Nr. 12. Die Gleichheit. 4. Jahrgang. Beitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen. Herausgegeben von Emma Ihrer in Velten( Mark). Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nro. 2660) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf. Stuttgart Mittwoch, den 13. Juni 1894. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Das Ende jeder Klaffenherrschaft. Man braucht nicht gerade in nebelspaltender Zeichendeuterei zu schwelgen, um der lleberzeugung zu sein, daß der tobende Klassenkampf mit dem langsam nahenden, aber sicheren Siege des Proletariats enden wird. Aber je mehr sich die Anzeichen häufen für diesen Ausgang des Ningens zwischen Besitzenden und Besitzlofen, um so lauter prophezeien aus bürgerlichen Kreiſen Kassandra rufe, daß der Sieg des Proletariats gleichbedeutend sein müsse mit einer neuen Klassenherrschaft, die in nichts besser sein werde, als jede andere Klassenherrschaft. Zur Begründung ihrer Ansicht verweisen unsere Propheten auf die geschichtliche Thatsache, daß bis jetzt jede soziale Revolution wohl im Namen der Allgemeinheit vollzogen wurde, thatsächlich aber nur zur Befreiung einer bestimmten Gesellschaftsschichte und zu ihrer Klassenherrschaft führte über eine sozial unter ihr stehende breite Masse, die nach wie vor der Ausbeutung und Unterdrückung überantwortet blieb. Die Thatsache steht unbestreitbar fest für die Vergangenheit, aber sie besagt absolut nichts für die Zukunft. Das Proletariat ergreift die politische Macht, es vollzieht seine Befreiung unter ganz anderen geschichtlichen Umständen, als jede andere soziale Schichte, unter Umständen, welche jede dauernde Klassenherrschaft ausschließen. Zuschriften an die Redaktion der Gleichheit" sind zu richten an Fr. Klara Zetkin( Eißner), Stuttgart, RothebühlStraße 147, IV. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. und sozial Herrschenden steht dann eine Masse von werkthätigen Besitlosen gegenüber, die von dem wuchtigen Hammer der wirthschaftlichen Verhältnisse zu einer einheitlichen, von den gleichen Interessen bewegten revolutionären Masse und Macht zusammengeschweißt worden ist. Das Großkapital vernichtet durch seine übermächtige Konkurrenz die wirthschaftlich selbständige Eristenz von Kleinbürgern und Kleinbauern, macht sie zu Eigenthumslosen, indem es ihren Besitz verschlingt, und stößt sie hinab in die Reihen des Proletariats. Soweit noch Reste eines Kleinbürger- und Kleinbauernthums vor= handen sind, müssen sie einsehen handen sind, müssen sie einsehenfalls sie nicht unheilbar verbohrt sind daß ihr Untertauchen in das Proletariat nur eine Frage der Zeit ist, sie verzweifeln an der bestehenden Ordnung der Dinge und schließen sich dem Proletariat an. So spricht das Proletariat nicht blos im Namen der Allgemeinheit, es ist gegenüber der winzigen Klasse der Besitzenden thatsächlich die Allgemeinheit. Und zwar eine Allgemeinheit, innerhalb welcher es keine verschiedenen sozialen Schichten giebt, die durch Verschiedenartigkeit ihrer materiellen Interessen zu einander in Gegensatz gestellt werden. " " Innerhalb der werkthätigen Masse beseitigt die geschichtliche Entwicklung die anfänglich bestehenden verschiedenen Schichten, sie verhindert jede Neubildung von solchen. Die Entwicklung der neu zeitlichen Produktion, die Anwendung und die hervorragende Rolle Bei keiner gesellschaftlichen Umwälzung standen noch die sozial der Werkzeug- und Kraftmaschinen, von wissenschaftlichen ProUnterdrückten den Herrschenden als eine durch die gleichen Inter- duktionsverfahren verwischt die Gegensäße zwischen gelernten und effen zusammengehaltene einheitliche Masse gegenüber. Sie waren ungelernten Arbeitern, zwischen männlichen und weiblichen Arbeitsvielmehr durch tiefgreifende Interessengegensäge in verschiedene kräften, zwischen Angehörigen der verschiedenen Berufsarten, zwischen Schichten gespalten, und von diesen war es nur die wirthschaftlich industriellen und ländlichen Arbeitern, zwischen Proletariern der Handstärkste und einflußreichste, welche ihre Befreiung durchsetzte. Diese und Kopfarbeit, zwischen einheimischen und ausländischen LohnSchichte sprach wohl im Namen der Allgemeinheit, im Namen aller stlaven. Sie läßt nur proletarische Arbeitskräfte überhaupt bestehen, Ausgebeuteten und Unterdrückten und veranlaßte dadurch diese, mit die durchschnittlich das Gleiche leisten und unter den gleichen Arbeitsin den Kampf zu treten gegen die sozial Herrschenden, aber sie bedingungen thätig sind. Die ausgleichende Wirkung der modernen handelte thatsächlich nur in ihrem eigenen Interesse, d. h. im Interesse Produktion läßt im Proletariat keine Rangstufen aufkommen, keine eines fleinen Bruchtheils der Allgemeinheit. Von dem Augenblick Aristokratie" von höheren", bessergestellten Arbeitern im Gegen an, wo sie mit Hilfe der unter ihr stehenden Klassen ihre Gleichsatz zu„ niederen", schlechtergestellten Arbeitern. Die persönliche berechtigung erlangt hat mit den bis dahin bevorrechteten Gesellschaftsschichten, da tritt dies deutlich zu Tage. Die mit stolzen Posaunentönen verlangte Freiheit Aller schrumpft dann zusammen zu der Freiheit der sozial heraufgekommenen Klasse, ihre Machtstellung zu brauchen und zu mißbrauchen im Interesse ihres Gigennubes, ihres Klassenvortheils. Die unter ihr stehenden sozialen Schichten erhalten an Rechten und Freiheiten das Mindestmaß dessen, was ihnen nicht länger versagt werden kann. Die Klasse der wirthschaftlich Schwächsten, der Besißlosen insbesondere wird von der heraufgekommenen Klasse in Ausbeutung und Unterdrückung gehalten, denn diese Ausbeutung und Unterdrückung ist es gerade, woraus sie ihre wirthschaftliche und soziale Macht saugt. Die Bourgeoisie zog im Namen der allgemeinen Menschenrechte in den Kampf für ihre Befreiung, das Kleinbürgerthum, die ländliche Bevölkerung und das in der Bildung begriffene Proletariat holten ihr die Kastanien aus dem Feuer, das Proletariat verfiel der schrankenlosen Ausbeutung und Klassenherrschaft der Bourgeoisie. Anders liegen die Dinge, wenn die Befreiungsstunde des Proletariats schlägt. Einer winzigen Minderheit von Besitzenden Intelligenz, Geschicklichkeit, Berufskenntniß, Kraft des einzelnen Proletariers wird durch die Maschine immer entbehrlicher, findet bei der Arbeit feinen Spielraum mehr. bei der Arbeit keinen Spielraum mehr. Der kluge Arbeiter hat feine andere mechanische Verrichtung zu leisten als der weniger befähigte, er vermag nicht, auf Grund seiner Fähigkeiten und Leistungen sich über das Niveau seiner Kameraden zu erheben, sich andere und bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen. Die höheren Posten als Direktoren 2c. find den Proletariern meist unzugänglich, dazu äußerst dünn gesäet. Die Zahl der Werkmeister, der Vorarbeiter 2c. ist gleichfalls eine so winzige und ihre Stellung unterscheidet sich so wenig von derjenigen der Arbeitermasse, daß sie nicht als besondere Schichte des Proletariats in Betracht kommen fönnen. Dem auswachsenden Kapitalismus gegenüber erweist sich der gewerkschaftliche Kampf als immer ohnmächtiger, den Angehörigen einzelner Berufsarten auf die Dauer günstigere Arbeitsbedingungen und Lebensverhältnisse zu erkämpfen. Dagegen verhindert die Arbeiterschutzgesetzgebung, welche Schritt für Schritt mit der politischen Bethätigung des Proletariats als Klasse einen weiteren Ausbau erfährt, daß bestimmte proletarische Schichten in das tiefste Elend versinken, zu Proletariern zweiten Grades werden. Bereits gesunkene Schichten des Proletariats hebt ihr Einflus; allmälig wieder auf ein höheres Niveau empor. So wirken die Gleichheit der Arbeitsbedingungen, der Druck der kapitalistischen Uebermacht von oben, der Druck der politischen Macht der Arbeiterklasse von unten darauf hin, das Proletariat zu einer einheitlichen Masse zu gestalten, in der kein Platz ist für„Aristokraten" und„Plebejer". Die Solidarität der Interessen aller Ausgebenteteu allen Ausbeutern gegenüber, die sich um so kräftiger bethätigt, je mehr sich der Klassenkampf zuspitzt, trägt machtvoll das Ihrige dazu bei, die Einheitlichkeit der Proletariermasse zu verstärken und immer gewaltiger in Erscheinung zu rufen. In dem Augenblick, wo das Proletariat der bürgerlichen Gesellschaft den abgelaufenen Schuldschein ihrer Existenz präsentirt, und die Klassenherrschaft der Besitzenden stürzt, treten mithin die Besitzlosen auf den Plan als einheitliche, durch keinerlei Schichtung gespaltene Masse. Unter dem Proletariat steht keine andere soziale Schichte, über welche dieses eine Klassenherrschaft ausüben, welche es der Ausbentuug und Unterdrückung überantworten könnte. Und daß das Proletariat den Spieß der Klassenherrschaft nicht einfach umdreht, die bisher Besitzenden seiner Klassenherrschaft unterwirft, dafür biirgt ein einfacher Grund. Klassenherrschaft wird ausgeübt zum Zwecke der wirthschaftlichen Ausbeutung einer anderen Klasse. Die Klasse der Besitzenden ist aber schon heutigentags so klein und schmilzt durch die Anhäufung des Kapitals in immer weniger Händen zu einer so winzigen zusammen, daß dieser kleinen Minderheit, sogar die härteste Ausbeutung vorausgesetzt, unmöglich die wirthschaftliche Rolle des heutigen Proletariats aufgebürdet werden könnte. Sie wäre schlechterdings nicht im Stande, auch nur annähernd so viel zu leisten, daß auf Kosten ihrer Arbeit die ungeheure Mehrzahl, ja so gut wie die gesammte Gesellschaft als Schmarotzer zu leben vermöchte. Wenn die wirthschaftliche Ausbeutung der bisher Herrschenden somit keinen Sinn hat, so fällt auch jede Ursache zu ihrer sozialen Versklavung, zu einer Klassenherrschaft über sie fort. Außerdem: das Proletariat kann seine Befreiung einzig und allein finden durch die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, in einer sozialistischen Gesellschaft. Eine sozialistische Gesellschaft kann aber nur existiren als Arbeitergesellschaft, als Gemeinschaft, in der jedes Glied nach Maßgabe seiner Kräfte, der gesellschaftlichen Bedürfnisse und der jeweiligen Produktionsbedingungen gesellschaftlich nothwendige oder nützliche Arbeit verrichtet. Auf Grund dieser Arbeit hat dann jeder Einzelne Anspruch auf alle Güter und Kulturmöglichkeiten, welche die Gesellschaft zu bieten vermag. Sobald die früheren Besitzenden solche gesellschaftlich nothwendige oder nützliche Arbeit verrichten, sich aus nichtsthuenden Nutznießern frenider Arbeit verwandeln in selbstthätige, nutzenschaffende Arbeiter, tauchen sie unter in der werkthätigen Masse und werden jedem anderen thätigen Glied der Arbeitergesellschaft voll und ganz gleichberechtigt. Gewiß, der mit der Besitzergreifung der politischen Macht durch das Proletariat endende Klassenkampf führt zunächst zur Klassenherrschaft des Proletariats. Aber dieses muß seine Klassenherrschaft gebrauchen zum Zwecke seiner Befreiung. Seine Befreiung kann es nur dadurch vollziehen, daß es die Ursache seiner wirthschaftlichen Ausbeutung und Abhängigkeit, die Ursache seiner sozialen Knechtschaft vernichtet: das Privateigenthum an den Produktionsmitteln. Im Klasseninteresse des Proletariats müssen diese aus dem Besitz einiger Weniger in den Besitz der Allgemeinheit übergeführt werden. Und die Allgemeinheit, welche Besitz von ihnen ergreift, welche ihr Erbe antritt, ist nicht ein bloßer Begriff, sie ist nicht ein Sammelsurium der verschiedenartigsten, durch Interessengegensätze von einander getrennten sozialen Schichten, sie ist nicht mehr der Deckmantel für die Sonderinteressen einer einzelnen Klasse. Sie ist vielmehr eine einheitliche, feste Masse, die gebildet wird durch die ungeheure Zahl aller werkthätigen Besitzlosen, eine Masse, in welcher die bisher Besitzenden aufgehen, weil sie Arbeiter werden und werden müssen. So vollzieht sich die Vergesellschaftung der Produktionsmittel nicht im Interesse eines Bruchtheils der Gesellschaft, sondern im Interesse all ihrer Glieder, so werden diese gleicherweise zu Mitbesitzern, zu Nutznießern des gesellschaftlichen Reichthums. Zur Unmöglichkeit wird damit die Ausbeutung und Versklavung eines Menschen durch einen anderen Menschen, die Ausbeutung und Versklavung einer Klasse durch eine andere Klasse. Die erste That der Klassenherrschaft des Proletariats ist mithin auch ihre letzte. Indem das Proletariat mit der Aufhebung des Privateigeuthums die Klassenherrschaft der Besitzenden vernichtet, vernichtet es mit der Ursache derselben die Möglichkeit jeder Klassenherrschaft, auch seiner eigenen. Der Sieg des Proletariats bedeutet mithin thatsächlich die Gleichstellung alles dessen, was Menschenantlitz trägt. Der fünfte internationale Vergart'eiter-Kvngrrfz zu Verlin. Während der Pfingstwoche tagte in Berlin der fünfte internationale Bergarbeiterkongreß. Es war dies für die gesammte proletarische Welt ein hochwichtiges Ereigniß. Die Bergarbeiter spielen im modernen Wirthschaftsleben eine besonders bedeutende Rolle, und in Folge dessen ist ihre Stellung und Haltung in der Arbeiterbewegung von besonderer Tragweite für die Arbeiterklasse. Nicht blos die Grubenarbeiterschaft der verschiedenen Länder verfolgte deshalb die Verhandlungen des Berliner Kongresses mit gespannter Aufmerksamkeit, vielmehr das gesammte Proletariat, soweit es zielbewußt für seine Befreiung kämpft. Zum ersten Male war es, daß ein internationaler Arbeitertag auf deutschem Boden zusammentrat. Auch insofern war der Berliner Kongreß von Bedeutung. Bei den politischen Verhältnissen Deutschlands und den Gepflogenheiten der preußischen Behörden, hatten die ausländischen Delegirten— wie der Engländer Pickard betonte— mit Unbehagen daran gedacht, daß die Vertreter des internationalen Grubenproletariats in Berlin zusammentreten sollten. Der Kongreß konnte jedoch behördlicherseits ungeschoren seine Arbeiten erledigen. Es war dies ein stillschweigendes Zugeständniß an den wachsenden politischen Einfluß der deutschen Arbeiterklasse. Allerdings konnte sich die liebe preußische Polizei nicht ganz ihrer Gewohnheit zu Waden- kneifereien enthalten: Der belgische Delegirte Defuisseaux, welcher durch die Klassenjustiz seines Landes zu 33 Jahren Gefängniß verurtheilt worden ist, wurde verhaftet und als„lästiger Ausländer" ausgewiesen. Der Kongreß wurde am 14. Mai unter starkem Andrang der Berliner Arbeiterbevölkerung in dem großen Konkordiasaal eröffnet, der den Umständen entsprechend mit den Porträts der großen Vorkämpfer des Sozialismus und Kampfessprüchen des internationalen Proletariats verziert war. Dem Kongreß wohnten bei: aus England 38 Delegirte, die K45<)0tl Bergleute vertraten, „ Deutschland 39„„ 132 300„ „ Frankreich 4„„ 100 000„„ „ Belgien 3„„ 70 000 „ Ocstereich 2„„ 100000„„ Zusammen 86 Delegirte, die 1 107 300 Bergleute vertraten. Auffallen mußte unbedingt, daß die Engländer fast ausnahmslos große, kräftige Gestalten waren, der lebende Beweis für die Bedeutung einer starken gewerkschaftlichen Organisation, die im steten zähen Kampfe mit dem Unternehmerthum für ihre Glieder verhällnißmäßig günstigere Arbeitsbedingungen ertrotzt hat. Die Delegirten aus Oesterreich, dem Ruhrgebiet und aus Westfalen waren dagegen die leibhaftige Verkörperung dessen, was schamloseste Ausbeutung proletarischer Arbeitskraft an der Menschheit sündigt. Es waren ausgemergelte, abgezehrte Gestalten, in deren Züge Roth, Entbehrung und Ueber- anstrengung unverwischbare Furchen gegraben. Singer begrüßte den internationalen Bergarbeitertag im Namen der deutschen sozialdemokratischen Reichstagsfraktion; Legien im Namen der gewerkschaftlich organisirten Arbeiterschaft Deutschlands, Millarg als Vertreter der Berliner Gewerkschaften. Es antworteten aus der Mitte des Kongresses je ein Delegirter der verschiedenen vertretenen Nationen. Aus sämmtlichen Begrüßungsreden wehte der Geist der internationalen Interessengemeinschaft, der internationalen Brüderlichkeit des Proletariats. Franzosen, Belgier, Deutsche und Oesterreicher erklärten außerdem klipp und klar, daß sie, beziehungsweise ihre Auftraggeber, auf dem Boden der sozialistischen Bewegung ständen und nur von ihr das Heil erwarteten. Die Berichte über die Lage der Bergarbeiter in den verschiedenen Ländern entrollten traurige Bilder von deren Arbeits- und Lebensverhältnissen. Uebermäßig lange und schwere Arbeit unter den ungesundesten, vielfach sogar mörderischen Umständen, niedrige Löhne, zum Theil wahre Hungerlöhne und als Zugabe so und so oft eine Behandlung und Beeinträchtigung der persönlichen Freiheit, welche an die Zeiten der Leibeigenschaft erinnert, das war im großen Ganzen die Bilanz der Berichte. Am besten sind verhältnißmäßig noch die englischen Bergarbeiter daran, aber auch ihre Lage ist nichts weniger als zufriedenstellend. Eine Besserung auf dem Wege der freien Vereinbarung" mit dem Unternehmerthum erwarteten einzig und allein die Berichterstatter der Bergleute von Durham und Northumberland, wo die Häuer aber auch nur diese allein ausnahmsweis günstige Verhältnisse haben. In allen übrigen Berichten kam mit wuchtiger Einstimmigkeit zum Ausdruck, daß die Bergarbeiterschaft nur durch den organisirten, zielbewußten Kampf gegen das Unternehmerthum sich menschenwürdige Arbeitsbedingungen zu erringen vermag, und daß der Ausbau der Organisation als einer Kampfesgemeinschaft, sowie die Erringung des gesetzlichen Achtstundentags die nächſtliegenden, anzustrebenden Nothwendigkeiten seien. Bezüglich der nun zur Tagesordnung stehenden Frage des„ gesetzlichen Achtstundentags", Ein- und Ausfahrt einbegriffen, erklärte sich der Kongreß mit 76 gegen 10 Stimmen für diese Reform, die, wie wiederholt betont wurde, um so dringlicher sei, je weniger die gewerkschaftliche Organisation allein auf die Dauer bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen im Stande sei. Nur die Delegirten von Durham und Northumberland stimmten gegen die gesetzliche Regelung der Arbeitszeit. Sie vertraten eine Minderheit von 120 000 gegenüber der überwältigenden Majorität von 1050 000 Bergleuten. Leider herrschte nicht die gleiche Einmüthigkeit in Betreff der Frage, ob der gesetzliche Achtstundentag nur für die unter Tage arbeitenden Bergleute zu fordern sei, sondern auch für die über Tage in Bergwerken thätigen Personen. Die Engländer erwiesen sich in dieser Frage noch theilweise im alten Zunft- und Kastengeist befangen, indem sich ihre Majorität( 27 Delegirte mit 445 000 Bergleuten) der Abstimmung enthielt über den Antrag der Franzosen und Belgier, den Achtstundentag für alle in Bergwerfen unter und über Tage thätigen Personen gesetzlich festzulegen. Für diesen Antrag stimmten geschlossen Franzosen, Desterreicher, Deutsche und Belgier, sowie zwei Engländer, zusammen 49 Delegirte, welche 492 000 Bergarbeiter vertraten. Direkt gegen den Antrag votirten die Delegirten von Durham und Northumberland. Der nächstfolgende Punkt der Tagesordnung:„ Gesetzliche Haftbarkeit der Arbeitgeber den Arbeitern gegenüber im Falle von Unfällen während der Arbeit" fand in Folge der Haltung der Engländer keine Majorität. In der Frage lag ein Antrag der Belgier vor, laut dem die Unternehmer entschädigungspflichtig sein sollten für alle Unfälle, die den Arbeitern im Bergwerksbetriebe zustoßen. Die Forderung wurde sehr richtig damit begründet, daß die Profitwuth der Grubenbarone zur Vernachlässigung aller Maßregeln und Einrichtungen führe, welche Leben und Gesundheit der Bergarbeiter gegen Unfälle schützen könnten, daß sie durch hochgradige Ausbeutung die Arbeiter unfähig mache, den drohenden Gefahren die rechte Aufmerksamkeit zu schenken. Die Engländer schlossen sich dieser Auffassung nicht an und stimmten geschlossen gegen den Antrag, während sich alle anderen Nationen geschlossen für ihn erklärten. Da die Engländer mehr organisirte Bergleute vertraten als die Delegirten der übrigen Nationen zusammen, so brachte ihr Votum den Antrag zu Fall. " Bolle Einstimmigkeit herrschte dagegen in der Frage der Frauenarbeit in den Bergwerken".* Kurz, aber beweiskräftig wurden die vielfachen Mißstände beleuchtet, welche die Grubenarbeit der Frauen zeitigt, mögen sie unter oder über Tage beschäftigt sein. Der Kongreß nahm einstimmig einen Antrag an, welcher das Verbot der Frauenarbeit in allen Bergwerfen und in allen Ländern fordert. Meinungsverschiedenheiten zwischen den englischen und den festländischen Delegirten traten wieder zu Tage bei der Frage, wie für die Bergarbeiter der sogenannte living- wage( auskömmliche Lohn) erlangt und festgehalten werden könne." Seitens der Engländer lag eine Resolution vor, daß die Organisation der einzige Weg sei, den living- wage zu erlangen. Die deutsche Delegation forderte dagegen für jedes Land die gesetzliche Festlegung eines Lohnminimums. Franzosen und Belgier schlossen sich diesem Antrag an, der von den Engländern einstimmig verworfen, von den genannten drei Nationalitäten geschlossen angenommen wurde. Nach der geltenden Geschäftsordnung war er mithin abgelehnt, was einen Protest der Deutschen, Belgier und Franzosen veranlaßte. Auch bei dem nun zur Verhandlung gelangenden Punkte der Tagesordnung:„ Verhinderung der Ueberproduktion" trat ein Gegensatz zwischen den englischen und den übrigen Delegirten zu Tage. Zu dem Gegenstand lagen drei Anträge vor. Belgier und Franzosen * Wir werden in der Folge im Anschluß an die Kongreßarbeiten auf die Frage der Frauenarbeit in den Bergwerken zurückkommen. 91 forderten die Einsetzung einer internationalen Kommission, welche die Frage zu prüfen habe, durch internationale Vereinbarung der Bergarbeiter eine Verminderung der Ueberproduktion herbeizuführen, gleichzeitig aber auch eine Steigerung der Löhne und die Durchführung des Achtstundentages. Diese Kommission solle dem nächsten internationalen Bergarbeiterkongreß bestimmte Vorschläge unterbreiten. Die deutsche Delegation forderte behufs Einschränkung der Ueberproduktion Erhöhung der Löhne und gesetzliche Verkürzung der Arbeitszeit, erklärte aber gleichzeitig, daß die Ueberproduktion erst beseitigt werden könne durch Umwandlung der kapitalistischen in eine sozialistische Gesellschaftsordnung. Der englische Antrag dagegen erklärte die Ueberproduktion an Kohlen als eine Folge der Einführung ungelernter Arbeiter in die Bergwerke und der Konkurrenz der Kohlenhändler untereinander. Er forderte, daß zu ihrer Beseitigung alle Nationalitäten jedes zulässige Mittel anwenden und mit gesetzlichen Mitteln die Verwendung ungelernter Arbeiter in den Bergwerken fünftighin hindern sollten. Der Antrag der Engländer ward gegen die Stimmen aller übrigen Nationalitäten angenommen. Die Haltung der Engländer in dieser, sowie in verschiedenen anderen wichtigen Fragen und der Umstand, daß bei der geltenden Geschäftsordnung ihre Anträge gegen die Stimmen aller übrigen Delegirten zur Annahme gelangten, waren nicht umhin, die letzteren etwas zu verstimmen. Verschiedentlich platzten die Geister scharf auf einander, aber nicht, ohne sich wieder im Geist brüderlicher Solidarität zusammenzufinden zu gemeinsamer Arbeit. Um feinen bleibenden Mißton aufkommen zu lassen, gab die englische Delegation die Erklärung ab, daß die aufgetauchten Differenzen auf Mißverständnisse zurückzuführen seien, und daß sie innig wünsche, in internationaler Solidarität mit den übrigen Nationalitäten stets zusammenzuarbeiten. Da die Engländer mit Rücksicht auf die ihnen zugemessene Zeit den Verhandlungen des Kongresses nicht bis zum Schlusse beiwohnen konnten, so vertagte dieser die übrigen Punkte bis zur nächsten internationalen Zusammenkunft der Bergarbeiter. Erledigt wurden nur noch die Wahl des internationalen Geschäftskomites und die Wahl des nächsten Kongreßortes, der in Paris stattfinden wird. Bürgerlicherseits hat man die Differenzen zwischen englischen und festländischen Delegirten zu ernsten Zerwürfnissen aufgebauscht; man hat mit Wohlbehagen gesungen und gesagt von einem Scheitern des Berliner Kongresses und der internationalen Bergarbeiterbewegung. Bei allen diesbezüglichen Behauptungen war wieder einmal der Wunsch der Vater des Gedankens. Zum Theil waren die vorgekommenen Mißhelligkeiten thatsächlich blos Mißverständnisse, die aus der Verschiedenheit der Sprachen und der parlamentarischen Gebräuche herrührten. Eine Reform der für internationale Kongresse geltenden Geschäftsordnung und Maßregeln, um die sprachliche Verständigung zu erleichtern, werden diesen Mißverständnissen vorbeugen. Daß die Engländer den festländischen Delegirten gegenüber vielfach abweichende Ansichten vertraten, war vorauszusehen und darf keineswegs befremden. Man konnte doch unmöglich erwarten, daß die englischen Bergarbeiter, welche bis vor Kurzem an dem Standpunkt eines starren, zünftigen, nationalen Nichtsalsgewerkschaftlerthums festhielten, plötzlich mit beiden Füßen ins sozialistische Lager springen würden. Und wenn sich die Gegensätzlichkeit ihrer Ansichten hier und da in einer Weise äußerte, welche den festländischen Delegirten an das Protzige zu streifen schien, so erklärt sich dies durch die Eigenthümlichkeiten des englischen Nationalcharakters und durch das starke Selbstgefühl, das der englische Arbeiter im Kampfe gewonnen hat. Langsam, schrittweise nur lenkt die englische Arbeiterbewegung ein in die Bahnen des internationalen Sozialismus. Und Angesichts dieser Thatsache bezeichnet es sicher einen Fortschritt, daß die so mächtigen Gewerkschaften der englischen Grubenarbeiter, durchdrungen vom Gefühl der internationalen Solidarität und der Nothwendigkeit des internationalen Zusammenwirkens der Arbeiter, an einem Kongreß theilnahmen, dessen sozialistischer Charakter von vornherein feststand. Vor nicht allzu langer Zeit hätten die Engländer ein internationales Zusammengehen und gar ein Zusammengehen mit ausgesprochenen Sozialisten zurückgewiesen. Daß die dem Kongreß vorliegende Kardinalfrage des gesetzlichen Achtstundentages die volle Zustimmung der Engländer erhielt von der kleinen Minderheit der Durham- und Northumberlandleute abgesehen jedenfalls ein weiterer Beweis für die Fortschritte, die der sozialistische Gedanke unter den englischen Arbeitern macht. Diese Fortschritte sind nicht zu vergessen über den Punkten, in denen sich die englischen Delegirten noch im Gegensatz zu den organisirten festländischen Grubenarbeitern befanden. ist Die Ergebnisse des fünften internationalen Bergarbeiterkongresses lassen sich im Wesentlichen wie folgt zusammenfassen. Die organisirten Bergarbeiter von Deutschland, Desterreich, Frankreich und Belgien stehen klipp und klar auf dem Boden des Sozialismus. Die englischen Bergarbeiter werden durch die Macht der Verhältnisse mehr und mehr auf diesen Boden hinübergedrängt. Die internationale Fühlung zwischen der Grubenarbeiterschaft aller Länder wird eine immer engere und innigere, die Grundlage des gemeinsamen Wirkens wird immer breiter und fester. Das klassenbewußte Proletariat hat allen Grund, mit den Ergebnissen des fünften internationalen Bergarbeiterkongresses zufrieden zu sein. Arbeiterinnen- Bewegung. In der Zeit vom 15. Mai bis 3. Juni fanden öffentliche Versammlungen statt in: Adlershof, öffentliche Versammlung für Fabrikarbeiter und Arbeiterinnen:" Die wirthschaftliche Lage der Arbeiter"( Genossin Wabniß); Altenburg, öffentliche Volksversammlung:„ Bürgerliche und proletarische Frauenbewegung"( Genossin Zetkin); Altona, öffentliche Volksversammlung:" Anarchismus und Sozialismus"( Genosse Lesche); Berlin, öffentliche Versammlung der Arbeiter und Arbeiterinnen der allgemeinen Elektrizitätswerke:„ Die in den Betrieben der Firma herrschenden Mißstände"( Genosse Näther); öffentliche Versammlung der Schneider und Schneiderinnen:„ Die geplante Lohnbewegung in der Konfektion und unter welchen Bedingungen ist dieselbe erfolgreich durchzuführen?"( Genosse Täterow); öffentliche Versammlung aller in der Schuhindustrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Die Stadien der kapitalistischen Entwicklung"( Genosse Sailer); öffentliche Volksversammlung:„ Der Antrag des Grafen Kanig auf Regulirung der Getreidepreise"( Genosse Bebel); öffentliche Versammlung der in der Kürschnerbranche beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Was lehrt uns die lange Arbeitslosigkeit?" ( Genosse Rogge); Dresden, öffentliche Versammlung für Schneider und Schneiderinnen:„ Die moderne Kulturbewegung"( Genosse Eichhorn); Eisenberg, öffentliche Volksversammlung: Die Frauen des Proletariats und der Militarismus"( Genossin Zetkin); Frankfurt am Main, öffentliche Versammlung aller in der Bekleidungsindustrie beschäftigten Personen:„ Die Aussperrung der Schuhmacher in Burg" ( Genosse Göller); Frankfurt a. D., öffentliche Versammlung der Tabatarbeiter und-Arbeiterinnen:„ Volfsernährung"( Genosse Fischer); Gößniz, öffentliche Volksversammlung:" Was will die Sozialdemofratie?"( Genossin Zetkin); Leipzig, öffentliche Versammlung, einberufen vom Bildungsverein für Frauen und Mädchen:„ Die Stellung der Frau beim Uebergang vom Mutter- zum Vaterrecht"( Genosse Ade); " Der Krieg. Aus dem Französischen des Guy de Maupassant. Wenn ich nur an das Wort„ Krieg" denke, erfaßt mich Bestürzung, als spräche man mir von Zauberei und Inquisition, von Dingen, die weit hinter uns liegen, die längst vergangen sind, von etwas Abscheulichem, Fürchterlichem, Unnatürlichem. Wenn man von Menschenfressern spricht, lächeln wir stolz und preisen unsere Ueberlegenheit über die Wilden. Wer sind die Die, welche sich schlagen, um die Wilden, die wahren Wilden? Die, welche sich schlagen, um die Besiegten zu verzehren, oder die, welche einander bekämpfen, um zu tödten, nur um zu tödten? Jene fleinen Liniensoldaten, die da unten marschiren, sind dem Tode geweiht wie die Schafheerden, die der Schlächter auf der Straße dahintreibt. Sie werden in einer Ebene fallen, das Haupt von einem Säbelhieb gespalten oder die Brust von einer Kugel durchbohrt. Und das sind junge Männer, die arbeiten, schaffen, nüßlich sein könnten. Ihre Väter sind alt und arm; ihre Mütter, von denen sie zwanzig Jahre geliebt, angebetet wurden, wie nur Mütter anbeten können, werden in sechs Monaten, viel= leicht in einem Jahre erfahren, daß der Sohn, das Kind, das große, mit so viel Mühe, mit so viel Opfern und so viel Liebe erzogene Kind, in ein Loch geworfen wurde wie ein verreckter Hund, nachdem ihn eine Stückkugel zerrissen hatte, nachdem er von einer Kavallerie- Attaque zerstampft, zertreten, zu Brei zermalmt worden war. Warum hat man ihren Jungen getödtet, ihren schönen Jungen, ihre einzige Hoffnung, ihren Stolz, ihr Leben? Sie weiß es nicht. Ja, warum?.... Ein geschickter Künstler in seinem Fache, ein Genie des Gemezels, Herr von Moltke, antwortete eines Tages den Abgesandten der Friedensfreunde mit folgenden sonderbaren Worten:" Der Krieg ist heilig, ist eine göttliche Einrichtung; er ist eines der geheiligten 92 Neu Poderschau, öffentliche Versammlung:" Was will die Sozialdemokratie?"( Genossin Zetkin); Ohligs, öffentliche Versammlung für Frauen und Männer:„ Die Stellung der Frau und ihre Betheiligung am öffentlichen Leben"( Genossin Gotthusen- Düsseldorf); die Versammlung wählte zur Förderung der Agitation unter den Frauen eine Vertrauensperson: Genossin Eschenfeld; Pölzig, öffentliche Volksversammlung:„ Die Frauen des Proletariats und der Militarismus" ( Genossin Zettin); Ronneburg, öffentliche Volksversammlung:„ Die Frauen des Proletariats und der Militarismus"( Genossin Zetkin); Schmölln, öffentliche Versammlung:„ Die Bedeutung der politischen Rechte für die Frauen des Proletariats"( Genossin Zetkin); Schöneberg, öffentliche Versammlung aller in der Metallindustrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Zweck und Nutzen der gewerkschaftlichen Agitation"( Genosse Bösch); Stötteri, öffentliche Volksversammlung:„ Die Gesetzgebung im Klassenstaat"( Genossin Zetkin); Weißensee, öffentliche Versammlung der in der Holzindustrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Die Aufgaben der Gewerkschaftsorganisation"( Reichstagsabgeordneter Schmidt); Taucha, öffentliche Versammlung für Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Die Bedeutung der Arbeiterorganisation für die Hebung der Klassenlage des Proletariats"( Genossin Vogel- Netzschkau); 3eiß, öffentliche Volksversammlung:„ Die Stellung der Sozialdemokratie zum Privateigenthum, Königthum, Vaterland, Ehe und Religion"( Genosse v. Wächter). - Vereinsversammlungen fanden in der gleichen Zeit statt in: Berlin, Mitgliederversammlung des Vereins der Stockarbeiter:„ Die technische Revolution der Neuzeit"( Genoffin Baader); Mitgliederversammlung der Vereinigung der in der Kravatten- und Wäschebranche beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Die wirthschaftliche und sittliche Wirkung des Achtstundentags"( Genosse Jahn); Mitgliederversammlung des Verbands aller in Buchbindereien, der Papier und Ledergalanteriewaaren- Industrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Entscheidungen des Gewerbegerichts"( Genosse Jost); Mitgliederversammlung des Frauen- und Mädchenbildungsvereins:„ Die Entstehung und Aufgabe der Arbeiterbewegung"( Genosse Pause); Hamburg, Mitgliederversammlung des Verbands der Fabrik-, Land-, Hilfsarbeiter und Arbeiterinnen: Interne Angelegenheiten; Nürnberg, Mitgliederversammlung des Frauen- und Mädchenbildungsvereins:„ Wie erfüllen die Arbeiterbildungsvereine ihren Zweck?"( Genosse Koch). Der Berliner Bierboykott. Die Berliner Arbeiter stehen seit Mitte Mai in einem gewaltigen Kampfe gegen den Brauereiring, Gesetze der Welt; er erhält in den Menschen alle großen, edlen Gefühle: Die Ehrenhaftigkeit, die Uneigennüßigkeit, die Tugend, den Muth, mit einem Worte, er hindert sie, in den abscheulichsten Materialismus zu verfallen." Also sich in Heerden von vierhunderttausend Menschen zusammenthun, Tag und Nacht ohne Rast marschiren, an nichts denken, nichts studiren, nichts lernen, nichts lesen, Niemandem nüßlich sein, im Schmutz verfaulen, im Koth schlafen, wie die Bestien stumpfsinnig dahinvegetiren, Städte plündern, Dörfer in Asche legen und die Völker zu Grunde richten das nennt man ,, nicht in den abscheulichsten Materialismus verfallen". Dann einem anderen Haufen von Menschenfleisch begegnen, auf ihn los= stürzen, Seen von Blut vergießen, weite Strecken des zerftampften, blutgerötheten Bodens mit zermalmtem Fleisch düngen, Haufen von Leichnamen aufthürmen, einen Arm oder ein Bein verlieren und mit zerschmettertem Hirn in einem Winkel des Feldes elend zu Grunde gehen, während die alten Eltern, das Weib und die Kinder Hungers sterben das nennt man nicht in den abscheulichsten Materialismus verfallen!" Die Kriegshelden sind die Geißel der Welt. Da ringen wir mit der Natur, da kämpfen wir mit der Unwissenheit, gegen Hindernisse aller Art, um unser elendes Leben weniger hart zu gestalten. Menschen, Wohlthäter, Gelehrte verwenden ihr Leben zur Arbeit, suchen nach Mitteln, ihren Brüdern zu helfen, sie zu unterstüßen, ihr Loos zu erleichtern. Eifrig bedacht auf das Wohl der Allgemeinheit fügen sie Entdeckung zu Entdeckung, bereichern sie den menschlichen Geist, erweitern sie die Grenzen der Wissenschaft, liefern sie Tag für Tag dem Verständniß eine Summe neuen Wissens, schenken sie Tag für Tag ihrem Vaterlande Gesundheit, Wohlstand, Stärke. Da kommt der Krieg und in sechs Monaten haben die Generäle die Früchte von zwanzig Jahren der Arbeit, der Geduld, des Genies zu nichte gemacht. einem Kampfe, der ihnen von dem Prohenhochmuth der Ritter vom Sudkessel und der Malzdarre aufgezwungen worden ist. Die Rixdorfer Vereinsbrauerei und einige andere Brauereibetriebe sperrten die bei ihnen beschäftigten Böttcher auf eine Woche aus, weil sie am ersten Mai nicht gearbeitet hatten. Obgleich es sich um eine ganz interne Angelegenheit zwischen den Böttchern und ihren Unternehmern handelte, verhängte eine Versammlung in Rigdorf den Boykott über die Rixdorfer Vereinsbrauerei. Dieser Beschluß lieferte dem Berliner Brauereiring den Vorwand zu einem wüsten Kesseltreiben gegen die organisirten Arbeiter. Der Ausschuß der Berliner Gewerkschaften erklärte zwar offiziell, daß er dem Beschluß vollständig unbetheiligt" gegenüberstehe, daß er ohne sein Zuthun zu Stande gekommen sei. Er mußte es aber natürlich auch ablehnen, einem Volksversammlungsbeschluß gegenüber sich zum Schildknappen des Brauereirings zu machen und die Zurücknahme des Boykotts zu fordern. Daraufhin gingen nun die Brauereiprozen zu einem unerhört ungerechtfertigten und schamlosen Angriff gegen die Arbeiter über, welcher das Solidaritätsbewußtsein des Berliner klassenbewußten Proletariats herausfordern mußte. Die dem Brauereiring angehörenden Betriebe entließen am 16. Mai einer vorausgegangenen Drohung gemäß 20 Prozent, d. h. 500 ihrer Arbeiter, obgleich die Gemaßregelten mit dem Beschluß der Rirdorfer Versammlung nicht das Geringste zu thun hatten, ja, der großen Mehrzahl nach nicht einmal in der Versammlung anwesend gewesen waren. In blindem Haß gegen die organisirten Arbeiter gingen die Malzritter vor. Mit Vorliebe griffen sie die gewerkschaft lich organisirten Arbeiter heraus, Familienväter und ältere Leute. Die Maßregel traf Arbeiter, welche seit 10 bis 15 Jahren in den betreffenden Betrieben thätig waren und denen der Dividendenhunger der Rösicke& Cie. Gesundheit und Lebenskraft abgepreßt hatte. Sie Alle, dazu Hunderte von Frauen und Kindern werden dem Hunger überliefert, weil das Kapital sein Müthchen an Proletariern kühlen wollte. Diese tückisch- brutale Art der Kriegsführung im Klassenkampf konnte die Berliner Arbeiterschaft nicht ruhig hinnehmen. Sie mußte darauf antworten und zwar so scharf als möglich, um nicht blos dem Brauereiring, sondern dem Unternehmerthum überhaupt ein für allemal die Lust zu so schamlosen Praktiken zu vertreiben. Denn falls den was heute den Brauereiarbeitern geschah, das konnte Herren vom Ring nicht zum warnenden Beispiel ganz energisch auf die Finger geklopft würde schon morgen den Angehörigen jedes Berufs geschehen: ohne jeden Anlaß fonnte es der Kapitaliſtentlique belieben, Arbeiter und ihre Familien der schwärzesten Noth preis" Das nennt man nicht in den abscheulichsten Materialismus verfallen!" Wir haben ihn gesehen, den Krieg. Wir haben es gesehen, wie die Menschen wieder zu Bestien wurden, wie sie in wahnsinnigem Taumel tödteten, aus Wollust, aus Entseßen, aus pol= ternder Prahlerei. Da eristirt kein Recht mehr, das Gesetz ist todt, jeder Begriff von Gerechtigkeit verschwindet. Wir haben ge= sehen, wie man Unschuldige niederschoß, die man auf einer Straße aufgefangen hatte, und die verdächtig waren, weil sie vor Furcht zitterten. Wir sahen, wie man Hunde, an die Thüren ihrer Herren gekettet, niederschoß, blos um neue Revolver zu erproben, wir haben gesehen, wie man zum Vergnügen, ohne jeglichen Grund, mit Startätschen auf grasende Kühe feuerte, nur um zu feuern, nur um sich einen Spaß zu machen. Das nennt man nicht in den abscheulichsten Materialismus verfallen!" In ein Land eindringen, den Mann, der sein Haus vertheidigt, erwürgen, weil er mit einer Blouse bekleidet ist und kein Käpi auf dem Kopfe trägt, die Behausungen armer Leute, die kein Brot haben, in Brand stecken, allerhand Nüßliches und Schönes zerbrechen oder stehlen, den im Keller gefundenen Wein austrinken, die auf den Straßen gefangenen Frauen schänden, Millionen von Franken in Pulver verpuffen und hinter sich das Elend und die Cholera lassen das nennt man nicht in den abscheulichsten Materialismus verfallen" " Was haben sie denn geleistet, die Kriegshelden, um ein wenig Verstand zu beweisen? Nichts. Was haben sie erfunden? Kanonen und Gewehre. Das ist Alles! Hat der Erfinder des Schubkarrens durch die einfache praktische Idee, den zwei Handhaben ein Rad beizugeben, für den Menschen nicht mehr geleistet als der Erfinder der modernen Befestigungen? 93 zugeben, um irgend einen im Interesse des Geldsacks liegenden Zweck zu erreichen, vor Allem um die Gewerkschaften zu zerstören, um den Proletariern die Macht des Besitzes fühlbar zum Bewußtsein zu bringen. In neun Versammlungen, die so überfüllt waren, daß der Zugang zu ihnen längst vor Beginn polizeilich gesperrt wurde, verhängten die Berliner Arbeiter über sieben Brauereien den Boykott. Von einer Verhängung der Maßregel über alle Brauereien des Ringes wurde abgesehen, um den Boykott um so fühlbarer zu machen, durch einen Zwiespalt der Interessen den Ring zu spalten und das Protzenthum um so schneller und sicherer niederzuwerfen. Die bürgerliche Presse spiegelt es getreulich wieder, daß sich das gesammte Unternehmerthum mit den Brauerringlern solidarisch fühlt. Da ist kein Roth zu schmutzig, daß er nicht nach den um ihr Recht kämpfenden Arbeitern geschleudert würde, da ist keine Lüge zu frech, feine Denunziation zu schurkenhaft, daß man ihnen nicht in den Blättern begegnete, welche an dem Strange des Kapitalismus ziehen. Auch an Maßregeln seitens mancher Unternehmer fehlt es nicht, die Arbeiter ihrer Betriebe zum Genuß des boykotteten Bieres zwingen zu wollen, Maßregeln, welche die freudige Billigung des großmäuligen Eugen Richter finden, der sich so gern in die Pose eines Vorkämpfers der„ individuellen Freiheit" wirft! Unentwegt, unangefochten von allen Nücken und Tücken führen die Berliner Arbeiter den Boykott durch. Bei der prinzipiellen Bedeutung der Sachlage und des Sieges der Arbeiterschaft finden sie die Unterstützung der klassenbewußten Proletarier von allerwärts. In Hamburg, Leipzig, Frankfurt a. D. und anderwärts beschlossen die Genossen, nicht eher Bier aus Berliner Brauereien zu trinken, bis der Boykott mit dem Siege der Arbeiter geendet habe. Sicher wird die nächste Zukunft zeigen, daß das gute Recht der Arbeiter und ihr Solidaritätsbewußtsein Mächte sind, an denen kapitalistische Unverfrorenheit und kapitalistisches Prozenthum zerschellt. Klaffengegensätze der Säuglinge. i-. Das Kapital raubt Arbeitern und Arbeiterinnen alles, was des Lebens Nothdurft und was des Lebens Zier und Freude ist. Es raubt ihnen die Existenzmittel, die ihr Bienenfleiß schafft und täglich mehrt; es raubt ihnen die frische Luft, die wärmende und leuchtende Sonne, indem es die Ausgebeuteten in Keller- und Hofwohnungen sperrt, sie in engen, dumpfen Löchern haufenweise zusammenpfercht. Das Kapital raubt den Proletariern die Gesundheit, die Säfte ihrer Adern, die Kraft ihrer Muskeln; es raubt ihnen die frische Gesichtsfarbe, den stattlichen Wuchs, den strammen Gang, die Festigkeit des Rückgrats; es fürzt ihre Tage und erschwert ihren Tod. Das Kapital entzieht Arbeitern und Arbeiterinnen die Schätze der Wissenschaft und Kunst, die sich doch erst auf der Grundlage des von ihnen geschaffenen Reichthums aufbauen konnten und aufbauen können. Es tödtet ihren Geist und stumpft ihr Gefühl ab. Das Kapital raubt den Proletariern und Proletarierinnen alles, was die Seele erheitert, die edlen Sinne ergötzt, des Lebens Hochgefühl erweckt, es entreißt ihnen sogar die letzte und größte Freude des finsteren Proletarierdaseins- das Kind! In weichem Flaum gebettet, gepflegt und gehätschelt, in seine Leinwand und Seide gekleidet, jeden Augenblick sorgsam bewacht, wächst das Kind der Reichen auf. Das Proletarierkind dagegen kommt schon von seiner Geburt an in die härteste Berührung mit dem bitteren Elend. Nothdürftig gekleidet, oft in Lumpen gehüllt, wächst es auf wie eine wilde Pflanze; es ermangelt der Aufsicht, es ermangelt der nothwendigen Pflege. Wohl blutet das Herz der Proletariermutter, wenn sie sieht, wie ihr Kind dahinsiecht. Aber was fann sie thun, wie soll sie helfen, sie, die Sklavin des Kapitals, die sich den Bissen Brot vom Munde abdarbt, die wenigen Augenblicke des Schlafs nach ermüdender Arbeit opfert, um ihr Kind auch nur so dürftig versorgen zu können, wie es geschieht? In so und so viel Fällen freilich kommt es gar nicht erst dazu, daß die Proletarierin für ihr Kind zu sorgen hat, es wird ihr gleich bei der Geburt oder bald nach ihr entrissen. Die harte, übermäßige, aufreibende Arbeit, die schlechte Ernährung der Frau, die staubige, giftgeschwängerte Luft der Fabrik, wo sie schafft, furz all das Elend des Proletarierlebens tödtet das Kind schon im Mutterleibe. Es ist statistisch nachgewiesen, daß bei der Arbeiterbevölkerung viel öfter Todtgeburten vorkommen, als bei den wohlhabenden Klassen. Die meisten Todtgeburten sind zu verzeichnen seitens der unglücklichen Proletariermädchen, die von den Kapitalisten und ihrem hohen und niederen Dienertroß verführt und dann der bitteren Noth preisgegeben werden. Der berühmte Statistiker von Dettingen theilt mit, daß während in Frankreich überhaupt auf 23 Geburten eine Todtgeburt trifft, bei den unehelichen Geburten schon auf je 14 eine Todtgeburt entfällt. Von den unehelichen Kindern aber, die das Licht der Welt erblicken, kommen die meisten in Findel- Häuser, nm hier— bald zu sterben,„Wenn wir lesen, daß an den Sammelstellen für solche gewissermaßen aus der Gesellschaft Ausgestoßene, in den sogenannten Findelanstalten, von den Säuglingen 70 bis 80 und mehr Prozent vor Jahresfrist wieder absterben, so drängt sich ganz von selbst die Erinnerung auf an die Gesetzgebung des Lykurg und die von den Spartanern geübte Sitte, die schwächlichen Kinder vom Taygetos in den Abgrund zu stürzen." Aber wo das Kapital die verzweifelnde Mutter nicht gerade dazu treibt, ihr Kind auszusetzen, da nimmt es selbst vermittelst der satanischen Zauberkraft des Geldes dem Kleinen die Mutter. Es läßt die Sprößlinge der Reichen an der vollen Brust der proletarischen Mutter nähren, deren eigene Kinder unterdessen mit Mehlbrei zu Tode gefüttert oder auf andere Weise ins Engelreich befördert werden. Die Fähigkeit der Mutter, ihre Kinder zu ernähren, wird als Handelsartikel betrachtet. Merkwürdig, daß bis jetzt noch kein sinnreicher Kapitalist auf den Gedanken gekommen ist, Frauenmilch flaschenweise zu verkaufen! Und wenn auch die nährende Milch der Proletarierin nicht zur Waare wird, so bleibt doch ihre Arbeitskraft Waare. Sie muß in die Fabrik, sie wird dem Säugling entrissen, und während die nährende Kraft der Mutterbrust unter Schmerzen verkümmert, wird der verzehrende Hunger der proletarischen Kinder gestillt durch schlechte, wenn nicht durch geradezu schädliche Ersatzmittel. Wie sehr die künstliche Ernährung auf die Sterblichkeit der Kinder einwirkt, zeigt folgende Thatsache:„In dem süddeutschen Zentrum, in Niederbayern und der Oberpfalz, wo das Selbststillen Ausnahme ist, beträgt die Säuglingssterblichkeit bis zu 50 Prozent; während in Oberfranken, wo fast alle Kinder gesäugt werden, nur 25 Prozent sterben." Der Gegensatz zwischen den Verhältnissen, unter denen das Kind der Reichen heranwächst, und jenen, unter welchen das Proletarierkind sich entwickelt, ist so groß wie der Gegensatz zwischen Leben und Tod. Um diesen Gegensatz auch im Einzelnen klar hervortreten zu lassen, wollen wir im Nachfolgenden die statistischen Ergebnisse mittheilen, die Dr. L. Pfeiffer, dessen Aussprüche wir oben anführten, auf Grund eingehender Beobachtungen vor einigen Jahren veröffentlicht hat. vr. L. Pfeiffer hat für 9 Familien von verschiedenem Wohlstand die Ausgaben genau berechnet, welche Mutter und Kind während der ersten 20 Wochen verursachten. Unter diesen Familien befanden sich 4 mit einem jährlichen Einkommen von 6-10000 Mark, also reiche Familien. Diese hatten, außer den gewöhnlichen Ausgaben der Familie, während der genannten Zeit noch folgende besondere Ausgaben für Verpflegung der Mutter und des Säuglings: Wir sehen, den Kindern dieser 4 Familien geht es in jeder Hinsicht gut. Sie finden von der Geburt an für sich den Tisch des Lebens reich gedeckt; sie schmausen aus vollen Schüsseln, sie werden sorgfältig vor jedem rauhen Lüftchen bewahrt. Steigen wir jetzt eine Stufe tiefer. In Betracht kommen zwei noch immerhin wohlhabende Familien, mit einem Einkommen von 2000 Mark im Jahr. In der ersten Familie stillt die Mutter selbst, doch wird noch Kuhmilch zugekauft(ä 20 Pf. pro Liter), in der zweiten nährt man den Säugling mit Nestle's Kindermehl. Diese Familien verbrauchen in den ersten 20 Wochen nach der Geburt: Familie I: 122 Mk. 44 Pf., Familie II: 134 Mk. 30 Pf., das heißt durchschnittlich pro Tag 38 Pf., bezw. 95 Pf. Der Unterschied zu den Mehrausgaben der 4 reichen Familien ist schon gewaltig, und doch handelt es sich immerhin noch um Leute, welche auf einer mittleren Stufe der gesellschaftlichen Gliederung stehen. Wie sieht es erst auf den untersten Sprossen der sozialen Stufenleiter aus? Or. Pfeiffer's Untersuchungen erstreckten sich hier auf 3 Familien: die Familie eines„auskömmlich situirten" Schuhmachers mit 1000 Mark Einkommen im Jahr, eine„Proletarierfamilie" und eine„verkommene Familie", deren Einkommen nicht angegeben werden konnten, die aber trotz ihrer Armuth die Unverfrorenheit gehabt hatten, Kinder in die Welt zu setzen. Die Mehrausgaben für Mutter und Kind stellen sich während der 20 Wochen nach der Geburt in jenen Familien wie folgt: Ein wie ganz anderes Bild als oben blickt uns aus diesen trockenen Zahlen entgegen. In stummer und doch beredter Weise malen sie das Elend, welches das Proletarierkind bei seiner Geburt erwartet. Kommentare zu diesen Zahlen sind überflüssig, es genügt, auf den Abstand zwischen der höchsten und der niedrigsten Mehrausgabe zu verweisen, auf die Thatsache, daß eine der vier reichen Familien für Mutter und Kind Pfennige pro Tag mehr verausgabt, die Proletarierfamilie dagegen einen Pfennig pro Tag. Es versteht sich von selbst, daß die Ausstattungskosten der Kinder von Reichen und Armen ungefähr in demselben Verhältniß zu einander stehen wie ihre Verpflegungskosten. Or. L. Pfeiffer schreibt hierüber bezüglich der reichen Familien: „Die erste Ausstattung des Kindes hat im Durchschnitt 4«X» Mark Anschaffungskosten verursacht, und zwar für Wäsche und Betten zirka 350 Mk., Badewanne 12 Mk., Wiege 20 Mk., Wagen 20 Mk., Kleinigkeiten 43 Mk. Es waren in ständigem Gebrauche 5 Dutzend leinene und 2 Dutzend wollene Windeln." Durchaus anders lagen die Dinge in der Proletarierfamilie: „Das Kind ist, nachdem es die Hebamme ain neunten Tage zum letzten Mal gebadet hat, kaum je ordentlich gereinigt worden; die Reinigung der Windeln ist noch mangelhafter als die des Kindes- Die Ausgabe für Seife ist noch zu hoch angesetzt, da das bei der Geburt des Kindes angeschaffte neue Seifenstück noch auf längere Zeit für die ganze Familie ausreichen muß. Die ersten Anschaffungen für das Kind haben 3 Mk. 4<» Pf. gekostet, und zwar 2 Windel» 60 Pf.. 2 Hemdchen 60 Pf., 1 Nabelband 10 Pf., 3 Jäckchen 90 Pf., 3 Stopflappen 30 Pf., 1 Einbund 50 Pf. und 1 Ueberzug 40 Pf." Kein Wunder dann, ipenn Casper ausgerechnet hat, daß in den sürstlichen und gräflichen Familien unter 5 Jahren nur etwa 6 Prozent der Kinder sterben, bei den Berliner Stadtarmen dagegen zirka 36 Prozent, mehr als ein Drittel. Kein Wunder dann, wenn Wolff herausfand, daß sich für den 21jährigen Zeitraum 1848-1869 in Erfurt die Sterblichkeit der Kinder unter 1 Jahr wie folgt stellt: Bei der Arbeiterklasse auf mehr als 30 vom Hundert, bei den höheren Ständen auf faum 9 vom Hundert. An anderen Orten, ja an allen Orten liegen die Dinge ähnlich. So hat z. B. Schwartz für Köln folgendes Verhältniß der Sterblichkeit der Kinder zartesten Alters zum Einkommen der Eltern nachgewiesen: Bei Eltern mit einem Einkommen bis zu 600 Mt. sterben 29 Prozent der Säuglinge, bei solchen mit 600-1500 Mt. Einkommen 25 Prozent, bei Leuten, welche 1500-3000 Mt. zu verzehren haben, 18 Prozent, bei denen mit über 3000 Mt. Einfünften nur 15 Prozent u. s. w. u. s. w. Diese Zahlen, diese Thatsachen zeigen sinnenfällig, daß für die Säuglinge schon Klassengegensätze bestehen, wie sie schroffer nicht gedacht werden können. Und warum das? Ist das Proletarierkind weniger Mensch, als das Kind des Kapitalisten? Ist es nicht ebenso hilflos? Braucht es nicht die nämliche Sorge wie dieses? Weint es nicht dieselben Thränen, wie ein Bourgeois- Sprößling? Wird es nicht von seinen Eltern ebenso innig geliebt, wie dieser? geringer, als der Schmerz der Reichen? weniger, wenn es in Lumpen gefaßt ist? Ist Proletarierschmerz Wiegt ein Menschenleben In der kapitalistischen Gesellschaft, in der Gesellschaft der Klassengegensätze, ist dies der Fall. Hier gilt nur der Besitzende, und die Kinder der werkthätigen Masse leiden von der Geburt an, ja noch vor ihrer Geburt unter dem Fluche, daß diese werkthätige Masse besitzlos ist. In der kapitalistischen Gesellschaft ist die Möglichkeit auf eine gesunde Entwicklung der Kinder eine Waare, die sich nur der Reiche kaufen kann. Der Arme dagegen muß zusehen, wie seine Kinder zu Grunde gehen, dem Verkommen überantwortet werden. Und so wird es bleiben, so lange diese bürgerliche Gesellschaft besteht. Erst ihre Zertrümmerung schafft für die Kinder Aller die Bedingungen, leben, und zwar menschenwürdig sich entwickeln und leben zu können. 95 In dem einen Saal arbeiten die Korsettnäherinnen. Sie fügen die Theile des Korsetts aneinander und steppen die Nähte, zwischen welche später die Stäbchen eingeschoben werden. Für ihre Arbeit erhalten sie pro Korsett, je nach der Qualität des zu verarbeitenden Stoffes, 7 bis 35 Pfg. Mögen die Nähezinnen noch so fleißig arbeiten, bei solchen Lohnsätzen verdienen sie während der Fabrikarbeitszeit nicht genug für ihren Lebensunterhalt. Sie nehmen deshalb Arbeit mit nach Hause und schaffen hier des Nachts 3, 4, 5 Stunden und noch länger. Die geübtesten Arbeiterinnen, die schon seit Jahren als Korsettnäherinnen thätig sind, erzielen auf diese Weise bei zusammen 15 bis 16stündiger Arbeit einen Tagesverdienst von 2 Mt. bis 2 Mt. 20 Pfg., sie verdienen in der Stunde also ungefähr 15 Pfg. Für den Nähfaden, Zwirn oder auch Seide, müssen sie selbst aufkommen. Bei den in der Fabrik üblichen Akkordsägen verdienen neueingetretene Arbeiterinnen in den ersten Wochen knapp so viel, daß sie den Nähfaden zahlen und etwa verdorbene Stücke ersetzen können. Und wenn sie dies fertig bekommen wollen, so müssen auch sie noch des Nachts über arbeiten. Im ersten Vierteljahr bringt es die tüchtigste neueingestellte Korsettnäherin nicht über 5 Mt. Wochenverdienst. Die Thatsache beweist, daß eine riesige Fertigkeit erforderlich ist, um den Lohn der älteren Arbeiterinnen erzielen zu können. In einem anderen Saale werden die Korsetts eingefaßt, mit Stäbchen versehen und ausgeschnitten. Für Stäbchen einstecken wird pro Korsett 1 bis 2 Pfg. bezahlt; bei dieser Beschäftigung können die ersten Arbeiterinnen wöchentlich 7 bis 10 Mark verdienen. Für das Einfassen giebt es pro Korsett 5 Pfg., da aber die Arbeiterin selbst das Einfaßband liefern muß, so bleibt ihr kaum die Hälfte des angegebenen Verdienstes. Wenn die Arbeiterin mit Stäbcheneinstecken auch nur das trockene Brot verdienen will, so muß sie angestrengt schaffen und eine große Geschicklichkeit besitzen. Die ältesten Arbeiterinnen des Betriebs, die seit ca. 6 Jahren mit Korsetteinfassen beschäftigt sind, bringen es mit Zuhilfenahme der Nacht, also bei 15 stündiger und noch längerer Arbeitszeit, auf 2 Mt. 20 Pfg. Tagesverdienst. Frauen und Lohn- und Arbeitsverhältnisse in der Mannheimer Mädchen, die noch nicht lange als Einfasserinnen arbeiten oder nicht Korsett- Fabrik. W. K. Weshalb die Frauenarbeit stetig eine rasche, ja geradezu eine reißende Zunahme erfährt, ist bekannt genug: Die Frauenarbeit wirft der Kapitalistenklasse größere Profite ab, als die Männerarbeit. Die Frau ist eine billigere und willfährigere Arbeitskraft wie der Mann, sie läßt sich Löhne und Arbeitsbedingungen bieten, welche dieser in vielen Fällen als menschenunwürdige zurückweisen würde. Der tapitalistische Unternehmer nüht natürlich aufs Gründlichste die Möglichkeit aus, durch schonungslose Ausbeutung der Proletarierinnen seinen Mehrwerth erklecklich zu steigern, seinen Geldsack immer stattlicher zu runden. Deshalb sind gerade unter dem Kapitel der Frauenarbeit die allertraurigsten Lohn- und Arbeitsbedingungen zu verzeichnen, Erwerbsverhältnisse, denen gegenüber man sich an den Fingern abzählen kann, daß sie die betreffenden Proletarierinnen dem allerschwärzesten Elend überliefern müssen. Man verweist gewöhnlich behufs Schilderung der schrecklichsten Nothlage des Proletariats auf die Zustände in den sächsischen, thüringischen und schlesischen Industriedistrikten. Aber wahrlich, die jammerhafte Existenz, zu welcher breite Schichten von Proletarierinnen aller Orten verurtheilt sind, wo der Kapitalismus festen Fuß gefaßt hat, sie stellt sich ebenbürtig dem Schlimmsten zur Seite, was von Proletarierelend aus Sachsen, Thüringen, Schlesien 2c. bekannt ist. Die Proletarierin ist eben in der heutigen Gesellschaft die zwiefach Geopferte, die zwiefach Ausgebeutete. Mag sie vom frühen Morgen bis zum späten Abend schuften und schanzen, mag sie noch den größten Theil ihrer Nachtruhe der Arbeit opfern, ihr Verdienst wird in den meisten Fällen ein so färglicher bleiben, daß Sorgen, Noth, Entbehrungen aller Art als ständige Gäste an ihrem Tische sitzen. Ein recht erbauliches und beschauliches Beispiel von der Ausbeutung weiblicher Arbeitskraft liefern uns die Verhältnisse in der Mannheimer Korsettfabrik. Die Korsettfabrik von E.& H. Herbst in Mannheim beschäftigt ungefähr 150 Arbeiterinnen. Die Arbeitszeit beträgt täglich 10%/ 4 Stun den, jugendliche Arbeiterinnen haben den vom Gesetze festgelegten fürzeren Arbeitstag. Mit Ausnahme von drei Zuschneiderinnen, welche im Tagelohn stehen, schaffen alle Arbeiterinnen im Akkord. Die Zuschneiderinnen, welche für„ höhere" Arbeiterinnen gelten, haben einen festen Tagesverdienst von 1 Mt. 40 Pfg. bis 1 Mt. 50 Pfg. In dem Betrieb ist die Theilung der Arbeit durchgeführt, ihr entsprechend giebt es verschiedene Kategorien von Arbeiterinnen, welche in getrennten Räumen thätig sind. sehr geschickt sind, erwerben im buchstäblichen Sinne des Wortes nur Bettelpfennige. Eine weitere Gruppe von Arbeiterinnen ist mit dem Annähen der Spigen an die Korsetts beschäftigt. Diese Arbeit wird geradezu schandbar schlecht entlohnt. Für das Ausfertigen von 100 Stück gewöhnlicher Korsetts giebt es nämlich einen Lohn von 60 Pfg. Der Affordsatz steigt mit der Qualität der Waare, pro Hundert der besten Korsetts beträgt er 2 Mark. Daß auch bei dieser Arbeit die Lohnsklavinnen den Nähfaden aus ihrer Tasche zahlen müssen, versteht sich bei den Ausbeutungspraktiken der Fabrik von selbst. Die Arbeiterinnen, welche für das Spitzenannähen an ein Korsett/ 10 Pfg., im günstigsten Falle 2 Pfg. erhalten, bringen es auf einen Tagesverdienst von 1 Mark. Angesichts der ihnen gezahlten Akkordsätze liegt es auf der Hand, daß sie nach Feierabend" noch unendlich lange Stunden zu Hause sich mühen und abplagen müssen. Beim Sticken der Korsetts verdient eine Arbeiterin, die schon seit 15 Jahren diese Arbeit verrichtet, täglich 2 Mart 50 Pfg. Der Verdienst der übrigen Stickerinnnen schwankt zwischen 5 und 9 Mart wöchentlich. Da die Neulinge in der Beschäftigung des Nachts zu Hause lange arbeiten, um ihren Verdienst etwas zu vergrößern, so ist es keine Seltenheit, daß sie sich 90 und noch mehr Stunden in der Woche für 3 bis 5 Mark abrackern, so daß auf eine Stunde ein Verdienst von etwa 3 bis 5 Pfg. kommt. Die Zustände in der Mannheimer Korsettfabrik zeigen recht handgreiflich, wie mangelhaft der gesetzliche Arbeiterschutz noch ist. Giebt es da einen§ 137 der Reichsgewerbeordnung, welcher besagt, daß die über 16 Jahre alten Arbeiterinnen im Fabrikbetrieb täglich nur 11 Stunden, an den Vorabenden der Sonn- und Festtage nur 10 Stunden beschäftigt werden dürfen. Der Paragraph ist nicht nach dem Herzen der Herren Kapitalisten. Gerade die unbeschränkt lange Ausbeutung der billigen weiblichen Arbeitskraft wirst ihnen ja fette Profite ab. Und findig, wie das kapitalistische Unternehmerthum in seiner Profitgier ist, entdeckt es Mittel und Wege, sich um die leidige Gesetzesvorschrift herumdrücken und die Lohnsklavinnen endlos lange Stunden ausbeuten zu können. Es zahlt den Arbeiterinnen so skandalöse Hungerlöhne, daß diese gezwungen sind, nach dem sogenannten " Feierabend" das Wort klingt wie blutiger Hohn unter diesen Umständen zu Hause ihre Kräfte aufs Aeußerste anzuspannen im Joche und zu Nutz und Frommen des Kapitals. Eine wirklich durchgreifende Arbeiterschutzgesetzgebung müßte eine derartige unverfrorene Umgebung gesetzlicher Vorschriften unmöglich machen. Freilich wird das Proletariat auf solch eine Arbeiterschutzgesetzgebung zu warten Nr. 13 der ,, Gleichheit" gelangt am 27. Juni 1894 zur Ausgabe. haben, bis es die Mehrzahl der kapitalistischen ,, Wechsler und Händler" aus dem Tempel der gesetzgebenden Körperschaften vertrieben hat, bis es mit machtvoller Hand die Klinke der Gesetzgebung in seinem Interesse zu handhaben vermag. Der„ gesetzliebende" Sinn der Inhaber der Mannheimer Korsett fabrik wird auch recht deutlich durch den folgenden Fall bewiesen, der gleichzeitig die strahlende„ Arbeiterfreundlichkeit" der Herren unzweifelhaft darthut. In dem Betrieb existirt seit dem 1. April 1893 eine Fabrikkrankenkasse, welcher alle versicherungspflichtigen, von den Herren E.& H. Herbst beschäftigten Personen als Mitglieder angehören. Der Mitgliedsbeitrag stellt sich pro Woche auf 3 Prozent des durchschnittlichen Wochenverdienstes. Zwei Drittel des Beitrags muß der Arbeiter bezw. die Arbeiterin entrichten und ein Drittel zahlt der Fabrikant. Die Kasse zahlt im Falle der Erwerbsunfähigkeit in Folge von Krankheit eine Unterstützung in der Höhe der Hälfte des dem Beitrag zu Grunde gelegten Verdienstes. Die Kasse ist nach der Beitragshöhe der Versicherten in 6 Klassen eingetheilt. Eine Arbei terin, welche 3 Jahre lang in der Korsettfabrit beschäftigt war, gehörte seit Gründung der Kasse der 2. Klasse an, für welche sich der Mitgliedsbeitrag auf 45 Pfg. wöchentlich beläuft, von denen die Arbeiterin selbst 30 Pfg. entrichtete, die Fabrikbesitzer 15 Pfg. zahlten. Im Herbst 1893 trat die Arbeiterin aus dem Betrieb aus, schaffte aber zu Hause für ihn weiter, sie blieb mithin Mitglied der Krankenkasse und entrichtete nach wie vor pünktlich die Beiträge zur 2. Klasse. Als sie ertrantte, erhielt sie trotzdem nicht die Unterstützung dieser Klasse( 1 Mt. 25 Pfg.), sondern die der 5. Klasse( 70 Pfg.). Die Vorenthaltung der höheren Krankenunterstützung wurde damit begründet, daß sie nach ihrem Austritt aus der Fabrik den früheren Lohn nicht mehr verdiene. Dieser Umstand hatte keineswegs verhindert, der Arbeiterin den höheren Mitgliedsbeitrag abzunehmen, er ward aber geltend gemacht, als es sich darum handelte, ihr die rechtmäßig zustehende höhere Krankenunterstützung zukommen zu lassen. Diese Benachtheiligung der Arbeiterin ist offenbar ungesetzlich, sie steht außerdem in Widerspruch mit dem Kassenstatut, dessen§ 6 lautet:„ Mitglieder, welche nach ihrem Ausscheiden aus der Fabrik bei der Kasse verbleiben, erhalten als Krankenunterstützung, so lange sie sich im Bezirk der Gemeinde Mannheim aufhalten, die Unterstützung nach§ 5 nach derjenigen Mitgliederklasse, welcher sie vor ihrem Ausscheiden aus der Fabrik angehört haben." Sogar also, wenn die Arbeiterin nach ihrem Austritt aus der Fabrik nicht mehr die Mitgliedsbeiträge zur 2. Klasse der Krankenkasse entrichtet hätte, wäre sie auf Grund des Kassenstatuts zum Bezug der Unterstützung 2. Klasse berechtigt gewesen. Wie die Dinge jedoch lagen, hatte sie ein doppeltes Anrecht auf die höhere Krankenunterstützung. Der Kassenvorstand beschloß in seiner Weisheit und Güte anders, und die Arbeiterin fügte sich in das ihr angethane Unrecht. Gegen den Kassenvorstand Beschwerde zu führen, das wäre darauf hinausgelaufen, den Teufel bei seiner Großmutter zu verklagen. Denn das Kassenstatut bestimmt, daß der Vorsitzende und der Geschäftsführer von der Fabrikleitung ernannt werden. Eine gerichtliche Klage aber anzustrengen, unterließ die Arbeiterin aus Unkenntniß ihres guten Rechts. Ihres Rechts unkundige, gefügige Arbeiterinnen sind natürlich dem Unternehmerthum das liebste Ausbeutungsmaterial. Es liegt auf der Hand, daß Proletarierinnen, welche unter Verhältnissen arbeiten, wie sie in dem Herbst'schen Betriebe herrschen, jeder Möglichkeit zu einer menschenwürdigen Existenz beraubt sind. Es fehlen ihnen zu einer solchen die materiellen Mittel, es fehlt ihnen die Zeit, die nöthige körperliche und geistige Frische. Sie eristiren als bloße Maschinen, die im Dienste einer maßlosen, gewissenlosen Mehrwerthsprefferei funktioniren. Und leider stehen Verhältnisse wie in der Mannheimer Korsettfabrik nicht vereinzelt da. Mit geringen Abweichungen zum Besseren oder Schlechteren finden sie sich überall, wo weibliche Arbeitskraft von einem Kapitalisten ausgebeutet wird. Die traurigen Erwerbsverhältnisse der proletarischen Frauenwelt werden nur dadurch eine nennenswerthe Besserung erfahren, daß die Arbeiterklasse durch den Kampf auf wirthschaftlichem und politischem Gebiete die Unternehmersippe zwingt, den Bogen der Ausbeutung weiblicher Arbeitskraft weniger straff zu spannen. Je energischer und opferfreudiger sich aber die Arbeiterinnen zielbewußt an diesem dop pelten Kampfe betheiligen, eine um so schnellere und gründlichere Hebung ihrer elenden Lage können sie erhoffen. Kleine Nachrichten. Der Sieg der Sozialdemokratie im dreiundzwanzigsten sächsischen Wahlkreise. Einen glänzenden Sieg hat die Sozialdemokratie am 1. Juni im Wahlkreis Plauen davongetragen. Genosse Gerisch wurde in der Stichwahl gegen den Kartellkandidaten Uebel 96 mit 12852 gegen 11 097 Stimmen in den Reichstag gewählt.( Es handelte sich bekanntlich um die Nachwahl für den seines Mandats verlustig erklärten Amtshauptmann v. Polenz.) Schon die Hauptwahl am 24. Mai war für die Sozialdemokratie äußerst günstig ausgefallen. Gerisch hatte von 20585 abgegebenen Stimmen 9919 erhalten. Zur absoluten Mehrheit fehlten ihm blos 374 Stimmen, seinem Gegner Uebel dagegen 4293. Außerdem zeigte sich das erfreuliche Resultat, daß die Sozialdemokratie die einzige Partei war, welche seit 1893 zugenommen hatte: nämlich um 642 Stimmen. Die Kartellparteien hatten dagegen ganz gewaltig verloren. Die Stich wahlen bestätigten wieder einmal die alte Erfahrung, daß sich gegen die Sozialdemokratie alle bürgerlichen Parteien, vom rosenrothen Freisinn bis zum schwärzesten Konservativismus und dem skandalsüchtigen Antisemitismus obendrein zu dem bekannten Ordnungsbrei der einen reaktionären Masse zusammenfließen. Trotzdem und obgleich die vereinigten Gegner alle Machtmittel von den spißfindigsten Kniffen an bis zu offener Brutalität aufboten, um den Sieg der Sozialdemokratie zu vereiteln, wurde Genosse Gerisch mit stattlicher Majorität gewählt. Der Triumph der Sozialdemokratie ist um so erfreulicher, als diese seit zwanzig Jahren um den Besitz des Wahlfreises gerungen hat. Was sie errungen, sie verdankt es nicht einer glänzenden Ueberrumpelung des Feindes, sondern langem, zähem, ausdauerndem Kampfe um jeden Zoll breit Bodens. Mit Genosse Gerisch zieht der fünfundvierzigste sozialdemokratische Abgeordnete in den Reichstag ein, wohin ihm hoffentlich am 13. Juni Genosse v. Elm als Vertreter von Pinneberg als sechsundvierzigster Fraktionsgenosse folgen wird. Die Gleichberechtigung der Frauen mit den Männern hat der evangelisch- soziale Kongreß beschlossen, der jüngst in Frankfurt a. M. tagte. Das Aktionskomite des Kongresses hatte sich für die Gleichberechtigung der Frauen bei den Diskussionen erklärt. Dieser Beschluß wurde von Professor Dr. v. Nathusius heftig bekämpft. Nach ihm liegt die Grenze für die öffentliche Thätigkeit der Frau in der hohen Stellung des Weibes(?!) in der deutschen Familie". Dieser vorsintfluthliche Standpunkt wurde von Pastor Naumann- Frankfurt zurückgewiesen. Die hohe Stellung der Frau anerkennen, führte er aus, das hieße ihr den gleichen Kopf, dasselbe Gehirn, die nämlichen Gedanken zutrauen. Gegen das zarte Geschlecht sei unsere Zeit sonst nicht so zartfühlend, sie ziehe Hunderttausende von Frauen in die Erwerbsarbeit mit hinein, deshalb müßten die Vertreterinnen dieser Hunderttausende auch an öffentlichen Berathungen theilnehmen können. Sogar die Frommen" im Lande können sich der Erkenntniß nicht mehr verschließen, daß die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts durch die modernen Wirthschaftsverhältnisse zur Nothwendigkeit geworden ist. Für die soziale Befreiung der Proletarierinnen genügt allerdings nicht die Gleichberechtigung der Geschlechter, sie bedürfen zu ihrer Menschwerdung" der Gleichberechtigung der Klassen, der Vernichtung der Klassenherrschaft der Besitzenden, der Beseitigung der tapitalistischen Gesellschaft. Ausbeutung und Mißhandlung ist das Loos der werkthätigen Frauen in der heutigen ,, besten aller Welten". Dafür ein Fall aus hunderten. In einer Dresdener Zinngußfabrik werden neben 20 Männern 30-40 Mädchen beschäftigt, deren Wochenlohn bisher zwischen 5 Mart und 7 Mart 50 Pfg. schwankte. Der Unternehmer war offenbar der Ansicht, daß bei diesem Wochenverdienst die Völlerei der Arbeiterinnen eine himmelschreiend große sein müsse, während sein heiliger Profit zu klein bliebe. Er läßt deshalb nun manche der Arbeiterinnen im Akkord schaffen, so daß sie für 1012= stündiges Schuften ganze 50 Pfg. erhalten. Als Zugabe zu der hochgradigen Ausbeutung müssen die Mädchen eine grobe Behandlung seitens des Werkführers und des Unternehmers einstecken. Eine Arbeiterin wurde z. B. vom Werkführer und Kontoristen in der gröbsten Weise abgefanzelt, weil sie erklärte, das Groß eines Artikels nicht für 50 Pfg. herstellen zu können, da sie einen ganzen Tag hierzu gebrauche. Schließlich kam der Unternehmer in Person an ihren Platz, schimpfte sie, faßte sie an der Brust und schüttelte sie so heftig, daß sie hinfiel und sich am Arm und an der Hand verletzte. Das Menschenrecht der Arbeiterin in der kapitalistischen Gesellschaft beschränkt sich darauf, sich ausbeuten zu lassen, nicht mucksen zu dürfen und für die Fußtritte des Unternehmerthums mit einem höflichen Knig und einem demüthig dankbaren„ Vergelt's Gott" zu quittiren. Quittung. Zu Agitationszwecken erhalten zu haben: von den Kieler Ge nossinnen 30 Mt., von zwei Pirschner Genossinnen 1 Mt. 50 Pfg., bescheinigt dankend Die Frauen- Agitations- Kommission zu Berlin. Berantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zettin( Eißner) in Stuttgart. Druck und Verlag vor J. H. W. Dieg in Stuttgart.