Nr. 21. Die Gleichheit. 4. Jahrgang. Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Herausgegeben von Emma Ihrer in Velten( Mark). Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nro. 2660) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf. Stuttgart Mittwoch, den 17. Oktober 1894. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Bum Parteitag der deutschen Sozialdemokratie. Der diesjährige Parteitag der deutschen Sozialdemokratie verspricht neben seinen Vorgängern von Halle und Erfurt der wichtigste und inhaltsvollste zu werden, den die Partei seit dem Fall des Sozialistengeseges abgehalten hat. Der Parteitag zu Halle schuf eine Organisation, welche sich allen Machenschaften der reattionären Gewalten zum Troß erfolgreich bewährt hat. Der Partei tag zu Erfurt gab der Sozialdemokratie ein Programm, das flipp und flar ihre Grundfäße und Forderungen formulirt und begründet, das wissenschaftlich unanfechtbar ihr als Polarstern auf dem Kriegspfad leuchtet. Gleichzeitig grenzte er nach links und nach rechts hin die Marschroute der Partei ab. Dem Parteitag in Frankfurt liegt eine nicht minder bedeutungsreiche Aufgabe ob. Er hat zu erörtern und zu beschließen über die Stellungnahme der Sozialdemokratie zur Agrarfrage", er soll die Taktik vorzeichnen, durch welche die Partei die breite Masse der ländlichen Bevölkerung für ihre Ziele zu gewinnen strebt. " Daß die deutsche Sozialdemokratie an diese Aufgabe herantritt, ist unstreitig ein Zeichen ihrer äußeren und inneren Kraft. Es konnte nicht früher geschehen, als bis sie in den breiten Schichten des industriellen Proletariats unausrottbar Wurzel geschlagen hatte, als bis ihre Reihen zielflar und gefestet zum Kampfe standen. Das ist der Fall, und fühlen Kopfs und fester Hand kann die Sozialdemokratie an das neue Werk gehen. Methodisch planvoll wird sie ihrem Heere neue Kämpferschaaren werben aus Schichten der Bevölkerung, welche ihm bisher nur vereinzelte Streiter stellten: aus dem ländlichen Proletariat, das durch seine Klassenlage zum Anschluß an die Sozialdemokratie mit Naturnothwendigkeit gezwungen ist; aus dem Kleinbauernthum, das mit dem fortschreitenden Gang der wirthschaftlichen Entwicklung mehr und mehr das Vertrauen zu den bürgerlichen Parteien und das Interesse an dem Fortbestand der heutigen Gesellschaftsordnung verliert, in der Sozialdemokratie die einzige Verfechterin seines Wohls erblickt, in der sozialistischen Gesellschaft die einzige Rettung aus Noth und Schuldknechtschaft. Was die wirthschaftlichen Verhältnisse in der Beziehung vorbereiten, muß die Sozialdemokratie durch bewußtes, kluges Eingreifen vollenden. Je näher auf wirthschaftlichem Gebiete die Verwirklichung ihres Endzieles rückt, und je mehr sich der von ihr angeführte Klassenkampf zuspißt zu einem Kampf um den Besitz der politischen Macht, um so bedeutsamer und nothwendiger ist es, daß die große Masse der ländlichen Bevölkerung Schulter an Schulter mit dem industriellen Proletariat im Lager der Sozialdemokratie steht. Denn angesichts des Umfangs dieser Masse in Deutschland fann gegen ihren Willen keine durchgreifende gesellschaftliche Umgestaltung vollzogen werden. Und behufs Vernichtung der Klassenherrschaft kann das Proletariat die politische Macht nur dann er= obern, wenn hinter ihm die große Zahl derer steht, deren Interessen sich im Gegensatz zu der kapitalistischen Wirthschaftsweise und der bürgerlichen Gesellschaftsordnung befinden, die nur durch die sozialistische Gesellschaft die Möglichkeit einer höheren, kulturwürdigen Lebensgestaltung zu erlangen vermögen. " Zuschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" find zu richten an Fr. Klara Zetkin( Eißner), Stuttgart, RothebühlStraße 147, IV. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. Ein anderer Grund noch spricht für die Dringlichkeit, Aufflärung über das Wesen des Sozialismus auf das Land zu tragen: die Rolle, welche dem Militär im Klassenkampf seitens der Befizenden zugedacht ist. Je höher der politische Einfluß steigt, den die Arbeiterklasse unter Führung der Sozialdemokratie mit dem Stimmzettel erobert, um so ausschließlicher erscheint der Kapitalistenklaffe der Militarismus als die ultima ratio ihrer Herrschaftsstellung. Wenn keine anderen Machtmittel mehr verfangen, um die Masse der begehrlichen" Besißlosen in Ausbeutung und Unterdrückung zu halten, so soll das herrliche" Kriegsheer den ,, inneren Feind" zerschmettern. Das Vertrauen zum Militär, als der Schußtruppe des Geldsacks, gründet sich aber unter anderm zum großen Theil mit darauf, daß in dem Heer das ländliche Element überwiegt, daß die bäuerlichen Distrifte einen größeren Prozentsatz Soldaten stellen als die Industriegegenden. Die unaufgeklärten, in politischem Stumpfsinn befangenen Bauernburschen sind unseren Besißenden und Herrschenden das ideale Soldatenmaterial, ihr antikollektivistischer Bauernschädel" läßt sie als berufen erscheinen, eventuell durch schonungslose Niederkartätschung der„ Umstürzler" die bürgerliche Gesellschaft zu retten. Die Versailler Ordnungsbanditen bedienten sich zur Erdrosselung der Kommune der Truppen, die aus den rückständigsten bäuerlichen Provinzen Frankreichs stammten. vinzen Frankreichs stammten. Das Militär unserer Großstädte und Industriezentren ist fast ausschließlich ländlicher Herkunft, und es hat hier und da bereits sehr ausführliche Instruktionen über den Straßenkampf erhalten. Hier Licht in die Köpfe und Begeisterung für die sozialistischen Ideale in die Herzen zu bringen, ist mithin von nicht zu unterschäßender Bedeutung für den Befreiungskampf des Proletariats. Nun hat die Sozialdemokratie mit Recht zu allen Zeiten eine Kasernenagitation als das Werk von Wolkenfuckucksheimern oder Lockspißeln verworfen. Dagegen kann und wird sie durch planmäßige Agitation unter der ländlichen Bevölkerung dafür sorgen, daß auch der junge Mann vom Lande bereits als politisch Wissender in das Heer eintritt. Ist die heranwachsende bäuerliche Generation über das Wesen der heutigen Gesellschaft belehrt und für den Sozialismus gewonnen, so verliert die Reaktion innerhalb des Heeres ihre festeste und letzte Stüße. Aber auch in nächster Zukunft schon ist die Haltung der ländlichen Bevölkerung gegenüber der Sozialdemokratie von größter Wichtigkeit. Schallender als seit langem bläst die Reaktion in unseren Tagen das Hallali zur frisch fröhlichen Sozialistenhazz. Ausnahmegeseze gegen die Sozialdemokratie, Knebelung der Arbeiterklasse ist ihr Begehr. Und mag es auch für diesmal noch bei einem Sturm im Glase Wasser der Reaktions- und Reptilpresse bleiben, eins ist sicher: je mehr die Sozialdemokratie durch fluge Ausnüßung der ihr gesetzlich zu Gebote stehenden Mittel zur politischen Macht erstarkt, vor der die Kapitalistenklasse zittert, um so mehr wird diese zur blöden Angstpolitik, zur weißen Schreckensherrschaft, zum Verlassen des gesetzlichen Bodens behufs Bekämpfung des drohenden Umsturzes" schreiten oder schreiten wollen. Da ist es denn von nicht hoch genug anzuschlagender Bedeutung, ob die ländliche Bevölkerung als Stimmvieh der Reaktion zur Rechtlosmachung der Arbeiterklasse Ja und Amen sagt, oder ob sie den Gelüsten der Kapitalistenklasse ein Halt! entgegendonnert. Auf!! 162 klarung der Landbevölkerung über das Wesen und die Ziele der Sozialdemokratie muß also auch mit Rücksicht hierauf die Parole heißen. Die Sozialdemokratie erkennt einstimmig die vorliegende Noth� wendigkeit, die Masse der ländlichen Tagelöhner und Kleinbauern dem Sozialismus zuzuführen. Aber welchen Weg soll sie einschlagen, um dieses Ziel zu erreichen d Darüber gehen die Meinungen auseinander, und Aufgabe des Parteitags ist es, hier Klärung und Einmüthigkeit zu schaffen. Noch eine andere wichtige Frage liegt dem Parteitag zur Erörterung vor:„Die Bedeutung der Trusts, Ringe, Kartelle und ähnlicher großkapitalistischer Organisationen für unsere wirthschafiliche Entwicklung." Immer häufiger und in immer größerem Umfange zeigt sich die Erscheinung, daß die großen kapitalistischen llnter- nehmen einer ganzen Industrie zu einer Riesenorganisation zusammengeschlossen werden, welche zum raschen Zusammenbruch aller kleinen und mittleren selbständigen Betriebe führt, den Markt vollständig beherrscht, die Arbeiterschaft in trostlos schwerer Ausbeutung und Botmäßigkeit zu halten vermag. Die Ringe, Trusts, Kartelle zc. treiben alle Eigenthümlichkeiten und Folgen der kapitalistischen Produktionsweise auf die Spitze. Sie beschleunigen und verstärken unter anderem ganz gewaltig die Anhäufung der Produktionsmittel in einer immer kleineren Zahl von Händen und rücken also die Zeit näher, wo diese aus dem Besitz der Kapitalistenklasse in den Besitz der Allgemeinheit übergehen müssen. Sie enthalten außerdem die Ansätze zu einer gesellschaftlichen Regelung der Gütererzeugung, die heutzutage in wüstester Anarchie stattfindet. Allein innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft kommen diese Ansätze der nöthigen Regelung einzig und allein einer winzigen Minderheit der allerreichsten Kapitalisten zu gute. Für die Konsumenlen bedeuten sie eine schonungslose Plünderung durch künstlich hochgeschraubte Preise, für die Masse der Produzenten, die Arbeiter und Arbeiterinnen, bedeuten sie bedingungslose Unterwerfung unter die Fuchtel der Lohnsklaverei. Wenn ein Ring oder Trust als einziger Verkäufer einer bestimmten Waare auf dem Markt auftritt, so ist es ihm möglich, die Preise bedeutend in die Höhe zu treiben. Und erscheint eine solche große kapitalistische Organisation für eine gewisse Industrie als einziger Käufer der Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt, so vermag sie den sich anbietenden Arbeitern und Arbeiterinnen ihre Bedingungen zu diktiren. Hier ist der Punkt, wo das Interesse der Arbeiterklasse an der Entwicklung der Kartelle in erster Linie einsetzt. Gewiß, sie wird auch durch die vertheuerten Waarenpreise in Mitleidenschaft gezogen, allein von weit tiefgehenderer Bedeutung ist für das Proletariat die durch die Trusts gezeitigte Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen. Ihr entgegen zu wirken, als einem Umstand. welcher zum körperlichen, geistigen und sittlichen Verkommen der Arbeiterklasse führt und dadurch ihre Befreiung hintanhält, ist eine äußerst wichtige Aufgabe der klassenbewußten Arbeiterbewegung. Ueber die Mittel und Wege hierzu hat sich der Parteitag zu Frankfurt auszusprechen. Sie liegen unseres Erachtens in doppelter Richtung: in der weiteren gründlichen Ausgestaltung des gesetzlichen Arbeiterschutzes und in dem kräftigen Ausbau der Gewerkschaften und ihrer Zusammenfassung zu Berufsverbänden, nationalen und internationalen Organisationen. Die Sozialdemokratie hat in der einen und anderen Richtung energisch und bewußt mitzuwirken. Sie muß der bürgerlichen Gesellschaft die umfassendste Arbeiterschutz- gesetzgebuug abtrotzen, sie muß den gewerkschaftlichen Organisationen weiteste, gesetzlich festgelegte und unantastbare Bewegungsfreiheit erkämpfen. Sie tritt vor allem in Aktion und übernimmt die Führung, wenn das bei dem Interessengegensatz zwischen Kapital und Arbeit unvermeidliche Aufeinanderplatzen der kapitalistischen Kartelle einerseits, der gewerkschaftlich organisirten Arbeitskräfte andererseits klar den Charakter eines Ringens von Klasse zn Klasse annimmt und damit aus einem wirthschaftlichen zu einem politischen Kampfe wird. Zur Frage der„Maifeier," welche gleichfalls auf der Tagesordnung des Parteitags steht, dürften keine wesentlich neuen Gesichtspunkte geltend gemacht werden. Die Verhältnisse haben sich in Deutschland für das Proletariat nicht soweit geändert, daß die Sozialdemokratie zu einem anderen als den von ihr auf dem vorjährigen Parteitag gefaßten diesbezüglichen Beschluß kommen könnte. Der Geschäftsbericht des Parteivorstandes, der Bericht über die parlamentarische Thätigkeit und die eingelaufenen Anträge werden wie jedes Jahr so auch diesmal Anlaß geben zu mancher scharfen Kritik, zu vielen Wünschen, zu der und jener Anregung. Unsere Partei hat die Kritik ihrer Angelegenheiten nicht zu scheuen, und sie empfängt dankbar jede fruchtbare Anregung. Die Verhandlungen des Parteitags zn Frankfurt werden das übrige dazu beitragen, daß die deutsche Sozialdemokratie vom alten zielbewußten Geist und der bisherigen Kampfesbegeisternng getragen neuen Siegen zuschreitet._ Arbettermnrn-Bewegung. — In der Zeit vom 15. September bis 7. Oktober fanden öffentliche Versammlungen statt in: Berlin, öffentliche Versammlung der Textilarbeiter und-Arbeiterinnen:„Erweiterung des gesetzlichen Arbeiterschutzes"(Genossin Rohrlack). Die Referentin forderte: I. Erhöhung der Altersgrenze der Kinder zur Zulassung zu gewerblichen Arbeiten bis zum vollendeten 14. Lebensjahre, 2. Einführung des obligatorischen Schulunterrichts bis zu diesem Alter, 3. Vermehrung der Zahl der Gewerbeaufsichtsbeamten, 4. Ein Drittel der Aufsichtsbeamten müssen Frauen sein. Oeffentliche Versammlung des Bildungsvereins für Frauen und Mädchen:„Das astronomische Weltall und der Mensch"(Genosse Pens); öffentliche Versanimlung der Kartonarbeiter und-Arbeiterinnen:„Die Maßnahmen und Zustände in der Kartonfabrik von Cohn u. Friedländer"(Genosse Greifenberg): sechs öffentliche Volksversammlungen:„Der diesjährige Parteitag in Frankfurt a. M."(Genossen Täterow, Berendt, Vogtherr, Singer, Schmidt, Gerisch), Delegirtenwahl; öffentliche Versammlung der Hilfsarbeiter und-Arbeiterinnen: 1. Bericht der Agitationskommission(Genosse Schüler), 2. Bericht über die Gewerkschaftskommission(Genossin Müller); zwei große öffentliche Versammlungen der Schneider und Schneiderinnen:„Stellungnahme zu der Lohnbewegung der Schneider und Schneiderinnen in New Jork"(Genossen Pfeiffer und Timm). Die Versammlungen erklärten einstimmig durch Resolution, den New Jorker Kollegen und Kolleginnen ihre volle Sympathie entgegenzubringen und mit allen zu Gebote stehenden Mitteln den Kampf gegen das gemeinsame Unternehmerthum führen zu wollen. Bremen, öffentliche Volksversammlung:„Die projektirte Tabaksteuer und ihre Folgen"(Genosse Bruhns); Breslau, öffentliche Volksversammlung: „Was haben die Frauen und Mädchen von der Sozialdemokratie und ihren Parteitagen zu erwarten?"(Genosse Geiser). Die Versammlung wählte eine Kommission, bestehend aus sechs Frauen bezw. Mädchen, welche zusammen mit dem Referenten die Frage der Gründung eines Volksbildungs- und Unterhaltungsvereins zu erörtern hat. Charlottenburg, zwei öffentliche Versammlungen des Bildungsvereins für Frauen und Mädchen: 1.„Die Stellung der Frau in der Vergangenheit"(Genosse Joöl), 2.„Die kapitalistische Sinlfluth"(Genosse Hoffmann); Constanz a. Bodensee:„Die indirekten Steuern und ihre Folgen für die Frauen des Volks"(Genossin Zetkin); Friedrichshagen:„Der Klassenstaat, die bürgerlichen Parteien und die Sozialdemokratie"(Reichstagsabgeordneter Liebknecht); Königsee, öffentliche Volksversammlung:„Die Sozialdemokratie und die Frauenfrage" (Genossin Steinbach-Hamburg); Leipzig, öffentliche Versammlung des Bildungsvereins für Frauen und Mädchen:„Die Pariser Kommune"(Genosse Rauh); öffentliche Versammlung der Schneider und Schneiderinnen:„Die wirthschaftlichen Kämpfe früherer Jahrhunderte" (Landtagsabgeordneter Pinkau); München, öffentliche Versammlung der Schneider und Schneiderinnen:„Die wirthschafiliche Lage im Schneidergewerbe"(Genosse Häuslmeier); Oelsnitz i. V., öffentliche Volksversammlung:„Volkseinkommen und Lebenshaltung"(Genossin Ihrer); Ottendorf-Okrilla, öffentliche Versammlung für Männer und Frauen:„Die Sozialdemokratie und ihre Gegner"(Landtagsabgeordneter Kaden); Rickenbach, öffentliche Volksversammlung:„Der Militarismus und die Sozialdemokratie"(Genossin Zetkin); Stuttgart, öffentliche Versammlung der sozialdemokratischen Partei: „Frauenorganisation"(Genossin Zetkin); Weilimdorf, öffentliche Volksversammlung:„Die Württemberger Landtagswahlen und die Sozialdemokratie"(Genossin Zetkin); Weißensee, öffentliche Volksversammlung: 1. Bericht über die Brandenburger Provinzialkonferenz (Genosse Bils), 2. Stellungnahme zum Parteitag in Frankfurt a. M. (Reichstagsabgeordneler Stadthagen). — Vereinsversammlungen fanden in der nämlichen Zeit statt in: Berlin, Mitgliederversammlung der Freien Vereinigung der in der Schuhindustrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Stellungnahme zu den Beschlüssen des Erfurter Schuhmacherkongresses"( Genossen Menzel und Willner); Mitgliederversammlung des Vereins der Arbeiter und Arbeiterinnen der Wäsche und Kravattenbranche:„ Wie verbessern wir unsere wirthschaftliche Lage?"( Genossin Baader); Mitgliederversammlung des Vereins deutscher Schuhmacher:„ Die Ursache der Arbeitslosigkeit"( Genossin Baader); Generalversammlung des Vereins der Plätterinnen:" Interne Angelegenheiten"; Dresden, Mitgliederversammlung des Arbeiterinnenbildungsvereins:„ Die indirekten Steuern und die Frauen des Proletariats"( Genossin Eichhorn); Ehrenfeld und Köln, zwei Mitgliederversammlungen des Metallarbeiterverbands:„ Die erzieherische Wirkung der Organisation" ( Referentin in beiden Versammlungen Genossin Schneider); Ottensen, Mitgliederversammlung des Zentralvereins der Frauen und Mädchen Deutschlands:„ Die materialistische Weltanschauung"( Genosse Kimmel). -Wahl weiblicher Delegirter zum Parteitag von Frankfurt a. M. Als Delegirte wurden bis jetzt in öffentlichen Versammlungen gewählt die Genossinnen: Forschner- Frankfurt; HeidtmannHamburg; Ihrer- Niederbarnim; Kühn- Leipzig; Löwenherz- Neuwied; Vogel- 22. sächsischer Wahlkreis; Wengels- Wolgast; Zettin- Offenburg. München. Der Parteitag der Sozialdemokraten Bayerns, welcher am 30. September und 1. Oktober hier stattfand, beschäftigte sich u. a. auch mit der Frage des„ Vereins- und Versammlungsrechts in Bayern." In einem eingehenden und durchaus sachlichen Referat übte Genosse Dertel- Nürnberg scharfe Kritik an der Handhabung des Vereins- und Versammlungsrechts durch die Behörden. Er wies nach, daß die Theorie des Gesetzes, soweit es sich auf öffentliche Versamm lungen beziehe, freiheitlich, seine Praxis aber in ungesetzlicher Weise reaktionär sei. Besonders hätten die Frauen unter diesem Stand der Dinge zu leiden. Dem ausdrücklichen Wortlaut des Gesetzes zuwider verfügten die Behörden ihren Ausschluß von allen öffentlichen politischen, ja oft auch von gewerkschaftlichen Versammlungen. Der Redner erhob Namens seiner Partei energischen Protest gegen die diesbezüglichen behördlichen Praktiken, welche die Interessen der Arbeiterinnen schwer schädigen und forderte auch für die Frauen das freie Vereins- und Versammlungsrecht. Der Parteitag stimmte seinen Ausführungen zu und nahm einstimmig folgende Resolution an: In der Erwägung, daß in Bayern allen Staatsangehörigen durch Verfassung und Gesetz das Versammlungsrecht zugesichert ist; in der Erwägung, daß durch die Interpretation und Handhabung des bayerischen Vereinsgesetzes Seitens der Polizeibehörden das oben erwähnte, gesetzlich und verfassungsmäßig garantirte Recht illusorisch gemacht wird, verurtheilt der Parteitag der Sozialdemokraten Bayerns die gegenwärtige Handhabung des Vereinsgesetzes auf das schärfste und protestirt energisch gegen die Akte polizeilicher Willkür auf dem Gebiete des Versammlungswesens, die sich als Verletzung verfassungsmäßiger Rechte und zum Theil außerdem als direkte Aufhebung des den Arbeitern reichsgesetzlich gewährleisteten Koalitionsrechtes darstellen. In der Erwägung ferner, daß das aus dem Jahre 1850 stammende bayerische Vereinsgesetz feineswegs den jetzigen Berhältnissen entspricht, verlangt der Parteitag aus rechtlichen wie sozialpolitischen Gründen die Beseitigung des genannten Gesetzes und Einführung völliger Vereins- und Versammlungsfreiheit als eine der wichtigsten Grundlagen einer wirklich freiheitlichen Entwicklung. Insbesondere betont der Parteitag, daß die Frauen als vollberechtigte Mitglieder der Gesellschaft keinerlei Beschränkungen in Bezug auf das Vereins-, Koalitions- und Versammlungsrecht unterworfen werden sollen, umsomehr, als sie infolge der Entwicklung der ökonomischen Verhältnisse in immer höherem Grade gezwungen werden, sich den gewerblichen Berufen zuzuwenden und hier gleich den Männern die Rechte und den Schutz des Gesetzes zur Erreichung besserer Existenzbedingungen dringend bedürfen." Aus Sachsen. Die sächsischen Behörden, welche ein kindliches Vergnügen daran haben, mit Erbsen auf die sozialistische Bewegung zu schießen, leben in dem süßen Wahn, der Ausbreitung des Sozialismus unter den Frauen durch Nücken und Tücken entgegentreten zu können. So verbot der Rath von Zwickau eine Volksversammlung, in der Genoffin Ihrer über„ Volfseinkommen und Lebenshaltung" sprechen wollte. Eine Volksversammlung in Netzschkau, für die ebenfalls ein Referat der Genossin Ihrer geplant war, hatte das gleiche Schicksal, weil die Rednerin wegen„ Beamtenbeleidigung vorbestraft" sei. Wenige Tage darauf fand in dem genannten Orte eine andere Volksversammlung statt, in der Genossin Vogel über„ Kindererziehung" referirte. Die Versammlung wählte als Vorsitzende Genossin Köhler. Der überwachende Bürgermeister erklärte diese Wahl für gesetzwidrig, da im Vereinsgesetz nur von ,, Leitern" und nicht von„ Leiterinnen" die Rede sei! Um jeden Vorwand einer Versammlungsauflösung zu vermeiden, beruhigten die Anwesenden das gesetzliebende bürgermeisterliche Gemüth, indem sie statt der Genossin einem Genossen den Vorsitz übertrugen. Die Versamm163 lung konnte nun in die Tagesordnung eintreten. Als jedoch in der Debatte Genossin Ihrer das Wort ergriff, erklärte der Bürgermeister: " Ich kann nicht zugeben, daß diese Dame spricht." Genossin Ihrer forderte eine Begründung dieser Maßregel, da nicht im Gesetz stünde, daß sie nicht sprechen dürfe." Nachdem noch einige Genossen für das Recht der Versammlung eingetreten waren und der Vorsitzende u. a. erklärt hatte:„ er müsse doch auch wissen, was gesprochen werden dürfe", wurde die Versammlung aufgelöst. Der sächsische Staat ist wieder einmal gerettet! A. S. Leipzig. Der hiesige Bildungsverein für Frauen und Mädchen feierte am 26. August sein erstes Stiftungsfest. Der zahlreiche Besuch zeugte von der Sympathie, welche die Leipziger arbeitende Bevölkerung der jungen Organisation entgegenbringt. Die erste Sängerabtheilung und der gemischte Chor des„ Arbeitervereins Leipzig", sowie die in Leipzig anwesenden Berliner Sänger trugen durch einige Gesangsbeiträge dazu bei, das Fest zu verschönern. Die Genossinnen Eichhorn und Schmidt brachten Grüße der Dresdener Genossinnen. Den Glanzpunkt des Festes bildete die Darstellung der lebenden Bilder Die vier Jahreszeiten", die durch Veranschaulichung des scharfen Gegensatzes zwischen Arbeit, Entbehrung und Verzweiflung auf der einen Seite, Müßiggang, Genuß und Ueberfluß auf der anderen Seite, äußerst ergreifend und agitatorisch wirkten. Die Theilnehmer des Festes waren von dem Gebotenen sehr befriedigt und gingen der Mehrzahl nach erst spät in bester Stimmung auseinander. Dankend sei der Genossen gedacht, welche den Vereinsmitgliedern bei dem Arrangement und der Leitung des Festes mit Rath und That zur Seite standen. Wir hoffen, daß das Fest dazu beigetragen hat, bei denjenigen Theilnehmern, welche nur des Vergnügens wegen tamen, das bis jetzt leider noch mangelnde Interesse für die ernsten Bestrebungen des Vereins zu wecken, so daß sie sich veranlaßt fühlen, politische Aufklärung zu suchen und als Mitkämpfer und Kämpferinnen in unsere Reihen einzutreten. C. W. Berichtigung zu dem Artikel„ Agnes Wabnik" in Nr. 19 der„ Gleichheit": Unsere Biographie der Genossin Wabnih enthält leider verschiedene irrthümliche Angaben. Sie wurden uns von durchaus vertrauenswürdiger Seite gemacht und erklären sich dadurch, daß die Verstorbene äußerst farg mit Mittheilungen über ihre Person war. Wir berichtigen in Folgendem die Irrthümer und vervollständigen die biographischen Daten nach einem Artikel in Nr. 33 des„ Sozialdemokrat":" Wie Agnes Wabnitz Sozialistin wurde". zwei Agnes Wabnitz war die Tochter eines wohlhabenden Hotelbesitzers. Ihre Mutter entstammte dem polnischen Adel, und den Familiennamen derselben haben auch langjährige Kampfesgenossinnen der Verstorbenen nie erfahren. Agnes und ihre Geschwister Brüder und eine Schwester erhielten eine für die damalige Zeit gute Schulbildung. Doch bald kamen für das junge Mädchen schwere Tage. Ihr Bräutigam, ein Lieutenant, ließ sich Sittlichkeitsvergehen zu Schulden kommen, und Agnes hob in Folge dessen ihre Verlobung auf. Der eine Bruder brachte durch Trunk, Spiel und andere Lumpereien die Familie fast an den Bettelstab. Um sie unterstützen zu können, ging Agnes als deutsche Bonne nach Russisch Polen. Da aber ihr Gehalt als solche ein sehr niedriger war und sich die Verhältnisse der Ihrigen noch mehr verschlechterten, so versuchte sie, mit feinen Handarbeiten den Unterhalt für sich und die inzwischen gelähmte Mutter zu erwerben. Ihr Verdienst reichte nicht aus, Brot für beide zu schaffen, und so siedelte Agnes Wabniz nach Berlin über. Durch Schneiderei und Näharbeiten erwarb sie hier die Existenzmittel für sich und die Mutter, um welche sich die reich verheirathete, sehr religiös gesinnte Schwester nicht fümmerte. Lebendigen Geistes und durch ihre Lebensverhältnisse zum Nachdenken angeregt, schloß sie sich bald der freireligiösen Gemeinde und dann der bürgerlichen Frauenbewegung an. 1882 trat sie mit mehreren Freundinnen auch dem englischen Sittlich= keitsbund bei. Da jedoch die Auffassung des Bundes nicht ihren Erfahrungen und ihrer Ueberzeugung entsprach, so stand sie mit ihren Freundinnen in der Opposition und schied bald aus der Organisation aus. Im Winter 1882 hielt Fräulein Wecker aus Frankfurt einen Vortrag, der in dem Satze gipfelte: Nicht mit Polizeimaßregeln ist den Arbeiterinnen zu helfen, sondern ihre Lebenslage, ihre Lohn- und Arbeitsbedingungen müssen gebessert werden. Ihre Ausführungen veranlaßten Agnes mit ihren Freundinnen zusammen 1883 den Frauenhilfsverein zu gründen, dessen Mitglieder zum großen Wegen Raummangel unlieb verspätet. Theil Arbeiterinnen waren, in welchem aber das auch im Vorstand vertretene bürgerliche Element noch eine bedeutende Rolle spielte. 1885 wurde dann der erste, rein proletarische Frauenverein gegründet, der„ Verein zur Wahrung der Interessen der Arbeiterinnen." Während Agnes Wabnitz durch ihrer Hände Arbeit die Mittel erwarb, diese verschiedenen Bestrebungen zu unterstützen, brachte sie gleichzeitig ihrer Familie neue und größere Opfer. Sie nahm die beiden Töchter ihres dem Trunke ergebenen Bruders zu sich und erzog sie. Die bürgerliche Presse, der begreiflich genug das Verständniß für Opferwilligkeit abgeht, hing der Wabnih diese Mädchen als ihre eigenen an und legte ihr den Spottnamen bei:„ Die Jungfrau mit den zwei Kindern." 1879 wurde ihr zweiter Bruder, der gleichfalls nach Berlin übersiedelt war, wegen politischer Umtriebe" verhaftet und schließlich ausgewiesen. Er wanderte nach Amerika aus, und unsere Genossin Agnes brachte manches schwere Opfer, um der Familie die Ueberfahrt und ihr Fortkommen zu ermöglichen. Uebrigens war auch sie mit dem Bruder zusammen festgenommen, aber nach einigen Tagen entlassen worden, da man sie wegen ihrer Weigerung, Nahrung zu sich zu nehmen, für geisteskrank erklärte. Die Mutter warnte sie damals vor einer zu weit gehenden politischen Thätigkeit, und um sie zu beruhigen, gab sie ihr das bekannte Versprechen, nie Gefängnißkost zu genießen. Auch die vorstehenden Daten zeigen Genossin Wabnitz als den opferfreudigen, selbstlosen Charakter, als den sie sich im Befreiungskampfe des Proletariats allzeit bethätigte. Die Frauen und das Ausnahmegesek. Mit Besorgniß und Wuth sind die Besitzenden heutzutage Zeuge davon, daß neben dem proletarischen Mann auch die proletarische Frau bewußt und willensstark in den gewaltigen Kampf zwischen Arm und Reich eintritt, daß sie die wirthschaftlichen und politischen Schlachten ihrer Klasse schlagen hilft, daß sie Begeisterung im Herzen und Klarheit im Kopf dem Freiheit verheißenden Banner der Sozialdemokratie folgt. Und sie bieten ihre Preßknechte auf, damit sie die „ Radikalösen“ und„ Versammlungsstörzerinnen" mit Schmutz und Lächerlichkeit bewerfen; ihre Moralprediger, damit sie den„ Weibern, die zu Hyänen werden", die Pflicht und die Süßigkeit des allerbeschränktesten Nichts- als- Aschenputtelthums und des Nur- Rosenflechtens zu Gemüthe führen; ihre Behörden endlich, damit sie die aufsässigen Lohnsklavinnen durch polizeiliche Büttelei und juristische Die verlorene Glückseligkeit. Aus ,, Träume" von Olive Schreiner. 164 Tiftelei zwingen, geduldig, bedürfnißlos und plackfreudig das Joch des Kapitalismus auch fürderhin auf sich zu nehmen. Der Liebesmüh ist und bleibt umsonst verschwendet. Die that sächlichen Verhältnisse erwecken mit rauher Faust die Proletarierinnen aus dem Stumpfsinn, in welchem die Masse des weiblichen Geschlechts dem öffentlichen Leben gegenüber verharrte, mit eherner Stimme predigen sie ihnen die Nothwendigkeit, den Blick über die engen Schranken des Hauses hinaus auf die großen Zeit- und Streitfragen zu richten, hinabzusteigen in die Arena der sozialen Kämpfe und in den Reihen der Brüder der Arbeit und des Elends mitzurathen und mitzuthaten. Je nackter und brutaler in den jeweiligen sozialen Verhältnissen die Natur der kapitalistischen Gesellschaft, das Wesen des Klassenstaates zum Ausdruck kommt, um so mehr tragen sie dazu bei, die Frauen des Proletariats zum Bewußtsein ihrer Klassenlage zu bringen, sie aus stumpfsinnigen Opfern der heutigen Gesellschaft zu bewußten, freudigen Kämpferinnen gegen sie zu erziehen. In dieser Richtung hat vor Allem das Sozialistengesetz mit überzeugendster agitatorischer Kraft gewirkt. Die Väter des schmachvollen Knebelungsgesetzes hatten gehofft, durch den materiellen Ruin Tausender von Arbeiterfamilien dem Befreiungskampf des Proletariats in dessen eigenen Frauen und Töchtern unversöhnliche Gegnerinnen zu schaffen. Denn der Zusammenbruch der wirthschaftlichen Existenz hat für die Frau die qualvollsten Leiden im Gefolge und nichts lähmt den Kampfesmuth und die Kampfesfreudigkeit des Mannes mehr, als wenn am häuslichen Herd in der Person der Lebensgefährtin Unverstand und Feindseligkeit gegen seine Ideale sitzen, wenn die Mutter seiner Kinder mit Bitten und Vorwürfen ihn von der Erfüllung seiner Pflichten abzuhalten sucht. Die Feinde der klassenbewußten Arbeiterbewegung haben das Gegentheil von dem erreicht, was sie gewollt. Gerade seit der Zeit des Ausnahmegesetzes datirt in Deutschland das Erwachen der Proletarierinnen zum Klassenbewußtsein, ihr Eintritt in Reih und Glied der kämpfenden Brüder. Das Ausnahmegesetz mit seinen Härten und Schärfen hat mehr proletarischen Frauen die Augen über das Wesen der Klassengesellschaft geöffnet, als Jahre eifriger Propaganda. Es ließ sie am eigenen Leibe empfinden, was Worte bedeuten wie Klassengegensatz, Klassenstaat, Klassenjustiz und Klassenhaß. Andererseits zeigten die geschaffenen Zustände den Arbeitern sinnenfällig die vorliegende Dringlichkeit, die Klassengenossinnen zu Kampfesgenossinnen zu er ziehen. Noch spielte es, noch lachte es, noch befleckte es seinen Mund mit dem Safte rother Beeren; indeß manchmal hingen die kleinen Hände müde herab und die kleinen Augen blickten matt über das Dort, wo der Sonnenschein am Seeufer spielte, saß tagtäglich Waffer hinweg. das Leben. Der weiche Wind koste mit seinem Haar, und sein junges frisches Gesicht schaute sinnend über das Wasser hinweg. Es wartete auf etwas; aber es wußte nicht zu sagen worauf. Den ganzen Tag liefen die Wellen über den Sand hinweg und wieder zurück, und die rothen Muscheln rollten hin und her. Das Leben saß und wartete den ganzen Tag; den Sonnenschein in den Augen saß es da, bis es, müde geworden, den Kopf auf das Ruie legte und einschlief. Es wartete noch immer. Ein Kiel Knirschte auf dem Sand, und unmittelbar darauf wurde ein Schritt am Ufer vernehmbardas Leben hörte ihn und erwachte. Eine Hand berührte es und ein seltsamer Schauer durchfuhr es. Da blickte es auf und sah die wunderbaren großen Augen der Liebe über sich und nun wußte das Leben, worauf es gewartet. Und die Liebe zog das Leben zu sich empor. Aus dieser Umarmung entsproß ein Wesen, selten und schön die Glückseligkeit, die erste Glückseligkeit wurde es genannt. Das Sonnenlicht, das auf das klare Wasser fällt, ist nicht so froh; die Rosenknospen, wenn sie ihre Lippen für den ersten Kuß der Sonne öffnen, sind nicht so frisch als dieses Wesen war. Seine fleinen Bulse schlugen lebhaft. Es war so warm, so weich! Es sprach nicht, aber es lachte und spielte im Sonnenschein; und Liebe und Leben waren beglückt. Keines von ihnen flüsterte es dem Anderen zu, doch tief im innersten Herzen sagte Jedes:„ Es soll für immer unser sein." " Dann kam eine Zeit war es nach Wochen? war es nach Monaten? Liebe und Leben fennen fein Maß der Zeit wo das holde Geschöpf nicht mehr war, wie es gewesen. Und Liebe und Leben wagten nicht, einander in die Augen zu blicken, wagten nicht zu fragen:" Was fehlt unserem Liebling?" Jedes flüsterte sich selbst zu:„ Es ist nichts; morgen wird es wieder hell lachen." Aber morgen und morgen fam, sie lebten weiter und weiter, das Kind spielte neben ihnen, aber matt, immer matter. Eines Tages legten Leben und Liebe sich zum Schlaf nieder und als sie aufwachten, war ihre Freude verschwunden. Nur neben ihnen, auf dem Gras, saß ein kleiner Fremdling mit weit offenen Augen, die sanft und traurig dreinblickten. Keiner von ihnen kümmerte sich um ihn, doch Jeder trat zur Seite und weinte bitterlich: unsere Glückseligkeit, unsere verlorene Glückseligkeit, werden wir Dich nie mehr wiedersehen?" Da legte der kleine, sanft und traurig blickende Fremdling in die Hand eines Jeden von ihnen eine seiner Hände und zog sie näher zusammen, und Leben und Liebe begannen zu wandern mit ihm in der Mitte. Und wenn das Leben in Verzweiflung zu Boden schaute, sah es seine Thränen sich in den sanften Augen des Kleinen wiederspiegeln. Und wenn die Liebe, wahnsinnig vor Schmerz, hinausschrie:„ Ich bin müde, ich bin müde! Ich kann nicht weiter leben. Alles Licht liegt hinter mir, und vor mir ist es finster" da zeigte ein kleiner rosiger Finger gegen das Sonnenlicht, das auf den Hügelfetten lag. Seine großen Augen waren stets theilnahmsvoll und traurig, der kleine Mund hatte stets ein mildes, beruhigendes Lächeln. Wenn das Leben sich an den scharfen Steinen die Füße schnitt, so trocknete er mit seiner Kleidung das Blut und küßte mit seinen kleinen Lippen die wunden Füße. Wenn die Liebe in der Wüste ohnmächtig zusammenfant denn auch Liebe kann 165 Ländern eine Stätte zu suchen, unter unbeschreiblichen Mühsalen eine neue Existenz zu gründen. Sie nahmen ihr Kreuz auf sich, ohne in Verzweiflung zu gerathen, ohne in stumpfsinnige Ergebung zu versinken, ohne durch Anklagen und Thränen das Leid des Mannes zu erschweren, der durch seine Ueberzeugung und sein Handeln die unfreiwillige Ursache des Jammers geworden war. In vielen Fällen waren es die Frauen, welche die Arbeit für die Gründung einer neuen Existenz auf sich nahmen. Und wie oft wurde nicht dieses ihr Streben zu einer wahren Sisyphusarbeit in Folge der Niedertracht der Gegner, welche Vorkämpfer des Proletariats von Ort zu Ort hetzten. Wie manche Familie konnte in jener Zeit nur Dank des Umstandes existiren, daß die Frau nicht nur für sich und die Kinder, daß sie auch für den brotlos gemachten Mann durch Waschen, Plätten, Scheuern, durch Führung eines kleinen Geschäfts 2c. den Unterhalt erwarb. Und als wackere Kampfgenossinnen haben sich die proletarischen| Verhältnissen zu scheiden, fern von der Heimath in fremdsprachigen Frauen zum größten Theil in jenen Tagen der ausnahmsgesetzlichen Nücken und Tücken bewährt. Frauen standen mit unentwegt im Vordertreffen des Kampfes und thaten dort ihre Pflicht und Schuldigkeit, wo das Schlachtgewühl am heißesten tobte. So außer unserer verstorbenen Genossin Wabniß die Genossinnen Ihrer, Kantius, Dr. Hoffmann, Stegemann, Frau Guillaume- Schack und manche andere noch. Hunderte und Aberhunderte von proletarischen Frauen und Mädchen verrichteten jene kleinen, praktischen, oft recht unangenehmen und zu jener Zeit gefährlichen Alltagsarbeiten, ohne deren Erledigung der Kampf der Sozialdemokratie nicht möglich ge wesen wäre. Frauen vermittelten vielfach den Verkehr der Genossen unter einander, besorgten Transport und Zustellung der verbotenen Schriften und Zeitungen, hielten die Kassen der Organisationen, die Unterstützungsgelder für Gemaßregelte in Verwahrung, gaben bei eintretender Gefahr das Alarmzeichen. Hier führte eine junge schwangere Arbeiterfrau wöchentlich einen schwer mit Schriften beladenen Kinderwagen zwei Stunden weit, dort machte eine ältere Frau bei Wind und Wetter in einem größeren Landkreis die Runde, um den„ Sozialdemokrat" abzuliefern, jedesmal dabei der Gefahr ausgesetzt, abgefaßt und streng bestraft zu werden; anderswo wieder wußte ein hochbetagte Mutter während der Verhaftung ihres Lieblingssohnes ihre Geistesgegenwart so gut zu bewahren und ihren Schmerz soweit zu bemeistern, daß sie die Kameraden warnte 2c. Vielfach waren es gerade die Frauen, welche schwankende und fleinmüthige Männer mit begeisterten und energischen Worten an ihre Pflicht mahnten, in die Versammlungen, Organisationen, an die Wahlurne trieben. Sie, die am schmerzlichsten jeden Ausfall am Ginlommen spüren, fanden sich damit ab, daß ein beträchtlicher Theil des Verdienstes durch die materiellen Opfer verschlungen ward, welche der Kampf erheischte. Manche Stunde der Arbeit, welche der Mann dem Dienste der Sache widmete und die sich in ein Weniger an Lohn umsetzte, mußte die Frau durch doppeltes und dreifaches Sparen und Schaffen wett machen. Hunderte von deutschen Proletarierinnen sahen durch Verhaftung, Verurtheilung oder auch Ausweisung des Mannes von heut auf morgen die Existenz der Familie vernichtet, die Ihrigen allen Zufälligkeiten der Erwerbslosigkeit preisgegeben. Verhängte Maßregelungen zwangen sie, sich zeitweilig von dem Gatten, dem Vater, dem Bruder zu trennen, aus liebgewordenen ohnmächtig werden da lief er mit seinen kleinen, nackten Füßen über den heißen Sand und fand selbst dort in der Wüste, in den Löchern der Felsen, Wasser, um dann ihre Lippen anzufeuchten. Er war feine Bürde er drückte sie nie, er war ihnen nur eine Stüße auf ihrem Wege. Als sie an dem dunklen Abhang angekommen waren, wo die Eiszapfen von den Felsen herunterhängen denn Liebe und Leben haben fremdartige, trostlose Gegenden zu passiren da, wo Alles falt ist, und der Schnee hoch liegt, da nahm er ihre frierenden Hände und hielt sie gegen sein schlagendes, kleines Herz und wärmte sie. Sanft zog er sie weiter und weiter. Und als sie dann darüber hinweggekommen waren, in das Land des Sonnenscheins und der Blumen, da leuchteten die großen Augen seltsam auf und Grübchen erschienen in seinem Antlig. Glücklich lachend lief er über den weichen Nasen; er sammelte Honig aus hohlen Bäumen und brachte ihn ihnen in seiner flachen Hand; in Lilienblättern trug er ihnen Wasser zu und pflückte Blumen, mit denen er ihnen ihre Häupter bekränzte, während er die ganze Zeit sanft lächelte. Er berührte sie, wie ihre Glückseligkeit sie berührt hatte, aber seine Finger umfaßten sie zärtlicher. So wanderten sie weiter, durch das dunkle und das lichte Land, das kleine, brave, lächelnde Wesen immer zwischen sich. Manchmal gedachten sie der ersten leuchtenden Glückseligkeit und flüsterten: O, fönnten wir auch sie finden." " Endlich gelangten sie dahin, wo die Ueberlegung sitzt das seltsame alte Weib, das immer einen Ellbogen auf das Knie und das Kinn auf die Hand gestützt hat, und das aus der Vergangenheit Licht stiehlt, um es über die Zukunft auszugießen. Da riefen Liebe und Leben gemeinsam aus:„ O weise Frau, höre uns: Als wir zuerst einander gefunden, gehörte uns ein schönes, glückseliges Wesen Heiterkeit ohne eine Thräne, Sonnenschein ohne Schatten. D, wodurch haben wir gesündigt, Gewiß, viele Proletarierinnen haben durch Unverstand oder Engherzigkeit, durch Gleichgiltigkeit oder Feindseligkeit die Arbeiterbewegung leider in jener Zeit geschädigt. Aber was sie sündigten, das wird reichlich aufgewogen und ausgelöscht durch Das, was zahl= reiche proletarische Frauen für die Sache der Befreiung der Arbeit gethan und geduldet haben. Wenn Deutschlands klassenbewußtes Proletariat den Ruhm beanspruchen darf, durch einen heldenmüthigen, zielklaren und disziplinirten Kampf ohnegleichen das Ausnahmegesetz überwunden und zerschmettert zu haben, so haben auch die deutschen Proletarierinnen ihr Theil zu diesem Siege beigetragen. Ihre Leistungen büßen dadurch nichts von ihrem Werthe ein, daß sie nicht vom Glorienschein des Großartigen und Ungewöhnlichen umstrahlt in die Augen fallen, daß sie nicht von Dichtern besungen, von Geschichtschreibern gepriesen werden. Was die deutschen Proletarierinnen in der Vergangenheit gethan haben, das werden sie auch in Zukunft thun. Als Streiterinnen sonder Furcht und Tadel werden sie all die Aufgaben erfüllen, die der Befreiungskampf ihrer Klasse an sie stellt. Sie wissen, daß der Preis die Opfer werth ist, sie wissen, daß dem Proletariat der Sieg zufällt, mag auch die kapitalistische Gesellschaft in der Gegenwart noch so proßenhaft herausfordernd an das Schwert schlagen. daß wir es verloren? Wo sollen wir hingehen, um es wieder zu finden?" Und sie, die alte weise Frau antwortete:" Wollt Ihr, um es zurückzuerhalten, das aufgeben, was jezt neben Euch her= schreitet?" Und in Angst und Schrecken riefen Liebe und Leben wie aus einem Munde:„ Nein!" " Wenn die Dornen Das aufgeben!" sagte das Leben. mich rizen, wer wird dann das Gift aus meiner Wunde saugen? Wer wird, wenn's in meinem Kopfe pocht und hämmert, seine kleinen Hände darauf legen und das Schlagen beruhigen? Wer wird in der Stälte und im Dunkel mein frierendes Herz erwärmen?" Und die Liebe rief: Lieber will ich sterben. Ohne Glückseligkeit fonnte ich leben; ohne dies hier nicht. Lieber sterben, als es verlieren!" Und die alte weise Frau antwortete: " Ihr Narren, wie blind seid Ihr. Was Ihr einst besessen, war dasselbe, was Ihr auch jetzt befizt. Wenn Liebe und Leben sich zuerst begegnen, wird ein leuchtendes Wesen geboren, ohne Schatten. Wenn die Wege rauh zu werden beginnen, wenn die Schatten dunkler werden, wenn die Tage schwer und die Nächte falt und lang werden dann beginnt auch es sich zu verändern. Liebe und Leben wollen dies nicht sehen, wollen es nicht wissen bis sie eines Tages plößlich aufschrecken und rufen:" Wir haben es verloren! Wo ist es?" Sie können nicht begreifen, daß es unmöglich war, das lachende Wesen unverändert durch die Wüste, den Frost und den Schnee zu tragen. Sie wissen nicht, daß das, was neben ihnen einhergeht, die nur älter gewordene Glückseligkeit ist. Das erste, süße, zärtliche Wesen, das warm ist im fältesten sein Name ist Schnee, muthig in den trostlosesten Einöden ist. Sympathie; es ist die vollkommenste Liebe." Nochmals ,, Moderne Sklaverei". M. Kt. Wenn die„ Gleichheit" fünftig eine Rubrik„ Dienst botenelend" einrichtete, um hier alle die zur öffentlichen Kenntniß gelangenden Fälle von Mißhandlung des Gesindes durch die sogenannten„ Herrschaften" zu verzeichnen, so würde es ihr gewiß niemals an Stoff fehlen. Die Agitation, welche von sozialdemokratischen Frauen in Versammlungen, vor Allem aber in der Presse, gegen die unverschämte Ausbeutung der Dienstmädchen entfaltet worden ist, zeitigt hier und da bereits Früchte. Die Fälle mehren sich, in denen die weiblichen Dienstboten sich mit ihren Klagen und Beschwerden an die Deffentlichkeit wenden, in denen sie die kümmerlichen Schattenrechte, welche unsere herrliche Gesindeordnung ihnen noch läßt, nach Kräften ausnutzen, um sich gegen die Uebergriffe ihrer Herrinnen zu schützen. Der beste Beweis für das erwachende Klassenbewußtsein unter den Dienstmädchen ist eben vor Allem das Gezeter, welches in den Hausfrauenzeitungen fast allwöchentlich zum Thema„ Dienstmädchen" angestimmt wird. Die sogenannte Hausfrauenzeitung, die meist einen sehr poetischen Titel trägt, ist nämlich das Leib- und Magenblatt nichtsthuender Damen der Bourgeoisie und neben dem beliebten Kaffeeklatsch eine Hauptablagerungsstätte für allen Tratsch, der sich über die Dienstboten zusammentragen läßt. So flagt eine vielgelesene„ Zeitschrift für die Angelegenheiten des Haushaltcs" in ihrer jüngsten Nummer darüber, daß ein geradezu sozialdemokratischer Gesinnungshauch durch die Kreise der heutigen Dienstboten wehe" was der Herrschaft natürlich sehr schmerzlich ist. Dann folgt die bekannte Litanei all der angeblichen Fehler der Mädchen: Unbescheidenheit, anspruchsvolles Wesen, Undankbarkeit, Vergnügungs- und Putzsucht 2c. Die Liste nimmt kein Ende. Am meisten aber erregt es der blaublütigen Artikelschreiberin die Galle, daß die Mädchen häufig auf die Abgabe durch die Versicherungsmarken, diese gesetzliche Sparkasse eines Nothpfennigs, schmähen". Ueber solche schaudervolle Undankbarkeit muß sich allerdings ein deutsches Hausfrauengemüth entsetzen. Wem die staatliche Wohlfahrtseinrichtung, die es der abgerackerten Proletarierin gestattet, nach zurückgelegtem 70. Lebensjahre täglich die Bettelpfennige der be- rühmten Altersrente zu verschlemmen, nicht entzückt, an dem ist nothwendig Hopfen und Malz verloren. Wenn aber unser Jeremias im Unterrock weiter sagt, daß das Verhalten der Herrschaften zum Theil die Fehler der Dienstboten hervorrufen, so wird diese durchaus zutreffende Behauptung gewiß manche„ bessere Dame" arg verschnupfen. Die Verfasserin spricht noch vom„ Hochmuth und Egoismus der reichen Hausfrauen" und schärft ihnen ge= hörig das Gewissen, indem sie dieselben an ihre Pflicht erinnert,„, tagtäglich dem vierten Stande(!) gegenüber sozialdemokratische Theorien zu bekämpfen, was nicht ein einziges Mal versäumt werden sollte." Als wichtigstes Mittel für die Erziehung zur sozialen Zufriedenheit" preist sie das„ Selbstvorleben der Familie". Bei Braten und Wein, wenig Arbeit und viel Vergnügen mag dieses„ Selbstvorleben der Zufriedenheit" nicht allzu schwierig sein. Was dagegen den Erfolg anbetrifft, so läßt sich wohl mit Sicherheit prophezeien, daß das Mittel nicht ziehen" wird. Was dann aber? Hat die Bourgeoisie doch schon alles Erdenkliche versucht, damit die jungen Proletarierinnen die Fabrikarbeit mit dem„ angenehmen, leichten Dienst" in ihren Familien vertauschen. Denn je größer das Angebot an Dienstmädchen ist, desto rücksichtsloser kann die Herrschaft ihre weiße Sklavin ausbeuten. Sollte dieselbe sich einfallen lassen, ihren Dienst aufzugeben, so sind ja dann zehn andere bereit, an ihre Stelle zu treten. Diese goldenen Zeiten für die„ Deutsche Hausfrau" sind aber vorüber, und so ist gegenwärtig die Klage allgemein, daß es sehr schwer hält, ein geeignetes Dienstmädchen zu finden. Man läßt es deshalb an allerlei Lockmitteln nicht fehlen, welche die Dienstboten möglichst lange an die einzelnen Familien fesseln sollen. Die ehr- und tugendsamen Hausfrauen unterhalten sich z. B. in den ihren Interessen gewidmeten Zeitschriften lang und breit darüber, mit welchem selbstverständlich möglichst billigen und praktischen Geschenk sie ihre Minna oder Auguste zur Feier ihres 25jährigen Jubiläums als Dienstmädchen überraschen können. Andere, die den Rummel noch besser verstehen, arrangiren öffentliche Prämienvertheilungen und Belobigungen für Dienstboten, die Jahrzehnte lang ohne Mucksen allen Launen der„ Gnädigen" still gehalten haben. Solche Mädchen sind die Tugendspiegel, die den übrigen, minder geduldigen, ständig vorgeführt werden, um ihren Eifer und ihre Lammesgeduld zu stärken. In Sachsen ist man noch weiter gegangen. Hier ist neuerdings von allerhöchster Stelle aus sogar ein Ehrenzeichen für Arbeiter und Dienstboten gestiftet worden. Die amtliche Leipziger Zeitung" verbreitet sich über diese huldvolle Auszeichnung wie folgt: , Das, Ehrenzeichen ist für solche bestimmt, die nach vollendetem 25. Lebensjahre 30 Jahre ununterbrochen in einem und demselben 166 Arbeits- bezw. Dienstverhältnisse gestanden haben und unbescholten und fönigstreu gesinnt sind. Das Ehrenzeichen besteht in einer silbernen Medaille, deren Vorderseite das Bildniß Seiner Majestät des Königs zeigt und deren Rückseite die Aufschrift: Für Treue in Arbeit enthält. Die Inhaber des Ehrenzeichens sind berechtigt, dasselbe und zwar die Männer an einem einfarbigen grünen Bande auf der linken Seite der Brust, die Frauen aber an einem schwarzsammtenen Bande um den Hals sowohl in als außer der Arbeit beziehentlich dem Dienste und nach Austritt aus dem Arbeits- beziehentlich Dienstverhältnisse zu tragen." Wer mit diesem Zeichen 30jähriger Knechtschaft geschmückt wird, der fühlt gewiß, daß er nicht umsonst gelebt hat! Abgesehen von diesen außerordentlichen Freuden werden den Mädchen noch die von den Damen der Bourgeoisie vielgepriesenen Annehmlichkeiten des Dienstes zu Theil: hoher Lohn, gutes Essen, anständige Behandlung, bildender Einfluß der Herrschaft 2c. Werfen wir zunächst einmal einen Blick auf die Höhe des Lohnes. In einem bürgerlichen Haushalt werden einem Mädchen selten mehr als 150 bis 180 Mt. gezahlt. Das ergiebt eine Summe von 12,50 Mt. bis 15 Mt. im Monat oder 2,90 Mt. bis 3,45 Mt. in der Woche oder 41 bis 49 Pfg. pro Tag oder 2½½2 bis 3 Pf. pro Stunde bei 16stündiger Arbeitszeit. In den meisten Fällen hat das Mädchen den ganzen Tag über keine freie Minute für sich. Pausen giebt es nicht. Die Herrschaft hat das Recht, so viel Arbeit als möglich aus dem Mädchen herauszupressen. Es sind uns Fälle bekannt, daß Mädchen, nachdem sie die Hausarbeit besorgt hatten, noch zur Anfertigung feiner Häkeleien u. dergl. m. für Geschäfte angehalten wurden. Den Profit aus dieser Arbeit strich natürlich die gnädige Frau ein. Ebenso fragwürdig ist es meist um die Kost bestellt. Das Mädchen erhält die halberkalteten, von allen Tellern zusammengefragten Reste, oft sogar auf unsauberem Geschirr. Die Herrschaft würde sich natürlich hüten, ein Eßgeräth zu gebrauchen, welches das Mädchen bereits benutzt hat. Als angemessener Aufenthaltsort des Mädchens für die Nacht wird in neunzig unter hundert Fällen, besonders in den Großstädten, der berüchtigte Hängeboden bestimmt, ein dumpfer, lichtloser, von Ungeziefer wimmelnder Raum, der oft so niedrig ist, daß man sich im Bette nicht aufrichten kann, ohne an die Decke zu stoßen. Von„ bildendem" Einfluß der Umgebung kann bei schwerer Hausarbeit ebenso wenig die Rede sein, wie draußen auf dem Paradeplatz bei dem blöden, geisttödtenden Drill unserer Brüder im bunten Rock. Dazu kommt, daß das Mädchen für Alles in der That gewöhnlich für„ Alles" in Anspruch genommen wird, sogar für die Befriedigung der unsauberen Gelüste des Hausherrn oder seiner erwachsenen Söhne. Nicht zum wenigsten ist dieser Umstand daran schuld, daß ein großer Theil der Prostituirten sich aus den Reihen der Dienstmädchen rekrutirt. Das Berliner Polizeipräsidium stellte von 1871 bis 1878 genaue Ermittelungen über die Herkunft und die frühere Beschäftigung der damals eingeschriebenen Prostituirten an. Da zeigte sich denn, daß die Dienstmädchen mit dem zweithöchsten Prozentsatz, nämlich mit nahezu 36 Prozent, unter den Prostituirten vertreten waren. Die große Mehrzahl dieser Unglücklichen war von ihren Herren verführt und dann- vielleicht in schwangerem Zustande verlassen worden. Da sie nach ihrem ersten Fall nicht so leicht wieder Stellung fanden, sanken sie bald immer tiefer. Anderen, die glücklicher waren, gelang es, sich noch einige Zeit über Wasser zu halten, indem sie sich nach der Geburt ihres Kindes als Ammen vermietheten, d. h. für Geld entzogen sie ihren eigenen Kleinen die durch nichts zu ersetzende mütterliche Pflege und nährten ein fremdes Kind, das Kind reicher Eltern, mit den gesunden Säften ihres Körpers. Wenn ihr eigener Sprößling in der Folge unter den sachkundigen Händen der Engelmacherin zu Grunde ging, so war das eben eine Schickung des Himmels". Am schlimmsten sind unstreitig die ländlichen Dienstboten daran. Ihre Löhne sind noch niedriger, ihre Arbeit ist schwerer, die Behandlung schlechter- soweit dies möglich ist als die ihrer Schwestern in der Stadt. Wenn die Leibeigenschaft auch dem Namen nach längst aufgehört hat, in der Praxis besteht sie auf dem platten Lande noch immer. Bürgerliche Schönfärber, deren Unwissenheit nur von ihrer Frechheit übertroffen wird, bezeichnen diese Zustände als„ patriarchalische". In ihrer übergroßen Mehrheit werden die Dienstmädchen einmal durch ihre lange, harte und anstrengende Arbeit daran gehindert, sich für die Vorgänge in der Welt zu interessiren, dann aber auch durch die Einwirkung der Herrschaft, die sie geflissentlich von jeder geistigen Anregung durch gute Bücher oder Zeitungen fern hält. Dennoch geschah es hier und da einmal, daß zum Schrecken aller guten Spießbürger eine Dienstmädchenbewegung auftauchte. Als im Jahre 1848* sich eine große Anzahl von Gewerken zusammenthat, um sich in Versammlungen über die politischen Fragen aufzuklären, verfiel ein bürgerlicher„ Spaßmacher" auf den Einfall, im„ Leipziger Tageblatt" eine Dienstmädchenversammlung anzuzeigen. Er hatte damit nichts weiter als eine Verhöhnung der Arbeiterbestrebungen beabsichtigt. Die Sache kam jedoch anders. Es erschienen etwa 300 Dienstmädchen in der Versammlung, und drei von ihnen schilderten die Ueberlastung, der sie Tag für Tag ausgesetzt seien. Namentlich die Kindermädchen, so wurde ausgeführt, seien schlimm daran, sie hätten bis 10 Uhr Abends die Kinder zu hüten und dann noch am Waschfasse zu stehen. Von 5 Uhr Morgens an müßten sie mit einem Butterbrote bis Mittags aushalten u. s. w. Die betreffende Versammlung faßte keinen Beschluß. Den Leipziger Bourgeois aber war das Lachen vergangen, als sie gesehen, wie aus dem„ Ult" bitterer Ernst geworden war. Unsere österreichischen Genossinnen haben bereits vor längerer Zeit eine Dienstmädchenbewegung ins Leben gerufen. Wenn bei der schmachvoll abhängigen Stellung der weiblichen Dienstboten auch nicht sofort greifbare Erfolge zu erzielen waren, so genügte doch der erste Anstoß, um eine stille aber rege Agitation von Mund zu Mund hervorzurufen, deren Früchte nur sehr langsam, aber sicher reifen. wie In Deutschland zeigen sich ebenso wie in Desterreich wir bereits Eingangs hervorhoben die ersten Ansätze dazu, daß auch die Dienstmädchen zum Verständniß ihrer Klassenlage erwachen. Diese Ansätze gilt es in nicht rastender Arbeit zu pflegen, damit eines Tages auch die weißen Sklavinnen sich dem großen Heere der Unterdrückten und Ausgebeuteten einreihen, die sich eine freie, glückliche Zukunft erkämpfen wollen. Die Arbeiterinnenbewegung in Desterreich. Der Anstoß zu der österreichischen Arbeiterinnenbewegung, die sich anerkanntermaßen durch ihre Zielflarheit und Energie auszeichnet, wurde nicht durch eine sogenannte Frauenbewegung gegeben, also durch eine rein bürgerliche Reformbewegung, vielmehr durch die sozialistische Arbeiterbewegung, also durch eine revolutionäre Bewegung. Im Gegensatz zu anderen Ländern war in Desterreich eine bürgerliche Frauenbewegung nicht vor einer Arbeiterinnenbewegung vorhanden, sondern umgekehrt, erst nach den kräftigen Lebensäußerungen der Arbeiterinnenbewegung kam es auch hier zu einer bürgerlichen Frauenbewegung. Die österreichische Arbeiterinnenbewegung ist deshalb auch in ihren Anfängen nicht frauenrechtlerisch angetränkelt gewesen, frauenrechtlerische Gesichtspunkte waren in ihr nie maßgebend, von ihrem Beginn an stand sie auf dem Boden, auf dem sie heute steht und stehen muß, so lange es eine kapitalistische Gesellschaft giebt: auf dem Boden der revolutionären Sozialdemokratie. Von jeher war sie in reinlicher Scheidung von der bürgerlichen Frauenrechtelei getrennt, deren bei weitem meiste Ziele ihr als einseitig und praktisch werthlos für die Frauen des Proletariats erscheinen mußten, so sehr sie auch für die bürgerlichen Frauen ihre Berechtigung haben. Dagegen stellte sie sich als Seitenflügel der sozialdemokratischen Arbeiterpartei dar, entwickelte sie sich in inniger Fühlung, Kampfes- und Zielesgemeinschaft mit dieser. Die Haltung der österreichischen klassenbewußten Arbeiter trug dazu wesentlich bei. Sehr bald sahen sie in den proletarischen Frauen nicht blos die gleich ausgebeuteten und verknechteten Klassengenossinnen, d. h. Leidensgenossinnen, sondern auch die werthvollen Mitstreiterinnen im Emanzipationskampf der Arbeit. Sie ließen daher die Frauen als gleichberechtigt in den kämpfenden Organisationen zu, sie traten dafür ein, daß das Klassen bewußtsein der proletarischen Frauenwelt geweckt, ihr das Evangelium des Sozialismus verkündet wurde, kurz, sie begünstigten und förderten Alles, was die Masse der Proletarierinnen zu zielbewußten Trägerinnen freiheitlichen Strebens machte. Während die bürgerlichen Frauen in ihren eigenen Kreisen keine sonderliche Unterstützung finden und oft genug wegen ihrer Emanzipationsbestrebungen mit den eigenen männlichen Verwandten einen harten Strauß bestehen müssen, gilt für die Arbeiterinnen das gerade Gegentheil. Was sie bis heute errungen haben, was ihrer Bewegung Selbständigkeit und Festigkeit verleiht, verdanken sie zum großen Theil der moralischen und thatsächlichen Unterstützung seitens der Männer. Die österreichischen Profetarierinnen erkennen das an und bethätigen ihrerseits ein lebendiges Solidaritätsgefühl mit allen Bestrebungen der Arbeiter. Auch dort, wo für sie selbst ein unmittelbarer Vortheil, ein unmittelbares Interesse nicht vorliegt, kämpfen sie ebenso eifrig und energisch mit, wie die an der Aktion unmittel167 bar interessirten Männer. Ich erinnere hier nur an die Wahlrechtsbewegung, deren Großartigkeit und Mächtigkeit gewiß vor allem auf Rechnung der numerisch stärker betheiligten Männer zu setzen ist, die aber durch die Frauen jederzeit lebhafte und kräftige Unterstützung gefunden hat. Im Vorjahre, als die Wellen der Wahlrechtsbewegung gar gewaltig ans Parlament schlugen, fanden z. B. unter anderem an einem Tage in einem Etablissement zwei Wahlrechtsversammlungen statt: die eine als Volksversammlung, die andere als Frauenversammlung. Aber zwischen beiden war kein Unterschied zu bemerken. Beide große Säle bis ans letzte Winkelchen gefüllt: da und dort Frauen, da und dort Männer. Viele Wahlrechtsversammlungen waren von Frauen einberufen, wurden von Frauen geleitet, hatten Frauen als Referentinnen. Bei allen Demonstrationen, bei der Märzfeier und Maifeier, bei Protestversammlungen, in Arbeitervereinen aller Art, in den gewerkschaftlichen Organisationen, überall findet man dasselbe einträchtige Zusammenwirken von Männern und Frauen. Sie arbeiten zusammen in den Ausschüssen der Vereine, sie sind miteinander in Bezirksorganisationen, in Lokalorganisationen, in den Landesausschüssen thätig. Eine Reihe von Genossinnen, von denen die meisten aus dem„ Arbeiterinnen Bildungsverein" hervorgegangen sind, entfalten eine sehr rege agitatorische Thätigkeit, halten Versammlungen in den Hauptstädten und in der Provinz ab, gründen Organisationen und beeinflussen in günstigster Weise deren Entwicklung und Thätigkeit. " Durch die Gründung des Frauen- Organisationskomites" ist es gelungen, eine gewiße Regelung in die geschäftlichen, agitatorischen und organisatorischen Angelegenheiten zu bringen. Dieses Komite besteht aus Mitgliedern der verschiedenen Bezirksvereine und Branchen- Organisationen. Seine verständige Thätigkeit hat viel dazu beigetragen, die Einigkeit zwischen Genossen und Genossinnen noch zu kräftigen, ein organisirtes Arbeiten zu erleichtern und die Grundlage für eine zielbewußte Betheiligung der Frauen an der gewerkschaftlichen und politischen Arbeiterbewegung zu schaffen. Nicht zuletzt ist es die Presse, die ein wesentliches Verdienst daran hat, daß in den letzten zwei Jahren die Bewegung größer und mächtiger geworden ist, daß die Gleichgiltigkeit der in Fabriken und Werkstätten beschäftigten Arbeiterinnen zu weichen beginnt. In allen größeren Fabriken, wo Frauen arbeiten, giebt es wenn auch oft nur in geringer Zahl Abonnentinnen auf die österreichische ,, Arbeiterinnen- Zeitung". Die Furcht vor Denunziation, vor einer Maßregelung, hindert vielfach, daß das Blatt frei in den Fabriken verbreitet wird. Trotz alledem dehnt sich der Leserkreis der ,, Arbeiterinnen- Zeitung" immer mehr aus, Dank der Ausdauer und Opferfreudigkeit der kämpfenden Genossinnen und Genossen. Die Frage, ob sich die Frauen besser nur an der gewerkschaftlichen Bewegung betheiligen sollten, wurde wohl innerhalb der österreichischen Arbeiterinnenbewegung erörtert, hat aber keinen Einfluß auf sie geübt. Ein Theil der Frauen wünschte allerdings, daß sich die weiblichen agitatorischen Kräfte mehr in den Dienst der gewerkschaftlichen Bewegung stellen und ihr Wirken auf Fach- oder doch Bildungsvereine konzentriren möchten. Im Allgemeinen überwog aber doch bei weitem die Ansicht, daß sich die Arbeiterinnen, ebenso wie die Arbeiter, sowohl auf politischem wie auf gewerkschaftlichem Gebiete bethätigen müßten. Gewerkschaftliche und politische Bewegung sind nur zwei verschiedene, einander ergänzende Seiten ein und des nämlichen Kampfes für die Befreiung der Arbeit. Die Arbeiterin aber wird durch ihre Lebensverhältnisse dazu gezwungen, auf wirthschaftlichem und auf politischem Gebiete Seite an Seite mit ihrem Klassentgenossen zu streiten, denn durch die gewerkschaftliche Organisation muß sie ihres Lebens Nothdurft vertheidigen, durch den politischen Kampf muß sie ihre endgiltige Befreiung erringen. Wie in der österreichischen Arbeiterbewegung überhaupt kein Gegensatz zwischen Nurgewerkschaftlern" und" Nurpolitikern" zu Tage getreten ist, so sucht auch die Arbeiterinnenbewegung die Masse der Proletarierinnen gleichzeitig den gewerkschaftlichen Organisationen und dem politischen Kampf zuzuführen. Die nämlichen Genossinnen, welche an der politischen Agitation hervorragenden Antheil nehmen, wirken auch energisch für die gewerkschaftlichen Organisationen, in denen sie nicht selten irgend ein Amt bekleiden. Der erste österreichische Gewerkschaftskongreß, der zu Weihnachten 1893 in Wien stattfand, zeigte, daß leider nur ein ganz geringer Prozentsatz der Arbeiterinnen gewerkschaftlich organisirt ist. Wenn man aber bedenkt, in wie kurzer Zeit die gewerkschaftliche Bewegung in Desterreich einen so erfreulichen Aufschwung genommen hat, und wenn man sieht, mit welcher Thatkraft an der Aufklärung der Arbeiterinnenmassen gearbeitet wird, so kann man wohl hoffen, daß die * Siche ,, Die deutsche Revolution" von Wilhelm Blos( Stuttgart, Frauenbewegung auf gewerkschaftlichem Gebiete sich in aufsteigender J. H. W. Dietz). Linie entwickeln wird. Viel muß hier noch gethan werden, aber es Nr. 22 der ,, Gleichheit" gelangt am 31. Oktober 1894 zur Ausgabe. wird gethan werden, dafür bürgt der Charakter unserer Bewegung. Aus dem Bericht, den die österreichische Parteivertretung anläßlich des letzten sozialdemokratischen Parteitags erstattete, geht hervor, daß in Wien allein in den verschiedenen Organisationen 2800 Frauen Mitglieder sind, und daß außerdem den tschechischen Organisationen 268 Frauen angehören. Die tschechischen Genossinnen haben ihr eigenes Organ, das sich einer nicht unbeträchtlichen Verbreitung erfreut. Die Arbeiterinnenbewegung hat von Wien aus auch in die Provinz übergegriffen und entwickelt sich hier recht erfreulich. So wurden jüngst in Linz und in Graz Arbeiterinnen- Bildungsvereine gegründet, welche schon eine verhältnißmäßig ansehnliche Mitgliederzahl aufweisen. Was der Arbeiterinnenbewegung in Desterreich, man möchte sagen, ein fast offizielles Ansehen giebt, ist der Umstand, daß sich die bürgerliche Presse wie die Behörden auf das Eingehendste mit ihr und besonders mit den weiblichen agitatorischen Kräften beschäftigen. Desgleichen natürlich das Fabrikantenthum, das die„ aufreizenden Weiber" dorthin wünscht, wo der Pfeffer wächst. Es giebt sogar Gegner der Sozialdemokratie, welche die Agitation der Männer derjenigen der Frauen vorziehen, weil lettere weit aggressiver sind, schärfer und leidenschaftlicher vorgehen. Wie ernst die Behörden die Frauen und ihre Thätigkeit auffassen, geht schon aus der Thatsache hervor die zu unserem Vereinsgesetz in einem merkwürdigen Gegensatz steht, daß die Frauen ebenso politisch verantwortlich gemacht werden, wie die Männer, ebenso unter den politischen Verfolgungen zu leiden haben, wie sie. Dieselben Frauen, die auf Grund des famosen§ 30 unseres Vereinsgesetzes nicht einmal Mitglieder einer politischen Organisation sein dürfen! Reif sind sie, die öffentliche Ruhe und Ordnung zu untergraben, reif politische Verbrechen zu begehen, reif genug, der heutigen gesellschaft lichen Ordnung gefährlich und den Behörden unbequem zu werden, aber unreif nach dem Gesetze politisch thätig zu sein. Naive Staatsanwälte meinen, daß dadurch, daß man eine Genossin nach der anderen ins„ graue Haus" vorladet, sie einsperrt, oder einschüchtert durch die Aussicht auf Abschiebung in die Heimathsgemeinde, die Bewegung eingedämmt, die Agitation gelähmt werden kann. Nun, bis jetzt hat unsere Arbeiterinnenbewegung nur an Umfang, Tiefe und Klarheit gewonnen, trotz aller behördlichen Machenschaften. Daß man Versammlungen, in welchen Frauen referiren, auflöst, verbietet, unmöglich zu machen sucht, das sind alltägliche Vorkommnisse. Eine schöne Gleichberechtigung des Geschlechts beobachten die Behörden auch in puncto ihrer Chikanen gegen die Presse. Wie irgend ein sozialistisches Blatt wird auch die Arbeiterinnen- Zeitung" so oft als möglich und bei den österreichischen Staatsanwälten ist bald etwas möglich, konfiszirt. Die bürgerliche Presse begeifert und beschimpft natürlich in nichts weniger als wählerischer Weise die Genossinnen. Besonders als diese auch der Dienstbotenfrage ihre Aufmerksamkeit in einer für die„ deutsche Hausfrau" unangenehmen Weise widmeten, trieften die bürgerlichen Blätter von Gemeinheit, Lügenhaftigkeit und persönlichen Angriffen gegen die Referentinnen der Dienstbotenversamm lungen, deren man in kurzer Zeit vier abhielt, wovon eine aufgelöst ward. Mit breitem Behagen veröffentlichten sie die„ Berichtigungen", durch welche sich die deutschen Hausfrauen" gegen die sozialistischer seits erhobenen Angriffe und Anschuldigungen„ energisch verwahrten", d. h. zusammenerlogene Versuche, die Thatsachen auf den Kopf zu stellen, die Dienstbotenverhältnisse als paradiesisch zu zeigen. Freilich konnten damit nicht Gerichtsverhandlungen weggelogen werden, die den Nachweis erbrachten, daß Damen der besten Gesellschaft ihre Dienstmädchen mit Eisenstangen schlagen, Fabrikantengattinnen ihre Dienstmädchen mit Ohrfeigen traktiren und doch freigesprochen werden, weil in Desterreich die Dienstboten Ordnung von 1810 den Herrschaften das Züchtigungsrecht verleiht. Die Entrüstung und Wuth, mit welcher die besitzende Klasse und ihre Zuhälter über die sozialistische Propaganda der Frauen herfallen, spricht nur dafür, wie sehr diese Elemente das Erwachen der proletarischen Frau und ihren Eintritt in den Kampf fürchten, spricht dafür, welche Bedeutung sie unfreiwillig der Arbeiterinnenbewegung beilegen. Uebrigens ist dieser auch die Ehre widerfahren, von den bürgerlichen Frauenrechtlerinnen als ein Muster der Disziplin, Solidarität und Energie hingestellt und zur Nachahmung empfohlen zu werden. Gewiß, in Desterreich ist die Arbeiterinnenbewegung bereits ein Faftor geworden, mit dem man in dem proletarischen Befreiungstampfe rechnen kann und rechnen muß. Die österreichischen klassenbewußten Arbeiterinnen wissen das und kommen den ihnen obliegenden Pflichten mit Begeisterung nach. In Desterreich existirt nur formell eine besondere Arbeiterinnenbewegung, ihrem Wesen nach ist dieselbe identisch mit der sozialdemokratischen Bewegung. Es spielt sich nur ein Kampf ab, der für 168 Arbeiterinnen wie Arbeiter die gleiche Bedeutung hat, von beiden mit gleicher Energie geführt werden muß. Wo besondere Interessen des einen Theils sich geltend machen, kann er der Unterstützung des anderen Theils versichert sein und umgekehrt. So haben Proletarier und Proletarierinnen gemeinsame Arbeit, gemeinsamen Kampf, gemeinsame Wege, gemeinsame Ziele. Das Verhältniß, welches zwischen der allgemeinen sozialdemokratischen Arbeiterbewegung und der Arbeiterinnenbewegung besteht und die Erfolge, welche lettere errungen hat, werden trefflich durch die folgende Stelle des Parteiberichts charakterisirt. " ,, Ein wichtiger Charakterzug der österreichischen Arbeiter- Bebewegung", so heißt es da, der sich in den letzten Jahren immer mehr ausbildete, ist die Organisation der weiblichen Arbeiter. Wir dürfen mit Stolz sagen, daß sich vielleicht in gar keinem anderen Lande die Heranziehung und Einreihung der Proletarierinnen mit gleich großem Erfolge und ohne die dabei sonst vorkommenden Störungen und Unzukömmlichkeiten vollzog. In allen Orten, wo es überhaupt eine sozialdemokratische Bewegung giebt, hat sich auch bereits ein fester Kern für die Frauenorganisation gebildet, der überall ohne separatistische Gelüste durchaus in Reih und Glied der allgemeinen Organisation steht. Ihr entsprang eine Anzahl von agitatorischen Kräften, welche die volle Anerkennung nicht nur von Seite der Parteigenossen verdienen, sondern deren Thätigkeit auch die Behörden durch wiederholte und schwere Verfolgungen konstatirten." Das Lob, das aus diesen Worten spricht, und das auch insbe sondere die deutschen Genossen Singer und Bebel auf dem Wiener Parteitage der österreichischen Arbeiterinnenbewegung ausgesprochen haben, veranlaßt unsere Genossinnen, nicht in müßiger Selbstbefriedigung auf das Geleistete zurückzuschauen. Die Anerkennung wirkt vielmehr als Ansporn für das fünftig zu Schaffende. Die Stellung, die sich die österreichische Arbeiterinnenbewegung errungen hat, sie muß und wird durch den Muth und den Eifer, die Opferfreudigkeit und Begeisterung der Genossinnen und durch die kräftige Unterstützung der Partei erhalten bleiben, sie wird der Ausgangspunkt sein für weitere Fortschritte, für weitere Erfolge. Wien. Literarisches. Charlotte Glas. Agnes Wabuit. Von B. Glogau. Eine Frauenstimme aus der Bourgeoisie. Unter obigem Titel ist in den letzten Wochen eine Broschüre erschienen und auch in der Arbeiterpresse vielfach annoncirt worden. Wir möchten unsere Genossinnen nachdrücklich davor warnen, mit ihren sauer ersparten Groschen auf das ganz werthlose Machwerk hineinzufallen. Für 50 Pfennig bietet das Schriftchen auf 35 Seiten nichts als sentimental- überschwengliche, hohle, zum Theil geradezu sinnlose Deklamationen. In ihrem Rahmen erscheint unsere hochherzige, tapfere Genossin ( Wabnitz zur süßlich-rührseligen Romanfigur verzerrt, wie sie etwa die Phantasie eines sehr jungen und sehr geschmacklosen Backfisches ergötzen fann. Die Ideen, welche die Verstorbene so unentwegt bis zu ihrem letzten Athemzuge verfochten hat, sind zu einer platten, farblosen, einseitigen Moralmeierei verballhornisirt, die es Genossin Wabnitz erlaubt hätte, Arm in Arm mit einem der ersten besten mucerischen Sittlichkeitsvereine zu marschiren. Daneben wird diese auch noch zur Vorkämpferin der ausschweifendsten Verhimmelung des Judenthums umgedichtet, eine VerhimmeTung, die der Sozialistin Wabnitz ebenso fern gelegen hat, wie der blöde Antisemitismus. Wäre Agnes Wabnitz die verschrobene Persönlichkeit gewesen, zu der sie die Verfasserin stempelt, hätte sie nur so gemeinplätzliche oder einseitig auf die Spige getriebene Ideen vertreten, wie sie zur Charakterifirung ihres Standpunkts B. Glogau mit bemerkenswerthem Ungeschick ,, in seliger Erkenntniß" aus den Reden der Verblichenen herausgreift, so wäre ihr Wirken und ihr Erfolg innerhalb der deutschen sozialistischen Arbeiterbewegung ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, so hätte sie sich nicht die Liebe und Anerkennung des deutschen Proletariats bis über das Grab hinaus gesichert. Wir glauben nur im Sinne der geschiedenen, so bescheidenen, schlichten Agnes Wabnitz zu handeln, wenn wir den Genossinnen rathen, ihre paar Pfennige statt für die fragliche Broschüre für irgend eine andere Schrift auszugeben, die ihnen in Gestalt von Wissen Waffen im Kampfe für ihre Befreiung liefert. In der deutschen sozialistischen Literatur ist wahrlich kein Mangel an solchen Schriften. Quittung. Zu Agitationszwecken 10 Mark von den Nürnberger Genossinnen erhalten zu haben, bescheinigt dankend Die Frauen- Agitations- Kommission Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zetkin( Eißner) in Stuttgart. Druck und Verlag von J. H. W. Dieg in Stuttgart.