-129Nr. 17. Die Gleichheit. 4. Jahrgang. Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Herausgegeben von Emma Ihrer in Velten( Mark). Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nro. 2660) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf. Stuttgart Mittwoch, den 22. August 1894. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Vom Anarchismus. Die anarchistischen Gewaltthaten haben jüngst in Italien und Frankreich seitens der herrschenden Klasse gesetzgeberische Afte her= vorgerufen, durch welche man hofft, derartige Ereignisse aus der Welt zu schaffen. Der Anarchismus stand und steht noch im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussionen, und zwar nicht nur in den Landen, wo er seine Bomben geworfen und seine Dolche geschliffen hat, wo er seine wilden und wahnsinnigen Thaten vollbrachte, sondern auch bei uns in Deutschland beschäftigt er alle Gemüther und bietet er gewissen politischen Parteien wie schon früher, jezt aber in gesteigertem Maße Gelegenheit und günstigen VorGelegenheit und günstigen Vorwand zu neuen reaktionären Vorstößen gegen den winzigen Rest der Rechte und Freiheiten unseres Volkes. Mit dem Anarchismus ist es so eine eigene Sache; er scheint etwas Sphinrartiges an sich zu haben, was auf manche Geister eine starke Anziehungskraft ausübt; er ist eine Erscheinung, über deren Natur die Ansichten sehr weit auseinandergehen. Für den fonservativen Spießbürger, der sich die Behaglichkeit seines Ver= dauens beileibe nicht durch Nachdenken über soziale Erscheinungen stören lassen darf, ist der Anarchismus ebenso wie die Sozialebenso wie die Sozialdemokratie furzer Hand etwas ganz Böses und Abscheuliches, will es ihm doch an seinen geheiligten Besitz und an seinen lieben Vater Staat, der ihn in seinem Besize schirmt. Das darf nimmermehr sein, da muß die Regierung Zwangsgeseze schaffen und die böse Rotte von Gottes Erdboden vertilgen, damit das Vaterland Ruhe hat und der Philister weiter gemüthlich verdauen kann. Die Sozialdemokraten auf der anderen Seite weisen nach, wie ihre Lehre und ihre Taftit grundverschieden sei von der Lehre und Taktik des Anarchismus; sie behaupten, daß der Anarchismus dem Volt, das nach Besserung seiner Lage und nach Freiheit drängt, nicht nur nichts helfe, sondern ihm sogar schwersten Schaden bringt und bringen müsse. Das merkwürdigste aber ist, daß die Leute, die sich selbst Anarchisten nennen, in ihren Ansichten unendlich weit auseinandergehen. Sie gehen so weit auseinander, daß es manch mal geradezu lächerlich wirkt; oder wäre es nicht z. B. zum Lachen, wenn zu derselben Stunde, wo der Anarchismus sich in den Ravachol, Henry, Caserio verkörpert und bethätigt, andere Anarchisten" erklären, der Appell an die Gewalt sei gar nicht anarchistisch. Ihr Ideal die Anarchie sei ein Zustand, wo alle Menschen in völliger Freiheit leben, und zur Erreichung dieses Zieles solle man dafür propagandiren, daß jeder Einzelne eine freie selbständige Individualität werde; habe sich erst die große Masse zu freien und selbständigen Menschen entwickelt, so müsse vor ihrem Anhauch alle Ausbeutung des Kapitalismus sofort zusammenbrechen. " Dies Ziel der Anarchisten sieht recht verlockend aus. Es ist ja auch dasselbe, dem der Sozialismus zuftrebt, dem die Sozialdemokratie ihr Sinnen und Trachten widmet! Wozu brauchte da der Anarchismus seine Sekten zu begründen? Warum werfen dann die ,, Anarchisten" der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung, wie es so häufig geschehen, Knüppel auf die Wege? Sie sagen, der Sozialismus wolle einen neuen 3wang einführen, eine Herrschaft des Parlaments und der Führer. Diese Behauptung kann aber Zuschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" sind zu richten an Fr. Klara Bettin( Eißner), Stuttgart, RothebühlStraße 147, IV. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. nur aufstellen, wer sehr thöricht ist oder wer frisch, fromm, fröhlich, frei ins Blaue hinein verleumdet. Die guten Leute, die so reden, haben offenbar keine Ahnung vom Sozialismus. Sie übersehen und das ist ihre Grundveste in all ihren Anschauungen die ausschlaggebende Seite des Gesellschaftslebens, nämlich die wirthschaftlichen Verhältnisse. Sie, die den politischen Kampf der Sozialdemokratie anfeinden, sind thatsächlich die eingefleischtesten und ganz verrannten„ Politiker". Freiheit für Alle ist nur möglich, wenn die wirthschaftliche Gleichheit als unerschütterliches Fundament der menschlichen Gemeinschaft aufgemauert wird. Ebenso wie die heutige Unfreiheit, Unselbständigkeit, Feigheit der Einzelnen Folgeerscheinung der wirthschaftlichen Noth ist, der sie anheimgegeben sind, genau so müssen alle diese Folgeerscheinungen naturgemäß ausfallen, muß die völlige Freiheit Aller eintreten, muß jegliches Herrschafts- und Führerverhältniß verschwinden, sobald einmal die wirthschaftliche Lage des Volkes umgewälzt, sobald Erziehung und Bildung Aller in gleicher Weise zugänglich gemacht sein wird. Die Anarchisten wir meinen hier immer die Theoretiker unter ihnen, nicht die Männer der That schauen wie mit ge= blendetem Auge auf den altbürgerlichen Begriff der politischen Freiheit und begehen den verhängnißvollen Fehler, diesen Begriff auch als höchsten Grundsaß für das Wirthschaftsleben der Menschen aufzustellen. Um aber die Mängel der heutigen kapitalistischen Wirthschaftsform zu vermeiden, ist es unbedingtes Erforderniß, dem Grundsatz der Freiheit der Einzelnen den Grundsatz der solidarischen Zusammenarbeit Aller nebenzuordnen. Die verheerenden Wirthschaftskrisen, die Arbeitslosigkeit, das Sinken der Löhne und viele andere derartige Uebel sind verursacht durch die Planlosigkeit, die Ungeordnetheit auch die ist Anarchie! des heutigen Gütererzeugungssystems. An die Stelle der wüsten Konkurrenz Aller gegen Alle muß eine Organisation, eine bewußt geregelte Güterproduktion treten, Erzeugung und Verbrauch der Güter müssen miteinander ins Gleichgewicht gebracht werden. Diese Ordnung des Wirthschaftslebens ist selbstredend nur von dem arbeitenden Volk selbst durchzuführen. Die technischen Errungenschaften der Neuzeit sind in allen Betrieben rationell anzuwenden, was wiederum nur möglich wird, wenn die Gesammtheit organisirt ist. Die Anarchisten aber verdammen jegliche Organisation, weil diese ihnen thörichterweise als ein neues„ Herrschaftsverhältniß" erscheint. Sie erheben die völlige Unabhängigkeit der Einzelnen zum höchsten Prinzip; sie sind wahrlich werth, von Eugen Richter als Geisteskinder geliebkost zu werden; der Liberalismus, die freie Konkurrenz unabhängiger Einzelner steckt ihnen in allen Boren ihres Denkens. Auf Grund solcher Theorie können sie aber nimmermehr eine Gesellschaftsordnung begründen, die fähig wäre, all ihrer Mitglieder materielles Wohl und daraus folgend ihre geistige Freiheit zu sichern. Eine Gesellschaft, die nicht das Wohl der Gesammtheit und die bewußte, geregelte Zusammenarbeit Aller zum höchsten Prinzip hat, müßte vielmehr offenbar sofort in Millionen Atome zerfallen und könnte feinen Tag eristiren. Wir wollen die Unsinnigkeiten, zu denen die anarchistische Lehre mit Nothwendigkeit führen muß, hier nicht weiter ausführen, wir wollen aber darauf hinweisen, daß dieselbe Konfusion, wie 130 bezüglich der zu erstrebenden Endziele bei den Herren Anarchisten| liche Versammlung der Kartonarbeiter und Arbeiterinnen:„ Die Mißstände in den Berliner Kartonfabriken"( Genosse Greifenberg); öffentherrscht, auch bezüglich der heutigen Tages einzuhaltenden Tattit bei ihnen zu finden ist. Wir wollen, sagen sie, freie und selb- liche Versammlung aller in der Schuhindustrie beschäftigten Arbeiter ständige Individuen erziehen; wenn wir eine große Anzahl solcher erzogen haben, so werden sie den Kapitalismus angreifen und stürzen. Auch dies klingt recht gut. Aber wie will man die Masse des Proletariats zu solchen selbständigen Charakteren erziehen? Das ist ja gerade das Elend des heutigen Kapitalismus, daß er den Proletarier und die Proletarierin durch materielle Leiden allerlei Art so ausmergelt, daß dieselben körperlich und geistig ermatten und als Einzelne nichts auszurichten vermögen. Wie sollen denn die Einzelnen den Kapitalismus stürzen? Wenn sie wirklich eine Regierung zu Falle brächten, was würde weiter geschehen? Wie sollte das Wirthschaftsleben fortgeführt und verbessert, wie die neue schönere Kultur, die wir ersehnen, ausgestaltet werden, wenn nicht die ganze Masse der Arbeitenden männlichen und männlichen und weiblichen Geschlechts vorher gut organisirt, zu politischem Zusammenwirken wohl geschult worden ist? " Wir sagten nun schon oben, daß viele Anarchisten die„ Propaganda der That" zurückweisen, aber hierin liegt wieder ein großer Widerspruch zu ihren eigenen Grundanschauungen. Denn wenn das„ Ich" der Einzelne, der Mittelpunkt ist, wenn das„ Ich" Niemanden, auch nicht die Gesammtheit, in sein Thun und Treiben hineinzureden lassen braucht, so kann es ihm folgerichtigerweise auch gar nicht verdacht werden, wenn es zur Gewalt als Kampfmittel, gegen die Bourgeoisie greift. Die Propaganda der That", das Bombenwerfen, der Kampf von Person zu Person, ist sicherlich eine Kampfesart, die sich, wenn auch nicht mit Nothwendigkeit, so doch mit großer Selbstverständlichkeit aus der anarchistischen Lehre von der vollständigen Unabhängigkeit des Einzelnen ergiebt. Und daß diese Kampfesart nichts taugt, daß sie für die Arbeiterschaft höchst verderblich ist, dazu bedarf es keines Beweises mehr. Alles das, was die Anarchisten durch ihre Thaten erreichen wollten, wurde regelmäßig nicht verwirklicht, vielmehr trat das Gegentheil davon ein. Sie wollten die Herrschenden schrecken und Sozialreformen erzwingen, sie haben nur Zorn erregt und Zwangsgesetze gegen die Arbeiterschaft hervorgerufen. Sie wollten die Masse aufrütteln durch Aufsehen erregende Thaten, aber die Masse wandte sich von ihnen, leider auch oft von den Arbeiteridealen überhaupt weg, da sie sah, daß man einzelne unschuldige Personen ermordete. Wie das Ziel des Arbeitsvolfes, die Beseitigung aller Ausbeutung, die Erzeugung reichlicher Gütermengen zu lebensfrohem Dasein Aller, nur zu erreichen ist durch große wirthschaftliche Organisationen, so ist auch der Weg zum Ziele nur gangbar zu machen, wenn die Männer und Frauen des Volkes sich gewerkschaftlich und politisch zusammenschaaren, wenn alle Ausgebeuteten einig und solidarisch sich um dasselbe Banner vereinen. Erst wenn dies der Fall ist, wird durch diese Uebermacht der organisirten und zielbewußten Massen die Macht des Kapitalismus gebrochen, werden können. Nimmermehr aber wird das Proletariat vorwärts kommen, wenn Einzelne auf ihre eigene Faust vorgehen, wenn sie einzelne Glieder der unterdrückenden Gesellschaft aus dem Wege räumen. Nicht anarchistischer Wahnsinn, nicht anarchistische Irr= lehren können uns helfen, unsere Losung bleibt: Unablässige, energische, zielflare Agitation und Organisation des gesammten ausgebeuteten Volkes. Mit dieser Losung wer den wir siegen! Arbeiterinnen- Bewegung. In der Zeit vom 15. Juli bis 15. August fanden öffentliche Versammlungen statt in: Berlin, drei große öffentliche Voltsversammlungen:„ Die Frauen und der Bierboykott"( Referenten waren die Genossen Wagner, Henke, sowie Genossin Greifenberg); öffentliche Versammlung der Kartonarbeiterinnen:„ Die Lohn- und Arbeitsverhältnisse der Kartonarbeiterinnen"( Genossin Bertha Artelt); öffent liche Volksversammlung der Arbeiter und Arbeiterinnen der Luruspapierbranche:„ Die Lage der in den Berliner Luruspapierfabriken beschäftigten Personen"( Genosse Sailer); öffentliche Versammlung der Brauereiarbeiter:" Der Stand des Bierboykotts"( Genosse Pfannkuch); öffentliche Versammlung für Männer und Frauen:„ Die Bildungsbestrebungen der Arbeiter und die Kunst"( Genosse Schulz); öffentund Arbeiterinnen:„ Stellungnahme zu dem bevorstehenden Bekleidungsindustrie- Kongreß""( Genosse Willner); öffentliche Versammlung des Bildungsvereins für Frauen und Mädchen:„ Die Ernährung des Kindes"( Genosse Dr. Weyl); Bielefeld, öffentliche Versammlung der Schneider und Schneiderinnen:„ Industrieverbände oder Zentralorganisationen?"( Genosse Slomke); Blecher, öffentliche Volksversammlung:„ Die wirthschaftliche Lage des Volkes"( Reichstagsabgeordneter Schuhmacher); Charlottenburg, große öffentliche Versammlung für Männer und Frauen:„ Der Bierboykott und seine Folgen"( Reichstagsabgeordneter Zubeil); Friedberg, öffentliche Volksversammlung:„ Unsere Programmpunkte in Bezug auf Arbeiter, Handwerker und Bauernstand"( Genosse Dr. David); Grünau, öffentliche Versammlung für Frauen und Männer:„ Der Stand des Bierboykotts"( Genosse Dr. Heymann); Halle, große öffentliche Volks versammlung:„ Militarismus und Sozialdemokratie"( Reichstagsabgeordneter Metzger); Hamburg, öffentliche Volksversammlung: ,, Das moderne Strafrecht vom Standpunkte der unteren Volksklassen" ( Genosse Dr. Berthold); öffentliche Versammlung der Fabrik-, Land-, Hilfsarbeiter und Arbeiterinnen:„ Die Nothwendigkeit der Organisation"( Genosse Cordes); Hildesheim, öffentliche Versammlung für Männer und Frauen:" Der Braunschweiger Bierboykott"( Genosse Stephan); Magdeburg, öffentliche Volksversammlung:„ Die letzte Wahlbewegung"( Reichstagsabgeordneter Klees); Pankow, öffentliche Versammlung für Männer und Frauen:„ Die Agitation für den Bierboykott"( Genosse Dastig); Plauen, öffentliche Volksversammlung: „ Sozialismus und Anarchismus"( Reichstagsabgeordneter Förster); Rostock, öffentliche Versammlung der Schneider und Schneiderinnen: ,, Der Bekleidungsindustrie- Kongreß"( Genosse Müller); Wandsbeck, öffentliche Versammlung für Männer und Frauen:„ Die materialistische Geschichtsauffassung"( Genosse Lesche). Vereinsversammlungen fanden in der nämlichen Zeit statt in: Altona, außerordentliche Generalversammlung des Arbeiterbildungsvereins: Kassenbericht; Barmbeck, Mitgliederversammlung des Verbands der Fabrik-, Land-, Hilfsarbeiter und-Arbeiterinnen: Quartalsabrechnung und Revision derselben; Berlin, Generalversammlung des Vereins der Knopfarbeiter und Arbeiterinnen: 1) Kassenbericht, 2) Wahl der Revisoren; Mitgliederversammlung des Bildungsvereins für Frauen und Mädchen:„ Die Ernährung des Kindes"( Genosse Dr. Weyl); Mitgliederversammlung des Verbands der Filzschuharbeiter und-Arbeiterinnen: 1) Kassenbericht, 2) Wahl eines Revisors und eines Bibliothekars; Mitgliederversammlung des Verbands aller in der Papier und Ledergalanteriebranche beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Die Philosophie des Sozialismus"( Genosse Dr. Heymann); Mitgliederversammlung des Verbands der Holzarbeiter und -Arbeiterinnen:„ Die moderne Ehe und die freie Liebe"( Genosse Borchart); Charlottenburg, Mitgliederversammlung des Vereins für Frauenbildung:„ Die strenge Durchführung des Bierboykotts" ( Genosse Montag); Celle, Verbandstag des Vereins der Fabrit, Land, Hilfsarbeiter und Arbeiterinnen Deutschlands: 1) Bericht der Preßkommission, 2) Statutenberathung; Hamburg, Mitgliederver sammlung des Zentralvereins für Frauen und Mädchen: 1) Kassenbericht, 2) Auflösung der Zahlstelle; Hannover, Mitgliederversammlung des Verbands der Fabrik-, Land-, Hilfsarbeiter und Arbeiterinnen: Ueber Nationalökonomie"( Genosse Göbel); Moabit, Mitgliederversammlung des Bildungsvereins für Frauen und Mädchen: Die Ernährung des Kindes im ersten Lebensjahre"( Genosse Dr. Weyl); München, Generalversammlung des allgemeinen Arbeiterinnenbildungsvereins: 1) Berichterstattung, 2) Neuwahl des Ausschusses; Nürnberg, zwei Mitgliederversammlungen des Bildungsvereins für Frauen und Mädchen: 1)„ Das Recht auf Arbeit"( Genosse Henning); 2) Thätigkeits- und Kassenbericht); Stuttgart, Mitgliederversammlung des Bezirksvereins Westen:" Die politische und wirthschaftliche Lage"( Genosse Hermann); Mitgliederversammlung des Buchbinderfachvereins: Kaffenbericht. " Leipzig. Die letzte Generalversammlung des hiesigen Bildungsvereins für Frauen und Mädchen legte Zeugniß ab von der gesunden und kräftigen Entwicklung dieser Organisation. Die Mitgliederzahl ist seit der Gründung langsam, aber stetig gestiegen, gegenwärtig gehören dem Verein 235 Frauen und Mädchen an. Die Vereinsversammlungen sind in der Regel recht gut besucht und zeigen, daß die Genossinnen eifrig bemüht sind, sich aufzuklären und zu bilden. Die vom Verein veranstalteten Wanderversammlungen haben sich im Allgemeinen als treffliches Mittel bewährt, der Organisation neue Sympathien und neue Mitglieder zu gewinnen. Die Kassenverhältnisse sind recht befriedigende. Obgleich der Verein nicht 131 kapitalistischen Gesellschaft ist aber diese Thatsache gleichbedeutend mit den allerelendesten Arbeitsbedingungen. Die in die Textilindustrie in Massen eindringenden Frauen werden vom Unternehmerthum als Trumpf gegen die Arbeiter ausgespielt; indem sie sich mit Hungerlöhnen begnügen, drücken sie durch ihre Schmutzkonkurrenz den Verdienst der Männer tiefer und tiefer, ermöglichen sie eine Verschlechterung der allgemeinen Arbeitsbedingungen, die sich wieder an ihnen selbst rächt und zu einer weiteren Schmälerung ihrer Existenzmittel führt. So sind gerade in der Textilindustrie die Erwerbsverhältnisse der Arbeiterinnen die denkbar traurigsten, wie auch aus den folgenden Ausführungen erhellt, durch welche wir die Lage der Textilarbeiterinnen des Wupperthales etwas beleuchten wollen. unbeträchtliche Mittel für Agitations- und Bildungszwecke verausgabt| welche die Männerarbeit mehr und mehr verdrängt. Innerhalb der hat, konnte er der sozialdemokratischen Partei in Leipzig 100 Mark für Gründung einer eigenen Druckerei überweisen und behielt noch einen Bestand von 13,65 Mt. Da der Bildungsverein erst seit einem Jahre besteht, so ist dies gewiß ein höchst erfreuliches Resultat. Besondere Erwähnung verdient es, daß der Verein seit seiner Gründung die thatkräftigste Unterstützung seitens der Genossen gefunden hat, daß diese in jeder Weise die Bestrebungen der Genossinnen fördern, weitere Schichten der proletarischen Frauenwelt zur Erkenntniß ihrer Klassenlage zu erwecken und sie der Organisation zuzuführen. Die Leipziger Genossen und Genossinnen arbeiten in innigster Fühlung miteinander im Dienste der nämlichen großen Sache. Der neugewählte Vorstand des Bildungsvereins besteht aus den Genossinnen Röber, Baum, Jäger, Hahner, Wolf, Wehmann, Bertram, Meder und Geidel. Die Mitglieder des Vereins werden sich auch in Zukunft bemühen, den Aufgaben klassenbewußter, fämpfender Proletarierinnen gerecht zu werden, ihre noch in Stumpfsinn und Gleichgiltigkeit beharrenden Klaſſengenossinnen zur Erkenntniß ihrer Interessen und zu Mitträgerinnen der großen Kulturbewegung zu erziehen, welche die Freiheit alles Dessen anstrebt, was Menschenantlig trägt. A. K. " Aus Bayern. Deutschland hat bekanntlich eine höchst buntscheckige Musterkarte von Vereins- und Versammlungsgesetzen aufzuweisen, die den Frauen gegenüber ebenso buntscheckig gehandhabt werden. Aber die liebliche Buntscheckigkeit beim Auslegen und Anwenden der betreffenden Gesetze ist doch in Bayern daheim. In Nürnberg war z. B. in letzter Zeit den Frauen der Zutritt zu jeder öffentlichen Versammlung aufs Strengste verwehrt. In dem benachbarten Fürth dagegen konnten die Arbeiterinnen unbehindert öffentlichen Versammlungen beiwohnen, vorausgesetzt, daß dieselben sich nicht mit politischen Fragen beschäftigten. In Nürnberg und Fürth sollten in letzter Zeit je zwei Versammlungen stattfinden die eine für Schneider und Schneiderinnen, die andere für die Arbeiter und Arbeiterinnen der Papierindustrie in welchen die nämlichen Referenten über die nämlichen Fragen sprechen sollten. In Fürth durften die Arbeiterinnen beiden Versammmlungen beiwohnen, in Nürnberg dagegen wurden sie aus beiden Versammlungen ausgewiesen. In Nürnberg bestimmt die Handhabung der Vereinsund Versammlungsgesetze ein„ freisinniger" Bürgermeister, in Fürth dagegen der Bezirksamtmann, also ein Staatsbeamter. Was in Nürnberg als Anfang vom Ende aller„ Ordnung", als„ Ungesetzlichkeit" erscheint, betrachtet man in Fürth als harmlos und gesetzlich und läßt es geschehen. Und Fürth steht noch! Aber auch in Nürnberg beginnt sich das Blättchen zu wenden und zwar gegen den gesellschaftsretterisch angelaufenen Herrn Bürgermeister. Wie erinnerlich sein dürfte, wurde in Nürnberg den Frauen der Zutritt zu einer Versammlung verwehrt, in welcher die Frage der Fabrikinspektion" zur Tagesordnung stand. Diese Frage war dem Stadtoberhaupt nach hochnothpeinlicher Erwägung als eine„ politische" erschienen, mit der sich Frauen nicht befassen durften. Die Einberufer der betreffenden Versammlung meldeten Beschwerde gegen die beliebte Maßregel an, und siehe, diese Beschwerde ist von der höheren Instanz für begründet erachtet worden. Es fand nun neuerdings eine Versammlung statt, in welcher abermals über die„ Fabrikinspektion" referirt wurde. Der Versammlung wohnten zahlreiche Frauen bei und zahlreiche Polizisten, welche eventuell die von den gefährlichen Nürnbergerinnen bedrohte schwachfüßige„ Ordnung" stüßen sollten. Natürlich erfolgte nicht der geringste Anlaß zu einem Einschreiten der Polizei. Hoffentlich ist nun der erste Schritt geschehen, daß unseren Genossinnen in Nürnberg die Ausnutzung der so färglich bemessenen Versammlungsfreiheit fünftighin wieder möglich ist. Und Nürnberg steht noch! Du mein, o Du mein! Das Wupperthal, die bekannte Pflanz- und Pflegstätte deutschen protestantischen Muckerthums, aber glücklicherweise auch die Hochburg der rheinischen Sozialdemokratie, ist eines der bedeutendsten Zentren der deutschen Textilindustrie. Die Schlotbarone, welche die JennyMill oder den Kraftstuhl im Wappen führen, haben hier die erwachsenen Frauen und selbst die noch schulpflichtigen Mädchen als Schmutzkonkurrentinnen der Männer in den Frohndienst des Kapitals gestellt. Je mehr die Großproduktion durch ihre übermächtige Konkurrenz die Kleinbetriebe verdrängte und aufsaugte, desto größer ward die Anzahl der weiblichen Arbeitskräfte, welche in der Textilindustrie des Wupperthals verwendet, d. h. ausgebeutet werden. Früher waren in der Textilindustrie des Wupperthals, wie überhaupt im ganzen bergischen Lande, die Hausindustrie und das Kleinmeisterthum vorherrschend. Theils ganz selbständig, theils im Dienste größerer Unternehmer, welche ihre Fabrikeinrichtungen auf das Allernothwendigste beschränkten, verarbeiteten die Weber- und Wirkermeister die Rohstoffe in ihren eigenen Werkstätten. Da gab es eine ganze Reihe von Nebenarbeiten, welche am besten und ge= schicktesten von jüngeren Mädchen verrichtet wurden. In der Regel waren es die weiblichen Angehörigen des Kleinmeisters selbst, welche derartige Hantirungen übernahmen. Erst wenn die Glieder der Familie zur Bewältigung der Arbeit nicht ausreichten, wurden fremde Mädchen zur Hilfe herangezogen. Ihre Bezahlung für jene Hilfsverrichtungen, welche man nicht recht als eigentliche Arbeit ansah, war natürlich eine geringe. Sie überstieg den Betrag von 3 bis 4 Mark wöchentlich nicht. Die Arbeitszeit variirte dabei zwischen 6 bis 10 Stunden täglich. Das ganze Arbeitsverhältniß zwischen den Meistern und ihren Gehilfinnen trug einen mehr patriarchalischen Charakter. Die jungen Mädchen wurden als zur Familie des kleinen Unternehmers gehörig betrachtet, für den sie schafften; sie nahmen an ihren kleinen Leiden und Freuden theil und empfingen von ihr bei den und jenen Gelegenheiten Geschenke. Trotz ihres niedrigen Verdienstes waren ihre Lebens| verhältnisse auskömmliche. Sie gehörten fast ausnahmslos Familien an, welche ein zwar bescheidenes, aber sicheres Auskommen hatten. Die Menschenarbeit war noch nicht durch die Konkurrenz der Maschinenarbeit so weit entwerthet worden, daß der Familienvater nicht mehr für den Unterhalt der Seinigen zu sorgen vermochte, daß jedes Glied der Familie vom zartesten Alter an für seinen Unterhalt auf den selbständigen Erwerb angewiesen war. Die jungen Mädchen brauchten durch ihre Arbeit nicht für die Gesammtkosten ihrer Existenz aufzukommen, sie lieferten nur einen Zuschuß zu den Einnahmen der Familie, an der sie jederzeit einen materiellen Rückhalt fanden. Nicht selten kam es vor, daß der Verdienst der jungen Mädchen ganz oder theilweise zur Ansammlung einer Aussteuer auf die Sparkasse ge= tragen wurde. Die Arbeit der Gehilfinnen war nicht besonders schwer, oft abwechslungsreich, die Arbeitskräfte wurden nicht so intensiv ausgenüßt und abgerackert wie heutigentags im Großbetrieb. Das Bild von der Thätigkeit der Hilfsarbeiterinnen in der Textilindustrie ändert sich vollständig mit dem Auftreten des Großbetriebs. In dem Maße, als hier Maschinen zur Anwendung geBur Lage der Textilarbeiterinnen im Wupperthale. langten, die Großproduktion zur Regel, der Kleinbetrieb zur AusEins der Industriegebiete, wo die kapitalistische Produktionsweise zu höchster Entfaltung gelangt ist und der Großbetrieb so gut wie unumschränkt vorherrscht, ist unstreitig die Textilindustrie, die Spinnerei, Weberei und Wirkerei sammt ihren zahlreichen Nebenindustrien. Hier feiert die Maschinentechnik, die moderne mechanische Produktion ihre höchsten Triumphe, hier ist die Arbeitstheilung bis ins Kleinste durchgeführt, hier frohnden Hunderte von Arbeitskräften fabrikmäßig, automatenhaft in Riesenbetrieben zusammen. Der ausgedehnten Anwendung von vorzüglichen Werkzeug- und Kraftmaschinen, welche gelernte und muskelkräftige Arbeiter überflüssig machen, entspricht der große und stetig noch weiter zunehmende Umfang, in welchem weibliche Arbeitskräfte in der Textilindustrie beschäftigt werden. Die Textilindustrie steht unbestritten im Zeichen der Frauenarbeit, nahme ward, verschlechtert sich die Lage der beim Spinnen, Weben, Wirken 2c. thätigen Arbeiterinnen zusehends. Der Großfabrikant baute Etablissements, in denen 40 bis 60 und noch mehr Web- oder Bandstühle aufgestellt wurden. Die Handstühle, die kleinen Motoren, mit denen der Kleinbetrieb geschafft hatte, verschwanden aus den Arbeitsräumen. Dampf- oder Wasserkraft setzte eine große Anzahl der vervollkommneten Stühle in Bewegung. Zur Bedienung der Maschinen war ein verhältnißmäßig kleines Arbeiterheer nöthig, das sich meist aus den ehemaligen Kleinmeistern der Textilindustrie und ihren Hilfskräften rekrutirte. Die Männer verrichteten zunächst noch die Hauptarbeit, sie bedienten die Stühle; die Frauen und jungen Mädchen wurden nur bei den Nebenhantirungen beschäftigt, besonders beim Spulen des zu verarbeitenden Garnes. IF Uebrigens sind die Lohnsätze in den verschiedenen Textilfabriken des Wupperthals sehr verschieden. In sechs der größeren Bandfabriken stellte sich z. B. der Wochenverdienst für Arbeiterinnen von 14-16 Jahren von 16-21 Jahren auf 4,50-5 Mt. auf 7-12 Mt. von 21 Jahren und darüber auf 10-15 Mt. In einem großen Etablissement für die Fabrikation von weißen Spigen( auf Riementischen) und Korsetteinfaßband verdienten während der Zeit des geschäftlichen Aufschwungs von 1887-1890 Arbeiterinnen von 14-16 Jahren 5-6 Mt. pro Woche, 8-11 Mt. pro Woche, von 16-21 Jahren von 21 Jahren und darüber 10-14 Mt. pro Woche. Der Besitzer der betreffenden Fabrik verdiente" während der Zeit rund zwei Millionen. Vor den Jahren des flotten Geschäftsgangs hatte er hart am Rande des Bankerotts gestanden, jetzt ist er ein gemachter Mann; was angesichts der angegebenen Löhne wahrlich nicht Wunder zu nehmen braucht. Die verheiratheten Tertilarbeiterinnen, welche noch im Hause vielfache Aufgaben zu erfüllen haben, bleiben meist im Verdienst hinter ihren ledigen Kolleginnen zurück, auch werden sie nicht so gern beschäftigt wie diese. Im Allgemeinen verdient wohl im Wupperthal eine verheirathete Frau im Durchschnitt wöchentlich nur äußerst selten mehr als 8-11 Mart. Der Durchschnittsverdienst der Textilarbeiterinnen aller Art steigt auch zu Zeiten guten Geschäftsgangs nicht erheblich über die oben angegebenen Säße hinaus. Bei jedem geschäftlichen Aufschwung strömen nämlich ganze Schaaren ungeschulter Arbeitskräfte in die Textilfabriken, wo ihre Beschäftigung Dank der hoch ausgebildeten maschinellen Produktion möglich ist. Obgleich sie meist schon nach wenigen Tagen angelernt" sind, müssen sie sich doch mit„ Anfängerlöhnen" begnügen, welche geradezu standalös niedrig sind. Durch ihre Konkurrenz wird es der ständigen Textilarbeiterschaft unmöglich gemacht, die günstige Konjunktur zur Erzielung erheblich höherer Löhne auszunüßen. Gerade in der Textilindustrie spielt in Folge der ausgezeichneten, selbstthätigen, sich selbst kontrollirenden mechanischen Produktionsmittel, die gelernte Arbeiter überflüssig machen, die industrielle Reservearmee eine verhängnißvolle Rolle. " Jm Wupperthale muß eine 14-16jährige Arbeiterin durchschnittlich pro Woche 6-7 Mark für Kost und Logis bezahlen, eine mehr als 16jährige Arbeiterin 7,50-9 Mart. Aber mit Wohnung und Kost ist es doch allein nicht gethan, die Arbeiterin bedarf Kleidung, Wäsche, Schuhwerk; sie hat Ausgaben für Beleuchtung, vielleicht auch für Beheizung; sie hat Bedürfnisse, deren Befriedigung Da schien dem Missionar der beste Rath, Von ihren Kindern weit sie zu entfernen, Wo nimmer ihr der Hoffnung Schimmer naht, Sie sollt ihr 2008 am Rio negro lernen. Sie lag gefesselt, und es glitt das Boot Den Fluß hinauf; sie spähte nach den Sternen. Sie fühlte nicht die eig'ne bitt're Noth, Sie fühlte Mutterliebe, Kern des Lebens, Und Fesseln, und sie wünschte sich den Tod. Die Fesseln sprengt sie plötzlich fräft'gen Strebens, Da wo den Stein am Ufer man entdeckt, Und wirft sich in den Strom und schwimmt, vergebens! Sie ward verfolgt, ergriffen, hingestreckt Auf jenen Stein, geheißen nach der Armen, Mit deren Schmerzensblut er ward befleckt. Sie ward gepeitscht, zerfleischet ohn' Erbarmen, Geworfen in das Boot zur weitern Fahrt Mit auf dem Rücken festgeschnürten Armen. Javita ward erreicht auf solche Art; Die wund, gebunden, kaum sich konnte regen, Ward dort zu Rast im Fremdenhaus verwahrt. Es war zur Regenzeit, das wollt erwägen, Zur Regenzeit, wo selbst der kühnste Mann Nicht wagt den nächsten Gang auf Landeswegen; Wo uferlos die Flüsse waldhinan Gestiegen sind; der Wald, der Nahrung zollte, Dem Hunger kaum Ameisen bieten kann; Wo, wer in Urwaldsdickicht dringen wollte, Und würd' er vor dem Jaguar nicht bleich Und wenn ihm durchzubrechen glücken sollte, Versenkt sich fände in ein Schattenreich, Vom sternenlosen Himmel ganz verlassen, Dem führerlos verirrten Blinden gleich. 133 auch den anspruchslosesten Menschen unserer Zeit zur Nothwendigkeit geworden ist; sie möchte auch ab und zu ein paar Pfennige für ein Vergnügen, eine Erholung verausgaben; sie kann erkranken, die Arbeit verlieren, erwerbsunfähig oder erwerbslos werden. Wie soll sie bei ihrem schmalen Verdienst all den an sie herantretenden Anforde= rungen gerecht werden? Es ist klar, daß sie nur dann einigermaßen menschenwürdig zu existiren vermag, wenn sie als Mädchen an den Eltern oder sonstigen Verwandten, als Frau an dem Gatten eine materielle Stütze findet. Wir haben bereits darauf hingewiesen, wie äußerst selten dies in der heutigen Zeit der Fall ist und der Fall sein kann, weil die wirthschaftlichen Verhältnisse die Tendenz haben, jedes Glied der Arbeiterfamilie wirthschaftlich zu verselbständigen, von dem Hause loszulösen, auf eigene Füße zu stellen. Die bei Weitem große Mehrzahl der Textilarbeiterinnen ist mithin zu einem ganz kümmerlichen Dasein verurtheilt. Trotz schwerster, fleißigster Arbeit verdienen Tausende der Frauen und Mädchen, welche in den Textilfabriken des Wupperthals schuften und schanzen, nur ein Hungergeld; unter bitterer Noth, unter schweren Entbehrungen vegetiren sie dahin. Angesichts der in großen Umrissen geschilderten Erwerbs und Lebensverhältnisse erklärt es sich, daß die Textilarbeiterinnen ein nicht unerhebliches Kontingent der Prostituirten stellen. Wenn die Frau als Fabriksklavin nicht genug verdient, um leben zu können, so wird sie in so und so vielen Fällen gezwungen, als Lustsklavin ihren Unterhalt zu suchen. Vielfach kommt es vor, daß eine Arbeiterin dadurch auf die Bahn des Lasters gedrängt wird, daß sie jung und hübsch ist, das Begehren ihres Brotherrn" oder seines Stellvertreters reizt und sich durch Androhung der Entlassung zur Preisgabe ihrer selbst einschüchtern läßt, um dann nach kurzer Zeit als nicht mehr lockendes Spielzeug bei Seite geschoben zu werden. Es ist dies eine alte Geschichte, die ewig neu bleiben wird, so lange die Armuth be= steht, und die schon mehr als einer Tertilarbeiterin des Wupperthals passirt ist. Unsere Gutgesinnten und Gutgenährten sind ja gleich bei der Hand, die„ Sittlichkeit" der Textilarbeiterinnen, der Fabriklerinnen par excellence, salbungsvoll zu bemängeln, über die große Anzahl der unehelichen Geburten in ihren Kreisen sich zu entsetzen. Sie vergessen dabei nur Verschiedenes. Zunächst, daß es gerade die Männer und Söhne der Besitzenden und Gebildeten sind, welche sehr fleißig die Fabriklerinnen verführen, der Prostitution in die Arme treiben. Weiter, daß es angesichts der traurigen Erwerbsverhältnisse, gerade der Textilarbeiterschaft, den Männern faum noch möglich ist, eine Familie zu gründen, daß sie deshalb außerhalb der Ehe Befriedigung ihrer geschlechtlichen Triebe suchen, und daß die Frauen, denen nicht durch die Verheirathung eine Versorgung winkt und die nur BettelWas nicht der keckste Jäger ohn' Erblassen Nur denken mag, das hat das Weib vollbracht, An dreißig Meilen mag die Strecke fassen. Wie sich die Angeschloss'ne frei gemacht, Das bleibt in tiefem Dunkel noch verborgen, Sie aber war verschwunden in der Nacht, Zu San Fernando fand der vierte Morgen Sie händeringend um das Haus beslissen, Das ihre Kinder barg und ihre Sorgen. sagt's, o sprecht es aus, daß wir es wissen, Daß nicht der Mutterliebe Heldin wieder Unmenschlich ihren Kindern ward entrissen!" Er aber schwieg und schlug die Augen nieder Und schien in sich zu beten. Red' hinfort Dem ihn Befragenden zu steh'n, vermied er. Doch was verschwiegen blieb dem Humboldt dort, Aus seinem Buche schaurig widerhallt; Es ward berichtet ihm an andrem Ort. Sie haben fern nach Osten mit Gewalt Sie weggeführt, die Möglichkeit zu mindern, Daß sie erreiche, was ihr Alles galt. Sie haben sie getrennt von ihren Kindern! Sie konnten, Hoffnung fürder noch zu hegen, Sie konnten nicht zu sterben sie verhindern. Und wie verzweifelnd die Indianer pflegen, Sie war nicht, seit der letzten Hoffnung Stunde, Daß Nahrung ein sie nehme, zu bewegen. So ließ sie sich verhungern! Diese Kunde Zu der Guahiba und der Christen Bildniß Erzählet jener Stein mit stummem Munde Am Atabapos- Ufer in der Wildniß. pfennige verdienen, vom Hunger gezwungen werden, mit ihrem Körper zu schachern. Endlich darf nicht übersehen werden, daß die Arbeit an den Riementischen die Nerven aufregt und zerrüttet, die geschlechtliche Sinnlichkeit steigert, und daß das Zusammenschaffen von Männern und Frauen in der schwülen, ungesunden, erschlaffenden Atmosphäre die gleiche Folge hat. Durch Beten und Singen, durch Bibelstunden und Jünglings- bezw. Jungfrauenvereine will das Wupperthaler Muckerthum die Sittlichkeit der arbeitenden Bevölkerung heben. Es thäte besser, mit aller Energie dafür zu wirken, daß frömmelnde wie freigeistelnde Textilbarone ihren Arbeitern und Arbeiterinnen auskömmliche Löhne zahlten, daß sie ihre Arbeitszeit herabsetzten, ihre Arbeitsbedingungen zu gesunden gestalteten. Nur auf der Basis gesunder wirthschaftlicher Verhältnisse kann die gesunde Sittlichkeit der werkthätigen Bevölkerung erwachsen. Das haben auch die Textilarbeiterinnen des Wupperthals zum Theil begriffen. Auch ihrer hat sich das brennende Sehnen bemächtigt nach einer menschenwürdigen Existenz, die im Einklang steht mit der Kultur unserer Zeit. Und deshalb sind auch sie, gedrängt von der Noth des Lebens, schon vielfach eingetreten in den Kampf für eine bessere Lebenshaltung und für ihre endgiltige Befreiung. Wiederholt haben sie in Streits die Männer voller Thatfraft und Opferfreudigkeit unterstützt, und immer zahlreicher werden diejenigen unter ihnen, welche in Versammlungen und Vereinen Aufflärung und Schulung, Wissen und Macht suchen, welche zielbewußt sich um das Banner der Sozialdemokratie schaaren. Die Klassenlage des Proletariats erzieht die Textilarbeiterinnen des Wupperthals zu treuen, opfermuthigen Kämpferinnen für eine bessere Zukunft. Karl Ewald. Gewerkschaftliche Arbeiterinnenorganisationen in England. ( Schluß.) Unseres Erachtens ist gerade der bereits weiter oben gekennzeichnete Charakter der Frauengewerkvereine eine der vornehmsten Ursachen, weshalb kein allgemeinerer Anschluß der englischen Arbeiterinnen an dieselben erfolgt ist und kaum je zu erwarten sein dürfte. Was die Frauenvereine ihren Mitgliedern bieten, ist gewiß schätzenswerth. Allein angesichts der Lage der Arbeiterinnen ist es doch nicht von solcher Bedeutung, zielt es nicht derart ins Schwarze der proletarischen Verhältnisse, daß große Massen von Arbeiterinnen zum Anschluß an diese Organisationen gereizt, um nicht zu sagen gedrängt würden, daß sie mit Rücksicht auf die winkenden Ziele bereit wären zu den materiellen und moralischen Opfern, welche das Organisationsleben mit sich bringt. Unterstützung in Nothfällen ist für die Proletarierinnen von nicht zu unterschätzendem Vortheil, die Vermittlung von Bildung, Gelegenheit zu edleren Vergnügungen wird von ihnen sicherlich sehr angenehm empfunden. Aber immer wieder und immer deutlicher drängt sich ihnen die Ueberzeugung auf, daß vor allem Eins ihnen noth thut: eine wesentliche Besserung ihrer Arbeitsbedingungen. Krankengeld, Thee abende mit bildender Lektüre 2c. sind für die Arbeiterinnen von untergeordneter Bedeutung im Vergleich zu einer Erhöhung ihrer Löhne, einer Verkürzung ihrer Arbeitszeit, gesünderen Arbeitsbedingungen 2c. Organisationen, welche nicht in erster Linie für solche Ziele eintreten, werden deshalb nie die Begeisterung und den Massenanschluß der Arbeiterinnen herausfordern. Die Zukunft der Arbeiterinnenbewegung in England, wie sonstwo, gehört nicht den Harmoniekränzchen, welche nach alten bürgerlichen Rezepten an der Lage der Arbeiterinnen furpfuschen, vielmehr den Kampfesorganisationen, welche zielflar und energisch für die Hebung der wirthschaftlichen Verhältnisse der Arbeiterinnen eintreten, wie sie nur im Gegensatz zu dem Unternehmerthum und im Ansturm gegen dieses durchgesetzt werden kann. Je klarer, planvoller, flüger und entschiedener eine Organisation sich im Kampfe gegen den Kapitalismus bethätigt, je ausgiebiger sie in Folge dessen die wirthschaftlichen Interessen ihrer Mitglieder gegen die Tendenzen der Plusmacherei zu wahren vermag, um so größer werden auch das Vertrauen und der Rückhalt sein, die sie unter den Arbeiterinnen findet. Es liegt aber in der Natur der Sache, daß die bisherigen Leiterinnen der englischen Frauen- Trades- Unions von einer derartigen Taktik nichts wissen wollten. Als Angehörige der besitzenden Klassen konnten und wollten sie nicht den unüberbrückbaren Gegensatz sehen zwischen den Interessen der Kapitalisten und denjenigen der Arbeiterinnen. Sie erkannten mithin auch nicht die dringende Nothwendig keit, die Interessen der Arbeiterinnen durch einen steten Kampf gegen das Unternehmerthum zu vertheidigen. Ihre Auffassung von der Natur und den Aufgaben der gewerkschaftlichen Organisationen ist nothwendigerweise eine durchaus unvollständige und schiefe. Die 134 englischen Arbeiterinnen empfinden dies instinktiv und der Umstand ist von wesentlicher Bedeutung dafür, daß der Umfang der Nichtsals- Frauengewerkschaften in keinem Verhältniß steht zu den für ihre Ausdehnung und Kräftigung gebrachten Opfern. Bezeichnend in der Hinsicht scheint uns, daß in den letzten Jahren die englischen Frauenorganisationen die meisten Fortschritte gemacht haben, welche mehr und mehr den Charakter von Kampfesorganisationen annahmen 2c., wie z. B. die Union der Wäscherinnen, die allein 5-6000 Mitglieder zählen soll. Ferner, daß die Mitgliederzahl die Organisationen vorübergehend anschwillt, wenn dieselben trotz ihres kapitaliſtenfrommen Charakters gelegentlich doch zu einem Vorgehen gegen das Unternehmerthum gezwungen werden, sich zu einer Kampfesaktion entschließen müssen, und daß die Mitgliederzahl wieder abnimmt, sobald der Kampf vorüber und die Organisation in ihre frühere Harmlosigfeit zurückgesunken ist. Die wirthschaftlichen Verhältnisse zwingen die Frauengewerk vereine, sich mit oder gegen den Willen ihrer Führerinnen zu Kampfesorganisationen zu entwickeln. Damit ist auch gesagt, daß der bürgerliche Einfluß innerhalb derselben mehr und mehr zurückgehen muß, daß ihre Leitung aus den Händen wohlmeinender oder ehrgeiziger Frauenrechtlerinnen übergeht in diejenige zielbewußter Vertreterinnen des proletarischen Standpunkts. Die Taktik, welche die Frauen vereinigungen jetzt nur zeitweilig und unfreiwillig inne halten, wird dann von ihnen bewußt und stetig befolgt, die Ziele, für welche sie gegenwärtig nebenbei und gelegentlich eintreten, stehen dann im Mittelpunkt ihrer Bestrebungen. So werden die englischen FrauenTrades- Unions mit der Zeit eine Mauserung durchmachen, deren erste Anfänge bereits jetzt deutlich sichtbar sind. Gleichzeitig wird sich noch, getrieben von den nämlichen Ursachen, ein anderer Umschwung vollziehen. Gerade in dem Maße, als sich die Frauenvereine zu Kampfesorganisationen auswachsen, welche eine rein proletarische Auffassung von den Verhältnissen und den Aufgaben der Gewerkschaften haben, wird auch immer klarer hervortreten, wie vortheilhaft, ja unumgänglich nothwendig es ist, Arbeiter oder Arbeiterinnen der nämlichen oder verwandten Berufszweige in ein und denselben Organisationen zusammenzufassen. Die Nichts- als- Frauengewerkvereine werden allmälig den gemischten Organisationen Platz machen, weil diese- abgesehen von anderen Vorzügen eine größere Kraftentfaltung der kapitalistischen Uebermacht gegenüber ermöglichen. Ihre Leistungsfähigkeit wird zu einem allgemeineren Anschluß der Arbeiterinnen an die Organisationen führen, eine gewerkschaftliche Massenbewegung derselben veranlassen. Mit den vorstehenden Ausführungen wollten wir keineswegs das leugnen, was die Frauengewerkvereine bisher für die englischen Arbeiterinnen geleistet haben. Unzweifelhaft haben dieselben innerhalb gewisser Schichten der proletarischen Frauenwelt das Gefühl der Solidarität erweckt und zu klarerem Bewußtsein gebracht. Sie schulten eine kleine Anzahl von Proletarierinnen, vermittelten ihnen einen besseren, allgemeineren Ueberblick über die wirthschaftlichen Verhältnisse und ihre Lage und machten sie mit der Führung und Leitung der Geschäfte vertraut. Auch sonst noch wirkten sie in vielfacher Hinsicht bildend und fördernd auf die Entwicklung der Arbeiterinnen ein. So führt z. B. Gertrud Dyhrenfurth an, daß eine Arbeiterin durch die Gründung eines Frauenvereins noch in späterem Lebensalter veranlaßt wurde, das Schreiben zu erlernen. Die Arbeiterinnen mehrerer Berufe haben dem Eingreifen der Frauengewerkvereine bessere Arbeitsbedingungen zu verdanken, beziehungsweise eine Abwehr geplanter schlechterer Arbeitsbedingungen. Besonders erfolgreich war die Aktion der Liga für Frauenschutz zu Gunsten der Arbeiterinnen der königlichen Armeebekleidungsfabrik von Pimlico. Dank dieser Aktion wurden zweimal die angedrohten Lohnherabsetzungen zurückgezogen, und die Arbeiterinnen erhielten das Recht, in jeder Arbeitsstube Vertreterinnen zu wählen, mit denen seitens der Betriebsleitung beabsichtigte Aenderungen der Lohnsätze erst besprochen werden sollten. Wohlthätig macht sich im Allgemeinen der Einfluß der Frauengewerkvereine dadurch geltend, daß ihren Mitgliedern meist eine rücksichtsvollere Behandlung zu Theil wird. Die organisirte Arbeiterin steht eben dem Unternehmerthum nicht ganz so schutzlos und ohnmächtig gegenüber, als ihre nichtorganisirte Kameradin. Aber Alles in Allem haben die Nichts- als- Frauenvereinler verhältnißmäßig nur wenig für die Besserung der Arbeitsbedingungen der Proletarierinnen zu leisten vermocht. Ihre beste That besteht jedenfalls in ihrem kräftigen Eintreten für die Anstellung von Fabrikinspektorinnen, das nach langjährigem Kampfe von Erfolg gekrönt wurde. Mit größerem Erfolg als die Nur- Frauengewerkschaften wirkten für die Hebung der Gewerbsverhältnisse der Arbeiterinnen die gemischten Organisationen und die Frauenvereinigungen, welche sich als Zweigvereine Männerunions angeschlossen haben. Das erklärt 135 sich zum Theil aus dem zielbewußten Charakter dieser Organisationen,| Mitglieder angehören, versteht sich nach dem bereits Gesagten von zum Theil aus ihrer größeren Kraft, die nicht nur auf größere numerische Stärke zurückzuführen ist, sondern noch auf eine ganze Reihe von anderen Ursachen. Von Anfang an wollten ja in England die organisirten Arbeiter nichts wissen von einem Eindringen der Arbeiterinnen in ihre Gewerkvereine. Sie waren Zeuge des verhängnißvollen Einflusses der schrankenlos ausgebeuteten Lohnarbeit der Frau, sie selbst litten zum Theil unmittelbar in schwerster Weise darunter. Dennoch erkannten sie nicht, daß die Organisation der Arbeiterinnen eines der Mittel und zwar ein vorzügliches Mittel- sei, die üblen Begleiterscheinungen, welche der industriellen Thätigkeit der Frau in der tapitalistischen Gesellschaft anhaften, in etwas einzuschränken. Anstatt die Arbeiterinnen zu organisiren, forderten die Gewerkvereine der Männer das gesetzliche Verbot der Frauenarbeit, untersagten sie ihren Mitgliedern, mit Frauen zusammen zu arbeiten. Natürlich mußten sie bald einsehen, wie unmöglich es war, die eine wie die andere dieser Forderungen je durchzusetzen. Trotz aller Erklärungen und Beschlüsse gegen die Frauenarbeit griff diese rasch um sich, wurden in immer mehr Industrien die Frauen nicht blos neben den Männern, sondern statt ihrer beschäftigt, wuchs die Zahl der Berufsarten, welche den Frauen offen standen. Angesichts dieser Thatsache wurden die Trades- Unions der Männer schließlich durch das Selbstinteresse ge= zwungen, die Arbeiterinnen in ihre Organisationen einzubeziehen oder, wo dies nicht durchführbar schien, Frauenorganisationen ins Leben zu rufen, die dann an die Trades- Unions der Männer als Zweig vereine angeschlossen wurden. Es ist erklärlich genug, daß die erste praktische Jnangriffnahme der Organisation weiblicher Arbeiter in der Textilindustrie erfolgte, wo bekanntlich die Frauenarbeit eine sehr bedeutende Rolle spielt. Wie bereits erwähnt, öffneten die organisirten Weber und Spinner von Lancashire und Yorkshire( Nordengland) bereits 1824 den in ihrem Gewerbe thätigen Frauen ihre Organisation. Die gemeinsame Organisation der Arbeiter und Arbeiterinnen in den betreffenden Vereinen und Verbänden ist freilich auf Grund eines höchst undemotratischen Prinzips erfolgt. Die Frauen zahlen wohl Mitgliedsbeiträge und genießen auch alle Vortheile der Organisation, haben aber gar keinen oder äußerst geringen Antheil an ihrer Verwaltung, welche ausschließlich Sache der Männer ist. Die weiblichen Mitglieder haben nicht Sitz und Stimme in der Leitung der Unions, sie werden nicht zu Kongressen delegirt 2c. Dagegen muß anerkannt werden, daß die betreffenden Organisationen die wirthschaftlichen Interessen ihrer weiblichen Mitglieder in thatkräftigster und erfolgreichster Weise wahrten. Die Textilarbeiterinnen Nordenglands haben fast durchgängig für gleiche Leistung gleiche Löhne wie die Männer, und wenn auch die Fabrikgesetzgebung nicht ohne Einfluß hierauf gewesen ist, so hat doch der energische Kampf der Gewerkvereine ganz wesentlich dazu beigetragen, den Frauen bessere Bezahlung zu erringen. In Süd- und Westengland, sowie in Irland, wo die Textilarbeiterinnen bis vor kurzem gar nicht organisirt waren, ist ihr Verdienst ein äußerst niedriger und bleibt um ein Drittel, ja um die Hälfte hinter dem der Männer zurück. Erst in den letzten Jahren hat man damit begonnen, auch die Textilarbeiterinnen dieser Gegenden zu organisiren. Aber seltsam genug, die diesbezüglichen Bestrebungen gingen nicht von den Textilarbeitern aus, sondern von der„ Gasarbeiter- und Allgemeinen Arbeiter Union". Diese Organisation, welche durchaus auf dem Boden des neuen Unionismus steht und den Kampf um bessere Arbeitsbedingungen für die eigentliche Aufgabe der Gewerkschaften erachtet, vertritt das Prinzip, daß Arbeiter und Arbeiterinnen innerhalb der Organisationen völlig gleichberechtigt sein müssen und sie läßt sich angelegen sein, diesem Grundsatz mehr und mehr Geltung zu verschaffen. Die Textilarbeiterinnen aller Distrikte kommen den Organisationsbestrebungen entgegen, in immer größerer Anzahl schließen sie sich den Gewerkvereinen an, welche gegenwärtig oft mehr weibliche als männliche Mitglieder umschließen. So bestand die Mitgliedschaft des„ Verbands der Weber der nördlichen Grafschaften" 1893 aus 29000 Männern und 43000 Frauen; 1891 hatten ihm nur 26000 Arbeiterinnen angehört. Die verschiedenen Organisationen der Textil arbeiter zählten 1893 auf 40 000 männliche Mitglieder rund 69000 weibliche, die Zahl der letzteren ist seit 1891 von 60000 auf 69000 gestiegen. Es ist also in letzter Zeit mit großer Energie und erfreulichem Erfolg für die Organisirung der Textilarbeiterinnen gewirkt worden. Trotzdem bleibt noch unendlich viel zu thun übrig, denn in der englischen Textilindustrie sind gegenwärtig nicht weniger als 628000 Frauen beschäftigt. selbst, ihre weibliche Mitgliedschaft betrug 13000. Der„ Nationale Verband der Schuhmacher", welcher aus 11000 Mitgliedern und 30 Zweigvereinen besteht, ermöglichte auf Grund einer Statutenänderung den Anschluß der Frauen. Jetzt gehören ihm bereits 3216 Arbeiterinnen an. Der Trades- Council( Gewerkrath) von Glasgow vertritt 1000 Arbeiterinnen; der Verein der Strumpfwirker von Leicester umschließt 2380 Frauen; die Organisationen der Stricker an Dampfrahmen von Nottinghamshire und Derbyshire, der Drucker und Uebertrager von Staffordshire, der Typographen von Liverpool 2c. haben nicht unbeträchtliche weibliche Mitgliedschaften. Andere Männergewerkvereine, welche aus dem oder jenem Grunde keine Frauen aufnehmen wollen, lassen sich doch angelegen sein, Frauenorganisationen zu gründen und in jeder Weise zu fördern. So begünstigen gegenwärtig viele Männerunions, daß sich ihnen die Frauenorganisationen als Zweigvereine anschließen, die bei eigenen Statuten und getrennter Geschäftsführung unter der Aufsicht der Beamten der Hauptorganisation stehen und mit Rath und That von dieser unterstützt werden. So sind z. B. als Zweigvereine den Männerunions beigetreten: die Unions der Arbeiterinnen von Bettstellen von Birmingham, die Zigarrenarbeiterinnen von Nottingham und London, die Hutmacherinnen und Filzarbeiterinnen von Denton, die Schneiderinnen von London, die Schneiderinnen von Nottingham. Ueberhaupt finden gegenwärtig die Arbeiterinnenvereine jeder Art lebhafte Sympathie und thatkräftige Unterstützung seitens der Männerorganisationen, welche immer klarer erkennen, daß der gewerkschaftliche Zusammenschluß der Frauen auch im Interesse der Arbeiter liegt. Die Nichts- als- Frauengewerkschaften sehen ihrerseits ein, welche großen Vortheile ihnen durch das Zusammengehen mit den Männerorganisationen erwachsen. Besonders seitdem Miß Routledge an der Spitze der Liga für Frauenschutz steht, haben die Frauenvereine bessere Fühlung mit den Gewerkvereinen der Männer gewonnen und arbeiten Hand in Hand mit ihnen. Ueberall da, wo Arbeiter und Arbeiterinnen ihre Kräfte in den Organisationen vereinigen, sind sehr günstige Resultate zu verzeichnen, berechtigt das Erreichte zu den schönsten Hoffnungen. Gertrud Dyhrenfurth befürwortet deshalb auf Grund der bisher gemachten Erfahrungen ganz entschieden, daß die Organisationen der Arbeiterinnen so wenig als möglich von denjenigen der Männer zu trennen seien. Während die Frauen in ihren besonderen Organisationen verhältnißmäßig nur wenig fortschreiten, so führt sie aus, werden sie in den Organisationen der Männer zu tüchtigen und zuverlässigen Mitgliedern herangebildet, kommen ihnen hier die Erfahrungen langjähriger Organisationsarbeit zu Gute, finden sie eingehende Kenntniß der Marktverhältnisse und Kräfte vor, welche den technischen Aufgaben des Organisationslebens gewachsen sind. Die gemischten Organisationen sind ferner durch ein Zusammenwirken verschiedener Ursachen kräftiger als die Nur- Frauengewerkschaften, sie machen ein Ausspielen der Frauen gegen die Männer und der Männer gegen die Frauen unmöglich, sie vermögen mithin die Interessen der Arbeiterinnen wirksamer zu schützen als die Gewerkvereine, welche nur aus Frauen bestehen oder gar ohne jede Fühlung mit den Männerorganisationen vorgehen. Freilich hat auch die Einbeziehung der Arbeiterinnen in die Gewerkvereine der Männer, ihre Organisation überhaupt mit großen Schwierigkeiten zu rechnen. Die Frau ist nicht blos Lohnsklavin, sie ist auch Haussflavin, ihr bleibt weniger Zeit und Kraft für die Betheiligung an den Organisationen als dem Manne. Die Arbeiterin ist in Folge der bisherigen Stellung der Frau weniger entwickelt als der Mann des Proletariats. Es mangelt ihr an Einsicht in die wirthschaftlichen und sozialen Verhältnisse, an Erkenntniß der engen Solidarität der Interessen, welche alle Ausgebeuteten miteinander verknüpft, ihr geringer Verdienst macht es ihr äußerst schwierig, für die Organisation Opfer zu bringen. Der Umstand, daß gerade die Frauen vielfach in Gewerben beschäftigt sind, in denen die Zersplitterung der Betriebe sehr groß ist, Kleinbetrieb und Hausarbeit vorherrschen, so daß die Arbeiterschaft nicht in kompakten Massen fabrikmäßig zusammenschafft, erschwert ebenfalls die Organisation der Arbeiterinnen ganz bedeutend. Deshalb ist es gerade für sie von ganz besonderer Wichtigkeit, daß der gesetzliche Arbeiterschutz auch auf die Hausindustrie ausgedehnt wird, daß die Unternehmer für die Einhaltung der gesetzlich festgelegten Arbeitszeit verantwortlich gemacht werden, die Hauseigenthümer für Befolgung der sanitären Vorschriften. Je ausgedehnter und durchgreifender der gesetzliche Schutz der Frauenarbeit ist, desto größere Fortschritte wird die gewerkschaftliche Massenorganisation der Arbeiterinnen machen, und diese Massenorganisation führt dann ihrerseits zu einer weiteren Besserung der Lage der LohnAuch in anderen Industriezweigen haben die Arbeiter begonnen, die Arbeiterinnen in ihre Gewerkvereine einzubeziehen. Daß der„ Gasarbeiter- und Allgemeinen Arbeiter- Union" Frauen als gleichberechtigte| sklavinnen. Nr. 18 der ,, Gleichheit" gelangt am 5. September 1894 zur Ausgabe. So viel in England noch für die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen geschehen muß, kann doch das, was bereits geleistet worden ist, Arbeitern und Arbeiterinnen der übrigen industriell entwickelten Länder in mehr als einer Hinsicht als Vorbild dienen. Möchte man, zumal in Deutschland, wo die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen noch sehr im Argen liegt, aus der Arbeiterinnenbewegung Englands lernen, was gethan und was vermieden werden muß, damit die deutschen werkthätigen Proletarierinnen zu zielbewußten Trägerinnen einer Massenbewegung werden, welche sich den ihr im Klassenkampf zufallenden Aufgaben voll und ganz ge wachsen zeigt. Wir sind Brüder. Wir sind Brüder, aber jeden Morgen verrichtet mein Bruder oder meine Schwester mir die niedrigsten Dienstleistungen. Wir sind Brüder, aber ich muß meine Morgenzigarre, meinen Zucker, meinen Spiegel und was sonst noch alles haben, Gegenstände, deren Herstellung oft die Gesundheit meiner Brüder und Schwestern gekostet hat, und doch gebe ich deshalb nicht den Gebrauch der= selben auf; im Gegentheil, ich verlange dieselben sogar. Wir sind Brüder, und doch arbeite ich an einer Bank, einem Handelshause oder Laden und suche fortwährend den Preis für die Lebensbedürfnisse meiner Brüder und Schwestern zu erhöhen. Wir sind Brüder, und ich beziehe mein Gehalt, um den Dieb oder die Prostituirte zu richten, zu verurtheilen und zu bestrafen, deren Eristenz die natürliche Folge meines eigenen Lebenssystems ist, und ich verstehe vollkommen, daß ich weder verurtheilen noch bestrafen sollte. Wir sind alle Brüder, und doch gewinne ich meinen Unterhalt, indem ich von den Armen Steuern eintreibe, damit die Reichen in Lurus und Müßiggang leben können. Wir sind Brüder, und doch beziehe ich mein Gehalt dafür, daß ich eine pseudo- christliche Doktrin predige, an welche ich selbst nicht glaube und so Andere hindere, die wahre zu finden. Ich beziehe ein Gehalt als Priester oder Bischof, um das Volt darüber zu täuschen, was von der wesentlichsten Bedeutung für das= selbe ist. Wir sind Brüder, aber ich zwinge meinen Bruder, mich für alle meine Dienste zu bezahlen, mag ich Bücher für ihn verfassen, ihn unterrichten oder ihm als Doktor eine Arznei verschreiben. Wir sind alle Brüder, aber ich beziehe Sold, um mich zum Mordhandwerk auszuriisten, um die Kriegskunst, die Herstellung von Waffen und Munition und den Bau von Festungen zu lernen. Die ganze Eristenz unserer oberen Klassen ist voll der unvereinbarsten Widersprüche. Graf Tolstoi. Kleine Nachrichten. Arbeiterinnenelend. In einer Nippsachenfabrik in DresdenStriesen besteht die Hälfte des Arbeitspersonals aus Mädchen. Dieselben haben einen Wochenverdienst von 4 bis höchstens 9 Mt. Dabei müssen sie noch beständig mit Abzügen rechnen.' Reine Arbeiterin vermag im Voraus annähernd zu sagen, wie hoch sich ihr Verdienst belaufen wird. Ein fester Akkordsay wird nämlich vor Beginn der Arbeit nicht angegeben, und berechnet die Arbeiterin ihren Verdienst nach den zuletzt bezahlten Preisen, so stellt sich am Zahltage heraus, daß sie womöglich etliche Mark weniger als gedacht erhält, weil schon wieder abgezogen wurde. Es kommt vor, daß Akkordpreise binnen einer Woche und ohne vorausgegangene Ankündigung von 60 auf 40 Pfennig herabgesetzt wurden, so daß die Arbeiterin statt 8 Mart nur 6 Mark nach Hause bringt. Der Unternehmer äußerte gelegentlich die Ansicht:„ Es kommt doch nicht viel drauf an, ob einer mal eine Mark weniger verdient." Wie Figura zeigt, kommt dagegen dem Herrn sehr viel darauf an, daß sein Profit nicht um eine Mark geringer, dagegen um viele Mark gesteigert wird. Den niedrigen Löhnen entspricht eine schandbare Behandlung der Arbeiterinnen durch den Werkführer. Daß er das Arbeitspersonal nur mit Ihr" und„ Euch" anredet, ist noch die mildeste Bethätigung seiner Unverschämtheit. Ausdrücke wie„ Luder"," Frauenzimmer", ,, dummes Schwein",„ ich fasse Euch bei der Parabel und schmeiße Euch raus",„ halten Sie die Schnauze", sind an der Tagesordnung. Das Unternehmerthum bietet den Arbeiterinnen zum Aufwiegen für 136 das Viel- zu- wenig an Lohn ein Viel- zu- viel an brutaler und ge= meinster Behandlung. Unter der sittlichen" kapitalistischen Ordnung nennt sich das„ ausgleichende Gerechtigkeit". Sittlichkeitsmumpit. Der„ Deutsche Frauenverein zur Hebung der Sittlichkeit" hat in einer Eingabe an das Reichskanzleramt eine Verschärfung der Strafgesetze gegen die Prostitution befürwortet. Daraufhin ist den sittlichen Damen erwidert worden, die Bewegung zur Bekämpfung der Unsittlichkeit wird von der Reichsverwaltung mit Aufmerksamkeit und Interesse verfolgt und bleibt die Wiederaufnahme der bezüglichen gesetzgeberischen Arbeiten vorbehalten." Dem Reichstage soll also offenbar wieder die lex Heinze zugehen. Es nimmt uns keineswegs Wunder, daß die sittlichen Damen so naiv sind zu wähnen, die Prostitution fönne durch schärfere Strafgesetze bekämpft werden. Auf jener Seite hat man sich ja stets unvortheilhaft ausgezeichnet durch die ungetrübteste Unkenntniß der sozialen Verhältnisse, des innigen Zusammenhangs zwischen Noth und Prostitution, zwischen fapitalistischer Gesellschaftsordnung und Dirnenthum, beziehungsweise Louisthum. Daß aber die Reichsverwaltung, die doch der beschränkte Unterthanenverstand für die verkörperte soziale Einsicht und Weisheit zu halten verpflichtet ist, wieder und wieder auf den Scheuklappenstandpunkt der sittlichen Damen herunterkommt, das ist wahrlich ein starkes Stück. Wenn übrigens den verehrten Damen die Hebung der Sittlichkeit so am Herzen, so im Sinn liegt, daß sie sich zu einem Kreuzzug gegen die Prostitution gerüstet haben, warum predigen sie dann nicht auch die Sittlichkeit nach oben hin? Warum eifern sie nicht in frommer Entrüstung gegen die Bälle der Grême der Gesellschaft, wo sich bessere" Frauen und höhere" Töchter in Roben feilbieten, die oben zu kurz, unten zu lang und in der Mitte zu eng sind? Warum ziehen sie nicht zu Felde gegen das Dirnenthum und das Louiswesen, das unter der feinsten Form in der guten Gesellschaft gen Himmel stinkt? Wir wollen den Damen nicht erst nahelegen, daß das einzige Mittel zur Hebung der Sittlichkeit in der Schaffung besserer Erwerbsverhältnisse des arbeitenden Volks besteht, so daß der Mann sich rechtzeitig zu verheirathen vermag, die Frau sich nicht zu verkaufen braucht. Wir kennen unsere Pappenheimer. Vollständige Unkenntniß der sozialen Zusammenhänge, engherzigste, furzsichtigste Bornirtheit in allen Fragen des Lebens, widerliche Heuchelei, Euer Name ist Verein zur Hebung der Sittlichkeit! Noth und Prostitution. Die„ Niederrheinische Volkszeitung", ein ultramontanes Blatt, beschäftigte sich jüngst mit den traurigen Lohnverhältnissen in Köln und berichtete dabei unter anderem, daß in einer Fabrik die Mädchen durchschnittlich pro Tag 1,30 Mark verdienten. Der Artikelschreiber gelangte zu dem Schluß, daß der= artige schlechte Löhne schwere sittliche Gefahren für die Mädchen mit sich brächten. Das stimmt und ist von der Arbeiterpresse wieder und wieder betont worden. Aber trotz alledem, daß die Zusammenhänge zwischen Prostitution und materieller Noth mit Händen zu greifen sind, daß sie sich ab und zu auch dem sonst befangenen Auge aufdrängen, geschieht doch seitens der bürgerlichen Gesellschaft, der bürgerlichen Parteien, so gut wie nichts, um gesunde Wirthschaftsverhältnisse zu schaffen, welche die Prostitution wirksamer bekämpfen, als Polizeistrafen und Lattenarrest. Auch das Zentrum, liebe ultramontane„ Niederrheinische Volkszeitung", ist nicht zu haben, wenn es sich um durchgreifende Reformen handelt, welche den Profit der Geldsäcke um ein weniges schmälern, damit die Männer und Frauen der werkthätigen Masse etwas menschenwürdiger zu leben vermögen. Etwas von der trockenen Guillotine. Nach den Aufstellungen der Ortskrankenkassen von Breslau beträgt das Durchschnittsalter der dortigen Schneider 28 bis 32 Jahre, dasjenige der Schneiderinnen sogar nur 22 bis 28 Jahre. Diese Zahlen reden wahrlich ganze Bände von der verbrecherischen Nichtachtung, mit welcher die kapitalistische Gesellschaft dem Menschenleben gegenübersteht, sobald das Menschenleben nicht von Gold und Seide eingefaßt ist und im Glanze funkelnder Diamanten oder eines berühmten Namens erstrahlt. Modelaunen. Zum Chic gehört gegenwärtig in der Pariser Gesellschaft das Kochen! Bei dem letzten Empfange der Prinzessin Brancova war im kleinen Salon ein Buffet aufgestellt, woselbst auch warme Speisen servirt wurden, welche die jungen Damen der Aristofratie auf allerliebsten Kochherden geschmort und gebraten hatten. Unter den„ Köchinnen" thaten sich besonders die Prinzessin Jeanne de Croy und die schöne Miß Howland hervor. Die Herren aber konnten gar nicht genug essen, um ihrer Begeisterung für die originelle Neuerung sowohl, wie für die vornehmsten Küchenfeen Ausdruck zu geben. Kaum glaublich. Die Mode bringt am Ende die goldene Jugend von Paris noch auf den Gedanken, sich auf der Welt irgendwie nützlich zu machen. Verantwortlich für die Redation: Fr. Klara Bettin( Eißner) in Stuttgart. Druck und Verlag vor J. H. W. Dieg in Stuttgart.