t Nr. 19. Die Gleichheit 2. Jahrgang. Beitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen. Herausgegeben von Emma Ihrer in Velten( Mark). Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr 2564 a) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf. Stuttgart Mittwoch, den 21. September 1892. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Eine praktische Aufgabe. Die von der deutschen organisirten Arbeiterschaft in Angriff genommene Sammlung von Arbeitsordnungen weist den aufgeklärten proletarischen Frauen, zumal denen, welche irgend einer Organisation angehören, eine wichtige praktische Aufgabe zu. Eine Lösung derselben ist von nicht zu unterschäßendem Werthe für den kräftigen Fortgang, die weitere Entwicklung der Arbeiterinnen- Bewegung, für das Streben, die noch in Gleichgiltigkeit und Stumpfsinn verharrende Masse der Proletarierinnen zum Bewußtsein ihrer Klassenlage und Klassenpflichten wachzurütteln, sie als gesinnungstüchtige, zielflare Mitstreiterinnen in Reih und Glied des kämpfenden Proletariats zu führen. Daß die Frauen des werkthätigen Volks bis jetzt noch nicht ihren eigensten Lebensinteressen entsprechend in Masse sich um das Banner des Sozialismus geschaart haben, in die Arbeiterbewegung eingetreten sind, das liegt zum größten Theil daran, daß sie sich über die Natur der Ausbeutung und Versklavung, der sie zum Opfer fallen, noch nicht klar geworden sind. Sie empfinden diese als etwas Zufälliges, den Einzelnen Betreffendes und fassen sie nicht auf als unvermeidlichen Ausfluß der Klassenlage des Proletariats. Der mangelnden Erkenntniß ihrer Klassenlage entspricht aber mangelndes Verständniß für die Nothwendigkeit des Klassen fampfs, für die Nothwendigkeit, Arbeiter und Arbeiterinnen durch Wissen und Macht, durch Aufklärung und Organisation für denselben auszurüsten. Daher die ablehnende Haltung, welche die breite Masse der Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen leider noch dem Bestreben entgegenbringt, sie in die moderne sozialistische Arbeiterbewegung einzubeziehen, sie dazu zu bewegen, Schulter an Schulter mit ihren männlichen Klassengenossen gegen die kapitalistische Gesellschaftsordnung zu kämpfen. Die Sammlung und kritische Erörterung der Arbeitsordnungen ist jedenfalls in vorzüglicher Weise geeignet, die Arbeiterinnen über ihre Klassenlage aufzuklären, ihnen zu zeigen, daß die kapitalistische Ausbeutung ihrer Arbeitskraft das A und O des tausendfachen Elends ist, unter dem sie seufzen, ihnen klar zu machen, daß sie zusammen mit Millionen von Klassengenossen und Klaffengenossinnen leiden, zusammen mit diesen für ihre Befreiung kämpfen müssen. Gerade weil die betreffenden Darlegungen anknüpfen an Verhält nisse, welche die werkthätigen Proletarierinnen aus eigener, persönlicher Anschauung kennen, gerade weil sie die Schlußfolgerungen sind von Thatsachen, mit denen diese tagtäglich in Berührung tommen, so reden sie eine dem Geiste der Arbeiterin recht vernehmliche und einleuchtende Sprache. Aus dem Leben genommen, müssen sie auf das Leben befruchtend zurückwirken. Die Arbeitsordnungen sind der Ausdruck der herrschenden Klassenstlaverei. Sie spiegeln getreulich wider, daß der Proletar, ganz gleich ob er im Unterrock oder in der Hose steckt, der wirthschaftlich Schwache, Abhängige, Ausgebeutete ist. Unverhüllt starrt aus ihnen dem ohne Voreingenommenheit die Verhältnisse prüfenden Auge die Thatsache entgegen, daß Arbeiter und Arbeiterinnen ge= zwungen sind, ihren einzigen Besit, ihre Arbeitskraft, dem wirthschaftlich Starken zu jedem Hundelohn, zu den schmachvollsten BeZuschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" find zu richten an Fr. Klara Zetkin( Eißner), Stuttgart, RothebühlStraße 147, IV. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. dingungen zu verkaufen, dafern sie nicht verhungern wollen. Der Proletarier befindet sich in der Zwangslage zu wählen zwischen Hungertod, bezw. Selbstmord in Folge von Verdienstlosigkeit und einem etwas langsameren Absterben des Organismus in Folge scheußlicher Arbeitsbedingungen, welche seine Kräfte vor der Zeit aufreiben. Das Manchesterthum bezeichnet schönrednerisch diese Zwangslage als die Freiheit der Arbeiter und Arbeiterinnen, einen freien Arbeitsvertrag einzugehen." Aber weiter. Die Arbeitsordnungen sprechen nicht nur von der wirthschaftlichen Zwangslage, der Ausbeutung und Verknechtung, welche Arbeiter und Arbeiterinnen erfahren, sie reden nicht blos von langen Arbeitstagen, von Hungerlöhnen, von Verkümmerung der persönlichen Freiheit, von Hinopferung des Ichs. Sie zeigen auch, daß die Proletarier in rechtlicher und sozialer Beziehung verknechtet sind, daß in Staat und Gesellschaft das Unternehmerthum herrscht, die Klinke der Gesetzgebung hält und zu seinem Vortheil handhabt. Die Geseze sagen Ja und Amen dazu, daß der Kapitalist kraft seiner wirthschaftlichen Uebermacht Arbeiter und Arbeiterinnen bis aufs Mart ausbeutet, ihnen durch niedrige Bezahlung und lange Arbeitszeit den letzten Tropfen Mehrwerth abpreßt, sie als geringwerthige Theile des wirthschaftlichen Mechanismus und nicht als Menschen behandelt. Die zügellose Profitgier des Unternehmers, sein frecher Prozenhochmuth, seine Verhöhnung der Menschenwürde im Arbeiter finden gesetzliche Weihe, werden von Rechtswegen heilig gesprochen. Die private Polizeigesetzgebung, wie sie jeder Unternehmer in Gestalt der Arbeitsordnungen innerhalb seines Betriebs übt, ist nur ein Abglanz der Klassengesetzgebung, welche innerhalb der heutigen Gesellschaft dem Ausbeuter alle Rechte, dem Ausgebeuteten alle Pflichten und Lasten zuertheilt, den letzteren an Händen und Füßen gebunden dem ersteren ausliefert. Diese Thatsache erhellt in unzweideutigſter Weise aus einer vergleichenden und kritisirenden Uebersicht über die Arbeitsordnungen, und sie kann gerade den noch der Aufklärung bedürftigen Arbeiterinnen nicht oft und nicht eindringlich genug zu Gemüthe geführt werden. Im Interesse der Arbeiterinnen läßt aber noch ein anderer triftiger Grund eine Zusammenstellung und Besprechung der Arbeitsordnungen als dringend wünschenswerth erscheinen. Die Arbeitsbedingungen der Betriebe, in denen nur Frauen arbeiten, zeichnen sich meist durch ihre Härte aus, durch die brutale Rücksichtslosigkeit, mit welcher sie ausschließlich auf die Interessen des Unternehmerthums zugeschnitten sind. Sie sind der Ausdruck der Lohnsflaverei in ihrer schärfsten Form. Wir haben z. B. die Arbeitsordnung einer Stuttgarter Trikotfabrik in den Händen gehabt, die so scheußlich war, daß sie den Namen einer Sklavenordnung verdiente. Aber auch in den Betrieben, wo Männer und Frauen zusammenschaffen, werden die auf dem Papier gleichen Arbeitsbedingungen für beide den Arbeiterinnen gegenüber oft in verschärfter Weise zur Anwendung gebracht, müssen sich diese eine größere Ausbeutung, eine schmachvollere Behandlung gefallen lassen als wie die Arbeiter. Die Arbeitsordnung bezeichnet gewöhnlich nur das Minimum, das niedrigste Maß der in einem Betriebe üblichen Ausbeutung und Knechtung, nicht aber das Maximum, das Höchstmaß, zu der dieselbe hinaufgeschraubt werden fann. Die Schranken, welche das Gesetz dem Belieben des Unternehmers zieht, sind nichts weniger als eng und werden nicht immer eingehalten. Der Himmel ist hoch, und der Zar ist weit! Bezüglich der Arbeitsordnungen fällt schwer in die Wagschale, daß der Kapitalist in einer Person Gesetzgeber, Richter und vollziehende Gewalt ist, daß er der„ Brotherr" ist, der von heut auf morgen mit der Beschäftigung die Existenzmittel zu entziehen vermag. Die Arbeiterin hat unter dieser Sachlage in der Regel mehr zu leiden als der Arbeiter. Die Klassensklaverei, der sie als Angehörige des Proletariats unterworfen ist, verquickt sich mit der Geschlechtssklaverei, die sie Jahrhunderte ertragen hat, und wird durch diese verschlimmert. Der Kapitalist nußt es aus, daß die Arbeiterin als Frau bis in unsere Zeit hinein zu Gehorsam, Bedürfnißlosigkeit, Verleugnung des eigenen Ichs erzogen ward. Ein anderer Umstand tritt ihre Lage verschlechternd hinzu. Auch er hängt zusammen mit ihrem Geschlecht als Frau, mit der Stellung, welche dieses ihr anwies, mit der Entwicklung, welche in Folge dessen ihrem Wesen aufgedrängt ward. Wir meinen ihr geringes Verständniß für die Interessen der Allgemeinheit, ihr mangelndes Solidaritätsgefühl, ihr Fernbleiben von den Organisationen. Dies rächt sich durch eine entsprechend härtere, schonungslosere Ausbeutung der Proletarierinnen seitens ihrer kapitalistischen Herren und Feinde. Was z. B. die neuen Fabrifordnungen anbelangt, so sind die Arbeiterinnen eines Betriebs, bezw. deren Vertreterinnen sicher nur in den wenigsten Fällen zu Unterhandlungen herangezogen worden, so sind die ihnen auferlegten Arbeitsbedingungen nur äußerst selten die Frucht einer Vereinbarung zwischen Lohnsflavinnen und Fabrikpaschas. Und dies trotz der bestehenden gesetzlichen Vorschrift. Allein auch dort, wo der Form nach dem Gesetz Genüge geleistet worden ist, beruhen die Arbeitsordnungen doch in Wirklichkeit nicht auf freiem, die Interessen der Arbeiterin wahrendem Uebereinkommen. Die Masse der Proletarierinnen ist nicht gerüstet, mit den Unternehmern um die Arbeitsbedingungen zu rechnen, zu feilschen und, wenn es sein muß, energisch und zähe zu kämpfen. Sie wissen nicht, daß und wie sie sich mit Aussicht auf Erfolg zur Wehr sezen können, sie- stüßen sich bei einem Aufbäumen gegen ihre Peiniger nicht auf eine Organisation, welche viele einzelne Kräfte zu einer Macht zusammenfaßt und zur Geltung bringt. Kurz, die Arbeiterin ist auch im Betreff der Fabrikordnungen übler daran als der Arbeiter, weil sie noch zu sehr als Frau, zu wenig als Proletarierin empfindet und handelt, und weil sie in Folge dessen nicht genügend bewußten Antheil an der Arbeiterbewegung, am Kampfe ihrer Klasse nimmt. In dem Maße nun, als eine Zusammenstellung und Kritik der Arbeitsordnungen dazu beiträgt, in den Köpfen der Arbeiterinnen Klarheit über ihre Klassenlage zu schaffen, die Nothwendigkeit des gemeinsamen Handelns mit Ihresgleichen erkennen zu lassen, in dem Maße werden auch die Fabriksklavinnen wehrtüchtiger und widerstandsfähiger der kapitalistischen Ausbeutung gegenüber. Mit ihren Klassengenossen ohne Unterschied des Geschlechts solidarisch verbunden und von ihnen gehalten, wird es ihnen möglich, mit Erfolg für eine Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen einzutreten oder wenigstens eine Verschlechterung derselben zurückzuschlagen. Es ist klar, daß die Enquête über die Fabrifordnungen nicht als bloße Doktorfrage geplant ist. Gewiß, der Schwerpunkt der auf Grund ihrer zu führenden Agitation liegt darin, das proletarische Klassenbewußtsein zu wecken und zu schulen. Aber auch die praktisch nüßliche Seite des Unternehmens ist nicht zu übersehen, die Vortheile sind nicht zu mißachten, welche rücksichtlich einer Besserung der Arbeitsbedingungen erzielt werden können. Mögen dieselben auch im Vergleich zu dem großen Ziel der Arbeiterbewegung flein erscheinen, die klassenbewußten Proletarier verschmähen sie nicht, seitdem sie erkannt haben, daß jede Hebung der Erwerbs- und Lebensverhältnisse der Arbeiterklasse gleichbedeutend ist mit ihrer größeren Kampfestüchtigkeit. Kein Zweifel, die Agitation bezüglich der Arbeitsordnungen wird ihren praktischen Rückschlag finden in einem fräftigen, einmüthigen Ringen, die schmachvollsten, drakonischsten Bestimmungen des privaten kapitalistischen Büttelthums zu beseitigen. Dies um so mehr, als das Unternehmerthum im Bewußtsein seiner wirthschaftlichen und politischen Machtstellung darnach trachten wird, die 154 Fabrikordnungen noch zu verschlechtern, um Arbeitern und Arbeiterinnen den höchst möglichen Mehrwerth abzupressen und alle freiheitlichen Anwandlungen ihrerseits niederzuschlagen. Die Arbeiterin wird unter diesem Streben der Fabrikbarone und Schlotjunker am meisten zu leiden haben, dafern sie nicht rechtzeitig lernt, kräftigen Widerstand zu leisten. Je elender aber die Lage der Arbeiterinnen jetzt schon ist, von um so größerer praktischen Bedeutung ist gerade für sie eine Enquête, welche Licht auf ihre Arbeitsverhältnisse wirft und für eine Verbesserung derselben agitirt. Allerdings werden die Gegner der Arbeiterbewegung behaupten, daß die beabsichtigte Agitation nußlos bleibe, daß sie nur Unzufriedene schaffe, aber nicht auf bessere Verhältnisse hinzuarbeiten vermöge. Wie so oft bei ähnlichen Anlässen wird sie mit salbungsvoller Heuchelei lispeln, daß von dem Wohlwollen und der Einsicht des„ Brotherren" mehr zu erlangen sei, als durch selbständiges, klassenbewußtes Vorgehen der Arbeiter und Arbeiterinnen. Nun, daß die Proletarier am besten fahren, wenn sie selbst ihre Angelegenheiten in die Hand nehmen, selbst für ihre Interessen eintreten, das erhellt recht deutlich aus der Geschichte der sozialen Kämpfe unserer Zeit. Alles, was die Arbeiterklasse bis jetzt erreichte, erlangte sie einzig und allein durch den Druck von unten nach oben, nicht durch Güte und Verständniß von oben gegen unten. Um ein Beispiel unter vielen herauszugreifen über den praktischen Nutzen der Agitation und Organisation, verweisen wir auf eine Aeußerung des Berliner Gewerberaths in der Enquête über die Lohnverhältnisse der Arbeiterinnen in der Wäschefabrikation und Konfektionsbranche. Nachdem derselbe berichtet, wie die Arbeiterinnen beim Einkauf des Nähfadens 2c. seitens der Herren Geldsäcke ausgeraubt werden, fügt er hinzu: Bei der Einziehung obiger Nachrichten habe ich den Eindruck bekommen, als ob die Verhandlungen im Reichstage und die Vorträge in den Arbeiterinnenversammlungen bereits eine ganz erhebliche Einschränkung der bei Verausgabung des Zwirns an die Arbeiterinnen unstreitig früher gemachten Geschäfte nach sich gezogen hätten." Auch bezüglich der Sammlung der Arbeitsordnungen wird der praktische Nutzen für die Arbeiterinnen nicht ausbleiben. Zusammen mit der sich aus ihr ergebenden Aufklärung wird er wesentlich dazu beitragen, die bisher noch außerhalb der Arbeiterbewegung stehenden Proletarierinnen zu gewinnen, ihnen Nußen und Bedeutung der Organisationen klar zu machen und sie mit Vertrauen zu diesen zu erfüllen. Möchten die organisirten Arbeiterinnen die Gelegenheit voll und ganz ausnüßen, der Sache des Proletariats unter den noch rückständigen Kameradinnen neue Anhängerinnen zu werben, dem Befreiungskampfe der Arbeit neue Streiterinnen zuzuführen. Arbeiterinnen- Bewegung. In Pirna( Sachsen) fand am 7. August eine öffentliche Versammlung der Tabatarbeiter und Arbeiterinnen statt, welche beschloß, sich auf dem internationalen Kongreß der Tabakarbeiter zusammen mit den Kollegen und Kolleginnen Schlesiens durch Herrn Keller ( Görlitz) vertreten zu lassen. Am 8. August fand in Hamburg eine öffentliche Versammlung der Schneider und Schneiderinnen statt, welche sich mit der ,, Stellungnahme zum allgemeinen deutschen Schneider- und Schneiderinnenkongreß" beschäftigte. Die Anwesenden wählten zwei Delegirte zu dem Kongreß und erklärten in einer Resolution, der Kongreß möge das Vertrauensmännersystem aufheben, den vorhandenen Streitfonds dem Verband deutscher Schneider und Schneiderinnen überweisen und sich zu Gunsten von Industrieverbänden aussprechen, jedoch die weiteren Schritte behufs deren Anbahnung dem Verbandstage überlassen. Der Verein für Frauen und Mädchen Offenbachs und Um gegend hatte für den 18. Auguſt eine öffentliche Versammlung einberufen, in welcher Frau Rohrlack über das Thema:„ Volksaberglaube" sprach. In Anschluß an die oft von Beifall unterbrochenen Ausführungen der Rednerin entspann sich eine kurze Debatte, an der sich Frau Tröger und Reichstagsabgeordneter Ulrich betheiligten. Die Versammlung erklärte in einer längeren Resolution den Dar legungen der Referentin entsprechend, daß der Aberglaube eine Folge des Eigennutzes sei, und die Anwesenden verpflichteten sich, dafür zu sorgen, daß mit dem Aberglauben so viel als möglich aufgeräumt 155 werde, und daß vor allem die Kinder so viel als möglich vor seinem| Bildungsverein konstituirt, dessen Gründung bereits in einer vorausschädigenden Einfluß bewahrt bleiben. gehenden Versammlung beschlossen worden war. Dem neuen Verein traten sofort 30 Mitglieder bei. " In Langendiebach bei Frankfurt a. M. fand am 21. August eine außerordentlich gut von Männern und Frauen besuchte Volksversammlung statt, in welcher Frau Rohrlack unter reichem Beifall über das Thema referirte: Die schädlichen Wirkungen des Industrialismus." In treffender Weise geißelte die Rednerin die Schäden, welche mit der Entwicklung der modernen Industrie in der fapitalistischen Gesellschaft zu Tage treten, und die nur dadurch beseitigt werden können, daß die Produktionsmittel in den Besitz der Allgemeinheit übergeführt werden. Frau Panzram hielt am 22. August in einer öffentlichen Frauenversammlung zu Stettin einen sehr interessanten Vortrag über " Die Frauenfrage." Die Ausführungen der Referentin gipfelten darin, daß sich die Frauen aufklären und kräftig organisiren müßten, damit sie ihre Befreiung erringen könnten! In der Diskussion wies Herr Tost eingehend nach, welch inniger Zusammenhang zwischen der Frauenfrage und der sozialen Frage besteht. Die Versammlung beschloß die Gründung eines„ Arbeiterinnen- Bildungsvereins" und wählte eine fünfgliedrige Kommission behufs Einleitung der hierfür nöthigen Schritte. Die Gummiarbeiter und Arbeiterinnen Berlins und Umgegend hielten am 25. August eine öffentliche Versammlung ab, in Der Herr Faber über das Thema sprach:„ Gewerbegerichte." In flarer Weise verbreitete sich der Redner über den Zweck der Gewerbegerichte und über die Mängel des Berliner Ortsstatuts. Die Anwesenden verpflichteten sich, anläßlich der bevorstehenden Gewerbegerichtswahlen, mit aller Kraft für die Kandidaten der Arbeiter einzutreten. In Neumünster fand am 25. August eine von Männern und Frauen gut besuchte Volksversammlung statt, in der Frau Blohm ( Hamburg) über das Thema referirte:„ Die Frauenbewegung und ihre Zukunft." An die trefflichen Ausführungen der Rednerin schloß sich eine Diskussion, in welcher besonders die traurige Lage der Frauen in der Trifotagen- Industrie erörtert ward. Dieselben erhalten wahre Hundelöhne; so wird z. B. für das Dutzend ungesäumter Röcke zu nähen ganze 15 Pf. bezahlt. Im Betreff der in den Trikotfabriken üblichen kurzen Mittagspausen beschloß die Versammlung, den Magistrat aufzufordern, darauf hinzuwirken, daß wenigstens in der heißen Zeit aus sanitären Gründen die Mittagspausen um 1 Stunde verlängert 12 werden. Eine öffentliche Versammlung aller im Handelsgewerbe beschäftigten Gehilfen, Gehilfinnen, Hausdiener, Packer und Berufsgenossen von Berlin hörte am 26. August ein Referat des Herrn Borchhardt über„ Die Pflicht, jede Umgehung der Sonntagsruhe zur Anzeige zu bringen." Die Anwesenden erklärten in Anschluß an die gemachten Ausführungen, daß Denunziationen der Fälle, in denen die Sonntagsruhe umgangen werde, nicht unmoralisch seien, umgekehrt, daß dieselben zur Anzeige gebracht werden müßten. -In Köln fand am 28. August eine öffentliche, zumal auch seitens der Frauen sehr gut besuchte Versammlung statt, in der Herr Dr. Pinn( Berlin) über das Thema sprach:„ Lügen unserer Zeit." In Anschluß an Nordau's Werk„ Die konventionellen Lügen der Kulturmenschheit" kritisirte der Redner in scharfer und leicht verständlicher Weise die politische, religiöse, monarchistische, wirthschaftliche und Ghelüge und betonte, daß die wirthschaftliche Unabhängigkeit Aller das beste Mittel sei, Lüge und Heuchelei zu bekämpfen. In einer öffentlichen Versammlung der in der Kürschnerbranche beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen Berlins hielt Ende August Herr Zahnarzt Wolff einen beifällig aufgenommenen Vortrag über„ Anklagen, Vorwürfe und Verleumdungen der Bourgeoisie gegen die Sozialdemokratie." Die Versammlung beschäftigte sich darauf mit den bevorstehenden Wahlen zum Gewerbeschiedsgericht und wählte Herrn Riem als Kandidaten. Am 31. August fand in Berlin eine öffentliche Versammlung der in der Buch-, Leder-, Karton- und Papierfabrikation beschäf tigten Arbeiter und Arbeiterinnen statt. Herr Jost referirte in derselben über„ Die Befugnisse der Gewerbeschiedsgerichte," worauf die Anwesenden sechs Kandidaten zu den bevorstehenden Gewerbeschiedsgerichtswahlen ernannten. In Berlin fand Anfang September eine zahlreich besuchte öffentliche Versammlung der Schuhmacher und der in der Schuhindustrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen statt, in der Zubeil „ Die Gewerbegerichte" referirte. Die Versammlung nahm darauf Stellung zu dem am 26. September in Frankfurt a. M. stattfindenden Schuhmacher- Kongreß und wählte einen Delegirten zu demselben. über In Stettin fand am 1. September eine öffentliche Frauenversammlung statt, in welcher Herr Herbert einen Vortrag hielt über das Thema:„ Die Frauenfrage." Darauf ward der ArbeiterinnenDie in der Blumen-, Blätter-, Perl- und Federbranche beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen von Berlin hielten am 1. September eine öffentliche Versammlung ab, in der Herr Gründel in interessanter Weise über„ Die Ursachen der Volksarmuth" sprach. In der folgenden Diskussion schilderten Herr Jäger und Frau Winistädt die ungemein traurigen Lohn- und Arbeitsverhältnisse der in der Feder und Blumenbranche beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen und forderten zum engen Zusammenschluß und geeinigtem Vorgehen aller Kollegen und Kolleginnen auf. Am 5. September fand in Berlin eine öffentliche Versammlung der Schneider und Schneiderinnen statt, in welcher Herr Vogtherr über„ Gewerbeschiedsgerichte" sprach. Der Redner kennzeichnete als besonderen Mangel des Gesetzes, die Gewerbegerichte betreffend, daß dem weiblichen Geschlecht das aktive und passive Wahlrecht versagt sei, obgleich die Frauenarbeit ein so bedeutender Faktor des wirthschaftlichen Lebens geworden, und die Arbeiterinnen noch mehr ausgebeutet würden, als wie die Arbeiter. Desgleichen sei die Altersstufe, an welche das Wahlrecht geknüpft ist, zu hoch angesetzt, da das Unternehmerthum mit Vorliebe junge Leute, womöglich die noch schulpflichtige Jugend ausnützt. Die Versammlung ernannte darauf Randidaten zu den stattfindenden Wahlen für das Gewerbegericht. In der Zeit vom 2.- 11. September unternahm auf Veranlassung des Landesvorstandes der badischen sozialdemokratischen Partei Frau Zetkin eine Agitationsreise durch Baden. In Mannheim, Baden- Baden, Offenburg und Freiburg sprach die Rednerin über das Thema:„ Die Stellung der Frau in der Gegenwart"; in Pforzheim, Karlsruhe und Lahr über„ Die Frau in der Industrie und die Folgen ihrer Thätigkeit in derselben." Die Versammlungen waren ausnahmslos sehr gut sowohl von Männern wie von Frauen besucht und erklärten ihre Uebereinstimmung mit den gehörten Ausführungen. Dieselben gipfelten darin, daß die Arbeiterin nicht ins Lager der bürgerlichen Frauenrechtlerinnen gehöre, sondern in das der Sozialdemokratie, da sie nur in einer sozialistischen Gesellschaft vom Doppeljoch der Klassenstlaverei und Geschlechtssklaverei befreit werden könne. Sie müsse deshalb als Mitstreiterin in den Klassenkampf eintreten und sich an den gewerkschaftlichen und politischen Bestrebungen der Arbeiter betheiligen. Die volle soziale und politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts mit dem männ lichen sei zu erringen, nicht als Endziel, sondern als Mittel zum Zweck, damit die Proletarierin in den Besitz des unbeschränkten Koalitionsrechtes gelange, und es ihr möglich werde, sich in den politischen Kämpfen im Interesse ihrer Klasse zu bethätigen. Die Referentin befürwortete überall dort, wo es die Vereinsgesetze nicht hindern, den Eintritt der Arbeiterinnen in die bereits bestehenden gewerkschaftlichen und politischen Organisationen der Männer. In Karlsruhe ward in Anschluß an die stattgehabte Versammlung die Gründung eines Arbeiterinnenvereins beschlossen und eine Kommission, bestehend aus zwei Männern und zwei Frauen, mit den vorbereitenden Schritten dazu beauftragt. Der Verband der im Vergoldergewerbe und verwandten Berufszweigen beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen Deutschlands, Zahlstelle Hamburg, hielt am 6. August eine Mitgliederversammlung ab, welche sich mit der Frage beschäftigte:„ Ist die Herausgabe eines Flugblattes seitens des Vorstandes dem Fortbestand eines obligatorischen Verbandsorgans vorzuziehen?" Die Mitglieder haben die betreffende Frage demnächst durch Urabstimmung zu entscheiden. - Die Zahlstelle Hamburg des Verbandes deutscher Schneider und Schneiderinnen hielt am 13. August eine Mitgliederversammlung ab, in welcher Herr Keese als Delegirter zum Verbandstag gewählt wurde. Am 18. August referirte Frau Rohrlack in einer gut besuchten Mitgliederversammlung des Arbeiterinnenvereins von Hanan über das Thema:„ Aberglauben." Die Rednerin schilderte, gestützt auf die Ergebnisse der Forschung und an der Hand zahlreicher Beispiele, wie sich die heutigen Glaubens und Religionsformen entwickelt haben, wie die religiösen und abergläubischen Ueberlebfel früherer Zeiten modernisirt worden sind. Jm Weiteren zeigte sie, daß Eigennutz, Unwissenheit und Furcht darauf hingewirkt haben, das Volk im Aberglauben zu erhalten. Besonders betonte die Referentin, wie nöthig es sei, daß sich die Frauen eine freie, wissenschaftliche Welterkenntniß aneigneten und der heranwachsenden Generation übermittelten. Reicher Beifall folgte den trefflichen Ausführungen. Im Verein„ Arbeiterschutz" zu Hanau sprach Frau Rohrlack am 20. August über„ Die Prostitution und die anarchische Produktionsweise." Nachdem die Rednerin die Heuchelei gekennzeichnet, 156 mit welcher sich die bürgerliche Gesellschaft der Frage der Prostitution, ja nur deren Erörterung gegenüber verhält, wies sie den engen Zusammenhang nach, der zwischen der Prostitution und unserer kapitalistischen, anarchischen Produktionsweise besteht. Die heutige Gesellschaft vermöge deshalb nicht, die Prostitution zu beseitigen, dieselbe werde nur verschwinden, wenn die kapitalistische Produktionsweise durch die sozialistische ersetzt sei. Die Rednerin erntete für ihren Vortrag reichen Beifall. — Die Zahlstelle Altona des Verbandes deutscher Schneider und Schneiderinnen hielt am 22. August eine Mitgliederversammlung ab, welche sich mit internen Angelegenheiten beschäftigte, sowie mit Ausarbeitung eines Fragebogens, die Lohn- und Arbeitsverhältnisse und den Arbeitsnachweis betreffend. In der Debatte ward hervorgehoben, daß angesichts der Ueberfüllung des Arbeitsmarkts mit überschüssigen Arbeitskräften der Arbeitsnachweis nur wenig zur Besserung der Verhältnisse vermöge. Gewährung des vollen Koalitionsrechtes und energische Ausnützung desselben und eine Verkürzung der Arbeitszeit seien die geeignetsten Mittel, bessere Arbeitsverhältnisse im Schneidergewerbe herbeizuführen. — Der Allgemeine Arbeiterinnenverein für Breslau und Umgegend hielt am 22. August eine Mitgliederversammlung ab, welche sich mit„Besprechung des Z 21 des preußischen Vereinsgesetzes" beschäftigen sollte. Herr Geiser empfahl, einstweilen von der Besprechung des Paragraphen und einer Beschlußfassung in Betreff der Organisationsform der Breslauer Arbeiterinnen abzusehen, bis Redakteur Friedrich den versprochenen Vortrag gehalten über die gemeinschaftliche Organisation von Männern und Frauen in den Wahlvereinen. Auf Veranlassung des Redners gab die Versammlung eine Sympathieerklärung ab zu Gunsten des Ausrufs Hamburger Frauen, welcher die Arbeiterinnen auffordert, sich auf Grund der Beschlüsse des Halberstädter Kongresses zusammen init den Männern zu organi- siren und nur für die Berufe, in denen nur Frauen beschäftigt sind, allgemeine Frauenvereine zu schaffen. — In der Mitgliederversammlung der Filiale Berlin des Verbands deutscher Schneider und Schneiderinnen sprach Herr Or. Sommerfeld am 29. August über„Die Cholera." In der an den Vortrag anknüpfenden Diskussion betonten mehrere Redner, daß die Lebensverhältnisse des Proletariats der Ausbreitung der Seuche günstig seien und die Wirksamkeit der empfohlenen sanitären Maßregeln vereitelten, bezw. deren Ausführung unmöglich machten. — Der Frauen- und Mädchenverein zu Mainz hielt am 31. August eine gut besuchte Mitgliederversammlung ab, in der Herr Miedrich iiber„Frauenemanzipation und ihre Gegner" referirte. Der Redner führte aus, wie die Frau mit der Entstehung des Privateigenthums unter die Herrschaft des Mannes und mit der kapitalistischen Wirth- schaftsordnung unter das Joch des Kapitalisten gerathen sei. Ihre Befreiung könne mithin nur erfolgen durch Beseitigung des Privateigenthums, der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Die anwesenden Frauen erklärten sich mit den Ausführungen des Referenten voll einverstanden und verpflichteten sich, Schulter an Schulter mit den Männern für ihre Befreiung zu kämpfen. Vor Schluß der Versammlung konstatirte der Vorstand das Wachsen des Vereins, dessen Mitgliederzahl seit Oktober 1891 von 20 auf 100 gestiegen ist. — Am 5. September hielt die Zahlstelle Berlin des Verbands der in Holzbearbeitungsfabriken und auf Holzplätzen beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen eine Mitgliederversammlung ab, in welcher Herr Berndt mit Beifall über das Thema sprach:„Soll die Bildung ausschließlich Monopol der Reichen sein?" — Der Verein der Arbeiter und Arbeiterinnen der Buch-, Papier- und Lederwaaren-Jndustrie von Berlin hielt am 5. September eine sehr gut besuchte Versammlung ab, in welcher Herr Or. Lütgen au über das Thema sprach:„Kapital und Arbeit." Nachdem der Redner einen geschichtlichen Ueberblick über die verschiedenen früheren Produktionsformen gegeben, legte er das Wesen der kapitalistischen Wirth- schaftsweise dar und zeigte, wie der Sozialismus eine wirthschaftliche Nothwendigkeit werde. Die, auch von einzelnen Anarchisten befürwortete Rückgabe der Produktionsmittel an den Einzelnen sei reaktionär, der Staatssozialismus laufe auf Staatskapitalismus hinaus, die Bestrebungen der Bodenbesitzreformer seien halb und einseitig. Das Heil der Zukunft, die Befreiung der Arbeiterklasse beruhe einzig und allein auf der Ueberführung aller Produktionsmittel in den Besitz der Allgemeinheit. — Vom 26.-29. August tagte in Magdeburg der allgemeine deutsche Schneider- und Schneiderinnen-Kongreß. Von den Fragen, die er erörterte, und den Beschlüssen, die er faßte, sind die jedenfalls am wichtigsten, welche sich auf den Ausbau der Organisation und auf die Maßregeln beziehen, durch welche dem Schwitzsystem, bezw. der Hausindustrie entgegengetreten werden soll. Zur Frage der Organisation erklärte sich der Kongreß gegen das Vertrauensmännersystem und für Anbahnung von Jndustrieverbänden. Dem Verbandstag der Am Nordpol. Nach dem Englischen von P. Olliverio. (Forlsetzmig.) Frau Crayford's schöne Augen wanderten mehrmals forschend von dem jungen Mädchen zu Franz Aldersley und sahen bald die Fortsetzung zu Klaras unvollendeter Geschichte. Der junge Offizier war ein hübscher, geistreicher, gewandter Mann, so recht die Person, um die schwierige Lage, in der sich Klara Richard Wardour gegenüber befand, ernstlich zu vervollständigen! Es war keine Zeit mehr für weitere Fragen. Die Musik begann soeben den Walzer, und Franz Aldersley wartete auf seine Dame. Mit einem Wort der Entschuldigung zog Frau Crayford Klara auf einen Moment zur Seite und flüsterte: „Ein Wort, meine Liebe, bevor Du wieder in den Tanzsaal gehst. Es mag sonderbar klingen, nach dem Wenigen, was Du mir mitgetheilt hast, aber ich glaube jetzt Deine Lage besser zu verstehen, als Du selbst. Willst Du meine Meinung darüber hören?" „Ich sehne mich danach, sie zu hören, Lucie! Ich brauche Deine Meinung, Deinen Rath." „Du sollst beide in klaren und wenigen Worten haben. Zuerst meine Meinung: Es bleibt Dir keine andere Wahl, als Dich gegen Herrn Wardour auszusprechen, sobald er ankommt. Zweitens mein Rath: Wenn Du Euch Beiden die Aussprache erleichtern willst, so sorge dafür, daß Du ihm als ein freies Mädchen gegenüber treten kannst." Auf die letzten Worte legte sie besonderen Nachdruck und blickte dabei bedeutungsvoll auf Aldersley. „Ich will Dich Deinem Tänzer nicht länger entführen, Klara," schloß sie, und ging dem Paare voran in den Saal. Nach dem, was Frau Crayford gesagt hatte, lastete die Bürde auf Klaras Gemüth schwerer denn je. Sie war zu unglücklich, um den erheiternden Einfluß des Tanzes zu empfinden. Kaum einmal hatte sie in dem Saale herumgetanzt, so klagte sie schon über Ermüdung. Franz Aldersley blickte nach dem Nebenzimmer, welches, noch ebenso kühl und leer wie zuvor, zum Plaudern einlud, und führte sie dahin zurück auf einen Platz zwischen den Blumen. „Ich möchte Sie nicht vom Tanzen zurückhalten, Herr Aldersley," begann Klara, nur sehr schwach den Versuch machend, ihn zu entlassen. Er setzte sich neben sie und heftete die Blicke auf das liebliche, gesenkte Gesicht, das nicht wagte, sich ihm zuzukehren, und flüsterte: „Nennen Sie mich Franz." Sie hätte ihn so gern Franz genannt, sie liebte ihn ja von ganzem Herzen; Frau Crayford's warnende Worte tönten aber noch in ihrer Seele ivider. Sie schwieg. Aldersley rückte ihr näher und bat um eine andere Gunst. Die Männer sind bei dieser Gelegenheit Alle gleich; Schweigen ermuthigt sie ohne Ausnahme zum abermaligen Versuch. „Klara, haben Sie vergessen, was ich Ihnen gestern im Konzert sagte? Soll ich es wiederholen?" „Nein." „Wir fahren morgen ab nach dem Eismeer. Ich kehre möglicherweise erst nach Jahren zurück; schicken Sie mich nicht ohne Hoffnung fort! Denken Sie an die langen, einsamen Stunden im finstern Norden! Machen Sie sie für mich zu glücklichen Stunden!" Trotzdem diese Worte mit der Inbrunst eines liebenden Mannes gesprochen waren, so kamen sie doch nur von den Lippen eines halben Knaben. Er war erst zwanzig Jahre alt und stand im Begriff, sein Leben aufs Spiel zu setzen! Klara empfand inniges Mitleid für ihn. Er faßte sanft nach ihrer Hand; sie versuchte, ihm dieselbe zu entziehen. „Wie! selbst diese kleine Gunst.nicht am letzten Abend!" Schneider und Schneiderinnen und dem demnächst stattfindenden Industriekongreß bleibt es überlassen, weitere Schritte zur Verwirk lichung des Beschlusses zu thun. Begründet wurde die Stellungnahme des Kongresses mit dem Hinweis auf die traurige Lage der Schneider und Schneiderinnen, sowie der Arbeiter überhaupt und mit der Erwägung, daß die Branchenorganisationen der stetig wachsenden Macht des sich konzentrirenden Kapitals nicht gewachsen seien. Vom Referenten Timm( Berlin) ward besonders die Nothwendigkeit betont, die Arbeiterinnen des Schneidergewerbes zur Organisation heranzuziehen. Bis jetzt sei in der Beziehung nicht genug geschehen, in Zukunft soll eine rege Agitation zu dem Zwecke geführt werden. Der Streit- und Agitationsfonds wurde einer fünfgliedrigen Kommission( Sitz Braunschweig) überwiesen und darf nur für Streif und Agitationszwecke verausgabt werden. Zur Frage des Schwitzsystems, bezw. der Hausindustrie beschloß der Kongreß nach einem trefflichen Referate von Pfeiffer( Berlin) Folgendes: Das Schwitzsystem ist eine Frucht der kapitalistischen Gesellschaftsordnung und kann erst mit dieser verschwinden. Da aber das System die große Masse der Berufsgenossen verelendet und die Organisation hindert, so ist eine möglichste Beschränkung innerhalb der heutigen Gesellschaft zu erstreben. Als Mittel zum Zweck empfiehlt der Kongreß, daß der Staat die Fabritinspektion auf die Hausindustrie ausdehne; daß Staatsund Kommunebehörden angewiesen werden, ihre Kleiderlieferungen nur bei solchen Unternehmern anfertigen zu lassen, welche den sanitären Anforderungen entsprechende Werkstätten besitzen und Arbeiter und Arbeiterinnen direkt beschäftigen- die sozialdemokratische Fraktion des Reichstags hat die diesbezüglichen Anträge zu stellen; daß auf gewerkschaftlichem Gebiete alle praktischen Mittel angewendet werden, welche die Errichtung von Betriebswerkstätten seitens der Unternehmer und die Einführung des Stundenlohns an Stelle des Stücklohns fördern können; daß die Kontrolmarke als Kampfesmittel anzuwenden ist. Der Kongreß beschloß ferner, daß die deutschen Schneider und Schneiderinnen auf dem internationalen Kongreß von Zürich durch einen Delegirten zu vertreten seien. In Wien fand am 3. September eine von mehr als 5000 Männern und Frauen besuchte Volksversammlung statt, in welcher Reichstagsabgeordneter Bebel in glänzender und packender Weise über das Thema sprach:" Was wollen die Sozialdemokraten und woher kommen sie?" Nachdem der Redner unter brausendem Beifall geendet, sprach Frau Kautsky aus London, sich mit ihren AusIhr treues Herz stellte sich selbstverleugnend auf seine Seite. Ihre Hand blieb in der seinen und fühlte deren sanft überzeugenden Druck. Sie war verloren! „ Klara! Liebst Du mich?" Tiefes Schweigen. Sie wagte nicht, ihn anzublicken, sie zitterte vor den sich seltsam widerstreitenden Gefühlen der Freude und der Angst. Sein Arm legte sich um sie; er wiederholte seine Frage im Flüstertone; seine Lippen berührten fast ihr kleines, rosiges Ohr, als er zum zweiten Male sagte: ,, Liebst Du mich?" " Sie schloß leise die Augen- sie hörte nichts als seine Worte fühlte nichts als seinen Arm vergaß Frau Crayford's Warnung vergaß selbst Richard Wardour und wandte sich plößlich, Alles um sich her vergessend, zu ihm, lehnte ihren Kopf an seine Brust und gab ihm endlich damit Antwort. Er hob ihr schönes, gesenktes Haupt die Lippen begegneten die Lippen begegneten sich im ersten Kuß sie waren Beide wie im Himmel! Plötzlich tehrte Klara mit Erschrecken wieder zur Erde zurück- wie gewie gewöhnlich, wenn es zu spät ist. " Du hast mich glücklich gemacht, mein Engel," entgegnete Franz. Wenn ich nun zurückkehre, komme ich, um Dich als mein geliebtes Weib heimzuführen!" Klara fuhr zusammen. Das waren dieselben Worte, welche einst Richard Wardour zu ihr gesprochen. " Versprich mir, Geliebter, gegen feinen Menschen unsere Verlobung zu erwähnen, bis ich es Dir gestatte!" Er versprach es und versuchte dabei noch einmal seinen Arm um ihre Taille zu schlingen. Jetzt aber hatte sie die Herrschaft über sich wiedergewonnen und war fähig, nachdem er sie noch einmal gefüßt, ihn zu bitten, daß er sie verlasse! " Geh," sagte sie.„ Ich muß Frau Crayford sehen. Suche sie! Sage ihr, ich erwarte sie hier, um mit ihr zu reden. Geh gleich, Franz, mir zu Liebe!" 157 führungen speziell an die Frauen wendend. Die Versammlung nahm eine Resolution an, welche Bebel ersuchte, den deutschen Parteigenossen die Brudergrüße der österreichischen Sozialdemokratie zu überbringen. Eine sehr erfolgreiche Agitation hat Frau Luise Kautsky während eines Ferienaufenthalts in Wien unter den dortigen Arbeiterinnen geführt. Dieselbe hielt in Arbeiterinnenvereinen und Versammlungen eine Reihe interessanter und belehrender Vorträge, welche Licht in den Köpfen schafften und dem Befreiungskampfe des Proletariats neue Kämpferinnen zuführten. Frau Kautsky befürwortete das Eintreten der Arbeiterinnen in die bereits bestehenden Vereine der Männer bezw. die Gründung gemischter Organisationen; besondere Arbeiterinnenvereine könnten nur als eine Art Vorschule betrachtet werden, als Mittel, die noch indifferenten Arbeiterinnen zu gewinnen. In Chicago haben die daselbst zahlreich vertretenen schwedischen Dienstmädchen einen Gewerkverein gegründet, um im Jahr der Weltausstellung den Wochenlohn von 4 auf 10 Dollars steigern zu können. Wann werden die deutschen Dienstmädchen zum Schrecken unserer Geheimbderäthinnen, unserer Geheimbderäthinnen, Kommerzienräthinnen und anderer „ besserer Frauen" begreifen, daß sie nur durch einmüthiges Vorgehen auf dem Wege der Organisation nicht nur höheren Lohn erringen müssen, sondern auch eine menschenwürdige Stellung und Behandlung? In Angelegenheiten der Chicagoer Weltausstellung geht uns folgendes Rundschreiben zu, das wir dem ausgesprochenen Wunsche der Verfasserinnen gemäß veröffentlichen, wenn wir gleich wissen, daß nur die wenigsten deutschen Proletarierinnen, ja vielleicht keine von ihnen, von dem geplanten Unternehmen profitiren können. Chicagver Frauenverein zur Beschaffung von Unterkunft für Frauen während der Columbischen Weltausstellung. Im Anschluß an unsere Aufforderung betreffs des Weltkongresses theilen wir weiter mit, daß nach einem uns zugegangenen Zirkular der Chicagoer Frauen- Ausschuß beschlossen hat, anständige und billige Wohnungen für die den Kongreß besuchenden Frauen zu beschaffen. Er hat dabei in erster Linie die in der Industrie beschäftigten Frauen die Lohnarbeiterinnen im Auge. Das Zirkular besagt: Unser Plan geht dahin, in der Nähe der Ausstellung Gebäude zu errichten, die ungefähr 5000 Frauen aufnehmen können. Die Zimmer sollen mit bequemen Betten und allen für die Toilette nöthigen Ihm blieb keine Wahl, als ihr zu gehorchen. Ein Blick noch auf das geliebte, schöne Mädchen, dann eilte er, der glücklichste Mann unter der Sonne, ihren Wunsch zu erfüllen. Vor fünf Minuten noch war sie nur seine Genossin im Tanze gewesen. Er hatte gesprochen- und sie hatte ihm das Wort gegeben, ihm eine Genossin für das ganze Leben zu sein! III. Es war nicht leicht, Frau Crayford unter der Menge herauszufinden, und während Franz hier und da nach ihr suchte, bemerkte er einen Fremden, der, wie es schien, auch nach Jemand ausschaute. Es war ein ernstblickender, kräftig gebauter Mann in abgetragener, alter Uniform der Marineoffiziere. Seine auffallend entschlossene und selbstbewußte Weise zeigte unverkennbar den feingebildeten Mann. Er ging langsam durch die Gesellschaft und blickte jeder Dame forschend ins Gesicht, um sich dann mit enttäuschter Miene wieder abzuwenden. So näherte er sich dem Nebenzimmer Nebenzimmer und trat nach kurzem Bedenken hinein entdeckte hinter den Sträuchern und Blumen den Schimmer eines weißen Kleides Sleides that einige Schritte vorwärts, um die Dame erkennen zu können, und stand plößlich mit einem Freudenschrei vor Klara. Entsett sprang fie auf. Sprachlos, regungslos, wie zu Stein verwandelt stand sie ihm gegenüber, nur ihre Augen schienen zu leben und ihm zu sagen, daß sie Richard Wardour vor sich habe. Er fand zuerst Worte. ,, Mein Liebling, habe ich Dich erschreckt? Ich vergaß Alles über die Seligkeit, Dich wieder zu sehen. Wir warfen erst vor zwei Stunden Anker; ich frug nach Dir, und nachdem ich erfahren, Du seiest hier auf dem Ball, verschaffte ich mir ein Billet. Gratulire mir, Klara! Ich bin avancirt und komme nun, Dich als mein Weib heimzuführen." Entseßlicher Schrecken malte sich bei diesen Worten auf ihrem Antlig. Ein leises Roth färbte ihre Wangen, ihre Lippen bewegten sich. Gegenständen ausgestattet sein. Anständige, gebildete Frauen werden diesen Logirhäusern vorstehen und alleinstehende Mädchen oder eine größere Anzahl derselben unter ihren Schutz nehmen. Um nun die Ausführung dieses Plans zu ermöglichen, haben wir eine Aktiengesellschaft gegründet und werden bald in der Lage sein, Aktien im Betrag von je 10 Dollars ausgeben zu können. Diese Aktien werden in jedem Logirhaus bezw. jeder Schlafstelle der Gesell- schaft als Zahlung für die Wohnung angenommen. Keine Aktie darf von mehr als zwei Personen benutzt werden. Die Aktien sind übertragbar. Wenn von einer Mietherin die vorgesehene Summe durch ihren Aufenthalt nicht ganz verbraucht wurde, kann eine andere Person eintreten und den Rest der Summe abwohnen. Sind die 1v Dollars abgewohnt, so bleibt der Name der Aktienbesitzerin dennoch in den Büchern eingetragen, und stellt sich am Schluß des Unternehmens ein Ueberschuß heraus, so ist sie an dem Gewinn betheiligt. Aktienbesitzerinnen sollen für einen Tag nur 4t) Cents(Mk. 1.60) zahlen. Ist es der Gesellschaft möglich, setzt sie den Preis auf 35 Cents