Nr. 9. -65Die Gleichheit. 4. Jahrgang. Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Herausgegeben von Emma Ihrer in Velten( Mark). Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nro. 2660) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf. Stuttgart Mittwoch, den 2. Mai 1894. Zuschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" sind zu richten an Fr. Klara Zetkin( Eißner), Stuttgart, RothebühlStraße 147, IV. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. Wir wollen den Achtstundentag. nd schwängen auf die Kanzel sich Allwärts die Priester und Pastoren, Verdammten laut und feierlich Das Ziel, das glühend wir erkoren, Und riefen Blig und Donnerschlag Herab mit Beten und mit Singen Es komme, was da kommen mag, Wir werden den Achtstundentag Dennoch erkämpfen und erringen! Vom Volk der Arbeit wird das Wort Von den acht Stunden nie vergessen Wie Feuer wird es fort und fort In allen Landen um sich fressen; Und mögt ihr euch zum Widerstand Mit hohen Schwüren auch verbinden Das Volk, das diese Losung fand, Wird mit der harten, braunen Hand Euch den Achtstundentag entwinden! Maientruk. Was euch bei uns zu Kopfe stieg, Gewährt ihr murrend unsern Kindern; Verzögern könnt ihr unsern Sieg, Allein ihn nimmermehr verhindern. Mag da und dort der Ruf noch zag Und schüchtern an das Ohr euch klingen Das Volk, das euch zu Füßen lag, Wird einstmals den Achtstundentag Von euch gebieterisch erzwingen. Jhr werdet's widerwillig thun, Denn sauer darf der Apfel heißen, Doch wird das Volk nicht eher ruhn, Bis euch's beliebt hineinzubeißen. Kein Anlaß ist's zu Festgelag Für euch, auch nicht zu Freudenschüssen, Doch wie der Herr sich sperren mag, Er wird in den Achtstundentag Sich doch am Ende fügen müssen. Der erste Mai! Lenzeshoffen, Frühlingsdrängen, Sprossen und Werden in der Natur. Und Hoffen, ein Vorwärts und Aufwärts in den Herzen von Millionen proletarischer Männer und Frauen, welche als revolutionäre Vorhut der nach Befreiung dürftenden Arbeiterklasse die Maifeier begehen. Rings um sie schwarzes Elend, die Sorge um des Lebens Nothdurft, das Wimmern der Hungernden, der Nothschrei des darbenden, geknechteten Geistes, das Stöhnen des gemarterten, zertretenen Gemüths. Rings um fie eine Welt in Waffen, proßige Gewalten, die herausfordernd auf den Geldsack pochen oder an des Schwertes Knauf schlagen, die Vertreter des Kapitals, das allmächtig, dem Jehovah Mosis gleich, dem Proletariat seine Gebote und Verbote entgegen herrscht. In den Augen der Männer und Frauen der Arbeit aber da blitt und flammt am ersten Mai ein kühnes:" Troß alledem und alledem!" Dem„ Du sollst!" und" Du sollst nicht!" des Kapitals tönt es seitens des Proletariats kräftig und vielsprachig entgegen: " Ich will nicht!" und" Ich will!" " Du sollst Dein Lebtag mir zinfen und frohnden", erklärt das Kapital.„ Du sollst mir jede Minute Deiner Zeit geben, jedes Fünkchen Deiner Kraft, jeden Tropfen Deines Bluts, jeden Gedanken Deines Hirns, damit ich daraus blinkenden Mehrwerth münze. Du sollst nicht menschlich fühlen, nicht menschlich denken, nicht menschlich leben wollen. Denn als bloße Arbeitsmaschine, als lebendiges Anhängsel des todten Räderwerks förderst Du meine Profite am meisten. Du sollst vor Allem nicht frei werden, nicht aufhören, mein Sklave zu sein, in alle Ewigkeit nicht." " Ich will nicht leben, um zu arbeiten", antwortet das Proletariat,„ ich will arbeiten, um zu leben, und zwar um menschenWohl herrschte früher sich's bequem, Als Alles Demuth war und Schweigen, Doch sind wir nicht wie ehedem Mit Leib und Seele euer eigen. Wohl wird es für den Mehrertrag, Den ihr gewohnt zu kalkuliren, Ein mörderischer Nackenschlag, Doch wird man den Achtstundentag Gerade deshalb euch diktiren. Wir jammern und wir bitten nicht, Bis euer Mitleid wir gefunden, Wir sehen frei euch ins Gesicht Und fordern ruhig die acht Stunden. Und ob ihr zeternd widersprecht Wir wollen lernen, wollen wissen! Das Wissen ist kein Herrenrecht! Drum wird in ehrlichem Gefecht Euch der Achtstundentag entrissen! würdig, fulturwürdig zu leben. Ich will nicht hungern, wo ich es bin, der pflügt, säet, erntet, mahlt und backt. Ich will nicht in Lumpen einherschreiten, denn ich bin es, der spinnt und webt, der Kleider und Schuhe fertigt. Ich will nicht in schmutzigen Löchern hausen, wo ich es bin, der stolze Paläste baut, anmuthige Villen, Kirchen, Stasernen und Zuchthäuser. Ich will nicht in geistiger Nacht dahinleben, in groben Sinnestaumel, ein Stlave der Unwissenheit und Rohheit, ein Sklave geistiger Gaukler und Finsterlinge, denn Wissenschaft und Kunst wäre nicht ohne meine Arbeit. Ich will mein Theil von all den Gütern, die ich erzeuge. Ich will mein Theil von der Kultur, deren Grundlage das Wert meiner Hände ist, die sich auf meinem Schaffen aufbaut. Ich will die Sorge um das Brot von meiner Schwelle bannen, ich will meine Lebenskraft mir und den Meinen erhalten. Ich will meinen Geist entfalten, damit er in stolzem Flug sich in das Reich des Wissens erheben und dort heimisch machen kann. Ich will mein Gemüth bilden, damit es sich an allem Schönen zu erquicken vermag. Ich will frei sein! Zertrümmern will ich das Joch der wirthschaftlichen, geistigen und sozialen Knechtschaft, unter das Du meinen Nacken gebeugt hast. „ Ich fordere als Abschlagszahlung auf Deine Schulo, Kapital, als Bürgschaft meiner fünftigen vollen Befreiung den gesetzlichen Achtstundentag. Der Achtstundentag ist nothwendig. Tausende von Arbeitskräften liegen brotlos, heimathlos auf der Landstraße. Wie gern möchten sie in fleißigem Schaffen die Hände rühren! Sie können es nicht, weil ihnen fein Unternehmer Arbeit giebt. Andere Tausende aber gehen gleichzeitig an übermäßig langer Arbeitszeit zu Grunde oder werden durch sie dem Siechthum, der Verkrüppelung, der Verdummung überantwortet. Sieh' die Schaaren kränklicher, schwächlicher, gedrückter Männer; die Hunderttausende abgerackerter, abgehezter, früh verblühter, welker Frauen; die Haufen von Kindern ohne Lebenskraft und Saft, die Greise werden, ehe sie noch jung gewesen. Ich fordere den Achtstundentag, damit die Männer und Frauen der Arbeit sich aufklären und organisiren können, damit ihr Blick hell wird, ihr Gedanke frei und fühn, ihr Herz unverzagt und opferfreudig für den Befreiungskampf der Arbeit. Der Achtstundentag ist möglich. Die Wissenschaft hat erklärt, daß er die Leistungsfähigkeit der Arbeit steigert, daß er die fortschreitende Entwicklung und Vervollkommnung der Produktion fördert. Die Erfahrung hat dies allenthalben bestätigt. Also her mit dem gefeßlichen Achtstundentag!" Gewiß, nicht blos am ersten Mai führt das klassenbewußte Proletariat diese Sprache. Sie erklingt leiser und lauter, oft taum gestammelt, zu allen Stunden, bald hier, bald dort, überall wo sich klassenbewußte Arbeiter und Arbeiterinnen gegen ihre Ausbeutung aufbäumen, wo sie für ihre Befreiung in den Kampf getreten find. Sie erklingt in dem stillen Nathen und Thaten der kleinsten zukunftsflaren Arbeiterorganisation, wie in den heißen Schlachten, die auf wirthschaftlichem und politischem Gebiet zwischen Kapital und Arbeit entbrennen. Aber der einzelne Laut wird nur zu oft über dem Alltagslärm überhört, dem Rauschen der Bäume gleich, die einsam oder in dünnen Reihen inmitten der Großstadt stehen. Am ersten Mai dagegen klingen die einzelnen Laute zusammen zu einem gewaltigen Afford, zu einem Schlachtruf, der das Werktagstreiben übertönend mächtig über den Erdball braust, in allen Ländern, in allen Zungen den festen, unbeugsamen Willen des Proletariats verkündet und ein Echo findet in jeder Werkstatt, drin es pocht; in jeder Hütte, drin es ächzt". Das Sehnen und Wollen, das Streben und Kämpfen des Proletariats der ganzen Welt, es klingt zusammen- den Ausgebeuteten eine belebende Hoffnung, dem Ausbeuterthum eine ängstigende Drohung in dem frischen, frohen Maientruß der Arbeit, die sich anschickt, allen feindlichen Gewalten entgegen, ihres Glückes Schmied zu sein. In frischem, frohem Maientruz herrscht das Weltproletariat den Staatsweisen und Staatsgewaltigen, herrscht es der Ausbeutersippe der alten und neuen Welt zu:" Bahn frei für meine Entwicklung, Bahn frei für meinen Stampf, für meinen Siegesmarsch! Widerstandsloser Sklave war ich, zielbewußter Kämpfer bin ich, Freier werde ich sein! Und das allen Nücken und Tücken zum Troß. Denn: „ Ich bin der Riese, der nicht wankt, ich bin's, durch den zum Siegesfest Ueber den tosenden Strom der Zeit der Heiland Geist sich tragen läßt!" Der Achtskundentag. i- Die erste und allgemeine Forderung der Weltdemonstration, der 1. Mai, ist laut Beschluß des Pariser Kongresses der Acht stunden tag. Das vereinigte klassenbewußte Proletariat der ganzen Welt schleudert diese gemeinsame Forderung seinem gemeinsamen Ausbeuter dem Kapital, ins Gesicht. Doch ist der Achtstundentag nicht das Endziel der prole= tarischen Bewegung. Im achtstündigen Arbeitstag liegt das Heil der arbeitenden Klasse noch bei weitem nicht. Dieses Heil erwächst überhaupt nicht in der kapitalistischen Gesellschaft. Acht Stunden lang für den Kapitalisten schaffen, heißt noch immerhin, ebenso lange von ihm ausgebeutet werden. Nur wenn die Arbeit für den Kapitalisten gänzlich aufhört, dann erst ist die Ausbeutung der Arbeiter und Arbeiterinnen abgeschafft. Um dieses zu bewirken, muß der gesellschaftliche Zustand aufhören, der die Ausbeutung bedingt, sie mit sich bringt, muß die kapitalistische Produktionsweise vernichtet werden. Denn sie ist darauf aufgebaut, daß den Einen die Produktionsmittel gehören, Fabriken, Maschinen 2c., und den Anderen nichts, außer ihrer Arbeitskraft. Die kapitalistische Wirthschaftsweise bringt deshalb die Unterdrückung der letzteren durch die ersteren mit sich und führt sie immer weiter. Soll die Ausbeutung der Arbeiter und Arbeiterinnen ein Ende nehmen, so muß sich mithin eine soziale Revolution vollziehen, die einen gesellschaftlichen Zustand herbeiführt, wo Niemand mehr für den Kapitalisten schafft, sondern Jeder für die Ge sellschaft arbeitet und dafür seinen vollen Antheil von den Ergebnissen der gesellschaftlichen Produktion( Gütererzeugung) erhält. Dies zu erreichen, ist das wirkliche Endziel der sozialdemokratischen Bewegung. Die kapitalistische Produktionsweise bedingt die Ausbeutung. Ihre Entwicklung erzeugt eine immer weiter gehende Abhängigkeit 66 der Arbeiterklasse vom Kapital. Ueberläßt man daher die Dinge ihrem freien Lauf, so wird das Schicksal der Arbeiterklasse immer härter, ihre Unterdrückung durch das Kapital immer stärker, ihre Ausbeutung fast schrankenlos. Eine übermäßig lange Arbeitszeit und ein niedriger Arbeitslohn rauben dann dem Arbeiter und der Arbeiterin die Möglichkeit einer menschenwürdigen Existenz und die Zeit dazu. Ihre Gesundheit wird ruinirt, und sie verkümmern geistig und sittlich in der mörderischen Atmosphäre der Fabrik, in der dumpfen Luft der elenden und überfüllten Proletarierwohnung. Aber wenn die Ausbeutung auch nur zusammen mit der kapitalistischen Produktionsweise abgeschafft werden kann, so kann doch ihren verheerenden Wirkungen entgegengearbeitet werden. Ein Mittel dazu, und das wirksamste Mittel, ist der Achtstundentag. Der Achtstundentag ist das wichtigste Bollwert, das die Arbeiterklasse zum Schuße ihrer Existenz gegen die Ausbeutung innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft errichtet. " Die Arbeiterklasse erklärt dem Kapital:„ Bis hierher und nicht weiter! Acht Stunden lang im Tag darfst du Arbeiter und Arbeiterinnen auch fürderhin abrackern, doch nicht mehr als das." Die Profitgier steigert die Ausbeutungslust des einzelnen Kapitalisten immer mehr, sein Werwolfs- Heißhunger nach Mehrarbeit" wächst, je mehr er den Arbeitstag verlängert. Die allmächtige Konkurrenz, der Herrgott des Kapitals, kommt dann dazu und macht jede neue einzelne Errungenschaft eines Unternehmers auf dem Gebiete der Ausbeutung und Ruinirung der Arbeitskraft zu einem allgemeinen Gesetz der tapitalistischen Produktion. Der Achtstundentag zieht eine Grenze, die das Kapital nicht überschreiten darf. Doch innerhalb dieser Grenze wüthet dann das ausbeutende Kapital stärker als je, denn es sucht jetzt den erlittenen ,, Verlust" auf andere Weise wett zu machen. Dies gelingt ihm auch, mindestens zum größten Theil. Die Größe der Ausbeutung, der Nutzen, den der Kapitalist für sich aus Arbeitern und Arbeiterinnen herausschlägt, wird durch den Achtstundentag fast gar nicht beeinträchtigt. Nicht nur, daß der Kapitaliſt es versteht, bei gekürztem Arbeitstag seinen Betrieb ökonomischer einzurichten, preßt er auch aus seinen Arbeitskräften während des kürzeren Arbeitstages genau soviel Arbeit heraus, wie früher während der langen Arbeitszeit. Er verdoppelt die Geschwindigkeit seiner Maschinen; er verdoppelt und verdreifacht die Zahl der Maschinen, die unter der Aufsicht eines Arbeiters oder einer Arbeiterin stehen; er läßt gewaltige Maschinen bauen, die mehr Stoff verarbeiten, und die jetzt der nämliche Arbeiter zu bedienen hat, der früher die geringere Maschine leitete. Weil durch Verkürzung der Arbeitszeit die Leistungsfähigkeit des Arbeiters und der Arbeiterin sich steigert, so läßt sie jetzt der Kapitalist intensiver, anstrengender arbeiten. In acht Stunden schaffen ihm nunmehr seine männlichen und weiblichen Lohnsklaven das gesammte Produktenquantum( Gütermenge), das sie früher in den elf, zwölf oder mehr Stunden des Arbeitstages erzeugten. Es wird einstimmig bestätigt durch die Erfahrungen in England, Amerika, Australien und überall, wo Versuche mit dem Achtstundentag gemacht worden sind, daß die Kapitalisten dabei sehr gut ihre Rechnung finden, ja, daß sie sogar daraus vielfach einen Vortheil ziehen. In Deutschland ist dies nicht minder der Fall, als sonstwo. So berichtet z. B. der Fabrikinspektor für Berlin- Charlottenburg, daß dort in zwei Fabriken, in der Stahlfederfabrik von Heinze und Blanckery, und in der Jalousienfabrik von Heinrich Freese, seit dem 1. April 1892 der Achtstundentag mit dem besten Erfolg für Fabrikanten wie Arbeiterschaft eingeführt worden ist. Es ist sattsam bekannt und durch spezielle wissenschaftliche Forschungen auf das Ausführlichste bewiesen, daß England, das in Europa die geringste Arbeitszeit und die höchsten Arbeitslöhne hat, billiger produzirt, als seine festländischen Konkurrenten u. s. w. Nichtsdestoweniger droht der Kapitalist, falls die Arbeitszeit gekürzt werden soll, die Löhne zu reduziren( herabzusetzen). Daß der Kapitalist diese Gelegenheit zu einer Lohnkürzung ausnüzen möchte, ist selbstverständlich. Die kapitalistische Ausbeutung zeigt sich hier in ihrer ganzen unverschämtheit. Leider legen aber Arbeiter und Arbeiterinnen nur allzu oft dieser Drohung ein Gewicht bei, das sie nicht besitzt. Es ist leicht zu zeigen, wie leer und belanglos sie ist. Der Grund dafür ist einfach genug. Wenn der Kapitalist nur irgend welche Möglichkeit gehabt hätte, den Arbeitslohn zu redu= ziren( fürzen), so hätte er es schon längst gethan. Der Kapitalist ist immer bestrebt, dem Arbeiter beziehungsweise der Arbeiterin möglichst wenig zu zahlen, und wenn er nur die Möglichkeit hat, so kürzt er den Arbeitslohn. Ob der Arbeitstag kurz ist oder lang, dies ist ihm in diesem Fall gleichgiltiger wird auf nichts achten, wenn es nur in seiner Gewalt steht, den Arbeitslohn zu verringern. Thut er es doch nicht, so zeigt dies offenbar, daß es ihm unmöglich ----- �— 67 ist, den Arbeitern und Arbeiterinnen weniger zu zahlen: entweder. weil sie sonst nicht existiren könnten, oder weil die Organisation der Arbeiterschaft so stark ist, daß sie einer Lohnreduktion(Lohnkürzung) sich mit Erfolg widersetzen kann, oder weil die Reservearmee ver- hältnißmäßig gering ist und dem Unternehmer nicht genug Lohndrücker zur Verfügung stellt. Mag der Kapitalist noch so heiß wünschen, bei Kürzung der Arbeitszeit den Arbeitslohn herabzusetzen, in all den angeführten Fällen wird er nicht im Stande sein, dies zu thun. Im Gegentheil, da die Verkürzung der Arbeitszeit zu einer Stärkung der Arbeiterorganisation führt, so wird es Arbeitern und Arbeiterinnen dadurch eher möglich, dem Kapital auch in Bezug auf die Löhne Z u- geständnisse abzutrotzen. Thatsächlich findet man überall bei kürzerer Arbeitszeil höhere Löhne. Der Bewegung der Arbeitszeit entspricht eine umgekehrte Bewegung des Arbeitslohnes. In England, Amerika, Australien, wo die Arbeitszeit am kürzesten ist, sind die Löhne am höchsten, und je mehr sich dort die Arbeitszeit verringert hat, desto mehr stiegen die Löhne. Was bringt nun der Achtstundentag der Arbeiterklasse? Er bringt ihr die Sicherheit, nicht elendiglich und widerstandslos in der kapitalistischen Tretmühle zu verkümmern. Er giebt den Arbeitern und Arbeiterinnen Zeit, auszuruhen nach Mühe und Anstrengung im Frohndienste des Kapitals, er giebt ihnen Zeit, sich körperlich zu erhalten, geistig zu erfrischen. Er heilt— sofern es innerhalb des sonstigen Elends einer proletarischen Existenz möglich ist die Wunden, welche die Fabrikarbeit an Leib und Seele der Arbeiter und Arbeiterinnen schlägt. Nach dem übereinstimmenden Zeugniß der englischen Fabrikinspektoren sind manche Verkrüppelungen und andere körperlichen und gesundheitlichen Schäden der Arbeiter verschwunden mit der Verkürzung der Arbeitszeit. Der Achtstundentag giebt den Arbeitern und Arbeiterinnen ein paar Stunden frei, während der sie aufathmen und sich des Sonnenlichts, sich der Natur erfreuen können. Er giebt ihnen Zeit, um nach Kräften für die Erziehung und Bildung ihrer Kinder zu sorgen, ihrer Familie zu leben. Er giebt ihnen Zeit, sich selbst zu bilden. Der Achtstundentag erweckt den Geist der Arbeiter und Arbeiterinnen aus der bleiernen Stumpfheit, welche die Fabrikarbeit über ihn verhängt. Er schafft den Lohnsklaven die Möglichkeit, in sich alles Menschliche zu entfalten, das sonst verkümmern müßte unter dem Druck einer endlosen, rastlosen, automatischen, geistestödtenden Thätig- keit. Er wird Veranlassung, daß der Arbeiterklasse neue Wünsche koinmen, daß sie neue Forderungen stellt, daß sie nach iveiterer Besserung ihres Schicksals strebt, daß sie den unbeugsamen Willen bethätigt, sich selbst zu helfen, sich selbst zu befreien. Der Achtstundentag erhebt den Muth und stärkt die Energie der Arbeiter und Arbeiterinnen. In den trostlosen Wechsel von übermäßiger Anstrengung und völliger Abspannung, von mörderischer Arbeit und bleiernem Schlaf schiebt der Achtstundentag eine Zwischenpause ein. Er giebt den Arbeitern und Arbeiterinnen ein paar Stunden, während welcher diese sich selbst ans.'hören, während der sie nicht mehr für das Kapital schaffen oder sich zur Arbeit rüsten, sondern die sie für sich selbst, nach ihrem eigenen Wunsch und Ermessen verwenden können. Indem der Achtstundentag Arbeiter und Arbeiterinnen auf einige Stunden im Tage von der Unterjochung durch das Kapital befreit, ermöglicht er es ihnen, ihre Verhältnisse zu überblicken, ihre gesellschaftliche Lage zu erkennen, sich ihrer Unterdrückung und deren Ursachen bewußt zu werden. Gleichzeitig setzt er sie in den Stand, sich zu sammeln, sich zu organisiren, mit kraftvoller Energie gegen die Ausbeutung zu kämpfen und die Waffen nicht eher niederzulegen, bis die letzte gewaltige Schlacht gewonnen ist, bis das Aufhören der Ausbeutung Wahrheit geworden durch die Vernichtung der kapitalistischen Produktionsweise. Der Achtstundentag stärkt die Arbeiterklasse in ihrem Befreiungskampfe gegen das Kapital, weil er ihr die Muße giebt, die nothwendig ist, um diesen Kampf führen zu können. Dies ist es gerade, was die Kapitalisten am meisten fürchten. Sie lügen öffentlich, Arbeiter und Arbeiterinnen würden die freien Stunden im Wirthshaus, in tollen und rohen Vergnügungen verbringen. Sie fürchten aber im Geheimen, diese würden das nicht thun. Wie würden die Herren Kapitalisten frohlocken, wenn Arbeiter und Arbeiterinnen mit ihrer freien Zeit wirklich nichts Besseres anzufangen wüßten, als im Trunk, als im groben Sinnestaumel Betäubung zu suchen! Denn solche Proletarier würden moralisch und geistig versumpfen, anstatt zu einer Erkenntniß ihrer Lage zu erivachen, sie besäßen keine Widerstandskraft, sie wären willfährige, ergebene Knechte des Kapitals. Das klassenbewußte Proletariat hat die geheuchelte Besorgniß der Unternehmer Lügen gestraft, es hat bewiesen, daß es seine karg bemessene Muße im Interesse seiner Befreiung verwendet. Die Kapitalisten wissen nur zu gut, daß die Arbeiterklasse den Achtstundentag nicht zur Selbstvernichtung benutzen wird, sondern zur Erweiterung und Stärkung ihres Befreiungskampfes gegen das Ausbeuterthum. Und dies ist jedenfalls der ausschlaggebende Grund, weshalb sich die Kapitalistenklasse gegen die Einführung des achtstündigen Arbeitstages beziehungsweise gegen dessen gesetzliche Festlegung bis auf diesen Augenblick so hartnäckig sträubt. Allein gerade der nämliche Grund bestinunt das Proletariat, seine ganze Macht aufzubieten, um den Achtstundentag zu erlangen. Warum den achtstündigen Arbeitstag und nicht einen noch kürzeren? Weil der Achtstundentag vorläufig in Bezug auf die Beschränkung der Arbeitszeit die weitgehendste Forderung ist, die verwirklicht werden kaqn. Bei den Reformen, welche die Sozialdemokratie innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft erstrebt, muß sie noth- gedrungen— sollen ihre Forderungen einen praktischen Werth haben— damit rechnen, was im gegebenen Augenblick durchführbar ist. Der Achtstundentag existirt schon in zahlreichen Betrieben, und es ist, wie schon erwähnt, durch Erfahrung und wissenschaftliche Untersuchung nachgewiesen worden, daß seine Einführung die Industrie nicht schädigen wird. Anderseits bedeutet der Achtstundentag im Vergleich z. B. mit der in Deutschland vorherrschenden elf- bis zwölfstündigen Arbeitszeit einen ganz bedeutenden Fortschritt. Spekulative Köpfe sehen freilich voraus, daß die Arbeiterschaft nach Erlangung des Achtstundentages einen siebenstündigen, sechsstündigen, kurz einen immer kürzeren Arbeitstag wird erstreben müssen. Die Spekulation wäre auch richtig, wenn die kapitalistische Gesellschaft so lange bestehen würde. Allein das internationale Proletariat kämpft auch jetzt schon nicht nur für die Verkürzung der Arbeitszeit, sondern für die gänzliche Abschaffung der Ausbeutung. Ist der'Achtstundentag einmal eingeführt, dann wird das Proletariat erst recht seinen Befreiungskampf auf dieses Endziel seiner Bestrebungen, auf die soziale Revolution konzentriren. Die soziale Revolution setzt an Stelle der kapitalistischen Gesellschaft eine Arbeitergesellschaft, und diese macht nicht nur die Ausbeutung der Kraft und Gesundheit ihrer Angehörigen zur Unmöglichkeit, sondern sie gestaltet die Arbeit selbst so, daß sie, statt die größte Qual, die größte Lust sein wird. Arbeiterinnen-Bewegung. — In der Zeit vom 1. bis 23. April fanden öffentliche Versammlungen statt in: Ahrensburg, öffentliche Volksversammlung: „Unsere wirthschaftliche und politische Lage"(Reichstagsabgeordneter Frohme); Berlin, öffentliche Agitationsversammlungen der Buchdrucker, Schriftgießer, Hilfsarbeiter und-Arbeiterinnen: 1)„Die Mißstände im Buchdruckergewerbe, ihre Ursachen und wie sind die Arbeitsund Lohnverhällnisse zu bessern?"(Genosse Massini); 2)„Die Mißstände im Buchdruckergewerbe"(Genosse Wachs); öffentliche Versammlung der Wäsche- und Kravattenarbeiterinnen:„Die Mißstände in der Fabrik Sternberg"(Genosse Hergt); öffentliche Versammlung der Arbeiterinnen in Buchbindereien, Album-, Karton- und Luxuspapierfabriken:„Die Lage der Arbeiterinnen, und wie ist dieselbe zu heben?" (Genosse Greifenberg); öffentliche Versammlung der in der Gold- und Silberwaarenindustrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen und verwandten Berufsgenossen:„Die Maifeier"(Genosse Faber); öffentliche Versammlung der Bügler und Mäntelnäherinnen:„Wie verschaffen sich die Bügler und Mäntelnäherinnen ihre Lohnauszahlung am Ende jeder Woche?"(Genosse Zitzmann); öffentliche Versammlung der Färber, Dekateure, Appreteure, Hilfsarbeiter und-Arbeiterinnen: „Zweck und Nutzen der Gewerkschaften"(Genosse Metzner); öffentliche Versammlung der Schneider und Schneiderinnen:„Wie schädigen uns die Händler?"(Diskussion); Burscheid, öffentliche Volksversammlung:„Die Kulturentwicklung der Menschheit"(Genossin Schneider- Köln); Cannstatt, öffentliche Versammlung für Männer und Frauen: „Die Frau in der Industrie"(Genossin Zetkin); Dresden, öffentliche Frauenversammlung:„Die soziale Stellung der Frau"(Reichstagsabgeordneter Bebel); Elberfeld, öffentliche Frauenversammlung: „Die Prostitution, ihre Ursachen und ihre Beseitigung"(Genossin Schneider); Hannover, öffentliche Arbeiter- und Arbeiterinnen- Versammlung:„Zweck und Nutzen kommunaler Arbeitsämter"(Genosse Paul); öffentliche Volksversammlung:„Warum ich als Predigtamtskandidat Sozialdemokrat wurde"(Genosse v. Wächter); Köln, öffentliche Versammlung der Metallarbeiter und-Arbeiterinnen:„Die Kulturentwicklung der Menschheit"(Genossin Schneider); Köpenick, öffentliche Versammlung der Färber, Appreteure, Dekateure, Hilfsarbeiter und-Arbeiterinnen:„Die Lage des arbeitenden Volkes im Gegensatz zu der Lage der besitzenden Klasse"(Genossin Palm); Lindenau bei Dresden, öffentliche Versammlung für Frauen und Männer:„Die Frau und der Sozialismus"(Genossin Eichhorn); Südberg-Cronenberg, öffentliche Volksversammlung:„Die Kultur- 68 entwicklung der Menschheit"(Genossin Schneider); Wermelskirchen, öffentliche Versammlung für Frauen und Männer:„Die Erziehung der Kinder, wie sie ist, und wie sie sein sollte"(Genossin Schneider); Zwickau, öffentliche Volksversammlung:„Die Bedeutung der Arbeiterpresse"(Landtagsabgeordneter Goldstein). — Vereinsversammlungen fanden in der nämlichen Zeit statt in: Berlin, Mitgliederversammlung des Vereins der in der Schäftebranche beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„Vereinsangelegenheiten"; Mitgliederversammlung des Bildungsvereins für Frauen und Mädchen:„Der Kampf ums Dasein"(Genosse Hoffmann); Generalversammlung der Freien Vereinigung der Blumen- und Putzfedernarbeiter und-Arbeiterinnen:„Thätigkeitsbericht und Kassenbericht"; � Mitgliederversammlung des Verbands der Schneider und Schneiderinnen:„Kirche und Schule"(Genosse Or. Heymann); Generalversammlung des Bildungsvereins für Frauen und Mädchen: „Thätigkeitsbericht"(Genossin Leuschner), Vorstandswahl(in den Vorstand wurden gewählt die Genossinnen: Mesch, Ranke, Gallien, Kniffert, Almacher, Schädlich, Scholz, Rosentreter und Hübner); Braunschweig, Mitgliederversammlung des Verbands der Fabrik-, Land-, Hilfsarbeiter und-Arbeiterinnen:„Die Errichtung eines kommunalen Arbeitsnachweises"(Genosse Günther); Charlottenburg, Mitgliederversammlung des Bildungsvereins für Frauen und Mädchen:„Die ideale Frau"(Genossin Löwenherz); Fechenheim, Mitgliederversammlung des Verbands der Fabrik-, Land-, Hilfsarbeiter und-Arbeiterinnen: Interne Angelegenheiten; Leipzig, Mitgliederversammlung des Bildungsvereins für Frauen und Mädchen:„Die Zigeuner"(Genosse Laube); München, Mitgliederversammlung des Bildungsvereins für Frauen und Mädchen:„Der Jugendunterricht"; Stuttgart, Versammlung des Bezirksvereins Süden:„Die Bedeutung der politischen Rechte für die Frauen des Proletariats"(Genossin Zetkin); Thonberg, Mitgliederversammlung des Arbeitervereins: „Die Frau und der Sozialismus"(Landtagsabgeordneter Pinkau). — Köln. Wie unbequem die proletarische Frauenbewegung den Schooßkindern der kapitalistischen Gesellschaft und ihren Stützen wird, das zeigen die Rücken und Tücken, mit denen die Behörde» das Werk der Aufklärung und Organisation der Proletarierinnen zu hintertreiben suchen. In Köln war am 13. Januar 1692 ein Bildungsverein für Frauen und Mädchen gegründet worden, der gute Fortschritte machte und bald über 190 Mitglieder zählte. Obgleich er sich angelegen sein ließ, keine-s-s-I' politischen Fragen zu behandeln, fühlte sich doch die Polizei zu einem gesellschaftsretterischen„Einschreiten" gedrungen. Nach der Aussage des überwachenden Beamten sollte nämlich in einer Wanderversammlung zu Ehrenfeld von politischen Dingen die Rede gewesen sein. Ob dieses fluchwürdigen Verbrechens wurde der Verein am 19. Oktober vorigen Jahres polizeilich geschlossen und den dreizehn Vorstandsmitgliedern ging eine Anklage zu wegen Uebertretung des Vereinsgesetzes. Im November erkannte das Schöffengericht auf Auflösung des Vereins und Verurtheilung der Angeklagten zu je 15 Mark Strafe beziehungsweise einen Tag Haft und Tragung der Kosten. Die Frauen sowie der Staatsanwalt legten gegen dieses Urtheil Berufung ein, und so standen Anfangs März die dreizehn Vorstandsmitglieder abermals vor den Schranken des Gerichts. Die Strafkammer war gleichfalls der Ansicht, daß sich der Verein mit„öffentlichen Angelegenheiten" beschäftigt habe, daß er „eine Vorschule der Sozialdemokratie sei". Sie hielt deshalb die Schließung des Vereins aufrecht, sprach aber acht der Angeklagten kostenlos frei. Die übrigen fünf Vorstandsmitglieder wurden ver- urtheilt, und zwar vier zu je 15 Mark Geldstrafe oder 3 Tagen Haft, Genossin Schneider, als Vorsitzende, jedoch zu 39 Mark Buße, eventuell zu sechs Tagen Gefängniß. Das Urtheil gegen Genossin Schneider wurde damit begründet, daß sie sich ihres Thuns wohl bewußt gewesen sei. Auch gegen dieses Urtheil ist Berufung angemeldet. Mag das neue Gerichtserkenntniß ausfallen wie es will, es wird die zielbewußten Genossinnen Kölns nicht abhalten, unentwegt für ihre Ideale zu wirken und zu kämpfen. Gerade das Vorgehen der Behörden beweist, daß die proletarischen Frauen auf dem rechten Wege sind, wenn sie sich ausklären und organisiren, wenn sie sich der Sozialdemokratie anschließen. Verfolgungen und Maßregelungen werden ihren Eifer nur stärken, ihre Begeisterung wachhalten, denn sie sind sich bewußt, daß es ohne Kampf keinen Sieg giebt. Sek. — Der diesjährige Parteitag der deutschen Sozialdemokratie sollte bekanntlich laut Beschluß des Kölner Parteitags in Nürnberg stattfinden. Da aber in Bayern die Betheiligung der Frauen an den Verhandlungen unmöglich gemacht werden könnte, hat die Parteileitung im Einverständniß mit der Reichstagsvertretung von Nürnberg Abstand genommen und bestimmt, daß der Parteitag in Frankfurt a. M. stattfinden soll. Die Genossinnen werden hoffentlich durch eine recht zahlreiche und rege Betheiligung an den Arbeiten des Parteitages beweisen, wie nothwendig und nützlich diese Verlegung des Kongreßortes war. Befreiung. Von Nia Elaassen. Es war einmal ein junger, unscheinbarer Adler, der saß in der kleinsten Zelle eines großen Vogelhauses und sah über sich den Himmel und unter sich den dunklen schweigenden Wald. Im Vogelhause schwirrte es von Vögeln aller Art, großen und kleinen, bunten und einfarbigen. Ein Jeder bekam sein Futter nach der Güte seiner Kehle und der Schönheit seines Gefieders und Alle waren überzeugt, daß es so in der Ordnung war, und der Adler meinte auch, es wäre immer so gewesen wie jetzt, und es könnte nicht anders sein. Aber dennoch konnte er nicht recht froh werden. Wie ferne dunkle Ahnung kam es über ihn, von etwas, was er nicht denken, geschweige nenuen konnte. Und je mehr er grübelte über das Unbegreifliche, desto stärker wurde die Ahnung und hüllte ihn ein in den dunklen Mantel der Sehnsucht, und aus der Sehnsucht entstand der Schmerz, der Schmerz über das verlorene„EtwaS", das er doch nie besessen. Sollte er seine Gefährten darum befragen, was ihm fehlte? Da war eine alte Eule, die war besonders klug und erzählte sehr oft und sehr gern lange Familiengeschichten, die sich in ihrer Jugend zugetragen hatten— in ihrer Jugend, als es noch so ganz anders war. Dann war da eine ältliche, überfreundliche Elster, die alle Waldncuigkeiten im Umkreis von einer Meile nnd noch etwas darüber kannte und ganz genau wußte, wie der Buchfink von drüben im vergangenen Sommer aus purem Uebermuth von der Eiche rechts am Wege nach der kleinen Birke zehn Schritte davon gezogen sei. Die gab gerne über Alles Auskunft. Und die hübsche kleine Kohlmeise, die trotz ihrer Jugend Alles so bestimmt wußte — nur daß sie etwas affektirte, die gute Kohlmeise—, und dann die Singdrossel— und der Edelfink— ob sie wohl auch so etwas fühlten und ihm Bescheid sagen könnten? Und einmal wagte der arme Adler es wirklich, mit ihnen von seiner Sehnsucht zu sprechen. Aber o weh! was für ein Sturm des Unwillens erhob sich da gegen ihn.„Hat er nicht eine Zelle und Futter, um seinen Hunger zu stillen", schrie der Zeisig,„und will noch reden?" —„Ich habe es auch längst gesagt, nur noch Unzufriedenheit in der Welt von heutzutage..." begann im Predigerton die Eule, aber sie wurde von der Krähe überschrien, die zornig ihr:„Undankbar, undankbar!" dem Adler zurief, und:„Mache Dich nicht lächerlich!" meinte gutmüthig die Amsel. Damit war die Sache abgethan. Doch wenige Tage darauf sah der Adler eine Henne mit ihren Küchlein vorüberschreiten und Futter suchen, und die Küchlein liefen so fröhlich piepsend einher, die Henne gackerte so zufrieden, daß er sich nicht enthalten konnte, sie zu fragen:„Wie machst Du es denn, daß Du glücklich nnd zufrieden bist?"—„Das will ich Dir sagen", erwiderte die Henne, und der Adler horchte hoch auf:„Fleißig mußt Du sein und Dein Tagewerk getreulich verrichten, wie ich. Tagsüber Futter suchen, die Kleinen spazieren führen und sie gackern lehren, früh zu Bett und früh auf sein.." und so gackerte sie noch viel von der Geschicklichkeit ihrer Kleinen und der Güte der heurigen Gerstenkörner. Aber der Adler wandte den Kopf weg und hörte nicht mehr. Und wieder verging ein Tag und es wurde Abend, der Mond stieg herauf, er durchdrang den feuchten Waldesschatten vor ihm mit verklärendem Hauch und spielte Versteckens mit den Blättern der Waldbäume. Da tönte vom Busch in der Nähe süßer, schmelzender Wohllaut.„Der kleine graue Vogel singt", dachte der Adler,„vielleicht kann er mir sagen, was mir fehlt!" Und schmelzender, klagender stieg der Laut hinan und dem Adler ward so bange und eng, daß er glaubte zu ersticken. Da flatterte der Vogel vorüber.„Sage mir, kleiner Vogel, sage mir, was ist's, das mich so traurig macht? Du weißt es, denn Dein Gesang ist Wehklagen und Thränen!" Und die Nachtigall sang:„Ich traure um den weißen, singenden Schwan, auf den Gott alle Anmuth der Erde ausgegossen hat und den ich liebte. Weil er mich verachtete, gab mir Gott Der neueste Bericht der badischen Fabrikinspektion über die Lage der Arbeiterinnen. Die durch ihre Unparteilichkeit und Energie befannte Thätigkeit des badischen Fabrikinspektors wurde in diesen Blättern oft genug gewürdigt. Natürlich war aber gerade diese Unparteilichkeit und Energie nicht nach dem Herzen des badischen Unternehmerthums. Zumal die Mannheimer und Pforzheimer Fabrikanten wütheten gegen den Fabrikinspektor Dr. Wörishoffer, der so respektwidrig war, die schändlichsten Ausbeutungspraktiken der Herren festzunageln, statt sie mit dem Mantel christlicher Klugheit zu decken. Der Mannheimer Fabrikantenklüngel wendete sich sogar in einer Beschwerde an das Ministerium und versuchte dieses gegen den unbequemen Fabrikinspektor zu hetzen. Das Ministerium wies die Beschwerdeführer ab, aber gar mancher recht gewundene Satz seiner Antwort enthielt an die Adresse Dr. Wörishoffer's die versteckte Mahnung, sich den Unternehmern gegenüber größerer Vorsicht zu befleißigen. Dieser Umstand ist jedenfalls nicht ohne Einfluß darauf geblieben, daß der letzte Bericht der badischen Fabrikinspektion an Energie und Bestimmtheit hinter seinen Vorgängern zurücksteht. Trotzdem ist er noch unvergleichlich besser, als die Berichte der preußischen, sächsischen 2c. Gewerbeinspektoren. Wir wollen uns an dieser Stelle nur mit den Mittheilungen des Berichts beschäftigen, welche sich auf die Lage der Arbeiterinnen in Baden beziehen. Was zunächst die Gesammtzahl der Arbeiterinnen von Anlagen betrifft, die unter gewerblicher Aufsicht stehen, so betrug sie 1893 nach den Ergebnissen der statistischen Aufnahme 44283 oder 33 Prozent sämmtlicher in diesen Anlagen beschäftigten Personen gegen 41 441 oder 32,9 Prozent im Vorjahre. Die Zahl der Arbeiterinnen hat also ab= solut( an und für sich) wie relativ( verhältnißmäßig) zugenommen, auch in Baden greift die Frauenarbeit langsam aber stetig um sich. Von der Gesammtzahl der Arbeiterinnen waren 5706 oder 12,9 Prozent jugendliche und 38 557 oder 87,1 Prozent über 16 Jahre alte Arbeiterinnen, gegenüber 5893 oder 14 Prozent und 35 598 oder 86 Prozent im Vorjahre. Der Rückgang der Arbeiterinnen unter 16 Jahren erklärt sich aus dem Zurückdrängen der Kinder aus der Industrie, das in Folge der neuen Fabrifgesetzgebung eingetreten ist. Bezüglich der Vertheilung der erwachsenen Arbeiterinnen auf die einzelnen Industriezweige ist zu bemerken, daß die absolute Zufeine Stimme, auf daß er stumm werde, zur Strafe seines Hochmuths. Aber ich singe nur von ihm, den ich nicht vergessen kann. Ich sehe noch den stillen, dunklen Waldsee und höre die Erlen flüstern, der Mond flimmert golden auf dem Wasser und die Königskerze duftet. Dann kommt die Sehnsucht, und mein Herz ist todestraurig. Ich will Dir singen von meiner Liebe, von meinem Weh, von meinem Sehnen." Und sie sang..., doch der Adler schüttelte den Kopf. Das war es nicht, was ihm fehlte, das war seine Sehnsucht nicht. Da hatte er einen Traum und in dem Traum sah er eine Gestalt, deren Anblick ihn durchzuckte wie ein Bliz, denn es war die Gestalt, die er geahnt hatte sein Leben lang. Glänzend schwebte sie über ihm und senkte sich herab, ein Hauch traf seine Stirne und das Wehen und Brausen um ihn her gestaltete sich zu Worten:„ Du sollst haben, wonach Du begehrst, denn ich will den Urquell der That, das schrankenlos drängende Wollen, in Dich legen. Mache Dich los vom Althergebrachten, zerbrich die Fesseln, die Dich erdrücken, steig auf, steig auf zur Freiheit!" Und " Freiheit" sang und klang es in den Lüften, Freiheit" rauschten die Eichen um ihn," Freiheit"," Freiheit" da was war das? Klirrend fiel die Kette von seinem Fuß, das Gitter über ihm weitete sich- verwirrt sah er in die unendlichen Fernen, und es faßte ihn wilder Taumel, wie er ihn nie gekannt, es war ihm, als wüchse er und würde mächtig und stark, brausende Flügelschläge trugen ihn hinauf in Sonnenglanz und Glückseligkeit, und er wogte und schwebte da ein Ruck am Fuß, er stürzt " und erwacht. Erwacht zum Bewußtsein, erwacht zur Verzweiflung. Ueber ihm und um ihn nichts, nichts als Eisen und eine Kette am Fuß, die ihn wund scheuert, je mehr er baran zerrt, und die er doch immer getragen hat; ihm ist, als müßte er ersticken. Und wild fährt er auf, bis ihn die Kette am Fuß zurückreißt, fährt wieder auf und sinkt zurück, bis zur Erschöpfung, und er meint zu sterben. 69 nahme von 2959 Arbeiterinnen zum größten Theil hervorgerufen ist durch eine Zunahme von rund 1500 Arbeiterinnen in der Tabakfabrikation, von 600 in der Textilindustrie und 200 in der Papierund Lederindustrie. Der Rest der Zunahme an Arbeiterinnen vertheilt sich auf die anderen Gruppen, wobei die Verschiebungen gegen das Vorjahr so unbedeutend sind, daß sich keine gewichtigen Schlüsse auf die Zu- resp. Abnahme der Verwendung weiblicher Arbeitskräfte innerhalb dieser Industrien bieten lassen. Was ferner die Zahl der verheiratheten Arbeiterinnen anbelangt, so hat sie mit 10467 gegen das Vorjahr mit 10 159 absolut und zwar um 308 oder um 3,03 Prozent zugenommen." Relativ", meint der Fabrikinspektor, ist eine Abnahme eingetreten", denn, sagt er ,,, im Vorjahre waren von 100 Arbeiterinnen über 16 Jahre 28,27 verheirathet oder verwitwet, im Berichtsjahre nur 27,15." " Das Verfahren, auf Grund dessen der Fabrikinspektor zu seiner Behauptung gelangt, scheint uns unrichtig. Man muß doch bedenken, daß verhältnißmäßig selten Arbeiterinnen sich vor dem 18. Lebensjahre verheirathen. jahre verheirathen. Die Erschwerung der Beschäftigung der Arbeiterinnen unter 16 Jahren mußte aber mit Nothwendigkeit bewirken, daß eine rasche Vermehrung eintrat der Arbeiterinnen im Alter von 16-18 Jahren, die nur sehr selten verheirathet sind. Darauf und auf keine andere Ursache kann mit größter Wahrscheinlichkeit die relative Abnahme der verheiratheten Arbeiterinnen zurückgeführt werden! Von einer sogar blos verhältnißmäßigen Besserung der Verhältnisse kann, unserer Ansicht nach, keine Rede sein. Die Zunahme der Zahl der verheiratheten Arbeiterinnen läßt eher darauf schließen, daß sich die Erwerbsverhältnisse der Arbeiter verschlechtert haben. Jedenfalls ist sie ein Anzeichen dafür, daß die proletarische Familie mehr und mehr durch den Kapitalismus zersetzt und aufgelöst wird. Dies trotz aller schönen Redensarten von der„ Heiligkeit der Familie" und dem„ Naturberuf der Frau" im Haus. Sehen wir nun, wie es in Baden mit der Beobachtung der Gesetzesvorschriften zum Schutze der Arbeiterinnen stand. „ Der Vollzug der gesetzlichen Bestimmungen", schreibt der Fabrikinspektor, ließ vielfach zu wünschen übrig. Mehrfach wurde Beschäftigung der Arbeiterinnen zur Nachtzeit bezw. über die regelmäßige Arbeitszeit ohne Erwirkung einer Bewilligung in Anlagen wahrgenommen, bei denen man die Kenntniß der gesetzlichen Vorschriften voraussetzen darf. Die meisten Aber er starb nicht. Er lebt mit der brennenden Ungeduld und der fressenden Qual im Herzen. Er lebte und sah vor sich das lockende Ziel in den Wolfen und konnte nicht hin. Doch Tag für Tag, Stunde für Stunde mühte er sich ganz heimlich, daß es Niemand sab, er faßte zwei Stäbe seines Käfigs mit starken Klauen, um sie zu erweitern, und riß an seiner Kette. Dann kam die Phantasie und half ihm, und er träumte schlafend und wachend seinen einzigen Traum. Und wieder ward es Abend. Hei, wie der Frühlingssturm um das Vogelhaus heult, als wollte er es wegfegen vom Erdboden, wie er finstere Staubwolken vor sich herpeitscht und die Bäume ächzend und knarrend zu Boden biegt. Da träumt der Adler, daß seine Zeit gekommen ist, daß die Natur selber ihm hilft. Und wieder fährt er auf ein verzweifelter Ruck und noch einer und noch einer und träumte er wieder? die Kette zerriß mit hellem Klang, nur das Glied um seinen Fuß war geblieben.... Nein, er träumte nicht. Da lag die Kette am Boden und er war frei? Noch nicht, noch galt es, durch das Gitter zu gelangen. Er rang mit der Riesenkraft der Verzweiflung, er drängte sich, fast zu Tode erschöpft, weiter und weiter. Manche Feder flatterte zu Boden, er achtete es nicht nur weiter, weiter und, wie er zwei Stäbe seines Käfigs mit starken Klauen faßt und sie weit auseinander reißt, holt der Sturm aus mit gewaltigem Athem und donnernd birst es entzwei, das Gefängniß, und stürzt zusammen- Freiheit! Freiheit! -Der junge Adler aber schaut trunken hinaus in unendliche Fernen, wie er es im Traume gesehen. Keine Gitterstäbe trennen ihn mehr von dem Weltall, das er glaubt an sich reißen zu können mit einem Flügelschlage. Seine Brust weitet sich im größten, höchsten Entzücken. Doch nur einen Moment des Zögerns- dann schwingt er sich auf, auf brausenden, begeisterten Schwingen. Zuwiderhandlungen betreffen die Vorschrift, daß Arbeiterinnen am Sonnabend und an Vorabenden von Festtagen nach 5% Uhr Abends nicht beschäftigt werden dürfen. Am Anfange wurden die zuwiderhandelnden Fabriken nur auf das Gesetzwidrige ihrer Handlungsweise hingewiesen. Nachdem aber der Vollzug sich hier Surch nicht besserte, und die gleichen Zuwiderhandlungen in Fabriken wahrgenommen wurden, die erst einige Wochen vorher gewarnt worden waren, wurde in Orten, in denen solche Wahrnehmungen gemacht wurden, Feststellungen dieser Uebertretung in den einzelnen Fabriken durch Polizeiorgane herbeigeführt und dann von diesen der Staatsanwaltschaft Anzeige erstattet. Hauptsächlich fanden solche mit einer gewissen Hartnäckigkeit fortgesetzten und daher auch strafrecht lich verfolgten Zuwiderhandlungen in der Zigarrenfabrikation, der Bijouteriefabrikation und in Buchdruckereien statt.... Sehr häufig suchte man auch eine Beschäftigung über die gesetzlich zulässige Zeit dadurch herbeizuführen, daß man das Aufräumen und das Reinigen des Arbeitsplatzes und das Reinigen der Maschinen nicht in die Arbeitszeit rechnen wollte. Selbstverständlich wurde eine solche Berechnungsweise nicht zugelassen und sie scheint jetzt aufgegeben worden zu sein." In welch seltsamem Licht erscheint hier die so viel gerühmte Gesetzesliebe des Unternehmerthums, das trotz der vielfachen Ver warnungen hartnäckig die Gesetze mit Füßen tritt! Die Kapitalisten schwärmen für die Gesetze, die ihnen Arbeiter und Arbeiterinnen zu schonungsloser Ausbeutung überliefern. Sie pfeifen" dagegen auf die Gesetze, die ihre Arbeitssklaven auch nur in dürftigſter Weise schützen. Der Profit macht sie zu Fanatikern der Gesetzlichkeit oder zu frechen Verhöhnern derselben. Besonders interessant ist die Thatsache, daß solche Zuwiderhandlungen am meisten in Klein und Mittelbetrieben vorkommen. Sie bestätigt die schon beobachtete Erscheinung, daß die vom Großbetrieb in ihrer Existenz bedrohten Klein- und Mittelkapitalisten sich durch die schamloseste Ausbeutung ihrer Arbeitskräfte konkurrenzfähig zu erhalten suchen. Bezüglich der auf Grund des§ 138a der Gewerbeordnung zugelassenen Ueberstunden der Arbeiterinnen theilt der Fabrik inspektor mit, daß ihre Zahl im Ganzen 170 395 betrug, die sich auf 210 Betriebe und 356 Fälle vertheilen. Im Vorjahre waren 162 Betrieben 298 Bewilligungen für 147 098 Ueberstunden ertheilt worden. ,, Da im Vorjahre", schreibt der Fabrikinspektor, die bezüglichen gesetzlichen Bestimmungen erst vom 1. April an in Kraft waren, so bedeuten diese Zahlen, im Verhältniß zur Zeit eine Abnahme der bewilligten Ueberstunden von 14,3 Prozent"( soll wohl heißen 13,3 Prozent!). " Auch die hier vom Fabrikinspektor angewandte Berechnungsmethode erscheint uns unrichtig. Sie könnte blos dann angewandt werden, wenn die Bewilligungen von Ueberstunden sich auf alle Monate des Jahres gleich vertheilten. Thatsächlich ist dies aber, so viel uns bekannt, nicht der Fall. Die meisten Ueberstunden fallen in die letzten Sommermonate und in die Zeit vor Pfingsten und Weihnachten, welche Zeiträume auch in den neun Monaten des Jahres 1892 inbegriffen waren. Will man sich also ein richtiges Urtheil über die Zunahme oder Abnahme der Ueberstunden bilden, so kann dies blos geschehen durch den Vergleich der Zahl solcher Bewilligungen innerhalb der letzten neun Monate der beiden Jahre. Die im Bericht betonte Abnahme der Ueberarbeit der Frauen ist höchstwahrscheinlich blos eine scheinbare". Die billige Frauenarbeit ist dem Unternehmerthum eine besonders werth volle Profitquelle. Es nutzt deshalb die Gelegenheit aus, diese Profit quelle so gründlich auszuschöpfen, als es das Gesetz mit seinen Ausnahmebestimmungen erlaubt. Was ferner die Vertheilung der Zuwiderhandlungen auf Stadt und Land anbelangt, so fanden zu Anfang des Jahres in kleinen Fabriken der Landorte vielfache Uebertretungen der gesetzlichen Vorschriften statt.„ Es zeigte sich", schreibt der Fabrikinspektor,„ daß hier diese Vorschriften vielfach nicht genügend bekannt waren(?!), und daß hier die Thätigkeit der Ortspolizeibehörde im Gegensatze zu derjenigen der Städte sehr viel zu wünschen übrig ließ." Beschwerden der Fabritinspektoren über die völlige Unfähig keit der niederen Polizeiorgane, die Durchführung der Bestimmungen des Arbeiterschutzgesetzes zu überwachen, sind nicht neu! Man findet sie nicht bloß in dem Bericht der badischen Fabritinspektion, sondern auch in den Berichten vieler anderer deutschen Fabrikinspektoren. Anstatt nun diesem Uebel zu steuern und den Arbeiterinnen wenigstens in vollem Umfange den spärlichen Schutz zu gute kommen zu lassen, den ihnen die deutsche Gewerbeordnung gewährt, sehen die deutschen Regierungen ruhig zu, wie die Bestimmungen der Arbeiterschutzgesetzgebung durch die Unfähigkeit der Ueberwach ungsorgane ganz illusorisch gemacht werden. 70 Die Regierungen beweisen in jeder Hinsicht, daß sie in erster Linie die Interessen des Geldsacks schützen, die Interessen der Arbeiter und Arbeiterinnen dagegen nur insoweit, als sie dazu von dem Proletariat gezwungen werden. Regierungen und Unternehmer, innig gesellt", bläuen auch den dickschädlichsten Arbeitern und Ar beiterinnen mit wünschenswerther Deutlichkeit die Lehre ein, daß sie Feigen von den Dornen lesen wollten, wenn sie auf die Einsicht und das Wohlwollen von oben her hofften. Nur der steigende Druck von unten bewirkt, daß der gesetzliche Arbeiterschutz erweitert und daß er auch durchgeführt wird, daß er nicht todter Buchstabe auf todtem Feßen Papier bleibt. Die Maifeier wird der Kapitalistensippe und ihren staatlichen Schutzgöttern zeigen, daß das werkthätige Volk entschlossen ist, es an diesem nöthigen Druck nicht fehlen zu lassen. Viktoria Kofler. J. S. Die österreichische Arbeiterinnenbewegung hat einen empfindlichen Verlust erlitten. Anfangs April entriß ihr der Tod eine ihrer treueſten, opferfreudigsten und energischsten Vorfämpferinnen: Genossin Vittoria Kofler. Genossin Kofler zählte in Desterreich zu den ersten proletarischen Frauen, welche die Nothwendigkeit begriffen, allen Vorurtheilen zum Trotz in den Kampf zu treten für ihre Befreiung als Frauen und Proletarierinnen, wie sie nur möglich ist in einer sozialistischen Gesellschaft. Sie war aus dem arbeitenden Volke hervorgegangen und lernte schon im zartesten Alter die Schwere einer proletarischen Existenz fennen: Entbehrungen, Demüthigungen, harte Arbeit. Und bis zu ihrem Tode der sie dahinraffte, als sie kaum ein halbes Menschenalter hinter sich hatte war ihr Leben Mühe und Arbeit. Köstlich aber wurde es durch den reichen Inhalt, den ihm die schlichte Frau gab, indem sie ihr warmes Herz, ihren offenen Geist, ihre unbeugsame Energie dem Dienst einer großen Sache widmete: dem Befreiungskampf des Proletariats. Denn Alles, was sie seit ihren Jugendjahren empfunden an Leiden, an Hoffnungen und Streben, das kristallisirte sich zu klarer Erkenntniß und zu zielbewußtem Wollen, als sie mit den Lehren des Sozialismus bekannt wurde, als sie einsah, daß der Kampf der Ausgebeuteten gegen die Ausbeuter das einzige Mittel ist, die sozialistische Gesellschaft zu verwirklichen, das Proletariat aus der Nacht seines Elends in das Licht einer fulturwürdigen Existenz zu führen. Für die alten trügerischen Götter, von denen sie sich in geistiger Freiheit abwendete, gab ihr der Sozialismus neue, lebensträftige Ideale. Er legte den heißen, felsenfesten Glauben in ihr Herz an die hohe geschichtliche Mission des Proletariats als Erlöser seiner selbst, als Träger einer sonnigen Zukunft für die ganze Menschheit. Er gab ihr die unbezwingbare Thatkraft, für ihre Jdeale zu kämpfen, die Freudigkeit, für sie zu entbehren und zu opfern. Durch die Macht der Ueberzeugung wurde ihr Mund beredt, wirkten ihre Worte zündend und hinreißend. Wie viele proletarische Frauen haben nicht durch Genossin Kofler Trost, Anregung, Erkenntniß erhalten; wie viele hat sie nicht aus dumpfer Verzweiflung emporgerüttelt zu flarem Bewußtsein ihrer Lage, zu klarer Erkenntniß ihrer Pflicht, sich um das Banner des Sozialismus zu schaaren und mit den Brüdern der Arbeit und des Elends zusammen zu kämpfen für eine neue Zeit! Genossin Kofler warb dem Sozialismus nicht blos durch ihr agitatorisches Wirken unter den Frauen neue Streitkräfte, sie sorgte auch dafür, daß diese organisirt und geschult wurden. Sie gehörte zu den Gründerinnen des Wiener Arbeiterinnen- Bildungsvereins, der wesentlich dazu beigetragen hat, daß in Desterreich eine zielbewußte und kräftige Arbeiterinnenbewegung in Fluß gekommen ist. Zwei Jahre lang war Genossin Kofler Vorsitzende des Vereins, arbeitete rastlos an seiner Kräftigung und Klärung, an seinem Ausbau nach innen und außen und ließ sich angelegen sein, eine innige Fühlung mit den Organisationen der Genossen und der allgemeinen sozialistischen Arbeiterbewegung herzustellen. Von der Ueberzeugung durchdrungen, daß Wissen Macht verleiht, war sie eifrig bestrebt, unter der Masse die sozialistische Literatur zu verbreiten. Um die Aufklärungsarbeit unter der proletarischen Frauenwelt zu fördern, drang sie auf die Herausgabe eines besonderen Frauenorgans. Sie hatte sich davon überzeugt, daß die vielfach vorhandene Rückständigkeit der Frauen eine Zeitung nothwendig machte, welche dem weiblichen Auffassungsvermögen angepaßt sei. Ihre Idee sand bei Genossinnen und Genossen Anklang und Unterstüßung, und so wurde die österreichische ,, Arbeiterinnen- Zeitung" ins Leben gerufen, welche Genossin Kofler als offizielle Herausgeberin zeichnete. Genossin Kofler ward jederzeit den vielseitigen Aufgaben gerecht, welche ihre rege Antheilnahme an der Bewegung an sie stellte. Sie ward ihnen gerecht, ohne ihre Pflichten als Gattin und Mutter zu vernachlässigen; sie ward ihnen gerecht inmitten der Härten und Sorgen einer echt proletarischen Existenz. Die Thatsache rückt ihre Charakterfestigkeit, ihre Energie, ihren Opfermuth erst in die rechte Beleuchtung.. Die Verhältnisse der Familie Kofler waren die bescheidensten, zu Zeiten sogar unsäglich traurige. Genossin Kofler lernte die Tage kennen, von denen es heißt:„ sie gefallen uns nicht", Tage, an denen die bittere Sorge um die Nothdurft ihren Geist bedrückte, der Kummer über die Entbehrungen von Mann und Kindern am Herzen zehrte. Neben den Sorgen harte Arbeit, um den Haushalt in Stand zu halten, den Aufgaben als Mutter zu genügen. Genossin Kofler hatte fünf pflegebedürftige Kinder! Da galt es von frühem Morgen bis in die späte Nacht hinein zu waschen, puzen, flicken und stricken. Trotzdem fand die thatkräftige Frau die Zeit und Kraft, den Sitzungen des Arbeiterinnenvereins beizuwohnen, die Situngen der Genossen zu besuchen, Versammlungen zu organisiren, zu leiten, Referate abzuhalten, Schriften zu verbreiten, durch Lektüre an ihrer Ausbildung zu arbeiten 2c. Wie oft opferte sie nicht blos die halbe, nein die ganze Nachtruhe dem Dienst der Sache. Wie oft ging nicht die von schwerem häuslichen Tagewerk Erschöpfte im Winter beim ärgsten Sturm und Schneegestöber hinaus, um einer übernommenen Verpflichtung zu genügen. Und dies, obgleich sie den Keim der Lungenschwindsucht in sich trug, der sie zum Opfer fiel. Die aufreibende, vielseitige Thätigkeit trug jedenfalls dazu bei, den Gang der tückischen Krankheit zu beschleunigen. Umsonst war all die Widerstandskraft, mit der Genossin Kofler gegen ihr Leiden anfämpfte. Sie wollte noch leben, d. h. wirken! Seit etwa Jahresfrist war sie an das Krankenzimmer gefesselt. Mehr als alle körperlichen Schmerzen quälte sie die Unmöglichkeit, wie früher mit ganzer Kraft für die sozialistische Bewegung thätig zu sein. Vom Krankenbett aus stand sie den Genossinnen noch mit Rath und That zur Seite, so viel sie es vermochte; mit regem Interesse verfolgte sie alle Vorgänge des Parteilebens, die Fortschritte desselben, zumal der Arbeiterinnenbewegung, mit inniger Freude begrüßend. Bis zu ihrem Tode stand sie mit Herz und Geist bei der Fahne, die sie sich erkoren. An ihrem Grabe trauern nicht blos die Kinder und der Gatte, der in treuer Jdeen- und Kampfesgemeinschaft mit ihr strebte, sondern die Genossinnen und Genossen Desterreichs. Wenn etwas ihren Schmerz lindert, so ist es die Ueberzeugung, daß die Verstorbene nicht vergeblich gewirkt hat, daß andere Streiterinnen an ihre Stelle treten und das Gewehr schultern werden, das der Sensenmann ihren Händen entriß. Tröstlich und erhebend wirkt der Gedanke, daß uns in Viktoria Kofler nicht blos eine Individualität entgegentritt, die unsere Sympathie und Bewunderung heischt, sondern ein Typus: der Typus des kämpfenden, klassenbewußten Proletarierweibes. Wir treffen ihn heutzutage an in Desterreich, in Deutschland, in Frankreich, in England, furz überall, wo die Zertretenen sich ihres Menschenthums bewußt werden und für ihre Befreiung kämpfen. Die kämpfenden Proletarierfrauen, sie leben und wirken, sie entwickeln und bethätigen sich unter unglaublichen, unsagbaren Schwierigkeiten und Mühsalen. Die Verhältnisse arbeiten darauf hin, sie in den tiefsten Schmutz zu stoßen, sie in Unwissenheit und Rohheit zu halten. Sie aber lernen und lehren in zäher Arbeit und Selbstzucht, sie aber erheben sich in und durch den Kampf ihrer Klasse zu einer Selbstlosigkeit und Charaktergröße, die sie den Besten aller Zeiten ebenbürtig an die Seite stellt. Sie sind leuchtende Beweise für die Lebenskraft und Bildungsfähigkeit der Masse, die von den oberen Zehntausend als Kanaille, als wüster Pöbelhaufen verachtet wird. Und daß die sozialistische Bewegung vermag, diesen Schatz an Kraft und Bildungsfähigkeit zu heben, ihn in hellstem Glanze erstrahlen zu machen, das spricht für die große geistige und sittliche Macht des Sozialismus, das spricht dafür, daß das Proletariat berufen ist, durch den Sozialismus eine Wiedergeburt der Gesellschaft zu bewirken. Proletarische Frauen vom Schlage unserer Genossin Kofler stehen heuzutage überall in Reih und Glied der sozialistischen Bewegung. Nur der kleinste Kreis von Genossinnen und Genossen kennt und schätzt sie. Sie kämpfen und fallen ungekannt und ungenannt von der großen Masse, ihren Namen meldet kein Lied, kein Heldenbuch". Aber neben den schlichten Gestalten verbleicht der Ruhm gar mancher Fürstinnen, von deren Heldenthaten als Wickelkind eine feile Hofgeschichtsflitterung erzählt, von deren„ gemeinnüßigem Thun" schwayschweifig und lobhudelnd berichtet wird, weil sie sich einfallen ließen, die Leere und Langweiligkeit eines inhaltslosen Lebens durch irgend welche nützliche Thätigkeit auszufüllen. Im besten Falle gaben diese der Allgemeinheit von ihrem Ueberfluß. Die ungenannten Proletarierinnen opfern dagegen das Scherflein der Witwe, ihr Alles, 71 ihre Nachtruhe, ihre Erholung, ihre Gesundheit, ihr Leben selbst. Wie die österreichischen Genossinnen und Genossen ihrer Vorkämpferin Kofler ehrend gedenken, so wird das befreite Proletariat ein Blatt seiner Geschichte dem Andenken der Ungenannten widmen. Kleine Nachrichten. Ein neuer Vers zum alten Lied von der Ausbeutung weiblicher Arbeitskraft. Ein Berliner Blatt enthielt die lockende Annonce:„ Lohnender Verdienst durch Nähen von Schürzen wird garantirt." Auf die Annonce hin meldete sich u. A. auch eine Lehrerswitwe, welche von ihrer färglichen Pension nicht leben kann. Sie sollte die Arbeit erhalten und zwar zu dem„ Schlemmerlohn" von 18 Pfennig pro Dutzend Schürzen. Herr Groß, so heißt der Brave, der seine Arbeiterinnen durch solch lohnenden Verdienst" zur Genügsamkeit erzieht, ist offenbar auf dem Wege, ein reicher Mann und Kommerzienrath zu werden. Aber Niemand darf sich wundern, wenn Arbeiterinnen, die so gelohnt werden, auf dem Wege sind, lang= sam zu verhungern oder der Prostitution anheimzufallen. " Arbeiterfreundlichkeit und Profit. Die großen elektrischen Werke von Siemens und Halske in Berlin erfreuen sich in Unternehmerkreisen des Rufes einer besonderen Menschenfreundlichkeit". Aber die gelegentlich offiziell zur Schau getragene " Arbeiterfreundlichkeit" der Firma verträgt sich sehr gut mit einer schonungslosen Ausbeutung der proletarischen Arbeitskraft. Die Arbeit in der Pumpstation", wo die Glühkörper durch Quectsilber luftleer gemacht werden, ist äußerst gesundheitsschädlich, die hier schaffenden Leute werden von der„ Quecksilberkrankheit" be= fallen. Bis jetzt waren in der„ Pumpstation" Männer beschäftigt, in letzter Zeit wurden jedoch an deren Stelle Frauen eingestellt. Die Arbeitszeit der Männer betrug 8½ Stunden, die Frauen müssen dagegen 11 Stunden schaffen, ja mehr noch, die Firma petitionirte, daß die Arbeitszeit der Frauen bis Abends 9 Uhr verlängert werden dürfe. Daß die Arbeiterinnen schlechter bezahlt werden als die Arbeiter, versteht sich am Rande. Sie verdienen 17-19 Pf. pro Stunde. Die Lackirerinnen erhalten 17 Pf. pro Stunde. Die Arbeiterinnen können es inklusive Ueberzeit auf einen Wochenverdienst von 8-14 Mt. bringen. Auch noch bei anderen Arten der Beschäftigung sucht die Firma die männlichen durch billigere weibliche Arbeitskräfte zu ersetzen. Früher wurde das Umwickeln der Anker an den Maschinen von Männern besorgt. Die Direktion ließ dem Meister der betreffenden Abtheilung die Weisung zugehen, statt ihrer Frauen einzustellen. Der Meister kam der Aufforderung nicht gleich nach, weil er die Frauen für zu schwach zu dieser Arbeit hielt. Darauf wurde seitens der Direktion geäußert:„ Dann werden die schwächlichen Arbeiterinnen an die Luft gesetzt und kräftigere genommen." Die Verhältnisse bei der arbeiterfreundlichen" Firma Siemens und Halske bestätigen wieder einmal die Binsenwahrheit, daß das Kapital nur die Rücksicht auf den Profit fennt. Arbeiterfreundlich ausgeputzt oder in unverhüllter Brutalität auftretend, bleibt sein Wahlspruch:„ Es lebe der Profit, wenn auch Proletarier und Proletarierinnen darüber zu Grunde gehen!" " Plätterinnenelend. Wir haben an dieser Stelle bereits auf die geradezu entsetzliche Ausbeutung hingewiesen, der die Plätterinnen in Kiel ausgesetzt sind. In Hamburg sind sie, zumal bei den. Bleichern, um kein Jota besser daran. Dafür ein schlagendes Beispiel. Frieda S. war bei einem Bleicher unter den allgemein üblichen. Bedingungen als Plätterin in die Lehre getreten. Diese sind: neunmonatliche Lehrzeit, tägliche Arbeitszeit von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr, freie Station. Wie sah es aber nun mit der Durchführung dieser Lehrbedingungen aus? Die festgesetzte Arbeitszeit wurde meist nur dreimal wöchentlich innegehalten. Die Arbeit dauerte in der Regel Dienstags bis 9 Uhr Abends, Freitags bis 1½ und 2 Uhr Nachts und Sonnabends oft die ganze Nacht hindurch bis 5 Uhr Morgens. Das halbtodt gerackerte Mädchen durfte auch dann noch nicht ins Bett, es mußte erst reinmachen, was oft bis 8 Uhr Morgens dauerte. Der Arbeitstag des Mädchens währte also Samstags 27 Stunden, davon mußte es volle 24 Stunden mit dem glühend heißen Eisen stehend arbeiten!! Nach drei Monaten mußte Frieda S. die Lehre verlassen, wo es ihre Vorgängerinnen blos vierzehn Tage bezw. vier Wochen. ausgehalten hatten. Die Folgen der rohen Ausschindung ihrer Kräfte traten schnell zu Tage. Sie bekam dicke, wunde Füße, eine bekannte Plätterinnenkrankheit, und mußte sich an den Arzt um Hilfe wenden. Dieser rieth ihr, das Plätten aufzugeben, da sie es für die Dauer doch nicht aushalten würde. Der Vollständigkeit wegen sei noch hinzugefügt, daß die bis auf die Knochen ausgebeutete Frieda S. Nr. 10 der ,, Gleichheit" gelangt am 16. Mai 1894 zur Ausgabe. eine ganz schlechte und unzureichende Rost erhielt, und daß sie in brutaler Weise behandelt und geschimpft wurde. Man bilde sich nur ja nicht ein, daß Verhältnisse, wie die geschilderten, Ausnahmen seien, daß sie nur vereinzelt vorfämen. Im Gegentheil. Sie kommen sehr häufig bei Bleichern und in Plättgeschäften vor. Die schreienden Mißstände im Plättgewerbe sind nur möglich, weil dieses teine gesetzliche Regelung der Arbeitszeit kennt, feiner Kon trolle untersteht. Im Interesse der Tausenden von Frauen und Mädchen, deren Gesundheit durch die geschilderten Arbeitsverhältnisse in freventlich wüster Weise zerstört wird, muß mit aller Energie die Forderung erhoben werden, daß der gesetzliche Arbeiterschutz auf die Blätterei wie auf alle Arten der Klein- und Hausindustrie ausgedehnt werde. Hie Hundenatur hie Klassenbewußtsein. Die Frauen und Jungfrauen der hessischen nationalmiserablen Partei fühlten sich vom Geiste getrieben offenbar vom Geiste der von H. Heine so beißend charakterisirten Hundenatureine ,, Dantadresse" vom Stapel zu lassen an den großen Schnapsbrenner von Friedrichsruh, den Urheber des schmachvollen Ausnahmegesetzes, den Nährvater der spitelnden„ Nichtgentlemen" vom Schlage der Haupt, Ihring- Mahlow und Konsorten. An dieser Thatsache ist nichts Besonderes. Jeder 72 Arbeitszeit, und die Regierung macht sich zum Handlanger und Mitschuldigen der proßigen, verbohrten Schlotjunker. Versuche mit verkürztem Arbeitstag in Oesterreich. Die in England mit dem Achtstundentag gemachten Erfahrungen werden durch solche in einer österreichischen Fabrit ergänzt. Die Heinrichsthaler Bobbinet- und Spizenfabrik von Faber in Letto wit ( Mähren) arbeitet mit sehr viel Maschinerie. An Stelle des bisherigen effektiv 9½stündigen Arbeitstags führte sie eine effektiv 7/ 10stündige Arbeitszeit ein. Die Verkürzung der Arbeitszeit um 24% Prozent wurde bei ihren Webern fast vollständig ausgeglichen durch eine Mehrleistung. Der Verdienst der Arbeiter stieg in der Folge um 23% Prozent und der Betrieb verzeichnete eine bedeutende Grsparniß an Betriebskosten. Diese Thatsachen zeigen, daß sogar eine sehr starke und plötzliche Verkürzung der Arbeitszeit weder die Arbeiter noch die Unternehmer schädigen muß. Wenn die Sozialdemokraten eine gesetzlich festgelegte kurze Arbeitszeit fordern, so werden trotzdem im deutschen Reichstage die Gläubigen des heiligen Manchester noch so und so oft den alten Kohl aufwärmen, daß der kürzere Arbeitstag zum Ruin der Industrie führe. Die Herren werden so lange nichts lernen und vergessen, bis ihnen die deutsche Klassenbewußte Arbeiterblamirt sich so gut er kann, und es ist das unveräußerliche Menschen- schaft mit dem Stimmzettel etwas Nationalökonomie einpaukt. recht der deutschen Bourgeoisdamen, zu zeigen, daß auch sie ihr Theil leisten in blöder Gözendienerei vor Talmigrößen. Aber die Dankadressen girrenden nationalliberalen Frauen und Jungfrauen Hessens waren naiv genug, auch die Frauen der werkthätigen Masse zum Mitthun an diesem Aprilscherz aufzufordern. Als Antwort auf dieses Ansinnen erließen die sozialistisch gesinnten Frauen Darmstadts einen Aufruf, in dem es u. A. heißt: Wir Proletarierfrauen und Mädchen wollen unseren Gefühlen auch einmal Ausdruck geben, schaaren wir uns zusammen und stiften wir der sozialdemokratischen Partei Darmstadts, der Partei, welche jederzeit für die Interessen des arbeitenden Voltes eingetreten ist, eine rothe Fahne, das Symbol der Freiheit. Laßt uns nicht eher ruhen und rasten, bis die rothe Fahne in Darmstadt weht!" Ein Bravo den klassenbewußten Frauen und Mädchen Darmstadts für ihre kräftige Antwort. " " Warum die Kapitalisten für das ,, Ewig Weibliche" in der Fabrik schwärmen, beweist schlagend ein Lohnzettel der Mannheimer Wollfabrik Schülke und Wolf", laut dessen eine 17jährige Arbeiterin in 9 Tagen vom 29. März bis 9. April- 2 Mk. 12 Pf. Lohn erhielt. Der Verdienst des Mädchens stellt sich also pro Tag auf nicht ganz 24 Pf. Der Kapitalist schwärmt für die Frauenarbeit, weil er sie in der schäbigsten Weise entlohnen und dadurch seine Profite steigern kann. Ob die Arbeiterinnen dabei halb verhungern, das ist ihm Hekuba. Warum fönnen sich auch die Frauenzimmer nicht das verfluchte Essen abgewöhnen? Erfahrungen mit dem Achtstundentag in England. Der Eisenindustrielle Mather, welcher vor einem Jahre in seinem Betrieb ( Mather& Platt) zu Salford versuchsweise den Achtstundentag einführte, veröffentlichte kürzlich das Resultat seiner Beobachtungen. Dieselben erstrecken sich über 12 Monate und 1200 Arbeiter, deren Arbeitszeit pro Woche von 53 auf 48 Stunden herabgesetzt worden war, ohne daß die Löhne eine Herabminderung erfahren hatten. Die nothwendig gewordene Vermehrung der Arbeitskräfte war eine so geringe, daß die Lohnausgaben nur um 0,4 Prozent stiegen. Diese Mehrausgabe wurde genau aufgewogen durch eine 0,4 prozentige Verminderung der Kosten für Beleuchtung, Feuerung, Maschinenabnuzung 2c. Der Unternehmer hatte also in Folge der verkürzten Arbeitszeit auch nicht einen Deut mehr an Betriebskosten zu tragen. Dagegen erwuchs ihm ein direkter Vortheil durch die Einführung des Achtstundentags: die Produktion war gegen die früheren Jahre gestiegen. Herr Mather bezeichnet deshalb seinen Versuch als einen für die Arbeiter wie die Unternehmer gleich glücklichen Erfolg und fordert andere Fabrikanten zur Nachahmung auf. Die Erfahrungen des Herrn Mather bestärkten die englische Regierung in ihrem Entschluß, den Achtstundentag zuerst in den staatlichen Armee- und dann in den Marinewerkstätten einzuführen. Verschiedene große Betriebe sind dem Beispiele der Regierung bezw. des Herrn Mather gefolgt oder werden ihm demnächst folgen. So wird die große Fabrit von Howard in Badford, welche landwirthschaftliche Maschinen fabrizirt, vom 1. Mai an gleichfalls den Achtstundentag einführen. In Deutschland, dem Lande der patentirten Sozialreform und christlichen Gesinnung, ist den Arbeitern noch nicht einmal der ungestörte Genuß der Sonntagsruhe zu Theil geworden. Hier sträubt sich das Unternehmerthum in Kleinlichstem Klassenegoismus und in kurzsichtigster Verkennung wirthschaftlicher Nothwendigkeiten und Fortschritte gegen jede Verkürzung der Frauenarbeit in den belgischen Bergwerken. Die Zahl der weiblichen Arbeiter, die im letzten Jahre in den belgischen Rohlengruben unter Tage beschäftigt waren, betrug 2893 gegen 3691 im Vorjahre. Diese Verminderung hat ihren Grund in der Anwendung des Gesetzes von 1889, welches die unterirdische Beschäftigung der Frauen, die noch nicht 21 Jahre alt sind, in Bergwerken verbietet. Frauen und Mädchen, welche diese Altersgrenze überschritten haben, erfreuen sich in Belgien noch des den Frauenrechtlerinnen so theuren unveräußerlichen Menschenrechts, sich ad majorem gloriam Dei gloriam Dei zum größeren Profit des Kapitals in Bergwerken auch unter Tage abrackern zu dürfen. Die Zahl der über Tage in den Bergwerken schaffenden weiblichen Arbeiter hat um ca. 500 zu= genommen. Der Lohn der Grubenarbeiter und Grubenarbeiterinnen ist ein äußerst niedriger. Im Kohlenrevier des Borinage beträgt er für Männer 836 Frcs. pro Jahr, im Distrikt von Lüttich 997 Frcs., in La Louvière, Jolimont 2c. 1005 Frcs. 2c. Der Verdienst der Frauen in den belgischen Bergwerken bleibt überall hinter diesen Jammerlöhnen noch weit zurück. Zunahme der Frauenarbeit in England. In dem industriell so hochentwickelten England ist die Frauenarbeit natürlich in steter Zunahme begriffen. 1891 kamen daselbst auf je 10000 weibliche Personen 3442 berufsthätige Frauen, 1881 hatte man auf 10000 Frauen nur 3405 erwerbsthätige gezählt. Charakteristisch und dem Wesen der kapitalistischen Entwicklung entsprechend ist es, daß die Zahl der berufsthätigen Männer dagegen verhältnißmäßig um etwas zurückgegangen ist. Auf je 10 000 Männer kamen 1881 nämlich 8324 und 1891 aber nur noch 8314 berufsthätige. Die Frauenarbeit, als billige Arbeit, nimmt auf Kosten der Männerarbeit zu. Die Zahl der erwerbsthätigen älteren Frauen hat eine erhebliche Abnahme erfahren. 1881 kamen auf 10 000 Frauen im Alter von über 65 Jahren je 1828 erwerbsthätige, 1891 dagegen nur noch 1578; auf je 10000 Frauen im Alter von 45-65 Jahren zählte man 1881 2608 erwerbs thätige, 1889 aber nur noch 2497. Die Zahl der jüngeren erwerbsthätigen Frauen ist dagegen bedeutend gestiegen. Auf je 10 000 Mädchen im Alter von 10-15 Jahren waren 1891 nicht weniger als 1626 berufsthätig gegen 1506 im Jahre 1881. Von je 10 000 Frauen und Mädchen im Alter von 10-25 Jahren waren 1881 6214 erwerbsthätig, 1891 dagegen 6336. Beruflich beschäftigt waren 1891 nicht weniger als 6336 von je 10 000 Frauen und Mädchen im Alter von 15-25 Jahren, 2960 von denen im Alter von 25-45 Jahren. Aehnlich wie bei den Frauen hat auch bei den Männern die Zahl der erwerbsthätigen älteren Männer abgenommen, die Zahl der jüngeren erwerbsthätigen Männer ist dagegen gestiegen. Von je 10000 Männern im Alter von 65 und mehr Jahren waren 1881 7262 berufsthätig, gegen 6477 im Jahre 1891. Die Zahl der beschäftigten Knaben im Alter von 10-15 Jahren auf je 10000 ist in der gleichen Zeit von 2290 auf 2602 gestiegen. Die Abnahme der älteren, die Zunahme der jüngeren Arbeitskräfte männlicher wie weiblicher erklärt sich dadurch, daß die Arbeit mit der steigenden technischen Entwicklung immer anstrengender und aufreibender wird selbstverständlich nur unter der kapitalistischen Wirthschaftsordnung-, so daß die älteren Arbeitskräfte nicht mehr leistungsfähig genug sind, ausgemerzt" und durch jüngere Arbeitskräfte ersetzt werden. Berantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zettin( Eißner) in Stuttgart. Druckt und Verlag von J. H. W. Diez in Stuttgart.