäppelt. Zu welch furchtbarem Schicksal? Proletarierinnen, Ihr wißt es nur zu gut, wie Euer eigenes elendes Leben, so wird das Leben Am Nordpol. Nach dem Englischen von P. Olltverio. Eonsetzung.) Der Kapitän befolgte den Wink. Er wechselte sogleich den Gegenstand. Er sprach über Schiffe, die zu fremden Diensten kommandirt waren, und als er merkte, daß dieses Thema Frau Crayford's Interesse nicht erregte, so ging er zu Schiffen über, welche man wieder nach Haus kommandirt. Dieser zweite Versuch hatte seine Wirkung, eine Wirkung aber, auf welche Helding nicht gerechnet hatte. „Wissen Sie schon," begann er,„daß die, Atlanta' täglich von der Westküste Afrikas zurück erwartet wird? Kennen Sie vielleicht einen der Offiziere dieses Schiffes?" Zufälligerweise stellte er Frau Crayford diese beiden Fragen, während sie bei einer Figur des Tanzes betheiligt waren, wobei sie von dem gegenüber tanzenden Paare gehört wurden. In demselben Augenblick brachte Klara Burnhanl zum Erstaunen ihrer Freunde und Bewunderer die Quadrille durch einen Fehler in Unordnung! Jedermann erwartete, daß sie ihren Jrrthum wieder gut machen würde, sie aber machte keine Anstalten dazu, wurde todtenblaß und griff heftig nach dem Arme ihres Herrn. „Diese Hitze," sagte sie schwach.„Führen Sie mich weg— führen Sie mich an die Luft." Lieutenant Crayford führte sie augenblicklich vom Tanze weg und brachte sie in das kühle leere Nebenzimmer am Ende des Saales. Selbstverständlich folgten ihnen Kapitän Helding und Frau Crayford auf dem Fuße. „Ist das der Vorbote des magnetischen Schlafes?" flüsterte der Kapitän, der mit einem kleinen Scherze nicht zurückhalten konnte. „Wenn dem so ist, so habe ich als Kommandirender der Nordpolerpedition eine besondere Frage zu stellen. Wird mir das„zweite Eurer Kinder sein, falls Ihr nicht mit aller Energie an dem Kampf Eurer Klasse theilnehmt. Der helvetische Geschichtsschreiber Tschudi läßt, als er die Tellsage erzählt, Werner Stauffacher durch seine Frau mit den Worten zum Widerstand gegen Habs« burgs Unterdrückung des Schweizervolks anfeuern:„Sollen wir Mütter Bettler säugen und Knechte und Mägde großziehen? Das sei ferne!" Schwerer, als je der Druck österreichischer Hoheit auf der Schweiz gelastet, lastet heutzutage das Joch des Kapitals auf der Arbeit. Proletarierinnen, steht an Mutterliebe nicht Eurer sagenhaften helvetischen Schwester nach. Wollt Ihr nicht Bettler säugen, Knechte und Mägde großziehen, unglückliche Krüppel und Sieche Eure Kinder nennen oder den frühzeitigen Verlust kleiner, theurer Wesen beweinen, legt Hand ans Werk, kämpft zusammen mit Euren männlichen Klasscnzenossen für eine bessere Zukunft Eurer Kinder. Arbeiterinnen-Bewegung. — In Hannover fand am 24. Juli eine öffentliche Versammlung der Schneider und Schneiderinnen statt, in welcher Herr Neißler als Delegirter zum bevorstehenden Verbandskongreß erwählt ward. Die Versammlung erklärte, Beschlüsse, welche die weitere Entwicklung des Verbands deutscher Schneider und Schneiderinnen hindern, nicht anerkennen zu wollen. Auf dem Kongreß soll seitens der Schneider und Schneiderinnen von Hannover der Antrag gestellt werden, das Vertrauensmännersystem aufzuheben und den Streik- und Agitationsfonds der Kasse des Verbands deutscher Schneider und Schneiderinnen zu überweisen. — Am 27. Juli hatte in Berlin eine Versammlung der in Buchbindereien, Album-, Karton-, Lederwaaren-, Luxuspapier- und Glacökartonpapier-Fabriken beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen stattgefunden. Zweck derselben war, an Stelle der verschiedenen aufgelösten Branchenvereine eine Organisation zu gründen, welche alle im Buchbindergewerbe und in verwandten Bernssarten beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen umfassen soll. Nachdem Herr Sparfeld einen einleitenden, interessanten Vortrag über„Die Nothwendigkeit der Arbeiterorganisationen" gehalten hatte, diskutirten die Anwesenden einen von Herrn Greiffenberg eingebrachten Statutenentwurf. Die Versammlung beschloß einstimmig, die geplante einheitliche Organisation zu schaffen. Ein provisorischer Vorstand, dem behufs Vertretung der Arbeiterinnen Frau Höns angehört, hat alle Vorarbeiten Gesicht" den Gefallen thun und mir den nächsten Weg zur Nordwestdurchfahrt zeigen, bevor wir England verlassen?" Frau Crayford war nicht in der Stimmung auf den Scherz einzugehen, sondern sagte ruhig:„Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie verlasse, ich will zu Fränlein Burnham gehen, und zusehen, was ihr fehlt." Beim Eintritt in das Seitengemach begegnete Frau Crayford ihrem Manne. Der Lieutenant war ein großer, stattlicher Mann in den mittleren Jahren. Durch seine einfache herzliche Art und Weise und die unwiderstehliche Güte, die sich in seinen offenen blauen Augen aussprach, gewann er gleich Jedermann für sich; kurz er war ein Mann, den alle Welt lieb hatte— seine Frau nicht ausgeschlossen. „Aengstige Dich nicht," sagte er beschwichtigend,„die Hitze ist ihr zu Kopfe gestiegen, weiter ist es nichts." Frau Crayford schüttelte den Kopf und blickte zärtlich ihrem Manne in das Gesicht, indem sie ausrief: „Du liebe, alte Unschuld! Die Entschuldigung mag Dir genügen, ich für nrein Theil glaube kein Wort davon. Geh, hole Dir eine andere Dame zum Tanzen und überlasse mir Klara." Ii- „Nun, meine Liebe!" begann Frau Crayford,„was bedeutet das?" „Nichts." „Das kann ich nicht gelten lassen, Klara, willst Du nicht den wahren Grund gestehen?" „Die Hitze im Saal—" „Auch das glaube ich Dir nicht. Sage lieber, daß Du vorziehst, Dein Geheimniß für Dich zu behalten, dann verstehe ich Dich." Klaras traurige, klare graue Augen blickten jetzt zum ersten Male in Frau Crayford's Gesicht und füllten sich plötzlich mit Thränen. für die endgiltige Konstitution des Vereins zu erledigen. Laut der vorläufigen Berathungen soll derselbe den Titel führen:„Verein der in der Buch, Papier und Lederwaarenindustrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen" und sich an den Verband der in den Buchbindereien und verwandten Geschäftszweigen thätigen Arbeiter und Arbeiterinnen anschließen. Die„Buchbinder-Zeitung" wird obligatorisches Fachorgan des Vereins, außerdem soll für die Arbeiterinnen„Die Gleichheit" gehalten werden. — Eine öffentliche Versammlung aller in den Tapeziererbetrieben von Hamburg beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen fand am 28. Juli statt. Der Reichstagsabgeordnete Molkenbuhr referirte in klarer, fesselnder Weise über das Thema:„Die technisch-wirthschaft- liche Revolution." Er führte aus, wie die mit der Entwicklung der Technik Hand in Hand gehende Erfindung und Vervollkommnung der Werkzeugs- und Kraftmaschinen mit den wirthschaftlichen Verhältnissen zusammen auch alle gesellschaftlichen Zustände umwälze und die sozialistische Gesellschaft vorbereite, in welcher die Produktionsmittel Eigenthum der Gesammtheit sein werden. — In Dresden beschäftigte sich am 31. Juli eine öffentliche Versammlung der in der Tabakindustrie thätigen Arbeiter und Arbeiterinnen mit dem bevorstehenden internationalen Tabakarbeiterkongreß. Es gelangte einstimmig der Beschluß zur Annahme, den Kongreß zu beschicken. Als Delegirter ward Herr Palm er aus Leipzig vorgeschlagen. — Am 31. Juli fand in Barmen eine öffentliche Versammlung der Schneider und Schneiderinnen statt, in welcher Herr Menzler (Düffeldorf) über das Thema sprach:„Die Lage der im Schneidergewerbe beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen und die Nothwendig- keit einer Organisation." Der Redner führte aus, wie die Entwicklung der Technik, welche Arbeitskräfte entbehrlich mache, die Lage der Schneider und Schneiderinnen verschlechtere. Auf der elektrotechnischen Ausstellung in Frankfurt a. M. sei z. B. eine Maschine ausgestellt gewesen, welche in der Minute 300 Knöpfe annähte, eine andere Maschine fertigte in einer Stunde 150 Knopflöcher. Mit der Anwendung von Maschinen nehme im Schneidergewerbe die Arbeit der nicht organisirten Frauen überhand, welche gleichfalls ein Sinken der Löhne veranlasse. In der Schneiderindustrie seien heut zutage gegen 00 Prozent Frauen beschäftigt, so daß die von den Organisationen verfolgten Ziele nicht eher erreicht werden könnten, bis die Schneiderinnen in die bestehenden Vereine einbezogen worden seien. Nachdem der Redner noch scharf die seitens der Gefängnißarbeit ge- „Wenn ich nur wagte, es Dir zu gestehen?" sagte sie leise. »Ich gebe so sehr viel auf Deine gute Meinung von mir, Lucie � und fürchte sie zu verlieren." Diese Worte machten Frau Crayford betroffen. Ihr Auge heftete sich ernst und besorgt auf Klaras Antlitz. „Du weißt so gut wie ich selbst, daß nichts meine Liebe zu Dir erschüttern kann. Sei offen gegen Deine alte Freundin, mein Kind. Hier hört uns Niemand. Oeffne mir Dein Herz, Klara. Du bist so bekümmert, und ich möchte Dich so gerne trösten." Klara fing an nachzugeben. Mit anderen Worten, sie fing an, Bedingungen zu stellen. „Willst Du mir versprechen," sagte sie zögernd,„das, was ich Dir mittheile, vor jedem lebenden Wesen geheim zu halten?" Frau Crayford begegnete dieser Frage mit einer anderen ihrerseits. „Schließt, jedes lebende Weseisi auch meinen Mann ein?" „Ihn mehr als irgend Jemand. Ich liebe, ich verehre ihn, er ist so edel, so gut! Wollte ich ihm sagen, was ich Dir jetzt gestehen will, so würde er mich verachten. Sage mir offen heraus, Lucie, ob ich zu viel von Dir verlange, wenn ich Dich bitte, vor! Deinem Manne mein Geheimniß zu bewahren?" „Thorheit, Kind! Wenn Du erst verheirathet bist, wirst Du erfahren, daß es das leichteste Geheimniß ist, vor einem Manne ein Geheimniß zu bewahren. Ich gebe Dir das feste Versprechen. Und nun fange an!" Klara hielt noch immer beklommen zögernd zurück. „Ich weiß nicht, wie ich beginnen soll!" rief sie in ausbrechender Verzweiflung,„ich kann keine Worte dafür finden.". „Dann muß ich Dir helfen. Fühlst Du Dich heute Abend! unwohl? Fühlst Du Dich wie au jenem Tage, als Du Dich mit meiner Schwester und mir im Garten befandest?" „Ach nein!" machte Konkurrenz und die Mißstände der Hausindustrie gegeißelt, gelangte er zu dem Schluß, daß nur eine stramme Organisation der Schneider und Schneiderinnen die in der Branche herrschenden Mißstände zu mildern vermöge. Zum zweiten Punkt der Tagesordnung: „Stellungnahme zum Kongreß," beschloß die Versammlung, von der Wahl eines besonderen Delegirten für Barmen abzusehen und sich durch Herrn Menzler, Delegirten für Düsseldorf, vertreten zu lassen. — Eine öffentliche Versammlung der gewerblichen Hilfsarbeiter und-Arbeiterinnen von Berlin hörte am 1. Allgust einen sehr interessanten Vortrag Herrn Timm's über das Thema:„Der Werth der Organisation." Der Referent, sowie sämmtliche Redner nach ihm betonten die Nothwendigkeit, die Proletarierinnen den Organisationen zuzuführen und zur Betheiligung an den Kämpfen der Arbeiter heranzuziehen. Die Nachricht von der bevorstehenden Gründung eines Vereins der gewerblichen Arbeiter und Arbeiterinnen Berlins ward mit großer Freude begrüßt. — In Nürnberg fand am 2. August eine öffentliche Versammlung der in der Bekleidungsindustrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen statt, in welcher Herr Reumann(München) über das Thema sprach:„Die Nothwendigkeit der Gründung eines Verbands aller in der Bekleidungsindustrie thätigen Arbeiter und Arbeiterinnen." Nach Schluß des Referats und einer sehr regen Diskussion erklärte sich die Versammlung in einer Resolution mit den Ausführungen des Redners einverstanden und für Gründung eines Jndustrieverbands aller in der Bekleidungsbranche beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen. Als Mittel zur Erzielung einer Verständigung zwischen den einzelnen Fachorganisationen ward die Einführung eines einzigen Fachorgans empfohlen. — In einer öffentlichen Versammlung der in der Kürschnerbranche beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen von Berlin, welche Anfang August stattfand, hielt Herr Völkel einen sehr beifällig aufgenommenen Vortrag über:„Die brennendsten Fragen der Gewerk schaftsbewegung." In Anschluß an die Darlegungen des Referenten erklärte die Versammlung in einer Resolution, daß die Arbeiterschaft von der gegenwärtigen Gesellschaft nichts zu erwarten habe, daß sich die in der Kürschnerbranche beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen der modernen Arbeiterbewegung und dem Verband der Kürschner anschließen müßten. — In Berlin fand am 8. August eine öffentliche Versammlung der Schneider und Schneiderinnen statt, welche sich mit dem nach Magdeburg für den 20. August einberufenen Kongreß beschäftigte. „Du bist nicht unwohl, die Hitze im Saale ist Dir nicht in Wahrheit zu Kopfe gestiegen— und doch wirst Du plötzlich kreideweiß und bist genöthigt, die Quadrille zu verlassen! Das muß durchaus irgend welchen Grund haben." „Es hat auch seinen Grund. Kapitän Helding—" „Kapitän Helding! Was in aller Welt hat er damit zu thun?" „Er sprach Dir von der, Atlanta/ Er sagte, die, Atlanta' werde jeden Augenblick von Afrika zurück erwartet." „Nun, und was weiter? Kehrt eine Person mit dem Schiffe heim, die Dich näher interessirt?" „Eine Person, deren Rückkehr mich beängstigt," entgegnete Klara, langsam den Kopf senkend. Frau Crayford's prächtige schwarze Augen schienen vor Erstaunen sich zu vergrößern. „Meine liebe Klara, meinst Du wirklich, was Du eben aussprachst?" „Warte, Lucie, Du sollst sogleich selbst nrtheilen. Wir müssen, wenn ich mich Dir verständlich machen will, zu dem Jahre, bevor wir beide uns kennen lernten, z» dem letzten Lebensjahre meines Vaters zurückgehen. Erzählte ich Dir wohl früher, daß mein Vater seiner Gesundheit wegen nach dem Süden zog, in daS Haus eines Freundes, welches ihm dieser in Kent ver- miethete?" „Nein, meine Liebe, ich erinnere mich nicht, je von dem Hause in Kent gehört zu haben. Erzähle mir davon." „Darüber ist nicht viel zu sagen, nur eins. Das neue Gebäude befand sich in der Nähe eines schönen Landhauses, das mitten im Parke stand. Der Besitzer des Grundstückes war ein Herr Wardour. Er zählte auch zu den Freunden meines Vaters und besaß einen einzigen Sohn." (Fortsetzung folgt.) In einem einleitenden Referate gab Herr Pfeiffer einen geschichtlichen Rückblick über die deutsche Schneiderbewegung und zeigte, daß die auf Grund des Vertrauensmännersystems bestehenden Organi sationen und die seitens derselben veranstalteten Kongresse nicht in feindseligem Gegensatz ständen zu dem Verband der Schneider und Schneiderinnen und die seitens desselben abgehaltenen Generalversammlungen. Die genannten Arten der Organisationen seien beide nothwendig und müßten einander ergänzen. Der bevorstehende Kongreß werde sich eingehend mit dem Schwitzsystem und den dagegen zu ergreifenden Maßregeln beschäftigen. Ferner müsse derselbe Stellung zum nächsten internationalen Arbeiterkongresse nehmen, da es dringend nöthig sei, daß sich die Kollegen und Kolleginnen der verschiedenen Länder miteinander verständigten. Der Referent trat zum Schluß nochmals energisch für Aufrechthaltung der Vertrauensmännerorganisationen ein. Die Versammlung nahm eine Reihe von Resolutionen an, die den gemachten Ausführungen entsprachen, welche dem Kongreß vorgelegt werden sollen, und auf die wir seiner Zeit zurückkommen werden. In Mülhausen im Elsaß fand am 8. August eine öffentliche Volksversammlung statt; der Andrang zu derselben war so start, daß lange vor der festgesetzten Zeit zur Eröffnung geschritten werden konnte. Von den 1500 anwesenden Personen waren gut die Hälfte Fabritarbeiterinnen. Frau Zetkin( Stuttgart) sprach über das Thema " Die Frau in der Industrie und die Folgen ihrer Thätigkeit daselbst." Die Rednerin zeigte, daß die Produktionsverhältnisse die treibende Kraft seien, welche die Gesellschaftszustände revolutionirten. So haben die seit Erfindung und Vervollkommnung der Kraft- und Werkzeugsmaschinen entstandenen modernen Produktionsverhältnisse u. A. auch die wirthschaftliche Thätigkeit der Frau durchaus umgestaltet. Sie machten die Thätigkeit der Frau auf industriellem Gebiete möglich, ja zur unausbleiblichen Nothwendigkeit. Die Einbeziehung der Frau in das Heer der Industriearbeiterinnen hätte Vermehrung des Reich thums, Entlastung von Arbeit zur Folge haben müssen. Thatsächlich sei ein Steigen des gesellschaftlichen Wohlstandes, eine Befreiung von Arbeitslasten eingetreten, jedoch nur auf Seiten der gesellschaftlichen Drohnen und nicht auf Seiten der fleißigen Arbeitsbienen. Mit der Ueberhandnahme der industriellen Frauenarbeit habe sich die Lage des Proletariats verschlechtert, die Löhne seien gesunken, die proletarische Jugend sei der Vernachlässigung anheimgefallen, in der geschädigten Lebenskraft der Mutter wird die Gesundheit und Kraft des Arbeiterfindes vernichtet und damit die Zukunft des Proletariats bedroht. Trotz dieser schreienden Mißstände dürfe nicht das Verbot der industriellen Frauenarbeit gefordert werden. Die betreffende Maßregel sei wirthschaftlich undurchführbar, ferner dürfe man die geschichtliche Tragweite der industriellen Frauenarbeit nicht verkennen. Dieselbe sei eine Vorbedingung für die Befreiung des weiblichen Geschlechts, für die Befreiung des Proletariats, und für die Verwirklichung der sozialistischen Gesellschaft. Wohl aber müßte im Interesse der Zukunft des Proletariats den mit der Frauenarbeit verbundenen Uebeln entgegengetreten werden. Dies geschehe durch Eintreten für den Grundsatz:„ Gleichen Lohn für gleiche Arbeit," ferner durch eine gute Arbeiterschutzgesetzgebung, wie sie von der sozialdemokratischen Partei gefordert werde, sowie durch Ausbau und Verbesserung der Pflege-, Erziehungs- und Schulanstalten. Eine Verwirklichung dieser Forderungen sei nicht von dem guten Willen und der Einsicht der Besitzenden und Herrschenden zu erwarten, sie müsse erzwungen werden durch den Kampf der Arbeiterklasse auf wirthschaftlichem und gewerkschaftlichem Gebiete. Die Frauen des Proletariats müssen behufs Verbesserung ihrer Lage an diesen Kämpfen regen und energischen Antheil nehmen, Schulter an Schulter mit ihren männlichen Klassengenossen um das Banner des Sozialismus geschaart für die Beseitigung der jetzigen Gesellschaftsordnung streiten, sowie für alle Maßregeln, welche die Kampfesfähigkeit des Proletariats erhöhen, eintreten. Die Versammlung erklärte sich in einer Resolution mit den Ausführungen der Rednerin einverstanden. In Berlin fand am 9. August eine sehr interessante Protestversammlung aller im Handelsgewerbe Angestellten statt, die von ungefähr 1000 Personen beider Geschlechter besucht war. Der Handlungsgehilfe Herr Blum referirte über„ Die beabsichtigte Aufhebung des§ 41a der Gewerbenovelle( die Sonntagsruhe der im Handelsgewerbe Beschäftigten betreffend). Oft von stürmischem Beifall unterbrochen geißelte derselbe mit scharfen ironischen Worten wie das Unternehmerthum daran arbeite, die Bestimmungen über die Sonntagsruhe der im Handelsgewerbe thätigen Personen zu durchlöchern, ja die betreffenden Gesetzesvorschriften gänzlich zu beseitigen. In treffender Weise erbrachte er den Beweis, daß sich die freisinnige Partei in der Frage wie in anderen, für die nackten Kapitalisten interessen eintrete, und daß allein die sozialdemokratische Partei für das Interesse der Handelsbeslissenen kämpfe. Verschiedene Redner, welche 142 nach dem Referenten sprachen, äußerten sich in dem nämlichen Sinne wie dieser. Die Versammlung nahm darauf eine Resolution an des Inhalts, daß sie sich mit den gehörten Ausführungen einverstanden erklärte, energisch gegen die Versuche protestirte, die gesetzlich festgesetzte Sonntagsruhe in irgend welcher Weise zu beschränken und die gesetzgebenden Körperschaften aufforderte, jedes derartige Verlangen zurückzuweisen. Die Anwesenden verpflichteten sich außerdem jede Umgehung der Sonntagsruhe der Freien Vereinigung der Kaufleute" anzuzeigen. Die vom besten, klassenbewußten Geiste beseelte Versammlung schloß mit einem dreifachen Hoch auf die Sozialdemokratie. Der Verein aller in Buchbindereien und verwandten Betrieben beschäftigten Arbeiterinnen von Berlin nahm in seiner Mitgliederversammlung vom 19. Juli Stellung zu den Beschlüssen des Fachvereins der Buchbinder und der Freien Vereinigung aller in der Papierbranche beschäftigter Arbeiter und Arbeiterinnen, die Gründung einer einzigen Organisation betreffend. Nach einer sehr sachlichen, von Frau Busse eingeleiteten Diskussion erklärte die Versammlung, den Verein aller in Buchbindereien und verwandten Betrieben beschäf= tigten Arbeiterinnen zu Gunsten der zu gründenden Organisation unter der Bedingung aufzulösen, daß allmonatlich eine besondere Versammlung für Arbeiterinnen stattfindet, welche von Arbeiterinnen einberufen und geleitet wird. Die Versammlung beschloß ferner, den bisherigen Vereinsvorstand so lange als Liquidationskommission fortbestehen zu lassen, bis sämmtliche Abrechnungen des Vereins, die über das noch abzuhaltende Stiftungsfest inbegriffen, gegeben seien. Die Filiale Berlin des Verbands deutscher Schneider und Schneiderinnen hielt am 25. Juli eine Mitgliederversammlung ab, in welcher Herr Zahnarzt Dr. Wolff unter großem Beifall über das Thema referirte:„ Die Handwerkerbestrebungen und die Sozialdemo fratie." Die Versammlung wählte darauf zwei Delegirte für den bevorstehenden Verbandstag. Die Filiale Grabow bei Stettin des Vereins der Fabrikund Handarbeiterinnen Deutschlands hielt am 27. Juli ihre Mitgliederversammlung ab. Herr Storch sprach in fesselnder Weise über das Thema:„ Die Frauenfrage und der Werth der Verkürzung der Arbeitszeit," dabei ganz besonders die Bedeutung des achtstündigen Normalarbeitstages fennzeichnend und hervorhebend, daß sich die Proletarierinnen der modernen Arbeiterbewegung anschließen müßten. Frau Borkmann theilte darauf mit, daß der Verein sich auflösen werde, und daß die Gründung eines Arbeiterinnen- Bildungsvereins bevorstehe. Die in Buchbindereien und verwandten Betrieben beschäf= tigten Arbeiter und Arbeiterinnen von Berlin hielten am 3. August die erste Generalversammlung des neuen Vereins ab, dessen Gründung in öffentlicher Versammlung am 27. Juli beschlossen worden war. Der von dem provisorischen Vorstand eingebrachte Statutenentwurf wurde diskutirt und nach einigen unwesentlichen Abände rungen zum Statut erhoben. Zweck des Vereins ist die allseitige Wahrung der geistigen, gewerblichen und materiellen Interessen seiner Mitglieder. Der Verein tritt ein für Erringung eines zeitgemäßeren Arbeitstages, sowie eines auskömmlichen Lohnes; er organisirt einen kostenlosen Arbeitsnachweis und eine Bibliothek, gewährt seinen Mitglieder Rechtsschutz in allen gewerblichen und den aus den Arbeiterschutz- Gesetzen sich ergebenden Streitfällen, verabfolgt denselben unentgeltlich die Buchbinder- Zeitung," den weiblichen Mitgliedern außerdem die„ Gleichheit," zahlt Reiseunterstützung an wandernde Gewerks genossen 2c. Dem Vorstande gehören drei Frauen an. Am 8. Auguſt hielt der konstituirte Verein seine erste regelmäßige Mitgliederversammlung ab, in welcher Herr Roland über„ Die Lösung des sozialen Problems" sprach, die nur in einer sozialistischen Gesellschaft durch Ueberführung der Produktionsmittel in den Besitz der Gesammtheit erfolgen könne. Reicher Beifall lohnte den Vortragenden für seine flaren Ausführungen. -Am 24. Juli fand in Elsterberg der Parteitag für den 22. sächsischen Reichstagswahlkreis statt. Im Laufe der Verhandlungen wurde u. A. besonders stark betont, wie nothwendig es sei, die Frauen und Töchter des Proletariats zur Arbeiterbewegung heranzuziehen; als Mittel zu diesem Zweck wurde den Genossen empfohlen, für die Verbreitung der„ Gleichheit" in den Kreisen der Arbeiterinnen zu sorgen. Am 10. Juli fand in Wien eine sehr stark besuchte öffentliche Arbeiterinnenversammlung statt, in welcher Frin. Krasa über „ Die Frauenfrage" und Frln. Gollen über„ Die Lage der Arbeite rinnen" referirten. Beide Rednerinnen behandelten die genannten Themata in klarer, klassenbewußter Weise als Proletarierinnen und nicht als Frauenrechtlerinnen. Mehrere Redner und Rednerinnen sprachen in dem nämlichen Sinne und forderten die Arbeiterinnen auf, sich der sozialistischen Arbeiterbewegung anzuschließen. In Eichicht bei Reichenberg in Böhmen fand am 28. Juli eine stark besuchte öffentliche Versammlung statt, in welcher die Herren Roscher und Schiller über„ Die Lage des weiblichen Geschlechts, insbesondere die der Arbeiterinnen" sprachen. Beide Redner hoben hervor, daß die Frauen des Proletariats ihre soziale Befreiung nur im Anschluß an die Arbeiterbewegung erkämpfen und in einer sozia listischen Gesellschaft finden können, und daß die Organisation der Arbeiterinnen in Fach- und Bildungsvereinen dringend nöthig sei. „ Wir fürchten Gott, sonst Niemand die aufgeklärten, tlassenbewußten Proletarierinnen ausgenommen," das scheint der Wahlspruch zu sein, nach dem die Münchener Polizeibehörden mit schönem Eifer ihres Amtes walten. Bekanntlich hatte dieselbe die Münchener Maifeierkommission zu einem„ politischen Verein" umgestempelt, merkwürdigerweise jedoch erst dann, als auch die Arbeiterinnen zu den geplanten Maiversammlungen eingeladen worden waren, in denen über die Bedeutung des 1. Mai und den Werth des Achtstundentags referirt werden sollte. Die erste Berufung, welche gegen das betreffende Verbot nebst seiner Begründung eingelegt worden war, wurde von den Behörden als unbegründet zurückgewiesen. Laut der betreffenden Erkenntniß ist sowohl die sozialdemokratische Partei, als auch die Maifeierkommission für einen politischen Verein zu erklären, an dessen Versammlungen Frauen und Minderjährige" feinen Theil nehmen dürfen. Ferner hat die Polizeidirektion sämmtliche Arbeiterlesevereine und zwei Filialen von Zentralverbänden für politische Vereine erklärt, was den Ausschluß der weiblichen Mitglieder zur Folge hat. Von den irdischen Fesseln und Banden der Logit befreit, schweben die Urtheile der Münchener Behörden im unbegrenzten Reiche einer wildwuchernden Phantasie, der, wie Gott, fein Ding unmöglich ist. In Bockenheim bei Frankfurt a. M. sollte am 2. August eine öffentliche Gewerkschaftsversammlung stattfinden, welche jedoch nach Ertheilung des Worts an den Referenten aufgelöst ward, weil zwei Frauen im Saale anwesend waren. Gegen das Vorgehen des Beamten ist Berufung eingelegt worden. Der Haß, mit dem Unternehmerthum und Behörden in trautem Verein die Aufklärung und Organisation der Arbeiterinnen zu hintertreiben suchen, lehrt recht deutlich, daß das Interesse des Proletariats fordert, diese Aufklärung und Organisation systematisch und mit aller Energie zu betreiben. Am 20. Juli beerdigten die Sozialdemokraten von Staßfurt die Frau des Genossen Fritsche. Das Schicksal der Verstorbenen ist fast Zug um Zug dasjenige der Frau Peus. Auch sie sah ihrer Niederkunft entgegen, auch ihr Mann befand sich in Haft, auch ihm ward es verweigert, gegen Erlegung einer Kaution in der schweren Stunde an das Schmerzenslager seines Weibes eilen zu können. Kommentar der Thatsache überflüssig in einer Zeit, wo jeder Millionendieb gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt wird. Frau Fritsche war eine tüchtige Genossin, die als echte Proletarierfrau an der Arbeiterbewegung thätigen Antheil nahm, alles Ungemach, alle Entbehrungen standhaft ertrug und Anspruch auf ein ehrenvolles Andenken hat. Sophie Bardina. ( Schluß.) Sophie Bardina trat wie viele ihrer Freundinnen und Gesinnungsgenossinnen als Arbeiterin in eine Fabrit ein, sie lernte gründlich alle Härten und Schwierigkeiten des Lebens als Propagandistin kennen, schickte sich in die einen, und wußte die anderen zum Theil zu besiegen, so daß ihr Wirken ein erfolgreiches war. Nachdem sie etliche Zeit in der Fabrik geschafft hatte, gelang es ihr eines Abends nach der Arbeit, unter einem plausiblen Vorwande aus dem Schlafsaal der Frauen in den der Männer zu schleichen, wo sie den Arbeitern eine revolutionäre Schrift vorlas. Ihr Beginnen brachte die Insassen des Schlafsaales in Leben und Bewegung. Von allen Seiten ward sie mit Fragen bestürmt, woher sie sei und wie es käme, daß sie das Lesen verstehe. Ein Mädchen, das dieser Kunst theilhaftig war, erschien nämlich als ein wahres Wunder in Kreisen, wo selten ein Mann zu lesen verstand. Um keinen Verdacht zu erregen, erzählte Sophie Bardina über ihre Herkunft und ihr Leben eine erdichtete Geschichte, welche doch den naiven Umstehenden sehr glaubwürdig erschien. Von jenem Abend an kam sie, so oft es nur anging, zu den Arbeitern, um ihnen sozialistische Schriften vorzulesen und zu erklären. In sehr kurzer Zeit hatte sie alle Sympathien ihrer Arbeitskameraden gewonnen und übte auf die Ansichten und Führung derselben einen ganz entschiedenen Einfluß aus. In ihrer Gegenwart erlaubte sich Niemand irgend welche von den schlüpfrigen Reden, unpassenden Spässen 2c., welche früher in der Fabrik im Schwange waren. Sophie Bardina begnügte sich jedoch nicht mit der mündlichen Propaganda, ihr ganzes Augenmerk war darauf gerichtet, eine Ar143 beiterorganisation zu schaffen. Schon stand sie im Begriff, ihren Plan auszuführen und einige Arbeiter, welche sich für die Propaganda empfänglicher als Andere gezeigt hatten, zu einer festen Gruppe zu vereinigen, als sie plötzlich durch ein Ereigniß gezwungen ward, die Fabrik zu verlassen. Eines Abends betrat nämlich der Aufseher der Fabrik unerwartet den Schlafsaal und überraschte Sophie Bardina beim Vorlesen einer Schrift. Er nahm dieselbe an sich, um ihren Inhalt kennen zu lernen. Da unsere Propagandistin nur zu gut wußte, welches die Folgen dieses Kennenlernens" sein würden, mußte sie das Feld räumen. Kurz darauf wurde sie von einer Köchin denunzirt, verhaftet und ins Gefängniß geworfen. Erst nach zweijähriger Untersuchungshaft erschien Sophie Bardina zusammen mit einer ganzen Anzahl ihrer Freunde und Freundinnen in dem„ Prozeß der Fünfzig" vor Gericht. Die Anklage lautete auf ,, gemeingefährliche Bestrebungen," welche darauf abzweckten, das Eigenthum, die Grundlagen der Familie, der Religion und des Staates zu vernichten. Die russische Regierung gedachte durch den Prozeß zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Sie hoffte damit der sozialistischen Propaganda ein Ende zu bereiten und ferner wollte sie der damals liberal angehauchten Gesellschaft durch das Vorführen des rothen Gespenstes gruselig machen. Zu diesem Zwecke hatte sie sich alle Mühe gegeben, die höchst friedlichen, ja idealen Propagandisten und Propagandistinnen als blutdürstige Mörder darzustellen, für welche es in der Welt nichts Heiliges gäbe, welche nur darnach trachteten, alle bestehenden Ein richtungen gewaltsam zu zerstören und an ihre Stelle die wildeste Anarchie zu setzen. Der Prozeß bewirkte gerade das Gegentheil von dem, was die Regierung gewollt. In Betreff des Lebens, der Auffassung, der idealen Ziele der Angeklagten förderte er derartig unumstößliche Thatsachen zu Tage, daß das Publikum sowie die Richter in Betreff ihrer zu der Ansicht gelangten: das sind keine Barbaren und Mörder, das sind Helden und Märtyrer. Besonders tiefen, zündenden Eindruck machte die Ansprache, durch welche Sophie Bardina auf die Anklage antwortete. Bleich, von der zweijährigen Haft abgezehrt, aber das Feuer der Begeisterung in den Blicken, erschien das junge Mädchen vor ihren Richtern und erklärte ihnen das Ziel der sozialistischen Propaganda im Wesentlichen wie folgt: " Man beschuldigt mich und meine Kameraden des Strebens, die geheiligten Grundlagen des Eigenthums, der Familie, der Religion und des Staats zerstören zu wollen, zum Aufstand aufzureizen, in der Absicht, in der Gesellschaft dann die Anarchie einzuführen. Das Alles wäre grauenhaft, wenn es nur wahr wäre.... Ich habe das Eigenthum nie verneint. Umgekehrt, ich bin der Ueberzeugung, daß ich das Eigenthum vertheidige, wenn ich dafür eintrete, daß Jedermann ein Recht auf dasjenige Eigenthum hat, welches durch seine eigene produktive Arbeit erzeugt worden ist, und daß Jedermann Herr seiner Arbeit und deren Ertrags bleiben soll. Sagen Sie nun, ob ich es bin, welche die Grundlagen des Eigenthums untergräbt, oder vielleicht der Fabrikant, welcher dem Arbeiter nur ein Drittel des Arbeitstages bezahlt, während er den Ertrag der Arbeit der anderen zwei Drittel umsonst sich aneignet?.... Wir lenken nur durch unsere Propaganda die Aufmerksamkeit auf das Recht des Arbeiters auf den vollen Ertrag seiner Arbeit.... Was die Familie anbelangt, so weiß ich ebenfalls nicht, ob sie von einer Gesellschaftsordnung untergraben wird, welche die Frau zwingt, ihre Familie zu verlassen, um eines geringen Lohnes wegen in die Fabrik zu gehen, wo sie selbst, wo ihre Kinder demoralisirt werden; so weiß ich nicht, ob die Familie von einer Gesellschaftsordnung untergraben wird, welche in Folge des Elends die Frau zwingt, sich der Prostitution zu ergeben, die als etwas Gewöhnliches und in einem wohleingerichteten Staate als eine nothwendige Einrichtung gilt, oder ob wir es sind, die wir uns bestreben, das Elend auszurotten, welches die vornehmste Ursache alles gesellschaftlichen Unheils, somit auch der Zerstörung der Familie ist?".. " Meine Herren, ich gehöre zu Denen, welche unter der Jugend unter dem Namen der friedlichen Propagandisten bekannt sind. Die Aufgaben dieser Propagandisten bestehen darin, dem Volke das Ideal einer besseren, gerechteren Gesellschaftsordnung zum Bewußtsein zu bringen, oder im Volke das Bewußtsein der Ideale zu erwecken, welche in ihm bereits unbewußt schlummern; ihre Aufgaben bestehen darin, dem Volke die Mängel der bestehenden Ordnung zu erklären, damit die selben in Zukunft vermieden werden können.... Ich glaube, daß eine derartige Propaganda von einer Aufreizung zum Aufstand weit entfernt ist." Erstaunt lauschte das bei den Prozeßverhandlungen zugelassene Nr. 18 der ,, Gleichheit" gelangt am 7. September 1892 zur Ausgabe. Publikum der sozialistischen Prinzipienerklärung, der ersten, welche in Rußland vor der Deffentlichkeit formulirt wurde, und die so wenig den Angaben entsprach, welche die Regierung im Betreff des Sozialismus verbreitet hatte. Die Seelengröße, der schrankenlose Idealismus der Angeklagten trugen das Ihrige dazu bei, diesem und der Bewegung Sympathien zu gewinnen. Sogar die Richter schienen von der Haltung und den Worten Sophie Bardina's und ihrer Genossen ergriffen und unschlüssig mit dem Urtheilsspruch zu zaudern, als das junge Mädchen seine Rede mit folgenden Worten geschlossen hatte: „ Nachdem ich alle Verbrechen untersucht, deren ich angeklagt werde, finde ich, daß ich mich keines einzigen derselben schuldig gemacht habe. Wie dem aber auch sei, welch Loos mir auch bevorstehen mag, ich bitte, meine Herren, nicht um Gnade, ich will keine Gnade von Ihnen. Verfolgen Sie uns, wie Sie wollen, Sie haben ja die materielle Macht, meine Herren! Aber wir besigen für uns die sittliche Macht, die Macht des geschichtlichen Fortschritts, die Macht der Idee, und Ideen- oh!- Jdeen lassen sich nicht mit Bajonetten niederstechen!" Sophie Bardina wurde zu 9 Jahren Zwangsarbeit in den sibirischen Bergwerken verurtheilt und später zu lebenslänglicher Deportation nach Sibirien„ begnadigt." Sie ward nach Ischim in Sibirien verschickt. Während der ersten Zeit der Verbannung schien sich ihr Leben leidlich gestalten zu wollen, aber bald bot die Polizei des Ortes Alles auf, das junge Mädchen zu chikaniren, von den Menschen, von der ganzen Welt abzuschließen. Vier Jahre lang führte Sophie Bardina unter Entbehrungen, Mühsalen, Kümmernissen, deren größte war, daß sie nichts für die Sache wirken konnte, ein freudeloses Dasein, welches ihre ohnedies schwache Gesundheit gänzlich untergrub. Ihre feurige, energische Natur fonnte schließlich das Leben fern von dem Kampf, fern von der Bewegung, nicht länger ertragen. Sie machte deshalb im Jahre 1880 einen Fluchtversuch, welcher glückte. Kaum war Sophie Bardina nach dem europäischen Rußland zurückgekehrt, so warf sie sich sofort in den Strom der Bewegung. Allein bald machte sie eine furchtbare, geradezu niederschmetternde Entdeckung: die Kräfte ihres Körpers waren aufgebraucht, gehorchten ihrem Willen nicht mehr, sie mußte sich eingestehen, daß sie, schwach und kränklich, nicht im Entferntesten zu leisten vermochte, was sie leisten wollte, und was die Freunde von ihr erwarteten. Vergebens riefen sie die Gesinnungsgenossen nach Petersburg, sie verbarg sich in einem entlegenen Nest, um ihre Gesundheit wieder herzustellen. Wie aber sollte sie hier, vereinsamt, frant, ohne Mittel, ohne Unterstützung und in verzweifelter Stimmung gesunden und zu förperlicher und geistiger Kraft erstarken? Anderthalb Jahre wanderte sie durch Rußland hin und her, sich in dem Bemühen verzehrend, mit der alten Energie in den Kampf für die Befreiung des Volkes einzutreten. Als sie sich von der Aussichtslosigkeit ihres Ringens überzeugt hatte, gab sie dem Drängen ihrer Freunde nach und ging zu ihrer Wiederherstellung ins Ausland, in die Schweiz. Nur als ein Schatten ihrer selbst kam sie hier an. Die von hochgradigster Blutarmuth herrührende Schwäche und Nervenzerrüttung war so groß, daß sie beim Lesen auf den ersten Seiten eines Buches einschlief. Sophie Bardina mußte sich sagen, daß ihr Leben für die Sache verloren sei, daß sie nie wieder für diese wirken könne. So blieb ihr, ihrem Charakter entsprechend, nur eins zu thun übrig: den Platz zu räumen, der für sie nicht mehr ein Arbeitsplatz, ein Kampfplatz sein konnte. In diesen Schlußfolgerungen war der unvermeidlich tragische Ausgang der Frau gegeben, deren ganzes Leben, von dem Augenblicke an, wo sie selbstständig zu denken angefangen, selbstloses Wirken für Andere gewesen. Am 25. April versuchte Sophie Bardina in Genf ihrem Leben durch Erschießen ein Ende zu machen. Zweimal versagte ihr der Revolver den Dienst, zum dritten Mal traf die Kugel, tödtete aber nicht, sondern drang nur bis ans Herz. Die Verwundete lebte noch fast zwei Wochen unter den entsetzlichsten Qualen, die sie ohne einen Laut der Klage, mit stoischer Ruhe und Geduld ertrug. Nur der Wunsch kam über ihre Lippen,„ daß es schneller zu Ende gehen möge." Nach 13tägigem furchtbaren Todeskampf hatte endlich die edle Kämpferin für Volksfreiheit ausgelitten. Sie starb, wie sie gelebt, in der festen Ueberzeugung von dem endgiltigen Sieg der Sache, der sie den besten Theil ihrer Kräfte geweiht hatte, und für die sie nicht vergeblich gelitten und gewirkt hat. Nach jahrelanger Unterbrechung sind die russischen Proletarier wieder an die Aufgabe herangetreten, an deren Lösung Sophie Bardina mit gearbeitet hat, zu deren Lösung sie Arbeiter und Arbeiterinnen heranziehen und erziehen wollte. Rüstig schreiten sie auf dem Weg vorwärts, den ihnen die ideale Propagandistin mit zuerst gezeigt, und der durch Wissen und Macht, durch Aufklärung und Organisation in 144 das Reich der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit führt, das durch die wirthschaftliche Entwicklung vorbereitet ist. Schulter an Schulter mit den Ausgebeuteten und Unterdrückten aller Länder, mit dem internationalen Proletariat, marschiren sie dahin, wie dies die Feier zu Gunsten des Achtstundentages seitens Petersburger Arbeiter am 1. Mai 1891 bewiesen. Sophie Bardina werden sie, werden die Proletarier aller Länder immer als eine selbstlose Vorkämpferin für die Interessen und die Befreiung der enterbten und versflavten Masse ehren. A. Issajew. In den Tagen vom 16. Oftober ab findet in Berlin der diesjährige sozialdemokratische Parteitag statt. Auf seiner Tagesordnung stehen folgende Punkte:„ Geschäftsbericht des Parteivorstandes; Bericht der Kontroleure; Bericht über die parlamentarische Thätigkeit der Reichstagsfraktion; die Maifeier 1893; der internationale Kongreß in Zürich; das Genossenschaftswesen; die wirthschaftliche Krise und ihre Folgen; der allgemeine Nothstand; der Antisemitismus und die Sozialdemokratie; Berathung derjenigen Anträge der Parteigenossen, welche bei den voraufgehenden Punkten der Tagesordnung nicht bereits ihre Erledigung gefunden haben; Wahl der Parteileitung und Bestimmung des Orts, wo sie ihren Siz zu nehmen hat." Bei der großen Wichtigkeit, welche ein sozialdemokratischer Parteitag für die Arbeiterinnen hat, werden wir uns noch eingehend mit den bevorstehenden Kongreß beschäftigen. Es wäre wünschenswerth und nothwendig, daß sich Deutschlands Arbeiterinnen recht rege an demselben betheiligten. Kleine Nachrichten. Der Berg des bürgerlichen Sittlichkeitsgefühls ist nach langem, schwerem Kreisen wieder einmal mit einem gar winzigen Mäuslein niedergekommen. In Berlin sind die Lokale mit Damenbedienung von der Polizei reglementirt worden. Natürlich respektiren die betreffenden Vorschriften Bordellwirthe, Kuppler und Kupplerinnen, denn diese sind sämmtlich Leute, die etwas vor sich gebracht haben." Dagegen sind die polizeilichen Maßregeln hauptsächlich gegen die armen Mädchen gerichtet, welche im Kellnergewerbe beschäftigt sind. Dieselben sind u. a. auch einer Art Kleiderordnung unterstellt worden. Ihre Kleider ,, müssen insbesondere am Halse geschlossen sein und mindestens bis zum Fußgelenk herabreichen," damit die so wackelige Tugend der Söhne und Väter angesehener Familien" nicht allzu leicht über den Haufen purzelt. Gewiß, den Vorschriften liegt eine löbliche Absicht zu Grunde. Warum aber kommt die nämliche löbliche Absicht nicht zum Ausdruck gegenüber den Frauen und Töchtern unserer hohen Bourgeoisie und Aristokratie, die auf Festen und Bällen in Toiletten erscheinen, im Vergleich zu denen das bekannte Feigenblattkostüm unserer Stammmutter Eva als ein recht schützendes Kleidungsstück erscheint. Und warum greift man die Hebung der Sittlichkeit nicht beim rechten Ende an, bei einer Verbesserung der Arbeits- und Lebensverhältnisse der Frauen des werkthätigen Volks? Um Antwort wird gebeten. In Budapest beschloß anfangs Juli eine im Abgeordnetenhaus tagende Gesellschaft von Professoren und Schriftstellern die Gründung eines ungarischen Mädchengymnasiums. Das Gymnasium soll durch 9jährige Kurse auf das Studium an Hochschulen, besonders an den medizinischen und philosophischen Fakultäten vorbereiten, überhaupt die Grundlage einer guten, allgemeinen, modernen Bildung für Mädchen schaffen. Die erste Klasse der geplanten Schulanstalt wird in diesem Herbst eröffnet, sämmtliche Lehrkräfte, bekannte und zum Theil bedeutende Männer, haben sich für das erste Lehrjahr gänzlich unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Der serbische Finanzinspektor hat eine halbe Kompagnie weiblicher Zollbeamten angestellt. Dieselben sind als Beobachtungsposten an der österreichisch- ungarischen Grenze Serbiens aufgestellt und gehen als Schleichpatrouillen nach Semlin, um ein wachsames Auge auf die dortigen Damenhut, Gold- und Silbergeschäfte zu haben. Interessant wäre, zu erfahren, ob die weiblichen Zollbeamten die gleiche Besoldung wie ihre männlichen Kollegen erhalten, oder ob die Frauen nach echt kapitalistischer Weise als unterbezahlte Arbeitskraft verwendet werden. Wir möchten wetten, daß das Letztere der Fall ist. Verantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Bettin( Eisner) in Stuttgart.. Drud und Verlag von J. H. W. Dieg in Stuttgart.