-Ä- Nr. 8. 4. Jahrgang. Zeitschrift für die Interessen der Arbeikerinnen. Herausgegeben von Emma Ihrer in Velten(Mark). Zur Maifeier. Eine kurze Spanne Zeit nur noch, und das klassenbewußte Weltproletariat begeht abermals seinen Mai fei er tag. Diesseits und jenseits von Bergen, Meeren und bunten Grenzpfählen rüsten sich Arbeiter und Arbeiterinnen, den ersten Mai zu einer würdigen, klipp und klaren Kundgebung ihrer Hoffnungen und ihres Willens zu gestalten. Denn der Maifeiertag ist der ureigenste, der einzige Feiertag des ausgebeuteten und kämpfenden Proletariats, des Proletariats, das heute noch von den gesellschaftlichen Verhältnissen in den Staub getreten wird, das sich aber in der Zukunft ein freies, volles, schönes Menschenlhum erobern will. Ein von dem Proletariat freigewollter, selbstgesetzter Feiertag, im Gegensatz zu den ihm aufgezwungenen bürgerlichen und kirchlichen Festen. Ein Feiertag, der seinem Inhalte nach in scharfem Kontrast steht zu all den überkommenen Festen der bürgerlichen Gesellschaft. Sie alle feiern Ereignisse und Siege, an deren Früchten die Männer und Frauen der werkthätigen Masse keinen Theil hatten. Sie gelten Hoffnungen, welche vor der Kritik der Wissenschaft nicht Stand halten, und die von dem Proletariat als schimmernde Seifenblasen erkannt worden sind. Sie sind der Ausfluß und die Verherrlichung von Ideen, die nichts gemein haben mit der Idee von einer Wiedergeburt der Gesellschaft, welche das Proletariat in seinem Juteresse und in dem der gesammten Menschheit anstrebt. Im Gegensatz zu ihnen allen, die in der Vergangenheit wurzeln, ist der Maifeiertag der Arbeit ein Fest der Zukunft, ein revolutionärer Feiertag. Ein Fest der Zukunft, denn es gilt nicht dem geschichtlich Gewordenen, dem Bestehenden, vielmehr dem geschichtlichen Knospen und Werden, das mit seinen Bürgschaften für das Glück, die Bildung, die Freiheit Aller verheißungsvoll hineinscheint in die Herzen der verelendenden Arbeitssklaven und sie mit Hoffnung, Begeisterung und Kampfesfreudigkeit erfüllt. Ein revolutionäres Fest, denn es stellt sich seiner Bedeutung nach in Gegensatz zu dem Herkommen, zu der herrschenden Gesellschaftsordnung. Es ist ein Pronunciamento, eine Schilderhebung des Proletariats, das durch die Maifeier erklärt:„Genug der Ausbeutung, der Versklavung des Menschen durch den Menschen! Genug der sich thürmenden Berge von körperlich, geistig, sittlich geknickten Existenzen! Nieder mit einer Ordnung der Dinge, deren Polarstern der Profit, deren treibende und leitende Kraft der kurzsichtigste Eigennutz einer Klasse ist! Nieder mit einer Ordnung der Dinge, welche über etliche Wenige verschwenderisch das Füllhorn aller Gaben ausschüttet, weil sie der ungezählten Blasse Alles nimmt; Alles, nicht blos das Brot und die Freiheit, auch das Menschenthum, auch mit der Gesundheit und Kraft das Leben selbst!" Revolutionär ist die Maifeier, denn sie beweist, daß, den Vorurtheilen und Gepflogenheiten der Besitzenden und Herrschenden entgegen, das Proletariat keinen Gegensatz kennt zwischen den Nationen, zwischen den Angehörigen verschiedener Berufsarten, zwischen den Geschlechtern. Dem von der kapitalistischen Gesellschaft gezüchteten und gehätschelten Mordspatriotismns stellt sie das Ideal der allgemeinen Völkerverbrüderung, des Weltfriedens entgegen, der nicht mehr das schöne Hirngespinnst edler Träumer ist, sondern auf der Grundlage der Interessengemeinschaft zwischen den Ausgebeuteten aller Länder zu greifbarer Wirklichkeit heranwächst. Gegenüber den Familienzwistigkeiten zwischen verschiedenen Schichten der besitzenden Klassen zeigt die Maifeier die Einmüthig- keit, die innige Solidarität aller Kategorien des Proletariats. Vor der Interessengemeinschaft aller Ausgebeuteten gegenüber dem ausbeutenden Kapital sind alle zünftigen Vorurtheile innerhalb der Arbeiterklasse gefallen. Gelernte und ungelernte Arbeiter, höhere und niedere Arbeiter, sie alle sind geeint in dem einen Hoffen, in dem einen Willen, sie alle bekräftigen einstimmig am 1. Mai, daß sie im geschlossenen Vormarsch, in treuer Kampfes- gemeinschaft das eine Ziel erstreben: Die sozialistische Gesellschaft an Stelle der kapitalistischen. Als Gegenstück zu dem Krieg der Geschlechter um Frauenrechte im bürgerlichen Lager gelangt es auch bei der Maiseier zum Ausdruck, daß das Proletariat frei ist von allen zopfigen Beschränktheiten dem weiblichen Geschlecht und seiner Befreiung gegenüber. Die Männer und Frauen der Arbeiterklasse stehen einander nicht wie die Männer und Frauen des Bürgerthums in feindlichem Ringen gegenüber für die Erkämpfung von Rechten auf der einen Seite, die Behauptung und Vertheidiguug von Vorrechten und Vortheilen auf der anderen Seite. Sie sind vielmehr Kampfesgenossen, Waffengefährten in dem guten Streit für die Befreiung der Arbeit vom Joche des Kapitals, für die Gleichberechtigung alles dessen, was Menschenantlitz trägt. Wenn das klassenbewußte Proletariat am 1. Mai seine Heerschau hält, so zählt es Tausende und Hunderttausende von Frauen in Reih und Glied seiner Streiter. Die Maifeier zeigt licht- und lebensvoll, daß die Proletarier aller Länder, aller Berufsarten und beider Geschlechter durch ihre Lage als Angehörige der unterdrückten Arbeiterklasse zusammengeschweißt worden sind zu der einen revolutionären Masse. Und diese eine revolutionäre Masse gicbt den Vertretern der alten Welt am 1. Mai kund und zu wissen, daß sie einer Er- kenntniß voll ist und eines Willens: ihre Befreiung erkämpfen zu müssen und erkämpfen zu wollen durch die Zertrümmerung der bürgerlichen Gesellschaft. In dieser klaren Erkenntniß, in diesem zielbewußten Willen liegt die Gewißheit dafür, daß die eine revolutionäre Masse des Proletariats zu der einen revolutionären Macht werden wird, welche ihre geschichtliche Ausgabe erfüllt als Geburtshelferin einer neuen, schönen Zeit. Die Forderung des gesetzlichen Achtstundentags, welche das klassenbewußte Proletariat am 1. Mai erhebt, sie mag den Freunden der tönenden Phrase und der melodramatischen Posen und Effekte als eine bloße kleinliche Reformforderung erscheinen. Sie ist nichtsdestoweniger revolutionär, denn sie zweckt darauf ab, dem Proletariat Ellbogenraum zu schaffen, die Kraft zu stählen für den letzten heiligen Krieg. Sie ist revolutionär, denn ihre Verwirklichung beschleunigt auf wirthschaftlichem und politischem Gebiete den ehernen Schritt der Entwicklung zum Sozialismus. Sie ist revolutionär, denn der Kampf für diese Forderung beweist der indifferenten Masse des Proletariats, daß sie nichts von dem Wohlwollen und der Einsicht der Besißenden und Staatsgewaltigen zu hoffen hat, daß ihr nur aus dem Klassenkampf das Heil erblüht, und daß der Besiz und Gebrauch der politischen Macht die wichtigste Waffe in diesem Kampfe ist. Das klassenbewußte Proletariat tritt für den Achtstundentag ein, als für ein revolutionäres Mittel zu einem revolutionären Zweck. So feiern die proletarischen Männer und Frauen den 1. Mai nicht als ein Symbol dafür, daß die moderne, zukunftsklare Arbeiterbewegung eingetreten ist in die Aera der Wassersuppenreform, in die Aera einer schwächlichen„ Realpolitik". Umgefehrt. Sie bekräftigen durch die Feier in nachdrücklichster Weise, daß das Proletariat auf dem Plan steht, gewehrt und gewappnet, so kampfesfroh, so unversöhnlich, so revolutionär mit einem Wort, als je zuvor. Die Losung:" Her mit dem gefeßlichen Achtstundentag, her mit einer durchgreifenden Arbeiterschutzgesetzgebung!", sie klingt aus in dem stolzen Ruf: „ Es lebe das revolutionäre Weltproletariat! Es lebe der Welt- Mai der befreiten Arbeit!" Der 18. März.* -58 Der 18. März ist dieses Jahr von der klassenbewußten deutschen Arbeiterschaft großartiger und allgemeiner gefeiert worden als je vorher. Ueberall, wo aufgeklärte und organisirte Proletarier im Kampfe für ihre Befreiung stehen, da wurde der 18. März festlich begangen, da wurde in Dankbarkeit und Verehrung Derer gedacht, die vor 46 Jahren in Berlin im Kampfe gegen den Absolutismus gefallen, da wurde mit Begeisterung die Erinnerung wachgerufen an die Kommune vom 18. März 1871, an die erste Besitzergreifung der politischen Macht durch das Proletariat von Paris. Und überall, wo die deutsche Arbeiterklasse ihre großen geschichtlichen Tage und ihre Vorfämpfer ehrte, da befanden sich viele Frauen unter den Feiernden. Auch das weibliche Proletariat erwacht zum Bewußtsein seiner Lage, zum Bewußtsein seiner Pflichten in den Kämpfen unserer Zeit. Aufgeklärt, zielbewußt, kampffroh stellt es sich in Reih und Glied der Freiheitsstreiter, in Reih und Glied der Sozialdemokratie. Das zeigte ein Blick auf die Tausende und Abertausende von proletarischen Frauen, welche zusammen mit ihren männlichen Klassengenossen voll Begeisterung an der Feier des 18. März theilnahmen. Am großartigsten gestaltete sich vom herrlichsten Frühlingswetter begünstigt die Feier natürlich in Berlin. Schon von früher Morgenstunde an strömten viele Tausende dem Friedrichshain zu, wo sich die Gräber der am 18. März 1848 im Kampfe für die Freiheit Gefallenen befinden. Und bis zur Stunde des Schlusses wurde der fleine Friedhof nicht von Besuchern leer. In dichtgedrängten Reihen bildete die Menge vom Friedhof bis zur Landsberger Allee eine ununterbrochene Kette. In kleinen Abtheilungen wurden die Vordersten auf dem Friedhof zugelassen, und dem frei gewordenen Raum entsprechend rückten die Schaaren langsam vor. Am Ende der Kette schlossen sich stets wieder neue Hunderte von Wartenden an. So bewegte sich langsam und schrittweise ein stundenlanger, ununter brochener Zug an den Gräbern der Freiheitskämpfer vorüber. Eine schier erdrückende Fülle von prächtigen Kranzspenden wurde hier nieder gelegt. Die Kranzschleifen leuchteten meist in feurigem Roth und waren mit entsprechenden Widmungen versehen. Viele von ihnen fielen der Inschriften wegen der Scheere der polizeilichen Zensurbehörde zum Opfer. Die verstümmelten Schleifen sprachen dafür um so beredtere Worte. Nach dem„ Vorwärts" sind weit über 500 Kränze auf den Gräbern der Märzgefallenen niedergelegt worden. Mit verschwindenden Ausnahmen wurden sie alle von dem kämpfenden Proletariat gewidmet. Nur vier bürgerlich- ,, demokratische" Organisationen waren durch Blumenspenden vertreten. Das deutsche Bürgerthum schämt sich seiner revolutionären Vergangenheit, obgleich es dieser * Wegen Raummangels verspätet. seine jetzige politische Machtstellung verdankt. Dagegen gab es in Berlin und Umgegend wohl keine politische und keine gewerkschaftliche Organisation, keinen Leseklub 2c., welche nicht die Märzgefallenen durch Kränze ehrte. Auch aus der Ferne waren Kranzspenden eingelaufen, so aus Stettin, aus Arnsberg 2c. Besonderes Aufsehen erregte ein Kranz, den die„ Sozialisten aus Südafrika" gesendet hatten. Viele der Kränze rührten von Genossen und Genossinnen zusammen her. Prachtvolle Kränze waren außerdem niedergelegt worden von der Berliner Frauen- Agitations- Kommission, von den Handlungsgehilfinnen und von den Plätterinnen. Im Laufe des Vormittags fanden in Berlin zehn Versamm lungen statt mit der Tagesordnung:„ Die Bedeutung des 18. März für das Proletariat." Die Versammlungslokale waren überall von Männern und Frauen bis auf den letzten Platz gefüllt, ja überfüllt; mehrfach sperrte die Polizei die Säle ab. Die Versammlung, wo Liebknecht referirte, sandte an Genossen Lafargue in Paris folgendes Telegramm ab: 3000 zur Feier des 18. März in den Germaniasälen Berlin versammelte Sozialisten senden brüderlichen Gruß den französischen Genossen. Neun weitere zur selben Zeit tagende Versammlungen denken ebenso wie wir und rufen: Es lebe die Kommune, es lebe das internationale Proletariat." Die in der Umgegend von Berlin einberufenen Versammlungen waren gleichfalls überaus gut besucht und voller Begeisterung. Auch in anderen Städten verlief die Feier des 18. März in würdiger und großartiger Weise, so z. B. in Hamburg, wo nicht weniger als fünfzehn Versammlungen stattfanden, in Breslau, Dresden, Stuttgart, Leipzig, Stettin 2c. 2c. In Nürnberg wurde die Feier gegen ihr Ende hin durch das Eingreifen der Polizei etwas gestört. Der dienstlich anwesende Polizeibeamte fühlte sich an dem Abend sehr gesellschaftsretterisch angelegt. Er konfiszirte zuerst eine Sammelliste, welche ein Schneider für seine streifenden Kollegen herumgehen ließ. Dann verbot er den Vortrag der Marseillaise mit der Begründung, daß sie ein politisches Lied sei, und daß durch ihren Gesang das Fest zu einer politischen Versammlung werde, die wegen der Anwesenheit von Frauen und Kindern aufgelöst werden müsse. Grillenberger, als Einberufer der Feier, protestirte gegen diese Auffassung. Da aber der Polizeibeamte erklärte, daß er ausdrücklichen Befehl habe, den Gesang der Marseillaise nicht zu dulden, so mußte der Vortrag des Liedes abgebrochen werden. Die Menge gab die richtige Antwort auf diese kleinliche Chikane, indem sie mit der Wucht zorniger Begeisterung die Marseillaise als Massengesang anstimmte. Jeder Versuch des Polizeibeamten, zum Wort zu kommen, wurde durch" Beifallssalven" der Menge unterdrückt. Grillenberger ersuchte nun die Anwesenden, den Gesang einzustellen, da sonst die Feier als politische Versammlung aufgelöst werden würde. Der Polizeibeamte wollte sich jedoch noch nicht beruhigen, die Frauen und Minderjährigen sollten den Saal verlassen. Da es aber unterdeß fast Mitternacht geworden war, wo die Feier ihr Ende erreichen mußte, unterblieben schließlich weitere Maßregelungen, und das Fest endete friedlich. In Wien fand am 13. März, dem Gedächtnißtag der Wiener Kämpfe, eine großartige Demonstration statt. Die bürgerliche Presse schätzt die Zahl der auf dem Zentralfriedhof vor dem Denkmal der Märzgefallenen Manifestirenden auf 50 000. Auch in Wien war die Betheiligung der Frauen an der Feier eine überaus rege und begeisterte. Die gewaltige Demonstration konnte den Herrschenden eine Mahnung sein, daß sich das arbeitende Volk Desterreichs nicht länger mehr mit dem bestehenden Wahlunrecht abfindet, daß es sich aber auch nicht durch eine verkrüppelte, heuchlerische Wahlreform abspeisen lassen wird, daß es entschlossen ist, unter der Führung der Sozialdemokratie die so besonnen und energisch begonnene Bewegung für das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht kraftvoll und zielbewußt zu Ende zu führen. Arbeiterinnen- Bewegung. - In der Zeit vom 15. März bis 11. April fanden öffentliche Versammlungen statt in: Berlin, öffentliche Versammlung aller im Kürschnergewerbe beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Die Lage der im Kürschnergewerbe beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen, und welches ist für sie die beste Organisationsform?"( Genosse KobisHamburg); öffentliche Versammlung der Arbeiter und Arbeiterinnen aller Branchen der Schuhindustrie:„ Die Bedeutung der Gewerbegerichte für die Arbeiter"( Genosse Dr. Herzfeld); zwei öffentliche Versammlungen der Tabakarbeiter und Arbeiterinnen:„ Das Verhalten der Firma Leopold in Haynau i. Schl. gegenüber ihren Arbeitern und die praktizirten Lohnreduktionen"( Genosse Stolz); öffentliche Versammlung der Textilarbeiter und Arbeiterinnen:„ Bericht über die Thätigkeit der Kommission"( Genosse Wagner); öffentliche Versamm 59 lung der Hilfsarbeiter und-Arbeiterinnen:„Nothwendigkeit und Nutzen der Gewerkschaftsorganisation"(Genosse Rüther); öffentliche Versammlung für Frauen und Männer, einberufen von der Frauen- Agitationskommission:„Die Gehaltsverhältnisse der städtischen Lehrer und Lehrerinnen"(Genossin Altmann);„Welches Interesse haben die Frauen an der städtischen Verwaltung?"(Reichstagsabgeordneter Zu- beil). Die Versammlung nahm folgende Resolution an: „Die Versammlung erklärt, im Einvcrständniß mit der Referentin, daß die Besserung der heutigen Zustände nur durch das Volk für das Volk erreicht werden kann. Das Volk bezahlt mit den Steuern die Lehrer und Lehrerinnen, hat also dann auch das Recht zu fordern, daß die Schule eine Erziehungsanstalt im wahren Sinne des Wortes werde. Das ist aber nur möglich, wenn jeder Einzelne dieses Werk fördern Hilst durch Aufklärung über die Zwecke und Ziele der Sozialdemokratie, der einzigen Verfechterin der Rechte des Volkes." Blumenau, öffentliche Volksversammlung:„Wie lebt die arbeitende Menschheit, und wie könnte sie leben?"(Genosse Kühn); Dessau. öffentliche Versammlung für Männer und Frauen:„Die Verurtheilung und Hinrichtung Jesu vom Standpunkte unbefangener Geschichtsforschung"(Genosse Peus); Furtwangen i. Schwarzw., öffentliche Versammlung für Frauen und Männer:„Die Frauen des Proletariats und der Militarismus"(Genossin Zetkin); Groitzsch, öffentliche Versammlung für Frauen und Männer:„Die Frau und der Sozialismus"(Genossin Kühler); Hanau, öffentliche Volksversammlung:„Tie Maifeier"(Genosse Kiefer); Leipzig, öffentliche Versammlung für Frauen und Männer:„Frauenunterdrückung, Frauenkultus und Frauenrechte"(Genossin Kühler); Lindenau, öffentliche Versammlung für Frauen und Männer:„Was wird der Befreiungskampf des Proletariats den Frauen bringen?"(Genossin Kühler); Mannheim, öffentliche Versammlung der Schneider und Schneiderinnen:„Der Untergang des Handwerks"(Genosse Or. Rüdt); Ohligs, Volksversammlung für Frauen und Männer:„Das Elend des Proletariats und die Bedeutung des 18. März"(Genossin Gotthusen); Ottensen, öffentliche Versammlung der sozialdemokratischen Partei: „Der 13. März"(Genosse Kölle); Paunsdorf, öffentliche Versammlung für Frauen und Männer:„Was wird der Befreiungskampf des Proletariats den Frauen bringen?"(Genossin Kühler); Rixdorf, öffentliche Versammlung der Textilarbeiter und-Arbeiterinnen:„Bericht über die Thätigkeit der Kommission"(Genosse Pause); Solingen, öffentliche Versammlung für Frauen und Männer:„Die Kulturentwicklung der Menschheit"(Genossin Schneider); Stuttgart, öffentliche Versammlung des sozialdemokratischen Vereins Westen:„Bürgerliche und proletarische Frauenbewegung"(Genossin Zetkin); Triberg, öffentliche Versammlung für Männer und Frauen:„Die Frauen des Proletariats und der Militarismus"(Genossin Zetkin). — Vereinsversammlungen fanden in der nämlichen Zeit statt in: Berlin, Mitgliederversammlung des Verbands der Schneider und Schneiderinnen:„Die Praxis des Berliner Gewerbegerichts"(Genosse Täterow); Generalversammlung der Mitglieder des Verbands der im Kürschnergemerbe beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„Thätig- keitsbericht, Kassenbericht, Statutenänderung"; Mitgliederversammlung des Vereins der in Holzbearbeitungssabriken und auf Holzplätzen beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„Innere Angelegenheiten"; Mitgliederversammlung des Bildungsvereins für Frauen und Mädchen: „Antheil der Frauen in der französischen Revolution"(Genossin Löwenherz); Hamburg, zwei Mitgliederversammlungen des Verbands der Fabrik-, Land-, Hilfsarbeiter und-Arbeiterinnen: 1)„Herbergswesen, Interne Angelegenheiten"; 2)„Bericht vom Gewerbegericht" (Genosse Becker),„Die Arbeitslosenstatistik"(Genosse Liebscher); Ottensen, Mitgliederversammlung des Zentralvereins der Frauen und Mädchen:„Bericht von der Generalversammlung in Lübeck" (Genossin Eilken);„Der Zweck des Vereins"(Genossin Heitmann); in den Ausschuß des Vereins wurden gewählt die Genossinnen Möller, Fischer, Breuer, Krimson, Leibing; Stuttgart, Mitgliederversammlung des Verbandes der in der Metallindustrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„Die Thätigkeit der Frau auf industriellem Gebiete"(Genossin Zetkin); Veddel-Rothenburgsort, Mitglieder- versammlung des Zentralvereins der Frauen und Mädchen:„Die ethische Bedeutung der Arbeiterbewegung"(Genosse Saalfeld). — Frankfurt a. M.* Um weitere Schichten der proletarischen Frauenwelt für die Ideen des Sozialismus zu gewinnen, hatten die hiesigen Genossen und Genossinnen in Verbindung mit der Berliner Frauen-Agitationskommission eine größere Agitationstour in der Gegend von Frankfurt a. M. organisirt. Genossin Blohm-Hamburg war damit beaustragt worden, die Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen der Gegend aufzuklären über ihre Lage als Proletarierinnen, ihnen die Schwere ihrer Leiden zum Bewußtsein zu bringen, ihnen die Möglichkeit einer * Wegen Raummangels verspätet. Wiedergeburt der Gesellschaft durch den Sozialismus nachzuweisen und sie als Kämpferinnen in Reih und Glied der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung zu führen. Die Agitationstour fand im Monat März statt und erstreckte sich auf folgende elf Orte: Orb, Hanau, Frankfurt a. M., Bockenheim, Oberrad, Offenbach, Mannheim, Eschersheim, Wiesbaden, Fechenheim, Klein-Stein- heim. Genossin Blohm referirte hier in öffentlichen Volksversammlungen über folgende Themata:„Die kapitalistische und die sozialistische Gesellschaftsordnung",„Arbeitslosigkeit früher und jetzt und die Fürsorge für das Wohl der Arbeiter und Arbeiterinnen",„Die kapitalistische Gesellschaft und die Fürsorge für die Arbeiterklaffe",„Die Stellung der Frau in der Industrie und in der Gesellschaft". Sämmt- liche Versammlungen waren sehr gut besucht; in Orb, Hanau und anderen Orten war der Zudrang ein so großer, daß die Leute Kopf an Kopf gedrängt auf der Straße standen. Wo an die Ausführungen der Referentin eine Diskussion anknüpfte, wurde energisch betont, daß man die proletarischen Frauen aufklären und in das politische Leben, in die gewerkschaftlichen Organisationen hineinziehen müsse. Diese Ueberzeugung fand auch in einstimmig angenommenen Resolutionen ihren Ausdruck. Der ausgestreute sozialistische Samen ist auf einen guten, auf einen von der kapitalistischen Ausbeutung aufgeackerten Boden gefallen. Die Arbeits- und Lebensverhältnisse der werkthätigen Masse der Gegend— zumal dort, wo diese in der Tabakindustrie beschäftigt ist— sind so ungemein elende, daß auch die stumpfsinnigsten Männer und Frauen zum Nachdenken wachgerüttelt werden, und daß ihnen der Gegensatz zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten zum Bewußtsein kommt. Was in der Brust der armen Lohnsklaven und Lohnsklavinnen gährt an dumpfer Verzweiflung, an bitterem Weh, an berechtigtem Groll und Zorn, an heißem Verlangen nach Brot, Freiheit und Glück, das gilt es zu erwecken zu klarer Erkenntniß, zu zielbewußtem Wollen. Und dazu hat auch die Agitation von Genossin Blohm das ihrige beigetragen, sie hat der Arbeiterbewegung in den Reihen der Frauen neue Streiter geworben. l-. ö. Die Ausbeutung der Avbritskeast. i- Je mehr Arbeit, desto weniger Rast. Wer 18 Stunden arbeitet. dem bleiben nur 6 Stunden zum Ausruhen, wer 6 Stunden arbeitet, dem bleiben 18 Stunden frei, u. s. w. Wer nichts thut, der braucht die Ruhe am wenigsten, und wer sie braucht, der hat sie nicht. Sich sein Leben lang abrackern, ist das Schicksal des Lohnsklaven, der Lohnsklavin. Wenn sie auch keine Ketten mehr zwingen, so bindet sie jetzt nicht weniger die Roth. Was bringt ihnen ihre mühevolle Arbeit? Nichts, als ein jämmerliches Dasein, Verkrüppelung, Siechthum, Verthierung und einen frühzeitigen Tod. „Wenn die freiwillige produktive(schaffende) Thätigkeit der höchste Genuß ist, den wir kennen, so ist die Zwangsarbeit die härteste, entwürdigendste Qual. Nichts ist fürchterlicher, als alle Tage von Morgens bis Abends etwas thun zu müssen, was einem widerstrebt. Und je menschlicher der Arbeiter fühlt, desto mehr muß ihm die Arbeit verhaßt sein, weil er den Zwang, die Zwecklosigkeil für ihn selbst fühlt, die in ihr liegt. „Weshalb arbeitet er denn? Aus Lust am Schaffen? Aus Naturtrieb? Keineswegs. Er arbeitet um des Geldes, um einer Sache willen, die mit der Arbeit selbst gar nichts zu schaffen hat; er arbeitet, weil er muß, und er arbeitet noch dazu so lange und so ununterbrochen einförmig, daß schon aus diesem Grunde allein ihm die Arbeit in den ersten Wochen zur Qual werden muß, wen» er noch irgend menschlich fühlt."(Engels.) Je mehr die Maschinerie sich entwickelt, desto mehr geistes- tödtend wird die Arbeit.„Die Thätigkeit des Arbeiters wird leicht, die Anstrengung der Muskeln wird gespart, und die Arbeit selbst wird unbedeutend, aber eintönig im höchsten Grade. Sie gewährt ihm kein Feld für geistige Thätigkeit, und nimmt doch seine Aufmerksamkeit gerade so viel in Anspruch, daß er, um sie gut zu besorgen, an nichts Anderes denken darf."(Engels.) Im Joche des Kapitals frohnden Arbeiter und Arbeiterinnen schlimmer als Lastthiere. Denn der Besitzer eines Lastthieres hat selten ein Interesse daran, es zu überanstrengen. Er hat es gekaust für baares Geld, und verendet es vor der Zeit oder wird es weniger leistungsfähig, so erleidet er dadurch einen Verlust. Er schont deshalb die Kräfte seines Thieres und dessen Gesundheit. Anders ist das Verhältniß des Kapitals zum Lohnarbeiter. Ter Kapitalist kauft die Kraft der Arbeiter und Arbeiterinnen stückweise, tag- und wochenweise. Haben sie diese Zeit abgearbeitet, für die sie entlohnt werden, so haben sie eben dadurch dem Kapitalisten den gezahlten Lohn abgeliefert und einen ansehnlichen Profit noch obendrein. Habe» sie sich überarbeitet, brechen sie in der Folge zusammen, so ist dies für den Kapitalisten gleichgiltig. Statt dieser Arbeitskräfte findet er andere. Die Reservearmee, der Vorrath an Arbeitslosen, stellt ihm genügend neue Opfer zur Verfügung. Es kommt dem Unternehmer nur darauf an, daß Arbeiter und Arbeiterinnen den Tag, die Woche aushalten, für die sie nach Verabredung bezahlt werden müssen. Je mehr die Arbeitskräfte während dieser Zeit ausgepowert werden, um so besser. Hören sie auf zu arbeiten, so zahlt ihnen der Kapitalist nichts mehr. So lange die Reservearmee ausreicht, hat er durch den Tod des Arbeiters, der Arbeiterin keinen Verlust, wie es der Fall ist, wenn sein Pferd oder sein Ochse, oder selbst sein Hofhund fällt. Das Leben des Arbeitsviehes ist dem Kapitalisten viel mehr werth, als das Leben seiner Lohnsklaven. " Wie das Leben, so ist die ganze Existenz der Arbeiter und Arbeiterinnen dem Kapital nichts als eine willkommene Beute, als die Mehrwerthsquelle, die Quelle seines Profits. Diese bis auf den letzten Rest in kürzester Zeit auszuschöpfen, ist das heiße Begehren des Kapitals, sein sehnsüchtiges Streben. Es tritt zu diesem Zweck durch übermäßig lange Arbeitszeit alles Menschliche im Arbeiter und der Arbeiterin nieder. Zeit zu menschlicher Bildung für diese, zu geistiger Entwicklung, zur Erfüllung sozialer Funktionen( Aufgaben), zu geselligem Verkehr, zum freien Spiel der körperlichen und geistigen Lebensträfte, selbst die Feierzeit des Sonntags- reiner Firlefanz." ( Marr.) Alles sinkt vor dem Bereicherungstrieb des Kapitals in Nichts zusammen. Aber in seinem maßlos blinden Trieb, seinem Werwolfsheißhunger nach Mehrarbeit, überrennt das Kapital nicht nur die moralischen, sondern auch die rein physischen Maximalschranken ( Höchstmaß) des Arbeitstags. Es ufurpirt( raubt) die Zeit für Wachsthum, Entwicklung und gesunde Erhaltung des Körpers. Es raubt die Zeit, erheischt zum Verzehr von freier Luft und Sonnenlicht. Er knickert ab an der Mahlzeit und einverleibt sie womöglich dem Produktionsprozeß selbst, so daß Arbeitern und Arbeiterinnen als bloßen Produktionsmitteln Speisen zugesetzt werden, wie dem Dampskessel Kohle und der Maschinerie Talg und Del zugeführt wird. Den ge sunden Schlaf zur Sammlung, Erneuerung und Erfrischung der Lebenskraft beschränkt es auf so viel Stunden Erstarrung, als die Wiederbelebung eines völlig erschöpften Organismus unentbehrlich macht."( Mary.) „ Jede Minute, die der Arbeiter von der Arbeitszeit für sich verwendet, erscheint dem Kapitalisten als Diebstahl an seinem eigenen Kapital. Aber eben weil die Arbeitskraft und der Arbeiter untrennbar miteinander verbunden sind, erheischt das Interesse des Letzteren die Bei Tisch. Von François Copée, überfekt von E. R. ( Schluß.) Der Träumer hatte keinen Appetit mehr. Er war im Gedanken noch bei den Bretagnern, bei den Leuten des Meeres, welche diese herrliche Butte vielleicht gefangen hatten. Er erinnerte sich jenes regnerischen, grauen Morgens, wo er neben den schweren, bleifarbenen Meereswogen spazierte und den Leichnam des alten Fischers, des Familienvaters, welcher vor drei Tagen im Meere verschwunden war, dieses grausige Ueberbleibsel, das in Seegras und Meeresschaum gestrandet war, wieder erkannt hatte. Es war herzzerreißend, seine grauen, schwimmenden Haare voll Sand und Muscheln zu sehen. Ein Schauer durchfuhr sein Herz. Aber die Diener hatten bereits die Teller entfernt und jede Spur des mächtigen Fisches verschwinden gemacht. Während man ein anderes Gericht servirte, hatten die eleganten, frivolen Speisenden bereits ihr Gespräch wieder aufgenommen. Der Hunger war schon ein wenig gestillt, sie wurden lebhafter und sprachen mit mehr ungezwungenheit. Munteres Lachen ertönte. Ah! die reizende, liebenswürdige Gesellschaft. Da packte den Träumer, den schweigsamen Gast, eine unendliche Traurigkeit; denn Alles, was an Arbeit und Schmerz nöthig ist, um das Bequeme, das Wohlbehagen zu schaffen, tauchte plötzlich vor seiner Vorstellung auf. Nur um zu ermöglichen, daß diese Leute von Welt, mitten im Dezember, blos im dünnen Frack sein, damit diese Damen ihre bloßen Arme und Nacken zeigen konnten, verbreitete die Luftheizung im Zimmer die Wärme eines Frühlingsmorgens. Aber wer hat die Kohle herbeigeschafft? Der Verdamnite aus dem schwarzen Lande, 60 möglichste Verkürzung der Arbeitszeit. Während des Produktionsprozesses ist er nur Theil des Kapitals; er wird unter der kapitalistischen Produktionsweise erst Mensch, sobald er aufhört zu arbeiten." ( Kautsky.) Trotzdem geht das Bestreben des Kapitalisten dahin, den Lohnsklaven und Lohnsklavinnen auch diesen armseligen Rest, die paar Stunden zu nehmen, deren sie zu einer nothdürftigen Erfrischung ihrer schwindenden Kräfte benöthigt sind. Durch weitere Ausdehnung der Arbeitszeit möchte er ihnen auch noch die armseligen Minuten rauben, in denen sie eine scheinbar freie Gristenz führen können. Ein Pferd kann auf die Dauer nicht mehr als 8 Stunden per Tag arbeiten. Das weiß jeder vernünftige Landwirth und jeder Pferdebesitzer. Dementsprechend zwingen sie nicht das Pferd zu mehr Arbeit. Aber der Lohnsflave des Kapitals arbeitet 12, 14, ja 18 Stunden nacheinander mit nur kleinen Unterbrechungen! Was sind die Folgen davon? Geistiges Verkommen, förperliches Siechthum, körperliche Verkrüppelung. Das geben sämmtliche Fabrikinspektoren in ihren Berichten zu, darin stimmen alle Hygienifer in ihrer Beurtheilung der langen Arbeitszeit überein. Um ein Urtheil von vielen hier herauszugreifen, so äußert sich ein bekannter Hygieniker über die Gesundheit der Arbeiter einer großen Baumwollspinnerei mit äußerst langer Arbeitszeit folgendermaßen:„ Sie sind schlecht genährt, haben keine frische Gesichtsfarbe mehr, tragen den Stempel einer gleichsam ewigen Müdigkeit auf ihrem Antlitz. Sie altern rasch. Diese letztere Erscheinung tritt besonders scharf zum Vorschein bei den Frauen, die außerdem sehr oft Zeichen starker Blutarmuth aufweiſen. Besonders traurig und mitleiderregend ist das Aussehen fast sämmtlicher, ohne Ausnahme, jugendlicher Arbeiter; auch dann, wenn sie eine verhältnißmäßig leichte Arbeit haben, sind sie äußerst erschöpft, haben bleiche Gesichter und eingefallene Wangen; viele von ihnen sind wahrhaftige Märtyrer.... In einigen Fällen, die besonders scharf auffielen, hatten die Arbeiter das Aussehen von Menschen, die soeben den Typhus überstanden hatten: erdfahle Gesichtsfarbe, eingefallene Wangen, einen trüben, apathischen und schläfrigen Blick, das Haupt halb gebeugt, gleichsam in Folge einer allgemeinen Schwächung der Nackenmuskeln 2c." Der geschwächte Organismus ist nicht mehr im Stande, gesunde Kinder zu erzeugen. Die Uebel der Eltern werden auf die Kinder und Kindeskinder vererbt und treten bei diesen noch schärfer und unheilvoller in Erscheinung. Das Kapital raubt den proletarischen Eltern die Muße, ihre Kinder zu pflegen, sie zu erziehen. Bei der unterirdische Arbeiter, welcher in der Hölle der Kohlengruben lebt. Wie weiß, wie frisch ist doch die Haut jener jungen Dame, die so siegreich aus dem rosa Atlas hervorleuchtet! Aber wer webte diesen rosa Atlas? Die menschliche Spinne in Lyon, der Hausweber, der immer bei seiner Arbeit in den verseuchten Häusern des „ Croix Rousse" fiẞt. Sie trägt zwei herrliche Perlen in ihren winzigen Ohren, diese junge Dame. Welche Pracht, welche schimmernde Durchsichtigkeit, welche vollendete Form! beinahe kugelförmig. Die Perle, welche Kleopatra geschluckt, nachdem sie dieselbe in Essig aufgelöst hatte, und die 10000 Sesterzen werth war, konnte nicht reiner gewesen sein. Aber weiß die junge Dame, daß dort, weit weg, in Ceylon, auf den Perlaufterbänken von Arippo und Coatatchy die Hindu von der Indischen Kompagnie heldenhaft über zwölf Klafter in die Tiefe tauchen, einen Fuß in dem schweren Steigbügel, der sie zum Grunde zieht, in der linken Hand ein Messer, um den Haifisch zu bekämpfen? Aber was! Man ist schön und gefallsüchtig, der Speisesaal ist warm und wohlriechend, man kann dort halb nackt, sehr geschmückt speisen und mit seinem Nachbarn kokettiren. Welchen Zusammenhang, frage ich Sie, fann man mit dem düstern Arbeiter haben, der fünfzig Stilometer unter der Erde schanzt? Mit einem vor seinem Webstuhl steif gewordenen Weber? Mit einem Wilden, der ins Meer springt und es bisweilen mit seinem Blute röthet? Warum sollte man an so traurige, garstige Dinge denken? Welche Abgeschmacktheit! Doch der Träumer wird von seiner firen Idee verfolgt. Seit einer Weile zerbröckelt er mechanisch, ohne darauf zu achten, ein Stückchen des kleinen, goldgelb gebackenen Weißbrotes, das neben seinem Teller liegt. Oh! das ist ein nichtssagendes PhantasieNahrungsmittel bei solch einem Mahle. Man muß unwillkürlich an das naive Wort jener großen Dame denken, welche zu der un 61 ihrer Armuth besitzen sie nicht die Mittel, dies thun zu können. � Die proletarische Mutter, die Fabrikarbeiterin ist, die selbst hungert, kann ihre Kinder nicht kräftig ernähren. So wird denn jede Arbeitergeneration schwächer, kränklicher.— Die Entartung der Klasse ist da. Der Kapitalismus drückt den Menschenschlag auf ein geringeres Maß herab. Der Wuchs wird klein, die allgemeine Konstitution zwerghaft— dies zeigt sich bei den Rekrutenaushebungen. Schwache Muskeln, Skropheln, Blutarmuth von Kindsbeinen an zc., sind für die Arbeiterbevölkerung der industriell entwickelten Gegenden charakteristisch. Das Kapital kürzt nicht nur dem einzelnen Arbeiter, der einzelnen Arbeiterin das Leben, es raubt einem ganzen Volk, der gesammten Menschheit die Bedingungen ihres Gedeihens und ihrer Entwicklung. Dies Alles rächt sich aber auch an dem Kapitalismus selbst. Die degenerirten(entarteten) Arbeiter— männliche wie weibliche— sind weniger leistungsfähig, aber auch die ewig müden, ewig erholungsbedürftigen Proletarier bringen weniger zu Stande, als frische, wohlgenährte und gutgepflegte Arbeitskräfte. Als Folge der übermäßigen Arbeitszeit ergiebt sich eine Abnahme der Arbeitsleistung. Ist nun diese Abnahme eine allgemeine, d. h. wenn sie sämmt- liche konkurrirende(im Wettbewerb miteinander stehende) Unternehmungen betrifft, so leidet der Kapitalist darunter keinen Schaden. In einer Arbeitsstunde erzeugt jetzt zwar der Arbeiter weniger Produkte als früher, allein da dies allgemein so ist, so zählt auf dem Weltmarkt diese Arbeitsstunde immerhin als solche. Mit anderen Worten, der Nachtheil der verminderten Leistungsfähigkeit der Arbeiter und Arbeiterinnen vertheilt sich gleichmäßig auf sämmtliche Konkurrenten, darum ist keiner von ihnen im Stande, den anderen zu unterbieten. Anders, wenn in einigen einzelnen Unternehmungen in Folge einer kürzeren Arbeitszeit die Leistungsfähigkeit der Arbeiter eine größere ist, als in anderen, die übermäßig lang arbeiten lassen. Dann kann es geschehen, daß die Ersteren, trotz der kürzeren Arbeitszeit, billiger verkaufen können, als die Letzteren, weil eben ihre kräftigeren! Arbeiter und Arbeiterinnen mehr leisten, schneller arbeiten. Was beginnen nun die bedrängten Konkurrenten? Verkürzen sie die Arbeitszeit, da ja das sinnlose Uebermaß an Ausbeutung daran schuld ist, daß sie nicht mehr konkurrenzfähig sind? Mit Nichten. Im Gegentheil, sie verlängern den Arbeitstag, um auf diese Weise aus Arbeitern und Arbeiterinnen»och mehr herauszuschinden, und sie verringern den Arbeitslohn. Bis zu einem gewissen Grade gelingt es ihnen auch, aus ihrem Arbeitspersonal mehr herauszuschlagen als früher. Der Spieß dreht sich nun um, und ihre ihnen soeben noch überlegenen Konkurrenten müssen ihrerseits nach Mitteln suchen, um sich konkurrenzfähig zu machen. Nach alterprobtem Kapitalistenbrauch greifen auch sie zur Verlängerung des Arbeitstages. Und so geht denn diese Jagd nach dem längsten Arbeitstag, nach der möglichst größten Auspowerung der Arbeiter und Arbeiterinnen immer weiter, immer toller und scheint kein Ende nehmen zu können. Ein Ende wird diesem grausamen Spiel mit Menschenleben gesetzt durch die Arbeiter und Arbeiterinnen selbst, indem diese sich einen kürzeren Arbeitstag erkämpfen. So lange dies aber nicht der Fall ist, so lange ihr Schicksal dem freien Spiel der ökonomischen Kräfte preisgegeben ist, d. h. der Willkür der Uebermacht des Kapitals, so lange bleiben sie unterdrückt und ausgebeutet, so lange wird ihr Menschenthum mißachtet, so lange werden sie in den Staub getrete», sie verkümmern und gehen elendiglich zu Grunde. So lange das Proletariat nicht für einen kürzeren Arbeitstag kämpft, schützt kein Gesetz den Lohnsklaven. Der Staat, der sonst die Handlungen der Einzelnen so sorgfältig zu zergliedern und abzuschätzen versteht, der die besondere Aufgabe hat, das Unrecht zu sühnen, und der in mehr als vorzüglicher Weise über die Interessen des Kapitals wacht, er weiß so lange nichts von den Leiden und von dem Schicksal der Arbeiterklasse. „Wenn ein Einzelner einem Anderen körperlichen Schaden thut und zwar solchen Schaden, der dem Beschädigten den Tod zuzieht, so nennen wir das Todtschlag; wenn der Thäter im Voraus wußte, daß der Schaden tödtlich sein würde, so nennen wir seine That einen Mord. Wenn aber die Gesellschaft Hunderte von Proletariern in eine solche Lage versetzt, daß sie nothwendig einem vorzeitigen, unnatürlichen Tode verfallen, einem Tode, der ebenso gewaltsam ist, wie der Tod durchs Schwert oder die Kugel; wenn sie Tausenden die nöthigen Lebensbedingungen entzieht, sie in Verhältnisse stellt, in welchen sie nicht leben können, wenn sie sie durch den starken Arm des Gesetzes zwingt, in diesen Verhältnissen zu bleiben, bis der Tod eintritt, der die Folge dieser Verhältnisse sein muß; wenn sie weiß, nur zu gut weiß, daß diese Tausende solchen Bedingungen zum Opfer fallen müssen, und doch diese Bedingungen bestehen läßt, — so ist das ebenso gut Mord, wie die That der Einzelnen, nur versteckter, heimtückischer Mord, ein Mord, gegen den sich Niemand wehren kann, der kein Mord zu sein scheint, weil man den Mörder nicht sieht, weil Alle und doch wieder Niemand dieser Mörder ist. weil glücklichen Brotlosen sagte,„warum sie keinen Kuchen esse?" Aber dieser schöne Kuchen ist doch auch Brot, Brot, das aus Mehl be- reilet wurde, und dieses wieder ist aus Korn gemacht. Mein Gott ja, ja—, es ist kurzweg Brot, Brot wie das des Bauern, wie das Kommißbrot des Soldaten. Damit es aber dahin, auf den Tisch des Reichen kommen konnte, bedurfte es der geduldigen Arbeit vieler Arme. Der Bauer hat gepflügt, gesäet, geerntet, er hat seinen Pflug in der fetten Erde fortgeschoben oder seine Egge geführt unter den kalten Nadeln des Herbstregens. Er ist voll Sorgen um sein Feld erwacht, wenn es in der Nacht donnerte; er hat gezittert, wenn er die schweren violetten Wolken mit Hagel beladen vorüberziehen sah; er wurde ausgedörrt und abgebrannt von den erschöpfenden Strapazen der riesigen Arbeit der Erntezeit. Und wenn der alte Müller vom Rheumatismus halb gekrümmt, den er von den Nebeln am Flußufer erwischte, sein Mehl nach Paris geschickt hat, dann tragen die Lastträger mir den weißen Hüten die erdrückend schweren Säcke auf ihrem breiten Rücken, und noch in der verflossenen Nacht haben im unterirdischen Raum die Teigkneter bis zum Morgengrauen geächzt. Ja wahrlich, all dieser Mühen hat es bedurft, dieses kleine Brot, das die weißen Hände dieser Patrizier zerstreut auseinander brechen, herbeizuschaffen. Für den unverbesserlichen Träumer ist dies nun eine Zwangsvorstellung. Die Feinheiten des Gastmahls gemahnen ihn an nichts anderes, als an die menschlichen Leiden. Gerade vorhin, als ihm der Mundschenk ein Glas Chambertin einschenkte, hatte er sich dabei erinnert, daß gewisse Glasarbeiter durch das fortwährende Flaschenblasen lungenschwindsüchtig werden! Ach was! Das ist lächerlich. Er weiß wohl, daß die Welt so beschaffen ist. Ein Nationalökonom würde ihm ins Gesicht lachen. Wollte er am Ende gar Gefahr laufen, Sozialist zu werden? Es wird ja immer Reiche und Arme geben, so wie es immer Gutgewachsene und Bucklige giebt. llebrigens, die Glücklichen, die er vor sich sieht, sind es nicht ungerechter Weise. Das sind nicht gewöhnliche Anbeter des goldenen Kalbes, egoistische, gemeine Emporkömmlinge. Der Großgrundbesitzer, der bei der Tafel präsidirt, trägt mit Ehre und Würde einen Namen, der mit allen hohen Kreisen Frankreichs verbunden ist. Dieser graubärtige General ist ein Held; er hat mit dem Muth eines Marat Rezonville gestürmt. Der Maler, dieser Dichter haben treu der Kunst und Schönheit gedient. Dieser Chemiker, der sein Leben als Apothekerjunge begann, und auf den heute die Gelehrtcnwelt wie auf ein Orakel hört, ist einfach ein Mann von Genie. Diese vornehmen Frauen sind freigebig und gut und mit bescheidenein Muthe tauchen sie manchmal ihre zarten Finger in die Tiefe des Unglücks. Warum sollten diese außerordentlichen Wesen nicht auch außerordentliche Freuden genießen? Der Träumer sagte sich, er sei ungerecht gewesen, es waren alte Sophismen, für einen Vorstadtklub noch gerade gut genug, die nun in seiner Erinnerung wieder erwacht waren, und von denen er sich hatte bethören lassen. Ist es möglich! Er schämt sich vor sich selbst. Aber das Mahl neigt sich seinem Ende zu, und während die Diener zum letzten Mal die Pokale mit Champagner füllen, tritt Ruhe ein. Die Gäste fühlen die Müdigkeit der beginnenden Verdauung. Der Träumer sieht nun einen nach dem anderen an und alle diese Gesichter haben einen blasirten, befriedigten Ausdruck, der ihn beunruhigt und anwidert. Ein unerklärliches Gefühl— aber so bitter! Trotzdem erhebt er im Grunde seines Herzens einen Protest gegen diese Befriedigten und als man sich vom Tischchen erhob, da wiederholte er sich hartnäckig, aber ganz leise: Ja, sie sind in ihrem Recht!... Aber wissen sie wohl, daß ihr LuxuS auf so vielem Elend aufgebaut ist? Denken sie manchmal daran? Denken sie so oft als es sein sollte, daran? Denken sie überhaupt daran?--- Und auch er wurde ruhig wie sonst. der Tod des Schlachtopfers wie ein natürlicher aussieht und weil er weniger eine Begehungssünde, als eine Unterlassungssünde ist. Aber er bleibt Mord."( Engels.) Und solchen Mord begeht die kapitalistische Gesellschaft tagtäglich tausendfach an den Angehörigen der Arbeiterklasse. Worin das zwingende Interesse der kapitalistischen Gesellschaft besteht, das sie zu diesen Thaten veranlaßt, darüber ein anderes Mal. Der vierte österreichische Parteitag. In der Osterwoche tagte in Wien der vierte österreichische sozialdemokratische Parteitag. Bei den innigen Beziehungen, welche zwischen dem deutschen und österreichischen Proletariat, zwischen der deutschen und österreichischen Sozialdemokratie bestehen, sind die Verhandlungen und Beschlüsse des Wiener Parteitags von hohem Interesse für die deutschen Arbeiter und Arbeiterinnen. Um so mehr ist dies der Fall, als sich der letzte Parteitag mit einer hochwichtigen Frage zu be schäftigen und entscheidende Entschlüsse zu fassen hatte, Entschlüsse, welche in ihren Folgen auch auf die Verhältnisse in Deutschland zurückwirken werden. Die Entscheidung des Parteitags über die Taktik, welche die österreichische Sozialdemokratie einzuschlagen hat im Kampf der rechtlosen Volksmassen um das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht, die Entscheidung über die Anwendung des Massenstreits stand im Brennpunkt des allgemeinen Interesses. Es ist den breiten Volksmassen in Desterreich klar geworden, daß eine Verfassung nicht weiter bestehen darf, welche zwei Drittel der Bevölkerung jeder politischen Rechte, jedes Einflusses auf die Gesetzgebung beraubt. Seit vorigem Jahre ist eine mächtige Volksbewegung für das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht in Fluß gekommen, und die Sozialdemokratie hat die Führung der Bewegung übernommen, sie steht im Vordertreffen des Kampfes. In allen Landestheilen der buntscheckigen Monarchie ist es ihrer zielbewußten, energischen und feurigen Agitation gelungen, breite und tiefe Volksschichten aufzuwühlen, zusammenzufassen, in den Kampf für die politische Gleichberechtigung zu werfen und sie in diesem Kampfe zu leiten. Die überwältigenden Massenfundgebungen vom 1. Mai und 9. Juli 1893 ließen auch dem blödesten Auge erkennen, daß das österreichische Proletariat fest entschlossen sei, sich politische Rechte zu erkämpfen. Das Ministerium Taaffe sah sich zu der Vorlage einer Wahlreform gezwungen, die noch lange nicht den berechtigten Forderungen des Volts entsprach, die aber diskutirbar war. Der Ansturm der vereinigten bürgerlichen, reaktionären Parteien brachte das Kabinet Taaffe und mit ihm diese Vorlage zum Fall. Was das neue Kabinet dem Volk bietet, ist keine Wahlreform, sondern ein Reformschwindel. Angesichts dieser Lage hatte sich nun die Sozialdemokratie schlüssig zu machen über die weiteren Mittel zur Fortführung des Kampfes. Die Vorgänge in Belgien hatten auf den Massenstreik hingewiesen als auf ein vorzügliches Kampfesmittel zur Beseitigung des bestehenden Wahlunrechts. Die Jdee des Massenstreits fand in Desterreich zahlreiche und begeisterte Anhänger, und so wurde die Frage seiner eventuellen Anwendung bereits im August vorigen Jahres von der Parteivertretung zur Diskussion gestellt. Die Organisationen, die Parteigenossen und Genossinnen haben also hinlänglich Gelegenheit gehabt, ernstlich und reiflich die Frage zu prüfen, über welche der Parteitag entscheiden sollte. Dieser hat sie entschieden in ruhiger, sachlicher und eingehender Erwägung. Schon der Umstand allein, daß die Verhandlungen über den Massenstreik mehr als zwanzig Sizungsstunden in Anspruch nahmen, und daß hundertunddrei Redner das Wort ergriffen, deutet an, welche Wichtigkeit man dem Gegenstand beilegte und wie gründlich und ernst er erörtert wurde. Alle Redner waren über den Werth des Massenstreits als politisches Kampfesmittel einig. Nur darüber gingen die Ansichten auseinander, ob das österreichische Proletariat bereits die Waffe besitzt, von deren Brauchbarkeit Alle überzeugt waren; ferner darüber, zu welcher Zeit und unter welchen Bedingungen diese anzuwenden sei; endlich, ob betreffs Gewinnung der Masse für den Generalstreit mit den politischen auch wirthschaftliche Forderungen zu verbinden seien, mit der Forderung des Wahlrechts auch die des Achtstundentags. Die Verhandlungen zeigten, welch großartige Fortschritte die österreichische Sozialdemokratie in den letzten Jahren gemacht hat. Die glänzenden Maimanifestationen, die fraftvoll begonnene Wahlrechtsbewegung haben bereits Zeugniß davon abgelegt, wie klar, zielbewußt, energisch, wie begeistert, muthvoll und opferfreudig, wie echt proletarisch revolutionär die österreichische Sozialdemokratie ist. Die Verhandlungen des Parteitags über den Massenstreit bewiesen dies aufs Neue; sie zeigten aber außerdem, daß die österreichische Sozial62 demokratie ebenso viel ruhige Besonnenheit besitzt als revolutionäres Feuer, ebenso viel kluge Mäßigung und Ueberlegung als rücksichtslose Entschlossenheit, daß sie sich des Ernstes der Lage und ihrer eigenen Verantwortlichkeit voll und ganz bewußt ist. Nicht in blinder, leidenschaftlicher, übereilter Erregung fiel die Entscheidung, aber auch nicht in feigem Zurückweichen, sondern nach besonnener Erwägung der Kräfte der Partei und der Kräfte der Gegner. Nachdem sich der Parteitag einstimmig für den Massenstreit im Prinzip erklärt hatte, wurde betreffs seiner Durchführung zuerst mit starker Majorität, dann mit allen gegen eine Stimme folgende Resolution des Genossen Dr. Adler angenommen: " Die von der Regierung vorgeschlagene Wahlreform wird als Verhöhnung der Arbeiterschaft mit Entrüstung zurückgewiesen. Der Parteitag erklärt, das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht mit allen der Arbeiterklasse zur Verfügung stehenden Mitteln erlangen zu wollen; dazu gehört neben den bisher angewendeten Mitteln der Agitation und Organisation auch der Massenstreif. Die Parteivertretung zusammen mit den Vertretern der Organisationsfreise wird beauftragt, alle Vorkehrungen zu treffen, um, falls die Hartnäckigkeit der Regierung und der bürgerlichen Parteien das Proletariat zum Aeußersten zwingen sollte, den Massenstreit als letztes Mittel im geeigneten Zeitpunkte anordnen zu können." Das revolutionäre Proletariat Desterreichs hat gesprochen; gerüstet und gewappnet wird es im geeigneten Augenblick den Kampf aufnehmen. Die österreichische Sozialdemokratie kämpft für die politischen Rechte, sie kämpft für die wirthschaftlichen Forderungen des Proletariats. So beschäftigte sich der Parteitag auch mit der Frage des Achtstundentags und der Maifeier. Einstimmig wurde beschlossen, daß für das österreichische Proletariat die Arbeitsruhe die einzige mögliche Form der Maimanifestation ist. Laut den Berichten der Delegirten haben im vorigen Jahre in Desterreich etwa 400000 Arbeiter und Arbeiterinnen den 1. Mai durch Arbeitsruhe gefeiert. Ein erfreuliches Zeichen dafür, wie zündend der Gedanke des Weltfeiertags im österreichischen Proletariat wirkt und zu welcher Kraft die öfterreichische Sozialdemokratie erstarkt ist. Zur Frage des Achtstundentags beschloß der Parteitag noch, daß die gesammte klassenbewußte Arbeiterschaft Desterreichs mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln die organisirten Grubenarbeiter unterstützen wird, wenn diese in den Kampf für den Achtstundentag eintreten. Der Parteitag beschäftigte sich des Weiteren eingehend mit der Lage der Bergarbeiter bezw. mit den zahlreichen Mißständen der " Bruderladen"( Knappschaftskassen) und knüpfte dadurch die Verbindung inniger und fester zwischen der Sozialdemokratie und den Bergarbeitern. Er baute ferner die Organisation weiter aus, schuf eine noch innigere Fühlung mit den tschechischen Genossen und beschäftigte sich mit der sozialdemokratischen Presse, die einen sehr gedeihlichen Aufschwung genommen hat. Er nahm außerdem Stellung zur Frage der Einreihung des weiblichen Proletariats in die Sozialdemokratie. Die Parteivertretung wurde durch Beschluß beauftragt, ,, ihr Augenmerk auch darauf zu richten, daß in feinem Kronlande Desterreichs versäumt werde, die weibliche Arbeiterschaft in die gewerkschaftliche und in die politische Organisation einzubeziehen." Mit allen Mitteln der Agitation soll zu diesem Zwecke gewirkt werden. Laut Parteibeschluß sollen Orte, wo eine Frauenorganisation besteht, das Recht besitzen, außer einem männlichen Vertreter auch eine Genossin zum Parteitage zu senden. In ihrem Bericht konnte die Parteivertretung mit Genugthuung darauf hinweisen, daß Desterreich im Punkte der Organisation des weiblichen Proletariats an der Spitze aller Länder stehe. Auf dem Parteitage befanden sich unter den 133 Vertretern des klassenbewußten Proletariats 6 Frauen. Unser Schwesterorgan, die Wiener ,, Arbeiterinnen- Zeitung", zählt 3500 Abonnenten. Die österreichischen Genossinnen beweisen bei jeder Gelegenheit, daß sie zielklar und begeistert voll und ganz auf dem Boden des Klassenkampfs stehen, daß sie keine Eigenbrödelei treiben, daß sie nicht im Geringsten bürgerlich- frauenrechtlerisch angekränkelt sind. Die österreichischen Genossen selbst sind es gewesen, welche eine proletarische Frauenbewegung ins Leben riefen und diese mit allen Mitteln fördern. Diese Bewegung verfügt über eine Reihe begabter, zielbewußter, energischer, redegewandter weiblicher Kräfte. Unter solchen Umständen wird die Einbeziehung des weiblichen Proletariats in die österreichische sozialistische Bewegung rasche Fortschritte machen. An den Genossinnen, aber auch an den Genossen in Deutschland wird es liegen, sich an den diesbezüglichen Verhältnissen in Desterreich ein Beispiel zu nehmen und den österreichischen Schwestern und Brüdern nachzueifern. Reinliche Scheidung. -63 Am 28. und 29. März tagte in Berlin ein Kongreß bürgerlicher Frauenrechtlerinnen zum Zweck der Gründung eines Verbandes der gemeinnützigen Frauenvereine Deutschlands. Unsere Leserinnen wissen, daß bürgerliche Frauenrechtelei und proletarische Frauenbewegung zwei grundverschiedene soziale Strömungen sind, so daß letztere zu ersterer mit Fug und Recht sagen fann:„ Deine Gedanken sind nicht meine Gedanken, und Deine Wege sind nicht meine Wege." Wir hätten also nicht den geringsten Anlaß, an dieser Stelle über diesen Kongreß zu berichten, und das um so weniger, als das Programm des gegründeten Verbandes ein ungemein vages und inhaltloses ist, welches nicht hinausgeht über allgemeine Redensarten von dem organisirten Zusammenwirken der Frauenvereine zur Erhaltung der höchsten Güter der Familie und der Nation, zur Bekämpfung der Unwissenheit und Ungerechtigkeit" 2c. 2c. Allein die tagenden Frauenrechtlerinnen erörterten in lebhafter Debatte die Stellung des Verbandes zur Sozialdemokratie. Die große Mehrzahl der Rednerinnen erklärte sich gegen die Aufnahme ,, offenkundig sozialdemokratischer Vereine". Die Begründung dieser Stellungnahme ,, man wolle die übrigen Elemente nicht abschrecken und die Politik aus dem Verband verbannen"- ist an und für sich gleichgiltig, aber charakteristisch für die farblose, de- und wehmüthige deutsche Frauenrechtelei. Während in allen anderen Ländern die bürgerlichen Frauenrechtlerinnen mit aller Energie gerade für die Zuerkennung der politischen Gleichberechtigung kämpfen, wagt ihr Gros in Deutschland nicht einmal, sich offiziell auch nur mit Politik zu beschäftigen! Was die Stellungnahme zur Sozialdemokratie anbelangt, so sind die verehrten Damen mit ihrer Erklärung etwas zu spät aufgestanden. Wohl war in Folge besonderer Umstände die proletarische Frauenbewegung Deutschlands in ihren Anfängen bürgerlich frauenrechtlerisch angekränkelt. Allein sie ist sich ihrer vollen, unüberbrückbaren Gegensätzlichkeit zu der bürgerlichen Frauenrechtelei bewußt geworden. In nicht zu drehender und deutelnder Weise hat sie dies in den letzten Jahren zum Ausdruck gebracht, hat sie erklärt, daß sie sich voll und ganz zu dem Prinzip des Klassenkampfes bekennt, daß sie voll und ganz auf dem Boden der Sozialdemokratie steht. Im vorigen Sommer, auf dem internationalen Züricher Kongreß, war es gerade die Vertreterin der zielbewußten proletarischen Frauen Deutschlands, welche in aller Form und mit aller Schärfe und Entschiedenheit jede Gemeinsamkeit zwischen bürgerlicher Frauenrechtelei und Arbeiterinnenbewegung zurückwies. " Umsonst war also die Liebesmüh der Frauenrechtlerinnen, den neuen Verband jungfräulich rein zu halten von jeder Berührung mit offenfundig sozialdemokratischen Vereinen". Die Damen können Gift darauf nehmen, daß auch ohne ihre Erklärungen es nicht einer einzigen zielbewußten proletarischen Frauenorganisation auch nur im Traume eingefallen wäre, Anschluß an den Verband zu suchen. Die deutsche Arbeiterinnenbewegung ist über die Zeit frauenrechtlerischer Harmonieduselei längst hinaus. Jede flare proletarische Frauenorganisation ist sich bewußt, daß sie sich durch einen solchen Anschluß eines Verraths an ihren Grundsätzen schuldig machen würde. Denn die bürger lichen Frauenrechtlerinnen erstreben nur durch einen Kampf von Geschlecht zu Geschlecht, im Gegensatz zu den Männern ihrer eigenen Klasse, Reformen zu Gunsten des weiblichen Geschlechts innerhalb des Rahmens der bürgerlichen Gesellschaft, sie tasten den Bestand dieser Gesellschaft selbst nicht an. Die proletarischen Frauen dagegen erstreben durch einen Kampf von Klasse zu Klasse, in enger Ideen- und Waffengemeinschaft mit den Männern ihrer Klasse, die ihre Gleich berechtigung voll und ganz anerkennen zu Gunsten des gesammten zu Gunsten des gesammten Proletariats die Beseitigung der bürgerlichen Gesellschaft. Reformen zu Gunsten des weiblichen Geschlechts, zu Gunsten der Arbeiterklasse sind ihnen nur Mittel zum Zweck, den bürgerlichen Frauen sind Reformen der ersteren Art Endziel. Die bürgerliche Frauenrechtelei ist nicht mehr als Reformbewegung, die proletarische Frauenbewegung ist revolutionär und muß revolutionär sein. Die proletarischen Frauen werden durch ihre Klassenlage in das Lager der Revolution geführt, die bürgerlichen Frauen in das der Reaktion. Die Mehrzahl der letzteren muß den Bestrebungen der Sozialdemokratie nicht blos verständnißlos gegenüberstehen, sondern direkt feindlich.„ Unbewußter Weisheit froh" hat dies auch die Majorität der Kongreßtheilnehmerinnen zum Ausdruck gebracht. Daß vier der Delegirten Frau Cauer, Frau Gebauer, Frau Gizycki und Frau Lina Morgensterngegen den Ausschluß der sozialdemokratischen Frauenorganisationen waren und dagegen protestirten, ändert an der Thatsache nichts. Uns hat die Haltung des Kongresses der Sozialdemokratie gegenüber nicht überrascht, aber sie freut uns. Es freut uns, wenn auf Seiten der bürgerlichen Frauenrechtlerinnen die nämliche Klarheit sich Bahn bricht, welche auf Seiten der proletarischen Frauenbewegung schon längst vorhanden ist. Hoffentlich haben nun die Versuche ein Ende, die Kluft zwischen bürgerlicher und proletarischer Frauenbewegung durch den Brei ideologischer und frauenrechtlerischer Schlagworte von der Schwesternschaft aller Frauen 2c. überkleistern zu wollen. Wir sind von jeher Freund einer klipp und klar gezeichneten Situation gewesen. Wir freuen uns aber auch der Haltung des Kongresses mit Rücksicht auf die sehr vereinzelten Elemente in unseren Reihen, welche in Reminiscenz der frauenrechtlerisch angehauchten Jugendzeit unserer Arbeiterinnenbewegung oder aus Ritterlichkeit geneigt sind, die bürgerliche Frauenrechtelei mit mehr Entgegenkommen zu behandeln, als irgend eine andere soziale Strömung unserer Zeit. Wir freuen uns der Haltung des Kongresses, weil er hoffentlich Jenen die Augen öffnet, die von dem holden Wahn befangen sind, daß man durch taktisch vorsichtiges Vorgehen viele bürgerliche Frauen für den Sozialismus zu gewinnen vermöge. Die Masse der bürgerlichen Frauen wird und muß der Sozialdemokratie feindselig gegenüberstehen, so will es ihre Klassenlage, und diese ist von zwingenderem Einfluß auf ihre Haltung, als ihre Geschlechtslage, als der Umstand, daß sie Frauen sind. Auf die vereinzelten bürgerlichen Frauen aber, welche aus dem Lager der Bourgeoisie zu uns herüberkommen können, haben wir keine Rücksicht zu nehmen. Wollen sie sich uns anschließen, gut, sie sind uns willkommen. Wie die Sozialdemokratie Niemand seiner Nationalität, seines Berufs, seines Geschlechts wegen zurückweist, so auch nicht wegen seiner Abstammung aus der oder jener gesellschaftlichen Schichte. Aber das Eine haben wir zu verlangen: daß sie sich ohne Vorbehalt zum Prinzip des Klassenkampfes befennen, daß sie alle Sonderbestrebungen und Quertreibereien aufgeben, daß sie treu und unentwegt für die Ziele der Sozialdemokratie eintreten. Unsere Bewegung hat weder prinzipiell noch taktisch Rücksicht auf die Gewinnung dieser vereinzelten Elemente der bürgerlichen Frauenwelt zu nehmen, sie darf keine Kräfte vergeuden und zersplittern, um eine Hand voll Damen zu uns herüber zu ziehen. Wir haben eine hochentwickelte sozialistische wissenschaftliche und Tagesliteratur, wir verkünden unsere Grundsätze und Ziele in Hunderten von öffentlichen Versammlungen. ,, Hic Rhodus, hic salta." Die bürgerlichen Frauen, denten es Ernst ist mit ihrer Sympathie für den Sozialismus, haben hier Gelegenheit die Hülle und Fülle, sich über sein Wesen zu unterrichten. Wollten wir anfangen, die bürgerlichen Frauen durch eine besondere Agitation und Propaganda aufzuklären über die Ziele der Sozialdemokratie im Allgemeinen und ihre Stellung zur Gleichberechtigung der Geschlechter im Besonderen, so könnten wir auch genau mit der nämlichen Berechtigung eintreten in Bewegungen, um die Kapitalisten für den Sozialismus zu gewinnen, um die Behörden und Staatsgewalten von der Gerechtigkeit unserer Forderungen zu überzeugen, um die Fürsten zu prinzipienfesten, begeisterten Sozialdemokraten zu machen. Unsere Aufgabe besteht nicht darin, einzelnen bürgerlichen Frauen die Unschädlichkeit des Sozialismus plausibel zu machen. Unsere Aufgabe ist, die Masse der proletarischen Frauenwelt zum Bewußtsein ihrer Klassenlage und Klassenleiden zu bringen, sie von der Nothwendigkeit der Beseitigung der kapitalistischen Gesellschaft zu überzeugen, sie zu einem bewußten, energisch handelnden Theil des revolutionären Proletariats zu erziehen. Anstatt durch taktisch kluges Vorgehen, d. h. durch Verwässerung unseres Standpunktes die Scheidegrenze zwischen bürgerlicher und proletarischer Frauenbewegung zu verwischen, müssen wir durch energisches Betonen der Klassengegensätze und unserer Prinzipien diese Scheidegrenze immer deutlicher hervorheben. In dem einen wie dem anderen Lager muß völlige Klarheit darüber herrschen, daß hier die Losung lautet:" Hie Reform der Gesellschaft", dort dagegen das Feldgeschrei ist:„ Hie Revolution der Gesellschaft." Kleine Nachrichten. Etwas vom Theilen. Die Dittersdorfer Filz- und Kratzentuchfabrik, in welcher viele Arbeiterinnen beschäftigt sind, machte im letzten Jahre ein gutes Geschäft. Troß umfangreicher Neuanschaffungen wurde ein Gewinn von 84 537 Mark erzielt. Davon erhalten Vorstand und Aufsichtsrath 5800 Mark an Tantièmen, die Aktionäre säckeln 36 000 Mark ein als achtprozentige Dividende. Die Arbeiter und Arbeiterinnen dagegen erhalten die nämlichen erbärmlichen Löhne wie vorher. Den Kapitalisten die Dividenden, den Proletariern die Hungerlöhne, dem faulen Bauch das Fleisch, den fleißigen Händen die Knochen, so theilt man in der heutigen Gesellschaft, so will es die " Ordnung" der besten und sittlichsten aller Welten. Nr. 9 der ,, Gleichheit" gelangt am 2. Mai 1894 zur Ausgabe. Die Sterblichkeit in den verschiedenen Schichten der Gesellschaft ist eine sehr verschiedene. Im Durchschnitt erreicht der Wohlhabende ein höheres Alter als der Arme. Nach Casper's Untersuchungen leben von 1000 zu gleicher Zeit geborenen Menschen Wohlhabende Arme nach 5 Jahren noch 943 655 10 938 598 " " " 20 866 566 " " " 30 796 486 " " 1 " 40 695 396 " " " 50 557 283 " " " 60 398 172 " " " " 70 80 235 65 " " 57 9 " 1 " " 70 Die durchschnittliche Lebensdauer stellt sich danach bei den Reichen auf 50, bei den Armen nur auf 32 Jahre. Diese Zahlen sind eine treffliche Illustration zu Heine's Vers: Wenn Du aber gar nichts hast, Ach, so lasse Dich begraben. Denn ein Recht zum Leben, Lump, Haben nur, die etwas haben." 64 Wohlthätigkeitssport der feinen Damen. Die Damen des Pariser Adels, der Schlotjunker und Börsenjobber haben eine neue Art des Wohlthätigkeitssports in die Mode gebracht. Nachdem sie ,, für die Armen" getanzt, musizirt, bankettirt, gemimt und Verkäuferin gespielt haben ,,, arbeiten" sie neuerdings für die Armen".„ Gräfin Y. bittet Mme. X. für morgen Nachmittag um die Ehre ihres Besuches. Es wird für die Armen gearbeitet", so lauten die Einladungskarten, welche die noblen geschäftigen Müßiggängerinnen zu diesem Zweck versenden. Der Andrang zu diesen Empfangstagen ist ein sehr großer, denn es mangelt nicht an Frauen, welche die gähnende Langeweile ihrer unnüßen Existenzen gern durch einen neuen Sport ausfüllen, der für„ chic" gilt. Gearbeitet werden meist künstliche Blumen aus Seide, Sammt und anderen Stoffen. Ein bekannter Fabrikant hat die noblen„ Hände" bereits kontraktlich" an sich gebunden, zahlt ihnen glänzende Preise und macht troßdem ein noch glänzenderes Geschäft, denn Jeder, der zur„ Gesellschaft" gehören will, kauft eine Blume, welche Frau Baronin Rothschild" oder" Frau Gräfin Beaulincourt" höchst eigenhändig angefertigt hat. In den Schaufenstern des Fabrikanten prangen natürlich die Blumen mit den Namen ihrer ,, wohlthätigen" und„ fleißigen" Verfertigerinnen. Diese werden gehörig beweihräuchert ob ihrer Geschicklichkeit, ihres Geschmacks und ihres " guten Herzens", der Fabrikant streicht schmunzelnd fette Profite ein, die Blumenarbeiterinnen aber klagen, daß ihnen in Folge der noblen Schmutzkonkurrenz die Arbeit entgeht, und daß ihr Verdienst sinkt. Giebt es überhaupt eine drastischere, hohnvollere Illustration des Wahnsinns der kapitalistischen Gesellschaftsunordnung als diese faul lenzenden Damen der Aristokratie und Plutokratie, welche wöchentlich etliche Stunden als Sport von„ ,, Wohlthätigkeits wegen" für die Armen arbeiten, während die Klasse, der diese Damen angehören, durch ihre Ausbeutung der proletarischen Arbeitskraft Arme und Armuth schafft, während Hunderte, Tausende von Arbeitern und Arbeiterinnen tagaus, tagein von früh bis spät von„ Rechts wegen" rackern müssen für den Reichthum der Reichen, für ihr Wohlleben, ihre Tagdieberei und ihren Luxus! Erweiterung des Arbeiterschutzes in England. Der englische Minister des Innern, Asquith, erklärte den Abgeordneten John Burns, Wilson und Fenwick, daß er im vorigen Jahre 15 neue Fabrikinspektoren ernannt habe. Seine Wahl sei auf praktische Arbeiter gefallen, welche bis jetzt in Werkstätten thätig gewesen, denn diese könnten den besten Aufschluß erlangen über die Mißstände der Schwitzarbeit, welche gerade in kleinen Werkstätten in Blüthe stehe. Asquith erklärte ferner, daß er die Genehmigung des Schatzkanzlers für die Ernennung von zehn weiteren Fabritinspektoren und zwei Inspektorinnen erhalten habe. Demnächst würden auch die Docks und Werften unter staatliche Beaufsichtigung fommen. Die Einführung des Achtstundentags in staatliche Betriebe wirkt bereits auf die Privatindustrie zurück. In vier großen Privatfabriken ist der Achtstundentag eingeführt worden, 15 000 Arbeiter in chemischen Fabriken arbeiten wöchentlich nur noch 50 statt 56 Stunden. So in England. Anders in Deutschland, dem Lande der einzig echten, patentirten Sozialreform. In Deutschland wurde zwar die Zahl der Gewerbeinspektoren etwas vermehrt, aber dafür wurden die Aufsichtsbeamten mit der Kesselrevision beauftragt. Diese nimmt ihre Zeit und Kraft derart in Anspruch, daß sie den Pflichten der eigentlichen Fabrikinspektion nur in ganz ungenügendem Maße nachkommen fönnen. Die Gewerbeinspektoren von Kassel, Köln- Koblenz und Düsseldorf erkennen die Thatsache an und beklagen sie. Und wer die Duckmäuferei des deutschen Beamten kennt, der weiß, daß Uebelstände sehr hochgradige geworden sein müssen, ehe dieser submissest zu klagen wagt. In Deutschland setzt die Regierung der Forderung der Arbeiterinnen auf Anstellung von Fabrikinspektorinnen hochmüthiges Schweigen entgegen. Die Majorität der„ Volksvertreter" beantworten sie durch Ausframung alter, bemooster Vorurtheile. In Deutschland wird das Personal der Gewerbeinspektion meist aus siebenmal gesiebten Kreisen geholt, damit es dem Unternehmerthum angenehm sei. Der Fabrikinspektor, welcher sich mit den organisirten Arbeitern in Verbindung setzt, wird in Acht und Bann erklärt, eventuell gemaßregelt. Die Heranziehung von Arbeitern zur Fabritinspektion gilt als der Greuel aller Greuel. Die staatlichen Betriebe sind für die Privatindustrie Vorbilder der Ausbeutung und Unterdrückung der Arbeiter. In Deutschland wird der bestehende armselige, gesetzliche Arbeiterschutz nicht erweitert, sondern durchlöchert, wo und wann es nur geht. Und angesichts dieser Thatsachen soll der Arbeiter im Bunde mit Schlot und Krautjunkern noch singen:" Deutschland, Deutschland über Alles!" Merkt's Euch, Ihr Frauen. Deutschland hat vom 1. Januar 1872 bis 1. April 1894 rund 12410 Millionen für sein herrliches Kriegsheer und seine nicht minder herrliche Marine verausgabt. Rechnet man für Deutschland eine Durchschnittsbevölkerung von 46 Millionen, so hat eine fünfköpfige Familie zu dieser Riesensumme 1349 Mark beitragen müssen. Diese 1349 Mark für eine Arbeiterfamilie ein ganzes Vermögen sind ihr zum größten Theil abgezwackt worden durch indirekte Steuern, d. h. durch Steuern auf Verzehrungsgegenstände. Brot, Reis, Butter, Schmalz, Zucker, Kaffee, Petroleum, furz alle„ Lurusgegenstände der großen Masse", um mit Bismarck zu reden, wurden erheblich vertheuert, damit Unsummen in buchstäblichem Sinne des Wortes verpulvert" werden konnten. Die proletarische Frau, welche sich das Hirn zermartern muß, um mit ihrem winzigen Wirthschaftsgelde auszukommen, wird sich diese Zahlen, diese Thatsachen hinter die Ohren schreiben und zusammen mit der Sozialdemokratie die Forderung erheben: ,, Nieder mit dem Militarismus!" Gegen das Stimmrecht der Frauen hat das Landsthing ( das Herrenhaus) in Dänemark einen Beschluß gefaßt. Der vom Folkething angenommene Gesetzentwurf, nach welchem das kommunale Wahlrecht und die Wählbarkeit zugestanden werden sollte, veranlaßte eine lebhafte Erörterung. Entscheidend wurde die Ausführung des Ministers des Innern, daß das kommunale Wahlrecht volle Mündigfeit voraussetze, und daß die verheirathete Frau nach dem dänischen Gesetz immer unmündig sei. Schließlich wurde folgende motivirte Tagesordnung mit 27 gegen 12 Stimmen angenommen:„ Da das Landsthing an der Meinung festhält, daß es weder im Interesse der Gesellschaft noch der Frauen ist, daß diesen das Wahlrecht sowie die Wählbarkeit verliehen wird, geht das Thing zur nächsten Frage der Tagesordnung über." Die„ entscheidenden Ausführungen" des Herrn Ministers sind jedenfalls nichts als formale Wortklauberei. Das dänische Herrenhaus ist nicht geaicht auf seine Kunst zu entscheiden, was im Interesse der Gesellschaft und der Frauen liegt. Und die Letzteren werden das aktive und passive Wahlrecht früher oder später erhalten müssen, gerade weil die politische Gleichberechtigung im Interesse der Frauen und der Gesellschaft liegt. Weibliche Aerzte in der Türkei. Der Sultan hat die Erlaubniß gegeben, daß Frauen Medizin studiren dürfen. Man findet deshalb in letzter Zeit auf fast allen französischen Universitäten türtische Studentinnen. In Deutschland hat man sich noch nicht so weit aufgeschwungen, den Frauen ein Recht einzuräumen, welches ein selbstverständliches ist. Deutschland marschirt eben in Sachen der Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts an der Spitze der Kultur nach rückwärts. " Berichtigung. In dem Artikel„ Lohn- und Arbeitsverhältnisse der Mannheimer Fabrikarbeiterinnen", Nr. 6 der„ Gleichheit", S. 46, Zeile 13 und ff. von oben, muß es heißen: In der Gummifabrik" arbeiteten z. B. nach Wörrishofer Ende 1890 157 Frauen und Mädchen, heute dagegen sind 50 Arbeiterinnen weniger daselbst beschäftigt( statt: heute dagegen nur noch 50), Wegen Raummangels mußten Korrespondenzen zurückgestellt werden aus Köln, Nezschkau, Altenburg und Braunschweig. Die Redaktion. Quittung. Zu Agitationszwecken von den Hamburger Genossinnen 20 Mark erhalten zu haben bescheinigt dankend Die Frauen- Agitations- Kommission zu Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zetkin( Eißner) in Stuttgart. Druck und Verlag von J. H. W. Dieg in Stuttgart.