Nr. 1. -12. H6 g/ z Die Gleichheit 4 4. Jahrgang. DES VOLKSVEREINS FÜR DAS KATH. DEUTSCHLAND Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Herausgegeben von Emma Ihrer in Velten( Mark). Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nro. 2660) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf. Stuttgart Mittwoch, den 10. Januar 1894. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Einladung zum Abonnement. Mit vorliegender Nummer beginnt die„ Gleichheit" den vierten Jahrgang ihres Erscheinens. In ihrer Eigenschaft als Organ für die Interessen der Arbeiterinnen wird sie auch im neuen Jahre kämpfen für die volle gesellschaftliche Befreiung der proletarischen Frauenwelt, wie sie einzig und allein möglich ist in einer im Sinne des Sozialismus umgestalteten Gesellschaft. Denn nur in einer solchen verschwindet mit den jetzt herrschenden Eigenthums- und Wirthschaftsverhältnissen die Ursache jeder gesellschaftlichen Unterdrückung und Unfreiheit: die Abhängigkeit eines Menschen von einem andern Menschen; denn nur in einer solchen verschwindet mit den jetzt herrschenden Eigenthums- und Wirthschaftsverhältnissen der Gegensatz zwischen Besizenden und Nichtbesitzenden, zwischen Mann und Frau, zwischen Kopfarbeit und Handarbeit. Aber die Aufhebung dieser Gegen säge kann nur erfolgen auf Grund des Klassenkampfes, die Befreiung des Proletariats kann nur das Werk des Proletariats selbst sein. Will die proletarische Frau frei werden, so muß sie sich der allgemeinen sozialistischen Arbeiterbewegung anschließen. Die„ Gleichheit" wird sich wie bisher bestreben, die Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen dieser Bewegung zuzuführen, sie für den Klassenkampf zu schulen. Dadurch erfüllt sie am wirksamsten ihre Aufgabe, für die gesammten Interessen der proletarischen Frauenwelt einzutreten. Ihre Haltung wird deshalb sein, wie sie in den vorhergehenden Jahren gewesen ist, und wie sie durch die Thatsache vom Kampfe der Klassen bedingt wird, an dem die Proletarierinnen theilnehmen müssen, wenn sie ihre Pflichten erfüllen und ihre Interessen wahren wollen. Redaktion und Verlag werden wie seither Alles aufbieten, was in ihren Kräften steht, damit die„ Gleichheit" ihrer Aufgabe eine Ruferin zu sein im Streit auch fernerhin möglichst gerecht werde. Wir hoffen, daß sich das Blatt in der Folge im neuen Jahrgang die alten Sympathien erhalten und neue Sympathien gewinnen wird. Mögen die Leserinnen und Leser, mögen die Genossen auch ihrerseits dafür wirken, daß sich der Leserkreis der ,, Gleichheit" mehr und mehr erweitere, damit in immer breitere Schichten der proletarischen Frauenwelt die von dem Blatt vertretenen sozialdemokratischen Ueberzeugungen getragen werden und festen Fuß fassen. Die„ Gleichheit" ist im Reichspostzeitungskatalog pro 1894 eingetragen unter Nummer 2660, im württembergischen Katalog unter Nummer 128 und kostet vierteljährlich 55 Pfg. ohne Bestellgeld. Probe- und Agitations- Nummern der„ Gleichheit" werden jederzeit gratis abgegeben. Recht zahlreichen neuen Abonnements sieht entgegen Die Redaktion und der Verlag. Zuschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" sind zu richten an Fr. Klara Bettin( Eißner), Stuttgart, RothebühlStraße 147, IV. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. In Reih und Glied. Jahrhundert auf Jahrhundert arbeitete die Masse der Frauen in der Familie und für die Familie. Und mit ihrem Thun da hafteten auch ihre Gefühle und Gedanken, da hafteten ihre ge= sammten Interessen am häuslichen Herde. Die Arbeit am häuslichen Herde gab ihnen ja den Lebensunterhalt, mit diesem allerdings die Unterwürfigkeit unter den Mann. Anders in unserer Zeit. Die wirthschaftliche Entwicklung hat mit der Maschinenarbeit und der Großproduktion, mit der steigenden Verelendung des Proletariats und der Vernichtung des Mittelstands für die große Masse der Frauen das Feuer des häuslichen Herdes verlöscht, den häuslichen Herd selbst Stein um Stein auseinander gerissen und seine Trümmer in alle Winde zerstreut. Millionen von Proletarierinnen sind durch die Noth gezwungen, ihren Unterhalt außerhalb der Familie zu erwerben durch Arbeit für einen kapitalistischen Unternehmer. Denn was der Mann, der Vater an Lohn erhält, das reicht bei Weitem nicht für die Bedürfnisse der Familie aus, mag diese in ihren Ansprüchen noch so bescheiden sein. Und immer kleiner wird die Zahl der Frauen des Mittelstandes, welche in der Ehe und durch die Ehe eine Versorgung fürs Leben finden. Immer mehr schwillt die Zahl Derer von ihnen an, welche durch Erwerbsarbeit für ihre Eristenzkosten aufkommen müssen. Wie die Proletarierin genöthigt ist, die Kraft ihrer Hände an irgend einen Schlotjunker loszuschlagen, so müssen diese Frauen auf dem Gebiet des Lehrwesens, des Post- und Telegraphendienstes, der Literatur, des Handels die Kraft ihres Hirns an einen Unternehmer verkaufen, sei es Staat, Kommune oder eine Privatperson. " Die Industriearbeiterin, welche darbend mit schwieliger Hand an der Maschine frohndet, die Lehrerin, welche mit dem Hirn hungernd pflügt", sie sind mit ihren Lebensinteressen losgelöst vom Märchens aus alter, ferner Zeit. Damit sind sie der wirthhäuslichen Herd, der für sie nur noch die Bedeutung hat eines schaftlichen Fesseln ledig geworden, welche sie an den Mann banden und in wirthschaftlicher Abhängigkeit von ihm hielten. Damit wurden sie aber auch aus dent beschränkt idyllischen Leben der " guten alten Zeit" herausgerissen und mitten hineingeschleudert in den Kampf und Streit unserer Tage. Denn ihre ureigensten Lebensinteressen werden unmittelbar oder mittelbar von den sozialen und politischen Verhältnissen und Erscheinungen beeinflußt, und der Kampf ist die Signatur der Verhältnisse und Erscheinungen der Gegenwart. Er eilt als Herold einer neuen, besseren Zeit voraus. = Die nämlichen Verhältnisse, welche die Thätigkeit der Frau aus dem Hause in die Gesellschaft verlegten, haben diesen Kampf geboren. Die wirthschaftliche Entwicklung trieb die Gegensäge zwischen Arm und Reich auf die Spike, sie bewirkte, daß in jedem kapitalistisch produzirenden Land zwei Nationen feindselig einander gegenüberstehen: Geldsäcke und Habenichtse, Ausbeuter und Ausgebeutete, Herrscher und Beherrschte. Und immer schärfer, immer unüberbrückbarer ist der Gegensatz zwischen den beiden Nationen geworden. Sie reden die gleiche Sprache und verstehen einander doch nicht mehr, was dem Wohl der Einen frommt, das schlägt der Anderen zum bittersten Leide um. Die Tagdieberei der oberen Zehntausend wird ermöglicht durch die übermäßigen Arbeitslasten des werkthätigen Volks; das Wohlleben etlicher Weniger, ihr Ueberflnß an allen Gütern des Lebens hat zur Voraussetzung das Darben, das blutige Elend der Vielen; der Kultur, ja Ueber- kultur der Spitzen der Gesellschaft steht gegenüber die Unwissenheit, das Verkommen der breiten besitzlosen Masse. Lange trug das Proletariat sein Elend ohne zu rebelliren. Es hielt es für sein unvermeidliches Geschick, zu säen und nicht zu ernten, Brot zu schaffen und zu hungern, Paläste zu bauen und in den ungesundesten Löchern zu Hausen, Sammt und Seide zu weben und in Lumpen einherzugehen, die Voraussetzungen für die Entfaltung aller Kultur zu erzeugen und sich selbst zu Kulturdünger zermalmen zu lassen. Aber die fortschreitende Entwicklung steigerte die Qualen der Proletarier und Proletarierinnen zu so unerträglichen, daß sie erwachten zum Bewußtsein ihres gemeinsamen Elends und der Solidarität der Interessen, welche sie miteinander verbindet, daß sie sich über ihre Klassenlage klar wurden. Mit diesem Bewußtsein fing die Wiedergeburt des Proletariats an. Mit ihr wurde aber auch der Kampf unvermeidlich, der Kampf gegen das ausbeutende und herrschende Drohnenthum, der Kampf gegen das ganze Gesellschaftssystem, welches den Segen für Wenige in einen Fluch für Viele verwandelt. Denn die jetzt Bevorrechteten, die Schooßkinder der kapitalistischen Ordnung der Dinge, wollen nicht auf ein Titelchen ihrer Vortheile verzichten. Was ihnen Dichter, Philosophen und Philanthropen im Namen des Idealismus von Gerechtigkeit und Bruderliebe gesprochen, das ist wirkungslos verhallt wie die Stimme des Predigers in der Wüste. Klasseninstinkt und Klasseninteresse der Besitzenden sind stärker als Einsicht und Idealismus. Das Proletariat muß sich aus eigener Kraft zu besseren Lebensverhältnissen emporarbeiten, es muß mit eigener Hand seine Ketten brechen und seine Freiheit erkämpfen. Nur durch den Kampf von Klasse zu Klasse ertrotzt es augenblickliche Vortheile und vollbripgt es das Werk seiner endgiltigen Befreiung. So ist heutzutage die bürgerliche Gesellschaft allerwärts in zwei Lager gespalten. Hier die alte bürgerliche Welt mit ihren Ungerechtigkeiten, mit dem Wehklagen der Hungernden, dem Stöhnen der Zertretenen nnd dem tollen Orgienjubel der Tänzer ums goldene Kalb. Dort die neue sozialistische Welt mit ihren Verheißungen für Alle, die mühselig und beladen sind, mit ihrer Verwirklichung der allgemeinen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Und zwischen beiden der Kampf, der zähe, erbitterte Kampf. In welches Lager gehören all die Frauen, die mit der Hand oder dem Kopf arbeiten? Sie haben ihren Platz im Lager des Proletariats, dem sie bereits angehören oder durch die Macht der wirthschaftlichen Verhältnisse morgen angehören werden. Die wirthschaftliche Unabhängigkeit vom Manne, von der vaterrechtlichen Familie haben diese Frauen erkauft um den Preis ihrer wirthschaftlichen Abhängigkeit von einem Kapitalisten, sie wurden Lohnarbeiterinnen. Willkürlicher, härter als der Mann über die Frau herrschte, herrscht der Unternehmer, der Brotherr über die Lohnsklavin.„Du sollst keine anderen Götter haben neben mir, Du sollst kein anderes Bestreben kennen als das, mir Profite zu schaffen und meinen Reichthum zu mehren", ruft er ihr zu. Und dementsprechend muß sich ihr Leben nach seinem Belieben, mit Rücksicht auf sein Nutz und Frommen modeln. Dem Unternehmer häufen die Lohnarbeiterinnen Schätze auf Schätze, sich selbst aber erschaffen sie bittere Armuth und Entbehrungen aller Art. Damit der Profithunger des Kapitalisten befriedigt werde, müssen sie sich mit kärglichen Löhnen begnügen, lernen sie die aufreibende Ueberarbeit kennen, das Schaffen an Feiertagen, die verderbliche Nachtarbeit, dann wieder Zeiten der Arbeits- und Verdienstlofig- keit, Tage ohne Brot, Zimmer ohne Heizung und Licht, den Pfandverleiher, die Asyle für Obdachlose, die Bettelsuppen, in so nnd so vielen Fällen— die Kupplerin, die Schande. Vor ihren Augen locken Güter, so reich, so mannigfaltig, wie sie keine Zeit gesehen. Sie und ihresgleichen haben diese Güter geschaffen und müssen nun mit leeren Händen stehen und darben. Rings um sie sprudeln Bildungsguellen, wie sie keinem früheren Geschlecht Alm-Hassan. Ein Märchen ans dem Russischen. Weit, weit von hier, dort, wo auf hohen, schlanken Thürmen goldene Halbmonde im Sonnenschein glitzern, wo buntfarbige Mosaikkuppeln glänzen, wo Dattelpalmen mit ihren fächerartigen Wipfeln hoch in den blauen Himmel ragen, da wohnte einstmals, und wohnt vielleicht auch jetzt noch, ein gutherziger Mann, Abu-Hassan. Viel Gut gab es in seinen großen Speichern, und es schien, als ob ihm die Schätze vom Himmel zufielen. Beinahe jeden Tag schwankten nach seinem Hof ganze Karawanen beladener Kameele und brachten für seine Vorrathskammern die Reichthümer fremder Länder: feine, bunte Stoffe und Teppiche, goldgezierte, scharfe Türkensäbel, Jaspisschalen und blaue Türkise, auch rothe Rubinen, große silberfarbige Perlen und schwere Goldbarren. Mit Allem handelte Hassan, und Alles hatte er im Ueberfluß. Jeden Tag stand er am frühen Morgen auf, machte seine Fußwaschung, dabei nach der aufgehenden Sonne schauend, und sprach den Vers des Korans:„Wische ab die Thränen der Witwe, hilf dem Unvermögenden, sättige den Hungernden, stille den Durst des Dürstenden." Und die Darbenden und Hungernden, die Krummen, die Blinden, die Armseligen, allerlei Bettler und Fakire� standen schon längst in Haufen ans Haffan's weitem Hofe und warteten auf sein Erscheinen. Abu-Hassan trat heraus, setzte sich auf einen großen bunten Teppich, auf weiche Atlaskissen und rauchte aus langem Schlauch seine Wasserpfeife. Aber seine Sklaven und Angestellten brachten ganze Säcke voll Zechinen und Rupinen, und vertheilten sie freigebig unter alle die Bittenden und Wartenden. Und die ganze Menge schrie:„Groß ist Allah nnd sein Prophet! Groß der Khalif Abu-Hassan-Albenassar und sein getreuer Sklave Abu-Hassan der Trost der Menschenwelt." Und Dichter traten ans der Menge, verbeugten sich tief vor Abu-Hassan, die Hände auf der Brust kreuzend und sangen dann laut: „Die Sonne scheint milde auf alle Menschen und wärmt alle freigebig mit ihren Strahlen. So thut durch seine Freigebigkeit der weise Abu-Hassan allen Armseligen und Leidenden wohl! Gelobt sei Allah! „Die Rose ergießt ihren Duft über das Thal Harasem. Also wird Gnade ergossen aus dem wohlduftenden Herz Abu-Hassan's über alle Unglücklichen. Gelobt sei Allah! „Ein erquickender Born fließt aus seiner Seele, die Sterne der Weisheit schimmern in seinen Augen, Ambra des Mitleidens kommt von seinen Lippen. Er ist groß! Er ist der Trost der Menschenwelt! Gelobt sei Allah!" Und Abu-Hassan gab jedem Dichter eine Handvoll Zechinen zur Begeisterung. Dann kamen Derwische* und Fakire in schmutzige Lumpen und in Thierfelle gekleidet, mit Bärten, die bis zur Erde reichten. Demüthigen Herzens verbeugten sie sich tief vor dem„Trost der Nienschenwelt" und sprachen zu ihm: „Es giebt keinen Gott, außer Gott, und Mohammed ist sein Prophet! Die Thüren des Paradieses sind geöffnet für die Gottseligen. Lichte Huries erwarten sie im Schooße der Ewigkeit. Der gute Engel Dschebrail empfängt ihre Seelen auf dem Sterbebett. Vollkommene Glückseligkeit wird Allen zu Theil, die trauern und sorgen um die leidende Menschenwelt!" Und Abu-Hassan gab jedem Fakir eine Handvoll Rupinen, gleichsam als Vorschuß auf die zukünftige Glückseligkeit. Und er dachte, daß er wirklich der Trost sei der Menschenwelt, daß aus ihm ein Born fließe der Erqnickung für die Leidenden und der Heilung von allerlei Wunden und Schmerzen. * Muhamedanischc Bettelmönche in Indien. Muhamedanische Mönche. erschlossen waren, sie aber dürfen sich nicht bücken und ihren Durst nach Wissen löschen, sie sollen sich mit den Brosamen der Bildung begnügen, die von der Reichen Tische fallen. Und schwerer noch als das armselige, entbehrungs- und mühsalsreiche Leben lastet auf den Arbeiterinnen aller Art die Unsicherheit der Eristenz. Heute racfern sie bis zur vollständigen Erschöpfung, morgen irren sie brotlos durch die Straßen. Eine neue Maschine wird erfunden, ein Artikel kommt außer Mode, ein politisches Ereigniß, welches die Marktverhältnisse beeinflußt, tritt ein, und von einem Tag zum anderen fliegen Hunderte von Arbeiterinnen brotlos aufs Pflaster. Gleicherweise traurig sind die Verhältnisse der proletarischen Frauen, welche nicht der Berufsarbeit nachgehen müssen, sondern noch zu Hause der Wirthschaft vorstehen, die Kinder pflegen. Was die Berufsarbeiterinnen unmittelbar leiden, das leiden sie durch Vermittlung des Mannes. Knappe Löhne, Ueberarbeit, Unsicherheit der Eristenz, kurz alle die„ Segnungen", mit denen das Kapital die Lohnarbeit beglückt, beeinflussen das Wohl der Arbeiterfamilie, erschüttern sie in ihren Grundvesten, zerstören sie im Handumdrehen und vermehren die Sorgen der Arbeiterfrau. Und diese Verhältnisse zwingen den Frauen der werkthätigen Masse den Kampf auf gegen die heutige Gesellschaftsordnung, d. h. gegen die Ursache all der Uebel, welche sie zu Boden drücken. Und diese Verhältnisse führen die Frauen der werkthätigen Masse voll hoffnungsfreudiger Begeisterung in Reih und Glied der einzigen Partei, welche gegen diese Gesellschaftsordnung kämpft, welche das Schwert nicht eher zur Seite legt, bis dieselbe beseitigt ist: in Reih und Glied der Sozialdemokratie. Hier ist der Play all der Frauen und Mädchen, welche an ihren Stetten rütteln, welche sie Ring um Ring zerbrechen und umschmieden in Waffen, mit denen sie für ihre Befreiung fämpfen. Denn für immer vorbei die Zeit, wo die Frau in beschränkter Auffassung des Lebens und ihrer Aufgaben diese Ketten für einen Schmuck erachtete. Die Frauen des frohndenden Volks stellen sich in Reih und Glied des klassen bewußten Weltproletariats, des jugendfrischen Kämpfers für FreiEinstmals geschah es, daß er zu Abend viel Reisbrei aß mit Datteln aus Damaskus. Darauf machte er die Fußwaschung und ging zu Bett. Mitten in der Nacht hörte er plößlich eine Stimme, die zu ihm sprach:„ Stehe auf, Hassan, und folge mir!" Er öffnete die Augen und sah, daß ein schwarzes, schwanfendes Gespenst vor ihm stand. " Allah ist groß!" sprach Abu- Hassan voll Verwunderung und Schrecken.„ Wer bist Du?!" „ Ich bin Gardiil, der Engel des Leids", antwortete das Gespenst. Und Hassan sah, daß es wirklich ein Engel war in langer, schwarzer Kleidung. Die feinen Augenbrauen seines bleichen Gesichts waren finster zusammengezogen. Unter den gesenkten Augenlidern quollen Thränen hervor. " Steh' auf, Hassan, Du Trost der Menschen, folge mir, und Du sollst sehen, wie groß das menschliche Leid ist!" Und er nahm Hassan bei der Hand, und wie von einer höheren Macht bewegt hob sich Hassan unwillkürlich vom Bett und flog mit dem Engel durch das große Fenster, in das der Vollmond hell hineinleuchtete. Rasch schwebten sie durch die warme Nachtluft dahin. Unter ihnen dunkle Feigengärten, mit Cypressen bepflanzte Kirchhöfe, in Nacht gehüllt, und im Mondschein glizernde Springbrunnen. Hoch über die schlafenden Thürme der Minarets flogen sie weiter und weiter, unter ihnen huschte Alles schnell in einem durchsichtigen, silberfarbigen Nebel vorüber. Und endlich sah Hassan nichts mehr als den durchsichtigen Nebel. 3 heit und Recht, weil auch sie von dem Hauch berührt worden sind, von dem der Dichter sagt: Es geht ein gewaltiger Geisteshauch über die Erde, Desgleichen auf Erden noch nie ist gespüret worden, Er wühlet die Wellen auf vom Grund. Dem Amboß hat es Einer gesagt, Daß er aus demselben Stoff gemacht sei Wie der Hammer Und siehe! er will nicht länger Amboß sein." Madame Roland. Von all den glänzenden Frauengestalten, welche im Laufe der großen französischen Revolution an die Oberfläche des öffentlichen Lebens emportauchten und dann zum großen Theil von dem Strudel des gewaltigen Stroms der Ereignisse verschlungen wurden, kann sich wohl keine an Bedeutung auch nur im Entferntesten mit Madame Roland messen. Durchaus ebenbürtig steht sie den Männern ihrer Partei, der Partei der Gironde, zur Seite, ja viele von ihnen überragt sie um Haupteslänge an flammender Begeisterung für die Sache der Revolution, an nie verlöschendem Glauben, an Schärfe und Logik des Urtheils und an unbezähmbarer Thatkraft. Sie war mehr als eine bewußte, energische Parteigängerin der Gironde: in so und so vielen Fällen war sie deren Haupt, das dachte, ihr Willen, der lenkte. Mit ihrem hoch entwickelten, den vielseitigsten Interessen zugewandten Geiste, ihrem in sich gefestigten, selbständigen, mannhaften Charakter kann sie nicht etwa als typische Vertreterin der französischen Bürgerfrauen des 18. Jahrhunderts gelten. Dagegen gelangt in ihr und ihrer Stellungnahme zu den Ereignissen und Parteifämpfen der großen Revolution der Charakter der Bourgeoisie als Klasse zu geradezu typischem Ausdruck. Allerdings nicht der Bourgeoisie, wie wir sie heute kennen, im Stadium der Greisenhaftigkeit, sondern der noch jugendkräftigen idealistischen Bourgeoisie, welche im Kampfe stand für ihre Gleichberechtigung und sich selbst mit der ganzen Menschheit identifizirte. Und so ist es kein Zufall, kein auf die Gefühle persön licher Freundschaft zurückzuführender Umstand, daß Madame Roland sich mit Leib und Seele der Gironde anschließt, mit ihr rathet und thatet und mit ihr fällt. Es war dies eine innere Nothwendigkeit. und erblickte plößlich einen großen, schwarzen Bären, dessen langes, breitstirniges Haupt hinter dem Felsen hervorguckte. Rasch sprang fie auf und mit Mark und Bein durchdringendem Geschrei floh sie, das Kind fest umflammert haltend und über die Felsblöcke stolpernd. Doch der Bär lief ebenso schnell ihr nach. Viele Menschen in Thierfellen sprangen aus den Höhlen und jagten ihnen nach mit sonderbarer Waffe. Die Frau strauchelte, stürzte, das Kind fiel ihr aus den Armen. Schnell wie der Bliz warf sich der Bär darauf, ergriff es mit seiner großen Tage und mit grimmigem Gebrüll verschwand er sammt seiner Beute, verfolgt von den Pfeilen und dem Geschrei der sonderbaren Menschen in Thierfellen. Die Frau ging wie wahnsinnig davon, wild um sich blickend, und setzte sich wieder an den krummen, alten Baum, das Haupt in den Schooß gesenkt. Von Zeit zu Zeit hob sie den Kopf, schaute um sich, und ein langgedehntes, schmerzliches Stöhnen fam aus ihrer Brust. In ihrer Klage lag soviel Stummer und hilfloses Leid, daß das Herz Abu- Hassan's vor Schmerz zusammenzuckte. O, bitte, fliehen wir von hier", sprach er zum Engel. Und sie flogen weiter. Ein neues Bild tauchte vor ihren Augen im silberfarbigen Nebel auf. Eine Volksmenge stand in einem Kreis bei einander und schaute luftig zu, wie ein Bauer in grauem Rock einen großen Bären an der Kette führte. Der Bär sprang und tanzte, und der Bauer " Schau hin", sagte der Engel,„ und Du wirst die ersten zwang ihn, sich vor Jedermann bis zur Erde zu verneigen. Anfänge des menschlichen Leids erblicken!" In dem unermeßlichen Nebel zeichnete sich, gleich dem Bild einer Zauberlaterne, eine weite, traurige Wüste ab. Seltsame Gestalten, mit Haaren bewachsen, in Thierfelle gekleidet, kletterten auf den Felsen herum und bargen sich in dunklen Höhlen. Gegen den frummen Stamm eines alten Baumes gelehnt saß eine Frau und säugte ihr Kind. Sie schaute ängstlich und erschreckt um sich „ Allah! Allah!" sprach Hassan.„ Der Mensch besiegte die wilden Thiere." ,, Viel Schmerz hat es gekostet", sprach der Engel des Leids, ,, biel Blut und Thränen sind vergossen worden, bevor dieser Sieg errungen wurde. Aber ohne dieses Blut und diese Thränen und ohne diesen Kampf gäbe es auch keinen Sieg!" ( Schluß folgt.) Denn die Gironde war die Partei der Bourgeoisie, sie war beherrscht von den Klasseninstinkten, zum Theil von den schon bewußten Klasseninteressen des Bürgerthums, das sich im Gegensatz zu fühlen begann zu den Schichten der„ Sanstulotten"( Ohnehosen), d. h. der besitzlosen, arbeitenden Masse. 4 „ Ich hätte meine Suppe ebenso gut kochen können, als Philopoemen* Holz spaltete", sagt sie in ihren Memoiren sehr charakteristisch,„ aber Niemandem, der mich sah, würde es eingefallen sein zu denken, daß dies die Aufgabe wäre, welche man mir passender Weise zuertheilen könnte." In der Zeit, wo Manon sich auf den ersten Genuß des Abendmahles vorbereitete, trug sie sich mit dem Plane, der Welt zu entsagen und den Schleier zu nehmen. Sie trat in ein Pariser Kloster Die Kindheits- und Jugendjahre von Madame Roland stehen im schärfsten Gegensatz zu ihrem späteren Leben. Hier die reinste Idylle, eine behaglich ruhige Gristenz innerhalb der engen Schranken des Herkommens. Da der leidenschaftlich tobende Kampf, das Herein, kehrte aber schon nach einem Jahre wieder zu ihrer Familie austreten aus dem engen Kreis des bürgerlichen Frauenlebens, die Aktion auf der Bühne des politischen Lebens, am Ende- das Schaffot. Das Schicksal war Madame Roland nicht an der Wiege gesungen worden; sie hat es sich selbst geschmiedet, soweit die Gestaltung eines Lebens von dem Willen einer Person abhängen kann. Jeanne- Marie Phlipon, die spätere Madame Roland, wurde am 18. März 1754 als Tochter einer behäbigen Bürgerfamilie in Paris geboren. Ihr Vater, Graveur und Bijouteriewaarenhändler, war ein Kluger, aber oberflächlicher, eitler und leichtsinniger Mann, die Mutter eine herzensgute, einfache, etwas beschränkte Frau, die in ihren Haushaltungs- und Familiensorgen aufging. Schon frühzeitig zeigte die kleine Manon, so wurde die nachmalige Heldin der Gironde genannt, einen ungewöhn lich lebhaften und regsamen Geist, der sich an Alles heranwagte, und einen festen Willen, der sich Geltung zu verschaffen wußte. Die Mutter war zu schwach und beschränkt, um auf die Entwicklung des begabten Kindes großen Einfluß auszuüben, der Vater zu sehr Lebemann. So blieb die kleine Manon sehr viel sich selbst überlassen. Man gab ihr für die verschiedenen Fächer des Wissens Lehrer, in der Werkstatt des Vaters lernte sie mit dem Stichel umgehen, die Mutter machte sie mit den Geschäften des Haushalts bekannt. Am Gravieren, Kochen und an allen Handarbeiten fand jedoch Jeanne- Marie nur wenig Geschmack. Dafür lernte sie mit um so größerem Eifer und mit andauerndem Fleiß Lesen, Schreiben, Rechnen, Geographie, Geschichte 2c. Ein Onkel schlug ihr vor, das Latein zu erlernen, und mit großer Begeisterung ging sie sogleich an das Studium der lateinischen Sprache. Später studirte sie mit der gleichen Lust Astronomie, Physik, Philosophie 2c. Oft stand sie des Morgens um 5 Uhr auf, eilte im Nachtjäckchen an den Arbeitstisch im Zimmer der Mutter und lernte und las. zurück und verbrachte darauf ein zweites Jahr bei der Großmutter, welche sie in die„ gute Gesellschaft" einführte. In jene Zeit fallen die ersten Aeußerungen ihres Hasses gegen die soziale Ungleichheit. Scharf und peinlich kam dem jungen Mädchen der Gegensatz zwischen Aristokratie und Bürgerthum zum Bewußtsein. Manons Selbstgefühl bäumt sich dagegen auf, daß Adelige, welche weder Vorzüge des Geistes noch Charakters besitzen, auf Grund ihrer Geburt eine bevorrechtete Stellung einnehmen und voll Geringschätzung auf die Bürgerlichen herabblicken. Zwei Episoden, welche Madame Roland in ihren Memoiren erzählt, sind charakteristisch dafür. Eines Tags besucht sie mit der Großmutter eine Frau de Boismorel. Diese empfängt ihren Besuch als große Dame, auf dem Sopha sigend, neben sich ihren Schooßhund, redet die betagte Madame Phlipon, in ihrer Eigenschaft als Unterbürtige, als Bürgerliche, die in ihrem Hause Erzieherin gewesen, mit Fräulein Rotisset ( dem Mädchennamen) an und führt eine halb frivole, halb gnädig herablassende Unterhaltung. Während die gute Großmutter von der Dame und ihren„ feinen Manieren" ganz entzückt ist, nimmt die Enkelin von dem Besuch einen höchst unangenehmen Eindruck mit nach Hause. Sie ist entrüstet über die Hohlheit des Geplauders, die lächerliche Gespreiztheit der Manieren und vor allem über die Herablassung, die sie erfahren. Etwas später ist Manon bei einer am königlichen Hofe angestellten Freundin der Familie im Versailler Schloß zu Besuch. Sie hat Gelegenheit, den König und alle großen Persönlichkeiten des Reichs aus nächster Nähe zu sehen, zieht aber vor, durch die Gärten zu streifen und die Statuen zu betrachten. Die Mutter fragt, ob sie mit ihrer Reise zufrieden ist, und sie giebt die charakteristische Antwort:„ Ja, vorausgesetzt, daß sie bald zu Ende ist. Noch etliche Tage, und ich würde die Leute, welche ich sehe, so aus tiefster Seele verabscheuen, daß ich nicht wüßte, wie ich mit meinem Haß fertig werden sollte." „ Aber was haben sie Dir denn zu Leide gethan?" fragt die Mutter. Und die Tochter antwortet:„ Sie lassen mich die Ungerechtigkeit fühlen und in jedem Augenblick die Abgeschmacktheit betrachten." Madame Noland. Manons Hauptleidenschaft war das Lesen. Sie las ohne Auswahl Alles, was sie im Bücherschrank des Vaters vorfand: Reise beschreibungen, Geschichtsbücher, die Bibel, Gedichte, Romane. Sie ging, wie sie selbst sagt, ganz in der Welt auf, welche die Lektüre vor ihrem geistigen Auge erstehen ließ und identifizirte sich mit den Heldinnen und Helden, deren Geschick sie in Athem hielt. Als sie 9 Jahre alt war, fielen ihr Plutarch's" Lebensbeschreibungen berühmter Männer" in die Hände. Das Buch fesselte ihren Geist derart, daß sie es während der Charwoche statt des Gebetbuches mit in die Messe nahm. Aus seiner Lektüre schöpfte sie ihre erste schwärmerische Begeisterung für die Republik, das Streben, es den Größten und Besten des Alterthums gleichthun zu wollen und eine hohe Auffassung von der Pflicht. Troß ihrer leidenschaftlichen Vorliebe für geistige Beschäftigungen war die zum jungen Mädchen heranwachsende Manon nichts weniger als ein trockener Bücherwurm oder ein einseitiger, lintischer und weltfremder Blaustrumpf. Sie begeisterte sich an den Schönheiten der Natur, fie freute sich, daß sie unter ihren Bekannten am besten tanzte, daß man ihr auf den sonntägigen Spaziergängen wegen ihrer Haltung und Kleidung Komplimente machte. Nachdem sie sich stundenlang mit ihren Büchern beschäftigt hatte, ging sie im schlichten Leinwandrock auf den Markt, Petersilie und Salat einkaufen, sie legte die Guitarre bei Seite, um in der Küche Gemüse zuzuputzen oder Eierfuchen zu bereiten. Trotzdem blickte wohl schon damals durch, daß sie sich zu anderem berufen fühlte, als einen Haushalt zu regieren. ETH In diesen Worten liegt mehr als das verletzte Selbstgefühl eines jungen, hochstrebenden Mädchens. In ihnen gelangt das Gefühl, die Auffassung einer ganzen unterdrückten Klasse zum Ausdruck; das Gefühl und die Auffassung der Bourgeoisie, die im Bewußtsein ihrer wirthschaftlichen Macht, ihrer geistigen und sittlichen Entwicklung durch ihre unterbürtige soziale Stellung leidet und nach Gleichberechtigung verlangt. Der Haß des dritten Standes" gegen die soziale Ungleichheit nach oben hat in Madame Roland gleichsam seine Verförperung gefunden. Er äußert sich in verschiedenen Stellen ihrer Memoiren, er macht sie zur Heldin der Revolution, sie verleiht ihm eine Stimme in dem berühmten Brief Noland's an Ludwig XIV. In ihm wendet sich nicht der Minister an den König, sondern die siegreich vordringende Bourgeoisie spricht als Klasse, im Bewußtsein ihrer Kraft als Macht zu Macht mit einer anderen Klasse. So ruhig und eintönig äußerlich Jeanne- Maries Leben in jenen Jahren verfloß, so bewegt und reich war es nach innen. Je weniger die Menschen ihrer Umgebung ihrem Gemüths- und Geistesleben boten, * Philopoemen, ein berühmter griechischer Feldherr, der sich durch sein Talent, seine Einfachheit und Wahrhaftigkeit auszeichnete und der letzte Grieche" genannt wurde. um so mehr flüchtete sie sich in ihre Bücher. Die Lektüre ernster Werke übte einen nachhaltigen Einfluß auf die Entwicklung ihres gesammten Wesens aus. Sie vertiefte sich in das Studium der besten Autoren des Alterthums und las mit Begeisterung die französischen Schriftsteller, welche durch ihre Werke auf dem Gebiete der Philosophie, Geschichte und Politik die Geister auf die große französische Revolution vorbereiteten. Den tiefsten und dauerndsten Einfluß übte Rousseau auf das junge Mädchen aus. Verhältnißmäßig spät, in ihrem 20. Jahre, ward Manon mit seinen Schöpfungen bekannt, aber dafür nahm er sie sofort gefangen und beherrschte von da ab ihr Denken und Empfinden. In ihrem Leben und Schriften ist sein Einfluß unverkennbar, sie erweist sich als die ureigenste Tochter seines Geistes. Die bei der Geistes- und Charakterrichtung des jungen Mädchens unvermeidlich gewordene Krise blieb nicht aus. Manon mußte den Konflikt durchkämpfen zwischen Glauben und Wissen, zwischen Jdeal und Wirklichkeit. An Anschauungen und Charakter gefestigt ging sie aus ihm hervor. Sie streifte die letzten Reste des Kirchenglaubens ab und stellte sich entschieden auf den materialistischen Standpunkt der Enzyklopä disten. An Stelle des Gehorsams gegen göttliche Vorschriften traten ihre ungemein hohen und stren gen Begriffe von Tugend und Pflicht. In den schwierigsten Lagen des Lebens, in den schmerz lichsten Kämpfen des Herzens, im Angesicht des Todes fand sie in ihren Ueberzeu gungen einen Halt, den Tausenden die Religion nicht gewährt. Mit den allgemeinen An= schauungen über Welt und Leben entwickelten und festigten sich auch Manons politische Ueberzeu5 vor ihr fand. Eine Zeit lang feimte eine Neigung zu einem gleichalterigen, schriftstellernden, übrigens höchst alltäglichen Philosophen in ihrem Herzen. Als sie demselben jedoch eines Tags auf dem Spaziergang mit einem Federbusch auf dem Hute begegnete, war es mit ihrem Gefühl aus und vorbei; ein Federbusch auf dem Hute erschien ihr als eines Philosophen durchaus unwürdig. Gegen alles Erwarten nahm Jeanne- Marie die Werbung eines Mannes an, welcher zwanzig Jahre älter war als sie selbst. Roland de la Platiere, dies war sein Name, hatte weder in seinem Aeußeren noch in seinem Wesen, was die Leidenschaft eines jungen Mädchens erwecken konnte. Er war lang, mager, ziemlich kahlköpfig, kalt, steif und geschraubt. Aber er war ein sehr gebildeter Mann, welcher gleichfalls für das Alterthum schwärmte, in seinen Republiken das höchste Jdeal der Zukunft erblickte, die republikanischen Bürgertugenden in seinem eigenen Leben zu verwirklichen strebte, sehr viel philosophirte und sich einer puritanischen Einfachheit und Strenge der Sitten befleißigte. So gab es zwischen ihm und Manon eine Menge Berührungspunkte, es entwickelte sich zwischen Beiden ein reger Madame Roland verläßt das Gefängniß. gungen. Sie wendete den politischen Verhältnissen eine immer lebhaftere und eingehendere Aufmerksamkeit zu, die Ereignisse und Leute ihrer Zeit mit dem Maßstab der republikanischen Ideale messend, denen sie nicht mehr aus schwärmerischer Gefühlsseligkeit anhing, sondern aus bewußter Ueberzeugung. Der Tod der Mutter, welcher in jene Zeit fällt, gestaltete die Verhältnisse im väterlichen Hause zu höchst unerquicklichen und unhaltbaren. Der Vater ergab sich nun ganz einem tollen, zügellosen Genußleben und verjubelte sein Vermögen mit Mätressen und im Spiel. Das Zusammenleben mit ihm ward für Manon zur Unmöglichkeit, und so zog sie sich in das nämliche Kloster zurück, in welchem sie sich auf die Kommunion vorbereitet hatte. Sie sorgte für ihre Beföstigung selbst und lebte theils weil ihre Mittel bescheidene waren, 1 theils aus Neigung in der strengen Einfachheit der alten Spartaner. So viel es ging, nahm sie sich von ihrer Klause aus des väterlichen Haushalts an, den größten Theil ihrer Zeit verwendete sie jedoch auf die Erweiterung ihrer Kenntnisse. Es wäre dem jungen Mädchen ein Leichtes gewesen, den häuslichen Unannehmlichkeiten durch eine Ehe zu entgehen. Manon hatte sich nicht nur geistig, sie hatte sich auch förperlich sehr gut entwickelt und war zu großer Schönheit herangeblüht. Ihre Biographen rühmen ausnahmslos ihre fesselnde, sympathische äußere Erscheinung. Es fehlte ihr nicht an Bewerbern, und der Vater hätte ihre Verheirathung gern gesehen. Allein Manon stellte an den Geist und Charakter eines Lebensgefährten so hohe Ansprüche, das keiner der Freier Gnade geistiger Verkehr, dann eine tiefe Freundschaft. Nach fünfjähriger Bekanntschaft erklärte sich Roland und erhielt die Zusage des jungen Mädchens. Der Vater wollte jedoch von diesem Schwiegersohne nichts wissen, denn seine Sittenſtrenge schien ihm ein beständiger Vorwurf gegen die eigenen Ausschweisungen. Da aber Manon an ihrem Wort festhielt, gab er schließlich seine Einwilligung zu der Verheira thung, die 1780 stattfand. Manon brachte ihrem Gatten keine leidenschaftliche Liebe entgegen, sondern eine ru= hige, auf die höchste Achtung gegründete Freundschaft. Ihre Ehe war nicht das geträumte Ideal, aber sie bedeutete einen neuen, bestimmten, erweiterten Wirkungskreis, die Möglichkeit des Verkehrs mit gleichdenkenden, gleichstrebenden Menschen, die Möglichkeit durch Reisen den Geist zu bilden. Roland bekleidete nämlich als Manufaktur- Inspektor einen Posten in der Finanzverwaltung und mußte dann und wann längere Reisen ins Ausland unternehmen. Manon trat mit dem festen Vorsatz in die Ehe, Roland eine treue, hingebende Gefährtin und Mitarbeiterin zu sein und diesen Vorsatz hat sie ihrem strengen Pflichtgefühl entsprechend redlich gehalten. ( Schluß folgt.) Arbeiterinnen- Bewegung. In der Zeit vom 3. bis 31. Dezember fanden öffentliche Versammlungen statt in: Berlin, öffentliche Versammlung der Tabakarbeiter und Arbeiterinnen:„ Die Beschlüsse des Tabakarbeiterkongresses"( Genosse Butry); öffentliche Versammlung der im graphischen Gewerbe beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Die Gewerkschaftsorganisation im Emanzipationskampfe der Gewerkschaften" ( Reichstagsabgeordneter Legien); öffentliche Versammlung der Textilarbeiter und Arbeiterinnen:„ Andere Länder, andere Sitten"( Genossin Wabnitz); zwei öffentliche Versammlungen aller in der mechanischen Schuhfabrikation beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen: 1)„ Situationsbericht über den Streik"( Genosse König); 2)„ Situations bericht aus Breslau, Glaz und Mittelwalde"( Genosse Menzel); Düsseldorf, öffentliche Versammlung für Männer und Frauen: ,, Die Kulturentwicklung der Menschheit"( Genossin Schneider); Elberfeld, öffentliche Frauen- und Mädchenversammlung:„ Ist der Sozialis mus eine Utopie?"( Frau Henrich- Wilhelmi); Frankfurt a. M., öffentliche Frauen- und Mädchenversammlung:„ Die Lage der Arbeiterinnen und die Nothwendigkeit der Organisation"( Genossin Opificius); Fürth, öffentliche Versammlung der Textilarbeiter und Arbeiterinnen:„ Die Lage der Textilarbeiter und die Nothwendigkeit der Organisation"; Hamburg, öffentliche Versammlung der Schneider und Schneiderinnen: Zeitlohn und Stücklohn"( Genosse Holzhäuser Flensburg); öffentliche Versammlung der auf den Kaffeeböden beschäftigten Arbeiterinnen: 1)„ Die Lage der auf den Kaffeeböden beschäftigten Arbeiterinnen"( Genosse L.); 2)„ Die Behandlung der Arbeiterinnen seitens der Firma Schwarze& Wichmann"( Genossin Sch.); Köln, öffentliche Frauen- und Mädchenversammlung:„ Das Recht der Frau auf Studium und ihre Befähigung für alle Berufsarten"( Frau Henrich- Wilhelmi); Leipzig, öffentliche Versammlung der Schneider und Schneiderinnen:„ Lohn- und Arbeitsverhältnisse bei der Firma Starte"( Genosse Möbius); München, Christbaumfeier des Allgemeinen Arbeiterinnen- Bildungsvereins; Niedergorbit, öffentliche Arbeiter- und Arbeiterinnenversammlung:„ Die Frau in der Vergangenheit und Gegenwart"( Genossin Eichhorn); Schiffbeck, Volksversammlung für Männer und Frauen:„ Das menschliche Leben im heutigen Lohnkampf"( Genossin Kähler). Vereinsversammlungen fanden in der nämlichen Zeit statt in: Berlin, Mitgliederversammlung des Verbands der in Holzbearbeitungsfabriken und auf Holzplätzen beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Der Beitritt zum Industrieverband"( Diskussion); Mitgliederversammlung des Verbands der in der Kürschnerbranche beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Voltsernährung und Volkserziehung"( Genossin Palm); Mitgliederversammlung des Vereins der Hilfsarbeiter und Hilfsarbeiterinnen:„ Die Ursachen der Arbeitslosigkeit"( Reichstagsabgeordneter Förster); Mitgliederversammlung des Verbands der in Buchbindereien, der Papier- und Leder- Galanteriewaaren- Industrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Berufsangelegenheiten"; Düsseldorf: Mitgliederversammlung des Verbands der Schneider und Schneiderinnen:„ Die Kulturentwicklung der Menschheit"( Genossin Schneider); Grabow bei Stettin: Mitgliederversammlung des Frauenbildungsvereins:„ Die wirthschaftliche und politische Stellung der Frau"( Genosse Ohl); Hamburg: Mitgliederversammlung des Verbands der Fabrik-, Land-, Hilfsarbeiter und Arbeiterinnen:„ Die Gewerbeordnungs- Novelle"( Genosse Jung); Kiel: Mitgliederversammlung des Bildungsvereins für Frauen und Mädchen:„ Der Sittenunterricht der Freidenker"( Genossin Bode); Stettin: Mitgliederversammlung des Verbands der Schneider und Schneiderinnen:„ Die Errichtung eines städtischen Arbeitsnachweis Amtes"; Wandsbeck: Mitgliederversammlung des Verbands der Fabrik-, Land-, Hilfsarbeiter und Arbeiterinnen:„ Aufnahme einer Statistik der ungelernten Arbeiter und Arbeiterinnen"( Genosse Martens), Vereinsangelegenheiten. Die Vergewaltigung des Vereins- und Versammlungsrechts in Nürnberg und der künftige Parteitag der Sozialdemokratie. Kaum hatte der bayerische Staatsminister von Feilißsch seine ebenso geharnischte als logische Erklärung, die Handhabung des Vereins- und Versammlungsrechts den Frauen gegenüber betreffend, vom Stapel gelassen( siehe Nr. 23 der„ Gleichheit" vom vorigen Jahre), so beeilte sich der Chef der Nürnberger Polizei, der Bürgermeister Dr. von Schuh, mehrjährigen Gepflogenheiten entgegen, die Frauen durch die überwachenden Polizeibehörden aus öffentlichen Versammlungen ausweisen zu lassen. Im Laufe der letzten Jahre haben in Nürnberg Hunderte von Versammlungen stattgefunden, ohne daß die vom Minister beliebte Auslegung des Vereinsgesetzes zur Anwendung gekommen wäre: die Frauen hatten mithin den öffentlichen Versammlungen beiwohnen können. Da fiel im Landtag die bekannte Erklärung und öffnete dem Stadtgewaltigen die Augen über die furchtbare Staatsgefährlichkeit der geübten Praxis. Und sei es, um für die begangenen Missethaten Buße zu thun, sei es um der Losung zu entsprechen:„ Nichts halb zu thun, ist edler Geister Art", kurz, der Herr Bürgermeister räumte gleich gründlich mit den armseligen Ansätzen der Vereins- und Versammlungsfreiheit auf. Er ließ nämlich die Frauen aus zwei Ver6 sammlungen ausweisen, welche einen durchaus gewerkschaftlichen Charafter trugen und sich mit rein wirthschaftlichen Fragen beschäftigten. Am 10. Dezember v. J. mußten die Frauen auf polizeiliche Verfügung eine öffentliche Gewerkschaftsversammlung verlassen, in welcher über die Bedeutung des Fabrikinspektorats" referirt werden sollte, und am 11. Dezember aus einer Versammlung der Schneider und Schneiderinnen, deren Tagesordnung lautete: 1)„ Die Schäden der Hausindustrie im Schneidergewerbe", 2)„ Die Bedeutung der Arbeiterstatistik". Auf beide Versammlungen konnte mithin feineswegs die Gesetzesbestimmung Anwendung finden, welche auf Grund der politischen Rechtlosigkeit des weiblichen Geschlechts die Frauen von Versammlungen ausschließt, in denen öffentliche, politische Angelegenheiten erörtert werden. Natürlich haben die Einberufer der beiden Versammlungen Beschwerde gegen das Vorgehen der Polizeibehörden eingereicht. Welcher Bescheid auf dieselbe erfolgt ist, wissen wir zur Zeit noch nicht. Der Staatsminister von Feilißsch erklärte in der Landtagssizung vom 16. Dezember, daß er keinerlei Auftrag gegeben habe, die Handhabung des Vereins- und Versammlungsrechts in Nürnberg betreffend. Der freisinnige Bürgermeister der Stadt hat also aus eigener Initiative den Frauen den kärglichen Brocken eines jener Rechte entrissen, welche die Berufsarbeiterinnen heutzutage nicht mehr entbehren können. Es ist dies der nämliche Bürgermeister Dr. von Schuh, welcher den Ende Oktober in Nürnberg zusammengetretenen Frauentag des Allgemeinen deutschen Frauen Bildungsvereins mit schwungvollen Worten begrüßte und seiner wärmsten Sympathie versicherte. Es iſt dies der nämliche freisinnige Dr. von Schuh, welcher beim Festmahl besagten Frauentags in längerer Ansprache" auf die Vertreterinnen des Frauenvereins toastete und der in Nürnberg zu gründenden Ortsgruppe des Vereins seine Unterstützung zusagte, und der natürlich von den bürgerlichen Frauenrechtlerinnen nach Verdienst gepriesen wurde. Es ist dies der nämliche Dr. von Schuh, dessen Gemahlin an der Gründung der erwähnten Ortsgruppe thätigen Antheil nahm. Aber in dem einen Falle handelt es sich um Verfechterinnen „ der wahren Frauenfrage, die nicht in der Absicht gipfelt, eine Aenderung der Stellung der Frau im öffentlichen Leben zu erwirken". Es handelt sich um„ wohlgesinnte" Damen, die sich der Sünde befürchtet hätten zu banketten, ohne vorher ihr Mahl durch ein Hoch auf den Kaiser und den Prinzregenten von Bayern gesegnet zu haben. In dem anderen Falle handelt es sich dagegen um ganz gewöhnliche Arbeiterinnen, welche Aufklärung darüber suchten, wie sie ihre Interessen gegen die steigende Ausbeutung durch die Kapitalistenklasse wahren könnten. Es handelte sich um Arbeiterinnen, die allerdings ,, eine Aenderung in der Stellung der Frau im öffentlichen Leben erreichen wollen", ja mehr als das, eine Beseitigung der bürgerlichen Gesellschaft. Und da gilt das alte Wort:„ Ja Bauer, das ist ganz etwas Anderes". Wer aber glaubt, das wir im Klassenstaat leben, und daß hier mit zweierlei Maß und Gewicht gemessen wird, der zahlt einen Thaler. Die Arbeiterinnen sind gewöhnt, daß ihnen die bürgerliche Gesellschaft Pflichten über Pflichten aufhalst, ihnen aber die bescheidensten und natürlichsten Rechte vorenthält. Sie dürfen in Fabriken und Werkstätten bis zur Erschöpfung frohnden, sich im Dienst der Prozen die Hände blutig arbeiten, aber sich über ihre Interessen aufklären oder gar gegen ihre Ausbeutung aufsässig werden, das dürfen sie bei Leibe nicht. Wird die Nürnberger Ortsgruppe der bürgerlichen Frauenrechtlerinnen gegen die offenbare Vergewaltigung ihrer„ ärmeren Schwestern" protestiren? Bis jetzt ist uns kein solcher Protest zu Ohren gekommen, und wir erwarten nicht, daß er uns je zu Ohren fommt. Wir kennen unsere Pappenheimer. Die Antwort des Nürnberger Magistrats auf die eingereichte Beschwerde ist von großer prinzipieller Bedeutung. Es steht die Frage zur Entscheidung, ob der Gesetzestegt gilt, oder ob eine elastische und findige Auslegekunst ihren reaktionären Spuk treiben und polizeiliche Willkürherrschaft Plak greifen soll. An der klipp und klaren Beantwortung der Frage haben nicht nur die Nürnberger Arbeiterinnen, bezw. Parteigenossen, ein Interesse, vielmehr die ganze sozialdemokratische Partei. In Köln wurde bekanntlich bestimmt, daß der nächste Parteitag der deutschen Sozialdemokratie in Nürnberg stattfinden solle. Hält die Nürnberger Polizei die inaugurirte Praxis des Vereins- und Versammlungsrechtes aufrecht, so könnte der Parteitag nicht in Nürnberg stattfinden, weil sonst die Frauen von demselben ausgeschlossen wären. In einen solchen Ausschluß kann und darf die sozialdemokratische Partei nicht willigen. Es bliebe ihr also für den angedeuteten und sehr möglichen Fall nichts übrig, als den Parteitag nach einer anderen Stadt einzuberufen. In Nürnberg kann die Sozialdemokratie nur dann zum Parteitag zusammentreten, wenn alle Garantien vorhanden sind, daß die Frauen unbehindert an den Kongreßarbeiten theilnehmen können. Und so müssen die Parteigenossen allerorts mit Spannung dem Bescheid des Nürnberger Magistrats entgegensehen. Weibliche Fabrikinspektoren. Wie die wachsende Ausbeutung des Proletariats überhaupt den gesetzlichen Arbeiterschutz und die Thätigkeit von Fabrikinspektoren nöthig macht, so muß die steigende Verwendung und Ausbeutung weiblicher Arbeitskräfte mit Nothwendigkeit zur Anstellung weiblicher Fabrikinspektoren führen. 7 Die Geschlechtslage der Arbeiterin, der Umstand, daß sie Frau ist, giebt sie in so und so vielen Fällen härterer Ausbeutung und schlechterer Behandlung preis, als wie sie dem Arbeiter widerfahren. Allerdings, was sie in der einen oder anderen Hinsicht leidet, sie leidet es, weil sie eine proletarische Frau ist. Weil sie dem Proletariat angehört, so bringt es ihre Klassenlage, ihre wirthschaftliche Abhängigkeit vom Kapitalisten mit sich, daß sie ausgebeutet und unterdrückt wird, daß sie ihre Kräfte bis zur Erschöpfung, bis zur vorzeitigen Vernichtung anspannen und sich vielfach noch obendrein eine menschenunwürdige Behandlung gefallen lassen muß. Welch geringe Anforderungen stellt der Bourgeois an das Leistungsvermögen der ,, höheren Töchter" und„ besseren Frauen", mit welch ausgesuchter Höflichkeit und Rücksicht wenigstens äußerlich behandelt er diese! wenigstens äußerlich behandelt er diese! Es ist aber nur natürlich und erklärlich, daß sich die Arbeiterin in ihrer Eigenschaft als Frau sehr oft behindert fühlt, dem Fabrik|| inspektor, einem Manne, rückhaltslose Mittheilung zu machen über den Grad und die Gesundheitsschädlichkeit ihrer Ausbeutung, über das Entwürdigende der Behandlung, welche ihr zu Theil wird, die schmachvollen Zumuthungen, welche ihr der Kapitalist stellt. Die an Gehorsam und Unterwürfigkeit gewöhnte Frau, welche als Arbeiterin durch Brotherren und Vorgesetzte sehr oft noch eingeschüchtert wird, findet meist nicht den Muth, dem Fabrikinspektor auch nur die gröbsten Gesetzesübertretungen anzuzeigen, welche sich der Kapitalist ihr gegenüber zu Schulden kommen läßt. Noch weniger gewinnt sie es über sich, ihn darauf aufmerksam zu machen, wie und warum eine bestimmte Verrichtung ihre Gesundheit besonders bedroht, warum zu der oder jener Zeit die Arbeit ihre Kräfte in hervor ragendem Maße anstrengt und aufreibt. Scheu und Scham schließen ihre Lippen in den meisten Fällen, wo sie zu berichten hätte über Grobheiten und Zoten, die ihr an den Kopf geworfen wurden oder gar über entehrendes Ansinnen seitens des Unternehmers und seiner Stellvertreter. Und wie unendlich viel hätten die Arbeiterinnen in manchen Betrieben gerade in der Beziehung zu klagen. Giebt es doch der Unternehmer, Direktoren, Werkführer 2c. genug, welche wähnen, mit der Arbeitskraft auch den Körper der Proletarierin gekauft zu haben, diese als Fabriksklavin und als Lustklavin ausnüßen zu können. Aber nicht die begreifliche Scham allein hält die Arbeiterin zurück, den Fabrikinspektor mit all den Uebeln und Mißständen ihrer Berufsthätigkeit bekannt zu machen. Vielfach hat sie das Gefühl, daß der Fabrikinspektor in seiner Eigenschaft als Mann gar nicht das richtige Verständniß besitzt für ihre Klagen und Anklagen. Die Haltung der Herren ist auch nicht immer dazu angethan, dieses Gefühl zu beseitigen und den Proletarierinnen Vertrauen einzuflößen. Haben nicht Arbeiterinnen in Regensburg erfahren, daß der Fabrikinspektor ihre Beschwerde über eine jedem Schamgefühl hohnsprechende körperliche Untersuchung mit den Worten abfertigte:„ Ach, gehen Sie mit Ihrer Scham!"( Siehe Nr. 21 der„ Gleichheit".) Der Geschlechtsgenossin gegenüber wird die Arbeiterin weniger zaghaft, weniger zurückhaltend sein. Im Verkehr mit ihr kommt die Scheu und Scham in Wegfall, ihr bringt sie größeres Vertrauen, eine freiere Meinungsäußerung entgegen als wie dem Mann. Bei ihr hofft sie größeres Verständniß zu finden für die Eigenthümlichkeiten, Schwierigkeiten, ja oft Gefahren ihrer Arbeit, für die Forderung auf Schonung, welche sie im Interesse ihrer Gesundheit, der Gesundheit ihrer Kinder und ihrer Pflichten im Hause erheben muß. Der Geschlechtsgenossin kann sie rückhaltslos die Demüthigungen mittheilen, die ihr in ihrer Eigenschaft als Frau angethan worden sind. Kurz, die Fabrikinspektorin wird einen tieferen und richtigeren Einblick in die Arbeits- und Lebensverhältnisse der Arbeiterinnen erhalten, wird all die Mißstände der industriellen Frauenarbeit in der kapitalistischen Gesellschaft besser kennen lernen, als der Fabrikinspektor. Will die Gesellschaft die Arbeiterin gegen die schlimmste Ausbeutung und unwürdige Behandlung seitens des Unternehmerthums gesetzlich schützen, so ist die Anstellung weiblicher Fabrikinspektoren eine Nothwendigfeit. Diese Ueberzeugung hat sich auch den Regierungsbehörden einzelner Länder aufgedrängt, in denen Frauen als Fabrikinspektorinnen mit Erfolg thätig sind.. In den Vereinigten Staaten Nordamerikas wurden zuerst Frauen als Hilfs- Fabrikinspektorinnen verwendet. 1890 stellte der Staat New York mit einem Male acht Frauen als staatliche Hilfs. Inspektorinnen an. In richtiger Würdigung der Sachlage gehörten vier davon der Arbeiterklasse an, eine der Hilfs- Inspektorinnen, Frau Bremer, hatte sich während des deutsch- französischen Krieges als Samariterin große Verdienste erworben und sich später als Sekretärin des deutschen Hilfsvereins von New York ausgezeichnet. Frau Bremer erfüllte ihre Amtspflicht mit großer Gewissenhaftigkeit, so daß sie sich das Vertrauen der Arbeiterinnen erwarb, aber auch den hellen Zorn der Kapitalistensippe zuzog. Diese bot ihren Einfluß, den Einfluß des stroßzenden Geldsacks, beim Chef des New Yorker Fabrikinspektorats auf, und so kam es, daß Frau Bremer bereits im Dezember 1891 ihrer Amtspflichten enthoben wurde. Während der kurzen Zeit ihrer Thätigkeit hatte sie viel Energie und Pflichttreue bewiesen. 1892 stellte der Staat Illinois in Chicago fünf Frauen als Sanitätsinspektorinnen für Fabriken an. Dieselben erhalten je tausend Dollars Jahresgehalt und sind verpflichtet, alle Fabriken, in denen Frauen und Kinder arbeiten, jede Woche einmal zu besuchen und die nöthig erscheinenden gesundheitlichen Verfügungen zu erlassen. Auf Grund ihrer Vollmacht ist es ihnen gelungen, verschiedene Mißstände in den Fabriken erfolgreich zu bekämpfen. Leider konnten sie dort nicht viel ausrichten, wo ihr Eingreifen am nöthigsten gewesen wäre, nämlich in der Hausindustrie, in den„ Schwizzbuden", in denen die Ausbeutung der Arbeiterinnen und die gesundheitsschädlichen Einflüsse der Arbeit ihren höchsten Grad erreicht haben. Frau Stevens, eine kürzlich ernannte Fabrifinspektorin des Staates Illinois, war von ihrem dreizehnten Jahre an als Lohnarbeiterin thätig, sie gehörte lange Jahre einer Gewerkschaft und dem Orden der Arbeitsritter an. In ihrer Eigenschaft als Fabrikinspektorin wendet sie ihre besondere Aufmerksamkeit der Kinderarbeit in den Fabriken zu. Dem im letzten Jahre stattgehabten Kongreß der nordamerikanischen Fabrikinspektoren legte sie eine treffliche Arbeit über diese Frage vor. In derselben wies sie ziffernmäßig nach, daß seit 1880 in den Vereinigten Staaten die Fabrikarbeit von Kindern unter sechzehn Jahren erheblich zugenommen hat, daß die Arbeit an den meisten Maschinen für die Kinder sehr gefährlich ist, und daß die Arbeit von Kindern unter sechzehn Jahren gesetzlich verboten werden müßte. Eine besonders energische, umsichtige und zielbewußte Thätigkeit entfaltet die Fabrikinspektorin und Spezialagentin des Arbeitsbureaus für Illinois, Frau Florence Kelley. Sie steht durchaus auf dem Boden der sozialistischen Anschauung, hat Engels' ,, Lage der arbeitenden Klassen in England" ins Englische übersetzt und ist durch ihre Ueberzeugungen, wie durch gründliche, vielseitige Studien besonders befähigt, in ihrer Stellung mit Nutzen für die Interessen der Arbeiterinnen zu wirken. Frau Kelley hat sich unter anderem in der eingehendsten Weise mit den Verhältnissen in den sogenannten Schwitz Werkstätten" befaßt, von denen sich in Chicago allein über 2000 befinden. Auf dem bereits erwähnten Jahreskongreß der nordamerikanischen Fabrikinspektoren hielt Frau Kelley einen große Sachkenntniß verrathenden Vortrag über die Fabrikgesetzgebung in Illinois". Besondere Bedeutung maß sie dem hier kürzlich gesetzlich festgelegten Achtstundentag für alle Betriebe bei. Ihrer Ansicht nach wird durch den gesetzlichen Achtstundentag das Schwitzsystem energischer und gründlicher bekämpft als durch die besonderen Sanitätsgesetze, wie sie in New York und Massachussetts zur Beseitigung der Schwißzbuden erlassen worden sind. Ihrer Erfahrung nach hat das Achtstundengesetz nur offene Feindseligkeit gefunden bei etlichen Metallstempel- und Holzarbeitfirmen, den großen Crackesbäckern und den Konfektionshäusern. Mit Hilfe der Arbeiterinnen und der Gewerkschaften, deren Unterstützung sich als sehr nützlich erwiesen hat, sammelt Frau Kelley Beweismaterial, um gerichtlich gegen die Gesetzesübertreter mit aller Schärfe vorzugehen. In Frankreich sind gegenwärtig 15 Hilfs- Fabrikinspektorinnen staatlich angestellt, davon sind zehn in Paris thätig, fünf in den anderen großen Industriestädten des Landes. Bis jetzt waren sowohl die Arbeiterinnen, als auch die Behörden mit der Thätigkeit dieser Frauen sehr zufrieden. Unter ihnen befindet sich eine bekannte französische Sozialistin, Frau Valette, welche auf dem letzten Kongreß der französischen sozialistischen Arbeiterpartei zum Mitglied der Parteileitung gewählt wurde und Herausgeberin und Redakteurin der sozialistischen Frauenzeitung L'Harmonie Sociale" war. In England hat der Minister des Innern, Asquith, im letzten Jahre zwei Frauen als Fabrikinspektorinnen ernannt, Fräulein Abraham und Fräulein Irwin. Fräulein Abraham ist eine Irländerin, Nr. 2 der ,, Gleichheit" gelangt am 24. Januar 1894 zur Ausgabe. welche als Privatsekretärin der frauenrechtlerischen Lady Dilfe nach London kam und sich in dieser ihrer Eigenschaft mit den Verhältnissen der Londoner Arbeiterinnen vertraut machte. In die Deffentlichkeit trat sie gelegentlich einer großen Versammlung der Londoner Wäscherinnen im Hyde Park, wo sie diese aufforderte, ihre Unterstellung unter die Fabrifgesetzgebung zu fordern und beim Ministerium die nöthigen Schritte hierfür zu thun. Ihre Worte wirkten so überzeugend, daß schon am nächsten Tage eine Abordnung der Wäscherinnen im Parlamente erschien und gesetzlichen Schuß gegen die Ausbeutung verlangte. Fräulein Irwin hat sich besonders mit den Verhältnissen der schottischen Arbeiterinnen beschäftigt. Sie war auf dem internationalen sozialistischen Arbeiterkongreß zu Zürich als Delegirte anwesend und forderte auf Grund reichen thatsächlichen Materials einen gesetzlichen Arbeiterinnenschutz, für den sich übrigens auch Fräulein Abraham erklärt hat. Letztere ist besonders in London thätig, wo sie in der kurzen Zeit ihrer Amtsführung den Gesetzesübertretungen der Unternehmer schon ganz energisch zu Leibe gegangen ist. Die meisten Strafanzeigen mußte sie erstatten, weil die Unternehmer ihre Arbeiterinnen über die gesetzlich festgelegte Zeit hinaus schaffen ließen. Die beiden englischen Fabrikinspektorinnen Abraham und Jrwin haben zusammen mit Fräulein Orme und Fräulein Collet, welche beide in der englischen Arbeiterbewegung bekannt sind, kürzlich einen Bericht veröffentlicht über die Beschäftigung der Frauen". In demselben sind die Ergebnisse der Enquête niedergelegt, welche die genannten vier Frauen im Auftrage der Regierung und des Parlaments über die Arbeitsverhältnisse der großbritannischen Arbeiterinnen führten. Der Bericht beweist nach dem Urtheil Unparteiischer,„ daß die Frauen geeignetere Forscherinnen über die Verhältnisse der Arbeiterinnen sind, als die Männer." Der Minister des Innern ist mit der Amtsthätigkeit der beiden Fabrikinspektorinnen so zufrieden, daß er beschlossen hat, noch mehr Frauen als solche anzustellen und sie zum Theil aus den Reihen der Arbeiterinnen zu wählen. Kurz, überall wo Frauen als Fabrifinspektorinnen angestellt worden sind, haben sie die Probe auf ihre Fähigkeit und Tüchtigkeit glänzend bestanden, überall sind sie den Aufgaben ihres Amts in vollem Maße gerecht worden. Sollte man in nicht zu ferner Zukunft in Deutschland den alten, geliebten Zopf soweit abschneiden, daß man sich zur Anstellung von Fabrifinspektorinnen entschlösse, so ist zehn gegen eins zu wetten, daß keine von ihnen aus den Reihen der Arbeiterinnen gewählt würde. Noch weniger würde man sich dazu verstehen, wie in Amerika, Frankreich und England, bekannte Sozialistinnen zur Fabritinspektion hinzuzuziehen. Die deutschen Regierungsbehörden haben eben eine so gute Meinung von der Dauerhaftigkeit des Deutschen Reichs, daß sie überzeugt sind, eine solche Ungeheuerlichkeit müßte auf dieses die gleiche Wirkung haben, wie weiland das Posaunenblasen vor den Mauern von Jericho. Derartige Vorurtheilslosigkeit ist nur in ,, wilden Ländern" möglich. Seitens der deutschen Arbeiterinnen wird schon seit Jahren immer dringender die Forderung erhoben auf Anstellung weiblicher Fabrifinspektoren. Den sozialdemokratischen Parteitagen zu Berlin und Köln lagen darauf abzweckende Anträge vor, welche zum Theil von proletarischen Frauenorganisationen ausgingen. Der internationale sozialistische Arbeiterfongreß zu Zürich forderte die Anstellung von Fabrikinspektorinnen als die nöthige Ergänzung des gesetzlichen Arbeiterinnenschutzes. Die sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten haben wiederholt bei der Diskussion des Etats zum Titel Gewerbeinspektion darauf hingewiesen, daß die ausgedehnte Thätigkeit der Frau auf industriellem Gebiete die Anstellung von staatlichen Fabrikinspektorinnen zur unabweisbaren Nothwendigkeit macht. Bis jetzt ohne jeden Erfolg. Ein direkter, auf Verwirklichung der Forderung abzweckender Antrag konnte im Reichstag nicht gestellt werden, da es die einzelnen Bundesstaaten sind, welche die Fabrikinspektoren ernennen. Laut Beschluß des Kölner Parteitags wird nun die sozialdemokratische Reichstagsfraktion die einheitliche Regelung und den Ausbau der Fabrikinspektion durch das Reich fordern, gleichzeitig die Vermehrung der Fabrikinspektoren und die Anstellung von Fabrikinspektorinnen. " 8 Der jetzige Reichstag besteht seiner Mehrzahl nach aus Vertretern der besitzenden Klassen, welche sich den Teufel um die Interessen der Arbeiter und Arbeiterinnen fümmern. Dazu kommt, daß gerade unter den deutschen Wohlgesinnten" und Gebildeten" die ödeste philisterhafte Auffassung über den ,, Beruf der Frau", über weiblich und unweiblich in Blüthe steht. Es ist deshalb kaum nehmen, daß der jetzige Reichstag der so bescheidenen Forderung Rechnung tragen wird. Nun, die Arbeiterinnen und Arbeiter werden sie so lange aufs Neue und immer lauter, immer dringlicher erheben, bis der Druck von unten ertroßt, was die Einsicht von oben verweigert. anzu= Kleine Nachrichten. Die 14 sozialdemokratischen Abgeordneten, welche im sächsischen Landtag sitzen, haben dem Beschluß des Kölner Parteitags entsprechend einen Antrag eingebracht auf Einführung des allge= meinen, gleichen und direkten Wahlrechts zu dem Landtag für alle sächsische Staatsangehörige ohne Unterschied des Geschlechts, welche das 20. Lebensjahr vollendet haben. Auf eine Annahme des Antrags ist natürlich nicht zu rechnen. ganze Erst ausgebeutet, dann vor die Thür gesetzt. In der Fabrik von Kühn und Bücking in Dresden verdiente eine Arbeiterin in der ersten und zweiten Woche nach ihrer Einstellung 6 Mark, also 3 Mark pro Woche. In der dritten Woche schaffte sie im Akkord und nahm Arbeit mit nach Hause, so daß sie aller Berechnung nach über 6 Mark verdient haben mußte. Aber die Arbeiterin denkt, und der Herr Werkführer lenkt. Als es zur Lohnauszahlung fam, erhielt sie auch diese Woche nur 3 Mark. Auf ihre Anfrage, wie sich dieser Lohn erkläre, erhielt sie Feierabend. Sich ausbeuten lassen und das Maul halten, das sind die Rechte, welche die Kapitalistensippe den Arbeiterinnen und Arbeitern zugesteht. Das steigende Elend der breiten Masse erhellt recht deutlich aus dem abnehmenden Fleischkonsum in den großen Städten. In Berlin ging der Fleischkonsum pro Kopf zurück von 180 Pfund im Jahre 1880 auf nur noch 140,6 Pfund im Jahre 1891. Der Münchener verzehrte 1889 durchschnittlich 180 Pfund Fleisch, 1891 dagegen nur noch 158,44 Pfd. In Leipzig belief sich der durchschnittliche Jahreskonsum an Fleisch 1890 auf 108,14 Pfd., 1892 aber nur noch auf 95,82 Pfd. In Nürnberg ward 1890 durchschnittlich pro Kopf der Bevölkerung 132,1 Pfd. Fleisch konsumirt, 1892 dagegen nur 120,3 Pfund. In all den genannten Städten hat der Verbrauch von Pferdefleisch zugenommen. Der abnehmende Konsum an Rind, Schweine-, Kalbfleisch, der steigende Verbrauch von Pferdefleisch fommt natürlich ausschließlich auf Rechnung des arbeitenden Volks. Um den Fleischkonsum der oberen Zehntausend ist es nicht so übel bestellt: der aus dem Spielerprozeß in Hannover bekannte Herr von Meyerinck hat z. B. nachgewiesenermaßen in einem einzigen Jahre für 5000 Mark Fleisch- und Wurstwaaren verbraucht. Die Standesund Erwerbsgenossen des Herrn v. Meyerinck, dazu die heilige Sippe der Schlotjunker, Börsenmoggler 2c. darben bei Lendenbeefsteak, feinem Geflügel und theuren Fischen, das werkthätige Volk aber, die ,, Kanaille", kann bei Häring und Hottehü schlampampen. Frauenstimmrecht. In Neuseeland hat kürzlich die erste Parlamentswahl stattgefunden, bei welcher die Frauen das ihnen zuerkannte Stimmrecht ausübten. Ihre Betheiligung an den Wahlen war eine außerordentlich starke. Meist stimmten ste für Kandidaten, welche religiös gesinnt sind und für die Temperenzbewegung eintreten. Die Thatsache ist erklärlich genug. Sie ist die Frucht des Köhlerglaubens, daß sich die Frau nicht um Politik zu fümmern habe. Die bürgerlichen politischen Parteien betrachteten die Frauen als„ quantité négligeable", als Gtwas, was nicht zählt. Sie ließen sich nicht im Geringsten angelegen sein, die Frauenwelt über das politische Leben, über die Zeit- und Streitfragen aufzuklären, sie zur Parteinahme heranzuziehen. Anders die Geistlichkeit. Diese begriff zu allen Zeiten den Werth einer Bundesgenossenschaft der Frauen, und so gab sie sich alle Mühe, sich in diesen Kämpferinnen zu erziehen für den himmlischen Zukunftsstaat der Schwarzen. Auch die Temperenzler erkannten, wie wichtig, ja unbedingt nöthig es sei, daß ihre Bewegung die Unterstützung der Frau fände, welche in so und so vielen Fällen einen entscheidenden Einfluß auf den Mann ausübt. So entfalteten sie eine rege Agitation unter den Frauen, die auf guten Boden fallen mußte, denn die Frauen sind es ja gerade, die unsäglich unter der Trunksucht der Männer leiden. Die Haltung der neuseeländischen Frauen beweist absolut nichts gegen die Betheiligung der Frauen am politischen Leben, sie legt nur Zeugniß ab für die dringende Nothwendigkeit, die Frauenwelt politisch aufzuklären und zu schulen, damit sie den richtigen Gebrauch vom Wahlrecht macht. Ueberall, wo es eine starke und zielbewußte sozialistische Arbeiterbewegung giebt, da läßt diese sich angelegen sein, den Frauen diese politische Aufklärung und Schulung zu übermitteln. Und dies im wohl= verstandenen eigenen Interesse. Nur in ,, wilden Ländern" möglich. In Colorado( Vereinigte Staaten) erhielten die Frauen das Stimmrecht für alle Wahlen, so daß sie nun den Männern an sozialpolitischen Rechten völlig gleich gestellt sind. Und Colorado steht noch, und im Lande ist noch nicht Alles drüber und drunter gegangen. Berantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zettin( Eißner) in Stuttgart. Druck und Verlag von J. H. W. Diez in Stuttgart.