Nr. 20. Die Gleichheit. 2. Jahrgang. Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Herausgegeben von Emma Ihrer in Velten( Mark). Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr 2564 a) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf. Stuttgart Mittwoch, den 5. Oktober 1892. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Mene Mene Tekel. Die Cholera, das schwarze Gespenst, ist in Europa erschienen, und unsäglicher Jammer, unbeschreibliches Elend bezeichnet ihren Weg. In den und jenen Städten und Gegenden verhältnißmäßig mild auftretend, haust der unheimliche Gast seit langen Wochen am furchtbarsten in Hamburg. In der großen, reichen, vom cchten fapitalistischen Prozenthum beherrschten Handelsstadt hat die Seuche Zustände geschaffen, so grausiger Art, wie sie uns bisher nur aus Schilderungen der Pest im Mittelalter bekannt waren. Die düsteren Bilder, welche der italienische Dichter Manzoni in seinem geschicht lichen Roman„ Die Verlobten" mit überwältigender Naturtreue gemalt hat, sie erstehen in Hamburg zu lebensvoller, entseßlicher Wirklichkeit, wir finden sie daselbst sozusagen zu Fleisch und Blut verkörpert. Und im Gefolge des Massensterbens unter den schaurigsten Umständen schreitet ehern das bitterste Massenelend daher, Hand in Hand mit der Cholera marschirt der Hunger. All die moderne Wissenschaft, all die Errungenschaften der Stultur haben nicht vermocht, das Unheil zu bannen. Man fennt Man kennt heutzutage die Ursache der tückischen Seuche, man fennt Mittel, fie zu verhüten, ihrer Weiterverbreitung entgegen zu treten, man weiß, welche Umstände ihre Entwicklung begünstigen, ja geradezu herausfordern, und trotz alledem ist es möglich geworden, daß die Cholera in Hamburg wüthet, wie um Jahrhunderte zurück der schwarze Tod" gehaust. Warum? Weil die heutige kapitalistische Gesellschaftsordnung dem weitaus größten Theil der Bevölkerung die Früchte der Kultur und Wissenschaft vorenthält, weil die werkthätige Masse in Arbeitsund Lebensverhältnissen dahinkümmert, welche im höchsten Grade gesundheitsgefährlich sind, und welche das Auftreten und die Verbreitung der Seuche fördern mußten. Die Choleraepidemie in Hamburg gehört zu jenen Anzeichen, welche unseren gegenwärtigen Gesellschaftsverhältnissen, welche der Bourgeoisie als herrschenden und ausbeutenden Klasse das Mene Mene Tekel schreiben. Die ureigenste Lebensbedingung der kapitalistischen Gesellschaft, das ist die Ausbeutung der Masse: zu dem„ höheren" Zweck, etliche, rohe und halbgebildete Barvenüs in hervorragende Spinnereibefizer, einflußreiche Schuhwichsfabrikanten und sehr große Wurstmacher" zu verwandeln. So hat der märchenhafte Reichthum der einigen Wenigen die ufernlose, trostlose Armuth der Vielen zur unvermeidlichen Voraussetzung. Die Leistungen des Gelehrten, des Arbeiters kommen nur als Waaren in Betracht, welche auf dem Markt mit möglichst hohem Profit in Geld umgemünzt werden können. So bleiben die Forderungen der Wissenschaft auf verbesserte hygienische Lebensbedingungen der Allgemeinheit todter Buchstabe, leerer Schall, so dienen die Kulturfortschritte nur der Millionärzüchterei. Die fapitalistische Gesellschaft erzeugt derart den Boden, auf welchem sich die Seime ansteckender Seuchen üppig entwickeln müssen. Seit Jahrzehnten pfiffen es die Spaßen von allen Dächern, baß in Hamburg bezüglich der Wohnungsverhältnisse, der Wasserleitung, der Kanalisation die schreiendsten Mißstände existirten. Die hochmögenden Pfeffersäcke, in deren Händen die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten ruht, hielten es nicht der Mühe werth, " Buschriften an die Redaktion der Gleichheit" find zu richten an Fr. Klara Zetkin( Eißner), Stuttgart, RothebühlStraße 147, IV. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. den ärgsten Uebeln ernstlich zu Leibe zu gehen. Hamburgs Verhältnisse den Anforderungen der Hygiene gemäß umzugestalten, für breite Straßen, gesunde, luftige Wohnungen, reines Trinkwasser und gute Kanalisation zu sorgen, das war den Herren nicht „ Es lebe unser Profit, wenn auch die halbe Beprofitabel. völkerung der Stadt an einer Epidemie zu Grunde geht," so dachten sie und ließen es hübsch beim Alten. Daß ferner die schlecht behausten, gekleideten und ernährten Volksmassen weit eher der Gefahr einer Seuchenansteckung ausgesezt sind, weit eher derselben erliegen, ist männiglich bekannt. Wie hätte man aber den Hamburger Plusmachern zumuthen dürfen, mit Rücksicht auf diese Thatsache die Arbeitsbedingungen ihrer Lohnsklaven zu verbessern, sie weniger lang und weniger angestrengt arbeiten zu lassen, sie aber besser zu bezahlen? Die Vorbedingungen für die Ausbreitung der Cholera waren gegeben. Als das schwarze Gespenst vor den Thoren der Stadt lauerte, da bewies die Bourgeoisie ihre ganze Unfähigkeit, die von ihr in blinder Profitwuth heraufbeschworene Gefahr zu bekämpfen, ihrer Herr zu werden. Aus elender Knauserei wurden die russischen Schiffe, von denen eine Ansteckungsgefahr drohte, nicht unter die nöthige Quarantäne gestellt. Aus främerhafter Rücksicht auf die Handelsinteressen ward die Thatsache zu verheimlichen gesucht, daß die Cholera in Hamburg wüthete. Und als die furchtbare Wahrheit nicht länger vertuscht werden konnte, als die Menschen wie die Fliegen dahinstarben, da zeigte es sich erst recht, daß die über Wohl und Wehe der Stadt entscheidenden Vertreter der Bourgeoisie ihrer Aufgabe nicht gewachsen waren. Engherzig und furzsichtig beurtheilten sie die Situation unter dem Gesichtswinkel der kapitalistischen Interessen, nahmen sie zu kleinlichen Maßnahmen ihre Zuflucht. Sie wollten den Pelz des Kapitalismus von seinen Begehungs- und Unterlassungssünden waschen, ohne ihn naß zu machen. Die Seuche mußte bekämpft werden, ist sie ja respektwidrig genug, nicht immer vor den Palästen der Reichen achtungsvoll Halt zu machen; die Seuche mußte be= fämpft werden, schädigt sie ja wegen der mit ihr verbundenen Ansteckungsgefahr die Handelsbeziehungen, mithin die Profite der großen Kipper und Wipper. Aber diese Bekämpfung sollte mit möglichst geringem Kostenaufwand, unter„ Beobachtung weisester Sparsamfeit" geschehen. Sie sollte vor sich gehen, ohne daß das Progenthum in erheblicher Weise zu„ Opfern" herangezogen wurde, d. h. ohne daß es in die Lage gerieth, einen winzigen Theil dessen fahren zu lassen, was es der Arbeiterklasse im Laufe der Zeit geraubt hat. Der Senat glaubte damit ein Uebriges gethan zu haben, daß er 500 000 Mark zur Bekämpfung der Cholera bewilligte.„ Aerzte sind nicht entfernt genug vorhanden," heißt es treffend in einem Artikel der„ Neuen Zeit"*)," Wärter sind nicht entfernt genug vorhanden, Transporteure und Wagen sind nicht entfernt genug vorhanden, Krankenhäuser und Baracken sind nicht entfernt genug vorhanden, Desinfektionsmannschaften sind nicht entfernt genug vorund handen, Polizeibeamte sind nicht entfernt genug vorhanden 500 000 Mart! Mit lobenswerther Beharrlichkeit wird gewarnt vor dem Genuß ungekochter Milch, ungekochten Wassers und unge*) Nr. 51,„ Die Cholera in Hamburg." fochter Speisen, und viele Tausende von Proletariern haben weder die nöthigen Gefäße noch Steinkohlen und 500 000 Mark. Es ist die Posse der Possen. Die Elbe ist vollkommen verseucht; der Gebrauch ungekochten Wassers zum Kochen, Waschen und Spülen ist sozusagen gewisser Tod, und in dieser ganzen regierenden, fürst lich speisenden, nach Bildung und Besiz maßgebenden" Gesellschaft sizt kein Individuum mit soviel Hirn und Herz, daß es sich sagt: „ Die Steinkohlenlager auf! Die Leute müssen Kohlen haben, wenn sie kochen sollen." Hätte der Senat zehn Millionen gefordert, so hätte man fragen dürfen, warum nicht zwanzig?" " Die entseglichen Wohnungshöhlen, in denen es an Luft und Licht mangelt, die von Schmutz starren, die von giftigen Ausdünstungen erfüllt sind, sind Brutstätten der Seuche. Man läßt Tausende von Proletariern in ihnen zusammengepfercht, giebt sie dem Verderben Preis, während in der Stadt viele Hunderte ge= räumiger, gesunder Wohnungen leer stehen, weil ihre Bewohner in Bädern und auf Reisen herumbummeln oder beim ersten Anziehen der Gefahr in wilder Flucht das Weite suchten. Tausende und Abertausende darben, es fehlt ihnen an Brot und Fleisch, es mangelt ihnen an der nöthigen Wäsche und Kleidung, ihre Entbehrungen lassen sie der Seuche zum Opfer fallen. Alles, was ihnen abgeht, ist in der Gesellschaft in Hülle und Fülle vorhanden, und sollte in Dem oder Jenem das Bedürfniß größer sein, als die vorhandenen Vorräthe, giebt es nicht genug unbeschäftigte„ Hände," welche nichts sehnlicher wünschen als Arbeit? Aber freilich, die aufgespeicherten Vorräthe aller Art sind nicht des Gebrauchs wegen da, sie sind für den Verkauf mit hohem Profit bestimmt; die Arbeitskräfte dürfen nicht im Dienst des Gemeinwohls bethätigt werden, sie müssen zu Nuß und Frommen der Plusmacherei etlicher Weniger frohnden. So kurpfuscherten die maßgebenden Kreise der Hamburger Bourgeoisie mit Zentnern von Chlorkalk und Tonnen von Karbolsäure darauf los, um die Symptome des Uebels zu bekämpfen, während sie deren Wurzel, das Massenelend, als tapitalistisches Rührmichnichtan unangetastet ließen. Die gleiche Kopflosigkeit und Engherzigkeit charakterisirt das Vorgehen dem Nothstand gegenüber, welcher in Folge der Cholera riesengroß geworden ist und jeder Beschreibung spottet. Der Bettelsack ist der Heilige, dem sich die Bourgeoisie der reichen Handelsstadt verschrieben hat, zu dem sie brünstig um Hilfe fleht, damit sie nicht tief in den wohlgespickten eigenen Beutel zu greifen braucht. Nur in einer Beziehung hat sich die hanseatische Kapitalistensippe groß, ja großartig erwiesen: in der zähneklappernden Hasenherzigkeit, mit welcher sie beim ersten Alarm in alle Winde auseinandergestoben ist. Kurz, das Vorgehen, die Haltung des Hamburger Senats, des Hamburger Bürgerthums während der furchtbaren Krise zeichnet ein Bild von Charakter und Geist der modernen Bourgeoisie, wie es abstoßender, jämmerlicher faum gedacht werden fann. Sein Zweifel, die Bourgeoisie unserer Zeit zeigt alle Züge, welche das Greiſenalter einer Klasse charakterisiren, welche kundthun, daß es mit dieser bergab geht, daß sie unfähig geworden ist, noch länger in der Gesellschaft die führende und tonangebende Rolle zu spielen. Mag man gegen diese Schlußfolgerung nicht geltend machen, daß der gesammten Bourgeoisie unmöglich die Sünden eines ihrer Theile angerechnet werden dürfen. Die Hamburger Kapitalistenklasse ist nicht um ein Jota schlechter als ihre Sippen und Magen anderwärts. Sie hat nichts begangen und unterlassen, was diese im Namen des heiligen Profit nicht auch begehen und unterlassen würden. In Berlin, in Wien, in Paris, London und New York, kurz überall, wo die Gesellschaft in Ausbeuter und Ausgebeutete gespalten ist, da hätte eine Choleraepidemie im Großen und Ganzen genau die gleichen Erscheinungen gezeitigt, wie in Hamburg. Die Maßregeln, welche au verschiedenen Orten behufs Bekämpfung der Choleragefahr getroffen worden sind, bürgen mit unanfechtbarer Sicherheit dafür, und das bevorstehende Reichsseuchengesez wird nach Allem, was man bisher darüber gehört, die Thatsache offiziell festnageln. Das Mene Mene Tefel, das die Ereignisse in Hamburg geschrieben, es gilt nicht nur den hanseatischen Kaufherren, Rhedern und anderen Berufsgenossen von Geldsacks Gnaden, es gilt der gesammten Bourgeoisie. 162 Arbeiterinnen- Bewegung. In Berlin fand am 6. September eine öffentliche Versammlung der Tabakarbeiter und Arbeiterinnen statt, welche sich mit den bevorstehenden Gewerbegerichts- Wahlen beschäftigte, ferner die Frage erörterte, ob die Einführung der Kontrolmarke in die Tabakindustrie von Nutzen für die Arbeiter sei. Mehrere Redner sprachen sich für, andere gegen die Kontrolmarke aus. -In einer öffentlichen Versammlung der im Vergoldergewerbe beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen von Berlin hielt am 8. Sept. Herr Apelt einen interessanten Vortrag über„ Die Emanzipationsbestrebungen der arbeitenden Klasse." Die Ausführungen des Redners, welcher mit der Aufforderung endete, die Anwesenden möchten am Kampfe ihrer Klasse theilnehmen, fanden großen Beifall. Am 10. September fand in Frankfurt a. M. eine öffentliche Versammlung der Textilarbeiter und Arbeiterinnen statt. Herr Diener referirte unter Beifall über„ Die Ziele der Arbeiterbewegung." Die Schneider und Schneiderinnen von Halle hielten am 12. September eine öffentliche Versammlung ab, in welcher Herr Layer über, Den Kongreß der deutschen Schneider und Schneiderinnen" Bericht erstattete. Die Versammlung erklärte, den Kongreßbeschlüssen entsprechend, das Vertrauensmännersystem fallen zu lassen. Am 12. September fand in Berlin eine öffentliche Versammlung der Hilfsarbeiter und Arbeiterinnen statt, in welcher vier Delegirte zur Streikkontrolkommission und sechs Kandidaten für die Beisitzer zum Gewerbegericht gewählt wurden. Als Vertreterinnen der Arbeiterinnen wurde Frau Gubela und Frln. Eichner in die Streiffontrolkommission gewählt. Die Versammlung beschloß, eine einheitliche Organisation der Hilfsarbeiter und Hilfsarbeiterinnen Berlins zu gründen. In Berlin fand am 13. September eine öffentliche Verſammlung aller in der Hutfabrikation beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen statt, in welcher Herr Völkel über„ Gewerbegerichte" referirte. Die Anwesenden erörterten darauf die auf dem Parteitag der Sozialdemokratie zur Verhandlung gelangende Frage: ,, Genossenschaftswesen und Kontrolmarke" und beschlossen, die Kontrolfommission deutscher Hutmacher solle auf dem Parteitag durch einen Delegirten für die Kontrolmarke eintreten. Die Arbeiter und Arbeiterinnen der Wäschebranche von Berlin hielten am 13. September eine zahlreich besuchte öffentliche Versammlung ab, in welcher Herr Jost über„ Gewerbegerichte" sprach. In einer auch seitens der Frauen sehr gut besuchten Volksversammlung in Berlin, welche am 14. September stattfand, sprach Herr Direktor Kanit über das Thema:„ Die Cholera, ihre Verhütung und Heilung vom Standpunkt der Naturheilmethode." In der an den Vortrag anknüpfenden lebhaften Debatte betonten die meisten Redner, daß die sozialen Verhältnisse es den Arbeitern unmög lich machen, in hygienischer Weise zu leben und bei Seuchengefahr die nöthigen Schußmaßregeln zu ergreifen. In einer öffentlichen Versammlung der Luruspapier- und Kartonarbeiter und Arbeiterinnen Berlins, welche Mitte September statthatte, referirte Herr Koblenzer über„ Die Bedeutung der Gewerbegerichte" und betonte, daß die Arbeiterinnen- wiewohl von den Wahlen selbst ausgeschlossen alles Interesse daran hätten, sich recht lebhaft an der Agitation für die Wahlen zum Gewerbegericht zu betheiligen. Die Schneider und Schneiderinnen von Berlin hörten am 18. September, in gut besuchter öffentlicher Versammlung, einen Vortrag Herrn Schmidt's über„ Die Hausindustrie." Nachdem der Referent die mit der Hausindustrie verbundenen Mißstände erörtert hatte, führte Herr Pfeiffer aus, wie sich aus der Hausarbeit das Schwitzsystem entwickelt habe. Seitens der genannten und noch weiterer Redner ward darauf hingewiesen, wie äußerst nothwendig es im Interesse der Arbeiter und Arbeiterinnen sei, die Unterstellung der Hausindustrie unter die Fabrikinspektion zu fordern. In Breslau fand am 18. September eine sehr gut besuchte öffentliche Versammlung statt, in welcher Herr Friedrich über das Thema sprach:„ Die Stellung der Frau in der Gegenwart." Fräulein Masow schilderte darauf unter reichem Beifall die Zustände in verschiedenen Breslauer Fabriken. Nach ziemlich stürmischen Verhandlungen ward vor Schluß der Versammlung Frau Kunert mit großer Majorität als Delegirte für den deutschen Parteitag gewählt. Die Filzschuharbeiter und Arbeiterinnen Berlins hörten am 21. September in öffentlicher Versammlung ein Referat des Herrn Menzel über„ Die wirthschaftliche Lage." Der Redner kennzeichnete die Unfähigkeit der bürgerlichen Gesellschaft, die traurige Lage der arbeitenden Bevölkerung zu verbessern und wies nach, daß diese sich nur selbst helfen könne. Im Allgemeinen Arbeiterinnenverein Berlins und Umgegend hielt am 6. September Herr Hildebrandt einen Vortrag über„ Das Vereinsgesetz." Der Referent vertrat die Ansicht, daß bei dem in Preußen geltenden Vereinsgesetz eine gemischte Organisation von Männern und Frauen nicht zu empfehlen sei. Die Versammlung beschloß mit 38 gegen 2 Stimmen, den bestehenden Arbeiterinnenverein in seiner jetzigen Form aufrecht zu erhalten. " -Eine stark besuchte Mitgliederversammlung des Vereins der Plätterinnen und verwandter Berufsgenossen Berlins beschäftigte sich am 7. September mit der Frage: Was thun wir, um der ewigen Unterdrückung der Arbeiter durch die Fabrikanten einen Damm entgegen zu setzen?" Die Versammlung beschloß, über vier Firmen wegen Maßregelung von Arbeiterinnen die Sperre zu verhängen. Am 14. September hielt der Frauen und Mädchenverein von Mainz eine gut besuchte Mitgliederversammlung ab, in welcher Herr Brosig über das Thema referirte:„ Die Frau und der Kapitalismus." Nach einem Ueberblick über die Stellung der Frau in Vergangenheit und Gegenwart zeigte der Redner, daß nur die Sozialdemokratie den richtigen Weg zur Lösung der Frauenfrage beschreite. Die Befreiung der Frau in der heutigen Gesellschaft sei ebenso unmöglich, wie eine sozialistische Gesellschaft ohne die Befreiung des weiblichen Geschlechts. Die Versammlung erklärte sich in einer Resolution mit den gehörten Ausführungen einverstanden, wünschte, daß die Vorurtheile der Männer gegen die Frauenbewegung schwinden möchten und forderte die anwesenden Frauen und Mädchen auf, sich dem Frauenverein anzuschließen und dadurch zur Erstarkung der Drganisation beizutragen. Der Bildungsverein für Frauen und Mädchen Elberfelds hörte in seiner Mitgliederversammlung vom 14. September einen interessanten Vortrag des Herrn Neumann über:„ Shelley." Am 19. September hielt der Verein der Arbeiter und Arbeiterinnen der Buch, Papier- und Lederwaarenindustrie von Berlin eine Mitgliederversammlung ab. Nach Erledigung verschiedener interner Angelegenheiten referirte Herr Dr. Borchardt über das Thema:„ Die Erhaltung der Kraft." Der Verein sozialistischer Frauen und Mädchen von Mannheim beschloß in seiner Mitgliederversammlung vom 22. Sept., auf dem Parteitag der deutschen Sozialdemokratie drei Anträge zu stellen, betreffend das Vereins- und Koalitionsrecht der Arbeiterinnen, die Veranstaltung von Versammlungen für Arbeiterinnen zur Zeit der Wahlagitation und die Unterstellung der Hausindustrie unter die Fabrikinspektion. - Die zweite Generalversammlung des deutschen Schneider und Schneiderinnen- Verbandes tagte am 30. August und folgende Tage in Hannover. Die viertägigen Verhandlungen erfuhren ein jähes Ende dadurch, daß die Versammlung behördlicherseits wegen der drohenden Choleragefahr geschlossen ward. Dem Antrag Pfeiffer ( Berlin) entsprechend, erklärte die Generalversammlung ihre volle Sympathie mit den mit Aussperrung bedrohten Kollegen Großbritanniens und forderte alle Kollegen auf, Zuzug nach dort fern zu halten. Die Delegirten sollen allerwärts eine zweckentsprechende Agitation entfalten, damit die Kollegen in Großbritannien trotz des Uebermuths der Unternehmer ihre Organisation aufrecht zu erhalten vermögen. Die Generalversammlung sprach sich für einen Industrieverband aller in der Bekleidungsindustrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen aus. Behufs Anbahnung desselben soll im nächsten Sommer in Erfurt ein Industriekongreß stattfinden; die Sektion Erfurt wurde mit den nöthigen Vorarbeiten betraut. Die meiste Zeit nahm die Statutenberathung in Anspruch. Man setzte die Aufnahmegebühr auf 50 Pf. und den Wochenbeitrag für Männer auf 15 Pf., für Frauen auf 5 Pf. fest, damit letzteren der Beitritt recht leicht gemacht werde. Zum Sitz des Verbandes ward Flensburg gewählt. Mitte September traten die Arbeiterinnen einer großen Zuckerraffinerie von Paris in Streik, weil ihre Löhne von 60 auf 50 Cts. pro 100 Kilogramm Zucker herabgesetzt werden sollten, was einer Schmälerung ihres Verdienstes um 75 Gts. bezw. 1 Fr. 25 Gts. pro Tag gleichkam. Die Streifenden gründeten zur besseren Vertheidigung ihrer Interessen eine Gewerkschaft, welcher die Arbeiterinnen der meisten Pariser Raffinerien beitraten. Auch diese Arbeiterinnen streiften kurze Zeit, nahmen aber bald die Arbeit wieder auf, da sie über keine Lohndrückung zu klagen hatten und arbeitend die ausständischen Kolleginnen besser unterstützen können. Zu diesem Zwecke führt jede von ihnen täglich 15 Cts. an die Kasse der Gewerkschaft ab, der zahlreiche freiwillige Beiträge zugegangen sind, so daß sie die streifenden Mitglieder thatkräftig zu unterstützen vermag. Die Streifenden halten gut besuchte Versammlungen ab, und die Gewerkschaft forderte die Kammer auf, die nöthigen Schritte bei den öffentlichen Gewalten zu thun, damit der Konflikt beigelegt werde. 163 Der Frauenpalast auf der Chicagoer Weltausstellung. Von N. B. Mehr als in jedem anderen Lande der Welt hat die Frauenbewegung, soweit sie auf bürgerlicher Grundlage ruht, Erfolge der verschiedensten Art in den Vereinigten Staaten aufzuweisen. Wir sehen die Frauen nicht nur auf allen gewerblichen Gebieten, sondern auch auf den wissenschaftlichen und künstlerischen Gebieten mit der Männerwelt um die Wette ringen und unerwartete Erfolge davon tragen. Und ebenso sehen wir, wie sie in verschiedenen Staaten der großen Union auf dem politischen Gebiete als vollkommen Gleichberechtigte neben den Männern thätig sind. Das Vorurtheil von der Unterbürtigkeit der Frau gegenüber dem Mann ist in den Vereinigten Staaten in der Hauptsache durch die Praris beseitigt, und so ist auch erklärlich, daß die Frauen bei dem Arrangement der bevorstehenden großen Weltausstellung in Chicago, die zu Ehren der vor 400 Jahren geschehenen Entdeckung Amerifas durch Christof Columbus, hier 1893 veranstaltet wird, eine Rolle spielen, die vorläufig noch in Europa unmöglich wäre. Diese freiere Stellung der amerikanischen Frau ist, das wissen unsere Leser, ohne daß wir dies erst noch nachdrücklich hervorzuheben brauchen, noch keineswegs die Lösung der Frauenfrage, die nur mit der Lösung der sozialen Frage endgiltig entschieden werden fann, aber sie giebt der amerikanischen Frau einen sozialen Einfluß, den die Frau in Europa nicht entfernt besitzt, und der eine wichtige Etappe bildet in dem großen Befreiungskampf, den die Frau und der Proletarier gleichzeitig kämpfen. Was die Frauen in dieser freieren Stellung leisten, giebt uns eine leise Ahnung von dem, was sie leisten werden, wenn sie erst als vollständig Freie und Gleiche unter günstigeren sozialen Bedingungen ihre Kräfte und Fähigkeiten entfalten können. Von diesem Gesichtspunkt aus wollen wir den Abdruck des nachfolgenden Artikels aufgefaßt sehen, den wir einem offiziellen Bericht des deutschen Reichsfommissars für die bevorstehende Weltausstellung in Chicago entnehmen. Der Bericht zeigt, daß der Berichterstatter selbst unter dem Einfluß von Thatsachen steht, die ihm bisher fremd und unbekannt waren. Der Bericht lautet: „ Zum ersten Male in der Geschichte der internationalen Ausstellungen wird in Chicago ein besonderes Gebäude ausschließlich für die Ausstellung der weiblichen Kunst und Industrie errichtet werden. Um diese Jdee auch vollständig durchzuführen, beschloß man, für diese Zwecke nicht nur ein besonderes Gebäude zu errichten, sondern auch, daß dieser Bau das Werk eines weiblichen Architekten sein sollte. Das Gebäude ist im italienischen Style erbaut und bedeckt eine rechteckige Grundfläche von 200: 400 Fuß. Das Innere desselben, welches weite Gallerien rings um die vier Seiten in einer Höhe von etwa 25 Fuß über der Grundfläche umfassen wird, wird in eine Anzahl von Höfen eingetheilt, in denen die verschiedenen Zweige der Industrie ausgestellt werden sollen. Voraussichtlich wird die nützlichste und interessanteste Abtheilung die für die Krankenpflege und die mildthätige Organisation zur Rettung der Verlornen und zur Hilfe und Sorge für die Kinder sein. Die Werke der weiblichen Malerinnen werden wohl der Hauptsache nach in dem Kunstpalast ausgestellt das, nebenbei bemerkt, ausschließwerden, doch hofft das Komité lich aus Damen besteht in einer Halle dieses Gebäudes, welche lich aus Damen besteht eigens für diesen Zweck reservirt ist, eine große und werthvolle Ausstellung zusammen zu bringen. Die Präsidentin dieses Komités ist Mrs. Potter Palmer, eine der angesehensten Damen Chicagos. Sie scheint diesen Theil der Ausstellung mit großem Geschick organisirt zu haben, und während ihres langen Aufenthaltes in Europa im letzten Sommer hat sie eine außerordentliche Thätigkeit entfaltet, um die Aufmerksamkeit und das Interesse mancher hervorragenden Dame in Europa für diese Sache zu wecken. Es ist deshalb wahrscheinlich, daß sich in verschiedenen Ländern Europas einflußreiche Komités bilden werden, um mit Mrs. Palmer Hand in Hand zu gehen, so daß die Ausstellung in allen Fällen im weitesten Sinne des Wortes eine internationale sein wird. Das Damen- Komité ist die erste offizielle Körperschaft, die sich ausschließlich aus Frauen zusammensetzt und jemals in einem großen und internationalen Unternehmen als gleichberechtigt anerkannt worden ist. Sie ist gleich den Komités, welche durch die Liberalität der National- Kommission ins Leben gerufen wurden, mit Exekutivgewalt ausgerüstet, und man hat ihr ebenfalls Fonds bewilligt, um sie in den Stand zu setzen, die ihr zum ersten Male verliehenen Vollmachten auch praktisch zu verwerthen. Die letzte Sitzung des Kongresses bestimmte für die Frauen- Ausstellung 36 000 Doll. für jedes Budgetjahr und man wird ohne Murren nöthigenfalls auch noch mehr her: geben, wenn man es verlangt. In der That hat ein Dankvotum an den Präsidenten der Kommission und des Finanzkomités bei einem folgenden Meeting der National- Kommission deren thatkräftige Mitwirkung zur Erreichung des Wunsches, die ganze Weltausstellung durch den Kongreß gebilligt zu sehen, auf das Herzlichste anerkannt. Das Direktorium, das mit dem lokalen Theil der Ausstellung, mit der Vorbereitung der Lage und der Errichtung des Gebäudes be= traut war, überließ in generöser Weise dem Damen- Komité den Vortritt. Dieses gab sodann seine Entscheidung für die Lage und für ein prachtvolles Gebäude ab, das an 200 000 Doll. kosten wird. Außerdem ließ man dem Damen- Komité völlige Freiheit in der Kontrole über dieses großartige Gebäude. Man forderte alsdann Entwürfe von weiblichen Architekten ein, deren Resultat man mit einem gewissen ängstlichen Gefühl entgegensah. Bisher kannte man noch keine Frau in diesem Zweige, und die Präsidentin des Damen- Komités bekannte ein gewisses Herzbangen, wenn sie aufgefordert wurde, dem bauleitenden Direktor bei der Durchsicht und Prüfung der eingelaufenen Pläne behilflich zu sein. Es waren ihrer 13; keiner war schlecht, die meisten waren sogar ausgezeichnet, so daß es schwierig war, zu entscheiden, welcher der beste sein mochte. Drei der Entwürfe erhielten Preise, und nachdem dies geschehen, stellte sich das interessante Faktum heraus, daß alle Pläne die Arbeit junger Mädchen im Alter von 20-22 Jahren waren. Mrs. Sophia Hayden errang den ersten Preis und wurde sofort nach Chicago berufen, um den Entwurf zu vollenden und weiter auszuarbeiten. Soviel über das Aeußere des Frauenpalastes, der hinsichtlich seiner Konstruktion weiter vollendet als irgend ein anderes der Ausstellungsgebäude ist und der Hauptsache nach fertig erscheint. Auf das Innere und seine Ausstellungsgegenstände werden wir noch zu sprechen kommen. Die Mitglieder des Direktoriums haben Beiträge in Form von allerlei Material im Namen ihrer Heimathſtaaten angeboten. Das erste Anerbieten dieser Art machte Washington, der jüngste Staat der Union. Frau Houghton, die Damendeputirte dieses Staates, bot eine Granitsäule an, und Montana bat um die Erlaubniß, den letzten Am Nordpol. Nach dem Englischen von P. Dlliverio. ( Fortsetzung.) 164 " Du hast Dich während meiner Abwesenheit verlobt. Deine Worte verrathen es! Deine Blicke verrathen es! Du hast Dich mit einem anderen Manne verlobt!" ,, Und wenn ich es gethan, welches Recht haben Sie, mir darüber Vorwürfe zu machen?" entgegnete sie fest.„ Mit welchem Necht kontroliren Sie meine Handlungen?" Die folgenden Worte erstarben ihr auf den Lippen. Er ließ schnell ihre Hand finfen. Eine auffallende Veränderung ließ sich in seinen Augen wahrnehmen eine Veränderung, welche ihr die grenzenlose, fürchterliche Leidenschaft verrieth, die sich in ihm wachgerufen hatte. Sie las undeutlich ein Etwas in seinen Zügen, was sie erzittern ließ nicht für sich, für Franz. Nach und nach verschwand die hochrothe Farbe aus seinem Gesicht; seine tiefe Stimme verfiel plöglich in leisen, ruhigen Ton, als er die letzten Worte sprach: Sagen Sie nichts weiter, Fräulein Burnham- Sie haben genug gesagt. Ich habe meine Antwort ich bin entlassen." Einen Augenblick schwieg er und legte, dicht an sie herantretend, die Hand auf ihren Arm, dann fuhr er fort: ,, Es mag eine Zeit kommen, wo ich Ihnen vergebe. Dem Manne aber, der Sie mir geraubt hat, soll der Tag gereuen, an dem er Sie das erstemal sah." Darauf wandte er sich und verließ sie. Als Frau Crayford wenige Minuten später in das Zimmer trat, kam ihr ein Kellner mit den Worten entgegen: , Verzeihen Sie, Madame. Haben Sie vielleicht ein Riechfläschchen bei sich? Dort ist eine junge Dame soeben ohnmächtig geworden." Nagel, der durch die Präsidentin nach Vollendung des Frauenpalastes eingeschlagen werden soll, stiften zu dürfen, mit dem Versprechen, diesen Nagel aus Gold, Silber und Kupfer, den werthvollsten Metallen dieses minenreichen Staates, anzufertigen. Ferner baten die Beamten des Damen- Komités um allerlei Material aus den verschiedenen Staaten, wie z. B. feine Holzarten, Steine, Marmor u. s. w. Feine Nutzhölzer werden in reichlichem Maße Verwendung finden und Anerbietungen dafür gehen von allen Seiten ein. Ebenso wird man feines Schnitzwerk reichlich verwenden alles Arbeiten, die durch Frauenhände hergestellt werden, was für die Zulassung zur Ausstellung die erste Bedingung ist. Die Wände der Empfangshalle werden mit hellen Holztafeln belegt werden, und da die erforderlichen Paneele getrennt geschnitzt werden können, so wird die Leitung an Jeden, der ein solches Paneel schnitzen will, auf Wunsch die Zeich nungen für die Dimensionen liefern. Ferner beabsichtigt man, hier verschiedene schöne Wandgemälde anzubringen, die man jedoch nur Künstlerinnen von unzweifelhaftem Ruf zur Ausführung anvertrauen will. Desgleichen werden Kunstwerke in Metall ein reichliches Feld der Verwendung finden. Hierzu kommt, daß Jeder ohne Unterschied beisteuern kann, was nur irgendwie von Werth und Seltenheit in seiner Art ist. Sämmtliche Gegenstände werden am Schluß der Ausstellung der Eigenthümerin zurückgegeben. Jede Dame, die feinere Kunstwerke unter der allgemeinen Klassifikation zur Ausstellung bringen will, wird voraussichtlich aufgefordert werden, eine Doublette davon für den Frauenpalast mit einzusenden. So wird jede Dame den Vorzug genießen, außer in den einzelnen Abtheilungen, wo die allgemeine Konkurrenz in den übrigen Ausstellungsgebäuden ihren Platz hat, auch in der Ausstellung des Frauenpalastes vertreten zu sein. Den Frauen ist durch Kongreßbeschluß und die Generosität des National Komités das Recht eingeräumt worden, auch als Jury für die Preisvertheilung fungiren zu dürfen, mag die Arbeit ganz oder nur theilweise durch Frauenhand hergestellt sein. Die Vertretung der Damen in der Jury muß indeß zu der Frauenarbeit in den betreffenden Departements in einem gewissen Verhältniß stehen. Das Damen- Komité wird einsehen, daß in der Erlaubniß, als Jury fungiren zu dürfen, ein nicht zu unterschätzender Beweis und eine gewisse Anerkennung dafür liegt, daß man auch eines solchen Amtes die Frauen für würdig und fähig hält. Unzweifelhaft wird das kritische Auge der ganzen Welt auf diesen Umstand spannungsvoll gerichtet sein, und wenn dieser Versuch fehlschlagen sollte, so würde die Uhr der Zeit für die gesammte Frauenwelt um IV. Der folgende Morgen, an welchem die Schiffe die Anker lichten sollten, war hell und luftig. Frau Crayford, welche beschlossen hatte, ihrem Manne bis ans Ufer zu folgen und ihn von dort aus abfahren zu sehen, ging zuvor noch einmal nach Selaras Zimmer, um zu hören, wie ihre junge Freundin die Nacht verbracht hatte. Zu ihrem höchsten Erstaunen fand sie dieselbe nicht im Bett, sondern wie sie selbst bereit zum Ausgehen. " ,, Was heißt das, liebe Klara? Warum folgst Du nicht meinem Rathe und bleibst ruhig im Bett, nachdem Du vergangenen Abend so viel gelitten, nach dem Schreck bei dem Wiedersehen mit jenem Manne?" „ Ich kann nicht ruhen. Ich habe die ganze Nacht nicht ge= schlafen. Warst Du schon aus?" „ Nein." ,, Hast Du etwas von Richard Wardour gehört oder gesehen?" " Welche sonderbare Frage!" ,, Beantworte meine Frage! Scherze nicht mit mir!" " ,, Sei vernünftig, Klara. Ich habe von Richard Wardour weder etwas gehört noch gesehen. Glaube mir, der ist schon meilenweit fort." " Nein, er ist hier! Er ist in unserer Nähe! Die ganze Nacht hindurch hat mich das Gefühl verfolgt Franz und Richard Wardour werden einander begegnen." ,, Mein liebes Kind, was machst Du Dir für Gedanken! Sie sind sich ja gänzlich fremd." " Es wird sie etwas zusammenführen. Das fühle ich! Das weiß ich! Sie werden sich treffen es wird zum tödtlichen Streit zwischen ihnen kommen und ich, ich trage die Schuld daran. Ach, Lucie, warum folgte ich nicht Deinem Nath? Warum war ich wahnsinnig genug, Franz merken zu lassen, daß ich ihn liebe? Gehst Du an den Landungsplatz? Ich bin fertig ich muß mit Dir gehen." ein halbes Jahrhundert zurückgehen, während ein Erfolg ihnen eine neue Aera in der Zivilisation eröffnen kann. Dementsprechend wird also die Leitung ihrer Vertretung mit ganz besonderer Sorgfalt und Taft auszuwählen sein aus sämmtlichen Staaten der Union, von der Atlantic bis zum Pacific, von Maine bis Florida, damit sie sachverständige Frauen für die Jury der verschiedenen Zweige in Vorschlag bringen. Seit dem Beginn seiner Organisation hat das FrauenRomité unaufhörlich und unermüdlich und mit zweifellos sichtlichem Erfolge in jedem Staate der Union gearbeitet. Das Direktorium ist außerdem in der Lage, diesen seinen Entwurf über den Kontinent hinaus auszudehnen, um für seine Sache manchen der einflußreichsten Männer und Frauen von Europa zu gewinnen. Für Deutschland hat sich bereits ein besonderes Frauen- Komité aus hervorragenden Damen gebildet. Die französische Regierung hat beschlossen, hervor ragende Frauen als Vertreterinnen zu ernennen, die mit dem Chicagoer Damen- Komité Hand in Hand gehen sollen, und die Namen dieser Komités werden bald bekannt gegeben werden. Die Frauen in Deutschland, Frankreich und England und in der That in ganz Europa bekunden lebhaftes Interesse für eine Darstellung philanthropischer Unternehmungen, indem sie die industrielle Seite mehr den Männern überlassen, die genügend kaufmännische Initiative besitzen. Eine ähnliche Strömung hat sich bereits in der Leitung der Vereinigten Staaten bemerkbar gemacht. Die Statistik über die Thätigkeit der Frauen hat in ganz überraschender Weise die Aufmerksamkeit auf gewisse betrübende Thatsachen hingelenkt, die unzweifelhaft dahin führen müssen, daß hierin Verbesserungen Platz greifen. Es ist nur zu wahr, was von den amerikanischen Frauen erzählt wird, daß sie in den Minen arbeiten müssen, und ebenso müssen die Kinder in den verschiedenen Theilen der Vereinigten Staaten schwere Arbeiten verrichten. Einflußreiche Arbeiterverbände im ganzen Lande sind nun mit dem Damen- Komité während seiner letzten Sigung in Unterhandlungen getreten, um gemeinsam auf die Unterdrückung der Kinderarbeit und auf eine Verminderung der Frauenarbeit hinzuwirken. Hervorragende Bedeutung wird die Ausstellung von häuslichen, gesundheitlichen, erziehlichen und philanthropischen Einrichtungen haben, da diese hauptsächlich durch Gegenstände gebildet wird, bei denen die Frauenwelt naturgemäß am meisten interessirt ist und die daher das hervorragendste Feld für die sprechendste, ausdrucksvollste und nützlichste Darstellung ihrer Thätigfeit abgeben wird. Der ärztliche Direktor für die Ausstellung hat sich bewogen gefühlt, den weiblichen Aerzten in der Krankenstation , Nein, Klara, daran darfst Du nicht denken. Dort wird viel Gedränge und Verwirrung sein. Du bist heute nicht kräftig genug, um das zu ertragen. Warte bis ich zurückkomme, ich werde nicht lange ausbleiben." " Ich muß und werde mit Dir gehen! Gedränge? Er wird in dem Gedränge sein! Verwirrung? In der Verwirrung wird er den Weg zu Franz finden! Verlange nicht von mir, daß ich hier bleibe. Ich werde wahnsinnig, wenn ich hier warte. Ich habe feine ruhige Minute, bis ich Franz mit meinen eigenen Augen im Boote sehe, welches ihn seinem Schiffe zuführt! Du hast den Hut auf, warum zögern wir noch? Komm, oder ich gehe ohne Dich. Sieh nach der Uhr, wir haben feinen Augenblick zu verlieren!" Es war nuplos ihr zu widersprechen, Frau Crayford mußte nachgeben, und die beiden Damen verließen zusammen das Haus. Der Landungsplaß war, wie Frau Crayford vorausgesagt hatte, mit Zuschauern dicht besetzt. Nicht allein Verwandte und Freunde der Nordpolfahrer, sondern auch Fremde hatten sich zahlreich eingefunden, um die Schiffe abfahren zu sehen. Klaras Augen wanderten angstvoll zwischen den fremden Gesichtern der Menge hin und her, um das eine Gesicht zu suchen, welches sie zu sehen fürchtete und nicht fand. Ihre Nerven waren so gänzlich abgespannt, daß sie mit einem Schreckensruf zurückfuhr, als sie Franz' Stimme hinter sich vernahm. " Die Seemövenboote warten," sagte er.„ Ich muß gehen, Geliebte. Wie blaß Du bist, Klara. Bist Du frank?" Sie antwortete nicht und fragte statt dessen mit wildem Blick und zitternden Lippen: „ Ist Dir etwas passirt, Franz? Etwas Ungewöhnliches?" Franz lachte über die sonderbare Frage. ,, Etwas ungewöhnliches?" wiederholte er. Nicht daß ich wüßte -nur daß ich im Begriff stehe, nach dem Eismeer zu fahren. 165 der Ausstellung die gleiche Anerkennung wie den männlichen zu Theil werden zu lassen. Diese wichtige Thatsache mag noch besonders hervorgehoben werden, da sie den bedeutenden Einfluß charakterisirt, den die Frauenleitung ausübt. Der Frauenpalast wird ebenfalls das Modell eines Hospitals mit Aerzten, geschulten Krankenwärterinnen und sämmtlicher Ausrüstung zeigen. In Verbindung damit wird die Abtheilung für öffentlichen Komfort, leichtere Fälle von Unwohlsein und fleinere Unglücksfälle stehen, die bei einer so großen Menschenmenge, wie sie zur Zeit der Ausstellung hier zusammenströmen wird, unvermeidlich sind. Dank dem Entgegenkommen des Generaldirektors wird die Frauenbehörde die Erlaubniß haben, Zweigabtheilungen des Departements für öffentlichen Komfort in allen Hauptgebäuden der Ausstellung zu errichten; ohne im Geringsten dadurch die Vorrechte der allgemeinen Krankenstation zu beeinträchtigen, werden diese Zweigabtheilungen jedenfalls vom Publikum zur Behandlung leichterer Fälle sehr oft in Anspruch genommen und so das allgemeine Wohlbefinden nur erhöht werden. Die vorbereitende Arbeit in den meisten der Vereinigten Staaten diente hauptsächlich dazu, um die gesetzgebenden Körperschaften für eine ähnliche Beisteuer und für die offizielle Anerkennung der Frauen in der Kommission der Staaten günstig zu stimmen. Illinois hat ein glänzendes Beispiel dadurch gegeben, daß es zehn Prozent der ganzen Summe, welche ihm von der Leitung des Staates für Ausstellungszwecke bewilligt worden war stellungszwecke bewilligt worden ward. h. von 800 000 Dollarszur absoluten Verfügung der Frauenbehörde überwies. Die meisten der 28 Staaten der Union, welche an der Weltausstellung betheiligt sein werden und eine besondere Kommission ernannt haben, werden auch den Frauen eine Vertretung innerhalb ihrer Ausstellung einräumen. In vielen Staaten werden die Frauen die Initiative ergreifen, um die rechte Begeisterung für die gute Sache hervorzurufen; in anderen durchforschen sie sorgfältig die heimische Flora und liefern so einen werthvollen Beitrag zur Gartenbau- Ausstellung, indem sie werthvolle Sammlungen aufbringen von eßbaren Pflanzen, heilfräftigen Kräutern u. s. w., die in den Vereinigten Staaten gedeihen. Auf diese Weise wird eine Sammlung von einer Vollständigkeit ent stehen, wie sie nie zuvor erreicht worden ist und unzweifelhaft eine hervorragende Leistung von dauerndem Werthe für die Wissenschaft bilden wird. Gelegentlich der September- Zusammenkunft der DamenKomités wurde ein Ausschuß gebildet, um einen allgemeinen Plan für die Wirksamkeit in den Vereinigten Staaten zu entwerfen und gedruckte Anleitungen zur Veröffentlichung herauszugeben. Eine dieser Das ist allerdings etwas Ungewöhnliches, sollte ich meinen nicht wahr?" ,, Hast Du seit gestern Abend mit Jemand gesprochen? Hat Dich irgend ein Fremder auf der Straße verfolgt?" Franz wandte sich mit vollem Erstaunen zu Frau Crayford: " Was in aller Welt meint sie?" Frau Crayford's lebhafter Erfindungsgeist gab ihr im Augenblick eine Antwort ein: " Glauben Sie an Träume, Franz? Natürlich nicht. Klara hat von Ihnen geträumt; und sie nämlich ist thöricht genug an Träume zu glauben. Das ist Alles Träume zu glauben. Das ist Alles und nicht werth ein Wort darüber zu verlieren. Doch man ruft Sie. Nehmen Sie Abschied oder Sie kommen zu spät zum Boote." Franz ergriff Klaras Hand, und lange nachher in den dunkeln Tagen und langen Nächten des Nordpols erinnerte er sich, wie falt und kraftlos sie in der seinigen gelegen hatte. " " Muth, Klara!" sagte er heiter. Eines Seemanns Braut muß sich an das Abschiednehmen gewöhnen. Die Zeit wird schnell vorübergehen. Lebe wohl, mein Liebling! Lebe wohl, meine geliebte Braut!" " Er füßte die falte Hand und blickte ihr zum letztenmale für viele, lange Jahre vielleicht! in das bleiche, schöne Gesicht. ,, Wie sie mich liebt!" dachte er.„ Wie der Abschied sie schmerzt!" Noch immer hielt er ihre Hand, und würde noch länger verweilt haben, wenn Frau Crayford nicht alle Zeremonie außer acht ge= lassen und ihn sanft fortgeschoben hätte. Die beiden Damen folgten ihm durch die Menge und sahen ihn ins Boot steigen. Die Ruder tauchten ins Wasser; Franz schwenkte die Müße. Einen Moment später verbarg ein vor Anfer liegendes Schiff das Boot vor Aller Blicken. Sie hatten ihn zum letztenmale gesehen, bevor er seine Reise nach dem Eismeer antrat. ( Fortsetzung folgt.) 166 Broschüren ist bereits im Umlauf, andere werden ihr bald folgen. Manche schätzenswerthe Winke sind durch die Berichte über die Wirksamkeit in den verschiedenen Staaten gelegentlich der letzten Sitzung des Damen- Komités ausgetauscht worden, und Dank der Unermüdlichkeit der über alle Staaten zerstreuten Damen hat man so manche wichtige Kenntniß erlangt. Unter Anderem führte ein Mitglied aus, daß die Hauptschwierigkeit bei dem Versuche einer erfolgreichen Seidenfultur einer Industrie, bei der die Frauen in zweierlei Hinsicht, einmal bezüglich der Geldfrage besonders interessirt sind in der Unvollkommenheit der Spulen bestände, und daß die besten Spulen, die augenblicklich im Gebrauch sind, diejenigen wären, die daheim von ländlichen Arbeiterinnen unter Anleitung italienischer Frauen hergestellt würden, die in der Abhaspelung der Seide besonders erfahren seien. Auch wurde der beginnenden Blumenkultur in SüdCarolina Erwähnung gethan, einem in Amerika völlig neuen Industrie zweige, ähnlich dem im südlichen Frankreich. Die Blumen werden zur Herstellung von Extrakten, Parfümerien und Pomaden verwendet, und die Anpflanzung derselben verspricht für die Folge eine lohnende Beschäftigung für die Frauen abzugeben. Amerika hat nie zuvor eine Ausstellung gehabt, die einigermaßen gleichen Schritt mit seinen unvergleichlichen Hilfsquellen, mit seiner ungemeinen Ausdehnung und der wunderbaren Verschiedenheit seines Klimas und seiner Produkte gehalten hat. Vielleicht ist es nicht zu kühn zu behaupten, daß die Vereinigten Staaten niemals eine einzelne oder Kollektiv- Ausstellung veranstaltet haben, auf die stolz zu sein sie irgendwie Ursache hätten; noch weniger haben die Frauen der Union je zuvor einen nennenswerthen Antheil an der Ausstellung eines ähnlichen Unternehmens genommen. Jetzt, wo ein vorgeschrittener Kongreß, eine freie National- Kommission und ein generöses Direktorium fast unbegrenzte Gewalt in die Hände der amerikanischen Frauen gelegt haben, ist die Frauenleitung, die jede Abtheilung des Landes in sich schließt, fest entschlossen, Alles dazu beizutragen, um die Kolumbische Ausstellung zu der prachtvollsten und großartigsten Leistung in der großen Geschichte der Republik zu machen. Ich habe so viel Raum für die Darstellung der Frauenausstellung verwendet, weil sie durchaus wichtig ist und zum Ueberfluß beweist, wie hoch der ernste Wille der Frauen in Amerika in dieser Beziehung anzuschlagen ist." Die aufkeimende Arbeiter- und Arbeiterinnenbewegung in Rußland. Daß sich nunmehr auch in Rußland Arbeiterverbindungen bilden, die sich zum Ziele setzen, die Arbeiter über ihre soziale Lage aufzuklären, in ihnen das Klassenbewußtsein zu wecken, sie politisch zu schulen und zur politischen Thätigkeit zu veranlassen, zum Einstehen für ihre Rechte als Bürger und Arbeiter das steht fest. Die russischen Arbeiter erwachen, und die aufkeimende Bewegung wird, wie überall, auch hier sichere Früchte tragen. Prinzipiell ist diese Bewegung vollkommen solidarisch mit der westeuropäischen Sozialdemokratie, nur daß den russischen Arbeitern ein viel härterer und ausgedehnterer Kampf bevorsteht, denn sie haben gar keine politischen Rechte. Dagegen besitzt die russische Arbeiterbewegung auch einen Vortheil der westeuropäischen Bewegung gegenüber, und dieser besteht darin, daß sie, da sie später auftritt wie jene, die Erfahrungen der westeuropäischen Arbeiter für sich verwerthen kann. Und zum großen Ruhme der Pioniere der russischen Arbeiterbewegung muß es gesagt werden, daß sie es vortrefflich verstehen, diese Erfahrungen auszunüßen. Die ersten klassenbewußten Arbeiter Rußlands stehen vollkommen auf dem Boden des wissenschaftlichen Sozialismus. tarierweibes, für das Aufgehen der besonderen Frauenfrage in der allgemeinen sozialen Frage. " Als Beweis dafür und um die westeuropäischen organisirten Arbeiterinnen mit dem geistigen Bilde ihrer russischen Schwester bekannt zu machen, wollen wir hier wortgetreu aus der Rede einer russischen Arbeiterin eine Stelle wiedergeben, die speziell die Frauenfrage behandelt. Die betreffende Rede wurde in einer geheimen Versammlung von Arbeitern und Arbeiterinnen in einer großen Stadt West- Rußlands am 1. Mai dieses Jahres, also am internationalen Arbeiterfeiertage, gehalten. Folgendes führte die russische Genossin aus: ,, Vor allem dürfen wir nicht vergessen, daß die Frauenfrage feine besondere Frage ist, sondern nur als Theil der großen sozialen Frage erscheint. Wir wollen sehen, inwiefern dies zutrifft. Man glaubt, daß es für die Emanzipation der Frau genügend sei, wenn diese in materieller Beziehung vom Manne unabhängig ist. Ist dies aber thatsächlich richtig? Als die Produktion noch wenig entwickelt war, verrichtete die Frau häusliche Arbeiten. Allein mit dem Auftreten der maschinellen Produktion wurde ihre Arbeit im Hause immer mehr beschränkt, denn die Fabrik erzeugte dieselben Sachen, wie sie, viel billiger; außerdem mußte die Frau den häuslichen Herd verlassen, weil ihr Mann in Folge der Entwicklung der Produktion einen geringeren Arbeitslohn erhielt. Diese Umstände nöthigten sie, in die Fabrik zu gehen, um zum Unterhalt der Familie beizutragen. Dank dieser Verhältnisse wurde sie selbständig, unabhängig vom Manne. Dafür aber gerieth sie unter die Gewalt eines Blutsaugers, in die Hand des Kapitalisten. Solcherart sehen wir, daß, dank der Entwicklung der Produktion, die Frau in der Familie mehr Selbständigfeit und Freiheit erlangt hat. Aber hat sie damit die Freiheit erlangt, welche wir erstreben? ,, Sehen wir, welchen Schaden uns die neue Ordnung der Dinge gebracht hat. " Als der Mann allein arbeitete, konnte er die ganze Familie ernähren. Mit dem Auftreten der Großproduktion machte die Frau dem Manne Konkurrenz, der zufolge sich der Arbeitslohn der Männer verringerte, ja viele Männer ohne Arbeit blieben. Sollen wir aber dieses Mißstands wegen die Abschaffung der Frauenarbeit erstreben? Mit nichten! Denn die Lage der Arbeiter würde dadurch nicht verbessert. Der Arbeitslohn würde in der Folge doch nicht steigen, denn der Kapitalist würde anfangen mit vollkommeneren Maschinen zu arbeiten, so daß die Lage der Arbeiter trotz Abschaffung der Frauenarbeit nicht besser werden könnte. So sehen wir, daß weder die frühere Stellung der Frau als Hausfrau, noch die folgende als Fabrikarbeiterin unsere Forderung auf Emanzipation der Frauen zu verwirklichen vermag. Obgleich die Frau aus einer Hausfrau zur Fabrikarbeiterin wurde, hat sich ihre Stellung keineswegs verbessert, ja nicht einmal innerhalb der Familie verbessert. Die Ursachen davon sind folgende: Erstens gab uns die Bourgeoisie das Beispiel von der unterdrückten Stellung der Frau. Bei der Bourgeoisie kann es uns nicht befremden, daß sich die Frau in solch niedriger Stellung befindet: die Frau der Bourgeoisie kennt nichts anderes als über ihren But, ihren Staat nachdenken. Freilich, wenn wir das Nämliche nun auch unter uns Arbeitern und Arbeiterinnen finden, so ist das sehr traurig. Zweitens wird der Frau in der Fabrik eine leichtere Arbeit zugetheilt, so daß ihr Arbeitslohn ein sehr niedriger ist, und doch steht die Frau in ihrer Fähigkeit, zu arbeiten und sich geistig zu entwickeln, keineswegs dem Manne nach. Dank diesen Verhältnissen hat sich beim Manne die Anschauung herausgebildet, daß die Frau ein niedrigeres Wesen sei." Nachdem derart die russische Arbeiterin im Allgemeinen ganz im Sinne des wissenschaftlichen Sozialismus geschichtlich und wirth schaftlich die Stellung der Frau flargelegt hatte, schloß sie ihre Ausführungen ganz richtig, wenn auch etwas zu schnell, damit, daß nur in der sozialistischen Gesellschaft, also in einer Gesellschaftsordnung, wo die soziale Gleichheit Aller durch die besondere wirthschaftliche Organisation verbürgt ist, die Frauen zu ihrem Rechte gelangen können, und daß sie sich deshalb der allgemeinen Arbeiterbewegung anschließen müssen. So können wir Frauen also die Frage unserer " Für die klassenbewußten Arbeiterinnen ist wohl besonders interessant zu erfahren, wie sich unter solchen Umständen die Arbeiterinnenbewegung in Rußland gestaltet. Schon die Thatsache allein ist wichtig genug, daß in Rußland von vorn herein, von Anfang an, neben dem klassenbewußten Arbeiter auch die klassenbewußte Arbeiterin auftritt. Soweit sich bis jetzt die Sachlage überblicken läßt und so- Befreiung nicht von der allgemeinen sozialen Frage trennen, denn weit man von den ersten Anfängen über die weitere Entwicklung urtheilen kann, soll sich die Arbeiterorganisation Rußlands zu einer einheitlichen Organisation von männlichen und weiblichen Proletariern gestalten. An den Versammlungen, soweit uns Berichte vorliegen, nehmen Arbeiterinnen ebensowohl wie Arbeiter Theil, und Hand in Hand mit dem Arbeiter- Agitator tritt uns die Gestalt der Arbeiterin Agitatorin entgegen. Aber nicht nur dieser Umstand allein zeugt für die Einheitlichkeit der Bewegung, sondern auch das klare Verständniß, welches russische Arbeiterinnen zeigen für die allgemeine Arbeitersache, für das Grundübel der gedrückten Stellung des Prole unsere Sache ist vollkommen solidarisch mit der Sache aller Proletarier. Wir Alle haben denselben Feind, gegen den wir zusammen tämpfen müssen. Wir Alle werden die volle Freiheit nur in der sozialistischen Gesellschaft erlangen, folglich müssen wir suchen, die Verwirklichung derselben näher zu führen." Wir haben die, von einer russisch- jüdischen Arbeiterin zur Maifeier 1892 gehaltene Rede in ihrer ganzen Eigenartigkeit wieder gegeben, soweit dies bei einer Uebersetzung möglich ist, Wort für Wort dem Originale folgend. Aus den Ausführungen blickt den westeuropäischen Arbeiterinnen ein bekanntes Bild entgegen: das Bild einer Schwester, einer Mitstreiterin im großen Befreiungskampfe des Proletariats. Unter dem Druck ihrer Klassenlage ist auch sie, wie so viele Proletarierinnen in Deutschland, Desterreich, Frankreich, kurz überall, wo der Kapitalismus seine Orgien feiert, zum Bewußt sein erwacht. Sie hat gedacht, sie hat sich belehrt, ihr Geistesleben hat sich entfaltet, in ihrer Auffassung hat sie mit dem alten Schlendrian gebrochen, wandelt sie neue Bahnen, auf welche sie durch ihre ureigensten Interessen hingewiesen wird. Von der Erkenntniß ihrer Leiden ist sie zur Erkenntniß der gesellschaftlichen Erscheinungen fort geschritten, von da zur Erkenntniß der wahren Ursachen ihrer unterdrückten, elenden Stellung, zur Erkenntniß auch des einzigen Mittels, das Abhilfe zu schaffen, welches ihr die Befreiung zu bringen vermag. Sicher ist die Zeit nicht mehr fern, wo an den Berathungen der Vertreter des Weltproletariats auch die russischen Arbeiterinnen theilnehmen, wo sie in Gestalt ihrer Delegirtinnen in persönliche Berührung mit ihren Schwestern und Brüdern der Arbeit und des Elends treten werden. Bis dahin wird es ihnen ein Trost im Leiden und eine Ermuthigung im Kampfe sein, sich eins zu wissen mit ihren Klassen genossen und Genossinnen der ganzen Welt und ihnen ab und zu bei Gelegenheiten, wie die erwähnte, ihren sozialistischen Bundesgruß senden zu können. Ignatjeff. Die Pariser Frauen des 5. und 6. Oktober 1789. ( Schluß.) Tausende der Angesammelten hatten seit dreißig Stunden nichts gegessen. Die Menge, welche von verbohrt einseitigen oder besoldeten Geschichtschreibern als der„ Auswurf, die Hefe der Pariser Frauenwelt" bezeichnet wird, bestand der Hauptsache nach aus Unglücklichen, welche die Verzweiflung vorwärts trieb, und aus Mitleidigen und Idealistinnen, welche dem Massenelend gegenüber nicht länger in Unthätigkeit verharren wollten und konnten. Viele betrachteten den Zug nach Versailles als ein Fest und hatten weiße Kleider oder ihre besten Gewänder angelegt. In Gruppen strömten die Frauen dem Rathhaus zu, hier Brot und Waffen, sowie Beistand für Stranke und Schwangere fordernd, welche sich der Bewegung angeschlossen hatten oder mitfortgerissen worden waren. Die das Hotel de Ville besetzt haltenden Truppen wurden mit Steinwürfen angegriffen und der Eingang zu dem Gebäude erzwungen. Seitens einzelner aufgeregter Gemüther fiel die Aeußerung, daß es das Beste sei, die Mitglieder des Stadtraths zu hängen und das Rathhaus anzuzünden. Es genügten jedoch etliche beruhigende Worte Maillard's, der an dem Bastillensturm hervorragenden Antheil genommen, um diese Stimmen zum Schweigen zu bringen. Die Frauen führten die vorgefundenen Kanonen weg und marschirten in einer Anzahl von 7-8000 unter Maillard's Führung Versailles zu. Friedlich, ohne den geringsten Schaden anzurichten, passirte der" wilde Pöbelhaufe" den Palast und die Gärten der Tuilerien. Bald machte sich der Hunger grausam fühlbar. In den Vororten, durch welche der Weg nach Versailles führte, schrie die Menge nach Brot. Halbverhungerte Frauen erklärten, Lebensmittel stehlen zu wollen, wenn man ihnen nichts zu essen gebe. Trotzdem gelang es Maillard, eine gewisse Ordnung aufrecht zu erhalten und die Plünderung der Bäckerläden 2c. zu verhindern. Die Thatsache spricht beweisträftig gegen das Märchen von den„ zügellosen, rohen Instinkten der entfesselten Megären." In Sèvres konnten sich die entkräfteten Frauen nicht mehr weiter schleppen. Maillard erhielt gegen baares Geld etliche Krüge Wein und von den mit Gewalt herbeigeholten Bäckern des Orts acht vierpfündige Brote. Was sollte das Wenige für so Viele? Die wunderbare Speisung der Fünftausend mit fünf Broten und zween Fischen wiederholte sich nicht für die darbenden Frauen des Pariser Voltes. Hungrig und matt zum Sterben marschirten diese weiter, nur von der Hoffnung aufrechterhalten, durch ihr Ausharren ihren Theuren, der nothleidenden Masse Hilfe zu schaffen. Die meisten von ihnen warfen ihre Waffen fort, weil sie dieselben nicht länger zu tragen vermochten, aber auch dem Zureden Maillard's nachgebend, welcher erklärte, daß man König und Nationalversammlung durch den Anblick des unendlichen Jammiers rühren, aber nicht durch Drohen mit Waffengewalt einschüchtern wollte. Um ihre friedliche Absicht fund zu thun, sang die Menge beim Einrücken in Versailles„ Das Lied Heinrichs IV.," die Hymne des französi schen Königthums. Die ärgsten Feinde der Revolution konnten 167 sich des Eindrucks nicht erwehren, daß all dieses Volk nur Brot, nichts als Brot verlangte." Während das Volk Bis tief in die sinkende Nacht hinein hielt sich die vieltausendköpfige Menge von Frauen vor dem königlichen Schloß, die Ergebnisse der Unterhandlungen ihrer Deputationen mit der Nationalversammlung und dem König abwartend. hungerte, die alte Ordnung der Dinge in allen Fugen frachte, die Zeit ernste Aufgaben stellte, war Ludwig XVI. wie gewöhnlich auf der Hirschjagd im Park zu Meudon, von der er erst in vorgerückter Stunde zurückkehrte. Die vom Hunger gepeinigte Menge erst spät am Abend erhielt sie nothdürftige Nahrung- bewies eine geradezu übermenschliche Geduld und bewahrte eine verhältnißmäßig ruhige Haltung, obgleich die königlichen Truppen durch ihr übermüthiges, brutales Benehmen geradezu einen Zusammenstoß mit dem Volkshaufen herausforderten. Die„ ,, entmenschten Weiber" hungerten nach Brot und dürsteten so wenig nach dem Blute der " Nichtpatrioten," daß sie das der Königin anhängende Regiment von Flandern in rührenden Worten anflehten, nicht auf Schwestern und Brüder zu schießen, dem in friedlicher Absicht gekommenen Volt fein Leid zuzufügen. Die schöne Lütticherin Théroigne de Méricourt machte sich besonders bemerkbar durch die unwiderstehliche Beredtsamkeit, mit welcher sie die Soldaten für die Volkssache zu gewinnen, sie zu bewegen verstand, ihre Patronen der Nationalgarde zu geben. Die Nationalversammlung, die als Vertreterin der Interessen des Bürgerthums sich den Interessen des Volfs gegenüber mit schönen Phrasen abfand, aber instinktiv die Menge fürchtete und vor jeder ihr gemachten Konzession zurückscheute, zauderte unentschlossen, was zu thun sei. Auf den Schrei nach Brot antwortete sie durch Vertröstungen und durch den Hinweis auf die Entscheidung des Königs. Nachdem dieser verschiedene Versuche ge= macht, mit seiner Familie das Schloß zu verlassen, empfing er schließlich eine Deputation von zwölf Frauen, deren Wortführerin die siebzehnjährige Blumenverkäuferin Louison Chabry war. Als das junge Mädchen das Wort ergreifen wollte, sant es vor Ermattung und Aufregung mit dem Ausruf:" Brot!" ohumächtig zu Boden. Erst nach wiederholten Vorstellungen, und als die Haltung der Menge unruhiger, drohender geworden, entschloß sich der König zu einem Erlaß, welcher die lleberführung von Getreide nach Paris anbefahl und jedes Hinderniß aufhob, das der Verproviantirung der Stadt im Wege stand. Etwas später unterzeichnete Ludwig XVI. auch die neuen konstitutionellen Artikel. Während die Verhandlungen hin- und hergingen, waren Schaaren von Frauen in den Sigungssaal der Nationalversammlung eingedrungen, um den Abgeordneten das Elend von Paris zu schildern. Als der Präsident Mounier die Mittheilung brachte, daß der König die konstitutionellen Artikel unterzeichnet hatte, ward er von allen Seiten mit der Frage bestimmt:" Werden die armen Leute von Paris nun Brot bekommen?" Und Fragen und Erflärungen werden durch den Ruf übertönt:„ Wir hungern fürchter lich, wir haben heut noch nichts gegessen." Die Nationalversamm lung fuhr darauf fort, die Geseze über Verbrecher zu erörtern, die Frauen störten jedoch die Verhandlungen durch allerhand Zwischenrufe." Der Schwäßer da, thäte besser zu schweigen," riefen sie; es handelt sich nicht darum, es handelt sich darum, Brot zu bekommen." kommen." Und Brot, Brot! wir hungern!" schwirrte es vieltausendstimmig vor den Thoren des Sigungssaals kläglich flehend und zornig drohend durch die Luft. Der Hunger, das bittere Elend beherrschte als Leitmotiv die Aktion der nach Versailles gezogenen Pariserinnen. Wie bereits bemerkt, war es erst spät Abends, nachdem der König einen Entschluß gefaßt hatte, daß die hungernde Menge Brot erhielt. " Gegen Mitternacht fehrte der größte Theil der Frauen, die ant Zuge Theil genommen hatten, unter Führung von Maillard und Louison Chabry nach Paris zurück, um daselbst die frohe Botschaft zu verkünden. Da aber den ganzen Tag über, bis spät in die Nacht hinein, Haufen hungernder Männer und Frauen nach Versailles geströmt waren, so blieb hier noch eine beträchtliche Menge zurück. Sie wollte sich mit den gemachten Versprechungen nicht zufrieden geben, sondern verlangte als Pfand für deren Er Nr. 21 der ,, Gleichheit" gelangt am 19. Oktober 1892 zur Ausgabe. füllung die Uebersiedlung des Königs nach Paris. Der Einfluß der Königin verhinderte in den Augen des Volkes die Verwirk lichung dieser Forderung, er verhinderte eine Umgestaltung der Verhältnisse zum Bessern. So kam es, daß am Morgen des 6. Oktober Volkshaufen in die Gemächer der Königin eindrangen. Erschreckt und um ihr Leben bangend flüchtete diese in die Zimmer des Königs, der, um die Menge zu beruhigen, sich auf dem Balkon zeigte, wo ihn der Ruf umbrauste:„ Nach Paris, nach Paris!" Dem Verlangen des Volks entsprechend mußte auch die Königin auf dem Balfon erscheinen. Sie fam mit ihren beiden Kindern, und der Anblick bewirkte einen vollständigen Umschwung in der Stimmung der Menge. Zumal die Frauen sahen in Marie Antoinette nicht mehr die verhaßte, mit dem Auslande komplottirende Königin, sondern nur noch die Frau, die Mutter. Die ausgestoßenen Schimpfreden, Verwünschungen und Drohungen verstummten, die erhobenen Fäuste sanken herab, die eben noch leidenschaftlich zürnende Menge flatschte gerührt Beifall. Nachdem das Ansinnen des Königs, die Nationalversammlung solle im Schloß weitertagen, mit Recht als eine Demüthigung der Volfsvertretung und Volksrechte zurückgewiesen worden war, gab endlich Ludwig XVI. dem ungestümer werdenden Drängen der Pariser nach und willigte in seine sofortige Abreise nach der Hauptstadt. Der Siz der Nationalversammlung ward daraufhin gleichfalls nach Paris verlegt. Die Menge begrüßte beide Entschlüsse mit ungeheurem Jubel. Von hundert Abgeordneten, einem ganzen Heer von Soldaten und Nationalgarden und den fröhlich aufgeregten Volkshaufen um= geben, zog der König mit seiner Familie Paris zu. Auf der von strömendem Regen aufgeweichten Straße bewegte sich die königliche Karosse nur langsam vorwärts, einem Leichenwagen gleich. Und in der That, sie führte auch einen Leichnam, den Kadaver der alten absolutistischen Monarchie. Der Zug des Königs nach Paris bedeutete, daß Volkswille stärker war als Königswille. " Trotz des schlechten Wetters herrschte rings um die Karosse ein gar bewegtes, heiteres Treiben. Zu Fuß, zu Pferd, in Wagen, auf Karren, auf Kanonen ſizend führten Pariser und Pariserinnen den„ guten Papa" in hellem Jubel nach der Hauptstadt zurück. Viele Frauen trugen Laibe Brot für die Daheimgebliebenen an der Spize ihrer Bife, andere wieder hatten dort herbstlich gefärbte Pappelzweige befestigt. Wir bringen den Bäcker, die Bäckerin, den Bäckerjungen," so tönte es fröhlich aus dem Haufen, wir bringen Brot für die hungernden Brüder." Nach der naiven Ueberzeugung des Volks zog mit dem König auch der Ueberfluß in Paris ein. Die nächste Zeit schon zeigte, wie irrthümlich diese Ansicht war. Nicht die Rückkehr des Königs, auch nicht die Zertrümmerung der alten feudalen Gesellschaftsordnung vermochte die Noth der Massen zu bannen. Mit der Umgestaltung der Gesellschaft, wie sie die Revolution bewirkte, hatte nicht die Ausbeutung des Volks ein Ende, nur in den Personen der Herrschenden und Ausbeutenden trat ein Wechsel ein. " Die Fabrikbarone und Schlotjunker verstehen es ebenso gut, bielfach noch besser, als der mittelalterliche Raubadel, die breiten Schichten der Bevölkerung bis aufs Blut auszubeuten. So ist der Hunger deren Schicksal geblieben. Und nicht blos der Hunger nach Brot.„ Der Mensch lebt nicht von Brot allein," zumal der moderne Mensch nicht. Nicht blos der Magen, auch der Geist, auch das Herz der Mühseligen und Beladenen verlangt laut nach Befriedigung. Die Magenfrage," die gebieterisch ihre Lösung verlangt, ist zugleich eine Kulturfrage von höchster Tragweite. Die in materieller und geistiger Noth Darbenden unserer Zeit wissen sehr wohl, daß keine Kopie des Zugs nach Versailles, keine gute Absicht, kein starker Wille eines Mächtigen ihr Elend zu wenden vermag. Nur eine Umgestaltung der Gesellschaft aus einer kapitalistischen in eine sozialistische kann ihnen die Erlösung aus Elend und Knechtschaft bringen, nur das klassenbewußte, organisirte, fämpfende Proletariat kann diese Umgestaltung vollziehen. Auf, Ihr proletarischen Frauen! Denkt Eurer Entbehrungen, denkt der Entbehrungen Eurer Lieben, zumal Eurer Kinder, schließt Euch den Schaaren an, welche im heraufdämmernden Morgen einer neuen Zeit entgegenziehen. Thut thatkräftig das Eure, wie Eure Schwestern des Pariser Volts das ihre gethan haben. 168 Der Parteitag der deutschen Sozialdemokraten. Der Parteivorstand macht bekannt, daß mit Rücksicht auf die zur Zeit noch herrschende Choleragefahr, welche in einer Reihe von Wahlkreisen die Beschickung des Parteitages unmöglich macht, beschlossen worden ist, den auf 16. Oktober d. J. nach Berlin berufenen Parteitag zu vertagen. Der Zusammentritt des Parteitages erfolgt, sobald in allen Wahlkreisen die Möglichkeit gegeben ist, Delegirte zu wählen und zu entsenden, und werden die Genossen hiervon rechtzeitig benachrichtigt werden. Den Arbeiterinnen ist mithin noch weiter Gelegenheit geboten, sich über die auf der Tagesordnung stehenden Fragen zu belehren, bezw. mit eigenen Anträgen hervorzutreten. Wir veröffentlichen in der folgenden Nummer drei Anträge, welche der Verein sozialistischer Frauen und Mädchen Mannheims einzubringen beabsichtigt. Kleine Nachrichten. Nach den„ Statistischen Erhebungen über die Lohn- und Arbeitsverhältnisse der Maurer Deutschlands für das Jahr 1890" - nebenbei gesagt, einer sehr tüchtigen, fleißigen Arbeit- mußten in 856 Maurerfamilien von 5800 die Frauen und Kinder zur Erschwingung des Lebensunterhaltes beitragen. In 833 Haushaltungen war die Existenz nur möglich, weil Landwirthschaft, in 385, weil ein anderes Nebengewerbe betrieben ward. Das heißt, daß von 100 Maurern 36 nicht mehr genug verdienen, um auf Grund ihrer Berufsarbeit eine Familie erhalten zu können. Wenn ein Nebenerwerb nicht Zuschuß liefert, so muß die Frau, so müssen die Kinder zum Erwerb heran. So zwingt das Kapital sämmtliche Glieder der Proletarierfamilie in seinen Dienst, um ihnen Mehrwerth auszupressen, und indem es die Frau aus einer Hauswirthin in eine Industriearbeiterin verwandelt, schafft es eine weitere jener revolutionären Kräfte, welche seiner Herrschaft ein Ende bereiten werden. Die Arbeitslehrerinnen der Stadt Bern richteten kürzlich an die Gemeindebehörden ein Gesuch um Gehaltserhöhung. Gegenwärtig erhalten dieselben für ca. 170 jährliche Unterrichtsstunden nur 150 Frs. Gehalt, während ein Fachlehrer für Zeichnen 2c. wohl das Doppelte bezieht. Mag ein Privatunternehmer, mögen Staat oder Kommune in der kapitalistischen Gesellschaft weibliche Arbeitskraft ausbeuten, so wird diese stets als billigere, unterbezahlte Arbeitskraft verwendet, denn das Profitmachen auf Kosten der Arbeitsbienen bleibt hier wie da das Losungswort. Wollen die Lehrerinnen wirklich ihre Lage verbessern, wirthschaftlich ihre Lage der ihrer Kollegen gleichgestellt sehen, so müssen sie begreifen, daß sie Proletarierinnen sind, so müssen sie sich organisiren. Organisiren allerdings nicht blos in Unterſtützungsvereine und in allerunterthänigst verharrende" Petitionskränzchen, vielmehr in Kampfgenossenschaften, welche bessere Gehaltsbedingungen zu erzwingen verstehen. Die bekannte französische Bildhauerin Frau Léon Bertaux hat sich um einen leer gewordenen Sitz im Institut de France beworben. Obgleich die Künstlerin alle Auszeichnungen der Salons und auf der Ausstellung von 1889 die goldene Medaille erhalten hat und einen wohlbegründeten Ruf genießt, wird ihre Kandidatur als Anmaßung gedeutet und wird kaum Erfolg haben, weil sie eine Frau ist. Frau Bertaux wollte dem Institut de France Gelegenheit geben, die Frage der Zulassung von Frauen zu den akademischen Ghren wenigstens zu erörtern. Das Reglement verbietet dieselbe nicht. Frau Bertaux hätte sich auf Präcedenzfälle berufen können. 1663 wurde die Frau des Bildhauers Girardon, selbst Bildhauerin, Katharina Duchemin, 1716 die als Graveurin ausgezeichnete Sophie Chénois und 1783 die bekannte Malerin Vigée Lebrun in das Institut de France aufgenommen. Damals machten die Herren Künstler und Gelehrten aus der Frage feine Prinzipienfrage, weil sie durch dieselbe nicht in ihren materiellen Interessen berührt wurden. Damals handelte es sich um die Thätigkeit ganz vereinzelter Frauen auf dem Gebiete der Wissenschaft und Kunst, nicht wie heute um das Eindringen von Hunderten, bald von Tausenden, welche durch ihr Schaffen den Männern Konkurrenz machen, deren Berufsverhältnisse verschlechtern. Seitdem unter dem Druck der„ Magenfrage" Männer und Frauen der bürgerlichen Kreise einander in den Haaren liegen, ist die Frage der Zulassung des weiblichen Geschlechts zur künstlerischen und wissenschaftlichen Thätigkeit eine Haupt- und Staatsfrage geworden. Erst seit jener Zeit bedeutet das Eindringen der Frau in die Sphäre der Kunst und Wissenschaft den Ruin„ der edelsten Errungenschaften unserer Kultur, Sittlichkeit" und Ehlichem mehr. Verantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zetkin( Eißner) in Stuttgart. Druck und Verlag von J. H. W. Dieg in Stuttgart. 1