Nr. 26. Die Gleichheit 2. Jahrgang. Beitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen. Herausgegeben von Emma Ihrer in Velten( Mark). Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr 2564 a) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf. Stuttgart Mittwoch, den 28. Dezember 1892. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Einladung zum Abonnement. Mit vorliegender Nummer schließt die„ Gleichheit" den 2. Jahrgang ihres Erscheinens ab. Wir ersuchen die Leserinnen und Leser, ihr Abonnement mög lichst bald zu erneuern, damit in der Zusendung des Blattes keine Unterbrechung eintritt. Wir ersuchen sie ferner, dafür zu wirken, daß sich der Leserkreis der„ Gleichheit" mehr und mehr erweitere, damit in immer breitere Schichten der proletarischen Frauenwelt die von dem Blatt vertretenen sozialdemokratischen Ueberzeugungen getragen werden und festen Fuß fassen. " Die Gleichheit" wird wie bisher fortfahren, mit aller Entschiedenheit für die gesammten Interessen der Frauen des Proletariats einzutreten. Ihre Haltung wird sein, wie sie gewesen, und wie sie durch die Thatsache vom Kampfe der Klassen bedingt wird, an dem Theil zu nehmen die Pflicht und das Interesse der Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen erheischt. " Redaktion und Verlag werden wie seither Alles aufbieten, was in ihren Kräften steht, damit die Gleichheit" ihrer Aufgabe eine Ruferin zu sein im Streit möglichst gerecht werde. Wir hoffen, daß sich das Blatt im neuen Jahrgang die alten Sympathien erhalten und neue Sympathien gewinnen wird. Die Redaktion und der Verlag. " Dreieinhalb Monate Fabrikarbeiterin. Seitdem die Sozialdemokratie eine Macht geworden, welche mehr und mehr die Führung der Arbeitermassen übernimmt, wendet man auch in den bürgerlichen Kreisen den Lebens- und Arbeitsverhältnissen des Proletariats größere Aufmerksamkeit zu. Besonders in lezter Zeit ist es hier eine Art Mode geworden, sich in mehr oder minder guter Absicht, mehr oder minder ernst mit der sozialen Frage" zu beschäftigen. In der Mehrzahl der Fälle gehen die betreffenden Versuche über den Rahmen einer gutgemeinten, aber herzlich belanglosen Spielerei nicht hinaus. Sie verdienen Beachtung als Zeichen der Zeit, aber weit weniger als Beiträge zur Kenntniß der Lage des Proletariats und zur Anbahnung besserer Arbeitsund Lebensverhältnisse desselben. Das Gesagte gilt in seiner schärfsten Form für das kürzlich erschienene Buch einer Frau Dr. Minna Wettstein- Adelt.*) Die Verfasserin ist eine bürgerliche Frauenrechtlerin, welche sich von vielen ihresgleichen vortheilhaft durch die Einsicht unterscheidet, daß die Gleichberechtigung mit dem Manne nicht erreicht werden kann, so lange Tausende und aber Tausende von Frauen in Elend, Knechtschaft und Verrohung schmachten," daß man ein festes Fundament aufgebaut haben müsse, ehe man daran gehen fönne, den schlanken Kirchthurm der Kultur" zu errichten. Sobald es sich aber um Mittel und Wege handelt, wie den unwürdigen, Dreieinhalb Monate Fabrikarbeiterin." Eine praktische Studie von Frau Dr. Minna Wettstein- Adelt. Berlin, Verlag von J. Leiser. Zuschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" sind zu richten an Fr. Klara Bettin( Eißner), Stuttgart, RothebühlStraße 147, IV. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. fulturwidrigen Verhältnissen der breitesten Kreise der Frauenwelt. abgeholfen werden könne, da entpuppt sich Frau Dr. Wettstein- Adelt als eine Frauenrechtlerin allerplattesten Schlages, da zeigt sich, daß sie bis über die Ohren in den vorurtheilsvollsten bürgerlichen Anschauungen steckt und Hilfe von der Philanthropie der oberen Zehntausend erwartet. Die Forderungen, welche die Verfasserin im Interesse der Arbeiterinnen erhebt, sind durchaus halb und nichtig. Das muß um so mehr überraschen, als sie die Schlußfolgerungen sind der " praktischen Studien," welche Frau Dr. Wettstein- Adelt persönlich über die Verhältnisse der Proletarierinnen anstellte. Eine gründliche und unbefangene Prüfung der Frage, wie unsere Arbeiterinnen leben und arbeiten, müßte aber unseres Erachtens zu ganz anderen Schlußfolgerungen führen als die sind, zu denen die Frau Doktor gelangt. Sie müßte von dem Wie auf das Warum zurückgehen, die wahren Ursachen aufdecken der erbärmlichen Lebensverhältnisse, damit auch der Verwilderung, Rohheit, Unsittlichkeit, welche die Verfasserin vielfach in Arbeiterinnenkreisen gefunden hat. Der Ursache müßten auch die vorgeschlagenen Heilmittel entsprechen, sie müßten ganze sein, die gekennzeichneten Uebel an der Wurzel packen, nicht bloß an den Erscheinungsformen derselben herumfurpfuschen. Frau Dr. Wettstein- Adelt nagelt in ihrem Buche Mißstände feſt, welche im materiellen, geistigen und sittlichen Leben der Arbeiterinnen grell hervortreten, aber sie erhebt nicht die Frage nach dem Grunde dieser Mißstände, sie kann folglich auch nicht die geeigneten Mittel zu ihrer Besserung vorschlagen. Die Ergebnisse ihrer praktischen Studien" lösen sich in einer Reihe von Augenblicks- und Stimmungsbildern auf, von dem Werth der Momentphotographien. Gewiß, auch solche haben ihren Werth, das sei unbestritten. Gerade eine Schnellaufnahme giebt oft ein treueres Abbild der Wirklichkeit, als eine mit allen Kunstkniffen retouchirte und verschönerte Photographie. Aber sie giebt uns keinen Aufschluß darüber, wie das, was als Wirklichkeit vorliegt, ent= standen, warum es ist und sein muß, wie es ist, und wie es sich bestimmten Entwicklungsgeseßen folgend verändert. Wenn das Buch der Frau Dr. Wettstein- Adelt eine Beachtung gefunden hat, welche in feinem Verhältniß zu seinem Werthe steht, so ist dies eine Folge des Umstandes, daß die Verfasserin den romantischen Einfall hatte, zum Zweck ihrer„ praktischen Studien" etliche Zeit lang in die Kleidung einer Arbeiterin zu schlüpfen. Als solche hat sie in fünf verschiedenen Fabrifen gearbeitet, um dem Beispiel des Kandidaten Göhre folgend aus eigener, persönlicher Anschauung über die Lebensverhältnisse der großen Masse der Frauenwelt berichten zu können. Daher der pomphafte, lockende, etwas nach Reflame riechende Titel des Buches:" Dreieinhalb Monate Fabritarbeiterin." Frau Dr. Wettstein- Adelt ist nun allerdings nicht dreieinhalb Monate als Fabrikarbeiterin thätig gewesen, wohl aber hat sie dreieinhalb Monate auf das Studium der einschlägigen Verhältnisse verwendet. verwendet. Wenn uns die Frau Doktor auch versichert, daß sie in der Zeit mehr gesehen und gelernt, als andere in einem Jahre," so will uns doch bedünken, daß diese ihre Studienzeit äußerst kurz bemessen war. Um so weniger konnte sie genügen, einen klaren Ueberblick über die Verhältnisse der Arbeiterinnen zu geben, wenn man, wie Frau Dr. Wettstein- Adelt, auch nicht das ABC der be= treffenden Fragen und Zustände kennt. Wenn irgend ein Umstand, so erklärt dieser die Oberflächlichkeit und Schleuderhaftigkeit der " praktischen Studie," die zahlreichen Widersprüche, die sich fast auf jeder Seite häufen, die Sucht, jede Erscheinung zu verallgemeinern die dazu führt, daß eine Behauptung der Frau Doktor die andere aufhebt, die schiefe Auffassung der Menschen und Dinge. Auch eine praktische Studie," soll sie von Werth sein und Nußen für die Sache, der man dienen will, hat gewisse Vorkenntnisse, hat eine Methode für Forschung und Darstellung zur Voraussetzung. In dem Buch der Frau Dr. Wettstein- Adelt finden wir weder von den einen, noch von der anderen eine Spur. Daher die schweren Mängel des Buches. Bei dem Studium der Arbeiterverhältnisse ist es mit dem Anlegen eines Arbeiterinnenkostüms und der„ guten Absicht" allein noch nicht gethan. Daß das Buch bei aller Oberflächlichkeit und Halbheit auch manches Richtige enthält, ist bereits angedeutet worden und sei ausdrücklich bemerkt. Viele der Momentphotographien, welche Frau Dr. Wettstein- Adelt über Wohnungsverhältnisse, Verdienst, Ernährung, Sittlichkeit 2c. der Arbeiterinnen giebt, sind erschreckend wahr. Allerdings nicht neu und auch nicht immer besonders fraß und typisch. Die nämlichen Thatsachen, welche die Verfasserin vorführt bezüglich schlechter Entlohnung, miserabler Nahrung, menschenunwürdiger Wohnungen, großer Rohheit in Maßgabe schwerer Arbeit, die haben ernste sozialpolitische Forscher schon längst in ganz anders beweiskräftiger Art konstatirt und zusammengestellt, sie sind eine Rüstkammer, welche der Arbeiterbewegung neue und neue Waffen für den Befreiungskampf des Proletariats liefert. Sogar die schönfärberische offizielle Statistik hat in Betreff der Arbeiterverhältnisse gewichtigeres und vernichtenderes Anklagematerial gegen die heutige Gesellschaft zu Tage gefördert, als es die praktische Studie" unserer Frauenrechtlerin gethan. Die gewerkschaftlichen und politischen Arbeiterorganisationen, die Arbeiterblätter, haben gleichfalls in der Hinsicht reichen und schäßungswerthen Aufschluß gebracht. Selbst die bürgerliche Presse läßt gelegentlich helles Licht darauf fallen, wie es in dieser besten aller Welten den Arbeiterinneit geht. Troßdem fällt das bürgerliche Zeitungsgeschwister über Frau Dr. Wettstein- Adelt mit einer Wuth her, welche die Bedeutung der ,, praktischen Studie" feineswegs erklärt. Offenbar fürchtet man, daß das Buch in Kreise dringe, welche sich bis jetzt nicht um die Lebensverhältnisse der Parias der Gesellschaft kümmerten. Die operettenhaft romantischen Umstände, unter denen die„ Studie" entstanden, sind ganz geeignet, derselben Tamtam zu schlagen und eine weite Verbreitung zu sichern. Aber der unverhältnißmäßig große Zorn der bürgerlichen Presse erklärt sich auch sonst. Er ist be= zeichnend dafür, daß der Bourgeoisie die soziale Frage über dem Kopf zusammenschlägt und sie in einen solchen Zustand der Ge reiztheit und des Verlustes aller Selbstbeherrschung gebracht hat, daß sie nicht vertragen kann, wenn auch nur flüchtig das kleinste Schleierzipfelchen von den schrecklichen Zuständen gelüftet wird, welche die kapitalistische Gesellschaft für die breite Masse des werkthätigen Volks schafft. Sie geräth in blinde Wuth und rast gegen ihr eigenes Fleisch und Blut, wenn Jemand auf die Abgründe, die Schutt- und Düngerhaufen hinweist, auf denen sich die bürgerliche Kultur" aufbaut. " Frau Dr. Wettstein- Adelt lüftet gar manches Schleierzipfelchen. Und wenn sie auch die wenigsten der aufgezeigten Thatsachen in ihrem ursächlichen Zusammenhang erfaßt, darstellt und erklärt, um von ihnen aus zu den richtigen Schlußfolgerungen zu gelangen, so ist doch das Hervorheben dieser Thatsachen an und für sich den Vertheidigern der heutigen Ordnung unangenehm. Von einer Seite her, welche der Arbeiterbewegung nichts weniger als Verständniß entgegenbringt, wird durch sie die Richtigkeit dessen be= stätigt, was die Sozialisten bezüglich der Verhältnisse unserer Lohnsklavinnen schon längst behaupten. Uebrigens enthält das Buch der Frau Dr. Wettstein- Adelt mindestens ebensoviel Stellen, auf welche sich die Gegner der Arbeitersache berufen werden, als Behauptungen und Thatsachen, auf welche deren Vorkämpfer hinweisen können. Daß dem so ist, 210 fann nicht etwa als ein Zeichen hoher Unparteilichkeit" und" Vorurtheilslosigkeit" gelten. Es ist einfach eine Folge des vollständigen Mangels an einschlägigen Kenntnissen, Einheitlichkeit der Auffassung, eines fritischen Maßstabes und einer festgehaltenen Methode, eine Folge auch vor Allem der Sucht, jede Thatsache zu verallgemeinern. So gelangt die Verfasserin zu den widerspruchsvollsten Ergebnissen, so liegt in ihrer praktischen Studie" Richtiges und Falsches, Treffliches und Kindisch- Albernes, Verständniß und Verständnißlosigkeit wie Straut und Rüben durcheinander. Daß wir mit unserem mehr absprechenden als lobenden Urtheil keineswegs zu viel gesagt, werden wir in einem folgenden Artikel an der Hand des Inhalts der„ Studie" beweisen. Dieser Inhalt zeigt recht deutlich, daß es mit den„ praktischen Forschungen" der Frau Doktor ein eigenes Ding ist, und wie sich im Kopfe einer frauenrechtlerischen Auch- Arbeiterin" die Verhältnisse der industriellen Berufsarbeiterinnen widerspiegeln. " " Arbeiterinnen- Bewegung. In der Zeit vom 26. November bis 15. Dezember fanden öffentliche Versammlungen statt in: Berlin, öffentliche Versammlung aller in der Glasindustrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen: Die Frau früher und jetzt"( Genossin Jhrer), Zweck der Ver sammlung: Die in der Glasindustrie beschäftigten Frauen und Mädchen der Organisation zuzuführen. Neu- Treptow, öffentliche Versammlung für Männer und Frauen, einberufen vom Lese- und Diskutirflub Hasenclever:„ Die Hervorbringung und Vertheilung der Werthe in der sozialistischen Gesellschaft"( Genosse Türk). Berlin, öffentliche Versammlung der Filzschuharbeiter und Arbeiterinnen:„ Kapital und Arbeit"( Genosse Wach). Bremen, öffentliche Versammlung der im graphischen Gewerbe beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen: Die beabsichtigte Gründung einer graphischen Union." Berlin, öffentliche, auch seitens der Frauen sehr gut besuchte Versammlung: „ Gefährliche Wahrheiten"( Genosse Peus), in der Debatte trat Frau Palm für energische Betheiligung der Frauen an den ProteſtFriedrichsfelde, versammlungen gegen den Militarismus ein. öffentliche Versammlung für Männer und Frauen:„ Die Religion im Lichte der heutigen Wissenschaft"( Genosse Thal). Berlin, Volksversammlung:" Dreiundeinhalb Monat Fabritarbeiterin"( Genossin Ihrer). Genossin Butzke erstattete Bericht über die Revision der Frauen- Agitations- Kommission, Genossin Frohmann sprach in der Debatte zur Dienstbotenfrage, Genossin Wengels forderte zum Besuch der bevorstehenden Protestversammlungen gegen die Militärvorlage auf. Berlin, öffentliche Versammlung aller in der Schuhindustrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Bericht über den Streik in der Mauff'schen Schuhfabrik" die Fortsetzung des Ausstandes wurde beschlossen. Berlin, öffentliche Versammlung der Schneider und Schneiderinnen:„ Die Haltung des Militärschneider Vereins" ( Genosse Schulz). Berlin, öffentliche Versammlung der Textilarbeiter und Arbeiterinnen:„ Der Nutzen der Gewerkschaftsorganisation" ( Genosse Metzner). Berlin, die neun öffentlichen Protestversamm lungen gegen die Militärvorlage, welche in den verschiedenen Stadtbezirken stattfanden, waren sämmtlich sehr gut besucht, auch seitens der Frauen; die Frauen- Agitations- Kommission hatte diese in dem weiter unten stehenden Aufruf zur regen Betheiligung an den Versammlungen aufgefordert. Die Reichstagsabgeordneten Schumacher, Frohme, Jöst, Förster, Bruhns, Molkenbuhr, Wurm, Bock, Dreesbach und Schwarz referirten unter brausendem Beifall. Sämmtliche Ver sammlungen stimmten der Resolution zu, welche der letzte Parteitag gegen die Militärvorlage angenommen hat. Sie lautet: ,, Durch die dem Reichstage in Aussicht gestellte Militärvorlage werden dem schon jetzt durch den Militarismus aufs äußerste bedrückten deutschen Volke noch neue persönliche und finanzielle Lasten zugemuthet, die es nicht tragen kann, ohne auf die wichtigsten Kulturarbeiten zu verzichten, und ohne daß die Quellen der produktiven Arbeit geschädigt werden. Das herrschende Militärsystem, nicht im Stande, die Sicherheit Deutschlands gegen feindliche Ueberfälle zu gewährleisten, bildet eine fortdauernde Bedrohung des Völkerfriedens, und dient der kapitalistischen Klassenherrschaft, deren Zweck die wirthschaftliche Ausbeutung und die politische Niederhaltung der Arbeiterklasse ist, als vornehmlichstes Werkzeug. Die Versammlung fordert daher, entsprechend dem Programm der sozialdemokratischen Partei, die Einführung eines auf Erziehung zur allgemeinen Wehrhaftigkeit beruhenden und die allgemeine Volksbewaffnung verwirklichenden Wehrsystems und erklärt, daß die sozialdemokratischen Abgeordneten in vollem Einklang mit der in der Sozialdemokratie politisch organisirten Arbeiterklasse Deutschlands handeln, indem sie die Regierungsvorlage, sowie jede anderweite Forderung für das gegenwärtige Militärsystem verwerfen." In der Versammlung des vierten Wahlkreises wurde außerdem noch die folgende Resolution einstimmig angenommen: 211 ,, Die in der heute stattfindenden öffentlichen sozialdemokratischen Versammlung anwesenden Genossinnen, Frauen und Mädchen, erklären, daß die neue Militärvorlage einen verderblichen Einfluß auf das Volkswohl ausübt. Sie erklären, daß bei der geringen Arbeitsgelegenheit und dem geringen Verdienst, sowie den direkten und indirekten Steuern es unmöglich ist, dem Volke noch neue Lasten aufzuerlegen, und erwarten, daß die Reichstagsmitglieder, speziell die sozialdemokratische Fraktion, gegen die neue Militärvorlage stimmt. Würde demzufolge der Reichstag aufgelöst, so erklären wir, voll und ganz mit den Männern wirken zu wollen." Flensburg, öffentliche Versammlung der unorganisirten Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Zweck und Nutzen der Organisation"( Genosse Holzhäuser). Schöneberg, Volksversammlung für Männer und Frauen:„ Die Stellung der Sozialdemokratie zur Militärvorlage und zum Militarismus"( Genosse Antrik). Berlin, öffentliche Versammlung der Arbeiter und Arbeiterinnen der Wäsche und Kravattenbranche: Zweck und Nutzen der Organisation"( Genosse Metzner). Mannheim, öffentliche Versammlung der Handlungsgehilfen und -Gehilfinnen:„ Stellungnahme zur Absicht der Prinzipale, das Gesetz über die Sonntagsruhe zu durchlöchern"( Genosse Dempwolf). Die Harmonieapostel marschiren auf und singen das Lied, wenn es den Prinzipalen gut geht, so geht es auch den Gehilfen gut," werden aber zurückgewiesen, und die Versammlung nimmt einstimmig eine Resolution an, laut welcher das Bezirksamt ersucht werden soll, die bisher festgesetzten Stunden der Sonntagsruhe im Interesse des Gehilfenstandes aufrecht zu halten. Berlin, öffentliche Versammlung aller in der Hutbranche beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen: Zweck und Ziele des neuen Vereins der Arbeiter und Arbeiterinnen der Hutbranche"( Genosse Völkel). Der Verein wird konstituirt, dem Vorstand gehören die Genossinnen Büttner, Grochow, Schwarz und Schulz als Vertreterinnen der Arbeiterinnen an. Berlin, öffentliche Versammlung der in der Kürschnerbranche beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Das Wesen der Hausindustrie"( Genossin Baader). Berlin, öffentliche Versammlung für Frauen und Männer:„ Die zehn Gebote und die besitzende Klasse"( Genosse Rein). BerlinMoabit, öffentliche Versammlung der Hilfsarbeiter und Arbeiterinnen:„ Die wirthschaftliche Lage der Arbeiter und die Mittel, dieselbe zu verbessern( Reichstagsabgeordneter Bruhns). In der Debatte erörtert Genossin Gubela die traurige Lage der Dienstboten. Berlin, öffentliche Frauenversammlung, einberufen vom Frauen- Bildungs verein:„ Die Blutarmuth oder die Schwindsucht bei den Frauen" ( Dr. Bernstein). Berlin, öffentliche Versammlung der Schneider und Schneiderinnen:„ Bericht über die Thätigkeit der Agitations- Kommission"( Genosse Timm). Diese veranstaltete im verflossenen Jahre dreißig öffentliche und zwei Volksversammlungen, sie hielt fünfzig regelmäßige und fünf Extrasizungen ab. Der neugewählten Agitations Kommission gehören als Vertreterinnen der Arbeiterinnen an die Genossinnen Wächter, Plume, Schwarz und Reimann. In der nämlichen Zeit fanden folgende Vereinsversammlungen statt. Altona- Ottensen, Mitgliederversammlung des Verbands der Fabrik, Land-, Hilfsarbeiter und Arbeiterinnen:„ Die Agitation am Orte";" Bericht vom Kartell." Berlin, Mitgliederversammlung des Verbands der in der Kürschnerbranche beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Die Erringung des neunstündigen Arbeitstags seitens der Pariser Kollegen." Hamburg, Mitgliederversammlung des Zentralvereins der Frauen und Mädchen Deutschlands:„ Die deutschen Bauernkriege"( Genosse Lauffötter),„ Bericht vom Gewerkschaftskartel"( Genossin Laier). Berlin, Mitgliederversammlung des Allgemeinen Arbeiterinnenvereins:„ Die Erdbeben und der Vesuv"( Genossin Lunau). Stuttgart, Mitgliederversammlung des Fachvereins der in den Buchbindereien beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Der bevorstehende Verbandstag, Einführung der Urabstimmung und eine eventuelle Reorganisation des Verbandes." Barmbeck, Mitgliederversammlung des Verbands der Fabrik-, Land- und gewerblichen Hilfsarbeiter und -Arbeiterinnen Deutschlands:„ Die Gewerbe- Ordnung in Bezug auf die Fabrik- Ordnungen in Theorie und Praris"( Genosse Müller). Die Genossinnen Lorenz und Wörndl werden in die AgitationsKommission gewählt. Berlin, Mitgliederversammlung des Vereins der Arbeiter und Arbeiterinnen der Buch, Papier- und Lederwaarenindustrie:„ Die graphische Union"( Genosse Schmidt). Die Versamm lung erklärte sich einstimmig für die Gründung einer Union. Hamburg, Mitgliederversammlung des Verbands deutscher Schneider und Schneiderinnen: Welche Vortheile bietet die Gewerkschaftsorganisation?" Berlin, konstituirende Versammlung des Vereins der in der Blumen- und Putzfedernbranche beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen. Vertrauensperson: Genossin Hahn. Mainz, Mitglieder versammlung des Frauen und Mädchenvereins:„ Moses und Darwin." Berlin, Mitgliederversammlung des Verbands der Schneider und Schneiderinnen:" Dreieinhalb Monat Fabrikarbeiterin"( Genossin Ihrer). In Anschluß an das Referat nahm die Versammlung folgende Resolution an: Die Versammlung erklärt, daß die Befreiung der Arbeiterinnen aus der Knechtschaft des Kapitalismus nicht durch Humanitätsmaßregeln der Bourgeoisie herbeizuführen ist, sondern nur durch Organisation der Arbeiterinnen, gleichviel welcher Branche, und Anschluß derselben an die Bestrebungen der modernen Arbeiterbewegung." Altona, Mitgliederversammlung des Verbands deutscher Schneider und Schneiderinnen:„ Vereinsangelegenheiten." - In Wien fand am 9. Dezember die erste Versammlung arbeitsloser Frauen und Mädchen statt, welche sehr gut besucht war. Genossin Dworschat referirte über„ Die Arbeitslosigkeit der Frauen, ihre Ursachen und Folgen." Die Statistik der Schubirungen, der obdachlosen Familien, hungernden Schulkinder 2c. beweise die Noth des Volks überhaupt, die der Frauen insbesondere. Was geschehe ihr gegenüber. Es würden Thee und Suppenanstalten, Wärmestuben und dergl. errichtet. In der Zeit vom 15. November bis 20. Dezember 1891 waren 38 638 Frauen und 26 674 Kinder obdachlos. Von lebhaften Entrüstungsrufen unterbrochen, führt die Rednerin eine Reihe ähnlicher Daten an und gelangt zu dem Schluß, daß Frauen und Männer gleicherweise für die Abänderung der heutigen gesellschaftlichen Zustände kämpfen müssen. Hand in Hand mit der steigenden Verelendung des Volks schreitet das Wachsthum der Verbrechen bei den Männern, der Prostitution bei den Frauen. Den Leiden des Volks gegenüber werden in den gesetzgebenden Körpern nur höhere Militärausgaben bewilligt. Wenn auch in den Versammlungen der Hunger der Arbeitslosen nicht gestillt wird, so wird doch die Erkenntniß der sozialen Verhältnisse in diesen Versammlungen mächtig gefördert und das Solidaritätsgefühl aller Arbeitenden geweckt. Deshalb und um unser Elend offenkundig zu machen, versammeln wir uns.( Stürmische Zustimmung.) Die bürgerliche Presse ist über diese Versammlung. in der noch Genossin Wagner und Genosse Dr. Adler sprachen ganz außer dem Häuschen und beschimpft und verleumdet Genossin Dworschat in gemeinster Weise. Die Syndikatskammer der Privatlehrer und Lehrerinnen des Seinedepartements hat sich der Pariser Arbeitsbörse angeschlossen. Das Syndikat wurde im Juni 1892 gegründet, und nur 400 Mitglieder der 10000 in Frage kommenden Privatlehrer und-Lehrerinnen gehören ihm an. Das Einkommen dieser Proletarier und Proletarierinnen in Glacéhandschuhen und Hüten beträgt monatlich 60 Fres. mit Station oder 120 Frcs. ohne Kost und Wohnung, es ist also bei weitem niedriger, als der durchschnittliche Verdienst eines gutgestellten Pariser Arbeiters. Und angesichts dieser Thatsache giebt es noch Lehrer und Lehrerinnen, welche dünkelhaft ihre Zugehörigkeit zum Proletariat verkennen. Vor dem Essex County Trades Council in Newark hielt kürzlich Frau Smith, Mitglied der„ Women's Industrial Union" ( Verband der Industriearbeiterinnen) von Washington einen Vortrag über das„ Schwitzsystem." Sie führte an, daß Schwizmeister, welche sich wegen der Gesetzgebung in New York nicht mehr sicher fühlten, ihre Werkstätten nach New Jersey und Pennsylvania verlegten. Das fluchwürdige Schwißsystem müsse von allen Arbeiterorganisationen mit äußerster Energie bekämpft werden. Die Frauen- Agitationskommission zu Berlin hatte gelegentlich der Protestversammlungen gegen die Militärvorlage folgenden trefflichen Aufruf erlassen: Aufruf an alle Frauen und Mädchen Berlins. Am Mittwoch, den 7. Dezember, finden in allen sechs Berliner Wahlkreisen Protest= versammlungen gegen die neue Militärvorlage statt, durch welche dem Volte wieder ungeheure Lasten aufgebürdet werden sollen. Gerade an dieser wichtigen Frage zeigt sich, wie sehr auch die Frauen am öffentlichen Leben interessirt sind, oder vielmehr sein sollten. Denn bis jetzt sind leider nur wenige Frauen zu der Erkenntniß gekommen, daß auch sie im Bunde mit den Männern zu wirken haben, damit das arbeitende Volk befreit werde von allem Druck und Elend, dem es heute mehr denn je ausgesetzt ist! Genossinnen, ob Ihr selber frohnen müßt in der Fabrik, oder ob Ihr Tag für Tag sorgt und leidet unter den trostlosen, ungewissen Verhältnissen Eurer Männer, kommt in die Mittwochs- Versammlungen und protestirt dort gegen die neue Belastung, die der Bevölkerung in der neuen Militärvorlage zugemuthet wird. Erkennt, daß auch Ihr verpflichtet seid, am Befreiungskampfe des Proletariats theilzunehmen! Die Frauen- Agitationskommission. Nach fünfmaliger Vertagung wurde Mitte Dezember die Anklagesache gegen unsere Genossin Emma Ihrer Beleidigung des Offizierkorps und der Fähndriche der deutschen Armee zu Ende geführt. Genossin Ihrer ward wegen des Vorwurfs der Feigheit, den sie Offizieren und Fähndrichen des deutschen Heeres gemacht haben soll, zu 200 Mark Geldstrafe verdonnert. Wir kommen in nächster Nummer auf die Gerichtsverhandlung zurück. -Der Breslau drohende Umsturz ist dadurch von einer weisen Behörde glücklich abgewendet worden, daß der Breslauer Arbeiterinnenverein laut Urtheil des Schöffengerichts geschlossen worden ist. Zwei Vorstandsmitglieder( Genossinnen Geiser und Kayser) wurden außer dem zu je 15 Mark Geldstrafe verurtheilt. Der Verein soll sich nämlich mit Politik beschäftigt haben. Die Leserinnen erinnern sich vielleicht, daß die Beschäftigung mit Politif" in dem Verlesen eines Artikels der„ Gleichheit" bestand, betreffend die Sammlung von Arbeitsordnungen. Im Interpretiren seid frisch und munter, legt ihr nicht aus, so legt ihr unter," heißt es wieder hier. " " Aus dem Reichstage. Der Reichstag, welcher etliche Wochen vor Weihnachten tagte, hat sich in erster Lesung mit verschiedenen Gesetzesvorlagen befaßt, welche das Interesse der proletarischen Frauenwelt beanspruchen. Es sind dies besonders die Militärvorlage und die Vorlage der sogenannten„ lex Heinze," die Prostitution und das Zuhälterthum betreffend. Unsere Leserinnen sind über den Inhalt der beiden Gesetzesvorlagen aus früheren Nummern der„ Gleichheit" und hoffentlich auch aus der Tagespresse unterrichtet. Die Forderung der Regierung nach vielen Zehnern von Millionen Mark und vielen Tausenden von Soldaten mehr für seine Majestät „ Moloch Militarismus" fand seitens der Reichsboten" nicht die erwartete patriotische Begeisterung. Der Reichskanzler gab sich die denkbar größte Mühe, eine Majorität von Jasagern zusammen zu bringen. Er ließ nach einander alle möglichen militärischen, politischen, patriotischen 2c. Gründe für die Vorlage aufmarschiren, er beschwor aus der Versenkung einer schwungvollen Phrase die Rekrutenmutter herauf und die Landwehrfrau, als glühende Anhängerinnen einer Vermehrung des Militärs und der Militärlasten. Reine einzige Partei erklärte sich für die Vorlage, wie sie geht und steht. Die Vertreter der bürgerlichen Parteien wissen auch warum. Der Unwillen der Volksmassen, ohne Unterschied der politischen Gesinnung, gegen die geplante Gut und Blutsteuer ist so groß, daß kein Abgeordneter wagt, als feigenblattloser Jasager zu derselben vor seinen Wählern zu erscheinen. Nur der einzige König Stumm, der feine Rücksichten auf seine Unterthanen, pardon Wähler, zu nehmen hat, weil er diese Am Nordpol. Nach dem Englischen von P. Dlliverio. ( Fortsetzung.) XI. " „ Noch bei der Arbeit?" rief Crayford beim Anblick der halb zerstörten Bettstelle aus. Gönnen Sie sich ein wenig Ruhe, Richard. Die Rekognoszirungstruppe ist zum Abmarsch bereit. Wenn Sie von Ihren Kameraden Abschied nehmen wollen, so ist es die höchste Zeit. Großer Gott!" unterbrach er sich plötzlich, ,, wie bleich sehen Sie aus. Ist etwas vorgefallen?" Franz, der an sein Schubfach getreten war, um sich noch verschiedene Kleidungsstücke, die er auf der Reise brauchte, zu holen, blickte um sich. Auch er war eben so betroffen wie Grayford über Wardour's Veränderung, seit sie ihn zuletzt gesehen hatten. " " Sind Sie krank?" fragte er theilnehmend. Wie ich höre, haben Sie Bateson's Arbeit übernommen. Haben Sie sich vielleicht verlegt?" Wardour bog den Kopf zur Seite, um vor den beiden Kameraden das Gesicht zu verbergen, zog das Taschentuch aus der Tasche und band es dick um die linke Hand. " " Ja", entgegnete er, ich habe mich mit der Art verlegt. Es ist nicht schlimm, schadet nichts. Schmerzen haben immer eine merkwürdige Wirkung auf mich. Ich sage Ihnen, es ist nichts, achten Sie nicht weiter darauf." Ebenso hastig wie er ihnen das Gesicht abgewendet hatte, wendete er es ihnen wieder zu, kam ihnen einige Schritte entgegen und richtete das Wort mit gezwungener Vertraulichkeit an Franz: „ Ich antwortete Ihnen nicht höflich, als Sie mich vor einer Weile ansprachen; ich meine, als ich vorhin mit den übrigen Kameraden hierher kam. Ich bitte um Verzeihung. Reichen Sie mir die Hand! Sind Sie zum Marsch bereit?" 212 mit der Hungerpeitsche zur Wahlurne treiben kann, durfte sich den Lurus leisten, ohne Umschweife Ja und Amen zu der Forderung der Regierung zu sagen. Die ablehnende Haltung der Vorlage gegenüber mag übrigens manchem bürgerlichen Politiker sauer ankommen, dem vor Regierungslüsternheit das Wasser im Munde zusammenläuft. Dies gilt besonders von den Nationalliberalen und den Zentrumsleuten. Die Freisinnigen und Volksparteiler benutzten die Gelegenheit, ihre sehr wackelige„ Volksfreundlichkeit" den Wählern in empfehlende Erinne rung zu bringen. Sie traten entschieden gegen die Vorlage auf, indeß nicht ohne sich ein Hinterpförtchen zur Verständigung mit der Regierung offen zu lassen. Von bürgerlicher Seite hat in Beurtheilung und Verurtheilung der Forderung der Freisinnige Eugen Richter das Beste geleistet. Er zerpflückte die vom Reichskanzler zu Gunsten der Vorlage angeführten Gründe und wies ziffernmäßig die Unmöglichkeit nach, das Volf in der geplanten Weise zu belasten. Seit 1870 hat Deutschland rund 13 Milliarden für Kriegszwecke ausgegeben, die Reichsschuld hat sich in den letzten acht Jahren vervierfacht, sie beträgt 2 Milliarden. Die Reichssteuern sind zu unerschwinglicher Höhe gesteigert worden, sie beliefen sich 1871 auf 264 Millionen, 1891 dagegen betragen sie 731 Millionen. Auf jeden Kopf der Bevölkerung entfallen 14 Mart Reichssteuern, auf eine fünfköpfige Familie 70 Mark. In Preußen aber haben 7/10 der Bevölkerung ein Einkommen unter 900 Mark. Der Tagesverdienst eines Industriearbeiters beträgt durchschnittlich 2 Mark, so daß dieser 35 Arbeitstage für Aufbringung der Steuern arbeiten muß. Diese Zahlen geben zu denken, müssen besonders auch den Frauen des Proletariats zu denken geben. Die breite Masse hat ja den größten Theil der indirekten Steuern aufzubringen, und die hauswirthschaftende Frau, die sich um färglichen Lohn mühende Arbeiterin empfindet am ehesten und härtesten die künstliche Vertheuerung der Lebensbedürfnisse, eine jährliche Mehrausgabe von 70 und mehr Mark. Beachtung verdient, daß ausnahmsweise die Vertreter aller Parteien das Wüthen einer Krise, den so oft geleugneten Nothstand der Massen anerkannten, angesichts dessen eine Mehrbelastung des Volks unmöglich sei. Das Alles wird die Herren nicht abhalten, in der achtundzwanziger Kommission, an welche die Vorlage zur Prüfung verwiesen worden, zu einem Techtelmechtel mit der Regierung die Hand zu bieten. Das Hinterthürchen zu einer„ Verständigung" haben sich alle politischen Parteien offen gelassen: die Bewilligung aller Forderungen, welche im Interesse der Einführung der zweiFranz begegnete dem sonderbar abgerissenen Entgegenkommen mit dem besten Humor. " Ich freue mich, mich Ihren Freund nennen zu dürfen, Herr Wardour. Ich wünschte, ich wäre den Strapazen ebenso gewachsen wie Sie." Wardour brach in ein rauhes, unnatürliches Lachen aus: " Nicht fräftig, wie? Sie sehen auch nicht so aus. Die Würfel hätten besser gethan, wenn Sie mich hinausgeschickt, und Sie zurückbehalten hätten. Ich fühlte mich mein Lebtag nicht gesünder als jetzt." Er schwieg eine Weile und fügte dann, Franz scharf ins Auge fassend und besonderen Nachdruck auf die Worte legend, fort:„ Wir Leute aus Kent sind aus hartem Material gemacht." Franz trat seinerseits mit neuem Interesse Wardour einen Schritt näher:" Sie fommen von Kent?" " Ja, von Ostfent." Er wartete wieder einen Augenblick und blickte Franz scharf an: Kennen Sie den Theil des Landes?" „ Ich hörte viel von Ostkent reden, mir liebe Freunde wohnten einst dort." " Freunde von Ihnen? Wohl eine der Grafenfamilien?" Während er diese Frage stellte, sah er plößlich über seine Schulter. Er stand zwischen Crayford und Franz. Ersterer, der an der Unterhaltung nicht theilnahm, hatte ihn mit immer wachsender Aufmerksamkeit betrachtet und seinen Worten gelauscht. Instinktmäßig hatte Wardour dies gemerkt und begegnete Crayford's Betragen mit ungerechtfertigter Gereiztheit. ruhig. " Warum starren Sie mich so an?" fragte er. Warum sehen Sie sich selbst so unähnlich?" erwiderte Crayford. Wardour gab keine Antwort, sondern nahm die Unterhaltung mit Franz wieder auf, jährigen Dienstzeit nothwendig werden. Die zweijährige Dienstzeit ist der Speck, mit der sich die Mäuse der bürgerlichen Parteien fangen lassen. Um der zweijährigen Dienstzeit willen, die nicht einmal für alle Truppenkörper gelten und nicht gesetzlich festgelegt werden soll, werden die Herren viele Millionen bewilligen und nur der Wähler willen werden sie etliche Millionen streichen. Die Regierung aber wird auf dem Wege der Abschlagszahlungen nach und nach Alles erreichen, was sie gewollt hat. Die bürgerlichen Parteien können auch gar nicht anders handeln, sie müssen dem Moloch neue und neue Opfer bewilligen. Sie sind wohl vorkommenden Falles Gegner einer bestimmten Forderung, aber sie sind in jedem Fall Anhänger und Stützen des Systems des Militarismus. Sie brauchen den Militarismus zur Aufrechterhaltung der bürgerlichen, kapitalistischen Gesellschaftsordnung, zur Aufrechterhaltung des Gegensatzes von Besitzenden und Nichtbesitzenden, Herrschenden und Beherrschten, Ausgebeuteten und Ausbeutern. Daher der Grund, daß sie gegenüber den höchsten Ansprüchen an die Steuerkraft des Volks zuerst laut„ Nein" und hinterdrein nach einer andern Melodie Ja" sagen. Die Vertreter einer einzigen Partei haben sich mit aller Entschiedenheit und Schärfe nicht blos gegen die Vorlage, sondern gegen den Militarismus überhaupt erklärt: die Vertreter der Sozialdemo fratie, des klassenbewußten Proletariats. Liebknecht und Bebel wiesen mit Ziffern und Thatsachen nach, daß sich das deutsche Volk wirthschaftlich verbluten müsse, wenn es noch weiter und länger zu Gunsten des kulturfeindlichen Militarismus belastet würde. Und dies obendrein zwecklos, ohne seine Vertheidigung zu sichern. Eine verkehrte Politik, die Annerion von Elsaß- Lothringen hat Deutschland in eine ungünstige politische Lage versetzt. Bricht ein europäischer Krieg aus, so muß es nach zwei Seiten hin kämpfen, das stehende Heer wird der Aufgabe nicht gewachsen sein. Mit Rücksicht auf die Vertheidigungsfähigkeit des Landes, wie auch die Kräfte und die Entwicklung der Nation muß deshalb an Stelle des stehenden Heeres von Berufssoldaten die allgemeine Voltsbewaffnung treten. Die Schweiz hat noch nicht die allgemeine Volksbewaffnung, aber doch wenigstens ein Milizsystem ( Bürgerwehr), das beträchtliche Vortheile aufweist. Das kleine Land hat verhältnißmäßig mehr waffengeübte Mannschaften als Deutschland, und dies bei verhältnißmäßig geringeren Kosten. Bebel machte der oben erwähnten Behauptung des Reichskanzlers gegenüber geltend, daß wenn die Frauen das Stimmrecht hätten, sie sich als entschiedene Gegnerinnen der Vorlage und des Militarismus erweisen würden. Er forderte im Interesse der Wehrhaftigkeit der " Eine der Grafenfamilien?" wiederholte er, die Witherbys von New Grange vielleicht?" " Nein," sagte Franz; aber Freunde der Witherbys: Burnhams." Troß allen verzweifelten Kämpfens konnte Wardour nicht Herr über sich bleiben. Er fuhr heftig zurück. Das um seine Hand gebundene Tuch fiel herab. Grayford bückte sich danach, Crayford bückte sich danach, Wardour noch immer nicht aus dem Auge lassend. " Hier ist Ihr Taschentuch, Richard," sagte er. Sonderbar!" " Was ist sonderbar?" " 1 Sie sagten uns, Sie hätten sich mit der Art verlegt „ Nun?" " An ihrem Tuche ist aber kein Blut zu sehen." " " " Wardour riß Crayford das Tuch heftig aus der Hand und schritt, ihm den Rücken kehrend, der äußeren Thüre zu. Kein Blut an dem Tuche zu sehen," wiederholte er für sich.„ Es werden Flecken daran sein, wenn er es wieder steht." An der Thüre wandte er sich noch einmal zu Crayford:„ Sie erinnerten mich daran, von den Kameraden Abschied zu nehmen, bevor es zu spät ist, ich gehe, Ihrem Rathe zu folgen." " Als er die Hand auf den Drücker legte, wurde die Thüre von Außen geöffnet und ein Quartiermeister des Wanderer" trat ein. " Ist Kapitän Helding hier, Herr?" fragte er Wardour. Dieser zeigte auf Crayford. Was wünschen Sie von Kapitän Helding?" sagte Crayford, dem Mann entgegen gehend. „ Ich habe eine Meldung zu machen, Herr. Es ist auf dem Eise Jemand verunglückt." „ Einer Eurer Leute?" " ,, Nein, Herr, einer unserer Offiziere." Wardour, der eben im Begriffe stand, hinauszugehen, blieb bei der Entgegnung des Quartiermeisters stehen. Einen Moment 213 Nation eine militärische Jugenderziehung, ferner einen durchgreifenden Arbeiterschutz, besonders auch für die Frauen. Will ein Volk gesunde Kinder haben, so bedarf es nicht nur fräftiger Väter, auch kräftiger, gesunder Mütter. Leider ist die Zahl der im Reichstag vertretenen Sozialdemofraten nicht groß genug, die Gut und Blutsteuer vom Volke abzuwenden. Dieses sendet eben noch in blinder Verkennung seiner ureigensten Interessen Leute in den Reichstag, welche die Klinke der Gesetzgebung nur zu Nutz und Frommen der Besitzenden und Herrschenden handhaben. Will die Masse verhindern, daß die Steuerschraube stärker an= gezogen wird, und daß sie den Hungerriemen fester schnallen muß, so gilt es, ihren Unwillen über die Forderungen der Regierung mit so elementarer Gewalt zu äußern, daß kein Abgeordneter die Hand zur Mogelei zu bieten wagt. Wie Sturmeswind muß es durch Hunderte und Hunderte von Versammlungen brausen: Nieder mit der Vorlage! Nieder mit dem Militarismus! Die Pflichten und Interessen der Frauen erfordern es, sich rege an den Protestversammlungen zu be theiligen, eventuell solche zu veranstalten. Der Herr Reichskanzler fann sich dann in nicht mißzuverstehender Weise davon überzeugen, wie die Rekrutenmütter und Landwehrfrauen über den Militarismus und seinen Ausbau denken. Böhmische Stuben- und Café- Mädchen. In den Badeorten Böhmens, wie in Marienbad, Franzensbad, Karlsbad 2c., ruht die Bedienung in den Logierhäusern, und das sind neun Zehntel aller Häuser der betreffenden Orte, sowohl wie in den Cafés durchweg in den Händen des weiblichen Geschlechts. Wie die wirthschaftliche Lage der weiblichen Angestellten sich in diesen noch„ patriarchalischen Verhältnissen" gestaltet hat, wird die geneigte Leserin aus dem Folgenden ersehen. Werfen wir zuerst einen Blick auf die Lage der Stubenmädchen: Da die offizielle Badesaison am 1. Mai beginnt, so heißt es Häuser und Zimmer bis zu der Zeit im nobelsten Zustand und Buz bereit haben. Im Winter aber werden wegen Mangel an Badegästen unnüße Esser nicht gehalten. Die im April neu zuziehenden Mädchen müssen nun das Haus von oben bis unten einer gründlichen Reinigung unterwerfen, die während des Winters schmutzig gewordene Wäsche reinigen, kurzum alle Vorbereitungen ging er mit sich zu Sathe, dann schritt er langsam an Franz' Seite zurück. Crayford wies dem Quartiermeister die gewölbte Seitenthüre und sagte: " Ich bedaure, von dem Unfall hören zu müssen. Sie werden Kapitän Helding in jenem Zimmer finden." Zum zweiten Male erneute Wardour mit sonderbarer Beharrlichkeit das Gespräch mit Franz. Sie fannten also die Burnhams? Was wurde aus Clara, nachdem ihr Vater starb?" Franz' Gesicht wurde roth vor Aerger und heftig fuhr er auf: ,, Clara? Was berechtigt Sie von Fräulein Burnham in so vertraulicher Weise zu reden?" " Wardour ergriff die Gelegenheit, Streit mit ihm anzufangen und entgegnete barsch: Welches Recht haben Sie zu fragen?" er Franz' Blut fam in Wallung. Er vergaß das Clara ge= gebene Versprechen, ihre Verlobung noch geheim zu halten vergaß alles bis auf das Herausforderude in Wardour's Sprache und Auftreten. " Ein Recht, welches ich zu respektiren bitte; das Recht ihres Verlobten." Crayford's forschendes Auge ruhte noch immer fest auf Wardour und jener fühlte es. Noch einen Schritt weiter, und Grayford stellte sich zwischen die Beiden. Selbst Wardour erkannte plößlich die Nothwendigkeit, sich zu beherrschen, foste es, was es wolle. Mit überströmender Höflichkeit entschuldigte er sich gegen Franz mit den Worten: " Es wäre unmöglich, dieses Ihr gutes Recht Ihnen streitig machen zu wollen. Sie werden mich aber vielleicht entschuldigen, wenn ich Ihnen sage, daß ich ein alter Freund Fräulein Burnhams bin. Unsere Väter waren Nachbarn. Wir sind einander stets wie Bruder und Schwester begegnet # 214 zur Aufnahme der kommenden Gäste treffen. Für alle diese| den Winter über, durchschlagen. Dafür hatten sie den Sommer Arbeiten bekommt das Mädchen- nichts, auch für die laufen den Arbeiten während der Saison und der nach Schluß derselben folgenden abermaligen Reinigung des ganzen Hauses giebt es nichts, weil überhaupt Lohn nicht gezahlt wird. Die Mädchen sind nur auf die Trinkgelder der Badegäste angewiesen. Doch auch diese bekommen sie nur, nachdem sie vorher vom Herrn oder der Dame des Hauses arg beschnitten worden sind. Vergegenwärtigen wir uns so ein Logierhaus und halten wir uns den Moment des Trinkgeldempfangens vor Augen, so werden wir zu einer richtigen Würdigung der niederträchtigsten Ausbeutung weiblicher Arbeitskraft gelangen. " Im Hause befinden sich drei Stockwerke, in jedem Stockwerk ist ein Mädchen zur Reinigung der Zimmer und Bedienung der Gäste angestellt. Ist die Kurzeit eines Gastes um und der Augenblick der Abreise und des Trinkgeldgebens da, so steht in einiger Entfernung von dem Mädchen die Frau des Hauses, um das Trinkgeld, welches der Gast dem Mädchen zugedacht hat, in Empfang zu nehmen, ehe es der letzteren möglich ist, einiges von der Summe für sich zu behalten. So wird jedes verabfolgte Trinkgeld von der Dame des Hauses" überwacht und dem Mädchen abgenommen. Wozu? Liebe Leserin, das wird dir gleich erklärlich werden. Hat die Frau das Geld in Händen, so ist es dem Mädchen so gut wie unmöglich, wegen Uebei bürdung und schlechter Behandlung den Dienst zu verlassen; es muß aushalten, bis es entlassen wird. Außerdem steht das Geld der Frau als zins freies Kapital zur Verfügung und zuletzt, und das ist die Hauptsache, wäscht sich diese tüchtig die Hände darin. Wenn die Kur zeit vorüber, das ganze Haus gesäubert, die Wäsche wieder gereinigt ist, so theilt nämlich die kluge Dame das Trinkgeld der drei Mädchen in fünf Theile. Jedes Mädchen erhält einen Theil als Lohn für gewöhnlich acht Monate Arbeit, ein Theil wird für Abnutzung des Hausraths" und der fünfte Theil unter irgend welchem Namen und Vorwand gleichfalls von der Frau des Hauses für sich mit Beschlag gelegt. " Nun können die Mädchen ihr Bündel schnüren, sich ihrer Wege trollen und zusehen, wie sie sich mit den paar Bettelgroschen Hier unterbrach Franz großmüthig die Entschuldigung. ,, Genug, halten Sie ein. Ich war im Unrecht ich ver= gaß mich. Bitte, vergeben Sie mir." Wardour betrachtete ihn mit sonderbar zögerndem Interesse, während er sprach, und richtete darauf die merkwürdige Frage an ihn: " Hat sie Sie sehr lieb?" Franz lachte hell auf. Mein lieber Freund, kommen Sie zu unserer Hochzeit und urtheilen Sie selbst." " Zu Ihrer Hochzeit soll ich kommen?"- Dabei traf Franz ein Blick, den dieser, mit dem Zuschnallen seines Reisesackes beschäftigt, nicht bemerkte, der Grayford aber nicht entging, und ihm das Blut erstarren ließ. Verglich er das, was ihm Wardour gesagt, als sie beide allein gewesen, mit den Worten, die soeben in seiner Gegenwart gefallen waren, so konnte er nur einen Schluß daraus ziehen. Das Mädchen, welches Wardour geliebt und verloren hatte,-war Clara Burnham. Der Mann, der sie ihm geraubt Franz Aldersley. Und Wardour hatte das entdeckt, während er ihn allein bei der Arbeit gelassen hatte. ,, Gott sei Dank!" dachte Grayford, die Würfel haben sie getrennt! Franz geht mit der Expedition und Wardour bleibt hier!" " Diese Gedanken hatten kaum seinen Kopf durchflogen, Franz' unbedachte Einladung war kaum über seine Lippen, als der Leinwandvorhang vor der Thüre beiseite geschoben wurde. Kapitän Helding und die zu der auswandernden Abtheilung gehörenden Offiziere traten marschfertig aus dem inneren Gemach), um das Hauptzimmer nur zu durchschreiten. Als Helding Grayford erblickte, blieb er noch einmal stehen und sagte: " Ich habe einen Unfall zu berichten, der die Zahl unserer Partei um eins verringert. Mein zweiter Lieutenant, der mit zu uns gehörte, ist auf dem Eise hingefallen, und nach dem, was über das Vergnügen, um 4 Uhr Morgens aufstehen und schon um 11 Uhr Abends oder etwas später schlafen gehen zu dürfen; sie hatten nicht über Langeweile zu klagen und brauchten sich auch nicht den Magen an allzuviel Speise verderben. Nachdem sich ihre Arbeit für ihre Herrschaft gut rentirt hat, fönnen sie sich nun im Winter ausruhen" und frische Kräfte schöpfen, um im nächsten Sommer sich wieder für Andere abzurackern. Wie geht es unterdessen den Logisvermiethern? Die Inhaber fleinerer Wohnungen, sozusagen fleine Unternehmer, verbringen den Winter in einem angenehmen Dolce far niente( Nichtsthun), hin und wieder unterbrochen durch möglichst prozige Vergnügen, wie Schüßenbälle, Kriegerfeste 2c. Die größeren Vermiether äffen dagegen die noblen Passionen ihrer Sommergäste nach, verleben den Winter in Prag, Wien, oder auch, und das nicht etwa selten, in Italien, lassen sich dort die Hand küssen und geberden sich als echte und rechte Parvenüs. Parvenüs. Das alles natürlich als Lohn für ihr angestrengtes, anhaltendes Faulenzen im Sommer. Wie man sieht, die Stubenmädchen haben wohl Ursache, Betrachtungen darüber anzustellen, daß es im Leben häßlich eingerichtet." " Betrachten wir nun das Leben der Café- Mädchen. Hier tritt uns die Ausbeutung noch nackter, brutaler entgegen. Lohn giebt es auch hier nicht, ja in vielen Fällen müssen die Mädchen noch zahlen. Unter dem Deckmantel für zerbrochenes Geschirr" werden ihnen kleinere oder größere Summen von ihren„ Einnahmen," d. h. den Trinkgeldern, abgezwackt. 11 " Einige der krassesten Fälle der Ausbeutung mögen hier folgen. Im Jägerhaus" zu Karlsbad, dem Rendezvous der noblen Welt, sind 14 Café: Mädchen angestellt. Jedes Mädchen zahlt täglich für zerbrochenes Geschirr" 10 Kreuzer, die 14 Mädchen zusammen 14 X 101 Gulden 40 Kreuzer, macht im Monat 42 Gulden aus. Die Mädchen müssen im Hause wohnen und werden immer zu zweien in kleinen Dachkammern untergebracht; jede Bewohnerin derselben hat monatlich 8 Gulden Miethe zu zahlen. Der Besizer des Cafés schlägt also aus den Mädchen an Miethe 14 X 8 112 Gulden monatlich heraus, dazu die mir der Quartiermeister sagt, fürchte ich, der arme Kerl hat das Bein gebrochen." " Ich werde seine Stelle ersetzen," rief eine Stimme vom anderen Ende der Stube. Alle sahen sich um. Richard Wardour hatte gesprochen. Crayford redete sogleich dagegen, und so eifrig, daß er jeden, der ihn kannte, in Erstaunen sezte. ,, Nein," rief er, nein, Richard, nicht Sie!" " 1 " Warum nicht?" fragte jener finster. Warum wirklich nicht?" fügte Kapitän Helding hinzu. " Wardour ist gerade der Mann, der für so einen Marsch von Nußen ist. Er ist ferngesund und der beste Schüße von uns allen. Ich war selbst im Begriff, ihn vorzuschlagen." Crayford vermochte diesmal nicht den Respekt seinem Vorgesezten gegenüber zu bewahren. Offen widerrieth er den Beschluß des Kapitäns. " Wardour hat kein Recht, aus freien Stücken mitzugehen. Es ist bestimmt, daß der Zufall entscheiden soll." " 1 " Und der Zufall hat entschieden," schrie Wardour. GlaubenSie, wir werden noch einmal würfeln und einem Offizier der Seemöve" die Chance geben, einen Offizier des„ Wanderer" zu vertreten? In unserer Gesellschaft ist eine freie Stelle, nicht in der Ihren; und wir beanspruchen das Recht, sie zu besetzen, wie wir wollen. Ich will gehen, und mein Kapitän unterſtüßt meinen Wunsch. Wessen Gewalt kann mich danach noch zurückhalten?" „ Gemach, Wardour," fiel Kapitän Helding ein ,,, wer im Recht ist, muß sich bezwingen, mit Mäßigung zu reden." Und zu Grayford gewandt, fuhr er fort:" Sie müssen zugeben, daß Wardour diesmal recht hat. Der Fehlende gehört unter mein Kommando, und nach dem natürlichen Gefeß muß einer meiner Offiziere die Stelle erhalten." ( Fortsetzung folgt.) 42 Gulden für zerbrochenes Geschirr," ergiebt das nette Sümmchen von 154 Gulden pro Monat. Also 14 Mädchen arbeiten umsonst für den Wirth, dafür preßt ihnen dieser noch pro Monat 154 Gulden ab. Man sieht, der Mann kommt zu seinen Auslagen. " 1 Im Café Pupp( Karlsbad), dessen Besizer Millionäre sind, arbeiten 40 Café- Mädchen. Gehalt giebt es nicht, statt dessen muß jedes Mädchen täglich ebenfalls 10 Kreuzer für zerbrochenes Geschirr" zahlen. Der Wirth hat in der Folge von den Mädchen eine tägliche Einnahme von 4 Gulden, einen monatlichen Gewinn von 120 Gulden. Da die Mädchen außer dem Hause schlafen, so fällt die Ausbeutung in Gestalt der Zimmermiethe allerdings fort. Die Inhaber des Cafés verstehen jedoch, sich durch einen andern Ertraprofit schadlos zu halten. Sie stellen nämlich nur Mädchen aus Karlsbad, bezw. dessen nächster Umgegend an. Die Mütter und andere weibliche Angehörige derselben müssen sich den Winter über Tischwäsche zum Sticken, Ausbessern 2c. holen, und die reichen Eigenthümer zahlen für diese Arbeit wieder nichts. Sie ist der Preis, den die Angehörigen für die Ehre zu entrichten haben, daß ihre Töchter den Sommer über gegen Abgabe von täglich 10 Streuzer die Gäfte in dem feinsten und theuersten Café. Karlsbads bedienen dürfen. Doch damit ist es der Profitpresserei seitens der Millionäre noch nicht genug. Im Café Pupp wird viel Milch konsumirt, die Milchlieferanten sind fast nur kleine Leute, die durchgängig nur die Milch einer Kuh zu verkaufen haben. Das Angebot von Milch ist ein sehr starkes. Dies benußen die Herren Pupp, um die Milchfrauen, welche für das Etablissement liefern, zu verpflichten, das schmutzig gewordene Geschirr von Morgens 5 bis gegen 10 Uhr unentgeltlich zu waschen. Kommentar überflüssig. Solcher Ausbeutung gegenüber ist es hohe Zeit, daß die wirthschaftlich Schwachen, hier in diesem Fall sogar die wirthschaftlich Schwächsten, die Frauen, ihre Stimme erheben, sich zusammenschließen und mit vereinten Kräften kämpfen für Beseitigung des ohne Unterschied der Nationalität und Religion ausbeutenden und verknechtenden kapitalistischen Wirthschaftssystems. Weihnacht. Von Clara Stockinger. Earl Spöhmann. Das Fräulein saß in ihrem Boudoir und arbeitete an einem zierlichen Kinderjäckchen von heller Wolle. Die Arbeit geschah mit jener wohlanständigen Ruhe und Grazie, die das Ergebniß einer sorgfältigen, theuren Erziehung sind. Das Fräulein war blond und rosig, und Alles herum war gleichfalls rosig. Der schimmernde Peluche, welcher in reichen Falten mit blumigem Brokat in der Dekoration des Zimmers wechselte; die Tapete, der seidene Lampenschleier, welcher den grellen Schein der Lampe dämpfte und Alles, Teppiche, Gemälde und das Fräulein selbst in jenes halbe Licht tauchte, das zur Mode gehört. Und rosig waren auch die Lebensanschauungen des Fräuleins. Die junge Dame war die einzige Tochter eines millionenreichen Spinnereibesitzers und liebte es, die wenigen freien Stunden, welche ihr die Sorge für ihre Vergnügungen und ihre Toilette übrig ließ, mit Wohlthätigkeit" auszufüllen. Sie häkelte und strickte warme Jäckchen und Handschuhe für die armen Kinder der Arbeiter ihres Vaters. Sie meinte es gut. Sie war von der Nothwendigkeit überzeugt, daß Alles so sein müsse, wie es war. Es mußte immer Reiche und Arme, Herren und Knechte geben; arme Arbeiter mußten sich unter Noth und Entbehrungen abrackern, und reiche Fabrikantenfamilien mußten im Ueberfluß schwelgen, so wollte es die sittliche Ordnung auf dieser besten aller Welten. So hatte man der jungen Dame von Kindheit an gelehrt, und nie hatte sie über den Kreis des Gelernten hinausgedacht. Sie fam mit dem Elend nie in Berührung. Sie glaubte ein Uebriges zu thun, wenn sie„ arme Kinder" mit gestrickten Socken, Mützen 2c. versorgte. Es war vierzehn Tage vor Weihnachten. Das Fräulein pflegte zu diesem Feste die Aermsten aufzusuchen und ihnen die zierlichen Erzeugnisse seiner Hand zu bringen, dazu auch Spielsachen, feines Naschwerk und manch unnützen Tand. Den Beschenkten wären oft ein paar Pfund Mehl, Schmalz und Fleisch lieber gewesen, als all die reizenden Sächelchen, mit denen 215 sie nichts rechtes anzufangen wußten, indeß sie am Nothwendigsten Mangel litten. Die junge Dame häkelte emsig darauf los, denn erstens mußte sie noch ein Röckchen vollenden und zweitens saß ihr ein junger Freund des Hauses und Bewerber um ihre goldbeschwerte Hand bewundernd gegenüber. Sie gefiel sich vor ihm sehr in der Rolle der Charitas ( Wohlthätigkeit). Da trat ihr Vater herein. Ein behäbiger, wohlbeleibter Herr, Mitte der Vierzig. ,, Denkt Euch," platzte er heraus, kaum daß er die Schwelle überschritten, diese Unverschämtheit! Kündigt mir eben der Werkführer an, daß die Leute heute um Lohnerhöhung einkommen wollen. Die Männer voran und die Weiber, wie die Affen, natürlich hinterdrein. Unverschämt!" „ Ja, warum denn, Papa?" frug das Fräulein im höchsten Grade erstaunt. Weiß ich's? Aus Uebermuth, aus Nachahmungssucht, weil's die Arbeiter von Horn u. Comp. auch thaten. Doch ich habe ihnen rundweg erklärt, daß ich ihren Wünschen keine Folge geben würde. Bei der heutigen schlechten Zeit muß jeder sehen, wo er bleibt." „ Verdienen sie denn nicht genug?" frug die Tochter abermals. ,, Ach was zum Teufel! Das Pack will immer mehr, als es hat. Keinen Pfennig bekommen sie mehr." Damit ging der Herr Kommerzienrath aufgeregt in das anstoßende Speiſezimmer, in dem bereits reich und behaglich zum Abendessen gedeckt war. * * Die palastähnliche Villa des Spinnereibesitzers Kluge stand in feiner eleganten Gegend. Sie war neben den Fabrikgebäuden in einer Vorstadt Wiens gelegen. In ihrer unmittelbaren Nachbarschaft befanden sich die lotterigen, baufälligen Massenquartiere der Arbeiter und neue vierstöckige Miethskasernen, die elegant sein sollten, aber mit ihren ungescheuerten Thoreinfahrten und Spiegelfenstern ohne Gardinen nur arm aussahen. Der Villa gegenüber hatte ein wohlthätiger Verein eine Wärmestube errichtet, in welcher jedem Besucher eine Suppe und ein Stück Brot unentgeltlich verabreicht wurden. Es war Christabend. Das Lokal war gedrängt voll. Da standen robuste Arbeiter, wie sie den Reichthum einer Nation ausmachen, die Schultern emporgezogen, sich in die hohlen Hände hauchend und mit den Füßen den Boden stampfend, um sich zu erwärmen. Greise, die kaum das nöthigste an Bekleidung hatten, und deren Gesichter blauroth vor Kälte waren. Mütter, die ihr Jüngstes in das einzige Tuch gewickelt trugen, das sie selbst schützen sollte. Blaßwangige, hohläugige Kinder, die lüstern nach den Körben schielten, in denen die zur Vertheilung gelangenden Brotstücke aufgespeichert lagen. In diesen Kinderaugen hier lag nichts von jener erwartungsvollen freudigen Neugier anderer, glücklicher Kinder, welche die Poesie des Weihnachtsfestes ausmacht. Sie hungerten und froren und sehnten sich nur nach Sättigung und Wärme. Ein Mädchen in einem fadenscheinigen Sommermantel, ein paar zu große Damenstiefel an den Füßen, einen aus Pelz gewesenen Muff an einer grünen Jalousienschnur umgehängt, biß gierig in ein Stück Schwarzbrot. Dort eilte ein Junge freudestrahlend auf sein Schwesterchen zu und rief:„ Da schau, i hab' a Scherzl( Anschnitt vom Brot) kriegt. Das iß i so viel gern." " In der Ecke saß eine Mutter und sah befriedigt zu, wie ihr Fünfjähriger seine Erbsensuppe auslöffelte. Ihre eigene Portion stand unberührt vor ihr. Auf die Frage einer Genossin, warum sie nicht esse, entgegnete sie:„ Es ist seit vorgestern früh das erste Warme, was der Bub in' Magen friegt. Vielleicht ißt er die Zweite auch noch." Die Männer wärmten ihre erstarrten Hände an den heißen Blechschalen, und zahnlose Mütterchen fauten mühsam das harte Brot. Die ohnehin schon große Zahl der Nothleidenden und Hilfesuchenden war durch den Streik in der Kluge'schen Fabrik noch vermehrt worden. Seit vierzehn Tagen dauerte er. Mit der Verdienstlosigkeit war die bitterste Noth in den Arbeiterfamilien eingezogen, die auch zu Zeiten regelmäßigen Verdienstes faum genug zum Leben hatten. Mancher und manche mußte Zuflucht in der Wärmstube suchen, der diese bisher nur für einen Unterschlupf für„ Vagabunden" gehalten hatte. Wohl thaten die Kameraden, was in ihren Kräften stand, die Streifenden zu unterstützen. Aber sie konnten nicht viel thun, die Zeiten waren schlecht, die Geschäfte stockten, überall wurden Arbeiter entlassen. Herr Kommerzienrath Kluge wollte von feiner Lohnerhöhung wissen, er litt feine Noth, er hungerte nicht, er fror nicht, er und die Seinigen prangten wie die Lilien auf dem Felde. Erst Vormittags wieder waren drei Vertreter der Streifenden beim Chef vorstellig gewesen. Sie hatten ihm erklärt, daß diese un Nr. 1 der ,, Gleichheit" gelangt am 11. Januar 1893 zur Ausgabe. möglich für die bisherigen Löhne die Arbeit wieder aufnehmen könnten, sie müßten ihre Kinder nähren und kleiden und dies sei von ihrem bisherigen Verdienste bei der herrschenden Theuerung nicht denkbar. Herr Kluge schlug auch diesmal die Forderung rundweg ab, ja er fügte hinzu, daß Jeder unwiderruflich entlassen sei, der bis 3 Uhr Nachmittags nicht erklärt habe, nach den Feiertagen die Arbeit zu den alten Bedingungen aufnehmen zu wollen. Das war das Christgeschenk des Herrn Kommerzienraths an diejenigen, die ihm seine Millionen schufen. * * Die Frau Kommerzienräthin legte eben die letzte Hand an den Weihnachtsbaum, der mit tausendfältigem Flitterkram ausgeputzt bis zur Decke reichte und eine Fülle der kostbarsten Geschenke, wie sie nur der satte Lurus aussann, beleuchten sollte. Da stürzte die Tochter herein und warf sich blaß und entsetzt in einen Fauteuil. „ Höre, Mama!" rief sie. ,, Diese Leute! Wie undankbar! Ich wollte ihnen eben meine Christgeschenke bringen, als mir Michel Hartinger, der Vater der brustkranken Spinnerin Leni, die Thüre vor der Nase zuschlug und mir grob zurief:„ Wir brauchen kein Almosen, man soll uns nur geben, was uns gebührt, dann wollen wir für das Weitere schon selber sorgen." Nein, diese Rohheit! Diese Menschen verdienen es wirklich nicht, daß man sich ihres Elendes erbarmt." Im Gedanken an die erfahrene„ Undankbarkeit" entrüstet sprang die Millionärstochter auf und ging im Zimmer hin und her. " Das kommt davon," sagte die wohlgenährte Kommerzienräthin hochmüthig, wenn man sich zu dem Volke herabläßt. Ich habe Dir das immer gesagt." Mutter und Tochter zündeten darauf die Kerzen des Christbaumes an. Die junge Dame trat dabei einmal ans Fenster. Mit Erstaunen sah sie da, daß es Leute gab, die keinen Christbaum hatten. Sie hatte in Büchern stets so poetische Schilderungen von dem Christfest in den Hütten der Armuth gelesen.. In den gegenüberliegenden Wohnungen blieb jedoch Alles finster. Ihre Insassen hatten entweder kein Petroleum oder kein Holz zum Heizen. Wer nicht in der Wärmstube war, der hatte sich früh ins Bett gelegt, um nicht zu frieren und um seine Noth zu verschlafen. Nur die Kinder lächelten im Schlafe und träumten vom Christkind, von dicken Stücken Kuchen, Hampelmännern und einer warmen Stube. Von der bekannten Frau Lina Morgenstern, Berlin, geht mir folgende Zuschrift zu: Berlin SW., den 17. Dezember 1892. An die Redaktion der„ Gleichheit," Stuttgart! Wenn Sie das Prinzip der Gerechtigkeit ebenso vertreten, wie das der Gleichheit, erwarte ich in Nr. 26 Ihrer Zeitschrift folgende Zeilen aufgenommen zu sehen: „ Zur Aufklärung. Hierdurch erkläre ich den anonymen Angriff in Nr. 25 auf meine Ehre als eine vollständig unbegründete Verdächtigung, da ich noch nie einen Schritt gethan habe, eine Protektion allerhöchster Persönlichkeiten zu erlangen, viel weniger zu erbetteln, ich hielt mich vielmehr solchem Streberthum gegenüber stets fern. Ihrer Frau Emma Jhrer ist es wohlbekannt, daß der einzige Verein, welcher unter meiner Leitung„ unter Protektorat" steht: der Verein der Berliner Volksküchen von 1866, nie sich um dasselbe bewarb, wohl aber es als ein Zeichen der Würdigung dieses Werkes dankbar hinnahm, als Kaiserin Augusta dem Vorstand ihren Willen kund that, das Protektorat übernehmen zu wollen. Lina Morgenstern." Als Redakteurin der„ Gleichheit" hätte ich es mir zur Pflicht gemacht, die obige Einsendung auch ohne den Appel an das Prinzip der Gleichheit und Gerechtigkeit aufzunehmen. Als Verfasserin des inkriminirten Artikels habe ich Folgendes zu erwidern: Die Anonymität des„ Angriffs" war durchaus keine beabsich tigte. Ich zeichne meine Artikel in der„ Gleichheit" überhaupt nie. Es gehört nicht zu meinen Gepflogenheiten, wie das Gegacker der Henne, welche ein Ei legt, unter jede meiner Arbeiten meinen Namen zu setzen. Ich glaube der Unterschrift in der„ Gleichheit" um so eher enthoben zu sein, als ich das Blatt als verantwortliche Redakteurin zeichne und damit für jeden Fall die volle Verantwortlichkeit für Alles übernehme, was in der Zeitung zur Veröffentlichung gelangt. 216 Daß ich bei einer Polemik stets bereit bin, mit meinem Namen hervorzutreten, versteht sich am Rande. Fürchte ich die Verantwortlichfeit gegenüber den Behörden nicht, so fürchte ich den Zorn einer Frau Lina Morgenstern gewiß ebensowenig. Ich muß bekennen, daß ich der Person der werthen Dame mit dem Gefühl allertiefster Wurstigkeit gegenüberstehe. Nichts lag mir ferner, als sie persönlich anzugreifen und zu verdächtigen. An Stelle ihres Namens hätte ich in dem betreffenden Satz ebensogut Müller, Schulze oder Lehmann setzen können. Für mich kam Frau Lina Morgenstern nicht als Person, nur als Typus in Betracht. Eine hartgesottene Sünderin, wie ich bin, bleibt für mich die werthe Dame nach wie vor die Verkörperung des allerhausbackensten, seichtesten deutschen frauenrechtlerischen Krethi's und Plethi's. Zu den charak teristischen Eigenschaften dieser Spielart wild gewordener höherer Töchter gehört aber die waschecht reichstreue Gesinnung und das patriotisch klopfende Herz, das sich erst beruhigt fühlt, wenn die Gnadenſonne einer allerhöchsten Huld über einem Unternehmen scheint. Meine" Frau Emma Ihrer kann ich in der Protektoratsangelegenheit nicht erst um Austunft bitten. Aber ich bin ein gläubiges Gemüth. Und so will ich Frau Lina Morgenstern aufs Wort glauben, daß sie nie die Protektion allerhöchster Persönlichkeiten zu erlangen, viel weniger zu erbetteln versucht hat. Ich will es ihr glauben, daß ihr„ Streberthum" nie darüber hinausgegangen ist, als Volksküchenapostolin, von dem Heiligenschein einer Suppenterrine umstrahlt, den offiziellen Festessen und Eröffnungsfeiern besagter ,, Wohlthätigkeitsanstalten" zu präsidiren und sich von den sparenden, enthaltsamen Philanthropen in Champagner, von den Bettelsuppenempfängern aber in„ kräftigem Wasserfüpplein" anhochen zu lassen. Es kann nicht anders sein. Der Volksküche der Frau Lina Morgenstern in Würdigung dieses Werkes das Protektorat der Kaiserin Augusta. Der Kaiserin Augusta in Würdigung dieser Würdigung die dankbare Entgegennahme der Kundgabe ihres Willens durch Frau Lina Morgenstern. Dem Verdienste seine Krone. Clara Zetkin. Kleine Nachrichten. Zum Kapitel der Hungerlöhne. In der Baumwollenspinnerei von Neuplagwitz bei Leipzig erhielt ein 16 jähriges Mädchen einen Stundenlohn von 2½ Pfennig. Das betreffende Mädchen war vor acht Wochen bei der genannten Fabrik in Arbeit getreten. Die erste Woche mußte sie als„ Lehrmädchen" umsonst arbeiten. Die zweite und dritte Woche verdiente die Arbeiterin 8 Mark 40 Pfennig, die vierte und fünfte 5 Mark 95 Pfennig. Das Mädchen kündigte, weil es mit seinem Lohn nicht auskommen konnte, der Werkmeister nahm jedoch die Kündigung nicht an und versprach andere, bessergelohnte Arbeit. Das Versprechen wurde nicht gehalten. In der siebenten Woche mußte die Arbeiterin wegen Krankheit zwei Tage aussehen. Als sie wieder zur Fabrik kam, hieß es, daß sie entlassen sei. Auf ihr Verlangen erhielt sie am andern Tage ihr Arbeitsbuch und zwei Tage später den Lohn von 2 Mark 50 Pfennig für zehn Tage Arbeit bei täglich zehnstündiger Schaffenszeit. Das Mädchen hatte also in der Stunde 2½ Pfennig verdient. Was sagt Herrn Richter's ,, Spar- Agnes" zu diesem Verdienst? Wie würde sie es anfangen, um bei solchen Hungerlöhnen sich ein Kapitälchen" zur Aussteuer zu ersparen? U. A. w. g. Jn Dänemark besteht seit 1871 eine Organisation der Tabakarbeiter, welche jedoch erst seit 1878 einige Bedeutung erlangte. Von 1900-2000 Tabakarbeitern und Arbeiterinnen, die sich auf 23 verschiedene Orte vertheilen, sind 1450 organisirt. An Beiträgen bezahlen die weiblichen Mitglieder 60 Dere 65 Pfennig pro Monat, die männlichen 25 Dere 27 Pfennig pro Woche. 1883 gelang es den Tabakarbeitern durch einen Streit, der 6 Monate dauerte und eine Ausgabe von 70000 Kronen 78 750 Mark verursachte, die Festsetzung eines Minimallohnes( Mindestlohnes) zu erreichen. Der Durchschnittslohn beträgt für männliche Tabakarbeiter 14 Kronen 15 Mark 75 Pfennig, für weibliche dagegen nur 8½ Kronen 9 Mark 6 Pfennig pro Woche. Das Streben der dänischen organi sirten Tabakarbeiter ist darauf gerichtet, den Arbeiterinnen den gleichen Lohn zu sichern, den sie selbst erhalten, um zu verhindern, daß das profitgierige Unternehmerthum die billigere Frauenarbeit gegen die theurere Männerarbeit ausspielt und die Löhne für die eine wie die andere noch tiefer herunter drückt. Das dänische Parlament hat seine Einwilligung dazu gegeben, daß auch Frauen in der Kammer als Stenographen thätig sind. Frau Grundtwig ist die erste Frau, welche im dänischen Parlament die Reden der Abgeordneten stenographirt. Berantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zetkin( Eißner) in Stuttgart.. 1 Drud und Verlag von J. H. W. Dieg in Stuttgart.