Nr. 13. -97 Die Gleichheit. 4. Jahrgang. Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Herausgegeben von Emma Ihrer in Velten( Mark). Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nro. 2660) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf. Stuttgart Mittwoch, den 27. Juni 1894. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Sicherste Bürgschaft. Die Sozialdemokratie ist in allen Ländern die einzige politische Partei, deren Programm die Forderung enthält: volle soziale Gleichstellung der Frau mit dem Mann, ergo politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts. Und überall, wo die Sozialdemokratie eintritt in den Kampf für den Besiz oder die Erweiterung der politischen Rechte des werkthätigen Volks, da strebt sie die Verwirklichung dieser ihrer Programmforderung an. So in Schweden, so in Belgien, so vor Allem in Oesterreich, wo zusammen mit ihr proletarisaje Frauen in großer Masse als Mitträgerinnen und Vorkämpferinnen der großartigen Wahlrechtsbewegung energisch für das weibliche Geschlecht zum Zahlrecht das Wahlrecht fordern. Die deutsche Sozialdemokratie beschloß ihrerseits auf ihrem letzten Parteitag zu Köln, in eine kräftige und umfassende Agitation einzutreten für Zusammenseßung der gesetzgebenden Störper aller deutschen Einzelstaaten auf Grund des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts für alle Staatsangehörigen, welche das zwanzigste Lebensjahr vollendet haben, ohne Unterschied des Geschlechts. Auch für das aktive und passive Wahlrecht der Frau zu dem Reichstag wird und muß die deutsche Sozialdemokratie in einem durch bestimmte Verhältnisse gegebenen Augenblick eintreten. Sie muß es, weil die politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts im Klasseninteresse des Proletariats liegt, durch dieses Klasseninteresse zu einer dringenden Nothwendigkeit wird. Gewiß, angesichts der Rolle, welche die Frau im modernen Wirthschaftsleben spielt, der Verselbständigung von Millionen weiblicher Eriſtenzen, des engen, innigen Zusammenhangs zwischen den Lebensbedingungen jener Millionen und den sozialpolitischen Zuständen der Gesellschaft, da erscheint es als eine Forderung der allereinfachsten, selbstverständlichsten Gerechtigkeit und Billigkeit, daß die Frau politische Rechte erhalte, wie sie soziale Pflichten genug und übergenug zu erfüllen hat. Und wenn es eine Partei giebt, die genügend Einsicht in die sozialen Verhältnisse unserer Zeit besizt und genügend Vorurtheilslosigkeit zopfigem Wahnglauben gegenüber, um die Gerechtigkeit dieser Forderung einzusehen, so ist es die Sozialdemokratie. Sie ist die einzige Partei, die ohne schnöde Lüge behaupten kann, daß sie das tausendjährige Reich der Gerechtigkeit für Alle anbahnt, daß sie die wahre Vorkämpferin ist für die Ideale der allgemeinen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichfeit. Aber trotz alledem kann und darf sich die Sozialdemokratie nicht den Lurus gestatten, hinter den schönen Augen eines abstrakten Gerechtigkeitsprinzips schmachtend einherzutraben. Ihres Wesens Wesenheit besteht darin, die Klasseninteressen des Proletariats zu vertreten, dieses zu sammeln, aufzuklären, zu organisiren, zu kräftigen und zum heiligen Krieg für seine Befreiung zu führen. Das Klasseninteresse des Proletariats schreibt ihr mit und durch die materiellen Tagesbedürfnisse der wertthätigen Masse ihre jeweiligen Tagesaufgaben vor. Sie würde sich schwer gegen ihre Pflicht verfehlen, wollte sie auch nur einen Augenblick lang die Interessen des Proletariats hintansezen, um ihre Straft in quertreiberischen Strömungen zu verzetteln, in dem Eintreten für Nebenaufgaben, die ihre Lösung doch so wie so durch Zuschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" sind zu richten an Fr. Klara Zetkin( Eißner), Stuttgart, RothebühlStraße 147, IV. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. die sozialistische Gesellschaft finden werden. Wäre die Sozialdemokratie durch keinen anderen Grund als durch die Rücksicht auf. das Gerechtigkeitsprinzip an der Frage der politischen Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts interessirt, sie könnte, ja sie müßte unter gewissen Umständen die Verwirklichung dieser Forderung zurückstellen bis zu der Stunde, wo das politisch organisirte Proletariat seine Generalabrechnung hält mit der verkörperten sozialen Ungerechtigkeit, mit der bürgerlichen Gesellschaft. Aber nicht die Gerechtigkeitsliebe, das Klasseninteresse des Proletariats hat die Hand der Sozialdemokratie geführt, als sie auch die Gleichberechtigung der Frau auf ihr Banner schrieb, und das nämliche Klasseninteresse zwingt sie, es nicht bei einer platonischen Erklärung des Prinzips, bei der„ grauen Theorie" bewenden zu lassen, sondern thatkräftig für die politische Gleichberechtigung der Frauenwelt einzutreten, ihre Verwirklichung in absehbarer Zeit anzustreben. Die Klasseninteressen des Proletariats erfordern mit jedem Tage gebieterischer, daß die Frauenwelt des werkthätigen Volks energischen Antheil nehme an dem Befreiungskampf, den die frohndende und ausgebeutete Arbeit gegen das müßiggehende, schmarozende Kapital führt. Dies ist in vollem Umfange aber eist möglich, wenn die Proletarierin die gleichen politischen Rechte besißt, wie der Maun ihrer Klasse. Solange dies nicht der Fall ist, solange die proletarische Frau politisch rechtlos bleibt, ermangelt sie der nöthigsten, wuchtigen Waffen, mit denen sie im wohlverstandenen eigenen Interesse im Klassenkampf an der Seite des proletarischen Mannes fechten muß. Die politische Rechtlosigkeit des weiblichen Geschlechts entzieht mithin dem kämpfenden Proletariat Streitkräfte, deren es täglich dringender bedarf. Je schärfer sich der Klassenkampf zuspiẞt, je weitere und tiefere Kreise er zieht, um so mehr schädigt dieser Stand der Dinge die Interessen der vorwärts und aufwärts strebenden Arbeiterklasse. Sie muß deshalb für die politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts eintreten, als für eine Vorbedingung, daß das weibliche Proletariat ebenso wehrtüchtig, waffengerüstet wie das männliche auf der ganzen Linie in Reih und Glied Derer fämpfen fann, welche mit der kapitalistischen Gesellschaft um Sein und Nichtsein ringen. Und daß die werkthätige Frau ihre politischen Rechte einzig und allein zu diesem Zwecke gebrauchen muß, dafür sorgt ihre Klassenlage als Proletarierin. Diese stellt sie nicht den Männern ihrer Klasse im Kampfe von Geschlecht zu Geschlecht gegenüber, sondern sie schweißt sie mit den Brüdern der Arbeit und des Elends zusammen zu der einen revolutionären Masse, die von der gleichen Erkenntniß erfüllt, von dem gleichen Willen bewegt im Kampfe von Klasse zu Klasse dem einen Ziele zustrebt: der sozialistischen Gesellschaft. So fußt die Forderung der politischen Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts nicht auf dem leichten Triebsand allerhand ideologischer Erwägungen; sie hängt nicht in den Wolfen allgemeiner schöngeistiger, edelherziger Schwärmerei für moralische Prinzipien, sie ist festgegründet auf dem soliden Unterbau der Lebensinteressen einer ganzen Klasse. In diesem Umstand liegt die sicherste Bürgschaft, daß sie kein frommer Wunsch bleibt, daß sie ihre Verwirk lichung noch finden muß, allem vorurtheilsvollen Gegacker und aller reaktionärer Büttelei zum Troß. Arbeiterinnen- Bewegung. 98 ( Genosse Brecour); Leipzig, Mitgliederversammlung des Bildungsvereins für Frauen und Mädchen:„ Die Frau und das Christenthum"( Genosse Zimmermann); Nürnberg, Mitgliederversammlung des Frauen und Mädchenbildungsvereins:„ Der Untergang des Kleingewerbes"( Genossin Gebhardt); Weißensee, Mitgliederversammlung des Bildungsvereins für Frauen und Mädchen:„ Unternehmergewinn und Arbeiterlohn"( Genosse Dastig); Wellingdorf, Mitgliederversammlung des Bildungsvereins für Frauen und Mädchen:„ Reichthum und Armuth"( Genosse Klüß). Stötterig. Der Auflösung verfiel am 26. Mai eine öffentliche, meist von Frauen besuchte Versammlung, in welcher Genossin Zetkin über das Thema sprach:„ Die Gesetzgebung im Klassenstaat". Die Rednerin führte gegen Ende ihres Referats aus,„ daß wenn die herrschenden Gesellschaftsklassen mit den ihnen zur Verfügung stehenden gesetzlichen Machtmitteln nicht mehr ausreichten, um das aufstrebende Volk niederzuhalten, sie zu Ausnahmegesetzen griffen. Das schreiendste Unrecht und die Ungerechtigkeit werde dann durch Gesetzestraft verherrlicht und geheiligt". Der überwachende Gemeindevorstand erachtete diese Ausführung für eine„ Beleidigung der Gesetzgebung" und forderte die Vorsitzende auf, der Referentin das Wort zu entziehen. Als diesem Verlangen nicht sofort stattgegeben wurde, weil zuvor festgestellt werden sollte, ob sich der Ueberwachende in dieser seiner Eigenschaft legitimirt habe, erfolgte die Auflösung der Versammlung. Gegen diese Maßregeln wurde Beschwerde eingelegt. Das Verlangen, der Rednerin das Wort zu entziehen, war u. G. ungerechtfertigt, da diese ganz allgemein gesprochen, weder auf sächsische, noch deutsche Gesetzgebungskörper oder Gesetzgebung exemplifizirt hatte. Aus dem sächsischen Voigtland ging uns von einer Genossin, einer Textilarbeiterin, der folgende Brief zu, welcher in einfacher, schlichter Weise recht charakteristische Streiflichter wirft auf die Verhältnisse der dortigen Textilarbeiterschaft und auf die Anstrengungen der Dunkelmänner, das Proletariat in Unwissenheit und KnechtIn der Zeit vom 20. Mai bis 16. Juni fanden öffentliche Versammlungen statt in: Berlin, vier große öffentliche Volksversammlungen, einberufen von der Frauen- Agitationskommission:„ Wie stellen sich die Frauen zum Bierboykott?"( Genossen Wagner, Singer, Vogtherr und Genossin Greiffenberg). Die überaus gut besuchten Versammlungen erklärten sich in einstimmig angenommenen Resolutionen mit dem Boykott der sieben Brauereien einverstanden und verpflichteten sich, mit aller Energie für denselben einzutreten, bis die Forderungen der Arbeiter bewilligt worden sind. Die anwesenden Frauen insbesondere verpflichteten sich, den Kampf durch besonderes Augenmerk auf das Flaschenbier zu unterstützen. Oeffentliche Versammlung des Frauen und Mädchenbildungsvereins:„ Die Entstehung des Eigenthums, der Familie und des Staats"( Genosse Jahn); öffentliche Versammlung der Buchdrucker, Hilfsarbeiter und Hilfsarbeiterinnen: 1) Wie verhält sich die Gehilfenschaft zu der von den Prinzipalen geplanten Abänderung der Lofalzuschläge und der Lohnskala"( Genosse Döblin); 2)„ Gegenwartsbilder aus Berliner Druckereien"( Genosse Massini). Die Versammlung erklärte sich den Absichten der Prinzipale gegenüber für Abwarten und unter allen Umständen für engen Zusammenschluß der Gehilfenschaft. Deffentliche Versammlung für Schneider und Schneiderinnen:„ Die Zustände in der Konfektionsbranche, und wie streben wir nach Besserung?"( Genossin Reimann); öffentliche Versammlung der in der Schuhwaarenindustrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Die Lage der arbeitenden Klasse und die Nothwendigkeit der Organisation"( Genosse Sailer); öffentliche Versammlung der Filzschuharbeiter und Arbeiterinnen:„ Die Folgen der Aussperrung der Brauereiarbeiter"( Genosse Jahn); Charlottenburg, öffentliche Versammlung für Frauen und Männer, einberufen vom Frauen und Mädchenbildungsverein:„ Die Thätigkeit des Gehirns und die fünf Sinne"( Genossin Wabniß); öffentliche Volfsversammlung:„ Antisemitismus und Sozialdemokratie"( Reichstagsabgeschaft zu erhalten. Wir bringen den Brief wortgetreu zum Abdruck, ordneter Bebel); Connewiß, öffentliche Volksversammlung:„ Welche Stellung hat der Mittelstand zur Arbeiterbewegung einzunehmen?" ( Genosse Thiele- Wurzen); Dresden, öffentliche Versammlung für Frauen und Mädchen:„ Bildung und Bildungsmittel"( Genossin Kähler- Wandsbeck). Die Versammlung beschloß die Gründung eines Arbeiterinnenvereins, zu dessen provisorischem Vorstand gewählt wurden: die Genossinnen Eichhorn, Köhler, Kluge, Schubert, Schmidt, Wiegand, Riedrich, Fuchs und Madek. Döhlen bei Dresden, öffentliche Volksversammlung:„ Die Frau und der Sozialismus"( Genossin Eichhorn); Elsterberg, öffentliche Voltsversammlung:„ Die Frauen des Proletariats und der Militarismus"( Genossin Zetkin); Frie drichsberg, öffentliche Volksversammlung: Die Entstehung des Bierboykotts"( Genosse Gehrisch); Friedrichsgrün, öffentliche Versammlung für Frauen und Männer:„ Die Frauen des Proletariats und der Militarismus"( Genossin Zetkin); Harburg, öffentliche Volksversammlung:„ Der Verbandstag der Kaufleute aus der Provinz Hannover"( Genosse Bärer); Kaltenkirchen, öffentliche Volksversammlung:„ Die Bestrebungen der Sozialdemokratie"( Genossin Ihrer); Mainz, öffentliche Versammlung für Frauen und Männer:„ Die Stellung der Frau im Kampf ums Dasein"( Genossin Jhrer); NiederSchönhausen, öffentliche Versammlung für Frauen und Mädchen: ,, Volksaberglaube"( Genossin Rohrlack); Ottensen, öffentliche Volksversammlung:„ Antisemitismus und Sozialdemokratie"( Reichstags abgeordneter Frohme); Reichenbach, öffentliche Volksversammlung: Die Frauen des Proletariats und der Militarismus"( Genossin Zetfin); Schöneberg, öffentliche Versammlung für Frauen und Männer: Stellungnahme zum Bierboykott"( Genosse Täterow); Wiesbaden, öffentliche Versammlung der Schneider und Schneiderinnen:„ Die Lohnbewegung und was lehren uns die letzten Streits?"( Genosse Miedreich). " Vereinsversammlungen fanden in der nämlichen Zeit statt in: Berlin, Mitgliederversammlung des Verbands der in Holzbearbeitungsfabriken und auf Holzplätzen beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Die Fürsorge für die arbeitslosen und franken Arbeiter" ( Genosse Dr. Zadek); Mitgliederversammlung des Frauen- und Mädchenbildungsvereins:„ Die Entwicklung des Kapitals und ihre Folgen für das Proletariat"( Genosse Borchert); Frankfurt a. M., Generalversammlung des allgemeinen Arbeiterinnenvereins: Kassenbericht, Thätigkeitsbericht, interne Angelegenheiten; Hamburg, Mitgliederversammlung des Verbands der in der Kürschnerbranche beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Stellungnahme zum internationalen Kongreß der im Kürschnergewerbe thätigen Arbeiter und Arbeiterinnen zu Brüssel". Die Versammlung erklärte, von der Beschickung des Kongresses Abstand zu nehmen. Kiel, Mitgliederversammlung des Bildungsvereins für Frauen und Mädchen:„ Der Fluch der Armuth" weil jede Veränderung seinen Eindruck schwächen würde. Er lautet: Netzschkau. Werthe Genossin! Bitte schicken Sie uns tausend Stück Probenummern der„ Gleichheit". In unserer Gegend hausen Pfaffen und Methodisten in geradezu schrecklicher Weise. Erstere suchen die Frauen der bekannten Genossen auf, um wenigstens diese zu angeln. Auch halten sie jetzt alle Mittwoch Betstunde ab, was früher bei uns nicht gebräuchlich war. Die Betſtunden sind überfüllt. Die Männer der Nächstenliebe geben den Leuten ein Blatt mit zum Lesen,„ Der Nachbar", worinnen geschrieben steht, die Füße mögen auf Erden wandeln und die Herzen im Himmel! Was die Methodisten anbelangt, so ist von ihrer Seite alles thätig, was Beine hat. Die Frauen stellen sich Mittags an die Ausgangsthore der Fabriken und vertheilen Traktätchen und Kinderfreunde. Selbst die Kinder gehen Sonntags auf die umliegenden Dörfer und tragen den Weg zum besseren Leben" aus, eine Sammlung von allerhand Traktätchen. Leider haben sie noch Erfolge. Dazu trägt die fast unerträgliche Lage der Lohnsklavinnen bei. Es ist ein Glend, mit einem Wochenverdienst von acht Mark auskommen zu müssen. Oft haben wir das nicht. Es giebt zwar Frauen, die mehr verdienen, als diese Summe, doch sind das nur die fügsameren Arbeiterinnen. Mir ist ein Fall bekannt, daß eine sehr geschickte Arbeiterin in neun Wochen 55 Mart 56 Pfennig verdient hat, pro Woche also 6,17 Mart. Fälle, wo der Verdienst nicht größer war, giebt es zu Hunderten. Was mich am meisten kränkt, ist, daß die etwas besser gestellten Weber und Weberinnen mit Verachtung auf die herabsehen, welche weniger verdienen. Die meisten Arbeiter und Arbeiterinnen der hiesigen Textilindustrie erhalten nicht mehr, als daß sie täglich in Kartoffeln und Brot schwelgen können. Die ersten Tage in der Woche giebt es Wurstfett dazu, zuletzt werden Jedem die Kartoffeln zugezählt und müssen ohne jede Zuthat gegessen werden. Eine neben mir beschäftigte Arbeiterin lebt tagaus tagein von trockenem Brot; sie hat ein Kind und verdient durchschnittlich sechs Mark wöchentlich. Hat sie sich die ganze Woche hindurch abgerackert, und ist sie im günstigsten Fall Sonnabends noch im Besitz eines Groschens, so wird ein Hefenklos gekauft. Wenn sie diesen verzehrt, so sieht sie sich nach allen Seiten um, ob es niemand bemerkt, denn sonst hieße es gleich: die Fabrikarbeiterinnen sind naschhaft, sie tragen alles Geld in die Konditorei. Mit der Bitte, meinem Wunsche zu willfahren, grüßt Sie bestens A. S. - Köln. Die von den Genossinnen Schneider I, Schneider II, Hofrichter, Mergie und Eckhart eingelegte Berufung gegen das Strafurtheil des Landgerichts Köln( siehe Nr. 9 der" Gleichheit") ist von dem Kammergericht zu Berlin verworfen worden und wurden den Betreffenden die Kosten ihres Rechtsmittels auferlegt. Begründet ist dieser Entscheid damit, daß die Angeklagten die Revision zwar rechtzeitig eingelegt und begründet haben, daß jedoch die von dem Vertheidiger derselben unterzeichnete Revisionsschrift einen Revisionsantrag nicht enthielt und daher der Formvorschrift des§ 384 Absatz 1 der Strafprozeßordnung nicht entspricht, und daß die Revision gemäß § 387 ebendaselbst, da die Bestimmungen über die Anbringung der Revisionsanträge nicht beobachtet sind, als unzulässig zu verwerfen war". Auf Grund solcher Wortklaubereien kann man wohl zielbewußte Proletarierinnen verurtheilen, allein sie damit von der Erfüllung ihrer Pflicht im Klassenkampf abhalten, damit die Ausbreitung des Sozialismus hindern, das vermag man nicht. A. Sch. Die Frauenarbeit in der Berliner Metallindustrie. Das idyllische Bild von der züchtigen, bürgerlichen Hausfrau, welche im Kreise der Familie sich ihres Wohlstands und Glückes freut, weicht in unserer Zeit immer mehr und mehr einem anderen: dem prosaisch- nüchternen Bilde von der Fabrikarbeiterin, die ihren Hausstand und ihre Kinder vernachlässigen muß, um, dem Manne Konkurrenz machend, zum Unterhalt der Familie beizutragen. Die Frauenarbeit erstreckt sich heutzutage nicht nur auf einzelne Berufe, sondern sie ist auf fast alle Erwerbszweige ausgedehnt. Selbst in der Metallindustrie, wo die Arbeit so schwer, anstrengend und gesundheitsschädlich ist, daß sie im Allgemeinen für die Frau als ungeeignet erscheint, nimmt die Zahl der verwendeten Arbeiterinnen stetig zu. In der Berliner Metallindustrie überwiegt zwar gegenwärtig die Männerarbeit noch bei weitem, aber in immer mehr ihrer einzelnen Branchen findet die Frauenarbeit Verwendung. Die Berliner Metallarbeiter, wie Rohrleger, Nagelschmiede, Feilenhauer 2c., die bisher noch nicht durch die Konkurrenz der Frauenarbeit zu leiden hatten, haben mithin keine Veranlassung, anzunehmen, daß in ihrem Beruf die Frauenarbeit keinen Eingang finden würde. In der englischen Metallindustrie spielt bekanntlich die Frauenarbeit schon seit langem eine bedeutende Rolle. In Westfalen werden Frauen in der Feilenhauerei, in Thüringen, Sachsen und Böhmen beim Nagelschmieden beschäftigt. Und was andernorts die Unternehmer thaten, um ihren Profit zu mehren, werden auch die Berliner Metallindustriellen nicht unversucht lassen. Das Unternehmerthum ist in seiner Profitgier überall dasselbe, und die Billigkeit der weiblichen Arbeitskräfte, ihre Willfährigkeit, sich in die ungesündesten, elendesten Arbeitsbedingungen zu schicken, sind für die Kapitalisten mächtige Anreize, die Frau nicht blos neben dem Mann zu beschäftigen, sondern wo es nur geht, statt seiner. So sind auch bereits in manchen Branchen der Berliner Metallindustrie Arbeiterinnen thätig, deren Zahl auf Kosten der Männerarbeit wächst. Die meisten weiblichen Arbeitskräfte sind in den Elektrizitätswerken beschäftigt. Hier werden Frauen und Mädchen bei den verschiedensten, ja bei fast allen Verrichtungen verwendet, hauptsächlich jedoch arbeiten sie an den automatischen Maschinen zur Herstellung von Stahlschrauben, sowie zum Zusammenstellen von einzelnen Theilen, lauter Arbeiten, welche früher von Männern verrichtet wurden. In einzelnen Elektrizitätswerken sind die früher daselbst beschäftigten Uhrmacher vollständig, die Mechaniker zum Theil durch Frauen und Mädchen ersetzt worden. Das Zusammensetzen der elektrischen Glühlampen, die Herstellung der Hartgummitheile und der Ausschaltvorrichtungen, sowie das Poliren der Messingtheile ist in den meisten Fällen Frauenarbeit. Es gewährt wahrlich keinen schönen Anblick und legt den Schluß auf gesundheitsschädliche Folgen nahe, wenn man Frauen und Mädchen die schwere Arbeit am Dampf- und Handbalancier verrichten sieht. Wie in den Elektrizitätswerken, so werden auch in den Nähmaschinenfabriken weibliche Arbeitskräfte in großer Anzahl verwendet. Man findet in diesen Fabriken Säle, in denen mehrere hundert Frauen und Mädchen beschäftigt sind. Dieselben werden sehr häufig so vollständig isolirt gehalten, daß es schwer fällt, auch nur Einblick in die Arbeitsräume zu erlangen, wo sie beschäftigt sind. Auch in den Nähmaschinenfabriken werden die weiblichen Arbeitskräfte in erster Linie zum Poliren von Metalltheilen, sowie zum Vernickeln, Vergolden, Lackiren und zum Justiren verwendet. In der Lampenfabrikation hat die Frauenarbeit gleichfalls mehr und mehr Eingang gefunden. Denn auch hier spielt die Maschine eine immer bedeutendere Rolle, macht die gelernten Arbeiter überflüssig und ermöglicht es, an ihrer Stelle die billigeren Arbeiterinnen zu verwenden. So wurden früher die Petroleumbrenner von Klempnern angefertigt, jetzt dagegen sind mit ihrer Herstellung ausschließlich Frauen und Mädchen beschäftigt, die an den verschiedensten Maschinen arbeiten. Das Aufgipsen des Ballons auf das Fußgestell und das 99 Verpacken der fertigen Lampen, die Arbeiten am Stoßwerk und an den Siebschneidemaschinen werden ebenfalls von weiblichen Arbeitern verrichtet. In den Silber- und Neusilber- Fabriken haben weibliche Arbeitsfräfte beim Walzen der Löffel, hauptsächlich aber beim Silberpoliren Verwendung gefunden. Die in diesen Betrieben beschäftigten Arbeiterinnen nehmen vielfach nach Feierabend noch Arbeit mit nach Hause. Ueber den Umfang dieser Hausarbeit läßt sich leider nichts Genaues feststellen, jedenfalls spricht aber ihr Vorkommen für zweierlei: Einmal dafür, wie äußerst niedrig die Löhne sein müssen, welche die Arbeiterinnen in den Silber- und Neusilber- Fabriken erhalten. Zum puren Vergnügen werden Frauen und Mädchen, die mindestens 11 Stunden am Tag schwer gefrohndet haben, nicht einen Theil der nothwendigen Nachtruhe der Erwerbsarbeit opfern, das ist klar. Wenn sie nach Feierabend in der Fabrik daheim ihre Sklavenarbeit fortsetzen, so thun sie es, weil ihr Verdienst zum Leben nicht ausreicht, weil sie sich der Nothwendigkeit gegenüber sehen, ihn vergrößern zu müssen, falls sie nicht dem Hunger oder der Prostitution verfallen wollen. Dann zeigt das Vorkommen dieser Art der Hausarbeit die Findigkeit und Unverfrorenheit, mit welcher das Unternehmerthum die dürf= tigen gesetzlichen Bestimmungen zum Schutz der Frauenarbeit mit Füßen tritt, und dieses vor den Augen und mit Kenntniß der Hüter des Gesetzes. Zur durchgreifenden Wirkung des gesetzlichen Arbeiterschutzes ist unbedingt erforderlich, daß die Heimindustrie der Fabrikgesetzgebung und der Fabrikinspektion unterstellt wird, daß es den Besitzern von Fabrikbetrieben bei strenger Strafe verboten ist, ihren Lohnsklaven und Lohnsklavinnen nach Feierabend noch Arbeit mit nach Hause zu geben. Die englische Regierung hat bekanntlich im Parlament einen Entwurf eingebracht, durch welchen der gesetzliche Arbeiterschutz u. A. noch durch die letztere Bestimmung erweitert werden soll. In Deutschland hört man in Sachen des Arbeiterschutzes nur von fapitalistenfreundlicher Rückwärtserei. In den Silber und Neusilber- Fabriken Berlins sind Frauen und Mädchen nicht nur mit leichteren Arbeiten, wie Löthen und Galvanisiren beschäftigt, sondern es fehlt auch nicht an Arbeiterinnen, welche die schwere Arbeit an Schraub- und Bohrbänken 2c. verrichten. Es ist unmöglich, die genaue Anzahl der Arbeiterinnen anzugeben, welche in der Berliner Metallindustrie thätig sind. Die in vielen Betrieben übliche Saisonarbeit läßt einen genauen Ueberblick darüber nicht zu. Erhalten die Fabriken plötzlich größere Aufträge, so werden sofort durch die Zeitungen eine Anzahl Arbeiterinnen gesucht und eingestellt, sowie die Arbeit beendet ist, werden die Betreffenden wieder entlassen und sind gezwungen, sich nach anderer Beschäftigung umzusehen. Im Jahre 1893 waren in zirka 800 Betrieben der Berliner Metallindustrie mehr als 1800 Arbeiterinnen beschäftigt und zwar: in der Eisendreherei 262 Gürtlerei 506 " 11 " 11 Klempnerei 140 " " Mechanik 300 " " Schlosserei. 233 " " Schrauben- und Façondreherei 14 Drückerei 14 " " " 11 Schleiferei 58 " 1 11 Kernmacherei 2 1 " " 33 256 . 12 Metallgießerei bei den Gas-, Wasser- und Dampfarmaturen " " Hilfsarbeiten. " der Drahtarbeit Diese Zahlen gelten natürlich nur für den Theil der Betriebe, die von der Statistik zu erreichen waren. In den Spandauer Staats betrieben Gewehrfabriken 2c. ist die Frauenarbeit in großem Umfange eingeführt, es sollen daselbst gegen 2000 Arbeiterinnen beschäftigt sein. Der Klassenstaat als Unternehmer übt die nämlichen Ausbeutungspraktiken, wie jeder Privatkapitalist. Auch ihm ist die billige und willige weibliche Arbeitskraft eine willkommene Quelle größerer Plusmacherei. Wie auf allen anderen Gebieten des Erwerbslebens, so spielt auch in der Berliner Metallindustrie das Unternehmerthum die Arbeiterin als Schmußkonkurrentin gegen den Arbeiter aus. Die Frauen erhalten erheblich niedrigere Löhne, als die Männer, obgleich sie die gleiche Arbeit leisten, wie diese. Während der durchschnittliche Wochenlohn eines Metallarbeiters ca. 23 Mt. beträgt, be= läuft sich der durchschnittliche Wochenverdienst einer Arbeiterin auf nur 10,90 Mt. Dem höchsten Wochenverdienst einer Arbeiterin von 15 Mk. steht der niedrigste mit circa 5 Mt. gegenüber. Der sehr große Abstand zwischen dem Durchschnittslohn eines Arbeiters und dem einer Arbeiterin zeigt in Ziffern recht deutlich den Grund, warum auch in der Berliner Metallindustrie die Frau mehr und mehr den Mann verdrängt. In sehr vielen Fällen schaffen die Arbeiterinnen, wie die Arbeiter, im Afford. Dadurch erfährt ihre Lage feine Besserung, wohl aber wird der Grad ihrer Ausbeutung erhöht. Es ist bekannt genug, daß die Akkordarbeit nicht im Interesse des Arbeiters, der Arbeiterin liegt, sondern in demjenigen des Kapitalisten; sie liefert ihm ein Mittel, seine Lohnsklaven zur höchsten Kraftanstrengung zu zwingen, ihnen das letzte Fünfchen Kraft und Zeit abzupressen. Dies gilt auch für die Akkordarbeit der Berliner Metallarbeiterinnen. Die Arbeit in der Metallindustrie ist zum großen Theil derart oder findet unter solchen Umständen statt, daß die Gesundheit der Arbeitskräfte schwer leidet. In den meisten Werkstätten ist die Ventilation eine durchaus ungenügende. Die Luft ist schwer, dick, mit giftigen Dämpfen geschwängert, mit Metallstaub erfüllt. Je feiner der selbe ist, um so gefährlicher ist er auch, denn er dringt überall hin, setzt sich überall fest. Die Arbeiter, ganz besonders aber die Arbeiterinnen, welche den Tag über in dieser ungesunden Atmosphäre schaffen, mit jedem Athemzuge Metallstaub ihrer Lunge zuführen, büßen natürlich bald von ihrer früheren törperlichen Frische und Kraft ein; sehr häufig leiden sie an Erkrankungen der Athmungsorgane. Es wäre ein Leichtes, hiergegen Abhilfe zu schaffen. Es giebt Vorrichtungen, welche für schnelle und möglichst gründliche Abfuhr der giftigen Ausdünstungen sorgen, welche den Metallstaub auffangen, sammeln und unschädlich machen. Aber derartige Vorrichtungen kosten Geld, und proletarische Leben sind ja heutzutage billig wie Brombeeren. Eine Verkürzung der Arbeitszeit würde gleichfalls ganz wesentlich dazu beitragen, den Arbeitern und Arbeiterinnen der Metallindustrie Gesundheit und Lebenskraft länger zu erhalten. Aber auch davon will das Unternehmerthum nichts wissen, denn sein Polarstern ist und bleibt der Profit. Wandel zum Besseren wird nur in dem Maße geschaffen, als die gewerkschaftliche Organisation den Kapitalisten günstigere Arbeitsbedingungen entreißt, als das politisch aufgeklärte und organisirte Proletariat durch die Gesetzgebung der Profitwuth der Ausbeuterklasse Schranken zieht. Daß das Eine wie das Andere geschieht, daran haben die Arbeiterinnen in der Metallindustrie wie in anderen Industriezweigen alles Interesse. Denn sie leiden gerade unter dem heutigen Stande der Dinge am meisten. Wollen die in der Das gute Herz der„ Bahlungsfähigen". Don Alexander Kjelland.* Vor der Gartenthür des Advokaten Abel hielt ein kleiner eleganter Wagen mit zwei fetten, blanken Pferden bespannt. 100 Frau Warden, die ihm entstiegen war, durchschritt den Vorgarten und trat ein. Die Thür ins nächste Zimmer stand halb offen, und drinnen saß die Frau vom Hause an einem großen Tisch, der mit Massen heller Stoffe und verschiedenen Nummern des Bazar" bedeckt war. " " Ah! wie Du gelegen kommst, süße Emilie!" rief Frau Abel.„ Ich bin ganz verzweifelt über die Näherin: sie kann sich gar nichts Neues ausdenken. Und nun size ich hier und suche im Bazar". Liebste! leg' Deinen Shawl ab und fomm' mir zu Hilfe; es handelt sich um ein Promenadenkleid!" " „ Ich bin nicht die Nechte, Dir zu helfen, wo es sich um Buzz handelt", antwortete Frau Warden. Die gute Frau Abel starrte sie an; es war etwas Beunruhigendes in dem Ton, und sie hatte einen unbegrenzten Respekt vor der reichen Freundin. " Du erinnerst Dich gewiß daß Warden mir versprochen hatte ich erzählte es Dir neulich - das heißt-" verbesserte sich Frau Warden, daß er mich gebeten hatte, mir ein neues seidenes Kleid zu bestellen." * Wir bringen diese Skizze des berühmten nordischen Dichters, weil sie mit vernichtendster Ironie die Oberflächlichkeit des Wohlthätigkeitsfinnes unserer oberen Zehntausend schildert. Frau Warden, die Verkörperung dieser Oberflächlichkeit, möchte gerne das angenehme Gefühl haben, die Wohlthäterin der Armuth spielen zu können; sowie ihr aber die Armuth auch ihre verzerrten Züge zeigt, da freut sich die Wohlthäterin dieses wohlfeilen Vorwandes, um sich wieder ganz auf nichtigen Putz und Luxus zurückzuziehen. Die Noth macht die Menschen erst schlecht; aber diese( oft nur ganz äußerliche) Verderbtheit hat von jeher als Vorwand zur Unterdrückung jedes Mitleids mit den Armen und Verkommenen dienen müssen. So bequem wie Frau Warden macht es sich die ganze besitzende Klasse. Metallindustrie thätigen Proletarierinnen bessere Arbeitsbedingungen erlangen, Arbeitsbedingungen, welche ihnen erlauben, mit ihrem einzigen Kapital, ihrer Lebenskraft, zu sparen, so müssen sie an dem Kampf theilnehmen, den die Arbeiterklasse auf wirthschaftlichem und politischem Gebiete gegen die Kapitalistensippe aussicht. Je flarer die Metallarbeiterinnen erkennen, daß sie ihre Interessen einzig und allein zu wahren vermögen im Gegensatze und im Rampfe gegen das Unternehmerthum, in inniger Ideen- und Waffengemeinschaft dagegen mit allen Ausgebeuteten, je zahlreicher und pflichtbewußter sie sich der gewerkschaftlichen Organisation anschließen, in Reih und Glied der Sozialdemokratie stehen, um so schneller und durchgreifender wird sich auch ihre Lage heben. Taffet die Kindlein zu mir kommen! F. H. M. K. Das Wort des großen Menschenfreundes von Nazareth: ,, Lasset die Kindlein zu mir kommen", es ist von dem beutegierigen Kapital aufgegriffen worden. Aber in seinem Munde hat es sich verkehrt in bitteren Hohn auf Alles, was Menschlichkeit heißt. Wenn das Kapital die proletarischen Kleinen zu sich rust, so einzig und allein zu einem Zwecke: um sie auszubeuten, um aus der Arbeit ihrer zarten Hände, aus der Ausbeutung ihrer schwachen, noch unentwickelten Muskeln und Nerven flingenden Profit herauszupressen. Mit der Entwicklung der Industrie ging auch die fortschreitende Zerstörung des Familienlebens Hand in Hand. Sobald die Maschinerie Muskelkraft entbehrlich machte, ward sie nach Karl Marx* zum Mittel,„ Arbeiter ohne Muskelkraft oder von unreifer Körperentwicklung, aber größerer Geschmeidigkeit der Glieder anzuwenden. Weiber- und Kinderarbeit war daher das erste Wort der kapitalistischen Anwendung der Maschinerie." Die Frau als das willigere und billigere Ausbeutungsobjekt entwerthete gar bald die Arbeitskraft des Mannes, und sie mußte es sich ihrerseits gefallen lassen, daß mit der Einbeziehung der Kinder in die moderne Industrie auch ihre Arbeitskraft eine Entwerthung erfuhr. So lange das Gesetz dem Unternehmerthum in der Ausbeutung der Kinder so gut wie keine Schranken zog, wuchs die Zahl der in der Industrie beschäftigten Kinder von Jahr zu Jahr rapid. In den Motiven( Begründung) zur Gewerbeordnungs- Novelle wird die auf* Karl Marx,„ Das Kapital", Bd. I, S. 411. ,, Bei Madame Labiche, ja wohl!" unterbrach sie Frau Abel, ,, und nun bist Du vermuthlich auf dem Weg zu ihr?- Oh, nimm mich mit! Das ist ja amüsant!" " Ich fahre nicht zu Frau Labiche", antwortete Frau Warden fast feierlich. " Aber Gott! warum nicht?" fragte ihre Freundin und riß ihre guten, braunen Augen kugelrund auf vor Erstaunen. " Ja siehst Du", antwortete Frau Warden,„ ich glaube, wir fönnen so viel Geld für unnöthigen Puz nicht mit gutem Gewissen ausgeben, wenn wir wissen, daß in den entlegensten Theilen der Stadt derselben Stadt, wo wir wohnen Hunderte von Menschen leben, die Noth leiden buchstäblich genommen: Noth!" „ Ja aber", wandte Frau Abel ein und warf unsichere Blicke auf ihren Tisch, das ist nun einmal so hier in der Welt; wir wissen ja, daß die Ungleichheit-" " Wir müssen uns hüten, die Ungleichheit zu vergrößern und eher thun, was wir können, sie auszugleichen", unterbrach sie Frau Warden. Und es schien Frau Abel, als werfe ihre Freundin mißbilligende Blicke auf den Tisch, die Stoffe und den„ Bazar". Die Unterhaltung wurde eine Weile weiter geführt und Frau Warden erzählte, daß sie die Absicht habe, in die elendesten Theile der Vorstädte hinauszufahren, um sich mit eigenen Augen von dem Zustand der Armen zu überzeugen. Die Damen trennten sich fühler als gewöhnlich. Sie waren Beide in ernſter Stimmung. Frau Abel blieb im Gartenzimmer; sie hatte gar feine Lust mehr, sich mit dem Promenadenkleid zu beschäftigen, obgleich der Stoff wirklich so hübsch war. Sie hörte den weichen Ton des auf dem glatten Wege des Villaquartiers davonrollenden Wagens. " Was für ein gutes Herz Emilie hat!" seufzte sie. Der Kutscher hatte seine Ordre ohne eine Miene zu verziehen entgegengenommen; und da niemals Einwendungen in seinen Mund famen, fuhr er tiefer und tiefer in die wunderlichsten Straßen des Armenquartiers hinein mit einer Miene, als fahre er zum fallende Vermehrung der kindlichen Arbeiter höchst naiv erklärt mit der„ Erleichterung der Arbeit durch die Maschinen, der zunehmenden Verwendung der letzteren und dem Bestreben nach möglichst billigen Arbeitskräften." Besonders in Sachsen war der Heißhunger des Moloch Kapitalismus nach Kinderfleisch ins Ungeheure gewachsen. Nahezu fünfzig Prozent aller in Deutschland industriell thätigen Kinder mußten in dem Lande der„ Gemüthlichkeit" dazu herhalten, daß profitwüthige Fabrikanten Mehrwerth aus ihrem Schweiß und Blut preßten. Zu Lug und Trug nahm das Unternehmerthum seine Zuflucht, um stets eine ausreichende Zahl von Kindern zur Verfügung zu haben. Die Gewerbeinspektoren wissen zahlreiche Fälle zu berichten, daß vor dem Inkrafttreten der Gewerbegesetz- Novelle Kinder unter zwölf Jahren beschäftigt, daß ihre Arbeitszeit willkürlich verlängert, daß die Arbeitsbücher und ähnliche Dokumente gefälscht wurden, um die so äußerst dürftigen gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Kinderarbeit zu umgehen. Der Zwickauer Gewerbeaufsichtsbeamte stellte fest, daß die kindlichen Arbeiter von den Unternehmern selbst dazu angestiftet und darin unterwiesen wurden, falsche Angaben über ihre Arbeitszeit zu machen. Der nämliche Beamte, welcher diese Thatsache feststellt und alle Mißstände bloslegt, welche die Beschäftigung findlicher Arbeitsfräfte zeitigt, protestirt nichtsdestoweniger gegen das Verbot der Kinderarbeit und zwar angeblich deshalb, weil die aus den Fabrikbetrieben ausgeschlossenen Kleinen nun der Hausindustrie. zur Last fallen würden! Der Protest und seine wohlfeile Begründung sind recht bezeichnend für die Höhe der Auffassung und des Verständnisses, zu der sich die Fabrikinspektoren emporschwingen, die doch die Interessen der Arbeiter wahren sollen. Wie naheliegend, sozusagen mit den Händen zu greifen, lag doch statt des Protestes die Forderung, welche von der Sozialdemokratie bereits so und so oft erhoben worden ist und wieder und wieder erhoben werden wird: auch die Hausindustrie der Gewerbeinspektion zu unterstellen und die hausindustrielle ebenso gut wie die fabrikmäßige Kinderarbeit zu verbieten. Die Gewerbegesetz- Novelle vom Jahre 1891 verbot u. a. die Beschäftigung von schulpflichtigen Kindern in Fabriken. Dieses Verbot hatte wie wir den„ Amtlichen Mittheilungen aus den Jahresberichten der Gewerbeaufsichtsbeamten" entnehmen- eine Verminderung in der Zahl der beschäftigten Kinder um sechzig Prozent zur Folge. Von einer durchgreifenden Wirkung des Gesetzes kann also noch immer nicht die Rede sein. 11212 Kinder unter 14 Jahren sind noch immer Hofball. Endlich erhielt er Befehl anzuhalten, und es war auch hohe Zeit. Die Straße wurde enger und enger, und es sah aus, als sollten die dicken Pferde und der feine Wagen im nächsten Augenblick stecken bleiben, wie der Kork in einem Flaschenhals. In der Thür stand ein halberwachsenes Mädchen; die Dame fragte:„ Wohnen viele arme Leute hier im Hause?" Das Mädchen lachte und antwortete etwas, während es sich dicht an ihr vorbei durch die enge Thür drängte. Frau Warden verstand das Gesagte nicht, aber sie hatte die Empfindung, als hätte das Mädchen etwas Häßliches gesagt. Sie trat in das erste beste Zimmer. Es war für Frau Warden nichts Neues, daß arme Leute ihre Räume nicht gehörig lüften. Aber sie wurde doch so benommen von der Atmosphäre, die sie einathmete, daß sie froh war, sich auf die Ofenbank sezen zu können. 101 Tag für Tag an die Maschine gefesselt, denn die Schulbehörden befizzen das Recht, Kinder in besonderen Fällen vor dem vollendeten 14. Lebensjahre vom Schulunterricht zu dispensiren. Im Jahre 1891 wurden in Berlin allein 1309 Kinder auf das Gesuch ihrer armen Eltern hin vom Unterricht entbunden, ein charakteristisches Zeichen für die Massenarmuth unserer Zeit, da diese Dispensationen nur nach genauester Prüfung der Verhältnisse und nur in Fällen dringendster Noth bewilligt werden. Der Appetit nach dem durch Kinderhände erarbeiteten Mehrwerth ist heute bei den Herren Kapitalisten reger denn je. Sie wünschen nichts sehnlicher, als die Aufhebung der ihnen hindernd im Wege stehenden Schutzgesetze für Kinder und jugendliche Arbeiter. In den Berichten der Gewerbeaufsichtsbeamten für die Pfalz 1893 heißt es: Mehrfach wurde der Wunsch ausgesprochen, daß auch die Kinder nach der Entlassung aus der Volksschule in der gleichen Zeit wie die jungen Leute von 14-16 Jahren beschäftigt werden, da dieselben sich sonst beschäftigungs- und aufsichtslos herumtreiben." In einer pfälzischen Ziegelei stellte der Aufsichtsbeamte fest, daß wiederholt in den Arbeitsbüchern der Kinder das Alter um ein Jahr nach aufwärts abgeändert worden war, damit sie als jugendliche Arbeiter, d. H. länger beschäftigt werden konnten. In anderen Ziegelsteinhöllen wurden öfters schulpflichtige Kinder in ihren schulfreien Stunden mit Hilfsleistungen, wie Ab- und Zutragen, Ansetzen 2c. der Ziegel beschäftigt. Das Einschreiten dagegen wurde als sehr empfindlich betrachtet für die Eltern. über diese edelmüthigen Unternehmer, die freudigen Herzens Gesetzesverletzungen begehen, nicht etwa um fettere Profite zu erschnappen, sondern nur, um die Einnahmen der von ihnen bis auf die Knochen ausgebeuteten Männer und Frauen durch den kärglichen Verdienst ihrer Kinder zu erhöhen! Nicht nur in den Ziegelsteinhöllen, sondern auch in zahlreichen anderen industriellen Höllen stimmen die Kapitalisten ihre Lockrufe an: Lasset die Kindlein zu mir kommen! Proletarische Eltern wissen das meist aus eigener Erfahrung. Wie entsetzlich die armen Kleinen der Heimarbeiter unter dem Zwang der bittersten Noth ausgebeutet werden, das haben wir wiederholt in den Spalten dieser Zeitschrift dargelegt. Wir erinnern hier nur an die Thatsache, daß im sächsischen Erzgebirge und im schlesischen Eulengebirge Kinder vom dritten Jahre an beim Spulen, Klöppeln, Flechten 2c. helfen müssen. Könnte man die Hekatomben unschuldiger Kinder aufeinanderthürmen, die hier unter dem zermalmenden Druck Sie müssen dem Kind etwas Stärkendes geben", sagte sie; es schwebte ihr etwas wie Kindermehl und Apfelsinengelee vor. Bei den Worten etwas Stärkendes" erhob sich ein zerstrubelter Kopf aus dem Bettstroh; es war ein bleicher, hohläugiger Mann mit einem großen wollenen Tuch um den Kopf. " Frau Warden erschraf. Ihr Mann?" fragte sie. Die arme Frau antwortete ja, das sei ihr Mann. Er sei heute nicht zur Arbeit gegangen, weil er solche Zahnschmerzen habe. Frau Warden hatte selbst Zahnschmerzen gehabt und wußte, wie weh das thut. Sie sagte einige Worte aufrichtigen Mitgefühles. Der Mann murmelte etwas und legte sich nieder, und gleichzeitig entdeckte Frau Warden eine Person, die sie vorher nicht bemerkt hatte. Es war ein ganz junges Mädchen, das im Winkel an der anderen Seite des Ofens saß. Es starrte einen Augenblick auf die feine Dame, zog sich aber gleichzeitig wieder in sich zusammen und lehnte sich vornüber, der Fremden fast den Rücken zukehrend. Frau Warden dachte, das junge Mädchen habe eine Handarbeit im Schooß, die sie verbergen wolle; vielleicht irgend ein altes Kleidungsstück, das sie flickte. In der Handbewegung, mit der die Frau in der Stube die Kleider von der Bank auf die Diele strich, und in dem Lächeln, mit dem sie die feine Dame bat Platz zu nehmen, lag etwas, das Frau Warden auffiel. Es machte den Eindruck, als hätte das Weib bessere Tage gekannt; obgleich ihre Bewegungen mehr hastig als fein und ihr Lächeln nichts weniger als angenehm war. Die lange Schleppe von Frau Warden's zartgrauem Visitenkleide lag auf der schwarzen Diele, und während sie sich niederbeugte die Dame. und sie an sich zog, mußte sie selbst an Heine's Worte denken: " Sie sah aus wie ein Bonbon, das in den Schmuß gefallen war." Die Unterhaltung begann und wurde geführt, wie solche Unterhaltungen geführt zu werden pflegen. Frau Warden kannte das elende Dasein der armen Frau bald in den Umrissen. Sie hatte zwei Kinder, einen Knaben von vier, fünf Jahren, der auf der Diele lag, und ein kleines Kind an der Brust. Frau Warden betrachtete das kleine graue Wesen und konnte nicht begreifen, daß es schon dreizehn Monate alt sei. Sie selbst hatte daheim in der Wiege einen kleinen Koloß von sieben Monaten, der mindestens um die Hälfte größer war. „ Aber weshalb liegt der große Junge auf der Diele?" fragte „ Er ist lahm", antwortete die Mutter. Und nun folgte eine umständliche Beschreibung und viel Lamentiren über den armen Jungen, der vom Scharlach eine Lähmung in den Hüften nachbehalten hatte. " ,, Kaufen Sie ihm doch", begann Frau Warden, einen Nollstuht" hatte sie sagen wollen. Aber es fiel ihr ein, es sei besser, wenn sie ihn selbst kaufte; es thut nicht gut, meinte sie, den Armen zu viel Geld in die Hände zu geben; aber etwas wollte sie der Frau doch gleich geben. Denn hier wollte sie helfen, hier war wirkliche Noth; sie fuhr in die Tasche nach ihrem Portemonnaie. ( Schluß folgt.) der wirthschaftlichen Zwangslage von ihren eigenen Eltern dem Moloch geopfert werden, sie würden Berge bilden, höher als die hohe Eule und der Schneeberg. In größeren Städten müssen Proletarierkinder häufig nach den Schulstunden in Wetter und Wind bis tief in die Nacht hinein auf der Straße handeln, in den Restaurants hausiren oder auf den Kegelbahnen Regel aufsetzen. Andere wieder müssen vor Tagesgrauen aus dem Bett, um Frühstücksbeutel oder Zeitungen auszutragen. Auch diese Kleinen sind Opfer des kapitalistischen Systems, bei welchem die Arbeit der Eltern so niedrig entlohnt wird, daß diese nur mit Beihilfe der Kinder die nothwendigsten Bedürfnisse der Familie decken können. Die fr- eieste Kinderausbeutung aber gestatten sich wie alljährlich um diese Zeit von der Arbeiterpresse auf das Nachdrücklichste fonstatirt wird unter Beihilfe der hochlöblichen Behörden die nothleidenden Zuckerbarone und Krautjunker Deutschlands. 3u Hunderten werden in den östlichen Provinzen Proletarierkinder auf die Rübenäcker getrieben, wo sie elf Stunden lang und länger bei der schweren Arbeit des Rübenziehens sich abplagen müssen. Jeden, der nicht zu der Sippe der Krautjunker gehört, muß die Thatsache empören, daß die königliche Regierung mittelbar, die Schulbehörden unmittelbar den reichen Besitzern der Rübenfelder die Möglichkeit gewähren, ihren auf billige Arbeit und hohen Profit gerichteten Gelüsten zu fröhnen. Die Erlasse der königlichen Regierung gestatten nämlich die Verwendung von Schulkindern zum Rübenverziehen unter der Bedingung, daß die Eltern einen diesbezüglichen Antrag stellen, und daß die Gesundheit der Kinder(!) bei der Arbeit berücksichtigt wird. In wie weit das Letztere der Fall ist, erhellt am besten aus einer Schilderung der Beschäftigung, wie wir sie an der Hand zuverlässiger Mittheilungen geben. Wo Rübenferien bewilligt werden, arbeiten die kleinen Rübenverzieher von 5½½ Uhr Morgens bis um 8, um 9, ja zuweilen bis um 9½ Uhr Abends. Sie erhalten feine warme Kost, ihr Wohnort liegt oft stundenweit entfernt, sie sind häufig den ganzen Tag über dem glühenden Sonnenbrand ausgesetzt. Auf den sich endlos dehnenden Feldern finden sie nicht einmal in den Ruhepausen den Schatten eines Baumes oder Strauches. Wenn sie plötzlich von einem Gewitter oder einem Regenguß auf freiem Felde überrascht werden, arbeiten sie in ihrer dünnen, armseligen, durchnäßten Kleidung weiter, dabei auf dem nassen Erdboden knieend, hockend oder kriechend. Wehe den Aermsten, wenn sie sich bei der Arbeit das kleinste Versehen zu Schulden kommen lassen! Unbarmherzig saust dann der Stock des Aufsehers auf ihren Rücken herab und hinterläßt schmerzende Beulen. Wo die Schulen den Zuckerbaronen zu Liebe nicht geschlossen werden, zeigen die Behörden ihr Entgegen tommen wenigstens dadurch, daß der Unterricht der Rübenverzieher auf die Zeit von 6-8 Uhr Morgens verlegt wird. Darnach können sich die Kinder nach Herzenslust bis spät Abends auf den Rübenfeldern tummeln und ihr Theil dazu beitragen, daß die Zuckerindustrie dem Ausland gegenüber konkurrenzfähig erhalten werde". Für diese segensreiche Thätigkeit erhalten sie im Durchschnitt einen Tagelohn von sechzig Pfennig. " 102 Die bodenlose Brutalität der heutigen kapitalistischen Gesellschaftsordnung tritt nirgends krasser zu Tage, als in ihrem Verhalten den Kindern des Proletariats gegenüber. Da häuft sie Blutschuld über Blutschuld auf ihr Haupt. Sie nimmt den Säuglingen die Mutter und zwingt sie in die Bastille des Kapitalismus, in die Fabrik. Sie überliefert damit die zarten Kleinen dem Siechthum, wenn nicht dem Tode. Die trotz tausend Fährlichkeiten unter Sorgen und Entbehr ungen großgezogenen Kinder überläßt sie nicht dem frohen Genuß ihrer Jugend, dem Spiel, der Bildung und Erziehung der jungen Gemüther in der Schule. Nein, für die proletarischen Kleinen heißt es: arbeiten im Hause, sobald sie nur die Händchen rühren können, arbeiten in der Fabrik, in der Werkstatt, auf dem Felde, sobald sie die nothdürftigste Schulbildung empfangen haben. Selbst wenn die Frauen des Proletariats jede Hoffnung auf Besserung ihrer eigenen Lage aufgegeben hätten, dann müßte doch die Liebe zu ihren Kindern sie bewegen, alle Kraft daran zu setzen, ihren Lieblingen ein besseres Loos zu erkämpfen, als es ihnen selbst zu Theil geworden ist. Denn ein Blick auf die bestehenden Verhältnisse muß ihnen zeigen, daß sie von der kapitalistischen Gesellschaft keinen Schutz ihrer Kinder zu erwarten haben. Nur im zähen, energischen Kampfe kann ihr das Proletariat die unumgänglichst nöthigen Reformen entreißen, welche die Kinder der besiglosen Arbeitsbienen gegen die schlimmste, gewissenloseste Ausbeutung ihrer Arbeitskraft schützen. Diese Ausbeutung selbst aber wird erst ein Ende nehmen mit der Beseitigung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Erst die sozialistische Gesellschaft sichert allen Kindern den ungetrübten, ungeschmälerten Genuß ihrer Jugend, bietet alle Einrichtungen, um die Kräfte des Körpers, Geistes und Charakters der heranwachsenden Generation zu harmonischer Entfaltung zu bringen. Die Mütter, welche ihre Kinder nicht der Verelendung preisgeben wollen, welche vielmehr wünschen, sie als voll und allseitig entwickelte Menschen zu sehen, müssen deshalb mit eiserner Energie und glühender Begeisterung das ihrige beitragen zum Aufbau der sozialistischen Zukunftsgesellschaft. Noch einmal, reinliche Scheidung". I. Das Organ der österreichischen Frauenrechtlerinnen,„ Das Recht der Frau", reproduzirt in Nr. 117 den Artikel, in welchem die„ Gleichheit" seiner Zeit im Anschluß an einen Kongreß deutscher Frauenrechtlerinnen die Gegensätzlichkeit zwischen bürgerlicher und proletarischer Frauenbewegung furz fennzeichnete. Anstatt den prinzipiellen Standpunkt der„ Gleichheit" Schlußfolgerung um Schlußfolgerung zu widerlegen, erklärt das frauenrechtlerische Organ in einer Fußnote die Frauenbewegung für eine einheitliche; bejammert es die„ Erbitterung", welche aus dem Artikel der„ Gleichheit" athmet, protestirt es dagegen, daß die bürgerlichen Frauen durch ihre Klassenlage ins reaktionäre Lager geführt werden" und versichert es, daß die Frauenbewegung ihrem innersten Wesen nach revolutionär sei. Mangel an Zeit und Raum haben verschuldet, daß wir erst jetzt dem Sprichwort folgend:" besser spät als niemals"- auf die Bemerkungen des frauenrechtlerischen Blattes zurückkommen. " Die moderne Frauenbewegung ist", so heißt es in der betreffenden Fußnote, soviel auch sowohl im bürgerlichen wie proletarischen Lager dagegen protestirt werden mag, eine einheitliche, weil sie ein und dasselbe Ziel verfolgt: Die Weckung des Frauengeschlechts zum Bewußtsein seines Menschenthums." Ghe wir die par ordre de mufti defretirte, nicht bewiesene Einheitlichkeit der Frauenbewegung auf ihre Thatsächlichkeit prüfen, müssen wir uns gegen die obige Definition ihres Zieles wenden. Dieselbe erscheint uns als kraft- und saftlose, nebelhafte Phraseologie, die dazu führt, unversöhnliche Gegensätze, einander widersprechende Interessen und Bestrebungen mit ganz allgemein gehaltenen Schlagworten zu überkleistern. Und nur zu überkleistern, nicht etwa zu überbrücken. Durch derartige allgemeine Schlagworte, die alle, human", alle„ gerecht" Denfenden unter einen Hut bringen, dem Ermessen jedes Einzelnen unbegrenzten Spielraum lassen, einer Bewegung den Charakter des weitherzigen„ Seid umschlungen, Millionen" aufdrücken sollen, durch solche allgemeine Schlagworte werden thatsächliche Gegensätze nicht beseitigt. Welche Akrobatenkunststückchen man mittelst derartiger Definitionen fertig bringt, dafür ein schlagendes Beispiel. Antworten wir auf die Frage: Was will die Sozialdemofratie?" damit, sie erstrebt das Glück des Menschengeschlechts", so steht uns absolut nichts im Wege, der sozialdemokratischen Partei zuzuzählen: den bauerlegenden, Taglöhner peitschenden Krautjunker, den seine Lohnsklaven bis aufs Blut aussaugenden Schlotbaron; den für mittelaltriges Zunftwesen schwärmenden Innungsmeister, der sich nur durch die unbarmherzigste Ausbeutung der Lehrlingsarbeit über Wasser hält; furz alle und jede, die mit treuherzigem Augenausschlag versichern, daß sie das Glück des Menschengeschlechts erstreben" allerdings auf die ihnen gut dünkende Weise. Auf die ihnen gut dünkende Weise! verehrtes Recht der Frau". Die Weise, ja die Weise, das ist der bic. In dem Pfeffer der Weise liegt nur zu oft der Hase der Gegensätzlichkeit zweier sozialen Bewegungen begraben. Die Gegenfäßlichkeit zweier Bewegungen beruht oft nicht in dem Was des Ziels, sondern in dem Wie der Erreichung dieses Ziels. Wir erinnern in dieser Beziehung nur an den unüberbrückbaren Gegensatz, welcher Sozialdemokratie und Anarchismus trennt, obgleich beide die Beseitigung der kapitalistischen und die Begründung einer kommunistischen Gesellschaft erstreben. " Doch kommen wir auf unseren Hammel zurück, auf das ein und dasselbe Ziel" der Frauenbewegung, die Weckung des Frauengeschlechts zum Bewußtsein des Menschenthums". Halten wir an dieser Formulirung des Zieles fest, so können allerdings auf dem Papier und in der Phantasie von Konfusionsräthen proletarische und bürgerliche Frauen zu einer humanitätstrunkenen Allerweltsbasenschaft zusammenschwenken. Aber dann kann sich auch von rechts her an die bürgerliche Frauenrechtlerin der verknöchertste Spießbürger anschließen und zur Proletarierin fann sich der profitgierigste Kapitaliſt gesellen. Der Spießbürger findet eben, daß sich das„ Menschenthum". der Frau zur herrlichsten Blüte entfaltet, wenn sie ausschließlich Strümpfe stopft, Suppe focht und als Kindergebärmaschine funktionirt. Der Kapitalist seinerseits schwört Stein und Bein, daß das„ Menschenthum" der Arbeiterin nie köstlicher entwickelt ist, als wenn sich diese * ,, Reinliche Scheidung", Nr. 8 der„ Gleichheit". zum Zweck seines Profits das Fell über die Ohren ziehen läßt und dazu vergelt's Gott, edler Menschenfreund" sagt.„ Das Recht der Frau" sieht nun wohl, daß es mit seiner weitherzigen Definition den Bruderkuß oder in unserem Falle den Schwesterkuß der Frauenbewegung allzu freigebig„ der ganzen Welt" zuschickt. Setzen wir also an Stelle der gegebenen Formel eine enger gefaßte, bestimmtere. Etwa die folgende:„ Das Ziel der Frauenbewegung ist die Schaffung der sozialen Vorbedingungen, daß jede Frau ihre natürlichen Anlagen und Fähigkeiten voll und allseitig entwickeln und bethätigen kann, zur eigenen Befriedigung und zum Nutzen der Allgemeinheit." Bei aufmerksamer Prüfung dieser Definition und bei flarer Einsicht in die wirklichen sozialen Verhältnisse springt sofort in die Augen, daß die Frauenbewegung teine einheitliche sein kann, daß sie sich in zwei getrennten Strömungen dem Ziele zu bewegen muß. Die sozialen Vorbedingungen für die Entwicklung der Einzelnen hängen nicht in der Luft. Sie sind der greifbare Ausfluß der je= weiligen Gesellschaftsverhältnisse, denen die wirthschaftlichen Zustände einer gegebenen Zeit zu Grunde liegen. Wir leben gegenwärtig unter einer Gesellschaftsordnung, welche sich aufbaut auf den Klassengegen sätzen zwischen Reich und Arm, zwischen Kapitalisten und Proletariern. Je nach der Klasse, welcher die einzelne Frau angehört, findet sie von ihrer Geburt an, ja noch vor ihrer Geburt, die gegensätzlichsten sozialen Verhältnisse für ihre Entwicklung vor. Unter gewissen sozialen Bedingungen entwickelt sich die bürgerliche Frau, unter ganz anderen sozialen Bedingungen die Frau des Proletariats. Die Erstere gehört einer wirthschaftlich freien, sozial herrschenden Klasse an. Der Entwicklung und Bethätigung ihrer Individualität werden nicht durch ihre Klassenlage Schranken gezogen, wohl aber durch ihre Geschlechtslage. Als Mitglied der Kapitalistenklasse besitzt die bürgerliche Frau die Möglichkeit zur freien Ausgestaltung ihres Wesens, in ihrer Eigenschaft als Frau wird sie jedoch durch die unterbürtige Stellung des weiblichen Geschlechts dem männlichen Geschlecht gegenüber behindert, ihre sozial bevorrechtete Klassenlage voll auszunüßen. So ist es naturnothwendig, daß die Frau des Bürgerthums die sozialen Vorbedingungen für ihr volles Ausleben dadurch schaffen muß, daß sie die Vorrechte, die Herrscherstellung des männlichen Geschlechts bekämpft, ihre Gleichstellung mit ihm herbeizuführen sucht. Das Ziel ihres Strebens ist von dem Augenblick an erreicht, wo sie die soziale Gleichstellung der Frau mit dem Manne durchgesetzt hat, denn von da an widersetzen sich feinerlei soziale Verhältnisse der Entfaltung ihrer Individualität. Das Ziel der bürgerlichen Frauen liegt also innerhalb des Rahmens der heutigen Gesellschaft, der zum Ziel führende Weg ist der Kampf von Geschlecht zu Geschlecht. Wesentlich anders aber liegen die Verhältnisse für die Frau des Proletariats. Sie gehört zu einer wirthschaftlich abhängigen, ausgebeuteten und sozial beherrschten Klasse. In letzter Instanz ist es bei ihr nicht die Geschlechtslage, ihre Eigenschaft als Frau, welche das Ausleben ihrer Individualität hindert, vielmehr ihre Klassenlage, ihre Zugehörigkeit zum Proletariat. Mag sie als Frau dem Buchstaben des Gesetzes nach zehnmal alle Rechte besitzen auf freie Ausgestaltung ihres Wesens, ihre Klassensklaverei als Proletarierin, ihre Armuth wird bewirken, daß sie diese Rechte nicht auszunuzen vermag. Das zeigt jeder auch noch so oberflächliche Blick auf die soziale Lage des proletarischen Mannes, dem die freie Bethätigung seiner Individualität auf Schritt und Tritt vereitelt wird. Auch nach der Gleichstellung des weiblichen und des männlichen Geschlechts ist die proletarische Frau außer Stande, ihre natürlichen Anlagen voll und allseitig zu entwickeln und zu bethätigen. Ihre diesbezüglichen Versuche zerschmettern an der Macht der sozialen, der wirthschaftlichen Verhältnisse, welche ihre Klassenlage bedingt, wie die Fliegversuche eines gefangenen Vogels an den Gitterstäben eines Käfigs scheitern. Will die proletarische Frau die sozialen Vorbedingungen für das volle Ausleben ihrer Individualität schaffen, so muß sie die Vorrechte, die Herrscherstellung der Kapitalistentlasse bekämpfen, die wirthschaftliche Abhängigkeit des Proletariats von ihr zur Unmöglichkeit machen, indem sie für die Aufhebung der Klassengegensätze kämpft. Erst von dem Augenblick an, wo dies Ziel erreicht ist, wo mit den Klassengegensätzen die Ursache der wirthschaftlichen und sozialen Abhängigkeit der Arbeiterklasse von der Kapitalistentlasse verschwindet, kann auch die proletarische Frau all ihre Fähigkeiten entfalten und bethätigen. Ihr Endziel liegt also nicht innerhalb der gegenwärtigen Gesellschaft, umgekehrt, es fann nur erreicht werden durch die Zertrümmerung dieser Gesellschaft. Der Weg, der die proletarische Frau zum Ziel führt, ist der Kampf von Klasse zu Klasse. Der Gleichstellung des weiblichen mit dem männlichen Geschlecht kommt für ihren Befreiungskampf eine nicht zu unterschätzende, aber doch nur beschränkte Bedeutung zu. Sie schafft in Gestalt der politischen Rechte der Proletarierin die Waffen, mit denen sie an der Seite des Mannes ihrer 103 Klasse für ihre volle soziale Menschwerdung fämpft. Die Gleichstellung der Geschlechter endet den Befreiungskampf der bürgerlichen Frau, sie verschärft dagegen den Befreiungskampf der Proletarierin, denn sie ermöglicht ihr die volle Antheilnahme an dem Ringen zur Beseitigung der kapitalistischen Gesellschaft./ " Wie man angesichts dieser Sachlage von einer„ einheitlichen" Frauenbewegung träumen fann, ist uns unerfindlich.„ Das Recht der Frau" führt übrigens diesen schönen Traum selbst ad absurdum, indem es weiterhin erklärt:„ Der wirthschaftliche Kampf tritt so intensiv auf die Bildfläche unseres gesellschaftlichen Lebens, daß bei der überwiegenden Mehrzahl der Menschen für ihre Haltung im Leben das Lager entscheidend ist, in dem sie geboren wurden. Die zunächst in die Augen fallenden und zumeist begehrten Ziele sind für die beiden im Rampfe stehenden Volksklassen allerdings verschiedene und nicht auf demselben Wege und nicht mit den gleichen Mitteln zu erreichen..." An diese zunächst in die Augen fallenden und zumeist begehrten Ziele" der bürgerlichen und proletarischen Frauenbewegung haben wir uns aber zunächst zu halten. Sie bilden die unterscheidenden und entscheidenden Merkmale für den gegensätzlichen Standpunkt der beiden sozialen Strömungen. Was Parteigruppirungen, was soziale Bewegungen trennt oder zusammenschweißt, sind selten in ferner, geschichtlicher Morgendämmerung auftauchende Jdeale. Es sind die in greifbarer Deutlichkeit aus dem Heute in das Morgen hineinwachsenden nächstliegenden Ziele. Was in der Gegenwart geschieht, ist für eine soziale Bewegung ausschlaggebend, was im Jahre 3000 geschehen wird, kann keinen Einfluß auf ihre Taktik ausüben. An der gegenfäßlichen Stellung zwischen bürgerlicher und frauenrechtlerischer Bewegung ändert es nicht ein Jota, daß Anno I der allgemein menschlichen Glückseligkeit Bourgeoisdamen und Proletarierinnen einander gerührt ans Herz sinken und erklären: jetzt stellt es sich heraus, daß wir alle im Grunde dem nämlichen Ziele zugestrebt sind. Für die Befreiung des weiblichen Geschlechts haben wir eben nicht mit dem sozial unbekannten X einer Durchschnittsfrau, einer Normalfrau,„ der Frau" schlechtweg zu rechnen, welche als sozial wesenloses Schemen in dem Wolfenfuckucksheim ideologischer und prinzipieller Erwägungen schwebt. Wir finden uns da zwei sehr konkreten, genau bekannten Größen gegenüber, der bürgerlichen Frau einerseits, der proletarischen Frau andererseits. Und eine jede von ihnen entwickelt und bethätigt sich innerhalb einer ganz bestimmten, scharf begrenzten sozialen Sphäre, die durch bestimmte wirthschaftliche Verhältnisse, durch die Klassenlage geformt wird. Die nämlichen Klassengegensätze, welche die Frauenwelt zerklüften, sie klipp und flar in ein bürgerliches und in ein proletarisches Lager scheiden, müssen auch in der Frauenbewegung in Erscheinung treten. Sie lassen keine Einheitlichkeit derselben aufkommen, sie bedingen ihre Spaltung in die beiden Ströme der bürgerlichen und proletarischen Frauenbewegung, sie schließen jede Gemeinsamkeit des Ziels und der Taktik zwischen beiden aus. Anna Marie. Von Ferdinand Freiligrath. Zertrümmert ist ihr Fensterlein, Kein Meister will es verglasen; Sie leimt davor ein weißes Blatt, Der Regen schäumet und macht es satt, Die Stürme blasen und rasen. Ach, Anna Marie, sie kann nicht mehr In Kränze die Röselein binden, Denn ihre Schmach ist laut und groß! Ein Knäblein wimmert in ihrem Schooß Der Vater, wer will ihn finden? ,, Was trug sie das Lärvchen so stolz zur Schau?" So eifert die Witwe hüben; ,, Was trug sie die Blumen von Haus zu Haus? Kam selber gefnickt und zerpflückt heraus So geifert die Jungfer drüben. Sie hat ihn geliebt, den leichten Mann, Nun lebt er im fernen Lande; Dort ruht er an dieser und jener Brust Und liebt und schwört und hat die Lust Die Mädchen haben die Schande. O, dies geborstene Fensterlein, Um das die Wetter grollen, Die Armuth, die so ehrlich blieb Sie hätten dem frechen Ehrendieb Zum Herzen sprechen sollen. " Nr. 14 der ,, Gleichheit" gelangt am 11. Juli 1894 zur Ausgabe. Es kam des geadelten Wechslers Frau Mit einem Junker nieder, Sie suchte die Amme mit reichem Gespinn, Mit sorglichem Blick, mit Huld im Sinn Und auf den Lippen die Lieder. Nun, Anna Marie war jung und mild, An Liedern wird's nicht fehlen: Sie hat ja geliebt, drum kennt sie den Traum Vom Feenpalast, vom singenden Baum Und von den bezauberten Seelen. Sie giebt ihr sprudelnd gesundes Blut Dem kleinen durstigen Prasser; Die Frucht von ihrem eigenen Leib Erzicht ein ärmliches Bauernweib Mit Schlägen und mit Wasser. Der Junker gedeiht, die Mutter jauchzt, In Thränen lächelt die Amme; Sie kauft mit ihrem geringen Lohn Das Hemd und das Kleid dem fernen Sohn, Dem hingeopferten Lamme. Und darf sie des Sonntags zum Kind heraus, Den Säugling an den Brüsten; Und sieht das bleiche verfümmerte Bild; Dann ist's ihr, ob alle Guten wild Und ewig sie strafen müßten! Sie streichelt und küsset mit zitternder Gier Und wecket auf den Kleinen Der kennt und will die Mutter nicht Ach, und an ihre traurige Pflicht Mahnt sie des Junkers Weinen. Die Wochen gehn, das Jahr ist um Und um ist ihre Pflege. Man schreibt ihr ins Zeugniß: ehrlich und gut, Man schenkt ihr einen verwitterten Hut Kann gehen ihrer Wege. Ihr Kind ist todt. Nie will sie mehr In Kränze die Röselein flechten. Da kommt ein altes Weib daher: „ Mein Töchterlein, dienen ist gar so schwer Was willst Du bei den Schlechten? Ich hab' ein niedliches Kämmerlein, Hab' Perlen für die Haare. An Essen und Trinken fehlt es nie, Die Lust ist groß!" O, Anna Marie, Das ist der Weg zur Bahre. Kleine Nachrichten. 104 Die Paschawirthschaft, wie sie manchem Unternehmer in seinem Betrieb beliebt, wurde kürzlich in Berlin in einer öffentlichen Versammlung aller im Kürschnergewerbe thätigen Arbeiter und Arbeiterinnen gebührend an den Pranger gestellt. Der Versammlung lag seitens einer Arbeiterin folgender Brief oder richtiger folgende Anflage vor:„ Als ich von Herrn Emil Becker hier, Gollnowstraße, engagirt worden war, machten mich meine dort arbeitenden Kolleginnen auf das widerwärtige Betragen Herrn Becker's aufmerksam. Kurze Zeit nach Beginn meiner dortigen Thätigkeit ersuchte mich Herr Becker, nach Feierabend dazubleiben, um die Wertstelle aufzuräumen; ich sagte zu und erzählte dieses einer Kollegin, mit der ich pflegte des Abends gemeinsam nach Hause zu gehen; diese sprach die Vermuthung aus, daß Herr Becker jedenfalls etwas mit mir im Schilde führe, was nicht in den Rahmen sittlicher Moral hinein gehöre. Mir wurde nun das sonderbare Anerbieten seitens des Herrn Becker betreffs Werkstelleaufräumens flar, und da ich mich ängstigte, bat ich die Kollegin, auf mich zu warten. Sie that dies auch, allein nach einiger Zeit bemerkte Herr Becker zu ihr:, meine Leute sollen pünktlich Feierabend haben', worauf die Kollegin sich entfernte, doch ihrem Versprechen gemäß draußen wartete. Herr Becker half mir nun die Lumpen in den Lumpensack hineinthun, doch da er fürchtete, vielleicht beobachtet zu werden, ging er wieder nach seinem Komptoir. Als ich mich zum Nachhausegehen ankleidete, kam er wieder nach der Werkstelle und stellte unsittliche Anträge an mich; ich war darüber sehr entrüstet und fertigte ihn derb ab. Herr Becker ließ von seinem Antrage nicht ab und bot mir Geld an. Nun merkte ich, daß meine Situation doch gefährlich werden konnte, da ich Herrn Becker ganz machtlos gegenüberstand, und suchte in die Nähe des Fensters zu gelangen, um eventuell um Hilfe zu rufen oder hinauszuspringen. Herr Becker ließ nicht ab und warf mir einen größeren Geldbetrag hin, welchen ich ebenfalls in gebührender Weise zurückwies; da er sah, daß alles dieses nichts nutzte, wollte er die brennende Lampe auslöschen, ich verbat mir das und drohte, um Hilfe zu rufen, falls er mich nicht endlich in Ruhe zu Haus gehen ließe. Nun mußte er wohl einsehen, daß er sich geirrt hatte und ließ mich gehen. Allein Erneuerungen solcher Anträge an dem folgenden Tage blieben nicht aus, und Herr Becker erklärte, er mache es immer mit seinen Mädchen so. Da er nun einsah, daß er es mit mir doch nicht so machen konnte, stellte er an mich die Bitte:, Um Gotteswillen treten Sie damit nicht vor die Deffentlichkeit. Dieses der Wahrheit gemäß bescheinigt Minna K." Da der vor die Versammlung geladene und erschienene Herr Becker das Verlesen des Briefes mit dem Zwischenruf„ Lüge" unterbrochen hatte, so wiederholte ihm die betreffende, gleichfalls anwesende Arbeiterin die Anklagen ins Gesicht. Der Angeschuldigte ließ zwar verschiedene Einwände und Ausflüchte aufmarschiren, konnte aber den eigentlichen Thatbestand so wenig in Abrede stellen, daß er wörtlich erklärte:„ Ich leugne nichts und bestreite nichts, was ich eingebrockt, werde ich auch ausessen." Mit dem Hinweis darauf, ,, daß er ja ein unverheiratheter Mann sei", meinte er seine schmachvolle Handlungsweise genügend gerechtfertigt zu haben. Der kapitalistischen Auffassung nach ist eben Ehre und Jugend der Proletarierin eine Waare, welche wie die Arbeitskraft und oft zusammen mit ihr gekauft werden kann. Der Becker wurde gerichtet, seine Arbeiterinnen sind in Zukunft hoffentlich gegen seine Paschagelüfte sicher gestellt. Aber so lange die kapitalistische Wirthschaftsweise besteht, werden die Becker bleiben, welche vermeinen, über ihre Arbeiterinnen" als Fabritsklavinnen und Lustsklavinnen zugleich verfügen zu können. Ein neuer Vers zum alten Lied von Hungerlöhnen. Nach dem Bericht des Altenburger Fabrikinspektors für 1892 schwankt der Wochenverdienst der Arbeiterinnen der Zigarrenfabriken zwischen 2 Mt. 50 Pf. und 17 Mk. Wir wollen zugeben, daß vielleicht und nur vielleicht die Arbeiterinnen, welche mit ihrem Verdienst wöchentlich nicht über 2 Mt. 50 Pf. hinauskommen, besonders ungeschickt und langsam seien. Nichtsdestoweniger bleibt die Thatsache bestehen, daß die ungeschickteste Arbeiterin mit 2 Mt. 50 Pf. wöchentlich nicht leben kann. Und wenn sie an einer Familie feinen Rückhalt.hat was so und so oft der Fall ist was dann?„ Hunger oder Prostitution!" antwortet die kapitalistische Gesellschaft. Das Apothekergewerbe ist den Frauen in Holland zugäng lich gemacht. Frauen dürfen zwar nicht selbständig eine Apotheke errichten oder leiten, wohl aber können sie in einer solchen als Gehilfinnen( Provisorinnen) beschäftigt werden. Anstellung dürfen sie nur finden, wenn sie ein Staatsexamen bestanden haben, das sich an ein zweijähriges theoretisches und praktisches Studium anschließt. Die Apothekergehilfinnen beziehen ein Gehalt von 500-600 fl.( 1 fl. 1 Mt. 70 Pf.) jährlich ohne Kost und Logis oder freie Station mit einem Jahressalär von 100 fl. Aus diesen Zahlen erhellt, daß das Unternehmerthum auf einem neuen Gebiete des Erwerbslebens die Frau als Schmutzkonkurrentin des Mannes ausspielt. Ausbau der Fabrikgesetzgebung- natürlich nicht in Deutschland. Der englische Minister des Innern brachte im Parlament einen Gesetzentwurf ein, welcher die bestehende Fabrikgesetzgebung erweitern soll. Die Bill verbessert die sanitären Bedingungen der Fabritbetriebe, sie erhöht die persönliche Sicherheit der Arbeitskräfte, sie giebt den Gerichten die Befugniß, in Anlagen, die in baulicher Hinsicht ungeeignet als Betriebsstätten sind, die nothwendigen Verbesserungen zwangsweise vornehmen zu lassen; sie verbietet das Reinigen der im Betrieb befindlichen Maschinen durch Frauen und junge Personen. Ueberstunden sollen statt an fünf, nur noch an drei Wochentagen erlaubt sein. Frauen, jugendliche Personen und Kinder, welche während des Tags in einer Fabrik be= schäftigt sind, dürfen keine Arbeit mit nach Hause nehmen. Wäschereien sollen dem Fabrikgeset unterstellt werden. Dampfwäschereien werden als„ Fabriken" betrachtet, andere Wäschereien als„ Werkstätten". Docks, Werften und Orte, wo provisorische Baulichkeiten aufgeführt sind, unterstehen der Fabrikinspektion. Im Falle gefährlicher und ungesunder Beschäftigung soll der Minister das Recht besitzen, die Arbeitszeit einzuschränken und die Beschäftigung von Frauen, jugendlichen Personen und Kindern zu verbieten. In England erweitert und festigt man den gesetzlichen Arbeiterschutz, in Deutschland durchlöchert und lockert man ihn. Das ist die Bilanz der englischen und der deutschen Sozialreform. Verantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Bettin( Eißner) in Stuttgart. Druckt und Verlag vor J. H. W. Diez in Stuttgart.