Nr. 20. -153Die Gleichheit 4. Jahrgang. Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Herausgegeben von Emma Ihrer in Velten( Mark). Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nro. 2660) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf. Stuttgart Mittwoch, den 3. Oktober 1894. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. In memoriam. Am 30. September sind es vier Jahre, daß das Sozialistengesetz schmachvollen Andenkens gefallen ist. Es fiel, behaftet vor der Geschichte mit einem doppelten Fluch: dem der ungeheuerlichsten sozialen Ungerechtigkeit und dem der vollständigen politischen Lächerlichkeit. Denn in seines Wesens Wesenheit stellt es sich dar als wüste Ausgeburt der skrupellosen, furzsichtigen kapitalistischen KlassenHerrschaft, bezüglich seines Erfolgs aber zeigt es sich als ein Schlag ins Wasser, der um so kindischer erscheint, je gewaltiger die Macht war, die ihn führte. Das Sozialistengesetz sollte mit der Sozialdemokratie das deutsche Proletariat politisch und wirthschaftlich völlig knebeln, damit es dem Schlot- und Krautjunkerthum auf Gnade und Un= gnade zur Schur überliefert bliebe. 1878 waren bei den Reichstagswahlen für die Kandidaten der Sozialdemokratie 437 158 Stimmen abgegeben worden. Nach zwölfjähriger Herrschaft des Sozialistengesetes erklärten sich am 20. Februar 1890 nicht weniger als 1 427 323 deutsche Wähler für die Sozialdemokratie. beiden Thatsachen charakterisiren das Gesetz am schlagendsten in seiner Nichtswürdigkeit und Lächerlichkeit. Die Wohl sollte sich das Ausnahmegesetz vorgeblich nur gegen die umstürzlerischen Ziele der Sozialdemokratie richten; wohl sollte es vorgeblich feierlichen Versicherungen nach die berechtigten" Bestrebungen der Arbeiter in nichts schädigen. Aber was man in Wirklichkeit in und mit der Sozialdemokratie treffen und vernichten wollte, das war alles klassenbewußte Leben und Streben des Proletariats. Hatte sich dieses ja erkühnt, nicht blos Zeichen des erwachenden Klassenbewußtseins zu geben, sondern solche der beginnenden politischen Reife, begann es ja nicht blos gegen seine Knechtschaft zu murren, sondern stolz erhobenen Hauptes für seine Befreiung zu kämpfen. Und wenn man gerade die Sozialdemokratie in erster Linie mit der ganzen Schärfe des Schwertes schlägen wollte, so war dies erklärlich genug. In ihr kristallisirte sich die klassenbewußte Erkenntniß, der klassenbewußte Wille des deutschen Proletariats, sie sammelte und erzog die proletarischen Streitkräfte, sie allein vertheidigte ernstlich gegen die Reaktion die farg bemessenen Voltsrechte, sie allein widersetzte sich energisch dem Streben der Be= sigenden, die Masse der Arbeitsbienen als Produzenten bis aufs Hemd auszuplündern und sie als Konsumenten durch festeres Anziehen der indirekten Steuerschraube bis zum Weißbluten zu schröpfen. Das Sozialistengeset trat in Kraft. Es trat in Kraft, weil der bürgerliche Liberalismus nach Verrath an Volksfreiheiten lechzte, damit die Bourgeoisie, mit dem Adel in der Auspowerung der werkthätigen Masse innig gesellt, mit diesem zusammen das„ Bereichert Euch" ungehindert und in größtem Umfange praktiziren konnte. Es trat in Kraft, weil die Besißenden in Bismarck der in seiner Person die Dreieinigkeit des Industrie, Agrar- und Jobber fapitals repräsentirte den politischen Hausknecht gefunden hatten, wie sie seiner bedurften: brutal und raffinirt, grundsatz- und ge= wissenlos, habsüchtig bis zum schmutzigsten Geiz und bornirt genug zu wähnen, mit einem Tritt seiner Stürassierstiefeln der geschichtlichen Entwicklung bremsen zu können. Zuschriften an die Redaktion der Gleichheit" sind zu richten an Fr. Klara Zetkin( Eißner), Stuttgart, RothebühlStraße 147, IV. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. Das Ausnahmegesetz erhob das blutigste Unrecht zum Recht, es verlieh der rohen Vergewaltigung einer ganzen Klasse den Schein der Gesetzlichkeit. Es stellte die deutschen Arbeiter, soweit sie ihre Interessen erkannten und mit den richtigen Mitteln zu wahren strebten, außerhalb der Gesetze, erklärte sie in Acht und Bann und bot gegen sie alle Gewaltmittel auf, die dem Klassenstaat zur Verfügung standen. Für sie gab es keine Preßfreiheit mehr. Die Schriften, aus denen die Arbeiter in der Gestalt von Wissen Waffen für ihren Befreiungskampf holten, wurden verboten und konfiszirt. Die periodische Arbeiterpresse, die politische wie die gewerkschaftliche, ward brutal oder tückisch erwürgt. Die schattenhafte Vereins- und Versammlungsfreiheit war für das deutsche Proletariat nicht länger mehr vorhanden. Die ausnahmegesetzliche Reaktion zerschmetterte die gewerkschaftlichen wie die politischen Organisationen. Das Vermögen der proletarischen Vereine, das die Armuth Pfennig für Pfennig zusammen entbehrt hatte, fiel- falls man nicht rechtzeitig vorgebeugt hatte der Beschlagnahme anheim, Ver= sammlungen wurden nicht erlaubt oder auf den sinnlosesten Anlaß hin und auch ohne solchen aufgelöst. Der berüchtigte Streikerlaß des zynischen Polizeiminister Buttkamer setzte der klassenstaatlichen Mißachtung verfassungsgemäß verbriefter Volksrechte die Krone auf und zeigte auch dem blödesten Auge die Koalitionsfreiheit der deutschen Arbeiter als bloße Farce, den Klassenstaat als Gensdarm des Geldsacks. Das Wahlrecht wagte die reaktionstrunkene Rapitalistensippe nicht offen anzutasten. Aber durch die thatsächliche Aufhebung der Preßfreiheit, des Vereins- und Versammlungsrechts suchte man den Proletariern die richtige Ausnutzung des Wahlrechts zu verunmöglichen. Den armseligen Resten der Wahlfreiheit, die trotz alledem noch fortvegetirten, wurde durch Nücken und Tücken ohne Zahl und ohne Namen der Garaus gemacht. In Gegenden, wo das Proletariat besonders zielklar und energisch war, sollte der kleine Belagerungszustand mit seinen Schrecken die aufsässigen Lohnsklaven bändigen. Der Richterstand ward systematisch korrumpirt, damit die Geheimbundprozesse mit ihrer akrobatenhaften Verrenkung und Auslegung der Gesetzesterte die klassenbewußte Arbeiterbewegung erdrosselten. Puttkamer erhob das Lockspielthum der„ Nichtgentlemen" zur Ehre einer sakrosankten Staatseinrichtung, denn es sollte die Vorkämpfer des Proletariats ans Messer, dieses selbst aber vor die Kanonen liefern, den Vorwand schaffen zur gründlichen Vernichtung jedes proletarischen Klassenlebens. Kurz mit allen Mitteln der Gewalt und Niedertracht wendete sich der Klassenstaat gegen die moderne Arbeiterbewegung, mit allen Mitteln der Gewalt und Niedertracht wendete er sich gegen ihre Träger. Keine Maßregel war ihm zu grausam, zu schmutzig, zu kleinlich, er spielte sie gegen die Leute aus, die nicht das Brandmal einer kapitalfrommen Gesinnung trugen. Haussuchungen, Sistirungen, Briefsperre, polizeiliche Ueberwachung, monatelange, oft durch nichts gerechtfertigte Untersuchungshaft, Verurtheilungen zu hohen Geldstrafen, zu Gefängniß und Zuchthaus prasselten hageldicht auf sie hernieder. Damit nicht genug. Planmäßig suchte man die wirthschaftliche Existenz Jedes zu ruiniren, der in der politischen oder gewerkschaftlichen Bewegung irgendwie hervortrat. Der politisch thätige oder gewerkschaftlich organisirte Proletarier ward als Arbeitskraft vervehmt, denunzirt, aus Lohn und Brot geworfen. Die Vernichtung der Preßfreiheit lieferte den Redaktions und Erpeditionsstab der Arbeiterblätter dem Elend aus, bewirkte den Zusammenbruch der zahlreichen Genossenschaftsdruckereien, gab das hier beschäftigte vielhundertköpfige Geschäfts- und Arbeiter personal dem Hunger preis und brachte so und so oft die Genossenschaftler um die sauer ersparten Groschen. Und in ihrem Haß und Verfolgungswahnsinn noch nicht befriedigt, griff die Reaktion zu den Ausweisungen. Sie riß Hunderte von besonders rührigen Vorkämpfern des Proletariats von der Arbeit, von Heim und Herd, hetzte sie vogelfrei in die Fremde, wohl gar int Kesseltreiben von Ort zu Ort und warf ihr Weib und ihre Kinder der schwärzesten Noth als Beute hin. Die Klassenjustiz wurde zur schmachvollsten, verbrecherischsten Klassenrache, die über den Gegner hinaus noch wider völlig Unschuldige mit einer Barbarei ohne gleichen wüthete. Und der Erfolg von alledem? Wohl zermalmite das Schandgesetz unter seinem eisernen Tritt die Eristenz, das Familienglück, die Gesundheit, ja das Leben Einzelner. Wohl ging es vorwärts durch Blut und Thränen, gefolgt von Verwünschungen, Haß säend und Haß erntend. Wohl lastete es mit bleierner Schwere auf dem Leben und Streben des Proletariats, riß Kämpfer um Kämpfer aus den Neihen seiner Streitfräfte und schlug der klassenbewußten Arbeiterbewegung schmerzliche und tiefe Wunden. Allein vernichten konnte sie diese nicht. Die im ersten Augenblick zersprengten Streitkräfte sammelten sich rasch wieder und kämpften mit verdoppeltem Eifer, mit um so größerer Begeisterung. Neue Streiter füllten die gerissenen Lücken, die den Einzelnen geschlagenen Wunden heilte die großherzigste Solidarität Aller nach Kräften, die ausnahmsgesetzliche Vergewaltigung der Voltsrechte ward durch Pflichttreue, Energie, Begeisterung, grenzenlose Opferfreudigkeit und fluge Ausnutzung der Verhältnisse aufgewogen. Jeder klassenbewußte Arbeiter that seine Schuldigkeit, und er that sie voll und ganz; aber auch die von dem Ausnahmegeseze geschaffenen schmachvollen Verhältnisse thaten ihre Schuldigkeit. Jede unter dem Schein des Rechts begangene Infamie zeugte wider den Klassenstaat, jeder Aft der Gewalt und Niedertracht ward zum Agitator gegen die kapitalistische Gesellschaft. Immer größere Kreiſe des Proletariats wurden zum Klassenbewußtsein wachgerüttelt und in die sozialistische Bewegung hineingezogen. Allen Ausnahmemaßregeln zum Troß gewann diese täglich an Umfang, an Tiefe, an Festigkeit, an Zielflarheit. Ja, das Ausnahmegesetz trug mit seinen Schrecken wesentlich dazu bei, daß die Sozialdemokratie die Kinderkrankheiten des politischen Parteilebens schnell überwand, mit der Settirerei aufräumte, das hohle revolutionäre Phrasenthum abschüttelte, sich an das Wesen der Dinge hielt, sich die vielbewunderte festgefügte Disziplin gab und eine fühle Abwägung der Macht faktoren lernte. Das Sozialistengesetz züchtete nicht blos Sozialdemokraten, es erzog sie auch. Siegreich ging die sozialistische Bewegung ihren Gang weiter. So sind die zwölf Jahre der Herrschaft des Ausnahmegesetzes ein Denkmal, dauerhafter als Erz, von dem Heroismus und der politischen Reife des deutschen Proletariats, so sind sie auch ein beweiskräftiges Zeugniß dafür, daß eine sich anbahnende politische Revolution, die aus den wirthschaftlichen Verhältnissen mit Naturnothwendigkeit herauswächst, ebensowenig durch irgendwelche Gewaltmittel aufgehalten zu werden vermag, wie sie ohne diese wirthschaftlichen Vorbedingungen aus der Erde hervor geftampft werden kann. 154 nach einem neuen Ausnahmegesez, denn die Besißenden und Herrschenden haben wie die Bourbonen nichts gelernt und nichts vergessen. Nun wohl! Auch das Proletariat hat nichts vergessen! Unauslöschlich sind ihm alle Greuel und Verbrechen der zwölf Jahre Ausnahmegesez eingeprägt, unauslöschlich ist ihm aber auch die Erinnerung, wie es seine Gegner und ihre Machenschaften mit der Kraft eines jungen Titanen überwunden hat. Und das Proletariat hat gelernt, und was es gelernt hat, das wird es im weiteren Verlaufe des Klassenkampfes bethätigen. Allen eventuellen Ansnahmemaßregeln zum Troß, der schärfsten Handhabung des„ ge= meinen Rechts" zum Troß, seiner Ausdeutelung zum„ gemeinſten Recht" zum Troß. In ruhiger Siegeszuversicht pfeift es auf Alles, was die Reaktion plant und thut, denn der Zeichen der Zeit Fülle verkündet immer lauter, immer gewaltiger: dem klassenbewußten Proletariat die Welt trotz alledem. Ein Gedenktag. Am 28. September sind es dreißig Jahre, daß sich eines der denkwürdigsten und wichtigsten Ereignisse vollzogen hat, das die Geschichte des proletarischen Befreiungskampfes aufweist, ja das als Merkstein in der Geschichte überhaupt aufragt: die Gründung der Internationale. Am 28. September 1864 fand in der St. Martins Hall Long Acre, London, ein Meeting statt, auf welchem Engländer, Franzosen, Deutsche, Polen und Italiener zahlreich vertreten waren. Das Meeting war die Geburtsstätte der internationalen Arbeiterassoziation. Unmittelbar veranlaßt wurde es durch den letzten polnischen Aufstand. Die Londoner Arbeiter hatten Lord Palmerston durch eine von einer Deputation überreichten Adresse aufgefordert, zu Gunsten Polens einzutreten. Gleichzeitig hatten sie durch einen Aufruf die Bariser Arbeiter zu gemeinsamem Zusammenwirken aufgefordert. Die Bariser sandten darauf eine Delegation nach London, zu deren Empfang das Meeting stattfand. Auf demselben kam nicht nur der unmittelbar vorliegende Zweck zur Sprache, sondern auch die allgemeinen sozialen Verhältnisse, unter denen die Arbeiterklasse aller Länder litt. Von Nord und Süd, von Ost und West wurden die gleichen Klagen der Ausgebeuteten laut, ward die gleiche Quelle alles proletarischen Jammers aufgezeigt: die kapitalistische Gesellschaftsordnung. Die Interessengemeinschaft der Proletarier aller Länder trat klar in Erscheinung und damit auch ihre nothwendige Kampfesgemeinschaft, Verfolgung des gemeinsamen Ziels: der Befreiung der Arbeiterklasse durch die Vernichtung der Klassenherrschaft. Das Meeting beschloß in der Folge die Gründung der internationalen Arbeiterassoziation. Es wählte einen provisorischen Zentralrath, der später den Titel Generalrath annahm, seinen Sitz in London hatte und aus den verschiedenen Nationalitäten zusammengesetzt war. Er wurde mit der provisorischen Zentralverwaltung der zu schaffenden Organisation beauftragt, sowie mit einem Entwurf der Statuten und der Abfassung einer„ Inauguraladresse". Diese Adresse, eine Art Programm der Internationale, wurde von Karl Mary verfaßt und wiederholt eindringlich das Mahnwort, welches bereits das Kommunistische Manifest den Massen der Enterbten zugerufen hatte: Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!" " Die Gründung der Internationale bedeutet den Anbruch einer neuen Aera der Arbeiterbewegung, der Aera, welche den Sieg des Proletariats einleitet. Der Form nach ist die Internationale heute todt. Sie starb, als ihre Aufgabe erfüllt war, als sie überall das Proletariat zum Sturm gegen die Gesellschaft der Klassengegensätze gerufen, als sie ihm die Wege gezeigt hatte, die es für seine Befreiung wandeln muß, als sie den Anstoß gegeben, daß in allen Kulturländern sozialistische Arbeiterparteien entstanden, die kräftig und zielbewußt die Führung der ausgebeuteten Voltsmassen übernahmen. Und deshalb ist die Internationale heute lebendiger als je. Sie lebt überall da, wo das Proletariat flassenbewußt gegen die kapitalistische Gesellschaft kämpft. Die Losung, die Karl Mary dem Weltproletariat gegeben, ist verwirklicht. Von einer Erkenntniß, einem Willen beseelt, Vier Jahre sind seit dem Fall des Sozialistengesetzes verstrichen. In dieser Zeit hat die fapitalistische Gesellschaft auf dem Boden des„ gemeinen Rechts" alle Machtmittel des Klassenstaats reichlich und täglich zur Bekämpfung der Sozialdemokratie auf geboten. Und diese Machtmittel sind nicht klein, und ihre Zahl ist nicht gering. Dem klassenbewußten Proletariat ist auch aufstreben die Arbeiter aller Länder dem gemeinsamen Ziele zu. Der diese Weise nichts geschenkt worden und nichts erspart geblieben. Trotz aller Machenschaften aber schreitet es rüstig, unaushaltsam vorwärts von Sieg zu Sieg, dem Endziele entgegen. Das Gebäude der kapitalistischen Gesellschaft kracht in allen Fugen, und in gedrängten, entschlossenen Schaaren marschiren die zielbewußten Arbeiter zum Ansturm gegen den Klaffenstaat, zur Eroberung der Staatsgewalt. Aengstlich und wüthend heult die Ordnungsmente schwarz- goldenen Internationale der Reaktion gegenüber steht kampfesfroh und siegesbewußt die rothe Internationale der Revolution. Ohne Unterschied der Nation, des Berufs, des Geschlechts um das Banner des Sozialismus geschaart, gedenken heute nicht einzelne Vorkämpfer der proletarischen Befreiung des dreißigsten Jahrestags der Gründung der Internationale, sondern gewaltige, organisirte, zielflare proletarische Armeen. Arbeiterinnen- Bewegung. 155 von Orleans im Lichte der Geschichte und Dichtung"( Genosse Wiesenthal); Markranstädt, öffentliche Volksversammlung:„ Bildung und Bildungsmittel"( Genossin Kähler); München, öffentliche Versammlung der Schneider und Schneiderinnen:„ Die wirthschaftliche Lage der Schneider und das Verhalten der Arbeitgeber"( Genosse Häuselmaier); Pegau, öffentliche Versammlung für Frauen und Männer:„ Die Frau und der Sozialismus"( Genossin Kähler); Sanssouci, öffentliche Versammlung der Frauen- Agitationskommission:„ Die englische Genossenschaftsbewegung und ihre Bedeutung für den Befreiungskampf des Proletariats"( Dr. Förster); Schleiz, öffentliche Versammlung für Frauen und Männer:" Was wird der Befreiungskampf des Proletariats den Frauen bringen?"( Genossin Kähler); Schöneberg, öffentliche Volksversammlung:„ Jeder Preuße ist vor dem Gesetze gleich"( Stadtverordneter Mehner); Weißensee, öffentliche Versammlung des Bildungsvereins für Frauen und Mädchen:„ Wahrheit und Dichtung im Frauenleben"( Genossin Berger); öffentliche Versammlung für Männer und Frauen:„ Die Ursachen der Verbrechen"( Genosse Wagner); 3wößen, öffentliche Versammlung für Frauen und Männer: Was wird der Befreiungskampf des Proletariats den Frauen bringen?"( Genossin Kähler). " In der Zeit vom 1. bis 20. September fanden öffentliche Versammlungen statt in: Barmen, öffentliche Versammlung der Textilarbeiter und-Arbeiterinnen:„ Was lehren uns die Streiks?"( Genosse Haberland); Berlin, öffentliche Versammlung für Männer und Frauen:„ Das Bildungswesen im Klassenstaate"( Reichstagsabgeordneter Vogtherr), öffentliche Volksversammlung:„ Die Sozialpolitik unserer Gegner"( Reichstagsabgeordneter Robert Schmidt); öffentliche Versammlung aller in der Schuhindustrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Bericht über den Schuhmacherkongreß"( Genosse Rott); öffentliche Versammlung aller in der Luxuspapierbranche beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Die wirthschaftliche Lage"( Genosse Sailer); öffentliche Versammlung der Tabatarbeiter und Arbeiterinnen:„ Die drohende Tabakfabrikatsteuer"( Genosse Riesel); öffent liche Versammlung der Schneider und Schneiderinnen:„ Die Zustände in der Schneiderei"( Genosse Timm); öffentliche Versammlung aller in der Filzschuhindustrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Die Gewerkschaften und die Kartelle"( Genosse Schöfflein); öffentliche Versammlung aller in der Holzindustrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Das Werkzeug als Kulturträger"( Genosse Rohrlack); Blecher, öffentliche Volksversammlung:„ Der Kampf der Frau auf geistigem, wirthschaftlichem und politischem Gebiete( Genossin Schneider); Charlottenburg, öffentliche Versammlung des Bildungsvereins für Frauen und Mädchen:„ Moderne Sittenanschauung"( Genossin Ihrer); öffentliche Versammlung für Männer und Frauen:„ Der Sozialismus als Produkt der geschichtlichen Entwicklung"( Genosse Hoffmann); Debschwitz, öffentliche Versammlung für Männer und Frauen:" Was wird der Befreiungskampf des Proletariats den Frauen bringen?"( Genossin Kähler); Elberfeld, öffentliche Versammlung für Männer und Frauen: ,, Warum wird der Parteitag nicht in Nürnberg abgehalten?"( Reichstagsabgeordneter Harm); Gera, öffentliche Versammlung für Männer und Frauen:„ Was wird der Befreiungskampf des Proletariats den Frauen bringen?"( Genossin Kähler); Greiz, öffentliche Versammlung für Frauen und Männer:„ Die Frauen und die Erziehung der Kinder" ( Genossin Kähler); Kleinzschocher, öffentliche Versammlung für Frauen und Männer:" Ferdinand Lassalle"( Genossin Kähler); Leipzig, öffentliche Versammlung für Frauen und Männer:„ Bildung und Bildungsmittel"( Genossin Kähler); öffentliche Versammlung des Bildungsvereins für Frauen und Mädchen:„ Volksbildung lung des Bildungsvereins für Frauen und Mädchen:„ Die Jungfrau Ein nächtliches Abenteuer. Es passiren Einem oft noch wunderliche Dinge in unserer realistischen Zeit, so wunderliche Dinge, daß sie Jeder, der sie hört, für schlecht ersundene Fabeln halten muß. Und doch ist das, was ich hier erzählen will, so wahr und wahrhaftig wahr, als daß mir neulich Genosse Liebknecht mit einer fürchterlich großen Bombe in der Hand im Traume erschienen ist und mir mit Grabesstimme zurief: Verderben über Casimir- Perier!" Doch davon wollte ich ja nicht erzählen, sondern von Folgendem: " Ging ich da neulich Abends spät im Walde so für mich hin, und war auch mein Sinn, absolut nichts zu suchen", genau wie es bei Altmeister Goethe zu lesen ist. Ich wollte vielmehr nur ein Weilchen vergessen, und zwar die spukenden Geister der Tagespolitik und Parteiangelegenheiten, und dazu däuchten mir nächtliches Waldweben und Mondesglanz besonders geeignet zu sein. Balsamische Frische lag in der Luft, und schwebende Sommerfäden, in denen der wechselnde Mondstrahl sich zu verfangen schien, zogen um mich herum. Aber auch zu dem stillen Zauber der Natur in nächtlicher Stunde gehört entschieden Stimmung und eine gewisse Empfänglichkeit des Geistes, die mir die obenerwähnten spufenden Geister nicht gelassen zu haben schienen, denn ich muß es bekennen ich wurde immer schläfriger. Plöglich hörte ich in der Ferne ein undeutliches Stimmengemurmel, das mir von einer großen Volksversammlung herzurühren schien. Wahrhaftig! da hörte ich schon aus dem Blättergeflüster der Bäume ein Volksversammlungsgemurmel heraus! Aber nein! das war doch wirklich kein Blättergeflüster! Wie sollte man jedoch andererseits in Deutschland, da das Sedanfest eben vorbei war, zu einer Volksversammlung im Freien kommen? Vielleicht daß Eugen Richter hier im Verborgenen einen zweiten Parteitag abhielt, um vor Bericht erstattern noch sicherer zu sein als beim ersten? Unter solchen und ähnlichen Vermuthungen war ich an eine große Wiese gekommen, die rings von Wald umgeben war. Was sah ich da! Ich rieb mir die Augen aber das Bild wich nicht. Eine ganze Horde kleiner, seltsamer, menschlich geformter Ungethüme mit winzigen Bockshörnern auf den Stirnen, im Uebrigen aber höchst gentlemen- life gekleidet, trieb sich in wirrem Durcheinander hier Vereinsversammlungen fanden in der nämlichen Zeit statt in: Barmbeck, Mitgliederversammlung des Verbands der Fabrik-, Land- und Hilfsarbeiter und Arbeiterinnen:„ Bericht über den Verbandstag"( Genosse Liebscher); Berlin, Mitgliederversammlung des Verbands der Schneider und Schneiderinnen:" Die Privilegien durch Paragraph 100 der Gewerbeordnung, und wie sich die Innung ihre Wohlfahrtseinrichtungen von den Schneidern bezahlen läßt"( Genosse Herse); Mitgliederversammlung des Frauen- und Mädchenbildungsvereins:„ Die Schule wie sie ist und wie sie sein sollte"( Stadtverordneter Mehner); Mitgliederversammlung der Textilarbeiter und-Arbeiterinnen:„ Die Heilkräfte des Organismus"( Genosse Sperling); Elberfeld, Mitgliederversammlung der Textilarbeiter und Arbeiterinnen: Die Entwicklung der Erde"( Genosse Bergmann); Hamburg, Mitgliederversammlung des Verbands aller in der Kürschnerbranche beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:" Berathung des Regulativs für den Arbeitsnachweis"; Köln, Mitgliederversammlung des deutschen Holzarbeiterverbandes:„ Die erzieherische Wirkung der Organisation"( Genossin Schneider); Moabit, Mitgliederversamm" und Klassenbewußtsein"( Genosse Wagner); Nürnberg, zwei Mitherum und vollführte jenen Lärm, den ich als Volksversammlungsgemurmel schon aus der Ferne gehört hatte. Rings an den Bäumen hingen Fahnen und Wappenschilder aller Länder des kulturfortgeschrittenen Europa. Der Radau wurde immer ärger, und mir wurde immer dümmer und verwirrter zu Muthe, als ich Einen aus der Horde, im Frack und mit goldenem Kneifer auf der Nase, auf einen Baumstumpf ungefähr in der Mitte des Platzes springen und mit wahnsinnigen Armschwenkungen um Gehör bitten sah. Der Tumult legte sich, und der Redner konnte zu Worte kommen. Meine Herren!" tönte es in französischer Sprache an mein Ohr. Die vorgerückte Stunde mahnt zum Aufbruch, und die Pflicht ruft uns zu neuem Wirken, zu neuem Kampfe. Darum für dieses Jahr genug der gemeinsamen Arbeit wie des gemeinsamen Ver gnügens! Doch bevor ich den, Fünfundsiebzigsten Internatio= nalen Kongreß aller christlich staatlichen und polizeibehördlichen Gesetzes und Dekretteufelchen' schließe, lassen Sie mich noch die Hauptmomente, die während seiner Tagung hervorgetreten sind, in kurzem Ueberblick an Ihnen vorüberführen und die sich daraus ergebenden Resultate in Kürze zusammenfassen. Ich denke, meine Herren, im Allgemeinen konnten wir mit dem Stande unserer Bestrebungen höchst zufrieden sein die Teufelei auf gesetzlichem Wege hat wiederum in jeder Hinsicht einen sichtbaren erfreulichen Aufschwung genommen, und die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den verschiedenen staatlichen Gerechtigkeitsgöttinnen und der Polizei kräftigen und stärken sich noch von Tag zu Tag. Aber auch manches Beklagenswerthe haben wir zu verzeichnen gehabt. Um nur einige Beispiele anzuführen: das Wahlunrechtsteufelchen aus Desterreich hat eines schweren inneren Leidens halber von unserem Kongresse fern bleiben müssen, und das Preßgesetzteufelchen von ebendaselbst ist mit stark verschnittenen Fingernägeln an der linken Klaue zu uns gekommen- wenngleich es ja freilich gegründete Aussicht zu haben glaubt, daß sie ihm dafür an der rechten um so stärker nachwachsen werden." Aller Augen wandten sich auf den Punkt, nach welchem der Redner eben geblickt hatte, und ich sah dort ein Teufelchen mit hängendem Haupte und einer gefesselten Gänsefeder am schwarzgelben Cylinder stehen. 156 Auflehnungsversuche, die von der Staatsgewalt in Meeren von Blut ertränkt, mit Eisen und Feuer, mit Stäupung und Galgen erstickt wurden. gliederversammlungen des Frauen und Mädchenbildungsvereins:| Auflehnungsversuche einer bis zum Aeußersten getriebenen Volksmenge, 1)„ Reichssteuerprojekte"( Genosse Schuh), 2)„ Das Liebeslied in der deutschen Literatur"( Genosse Aub); Stuttgart, Mitgliederversammlung des Verbands der Schneider und Schneiderinnen:„ Ist die Frauenorganisation nothwendig im Kampfe der Arbeiterklasse?"( Genossin Grüzmüller); Veddel- Rothenburgsort, Mitgliederversammlung des Zentralvereins für Frauen und Mädchen: 1)„ Kassenbericht", 2) Der Boykott der Firma Tack"; Weißensee, Mitgliederversammlung des Bildungsvereins für Frauen und Mädchen:„ Die Kinderernährung"( Genosse Dr. Weyl). ,,' s ist der Geschichte ew'ges Muh!" i- Solange die Klassenherrschaft währt, währt auch der Klassenfampf. Manche starke Erschütterungen der Herrschaft der Ausbeuterklasse haben im Verlauf der Geschichte stattgefunden, doch bis jetzt behielt die Ausbeuterklasse trotz alledem noch stets die Oberhand. Die Macht, der sie dies verdankt, ist der bewaffnete Staat. Es sind hauptsächlich zwei Faktoren( Umstände), welche die politische Gewalt des Staats bedingen. Erstens seine ein ganzes Landesgebiet umfassende Organisation, die ihm eine Allgegenwart und Allwissenheit verleiht und ihm die Möglichkeit giebt, seine Streitkräfte zweckmäßig zu vertheilen. Zweitens eine abgerichtete und ausgerüstete Kriegsmacht. Welche kolossale Uebermacht diese beiden Faktoren dem Staat gewähren, das haben die aufständischen Sklaven der römischen Provinzen erfahren, nicht minder aber auch anderthalb Jahrtausende später die deutschen Bauern. Mit dem einzelnen, unmittelbaren Ausbeuter wurden die Ausgebeuteten leicht fertig, wenn es zum offenen Kampf fam. Den Heeren jedoch, die der Staat gegen sie schickte, einerlei ob es römische Legionen oder Ritter und Knechte deutscher Fürsten waren mußten die undisziplinirten, schlecht bewaffneten, zusammenhangslosen Schaaren der Aufständischen am Ende doch unterliegen. Die wirthschaftlichen Umwälzungen zeitigten Aenderungen der sozialen Gliederung. Aber an die Stelle des Sklaven trat nur der hörige Bauer, der gleichfalls ausgebeutet und geknechtet war. Die Klassenherrschaft, die sich schon längst als eine Institution von Gottes Gnaden, als göttliche Einrichtung erklärte, schien in alle Ewigkeit fortbestehen zu wollen. Die Klassenkämpfe der Ausgebeuteten gegen ihre Ausbeuter waren nur leidenschaftliche Ausbrüche, verzweifelte „ In Deutschland", fuhr der Redner fort ich stenographirte schon lange, in dessen zuverlässigen Polizeischutz wir uns heuer zurückgezogen haben, hat sich das Militärvorlageteufelchen bis jetzt noch immer nicht auf solide pekuniäre Grundlage zu stellen vermocht, und jenes unangenehme Hinderniß für den Fortschritt des Rückschritts aller Länder, der Asylrechtsfeind aus England, hat troz internationalen Ansturms auf seinem Siz nur erst gewackelt, ohne umzufallen." Lebhaft bedauerndes Zustimmungsgemurmel unter der Horde. ,, Was aber will das im Grunde Alles besagen, meine Herren, gegen die Erfolge, die sich uns im Laufe unseres diesjährigen Kongresses plastisch vor Augen gestellt haben! Sie aufzählen, hieße Teufel in die Hölle tragen! Aber das Eine muß ich nochmals hervorheben: Wir haben die Ehre gehabt, in unserer Schaar zwei neue Mitglieder begrüßen zu können, zwei neue Mitglieder von so herrlich teuflischen Geistes und Charaktereigenschaften und, troß ihrer großen Jugend, so bewundernswerth starker und vielseitiger Leistungsfähigkeit, daß sie als Muster und Vorbild jedem christlich- staatlichen und polizeibehördlichen Gesetzes und Dekretteufelchen vorzuschweben verdienten. Sie wissen Alle, meine Herren, wen ich meine: es sind die beiden Anarchistengesetzteufelchen von Frankreich und Italien." Zwei noch sehr kleine Ungethüme mit greulich heimtückischen Gesichtern und schielenden, blutunterlaufenen Augen traten vor und verbeugten sich dankend. ,, Sie wissen ebenfalls, meine Herren", ließ sich der Redner von Neuem vernehmen, daß wir uns veranlaßt gesehen haben, dem gnädigen Gönner und Zeuger des letzteren, dem von uns Allen verehrten mächtigen Hort unserer heiligen Bestrebungen, den Ehrenorden aller Gesetzesteufelei erster Klasse zu verleihen und zu ewigem Gedenken seines Namens und Wirkens aus unserer Mitte den Brüderorden in Crispo" ins Leben zu rufen! Die Perspektive, die sich uns durch das Wirken solcher Männer ins weite Reich der Zukunft eröffnet, ist blendend und überwältigend, und im felsenfesten Vertrauen auf den endlichen, bleibenden Sieg des großen Werkes der Reaktion, an dem wir Alle arbeiten, können wir für diesmal auseinandergehen. Ehe ich aber unseren Kongreß endgiltig schließe, lassen Sie uns, meine Herren, als patriotische Teufelchen und gute " Die Dinge begannen sich zu ändern mit dem Aufkommen der fapitalistischen Gesellschaft. Nicht daß der Staat jetzt seine Macht eingebüßt hätte. Im Gegentheil, die entwickelten Verkehrsmittel, Eisenbahnen, Telegraphie 2c. ermöglichten dem Staat eine ungeahnte Schnelligkeit der Operationen; die Industrie lieferte die raffinirtesten Kriegswerkzeuge; schließlich schufen die Geldsteuern und die Entwicklung des kapitalistischen Weltmarkts die Möglichkeit, gewaltige Armeen zu unterhalten. Aber dieselbe Produktionsentwicklung, welche die Machtmittel des Staats so riesig stärkte, hatte soziale Umgestaltungen zur Folge, die den Sieg der ausgebeuteten Klasse über ihre Ausbeuter zur Gewißheit machen. Die ökonomische Grundlage der vorkapitalistischen Gesellschaft war der Ackerbau. Den dadurch geschaffenen Bedingungen entsprechend war die Bevölkerung zersplittert, in kleinen Gruppen über das ganze Land vertheilt. Jedes Dorf bezw. jede Gutsherrschaft war etwas Selbständiges, für sich Abgeschlossenes. Das Vorherrschen lokaler Interessen erzeugte Lokalbeschränktheit, das Nichthinausgehen über die engen Schranken der nächsten wirthschaftlichen Umgebung. Die Ausbeutung erschien als örtliches und persönliches Abhängigkeitsverhältniß vom einzelnen Herrn. Thatsächlich wechselte auch das Schicksal der Ausgebeuteten in hohem Grade mit dem persönlichen Charakter ihrer Ausbeuter. Der Staatsorganisation gegenüber stand eine desorganisirte Volksmasse. Der Kapitalismus hat mit der ländlichen Beschränktheit und Abgeschlossenheit gründlich aufgeräumt. Die großen Induſtrieſtädte wurden zu Sammelbecken der Bevölkerung, in denen sich viele Tausende zusammenfinden, durch enges Beisammenwohnen und wirth schaftliche Interessen miteinander verbunden. Waren Massenbewegungen unter der Landbevölkerung nur das Resultat eines andauernden geschichtlichen Sammlungsprozesses, so sind sie hier die spontane Lebensäußerung dieser gewaltigen Volfsorganismen. Die Großstädte wurden deshalb zum Herd der Revolutionen. Schon die französische Revolution von 1789 ist undenkbar ohne Paris. Die Eisenbahnen, Posten, Telegraphen, die in die entlegensten Winkel dringen, ziehen auch die Landbevölkerung in den großen fulStaatsbürger in ein dreifaches Hoch einstimmen auf unsere diversen erlauchten Landesherren und Staatso..." " Halt! Halt!" gellte es plößlich in die zu hohem pathetischen Schwung angeschwollene Rede hinein, und ein neu angekommenes Teufelchen, das mir eine gewisse Aehnlichkeit mit den beiden heimtückischen Gesichtern von vorhin zu haben schien, sprang so blitzschnell bis dicht vor den Rednerbaumstumpf, daß der bisherige Sprecher vor Schreck rücklings von ihm herunterpurzelte.„ Halt! Wollen Sie ohne mich schließen, meine Herren? Sehen Sie mich an und erkennen Sie mich!" Eine unbeschreibliche Aufregung entstand unter der Teufelhorde. Alles drängte sich um den Neuangekommenen und schrie und gestikulirte durcheinander, so daß es mir unmöglich war, auch nur einige Redebrocken aus dem Tumult zu fischen. Endlich hörte ich ein Stimmchen die anderen mit Glück überschreien:" Bei allen Teufeln, mein Herr! Reden Sie doch endlich! So sind Sie nicht gestorben und begraben? Vor vier Jahren lagen Sie in den letzten Zügen, vor drei Jahren haben wir Ihr Andenken durch Erheben von der Erde geehrt, und nun stehen Sie vor uns in blühender Gesundheit! Wie geht das zu? Reden Sie doch!" Der Schreier hatte den Ankömmling vor Aufregung vorne an der Brust gepackt und schüttelte ihn hin und her. " Hi, hi!" grinste der Bestürmte, in durchaus unerschütterter Ruhe um sich schauend.„ Gestorben! Begraben! Als ob man so wichtige Persönlichkeiten wie mich so leicht sterben und begraben ließe!" Aber warum erfuhren wir nichts von Ihrer Existenz?" „ Warum kommen Sie jetzt erst am Schlusse des Kongresses?" tönte es wieder um ihn.„ Erzählen! Erzählen!" „ Erzählen! So lassen Sie mich doch zu Worte und zu Athem kommen! Uff!" Mit diesen Worten war das Teufelchen wie eine Katze auf den Baumstumpf geklettert.„ Warum Sie nichts von meiner Eristenz erfuhren? Sorgfältig versteckt hat man mich gehalten, um zu verhindern, daß ich mich öffentlich zeigte. Jetzt erst fann ich mich etwas freier bewegen. Aber beiläufig gesagt- die Verpflegung war gut dabei." Er war wirklich für einen Teufel von höchst blühender Gesichtsfarbe. Daß ich aber nicht früher zu 157 turellen Zusammenhang der modernen Gesellschaft hinein. Noch mehr als die modernen Verkehrsmittel bewirkt das die Waarenproduktion, die Entwicklung des kapitalistischen Weltmarkts. Der Bauer, der nur für seinen Herrn und sich produzirte, mit dem Ertrag seiner Arbeit fast seinen sämmtlichen Bedarf deckte, hatte nur äußerst geringe wirthschaftliche Beziehungen zu der übrigen Welt. Anders der kapitalistische Bauer, der gezwungen ist, sein Produkt zu verkaufen. Seine Bedarfsdeckung, sein Wohlstand hängt nicht mehr ausschließlich vom Ertrage seiner Arbeit ab, sondern von dem Marktpreise seines Arbeitsprodukts, von der Konkurrenz, von der allgemeinen gesellschaftlichen Bedarfsdeckung u. s. w., kurz, vom Weltmarkt und von der allgemeinen wirthschaftlichen Gestaltung der Gesellschaft. Sein Schicksal ist jetzt mit dem von Millionen anderer Menschen in anderen Gegenden eng verknüpft. Es ist nicht mehr allein die Gleichartigkeit der Lage, die in ihm das Solidaritälsgefühl erweckt. es ist ein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältniß. Die Waarenproduktion zerstört jede wirthschaftliche Abgeschlossenheit, jede Absonderung des einzelnen Wirthschafters. Sie führt zur weitgehendsten gesellschaftlichen Arbeitstheilung und macht dadurch jeden Einzelnen von der Gesammtheit abhängig, die einzelne Arbeitergruppe zum nothwendigen Bestandtheil der Gesammtheit. Sie zerstört die Gleichgiltigkeit und setzt an ihre Stelle den Jnteresseukampf. Gleichzeitig erzeugt die kapitalistische Produktionsweise ein neues Ausbeutungsverhältniß� das Verhältniß zwischen Kapitalist und Lohnarbeiter, und damit eine neue Klassengliederung. In den früheren Gesellschaftsformen knüfte die Ausbeutung, obwohl stets das Ergebnis; der ökonomischen Verhältnisse, direkt an die rohe Gewalt an. Anders jetzt. Der Kapitalist treibt nicht mit Peitschenschlägen seine Arbeiter in die Fabrik und nimmt nicht mit den Waffen in der Hand„seinen" Theil des Produkts. Der Prozeß der Ausbeutung scheint sich ganz freiwillig abzuwickeln. Kapitalist und Arbeiter stehen sich bürgerlich gleich gegenüber. Die Ausbeutung streift ihren persönlichen und gewaltsamen Charakter ab und zeigt sich als das, was sie ist, nämlich als gesellschaftliches Verhältniß. Dadurch tritt klar in Erscheinung, daß der Klassenkampf kein Kampf gegen einzelne Personen und kein lokaler Kampf ist, sondern ein allgemein gesellschaftlicher, ein politischer Kampf. Die Herrschaft des Kapitals, bedingt durch das Privateigenthum an den Produktionsmitteln, wird unterstützt durch die Konkurrenz der Arbeiter untereinander. Aber eben diese Konkurrenz, welche die Arbeiter machtlos unter das Joch des Kapitals beugt, lehrt sie die Gleichartigkeit ihrer Lage erkennen, erweckt ihr Solidaritätsgefühl, schaart sie zu Kampsesorganisationen zusannnen. Die Großindustrie befördert diese Organisirung, indem sie Hunderte, Tausende von Arbeiter» in der einzelnen Fabrik zusammenhält. Die Maschinerie vernichtet die Unterschiede und Gruppirungen, die das handwerksmäßige Anlernen, die Verschiedenheit der Produktionsarten unter den Arbeitern erzeugten, und bildet unterschiedslose, gleichartige Arbeitermassen, die gleich ausgebeutet sind. Der Zunftgeist verschwindet, um ersetzt zu werden durch das proletarische Solidaritälsgefühl. Schließlich führt die Konzentration der Produktion in den Städten kolossale Proletariermassen an einem Ort zusammen. Währenddem die kapitalistische Produktion auf diese Weise die gesammte Gesellschaft aufrüttelt, die überkommene Trägheit schonungslos vernichtet, die Menschen in Bewegung setzt und die Prolelarier- massen organisirt, schafft sie auf der anderen Seite ein neues Verhältniß zwischen Staat und Gesellschaft. Der moderne Staat ist entstanden aus dem Kampfe des Bürger thums gegen Adelsherrschast und absolute Monarchie, wobei die Arbeiter die Revolutionsarmee bildeten. Schon ans diesem Grunde mußte der Arbeiterklasse eine Antheilnahme a» der Staatsverwaltung zugestanden werden. Das Bürgerthum, die Bourgeoisie, darf aber überhaupt mit der Kapitalistenklasse nicht identifizirt(als gleichbedeutend betrachtet) wer den. Es enthält i» sich Elemente, wie das Kleinbiirgerlhum, deren Interessen jenen der Kapitalistenklasse entgegengesetzt sind. Die Kapitalistenklasse selbst kann die politische Herrschaft nur dann ausübe», wenn sie durch andere Gesellschaftsschichteu unterstützt wird. Andernfalls müßte sie trotz ihres finanziellen Einflusses in die Gewalt eines militärischen Absolutismus, des Zäsarismus, falle». Die Kapitalistenklasse Rußlands gelaugt deshalb nicht zur politischen Herrschast, weil sie aus Angst vor dem Sozialismus es bis jetzt nicht wagte, die Arbeitermassen in den politischen Kampf zu führen. Schließlich ist innerhalb der Kapitalistenklasse selbst eine große Spaltung vorhanden in Industrielle und Großgrundbesitzer. Der Interessengegensatz dieser beiden Ausbeutergruppen führt zu politischen Kämpfen, bei denen die Einen wie die Anderen sich auf die Volksmassen zu stützen bestrebt sind. Wie diese Kämpfe von der Arbeiterklasse ausgenützt werden können, zeigt die politische Geschichte Englands. Der Ausdruck dieser nichts weniger als einfachen Verhältnisse ist Ihrem Kongreß kommen konnte... ja, meine Herren"— das kleine Geschöpf wollte eine leidende Miene annehmen, blähte sich aber dabei in geheimem Stolz so auf, daß einem ganz übel werden konnte—, „glauben Sie denn, daß so überbürdete Leute, wie ich, sich frei machen können, wann sie es gerade möchten? Sie können sich nicht vorstellen, wie viel ich zu thun habe! Ueberall muß ich sein, überall braucht mau mich— ich darf es wohl sagen, ohne mir zu schmeicheln, daß ich mich trotz meiner undankbaren geheimen Thätigkeit so ziemlich für die wichtigste staatserhaltende Persönlichkeit im Deutschen Reiche halten kann." Ein Blitz zerriß das Dunkel in meinem Hirn. Die deutsche Aussprache des Französischen, der germanische Typus, nur ins Teuflische übersetzt, und alte Erinnerungen— all das hatte mich nicht getäuscht: es war wirklich und wahrhaftig das heimathliche Sozialislengesetzteufelchen, das vor vier Jahren sanft gestorben sein sollte. „Aber warum treten Sie denn nicht öffentlich auf?"— „Warum erschweren Sie sich Ihre Wirksamkeit durch solche Heimlichkeiten?" schrie es wieder aus der Horde zu dem Sozialistengesetzteufelchen hinauf. „Meine Herren!" antwortete dieses mit unnachahmlicher Würde. „Meine Herren! Sie scheinen nicht auf der Höhe der Situation zu stehen! Glauben Sie, daß wir uns in Deutschland nur in alten, ausgefahrenen Geleisen bewegen können? Ich war nun einmal in den Augen zu Vieler mit einem Odium behastet— darum mußte ich von der öffentlichen Arena verschwinden; mein Wesen aber war gut und unentbehrlich— darum mußte es im Geheimen erhalten bleiben. Die deutschstaatliche Göttin Gerechtigkeit ist durchaus nicht festgewachsen auf ihrem Sessel. Sie läßt sich sehr bequem in gewissen Füllen mit einer täuschend ähnlichen hohlen Puppe vertauschen, und in diese Puppe, meine Herren, krieche ich." Beifallsgemurmel in der Horde. „Meine Herren! Selbstlosigkeit im Interesse einer Idee ist auch für einen Teufel eine schöne Sache! Sehen Sie mich au! Auf den Ruhm vor der Welt habe ich verzichtet, um im Geheimen, anfangs seltener, heimlicher, vorsichtiger, jetzt immer häusiger, offener, kühner, für die Idee, der wir Alle dienen, desto nachdrücklicher und gründlicher wirken zu können." Erneutes und verstärktes Beifallsgemurmel in der Horde. „Und wollen Sie das Zauberwort kennen, dem ich meine Erfolge verdanke?" fuhr das Sozialistengesetzteufelchen, immer begeisterter von der allgemeinen Zustimmung, fort.„Es heißt Gesetzesdeutung, Gesetzesauslegung. Ein Wort, meine Herren, ist eben kein festes, hartes Ding und sonderlich nicht in Strafgesetzbüchern; es läßt sich drehen und wenden und von verschiedenen Seiten betrachten, es läßt �ich recken und zerren und zu wundersamen Gestalten forme». Und eine Folge von Worten läßt zwischen diesen so viele Räume und Falten, daß ein Heer von Kombinationen in ihnen Platz finden kann— immer vorausgesetzt, daß der»öthige Scharfsinn und Verstand bei der Behandlung solch zarter Angelegenheiten obwaltet." Das Teufelchen blähte sich wieder erschrecklich und warf sich in die Brust.„Zum Beispiel, meine Herren, was ist.grober Unfug'? .Grober Unfug' ist einfach Alles, was man in dem Ausdruck finden will. Der.grobe Unfugsparagraph' ist ein Sack von so fabelhafter Elastizität, daß alle Lumpenhändler der Welt ihre alten Lumpen hineinbekämen, ohne daß er platzte. Oder, um ein anderes Beispiel anzuführen, was verstehen Sie unter einem Boykott? Nichts weiter als eine Verrufserklärung von Waaren gewisser Verkäufer, meinen Sie, die als solche nicht strafbar ist? O nein, meine Herren! Ich will Ihnen sagen, was ein Boykott nicht Alles sein kann!" Tie Miene des Sprechers wurde unbeschreiblich schlau.„Ein Boykott kann sei»— zum Beispiel eine.Erpressung', die unter 8 153 des deutschen Reichsstrafgesetzbuches fällt." Weiter kam er nicht. Das Beifallsgemurmel unter der Horde war gegen den Schluß der Rede immer häufiger und lauter geworden; jetzt erhob sich aber ein solches Freudengeheul, daß an eine Fortsetzung derselben nicht mehr zu denken war. Einige der Teufelchen wälzten sich vor Vergnügen johlend auf dem Rücken und strampelten mit den Beinen, andere machten die wahnsinnigsten Luftsprünge, wieder andere baumelten sich an herabhängende Baumzweige, die Begeistertsten aber hoben das Sozialistengesetzleufelchen auf das Wappenschild des Deutschen Reiches und rannten mit ihm im Triumph auf der Wiese herum. Endlich sprang eines auf den Rednerbaumstumpf und gellte: „Meine Herren! Ich beantrage folgende Resolution:.Der Fünf- der moderne Repräsentativstaat. Er ist wohl das Werkzeug der Kapitalistenklasse, aber nicht ihr ausschließliches Herrschaftsgebiet. Er eröffnet die Möglichkeit anderer Einflüsse als die des Ausbeuterthums und führt sogar hie und da andere Gesellschaftsschichten zur zeitweiligen Herrschaft. Das Wichtigste aber ist, daß er die politische Bethätigung der ausgebeuteten Klasse ermöglicht. Zwar bleibt der Staat noch immer eine Maschinerie zur Unterdrückung der Ausgebeuteten, aber die Bedingungen sind geschaffen, unter denen er den Charakter als solche verlieren muß. Dies ge= schieht in dem Augenblick, wo das Proletariat die politische Macht ergreift. Die Politik in der kapitalistischen Gesellschaft nahm einen anderen Charakter an. Die Betheiligung der Massen am öffentlichen Leben erforderte besondere politische Ausdrucksmittel. Ein solches Ausdrucksmittel war vom demokratischen Alterthum überliefert worden, aber längst außer Gebrauch gekommen, es waren die Volksversammlungen, die jetzt zu neuer, gewaltigeren Entfaltung gelangten. Ein zweites Mittel schuf die Industrie im Zeitungswesen, in der politi schen Presse. Volksversammlungen und Zeitungen wurden in Folge ihres Einflusses auf die öffentliche Meinung neben der parlamentarischen Vertretung zu politischen Machtfaktoren. Wie der Staat, so änderte sich auch das Wesen der Armee. Und dies nach zwei Richtungen hin. Erstens ward die privilegirte Stellung des Adels, der die gesammte Oberleitung des Heeres monopolisirte, vernichtet, und die Söldnerheere wurden ersetzt durch Armeen nicht berufsmäßiger Soldaten, die man auf Grund der allgemeinen Wehrpflicht zum Dienſt heranzog. Die allgemeine Wehrpflicht ist, abgesehen von anderen Gründen, zu einer finanziellen Nothwendigkeit geworden. Die Erhaltung der kolossalen Armeen, wie sie die moderne Kriegsführung schafft und braucht, würde andernfalls unerschwingliche Summen erheischen. So kostet z. B. der Unterhalt des englischen Söldnerheeres, das zweiundeinhalbmal kleiner ist als die deutsche Armee, um ein Fünftel mehr als der Unterhalt dieser. Die allgemeine Wehrpflicht ist aber die Brücke, die vom Volk zum Militär hinüberführt. Und je weitere Kreise der Bevölkerung in das politische Leben hineingezogen werden, desto schwieriger wird es, das Rekrutenmaterial zu einem willfährigen Werkzeug der Volksbedrückung heranzubilden. Zweitens wurde die Armee durch das Steuerbewilligungsrecht unter die Botmäßigkeit der Volksvertretung gestellt. Aus einem undsiebzigste Internationale Kongreß aller christlich- staatlichen und polizeibehördlichen Gesetzes- und Dekretteufelchen spricht den Pflegern deutscher Gerechtigkeit von der Maas bis an die Memel seine vorzügliche Hochachtung und Anerkennung aus und ermuntert sie, auf dem eingeschlagenen Wege unbeirrt fortzufahren zum Heil und Segen aller staatserhaltenden Elemente.'. Herr Präsident, wollen Sie gefälligst diese Resolution zur Abstimmung bringen!" 158 Fürstenheere von Kriegsknechten wurde die Armee zur Voltseinrichtung. Durch die Produktionsentwicklung wird die revolutionäre Armee des Proletariats organisirt, aufgeklärt und in den politischen Kampf geführt. Aber diese Entwicklung selbst kennt in der kapitalistischen Gesellschaft weder Ruhe noch Halt. Immer wieder werden die Produktionsbedingungen geändert, die Produktivkräfte höher gespannt, noch folossalere Reichthümer geschaffen. Gleichzeitig bewirken die Konkurrenz und ihre Begleiterscheinung, die Krisen, eine immer schärfere Scheidung der Gesellschaft in Ausbeuter und Ausgebeutete. Das Bauernthum und das Kleingewerbe werden ruinirt und ins Proletariat gestoßen oder wenigstens gezwungen, am Rande des Untergangs sich der revolutionären Armee der Ausgebeuteten anzuschließen. Die Kapitalistenklasse verliert jeden Halt in der Gesellschaft. Die Volksschichten, auf die sie sich stützte, wenden sich gegen sie, und es bleibt ihr nur der feige Troß gekaufter Knechte, der stets bereit ist, im Augenblick der Gefahr Verrath zu üben. Der Kapitalistenklasse gegenüber aber steht die geschulte und disziplinirte Armee der sozialen Revolution, die lawinenartig anwächst und durch die gemeinsame Unterdrückung fest zusammengeschmiedet wird. Die ausgebeutete Klasse sämmtlicher anderer Gesellschaftsformen konnte der organisirten Staatsmacht nur desorganisirte Massen entgegensetzen, die kapitalistische Entwicklung dagegen bedingt ein festes Zusammenschließen der Ausgebeuteten und macht gleichzeitig die Staatsgewalt immer mehr abhängig vom Volfe. Was bedeuten angesichts dieser Entwicklung die Repressalien aller Art, welche die Kapitalistenklasse, so lange sie noch den Staat beherrscht, gegen das organisirte Proletariat in Anwendung bringt? Einkerkerung und Geldstrafen halten das Rad der Geschichte ebenso wenig auf, wie es Tortur und Galgen zu thun vermochten. Die Produktionsentwicklung beherrscht die Gesellschaft, und die Produktionsentwicklung führt zur Herrschaft des Proletariats. Und wenn Krummstab, Geldsack und Polizeisäbel sich verbündet gegen den geschichtlichen Fortschritt stemmen, so werden sie unfehlbar zermalmt, wie Glassplitter unter dem wuchtigen Schlage des Dampfhammers zerstieben. Wald und Wiese mit mir zu tanzen begannen und ich mich an einen Baum flammern mußte, um nicht umzufallen. Nur wie aus weiter Ferne hörte ich noch reden- ich glaube, der Präsident bestimmte den Ort des nächsten Kongresses-, und erst ein dreifaches gellendes Hochgegröhle ich glaube auf die vorhin erwähnten diversen erlauchten Landesherren und Staatsoberhäupter ermunterte mich so weit, daß ich sie eben Alle noch mit flatternden " Meine Herren!" sprach darauf der Präsident.„ Wer für diese Rockschößen und Schwänzen und den Fahnen und Wappenschildern Resolution ist, den bitte ich, ein Bein zu erheben!" Im Nu lag Alles auf dem Rücken, und ein Wald magerer Beine ragte in die Luft auf. „ Einstimmig angenommen! Ich danke Ihnen, meine Herren!" Die Beine verschwanden mit derselben Plöglichkeit. Und da sah ich sie zusammenstehen und sich die Klauen schütteln, das heimathliche Sozialistengesetzteufelchen und die Anarchistengesetzteufelchen von Frankreich und Italien, ihren schwächlicheren und schüchternen Bruder aus der Schweiz am Arme mit sich ziehend. ,, Endlich habe ich das Vergnügen Ihrer persönlichen Bekanntschaft!"" Wir sind entzückt über diese unerwartete Begegnung!" tönte es hinüber und herüber unter Krazfüßen und Körperverrenfungen. ,, Oft habe ich mit Bewunderung und Neid zu Ihnen aufgeblickt!" schrie das heimathliche Teufelchen in Efstase dem aus Italien zu. Sie dürfen sich mit Höherem abgeben wie ich, Blut und Thränen bezeichnen Ihre Spuren, während mein Feld mehr das der kleinlich aufreibenden Quälereien und Nörgeleien ist. Wahrhaftig, ich beneide Sie!" ,, Sprechen Sie nicht so, verehrter Kollege!" schrie das italienische Teufelchen noch lauter in einem vollkommenen Begeisterungsrausch. " Ihnen gehört die Zukunft nein- Dir gehört sie! Fort mit dem trennenden, Sie! Bruder, wir fühlen es tief im Innern: wir sind nichts anderes als Du! Freundschaft fürs ganze Leben! In unsere Arme, Bruder!" Die vier Teufelchen sanken sich in die Arme und füßten sich, daß es klang wie plagende Bomben. Dann vollführten sie zur Besiegelung der Freundschaft unter dem Höllenlärm und Gejohle der Umstehenden einen Cancan von so wüsten Gliederverzerrungen, daß ihrer Länder in den Lüften auseinanderstieben sah, wobei ein brenzlicher Schwefelgeruch die ganze Luft erfüllte. Vollkommen erschöpft und betäubt war ich ins Gras gesunken. In den Wipfeln der umstehenden Bäume aber erhob sich ein solches Rauschen und Schütteln, daß ich fest überzeugt bin, es entsprach dem menschlischen Räuspern, Husten und Niesen. " „ Pfui Teufel, der Gestank!" prustete es endlich von einer verbogenen Kiefer herunter. Was für Gesindel man unter sich herumfrauchen lassen muß!" hörte ich verächtlich eine stolze Eiche äußern, und die schlanke Birke nebenan begnügte sich mit Seufzen. Die fleinen Glockenblumen von unten wimmerten aber jämmerlich, daß sie in dem Schwefelgeruch nicht athmen könnten und am Ersticken wären. Was Kuckuck, ist denn da Niemand zum Lüften und Reinmachen?" rief die verbogene Kiefer ärgerlich in den Wald hinein. Wo hat sich das Elfen- und Koboldgesindel denn hinverkrochen?" Aber da war es schon, das Gesindel, mit Besen aus Mondstrahlen und Blättergefäßchen voll Thau, und versicherte, daß der Sonnenaufgangswind zum Lüften gleich hinterherkäme. Das war eine Geschäftigkeit! Und bald waren alle Spuren der schwefligen Teufelsgesellschaft rein wie weggewischt. " Gras, Blumen und Bäume wuschen sich und schimmerten in Thautropfen, und ein frischer Morgenwind strich über meine heiße Stirne. Was weiter noch geschah, weiß ich nicht mehr zu sagen- ich war fest eingeschlafen. Erst am späten Morgen erwachte ich mit feuchten Kleidern, schwerem Kopf und Reißen in allen Gliedern und eilte schleunigst zur Stadt zurück, um die vierjährige Aufhebung des Sozialistengesetzes zu feiern. R. C. Erst die Knebelung, dann die Plünderung. Als zins und tributpflichtige Herde haben die Reichen die Armen von jeher betrachtet, als zins und tributpflichtige Herde, durch„ göttliche",„ sittliche" oder„ natürliche" Ordnung dazu bestimmt, als werthschaffende Kräfte ihre Muskeln und Nerven für die Besitzenden in Gold umzumünzen und als Steuerzahler von ihrer Dürftigkeit für den Löwenantheil der gesellschaftlichen Lasten aufzukommen. Dem entsprechend verfolgte auch die politische Knebelung des deutschen Proletariats durch das Sozialistengesetz einen doppelten wirthschaftlichen Zweck. Sie sollte das werkthätige Volt in der vollkommenſten Lohnknechtschaft erhalten, und sie sollte die Wege für eine neue Handels- und Wirthschaftspolitik ebnen, welche durch indirekte Steuern und Zölle auf Kosten des armen Michels die Taschen des Fiskus füllte und den Reichthum der Reichen mehrte. Der Milliardensegen, den der Ausgang des Krieges von 1870/71 Deutschland gebracht hatte, war verflogen. Er war im buchstäblichsten Sinne des Wortes verpulvert, für Militärzwecke verausgabt worden. Der Riesenappetit des Ungeheuers Militarismus aber war noch nicht befriedigt, und in den Kassen des Reichs herrschte gähnende Leere. Da sollte und mußte geholfen werden, denn die kapitalistische Klasse bedarf des herrlichen Kriegsheeres zum Schutz ihrer Geldsacksinteressen im Auslande und vor allem zur Niederhaltung und eventuell Niederkartätschung des„ inneren Feindes". Und es sollte und mußte ge= holfen werden auf Rechnung des„ süßen Pöbels", des kleinen Mannes, der zum Steuerzahlen und Maulhalten noch immer gut genug befunden worden ist. Festeres Anziehen der indirekten Steuerschraube war also Ende der siebenziger Jahre die Losung, denn die künstliche Vertheuerung der nothwendigsten Lebensbedürfnisse hat sich noch immer als das ausgiebigste Mittel erwiesen, dem Fiskus zu vollen Kassen zu verhelfen, ohne daß die Reichen in den wohlgespickten Säckel zu greifen brauchen. Aber auch nach einer neuen Zollpolitik machte sich zu Nutz und Frommen des Prozenthums das„ dringende Bedürfniß" geltend. Die 1873 ausgebrochene Krise lastete schwer auf der deutschen Industrie und wollte keinem Aufschwung der Geschäfte weichen. In ihrer kapitalistischen Befangenheit erblickte die Bourgeoisie die Ursache derselben einzig und allein in der Konkurrenz des Auslands. Immer lauter verlangten die Industriegewaltigen unter der heuchlerischen Deckmarke„ Schutz der nationalen Industrie" hohe Zölle auf Erzeugnisse der ausländischen Industrie. Schutz der nationalen Industrie, das hieß nichts anderes als Ellbogenfreiheit für die Schlotjunker, die Preise ihrer Waaren auf dem inländischen Markte in die Höhe treiben und in der Folge auf Kosten der Masse der theuren vaterländischen Konsumenten fette Profite einsäckeln zu können. Zu den zu plündernden Konsumenten gehörten auch die Herren Agrarier, und deshalb wandelte Ende der siebziger Jahre das ab- und schloßgesessene Junkerthum in trauter Gemeinschaft mit den manchesterlichen Heißspornen des Freihandels auf dem Kriegspfad gegen die Schutzölle. Regierung und Industriefürsten kannten jedoch ihre Pappenheimer. Sie wußten, daß die Jhenplitz und Rökerit ihr schutzöllnerisches Herz entdecken würden, sobald man nur den entsprechenden Preis für diese Entdeckung zahlte. Er war nicht schwer zu finden, er hieß landwirthschaftliche Schutzzölle für industrielle Schutzölle. Schutzölle auf die Erzeugnisse der ausländischen Landwirthschaft schrauben die Preise für die inländischen landwirthschaftlichen Produkte in die Höhe, erlaubten also den Agrargewaltigen, den lieblichen Gepflogenheiten ihrer erlauchten raubritterlichen Ahnen und dem Beispiel der Bourgeoisie getreu, den Beutel durch Brandschaßung der Menge zu füllen. Die Masse des deutschen Volks verspürte begreiflich genug keine Neigung, sich durch Zustandekommen des Schachers und durch schärfere indirekte Besteuerung das Fell über die Ohren ziehen zu lassen. Sollte für Ochsengrafen und Fabrikbarone der Rebbach flüssig werden, so galt es deshalb vorher den kleinen Mann einzuschüchtern, beziehungsweise seine Aufmerksamkeit von der geplanten Räuberei abzulenken, so galt es vor Allem, vorher den energischsten und klarsten Theil des arbeitenden Volts, die Arbeiterschaft, mundtodt zu machen, seine politische Aktion lahmzulegen. Diese Aufgabe erfüllte das Ausnahmegesetz. Es schwenkte vor den Augen der Kleinbauern und Kleinbürger so lange den rothen Lappen, bis diese aus heller Furcht vor dem umstürzlerischen Wauwau die Faust nicht erblickten, die raffgierig in ihren Beutel zu fassen sich anschickte, daß sie vor schlotternder Angst, den Reichsfeinden beigezählt zu werden, nicht zu mucksen wagten, als diese Faust wirklich derb zugriff. Die vergewaltigte Arbeiterklasse aber konnte ihre Stimme nicht zum Protest erheben, sie konnte nicht handeln. Kaum, daß das Sozialistengesetz in Kraft getreten war, begann unter der verständnißinnigen Führung Bismarck's die sogenannte 159 ,, Reform" der deutschen Handels- und Wirthschaftspolitik, d. h. ein ohnegleichen unverschämter, teuflisch- raffinirter Beutezug gegen den Beutel des kleinen Mannes. Schutzzoll folgte auf Schutzzoll, indirekte Steuer auf indirekte Steuer, und die bereits eristirenden Zölle und Steuern wurden höher, immer höher geschraubt. Bismarck hatte bereits 1875 mit dem ihm eigenen Zynismus erklärt, daß er die Zeit kaum erwarten könne, wo Tabak, Bier, Branntwein, Zucker, Petroleum, furz, alle großen Verzehrungsgegenstände, gewissermaßen die Luxusgegenstände der großen Masse, mehr steuerten." Sein Ideal fand nun seine Verwirklichung. Das Jahr 1879 brachte die Getreidezölle, die 1885 und 1887 erhöht wurden, sich seit letzterem Jahre bis zu den Handelsverträgen mit Desterreich, beziehungsweise Rußland per Doppelzentner Roggen auf 5 Mt. stellten. Holz und Petroleum ward steuerpflichtig, der Zoll, der auf dem ausländischen Tabak, die Steuer, die auf dem inländischen lastete, erfuhren eine Erhöhung. Neue Reichsstempelsteuern traten in Kraft. Eine große Anzahl der wichtigsten Nahrungs- und Genußmittel, wie Reis, Kaffee, Käse, Schmalz, Butter, Eier, Heringe 2c. wurden, soweit sie aus dem Auslande kamen, mit hohen Zöllen belegt, Branntwein und Zucker mußten mehr steuern 2c. 2c. Riesensummen flossen in die Kassen des deutschen Reichs, um dem nimmersatten Militarismus geopfert zu werden. 1874/75 hatte das Reich aus Zöllen und Verbrauchsabgaben ( Zucker, Salz, Kaffee, Branntwein 2c. 2c.) eine Netto- Einnahme von 248,4 Millionen Mart, 1892/93 belief sich dieselbe auf 756 Millionen. Den Netto- Einnahmen des Reiches müssen noch 54 Millionen Mark für Erhebungskosten zugerechnet werden, welche die Einzelstaaten jährlich von dem Zoll- und Steuerertrage in Abzug bringen, so daß also dem deutschen Volk in dem Etatsjahr 1891/93 rund 810 Millionen abgeknöpft worden sind. Rechnet man für Deutschland eine Durchschnittsbevölkerung von 46 Millionen, so hat die 5 köpfige Familie zu dieser Summe durchschnittlich fast 90 Mark beitragen müssen. 90 Mark, das ist ein ganzes Kapital für die Familien, die weniger als 900 Mark Jahreseinkommen besitzen, also für die große Mehrzahl der proletarischen Haushaltungen. Nach der Einkommenseinschätzung haben 3. B. in Preußen 21 Millionen Personen oder 70 Prozent der Bevölkerung ein Einkommen unter 900 Mark, und in Sachsen stellte sich 1890 das jährliche Einkommen von 5,4 Prozent der Steuerpflichtigen unter 300 Mark und das von 62 Prozent derselben auf 300 bis 800 Mark! Mit diesem Tribut, den die Habenichtse von ihrem Hunger, ihrem Elend aufbringen müssen, damit die Reichen ihren Ueberfluß nicht anzutasten brauchen, sind die Segnungen der deutschen Handelsund Wirthschaftspolitik noch nicht erschöpft. Zölle auf ausländische Erzeugnisse der Industrie und Landwirthschaft erlauben den inländischen Produzenten der nämlichen Waaren ,, auf Preise zu halten." Sie verhindern eine Verbilligung der betreffenden Artikel durch die ausländische Konkurrenz oder führen direkt zu ihrer Vertheuerung. Unter gewissen Voraussetzungen treiben sie sogar den Preis derselben um den ganzen Betrag des Zolls in die Höhe, der auf den ausländischen Produkten zum Schutze" liegt. Dies gilt für Getreide, Mehl, Brot, Schmalz, Butter, Fleisch 2c., kurz eine ganze Reihe der nothwendigsten Gebrauchsartikel. So lange z. B. der Doppelzentner des ausländischen Roggens durch den Zoll um 5 Mark vertheuert wurde, mußte auch der ärmste Mann das Pfund Brot um zwei Pfennig theurer bezahlen, als es ohne den Zoll der Fall gewesen wäre. So hat das deutsche Volk im Jahre 1891 nicht blos an den Staat an Zoll für ausländische Brotfrucht 110 Millionen abladen müssen, es hat auch für vertheuertes inländisches Brotgetreide beziehungsweise Brot eine Mehrausgabe von 460 Millionen Mark gehabt. Der Getreidezoll hat also im Laufe der Jahre der deutschen Nation Tausende von Millionen Mark aus der Tasche genommen, Tausende von Millionen Mark, die zum größten Theil von den Armen und Aermsten aufgebracht werden mußten, denn diese verzehren bekanntlich das meiste Brot, für sie ist Brot der„ Stab des Lebens", das Hauptnahrungsmittel! Tausende von Millionen Mark, die zum weitaus größten Theil den Reichen und Reichsten zugeflossen sind, denn bekanntlich und eingestandenermaßen kommen Getreidezölle und hohe Getreidepreise nicht den kleinen Landwirthen zugute, vielmehr nur den Agrargewaltigen! Die werkthätige Masse wurde von der„ Fürsorge des Reiches" dem Hunger überantwortet, damit eine Handvoll proziger Krautjunker, standesgemäß" zechen, schlemmen, dem Sport und Maitressen huldigen und mit irgend einem„ ollen ehrlichen Seemann" ihr Spielchen machen konnten. Mit dem Agrarierthum in holdem Verein wucherten die großen Fabrikanten in Folge der„ Reform" der Handels- und Wirthschaftspolitik in schmachvollster Weise das Volk aus. Denn auch die meisten ihrer Waaren konnten sie ja Dank der Wirkung der gebenedeieten Schutzzölle mehr oder weniger theurer verkaufen. Die Herren haben die Möglichkeit ausgenutzt, daß der Masse die Augen über Nr. 21 der ,, Gleichheit" gelangt am 17. Oktober 1894 zur Ausgabe.. gegangen und vielfach auch aufgegangen sind. Kaum einer der Ge brauchsartikel, deren auch die armseligste Haushaltung nicht entrathen kann, der nicht eine Preissteigerung erfahren hätte. Seit dem Beginn der Aera der Schutzzölle ist derart die breite Masse der Konsumenten von dem großen Unternehmerthum um Milliarden über Milliarden geprellt worden. Welche Riesenprofite dieses Dank der Schutzzollpolitik geschluckt hat, wird durch eine Thatsache beleuchtet. Die Industriefürsten verkauften vielfach in echt patriotischer Meinungstüchtigkeit an Erbfeinde und Erbfreunde im Auslande zu sehr niedrigen Preisen, ja zu Schleuderpreisen die nämlichen Waaren, die sie sich von den Stammesgenossen im theuren Vaterland über die Hutschnur theuer bezahlen ließen. Die im Schatten der reformirten Zoll- und Steuerpolitik an dem werkthätigen Volfe Deutschlands verübte Ausplünderung kann sich kühnlich an Niedertracht und Umfang jedem Panamaſchwindel zur Seite stellen. Und trotz alledem hatte die Beutegier der Besitzenden noch nicht genug. Ihr Staat mußte ihnen noch aus der Börse der Steuerzahler Millionengeschenke zuweisen. Der nämliche Staat, der einer armen Näherin die Maschine wegen rückständiger Steuern pfänden läßt, ließ eine Fülle von Gaben auf Rittergutsbesitzer und Großindustrielle niederregnen. Den Rüben- und Zuckerbaronen warf er in Gestalt der Ausfuhrprämien von 1871 bis 1893 rund 481 Millionen in den Schooß, den großen Schnapsbrennern überreicht er seit 1887 jährlich 40 Millionen, anläßlich der Ermäßigung des Getreidezolls um 1 Mark 50 Pfennig erhielten die maulenden Junker in Gestalt der Aufhebung des Identitätsnachweises und der Staffel Tarife riesige Summen bescheert, den preußischen Großgrundbesitzern wurden durch die vorgebliche Reform der Grundsteuer gegen 40 Millionen geschenkt. Die Masse des Volks aber muß die Zeche für die klassenstaatliche Freigebigkeit zahlen, sie muß sie zahlen im Namen des Gesetzes und Rechts", ganz gleich, ob sich in der Folge ihre Dürftigkeit zur Bettelarmuth steigert, ganz gleich, ob ihr dadurch der trockene Bissen Brot geschmälert wird. Sie muß sie zahlen, denn der Staat hat die Aufgabe, die Reichen reicher zu machen, ohne Rücksicht darauf, daß auf der anderen Seite die Armen immer ärmer werden. " Die Frau des Volks, sie, die in der Familie den Tisch deckt, sie, die mit dem färglichen Einkommen haushalten muß, das der Mann heimbringt, und das sie selbst erarbeitet, sie hat am schwersten unter der raffinirten Handels- und Wirthschaftspolitik der letzten 15 Jahre gelitten. Die geschaffene künstliche Vertheuerung aller Lebensbedürf= nisse hat ihre Sorgen gesteigert, ihre Leiden vermehrt, sie zu Entbehrungen verurtheilt, sie was noch schwerer wiegt zum Zeugen der Entbehrungen ihrer Kinder, ihres Mannes gemacht. Theureres Brot, das bedeutet ja für die unbemittelte und arme Familie weniger Brot, theurere Lebensbedürfnisse, das bedeutet für sie ein Weniger an Genuß, an Lebensfreude, sogar am Nothwendigsten. Dort, wo bisher die Frau mit Schmalhans als Küchenmeister zusammen wirth schaften mußte, da setzte sich in Folge der Theuerung aller Produkte die Sorge an den Herd, da kam die Noth, löschte das Feuer, leerte Töpfe und Schüsseln, Kisten und Kasten, und zeigte den Weg zum Pfandhaus. Wenn die Frauen der werkthätigen Masse heute mit einem Fluch des Sozialistengesetzes und seiner Wirkungen gedenken, so werden sie sich deshalb auch der wirthschaftlichen Folgen erinnern, welche die politische Knebelung des deutschen Proletariats auf dem Gebiete der Handels- und Wirthschaftspolitik zeitigte, so werden sie nicht vergessen, daß der Klassenstaat der Arbeiterklasse einen Maulforb anlegte, um Millionäre züchten zu können, unbekümmert darum, daß er andererseits Bettler schaffte. Schlag um Schlag. Alter Kurs- neuer Kurs. Vom 28. Ottober 1878 bis 28. Oftober 1888 verhängte der Klassenstaat über zielbewußte Proletarier 611 Jahre 6 Monate 23 Tage Strafhaft und 119 Jahre 5 Monate 13 Tage Untersuchungshaft, zusammen also 831 Jahre 6 Tage Freiheitsentziehung. Nach dem Bericht des Parteivorstandes auf dem Hallenser Parteitag belief sich das Gesammtmaß der unter den zwölf Jahren Ausnahmegesetz zuerkannten Freiheitsstrafen auf 1000 Jahre, pro Jahr also durchschnittlich auf über 87 Jahre. Unter dem„ milden" neuen Kurs züchtigte die Klassenjustiz die Gegner der tapitalistischen Gesellschaft mit 18 262,30 Mt. Geldstrafen 20 532,10 1890,91: 87 J. 6 M. 28 T. Freiheitsstrafen 1891/92: 80 2 " " 1 " 1 " " 26 Gefängniß 36 10 " " 1 " Zuchthaus 117 J. 26 T. Freiheitsentziehung 1892 93: 63 7 " 1 " " 26 Gefängniß 86 J. 8 M. 26 T. 23 1 " " 1 " Zuchthaus Freiheitsentziehung Sa. 2913.4 M. 20 T. Freiheitsstrafen. 31 937,80" 70732,20 Mt. Geldstrafen " Auf den Jahresdurchschnitt fallen also hier etwas über 93 Jahre 160 | Freiheitsstrafen. Wie man sieht, thut die Klassenjustiz auch auf Grund des, gemeinen Rechts" ihre Schuldigkeit. Und das Proletariat? Es gab 1878: 437 158 sozialdemokratische Stimmen ab, 1890: 1427 323; 1893: 1786 738. Das deutsche Proletariat pfeift auf den neuen Kurs, wie es auf den alten Kurs gepfiffen hat. Nicht vergessen hat das deutsche Proletariat, daß auf Grund des kleinen Belagerungszustandes aus Berlin, Hamburg, Leipzig, Frankfurt a. M., Stettin und Spremberg zusammen 893 Personen ausgewiesen worden sind, darunter 504 Familienväter, welche für 973 Kinder zu sorgen hatten. 162 der Betroffenen wurden wiederholt ausgewiesen. Zur höheren Feier des Festes der christlichen Liebe erhielten bekanntlich die Frankfurter Ausgewiesenen im Namen des christlichen Rechtsstaats gerade am Tage vor Weihnachten den Befehl zugestellt, der sie heimathlos machte. Die deutschen Arbeiter haben die einzig richtige Antwort auf die infamen Ausweisungen gegeben: im Reichstag ist gegenwärtig Berlin durch fünf, Hamburg durch drei, Frankfurt und Stettin durch je einen Sozialdemokraten vertreten, noch ein Ansturm und auch Leipzig wird von der Sozialdemokratie erobert und in Spremberg ist die Zahl der sozialdemokratischen Stimmen von 1242 im Jahre 1878 auf 6542 im Jahre 1893 gestiegen. Das Sozialistengesetz sollte die deutsche Arbeiterklasse wirthschaftlich dem Unternehmerthum widerstandslos ansliefern, deshalb wurden nach seinem Erlaß nicht blos 106 politische Vereine aufgelöst, sondern auch 17 gewerkschaftliche Zentralverbände mit Hunderten von Lokalmitgliedschaften und 78 lokale Gewerkschaftsorganisationen mit zusammen 49 055 Mitgliedern. Polizei und Richter thaten das Mögliche und Unmögliche, jede gewerkschaftliche Bewegung der deutschen Arbeiter zu ersticken, damit dem deutschen Prozenthum durch bessere Arbeitsbedingungen auch nicht ein Titelchen seiner Profite verloren ginge. Aber die gewerkschaftliche Bewegung der Arbeiter sproßt wie ihr politischer Kampf mit naturwüchsiger Kraft aus der Klassenlage des Proletariats empor. Allen Verfolgungen des Ausnahmegesetzes zum Trotz und allen Beschränfungen der Koalitionsfreiheit zum Trotz waren 1892 in 52 gewerkschaftlichen Organisationen 227 023 Mitglieder gruppirt. 1878 erschienen 15 Gewerkschaftsblätter, 1892 dagegen 55. Das deutsche Proletariat marschirt auf der ganzen Linie vorwärts! Als Zuchthausstaat in des Wortes ureigenster Bedeutung erwies sich der vielbesungene freie" bürgerliche Staat zur Zeit des Sozialistengesetzes. Ueber 300 Personen wurden in Prozessen wegen geheimer Verbindung zu Freiheitsstrafen verurtheilt, nahezu 1200 erlitten das gleiche Schicksal wegen Vergehen gegen die Bestimmungen des Sozialistengesetzes. Auf Grund oder in Folge des Ausnahmegesetzes wanderten rund 1500 Personen in die Gefängnisse, 1500 Personen, die nichts verbrochen hatten, als daß sie ihre politische Gesinnung bethätigten. Der Liebesmüh' umsonst. Beim Inkrafttreten des Sozialistengesetzes besaß die klassenbewußte Arbeiterbewegung in Deutschland 42 politische und 14 gewerkschaftliche Organe, die zusammen 160 000 bis 170 000 Abonnenten hatten. Sie waren zum großen Theil unter unsäglichen Opfern der Arbeiterschaft gegründet worden und fielen in kurzer Frist dem Ausnahmegesetze zum Opfer. Nach zwölfjähriger Herrschaft des Schandgesetzes verfügte die Arbeiterbewegung am 1. September 1890 über 60 politische und 41 gewerkschaftliche Organe, eine wissenschaftliche Zeitschrift, ein Unterhaltungsblatt und zwei Wizblätter, zusammen über 104 Organe mit rund 600 000 Abonnenten. 1893 erschienen in Deutschland 134 Organe, die auf dem Boden der modernen Arbeiterbewegung standen, nämlich 75 politische Zeitungen, 55 Gewerkschaftsblätter, eine wissenschaftliche Wochenschrift, ein Unterhaltungsblatt und zwei Wizzblätter. Die deutsche Arbeiterklasse kennt ihre Interessen und ihre Aufgaben und an der Vertheidigung der ersteren und der Erfüllung der letzteren läßt sie sich durch keine Gewaltmaßregeln hindern. Die Unwissenheit des Proletariats macht die Kapitalistenklasse fett, sagten sich die Väter des Schandgesetzes, und deshalb wurden während seiner zwölfjährigen Herrschaft rund 1400 Preßerzeugnisse verboten, nämlich 1200 nichtperiodische und 155 periodische Druckschriften. Die deutschen Arbeiter haben am 20. Februar 1890 gezeigt, daß sie trotz alledem gelernt haben, wo Bartel den Most holt, und am 15. Juni 1893 bestätigten sie so fräftig, daß sich die Herren Ausbeuter nicht mehr auf Die verlassen können, die nicht alle werden", daß der Kapitalistensippe der Schrecken in alle Glieder gefahren ist und daß sie nach einem Ausnahmegesetz winselt, um ihre Ohnmacht der sozialistischen Bewegung gegenüber noch einmal gründlich darthun zu können. Verantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zetkin( Eißner) in Stuttgart. Druck und Verlag vor J. H. W. Dieg in Stuttgart.