Nr. 2. Die Gleichheit. 5. Jahrgang. Zeitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Herausgegeben von Emma Ihrer in Pankow bei Berlin. Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nro. 2756) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf. Stuttgart Mittwoch, den 23. Januar 1895. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Genofsinnen, Genossen! Wie Euch Allen bekannt sein wird, fordert die sozialdemofratische Reichstagsfraktion, getreu dem Programm ihrer Partei, in zwei Initiativanträgen bezüglich der Volksvertretungen der Bundesstaaten und des Vereins- und Versammlungsrechts gleiche politische Rechte für die Frau, wie für den Mann. Her mit dem Vereinsund Versammlungsrecht für das weibliche Geschlecht, erklärt die Sozialdemokratie, denn die proletarische Frau bedarf seiner, um fich behufs Vertheidigung ihrer wichtigsten Lebensinteressen aufklären und organisiren zu können, insbesondere aber und nicht zum wenigsten, um gewerkschaftlich mit den Arbeitern zusammen gruppirt den wirthschaftlichen Kampf gegen das Unternehmerthum aufzunehmen! Her mit dem Wahlrecht für das weibliche Geschlecht, denn die proletarische Frau muß in den Stand gesetzt werden, zusammen mit bem Mann ihrer Klasse auf politischem Gebiete durch Beeinflussung der Gesetzgebung um ihr Brot kämpfen, durch Eroberung der politischen Macht seitens ihrer Klasse ihre volle soziale Befreiung erringen zu können! Nicht nur vom Standpunkte eines ideologischen Gerechtigkeitsprinzips aus tritt sie mit aller Energie für die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts ein, sondern im wohlverstanbenen Klasseninteresse des Proletariats. Täglich wird es mehr von ausschlaggebender Bedeutung, daß die proletarische Frau an der Seite des proletarischen Mannes die wirthschaftlichen und politischen Schlachten ihrer Klasse in treuer, begeisterter Kampfesgemeinschaft mit schlagen hilft. Genoffinnen! Wie oft, wie so sehr oft habt Ihr es bitter empfunden, daß Euch in Folge der politischen Rechtlosigkeit Eures Geschlechts die wichtigsten Waffen mangeln das freie Vereinsund Versammlungsrecht, das Wahlrecht mit denen das Prole tariat tämpfen muß und siegen wird. Fortwährend müßt Ihr damit rechnen, daß man Eure Organisationen erdrosselt, Eure Zusammenfünfte auflöst, Eure Anwesenheit in Versammlungen verbietet. Gure politische Rechtlosigkeit als Frauen muß als Vorwand herhalten für Eure Entwaffnung, Eure Knebelung als klassenbewußte, tämpfende Proletarierinnen. Genossen! Wie oft habt Ihr nicht bedauert, daß die prole: tarischen Frauen sich als Streitgenossinnen nicht in dem Maße bethätigen können, als es das Interesse des Proletariats erheischt, weil sie wie Unmündige und bürgerlich Ehrlose politisch rechtlos find. Genossinnen, Genossen! Es liegt im Interesse des einen Ziels, dem Ihr gemeinsam zustrebt, daß Ihr in gewohnter Einmüthigkeit fraftvoll und entschieden die erwähnten Anträge Eurer Reichstagsfraktion unterstüßt. Zu diesem Zwecke ist eine energische Agitation im ganzen Reiche zu entfalten. Ueberall, wo es klassenbewußte Proletarier giebt, sind in nächster Zeit öffentliche Volksversammlungen zu veranstalten, welche sich mit der Bedeutung des Wahlrechts, des Vereins- und Versammlungsrechts für die Frauen des Proletariats befassen, um im Anschluß an die Anträge der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion von den gefeßgebenden Gewalten die entsprechenden Reformen zu fordern. In Berlin finden Ende Januar vier Versammlungen statt, in denen die Forderung erhoben wird: Her mit dem Wahlrecht Zuschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" sind zu richten an Fr. Klara Zetkin( Eißner), Stuttgart, RothebühlStraße 147, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. für das weibliche Geschlecht! Andere Versammlungen werden folgen, in denen das Vereins- und Versammlungsrecht für die Frauen verlangt wird. Genossinnen, Genossen! Organisirt allerorten ähnliche Verſammlungen, sorgt angelegentlich dafür, daß dieselben sehr zahlreich von proletarischen Frauen besucht werden, daß diese laut, unzweideutig und fräftig allerorten die gleichen Forderungen erheben. Gewiß, wir geben uns keinen Illusionen über das Zustandekommen der einschlägigen Reformen hin. Die politische Befreiung des weiblichen Geschlechts widerstreitet den Interessen der Kapitaliſtenklasse, weil sie den proletarischen Frauen Waffen ausliefert, dem Heere der proletarischen Klaffenkämpfer neue Streiter zuführt. Das zopfigste Vorurtheil gegen das weibliche Geschlecht ist gerade in Deutschland besonders stark. Klasseninteresse und Vorurtheil verbündet fallen nicht auf den ersten stürmenden Anlauf. Aber wieder und wieder wird und muß die Sozialdemokratie den Anſturm wagen, bis ihr endlich der Sieg geworden ist. Genossinnen, Genossen! Wir sind überzeugt, daß Ihr überall in gewohnter Pflichttreue, begeisterter Opferfreudigkeit und zäher Ausdauer auf dem Posten seid! Fröhlicher Muth! Vorwärts! Die Berliner Frauen- Agitations- Kommission. Die Redaktion der„, Gleichheit". Ans Werk! Die Arbeiterpresse wird um Abdruck gebeten. König Stumm. Frankreich hat seinen Perier, Deutschland seinen Stumm. Hier wie da ist es ein Vollblut- Großkapitalist, welcher, wir wollen nicht sagen herrscht, aber den Ton angiebt, nach welchem regiert wird. Es war deshalb keine zufällige, sondern eine tief in dem Wesen der Verhältnisse begründete und äußerst kennzeichnende Erscheinung, daß König Stumm als Erster seitens der großen staatserhaltenden" Parteien das Wort in den Debatten über den politischjuristischen Wechselbalg„ Umsturzvorlage" ergriff. Durch ihn und aus ihm sprach das Großkapital, das noch herrscht, das sich noch im Vollbesitz aller Machtmittel befindet, aber bereits den Boden unter seinen Füßen wanken fühlt und Alles auf die eine Karte der brutalften Gewaltpolitik segen will. Was erklärt denn die hervorragende, um nicht zu sagen aufdringliche Rolle, welche König Stumm in unserem öffentlichen, in unserem politischen Leben spielt? Keineswegs seine persönlichen Fähigkeiten, nichts weniger als seine persönlichen Leistungen auf irgend einem Gebiet, insbesondere durchaus nicht sein Wissen und Thun als Politiker. Einzig und allein sein Besiz, sein Riesenbesig. Wem die kapitalistische Wirthschaftsweise durch die Ausbeutung proletarischer Arbeitskräfte den großen Geldsack gegeben hat, dem giebt die kapitalistische Gesellschaft Einfluß und Amit auch ohne die Gabe des Verstandes, die leider nur in dem bekannten Sprichwort eine stete Begleiterscheinung von Einfluß und Amt ist. König Stumm's politische Rolle beweist dies höchst lichtvoll. Wer ist Herr Stumm als Person? Seinem öffentlichen Auftreten nach offenbar ein ganz gewöhnlicher Durchschnittsmensch, aus 10 gerüstet mit der Durchschnittsbildung der Bourgeoisie, ohne Blick und Verständniß für die großen Zeit- und Streitfragen, welche unter dem Hauch des geschichtlichen Werdens emporsprossen, ohne eigene, noch weniger aber große, geistvolle, fruchtbare Ideen, ohne eigenen originellen und ausdrucksvollen Stil. Wer ist Herr Stumm als Großkapitalist? Der Kaiserberather Stumm, der einflußreiche, für den politischen Kurs maßgebende Parlamentarier Stumm, der König Stumm, der Selbstherrscher über viele Tausende in Neunkirchen, einem Staat im Staate, hinter dessen Grenzen alle allgemeinen Gesetze über bürgerliche Freiheiten ihre Giltigkeit verlieren, hinter dessen Grenzen nur ein Wille gilt: der Wille des ausbeutenden Arbeitsherrn. König Stumm ist keine Person, er ist ein Typus, er ist der typischste Vertreter des Großkapitals, seine Verkörperung zu Fleisch und Blut. Und so farblos und nichtssagend der Herr als Individualität ist, so bedeutsam und charakteristisch ist er als Typus seiner Kaste. Unter diesem Gesichtswinkel muß man König Stumm's letzte Rede gegen den Umsturz auffassen, unter diesem Gesichtswinkel allein wird sie in ihrer vollen protzigen Dummdreistigkeit begreiflich. Diese Rede war alltäglich bis zur ödesten Banalität, gemeinplätzlich bis zur völligen Geistesarmuth, sie war maßlos bis zur Brutalität, offen bis zum Zynismus. Und in all diesen ihren charakteristischen Eigenschaften war sie ein Ausdruck der Verfassung, des Dichtens und Trachtens der Ideen und Bestrebungen der winzigen großkapitalistischen Minderheit. Der Polarstern dieser Minderheit ist der Profit, und der brünstig begehrte, mit allen Mitteln erstrebte Profit schwillt um so strotzender an, je rücksichtsloser und umfassender die Ausbeutung der Arbeiter und Arbeiterinnen ist, je vollständiger ihre Knechtschaft. Deshalb fort mit allen Einrichtungen, welche das Proletariat gegen die Auspressung und Verwüstung seiner Kiäfte schützen! Fort mit allen Rechten, mittels deren die Habenichtse sich ihrer Haut wehren! Vernichtung der Partei, welche als Führerin und Vorkämpferin der Enterbten auf dem Plan steht, die Beschränkung der Plusmacherei in der Gegenwart, ihre Beseitigung in der Zukunft erstrebt und zu diesem Zwecke der werkthätigen Masse, den richtigen Gebrauch der Waffen, der bürgerlichen Freiheiten, lehrt! So gab Herr Stumm als Typus seiner Kaste seiner sittlichsten Entrüstung darüber Ausdruck, daß seinerzeit durch Ablehnung des berüchtigten Kontraklbruchparagraphen die Ausbeutung und Unterwerfung der Arbeiter nicht noch vollständiger gemacht wurde, als sie ohnehin schon ist. So sprach er in komischem Ingrimm von der Gewerbeordnung als von einem„Ausnahmegesetze gegen die Arbeitgeber". Man denke: unsere schwächliche, verunglückte Gewerbeordnung, unser Arbeitertrutzgesetz! So tobte er gegen die Preßfreiheit und das Koalitionsrecht. Gegen die Preßfreiheit, die in Deutschland ach! gar ein so lendenlahmes, dürftiges Geschöpfchen ist, das schon längst vor der Grenze des Königreichs Stumm ehrfurchtsvoll Halt macht! Gegen das Koalitionsrecht, das im herrlichen Deutschen Reiche für Hunderttausende von Arbeitern und— Arbeiterinnen erst recht— gar nicht, für Millionen nur nothdürftig vorhanden ist, und das man in Neunkirchen blos als fromnie Sage kennt! So fiel er wüthend über das allgemeine Wahlrecht her, bei dessen Ausübung die Proletarier zwar oft genug— und nicht zum wenigsten in Stumm's Herrschaftsbezirk— durch das kaudinische Joch der Ausbeuter gehen müssen, mittels dessen aber die Arbeite: klaffe doch der Kapitalistensippe auf die Finger zu klopfen und gegen dieselbe seine Befreiung zu erkämpfen vermag. So verfluchte Herr Stumm in blinder Wuth Alles, was den: Großkapital nicht beliebt: die harmlosen, schüchternen Kathedersozialisten und Philanthropen, welche im Namen der Wissenschaft und Humanität hier und da demüthig um bescheidene Reformen flehen; die vereinzelten evangelischen Pfarrer, welche im Namen der Religion eine Milderung himmelschreiender gesellschaftlicher Schäden fordern. Und als Schlachtruf und Ar- muthszeugniß zugleich wieder und wieder das„Loterum eeuseo�: Die Sozialdemokratie muß vernichtet werden, sie muß mit allen Gewaltmitteln vernichtet werden, denn anders ist ihr nicht beizukommen! Zu diesem Zwecke die Aechtung einer Partei, der stärksten des Reiches, die Entrechtung einer ganzen Klasse und eventuell als Zugabe Maßregeln, im Vergleich zu welchen die drohende Zerschmetterung unserer blutarmen politischen Freiheiten als„reines Kinderspiel" erscheinen wird. Die heuchlerische bürgerliche Gesellschaft, welche den Schein so gern wahrt, möchte Stumm's Pronunciamento der nacktesten Gewaltpolitik im Dienste einer Kaste als belanglosen Ausfluß einer überschäumenden Individualität hinstellen. Vergebens. König Stumm hat nichts gesagt, was die kleine Welt der Ausbeuter nicht dächte. Nicht die ungezügelte temperamentvolle Natur eines Heißsporns spricht aus seinen Worten, sondern das beschränkte Protzenthum einer Klasse. Der Geist des Großkapitals war es, der mit und durch Herrn Stumm erklärte: Der Staat bin ich, die Religion bin ich, die Wissenschaft bin ich! Du, werklhätiges Volk, sollst keine andere Götter haben neben mir. Mir sollst du zinsen und frohnden dein Leben lang; von den Brosamen meiner„Wohlthaten" sollst du dir Bettelsuppen kochen; deine Sklaverei sollst du deine Freiheit nennen, für meine Willkür als deinen Segen Dankesworte stammeln! Als Volksvertreter, im Namen des Volkes predigte Herr Stumm behufs Unterjochung des werklhätigen Volkes den Umsturz aller Rechtsbegriffe, die Revolution von oben. Welch bitterer Hohn auf die bürgerliche Freiheit! Denn nicht von Volksvertrauen, nicht von Rechts wegen sitzt Herr Stumm im Parlament. Sind es ja seine eigenen Lohnstlaven, die ihn dorthin entsendeten, weil ihre Stimme eine Waare ist, die ihr Herr und Meister mit ihrer Arbeitskraft zusammen für kärglichen Lohn kaufte. Selbstherrlich und unverantwortlich seinen sogenannten„Wählern" gegenüber, d. h. seinen verknechteten Unterthanen, vertrilt er im Reichstag nichts als das Großkapital, das die Gesellschaft nicht einmal mehr auf Grund seiner wirthschaftlichen Leistungen beherrscht, sondern kraft seiner Finanzmacht. Ein König von Mammonsgewalt! Ein Volksvertreter von Mammonsgewalt! Noch ist er im Vollbesitz seiner Macht, aber schon peinigt ihn das aufkeimende Bewußtsein ihres Schwindens, schon blendet auch ihn der helllohende Schein, in welchem die Götterdämmerung der alten Welt und die Morgenröihe einer neuen Zeit zusammenstrahlen. Und nach Kinderart singt auch er am lautesten, weil ihn die Furcht mit eisernem Griffe gepackt hat. Der Umsturz der Volksrechte im Reichstag. Durch sechs Reichstagssitzungen zogen sich die Redekämpfe, welche in der ersten Lesung um die Umsturzvorlage geschlagen wurden. Es waren keine Kämpfe im großen parlamentarischen Stil. Die Sozialdemokratie hatte es nicht mit ebenbürtigen Gegnern zu thun. Die verfallende bürgerliche Welt erzeugt keine großen Staatsmänner mehr, und wenn sie noch einzelne glänzende Parlamentarier aufweist, so schrumpft deren Bedeutung zusammen, sobald sie Stellung nehmen müssen zur Frage der Frage: zur sozialen Frage. In den sechs Sitzungen ist seitens der Pflegeväter und Anhänger der Umsturzvorlage auch nicht ein Gedanke zu Tage getreten, welcher ein Erfassen des geschichtlichen Lebens beweist. Nichts als Versuche, die Zeit durch den Büttel aufhalten zu wollen. Und diesem Polizeistandpunkt getreu, krampfhafte Bemühungen, als harmlos liebes Geschöpf den juristisch- politischen Wechselbalg darzustellen, dessen Vater der Profithunger der Kapitalisten, dessen Mutter die Furcht vor der Sozialdemokratie ist. Dazu die echt polizeilich-militärische Drohung, die Sozialdemokratie mit allen Gewaltmitteln zerschmettern zu wollen. Mit kühler Geringschätzung, aber dabei wuchtig hat die Sozialdemokratie die Angriffe der Gegner zurückgeschlagen und ihre Kritik über das vorliegende Pfuschwerk hinaus auf die Gesellschaft ausgedehnt, welche sich durch Abwürgung der bürgerlichen Freiheiten die Ruhe einer verdauungsseligen Stimmung sichern will. Zwischen den beiden einander entgegensetzten Lagern führte in gewohnter Weise, aber weniger anmuthig als zu Windthorst's Zeiten, das Zentrum den Eiertanz des Wenn und Aber auf. Die bürgerlichen Oppositionsparteien waren trefflich und scharf in Einzelheiten ihrer Kritik der Vorlage. Als Ganzes genommen war dagegen ihre oppositionelle Haltung schwächlich, im Stile des„Möchte gern und kann doch nicht". Sie konnte sich nicht entschließen, der Regierung durch eine klipp und klare Ablehnung die Vorlage vor die Füße zu werfen. Aeußerst kennzeichnend für den Geist und die Absichten der Umsturzvorlage ist es, daß als ihre vornehmsten Vertheidiger auf- 11 marschirten: König Stumm, der Polizeiminister im Bunde mit Geheimrath Nieberding und der Kriegsminister. Großkapital, Polizei und Militär, das sind die drei Gewalten, die in holder Wahlverwandtschaft die armseligen deutschen Volksrechte umzustürzen suchen. Wir haben König Stumm's ebenso verständnißlose als unverschämte Ausführungen bereits an anderer Stelle gebührend gekennzeichnet. Als Pertreter der Regierung kramte Geheimrath Nieberding bereits in der letzten Sitzung des Reichstags vor Weihnachten behufs Begründung der Vorlage den nachgelassenen Zitatensack des verflossenen Putt- kamer aus.„Olle Kamellen", wie sehr richtig ein Zwischenruf aus bürgerlichem Lager besagte. Nieberding tischte Zitate aus anarchistischen Schriften auf, die vor 2S Jahren verfaßt worden und der Polizei besser bekannt sind, als sonst wem. Dazu Mittheilungen über die drohende anarchistische Gefahr, wie sie ebenfalls der Polizei bekannt und von ihr zum Theil schon sorgsamst gepflegt worden ist. Das Ganze servirt mit bemerkenswerthem Ungeschick und in einer Sauce, die dünn, kraft- und salzlos war. Auch der Justizminister wandelte bei Unterstützung seines Untergebenen die von Putty bereits so ausgetretenen Pfade. Bemerkenswerth, aber nicht neu war seine Aeußerung, das Gesetz richte sich nicht gegen die Arbeiterklasse, nur gegen die bösen„Agitatoren", welche die guten Arbeiter gegen die noch viel besseren Arbeitgeber aufhetzen. Kurz, die Begründung und Vertheidigung der Vorlage durch die Regierungsvertreter war eine ungeschickte Umschreibung der Thatsache, daß man das Gesetz wolle, weil es den gewalthabenden Mächten so beliebe. Mit der rüden Schneidigkeit, welche dem höheren Militär und Junker von Berufsund Geburtswegen der„zivilen Kanaille" gegenüber geziemt, warf sich der Kriegsminister für die Vorlage ins Zeug. Dem Inhalt nach streiften seine Ausführungen zum Mindesten die direkte Aufreizung der Sozialdemokratie zu Gewaltthaten, vom Bürgerkrieg sprach der Mann als von einem„heiteren Bilde". So unverfroren und zynisch wie diesmal sind die auf Säbelhauen und Flintenschießen bezüglichen Herzenswünsche gewisser Kreise im Reichstag noch nicht zum Ausdruck gekommen. Recht lichtvoll wirkte es, daß der Herr Kriegsminister den sozialdemokratischen Abgeordneten gegenüber einen Ton annahm, wie ihn die Unteroffiziere in den Ferienkolonien belieben, der aber Volksvertretern gegenüber am wenigsten am Platze ist. Wenn jemals, so wäre es diesem Ton gegenüber die Pflicht des Präsidenten gewesen, «die Würde des Hauses zu wahren", und das mit aller Energie. Der Vertreter des Zentrums gab, der Politik des Kuhhandels entsprechend, keine bestimmte Erklärung über das Verhalten seiner Partei zur Vorlage ab. Er zerzauste sie hie und da. ließ dann wieder die Möglichkeit einer Verständigung durchblicken— den richtigen Preis dafür vorausgesetzt-, lobte die christliche Wohlthätigkeit über den grünen Klee, griff das liberale Professorenthum an als Vorfrucht der Sozialdemokratie, empfahl die Religion als Allheilmittel gegen die Umsturzgefahr und trat schließlich ab, ohne Ja oder Nein gesagt zu haben.— Geistreiche und zum Theil vernichtende Kritik wurde an der Vorlage geübt seitens der Vertreter der Freisinnigen, der freisinnigen Vereinigung und der süddeutschen Volkspartei(Munckel, Barth und Kröber). Wer diese Kritik liest und den zwieschlächtigen Charakter der bürgerlichen Demokratie nicht kennt, die nicht Vogel, nicht Maus ist, kann die Abstimmung der betreffenden Fraktionen schlechterdings nicht begreifen. Die kleinen Fraktionen des Reichstags— Polen, Welsen, Elsässer, Antisemiten, erklärten sich mehr oder weniger scharf gegen die Vorlage in ihrer jetzigen kautschukähnlichen Fassung. Daß der lebenslängliche„kommende Mann", der die Regierung in der Rolle des werbenden Ritters Toggenburg anschwärmende Bennigsen, der Vorlage den Segen der Nationalliberalen er- theilte, versteht sich am Rande. Seine Rede zeigte, daß die Nationalliberalen ganz und gar auf den oben gekennzeichneten Polizeistandpunkt gesunken sind, sie wollen den Gang der Geschichte nicht begreifen, sondern ihn aufhalten zu Nutz und Frommen der kleinen Kapitalistensippe. Weit über den Leistungen der bürgerlichen Parlamentarier und Staatsmänner auf hohen Befehl stand die dreistündige Rede des »ehemaligen Sattlergesellen" Auer. Von beißendem Humor durchtränkt, kraftvoll, ohne in hohles Pathos zu verfallen, von proletarischem Klassenbewußtsein und Klassenstolz getragen, war sie, dem Inhalt und der Form nach, ein Meisterstück. Schonungslos wies er uach, wie geradezu frivol die Begründung der Umsturzvorlage war. Wie Geißelhiebe trafen seine Worte die Heuchler der„staatserhaltenden Parteien", die nach Bekämpfung des Umsturzes, nach dem Schutz der Monarchie rufen, während vor Kurzem die Agrarier mit sozialer Revolution drohten, weil die Getreidezölle um 1 Mk. 50 Pfg. herabgesetzt wurden, und die Nationalliberalen aus Aerger über eine in Aussicht stehende Vermögenssteuer erklärten, aus„Vernunftmonarchisten" eventuell wieder zu„Jdealrepublikanern" werden zu können. Gebührend kennzeichnete Auer die Gewaltpolitik, die dazu führe, daß der Soldat auf Vater und Mutter schießen, also das größte Verbrechen begehen müsse. Wie die Ehe der oberen Zehntausend im Heirathsbureau geschlossen wird; wie der Kapitalismus die Familie des Arbeiters zerstört; wie die Roth der Prostitution in die Arme treibt; wie die Arbeiterinnen unsittlichen Angriffen ihrer Arbeitgeber ausgesetzt sind; wie das Eigenthum oft nur dadurch erworben wird, daß der Erwerbende das Zuchthaus mit dem Aermel streift; kurz eine Reihe von Mißständen, welche durch das Umsturzgesetz der Kritik entzogen werden sollen, schilderte Auer mit scharfen Worten, welche die Möchtegern-Attentäter auf Volksrechte kräftig trafen.— Recht gut war auch die Rede, in welcher Frohme im Namen der Fraktion auf die Angriffe der Gegner antwortete. König Stumm bekam in derselben ebenso sein Theil, wie der verkommene Liberalismus, das schachernde Zentrum und die reaktionäre Regierung. Trefflich waren Frohme's Ausführungen über die sozialdemokratische Auffassung der Monarchie. Die Umsturzvorlage wurde mit allen gegen die Stimmen der Sozialdemokraten an eine Wgliedrige Kommission überwiesen. Der bürgerliche Liberalismus im weitesten Sinne, von den verwaschenen Nationalliberalen an bis zu den rosenrothen süddeutschen Hofdemokraten hat sich mit diesem Beschluß seine Grabschrift geschrieben, und keine Grabschrift in Ehren, sondern in Schmach. Die ehemals vom Bürgerthum vielbesungenen politischen Freiheiten haben in Deutschland einer kurslosen, selbstherrlichen Gewaltpolitik gegenüber nur noch einen zuverlässigen Vertheidiger: das klassenbewußte Proletariat, die Sozialdemokratie. Und unter der Führung der Sozialdemokratie wird die deutsche Arbeiterklasse vertheidigen und wahren, was das Bürgerthum in kurzsichtigstem Klasseninteresse preisgiebt und mit Füßen tritt. Arbeiterinnen-Bewegung. — In der Zeit vom 15. Dezember 1894 bis 15. Januar 1895 fanden öffentliche Versammlungen statt in: Bergedorf, öffentliche Volksversammlung:„Die Tabakfabrikatsteuer"(Reichstagsabgeordneter Förster); Berlin, öffentliche Versammlung der Schneider und Schneiderinnen:„Die Verhältnisse der Arbeiterschaft in der Konfektion und die Haltung der Rostocker und Braunschweiger Kollegen"(Gen. Timm); öffentliche Versammlung aller in der Schuhindustrie beschäftigten Personen:„Der Streik in der Filzschuhfabrik von Simon St Wong"; öffentliche Versammlung der Büglerinnen und Mäntelnäherinnen:„Die Lage im Gewerbe und die demnächst zu stellenden Forderungen"(Genossin Ihrer); Bürgel,„Die wirthschaftliche Lage der Arbeiterinnen und die Nothwendigkeit der Organisation"(Genossin Opificius); Dresden, öffentliche Versammlung des Arbeiterinnen-Bildungsvereins: „Die Frauenkrankheiten als Folge unserer sozialen Verhältnisse"(Genosse Wolf); Friedrichshagen, öffentliche Volksversammlung:„Die politische Lage"(Reichstagsabgeordneter Rob. Schmidt); Glienicke, öffentliche Volksversammlung:„Die Nothwendigkeit der Organisation". Die Versammlung beschloß die Gründung eines Bildungsvereins für Arbeiter und Arbeiterinnen. Köln, öffentliche Versammlung der Schneider und Schneiderinnen:„Die Stellung der Frau zur Gewerkschaftsbewegung"(Genossin Gotthusen-Düsseldorf); Leipzig, öffentliche Versammlung des Bildungsvereins für Frauen und Mädchen: „Die Frau in der neueren Dichtung"(Gen. Wittich); Mülheim, öffentliche Versammlung für Frauen und Männer:„Die wirthschaftliche Lage der Arbeiterinnen und die Nothwendigkeit der Organisation" (Genossin Opificius); Nieder-Zieder, öffentliche Versammlung für Männer und Frauen:„Die gegenwärtige politische Lage"(Genosse Or. Winter-Breslau); Sprendlingen, öffentliche Volksversammlung: „Die wirthschaftliche Lage der Arbeiterinnen und die Nothwendigkeit der Organisation"(Genossin Opificius); Rummelsburg, öffentliche Versammlung des Bildnngsvereins für Frauen und Mädchen:„Die Frau und der Kapitalismus"(Genossin Mesch). — Vereinsversammlungen fanden in der nämlichen Zeit statt in: Barmbeck: Mitgliederversammlung des Verbands der Fabrik-, Land-, Hilfsarbeiter und-Arbeiterinnen:„Robert Blum und seine Zeit"(Genossin Kühler); Berlin, Mitgliederversammlung des Verbands der in Buchbindereien, der Papier- und Ledergalanteriewaaren-Jndustrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„Die Arbeitslosigkeit und ihre Ursachen"(Gen. Sailer); Mitgliederversammlung des Bildungsvereins für Frauen und Mädchen:„Die Frau im Dienst kirchlicher und kapitalistischer Interessen"(Gen. Schöpslin); Generalversammlung des Verbands der Vergolder und Vergolderinnen und verwandten Berufsgenossen:„Berichterstattung, Verbandsangelegenheiten"(Gen. Höpfner); Döhlen, Mitgliederversammlung des Arbeitervereins:„Die Frauenarbeit im Gegensatz zur Männerarbeit auf gewerblichem Gebiete"(Genossin Eichhorn); Dresden. Mitgliederversammlung des Vereins zur Wahrung der in der Stroh- und Filzhutindustrie beschäf- tigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„Statutenberathung, Vorstandswahl und Gewerkschaftliches"; Frankfurt a. M,, Mitgliederversammlung des Verbands deutscher Schneider und Schneiderinnen: Interne Angelegenheiten. — Protestversammlungen gegen die Umsturzvorlage fanden bis jetzt bereits in großer Zahl und fast allerorten statt, wo das werk- thätige Volk klassenbewußt in den Kampf für seine Befreiung eingetreten ist. Groß war die Zahl der Versammlungen und überreich ihr Besuch in den Großstädten. So fanden in Hamburg an dem nämlichen Tage 15. in Berlin 16. in Dresden 5 Protestversammlungen statt, die so überfüllt waren, daß viele Hunderte umkehren mußten. weil kein Platz mehr vorhanden war. und die Versammlungslokalitäten polizeilich gesperrt wurden. Imposante Versammlungen fanden auch statt in Breslau. Leipzig. Frankfurt a. M.. Stuttgart. Hannover. Ludwigshafen, Harburg. Altona, Halle. Elberfeld. Magdeburg zc. w. Ueberall waren die Versammlungen auch sehr gut seitens der Frauen besucht und bezeichneten in einstimmig beschlossenen Resolutionen die Umsturzvorlage als eine Bankerotterklärung des herrschenden politischen und wirthschaftlichen Systems und als einen kulturunwürdigen Angriff auf die kümmerlichen Volksrechte, der mit aller Energie zurückgeschlagen werden müsse. — Eine kräftige Agitation für Abschaffung der Gesinde- Ordnungen entfaltet die rührige Berliner Frauen-Agitations- kommission. Zur Förderung dieser Agitation veranstaltet sie in nächster Zeit zwei öffentliche Volksversammlungen, in denen Reichstagsabgeordneter Molkenbuhr referiren wird. In dem Aufrufe, welcher die Aufmerksamkeit der Genossinnen und Genossen auf die Frage und die Nothwendigkeit einer diesbezüglichen Reform lenken soll, heißt es: „Dem Drange nach persönlicher Freiheit, der immer mehr sich geltend macht, suchen die herrschenden Klassen durch reaktionäre Gesetze entgegenzutreten, während andererseits Gesetze, deren Grundlagen durch die fortgeschrittene kulturelle Entwicklung längst zerstört sind, große Schichten der Bevölkerung in einem Sklavenjoche halten. Eines der schlimmsten dieser Gesetze ist die Gesinde-Ordnung, welche denjenigen. die ihr unterstellt sind, das wichtigste der Menschenrechte, das Koalitionsrecht, nicht gestattet. Ferner giebt die Gesinde-Ordnung der Herrschaft das Recht, die Dienstboten körperlich zu züchtigen, ein schmachvolles Recht, welches oft in brutalster Weise ausgeübt wird. Die Frauen-Agitationskommission hält es um so mehr für ihre Pflicht, für die Abschaffung der Gesinde-Ordnung einzutreten, als gerade der größte Theil der Dienstboten dem weiblichen Geschlecht angehört und Der Marquis de Fumerol. Von Guy de Maupassank. Roger de Tourneville saß im Kreise seiner Freunde rittlings auf einem Stuhl, hielt eine Zigarre in der Hand, that von Zeit zu Zeit einen kräftigen Zug, blies kleine Rauchwölkchen vor sich hin und erzählte: ... Wir saßen gerade bei Tisch, als man uns einen Brief brachte. Papa öffnete ihn. Ihr Alle kennt doch Papa gut. Er hält sich für den Stellvertreter des„R07"(Königs) in Frankreich. Ich nenne ihn nur Don Quixote, weil er zwölf Jahre lang gegen die Windmühlenflügel der Republik gekämpft hat, ohne recht zu wissen, ob er sich im Namen der Bourbonen oder im Namen der Orleans schlug. Auf alle Fälle hält sich Papa für den ersten Edelmann Frankreichs, für den bekanntesten und einflußreichsten Menschen, für das Haupt der Partei. Was Mama anbetrifft, so ist sie Papas Seele, die Seele des Königthums und der Religion, der rechte Arm Gottes auf Erden und die Geißel aller Nichtgutgesinnten. Also, man brachte uns einen Brief, während wir bei Tische saßen. Papa öffnete ihn, las ihn, warf einen Blick auf Mama und sagte:„Dein Bruder liegt im Sterben." Mama erbleichte. Fast nie war in der Familie von meinem Onkel die Rede gewesen. Ich persönlich kannte ihn ganz und gar nicht. Außerhalb des Hauses hatte ich nur erfahren, daß er ein verteufelt tolles Leben geführt hatte und noch führte. Nachdem er sein Vermögen mit unzählig vielen Frauenzimmern durchgebracht hatte, behielt er nur noch zwei Maitressen, mit denen er in einer kleinen Wohnung der Rue des Martyrs lebte. Als ehemaliger Pair von Frankreich und ehemaliger Kavallerieoberst glaubte er, wie es hieß, weder an Gott noch an den Teufel. Da er an einem himmlischen Leben zweifelte, so hatte er das irdische in Folge der geringeren Widerstandskrast unter den Härten des Gesetzes mehr zu leiden hat. als ihre männlichen Schicksalsgenossen...." Wir sind überzeugt, daß es nur dieses Hinweises auf das Vorgehen der Berliner Frauen-Agitationskommission bedarf, um die Genossinnen allerorten zu veranlassen, auch ihrerseits eine kräftige Agitation für die Abschaffung der schmachvollen Gesinde-Ordnungen zu entfalten. — Eine Konferenz der sächsischen Textilarbeiter tagte am 30. Dezember in Reichenbach. Sechsundvierzig Delegirte aus Sachsen. Reuß älterer Linie und Altenburg vertraten die Textilarbeiter- und-Arbeiterinnen von mehr als hundert Städten und Dörfern. Die Berichte der einzelnen Delegirten über die Lage der Spinner. Weber. Wirker w. entrollten ein trauriges Bild von niederen Löhnen. Lohnkürzungen. langer Arbeitszeit und völligem Ruin einzelner Branchen der Textilindustrie. Ergreifend war die Schilderung des Vorsitzenden der Konferenz, Genossen Viehweg-Limbach, über den Untergang der Stoffhandschuhindustrie in Limbach. Burgstädt und Umgegend. Um die Agitation und Organisation noch mehr als bisher zu fördern. wurde beschlossen, daß unabhängig von den Bevollmächtigten des Textilarbeiterverbands an allen Orten, wo es nöthig erscheint, Vertrauensmänner gewählt werden, welche die Agitation in die Hände zu nehmen haben. In einer einstimmig angenommenen Resolution wurde die kapitalistische Produktionsweise für die sozialen Schäden unserer Zeit verantwortlich gemacht und den Textilarbeitern und Arbeiterinnen behufs Besserung ihrer schlechten Lage der Anschluß an den Textilarbeiter-Verband. Sitz Berlin, empfohlen. Die Konferenz protestirte außerdem gegen die Umsturzvorlage, weil durch ihr Inkrafttreten als Gesetz die gewerkschaftliche Agitation und Organisation gehemmt wird. Gegensätze. Eine anspruchslose Plauderei von einer Arbeiterin. 0. U. Mit aller Strenge hat nun der Winter seinen Einzug gehalten und mit all seinen Schrecknissen auch. Zur Sorge um das Brot gesellt er die Sorge um die Heizung, zum Hunger den Frost. den schlechten Verdienst löst er durch noch jämmerlicheren Verdienst ab, vielleicht gar durch Arbeitslosigkeit. Freilich dräuen seine Schrecknisse nicht mit der Unparteilichkeit der Sonne, die über Böse und Gute aufgeht. Armen und Reichen gleicherweise. Von Hunger und Frost weiß sicherlich nichts die junge elegante Dame, die während der winterlich schönen Vormittagsstunden die Leben in jeder Hinsicht gründlich ausgekostet. Die Erinnerung an ihn blutete wie eine allzeit offene Wunde in Mamas Herzen. „Gieb mir den Brief, Paul", sagte sie. Nachdem sie ihn gelesen hatte, verlangte ich ihn gleichfalls zu lesen. Er lautete: „Herr Graf, ich glaube Ihnen benachrichtigen zu müssen, daß ihr schwager der Marquis de Fumerold bald sterben wird. Vielleicht wolen sie maßregeln ergreifen und nicht fergessen, das ich ihnen Unterricht gegeben habe. Womit das ich verbleibe ihre Dienerin Melani." Papa murmelte:„Es muß bei Zeiten etwas geschehen. Ich bin eS meiner Stellung schuldig, über die letzten Augenblicke Deines Bruders zu wachen." „Ich werde nach dem Abbe Poivron schicken", antwortete Mama,„und ihn um seinen Rath bitten. Dann werde ich zusammen mit dem Abbö und mit Roger meinen Bruder aufsuchen. Du, Paul, bleibst hier. Du darfst Dich nicht kompromittiren. In solchen Angelegenheiten kann und muß eine Frau handeln. Ein Mann in Deiner politischen Stellung hat Rücksichten zu nehmen. Ein Gegner könnte gegen Dich die löblichste Deiner Handlungen ausspielen." „Du hast Recht", sagte mein Vater.„Thue, was Du für recht und gut befindest, meine Liebe." Eine Viertelstunde später betrat der Abbö Poivron den Salon, und die Angelegenheit ward unter den verschiedensten Gesichtswinkeln klargelegt, analysirt und erörtert. Wenn der Marquis de Fumerol, der Träger eines der ältesten und berühmtesten französischen Namen, ohne die Tröstungen der Religion stürbe, so wäre dies ohne Zweifel ein harter Schlag für den Adel im Allgemeinen und für den Grafen von Tourneville im Besonderen. Die Freidenker würden triumphiren. Die schlechten Blätter würden ein halbes Jahr lang über dem Sieg jubeln; Wangen von der frischen Luft geröthet, leicht und heiter durch die Straßen trippelt. Ihre Füßchen, um die sich seidene Strümpfe schmiegen, die 15 Mark gekostet haben, stecken in angenehm wärmenden koketten Pelzstiefelchen, die unter Brüdern ihre 25 Mark werth sind. Leicht und warm zugleich ist das mit Spitzen besetzte Seidenhemd, das mit 30 Mark bezahlt werden mußte, und ihm stehen an Eleganz und Komfort die seidenen Beinkleider nichts nach, deren Preis etwa 15 Mark beträgt. 2t) Mark ungefähr kostet das echte Wiener oder Pariser Korsett, welches die Gestalt der Weltdame derart modelt, daß die Verehrer der Formenschönheit einer Venus von Milo darob ebenso entsetzt sind wie die Leute, denen die Anforderungen der Hygiene noch über die Narrheiten der Mode gehen. Ueber den weichen, geschmackvoll gestickten Flanellrock, der nicht unter 12 Mark zu haben ist. trägt die Dame einen sogenannten Stepprock, der, um warm, leicht und schmiegsam zugleich zu sein, außen und innen aus Seide mit eingelegten Eiderdunen besteht und die Kleinigkeit von„nur" 80 Mark kostet. Die Unterkleidung wird vervollständigt durch den Jupo» aus farbiger Seide, der mit feinem Flanell abgefüttert, unten reich mit Spitzen und Volants verziert„schon" für 30 Mark erworben werden kann. Das der Jahreszeit entsprechende Kleid aus gutem Wollstoff kommt der Dame sicherlich nicht unter 75 Mark zu stehen. Ihren kostbaren Pelzmantel, mit dem modernsten Fell garnirt und gefüttert, schätzt der Kürschner auf 400 Mark, das dazu passende kleidsame Barett und den einer niedlichen Spielerei gleichenden Muff auf 100 Mark. Handschuhe, Schleier und sonstige Toilettenkleinigkeiten der Dame berechnet man mit 8 Mark nicht zu hoch, so daß sich ihr Anzug Summa Summarum auf 810 Mark stellt, und dies ohne die Schmucksachen, welche nicht selten einen Werth von vielen Hunderten repräsentiren. 310 Mark! Tausende fleißiger Arbeiterinnen haben drei volle Jahre in geisttödtender, aufreibender Arbeit zu frohnden, um eine solche Summe zu„verdienen", mit der sie während dieser Zeit ihre gesammte Lebenshaltung bestreiten müssen. Allerdings ist auch diese Lebenshaltung danach!-- Kehrt die Dame von ihrem Spaziergang zurück, so empfängt sie ein Heim, dessen Komfort jede Unbill des winterlichen Wetters fernhält, vielleicht noch obendrein mit dem Reiz des als Schauspiel genossenen Gegensatzes und Wechsels verklärt. Eine sanfte Wärme strömt der Eintretenden entgegen, kaum daß sie die Schwelle überschritten, denn das ganze Haus ist geheizt. In der Wohnung sind dienstbare Hände beflissen, ihr Mantel und Hut abzunehmen, sie an Stelle der Straßentoilette in ein Hauskleid zu hüllen, das bequem der Name meiner Mutter würde in dem Koth und in der Prosa der sozialistischen Presse herumgezerrt werden, den Namen meines Vaters würde man mit Schmutz bewerfen. Das durfte unmöglich geschehen. Man beschloß also, sofott einen Kreuzzug unter der Führung des Abbö Poivron zu unternehmen, eines kleinen, wohlbeleibten und sauberen Priesters, der leicht nach Parfüm duftete und der echte Typus des Vikars einer großen Kirche in einem vornehmen und reichen Stadtviertel war. Ein Landauer wurde angespannt und wir drei, Mama, der Pfarrer und ich, fuhren davon, um dem Onkel die letzten Tröstungen der Religion zu bringen. Es war beschlossen worden, zuerst Frau Melanie auszusuchen, die Verfasserin des Briefes. Wahrscheinlich war sie die Concierge oder das Dienstmädchen meines Onkels. Der Wagen hielt vor einem siebenstöckigen Hause. Ich stieg ab, um das Terrain zu rekognosziren und betrat einen dunklen Eang, wo ich mit vieler Mühe das finstere Loch entdeckte, in welchem der Coucierge hauste. Dieser musteite mich mißtrauisch vom Wirbel bis zur Zehe. Ich frug:„Bitte, sagen Sie mir gefälligst, wo wohnt Frau Melanie?" „Kenn' sie nicht", brummte der Concierge. „Aber ich habe einen Brief von ihr erhalten." „Kann schon sei», aber ich kenn' sie nicht. Es ist wohl ein ausgehaltenes Frauenzimmer, was Sie suchen?" „Nein, wahrscheinlich ein Dienstmädchen. Sie hat mir wegen einer Stelle geschrieben." „Ein Dienstmädchen?.... Ein Dienstmädchen?.... V'leicht das vom Marquis. Fragen Sie mal nach. Fünfter Stock links." Seitdem der Concierge wußte, daß ich keine„Ausgehaltene" suchte, war er freundlicher geworden und begleitete mich bis an und elegant ist, zu elegant, als daß seine Trägerin irgend welche Arbeit verrichten könnte. Zur Arbeit sind allerdings Damen der Art nicht da, sie wachsen wie die Lilien auf dem Felde, ohne zu arbeiten und zu spinnen! Der Spaziergang hat den Appetit der Heimkehrenden geweckt (den Appetit und nicht etwa den Hunger, der Hunger ist im Allgemeinen ein plebejisches, ein proletarisches Gefühl). Sie setzt sich an den einladend gedeckten Tisch, von dessen blendend weißem Damasttuch auf feinstem Porzellan ihr ein leckeres und kräftiges Gabelfrühstück nebst einem Gläschen Wein entgegenlacht. Dadurch gestärkt kann sie die Zeit des Diners ohne Ungeduld erwarten. Mit Kleiderwechseln, Besuche empfangen und Besuche erwidern vergeht der Dame der Tag, ohne daß sie Zeit gefunden hätte, etwas Nützliches zu leisten. Nachdem sie eventuell noch im Theater oder Konzert Zerstreuung gesucht oder sich auf einem Ball, womöglich„zum Besten der Armen",„himmlisch amüsirt" oder auch„unsterblich gelangweilt" hat, zieht sie sich in das angenehm durchwärmte Schlafzimmer zurück, das mit dicken Teppichen und kostbare» Fellen ausgestattet ist. Hier wartet ihrer ein prächtiges weiches Lager und beim Niederlegen und Aufstehen eine Menge von Toiletten-, Wäsche- und Kleidungsstücken, von deren Existenz und Eleganz nur die Proletarierinnen etwas wissen, die mit Anfertigung derselben ihr kümmerliches Brot erwerben. Hunger und Frost, die Schrecknisse des Winters, sie ziehen mit höflicher Verbeugung in weiter Entfernung vorüber an den Töchtern und Frauen der oberen Zehntausend, auch noch an ihren Kebsfrauen. Hart treten sie dagegen die fleißigen Arbeiterinnen an, denen man auch in der Straße begegnet, allerdings nicht während der winterlich schönen Mittagsstunden, wohl aber des Morgens vor 7 Uhr, noch ehe es recht Tag geworden. Schwerfällig, müde und wie zusammengeschrumpft von der Kälte gehen sie ihres Wegs. Kein Wunder das! Nichts Ordentliches im Leib, nichts Ordentliches auf dem Leib, woher soll da die Frische und Anmuth, die Leichtigkeit und Eleganz der Erscheinung kommen? Die sich zu ihrem schweren Tagwerk rüstende Arbeiterin stürzt vor dem Fortgehen eiligst eine Tasse des Trankes hinunter, der mit verlogener Schönrederei als„Kaffee" bezeichnet wird, aber mit dem würzigen Mokka nicht mehr gemein hat, als die deutsche Bourgeoisie mit politischer Charakterfestigkeit, und das deutsche Krautjunkerthum mit vaterländischer Selbstlosigkeit. Ein trockenes Brötchen muß hinreichen, den knurrenden Magen zum Schweigen zu bringen; mager bestrichene Schmalzschnitte sind für Frühstück und das Ende des Ganges. Er war ein großer, hagerer Mann mit Koteletten, der Miene eines Küsters und majestätischen Geberden. Eilig sprang ich die schmierige Wendeltreppe hinauf, deren Geländer ich nicht zu berühren wagte. Im fünften Stock angekommen, klopfte ich leise dreimal an die Thüre links. Diese sprang sogleich auf und ich befand mich einer schmutzigen, ungewöhnlich starken Frau gegenüber, welche sich rechts und links an den Thürpfosten festhielt und mir mit ihren ausgebreiteten Armen den Eingang versperrte. „Was wünschen Sie?" brummte sie mich an. „Sind Sie Frau Melanie?" „Ja.". „Ich bin der Vicomte de Tourneville." „Ganz gut! Kommen Sie herein." „Aber.... Mama wartet unten mit einem Geistlichen." „Ganz gut! Holen Sie sie. Aber nehmen Sie sich vor dem Concierge in Acht." Ich ging hinunter und kam mit Mama wieder herauf, welcher der Abbe folgte. Es schien mir, als ob ich andere Schritte hinter uns hörte. Sobald wir die Küche betreten hatten, bot uns Melanie Stühle an und wir setzten uns alle vier nieder, um Kriegsrath zu halten. „Steht es sehr schlimm mit ihm?" fragte Mama. „Oh ja, gnädige Frau, er wird es nicht lange mehr treiben." „Scheint er willig, den Besuch eines Geistlichen zu empfangen? „Oh.... das glaub' ich nicht." „Kann ich ihn sehen?" „Aber.... sicherlich.... gnädige Frau.... nur.... nur.... nur sind die Fräulein bei ihm." „Welche Fräulein?" „Nun.... nun.... seine guten Freundinnen natürlich." „Ah!" Vesper bestimmt, nicht selten bilden sie auch das einzige Gericht der Mittagsmahlzeit. Wie könnte der Speisezettel unserer Arbeiterin anders sein, wenn sie wie viele Tausende ihresgleichen im Jahr nicht mehr als 250-300 Mark als Lohn erhält? Daß sie bei solchem Einkommen nicht daran denken kann, sich gleichzeitig alle Kleidungsstücke oder überhaupt auch nur alle nöthigen Kleidungsstücke neu anzuschaffen, muß wohl sogar dem Vater der SparAgnes einleuchten. Mehr als Sparen, bitteres Darben setzt sie in den Stand, sich in dem einen Winter etwa einen Mantel für 20 bis 25 Mart kaufen zu können, in einem anderen Jahr ein Kleid oder Wäschestücke, deren sie dringend bedarf. Bei ihren Anschaffungen darf sie weder auf Zweckmäßigkeit und Dauerhaftigkeit, geschweige denn auf Schönheit und Eleganz sehen. Für sie ist immer zunächst der billige Preis der Waaren ausschlaggebend. Sie darf nicht kaufen, was ihr gut oder geschmackvoll dünkt, oft kann sie nicht einmal erwerben, was sie gebraucht, sie muß sich mit dem zufrieden geben, was sie zu zahlen vermag. An Wäsche muß sie sich mit dem Nothdürftigsten und Gröbsten begnügen, Unterröcke schafft sie sich nur selten an. Wann das Kleid so abgetragen ist, daß es auch durch die geschickteste Hand nicht mehr„ modernisirt" werden kann, so muß es noch immer einen Unterrock geben. Als Unterrock endet gewöhnlich auch der durch langjährigen Gebrauch ganz abgeschabte Regenmantel. Grobe wollene Strümpfe und plumpe, oft vielfach geflickte Schuhe aus Roßleder bilden eine Fußbegleitung, welche einen leichten Gang kaum zuläßt. Wenn's hoch kommt, so vervollständigen ein billiger Muff und ein eben solcher Hut den Anzug der Arbeiterin, die frühmorgens ihrer Beschäftigung zueilt. Nach elfstündiger, oft noch längerer, schwerer, eintöniger Arbeit, die ihr oft kaum Zeit für das färgliche Mittagsmahl läßt, kehrt sie Abends durchfroren und abgespannt in ihr Heim zurück. Ihr Heim, das Wort klingt wie bitterer Hohn! In so und so vielen Fällen ist es ja blos eine Schlafstelle in einem unsauberen, dunklen Zimmerchen, wo Bett neben Bett in drangvoll fürchterlicher Enge" steht. Flur, Treppen und Gänge sind kalt und zugig: Proletarierhäuser werden nicht geheizt, dafür aber meist nachlässig und schlecht gebaut, so daß der Wind in lustiger Freiheit durchpfeift, und die Wärme sich auch aus dem geheizten Zimmer schnell verflüchtigt. " Die Heimkehr bedeutet für die Arbeiterin gewöhnlich kein Ausruhen, ihrer warten zahlreiche häusliche Arbeiten: die Besorgung des färglichen Mahles, wenn es etwas anderes als Schmalzstullen zu brocken und zu beißen giebt, Flicken und Stopfen, vielleicht auch noch Mama war über und über roth geworden. Der Abbé Poivron hatte die Augen niedergeschlagen. Die Geschichte fing an, mich zu amüsiren, und ich sagte: " Wie wär's, wenn ich zuerst hineinginge? Ich würde sehen, wie er mich aufnimmt, und ich könnte vielleicht sein Gemüth vorbereiten." Mama, die sich bei meinem Vorschlag nichts Arges dachte, antwortete: ,, Gewiß, mein Kind." In dem Augenblick wurde irgendwo eine Thür geöffnet und eine Stimme, eine Frauenstimme, rief: „ Melanie!" Die starke Frauensperson eilte hinaus und antwortete: ,, Was wünschen Sie, Fräul'n Klara?" " Die Omelette, aber schnell!" " In einer Minute, Fräul'n." Und zu uns zurückkehrend erklärte uns Madame, um was es sich handelte. " Sie" hatten ihr aufgetragen, um zwei Uhr als Imbiß eine Omelette mit Käse zu bereiten. Sie zerschlug sofort die Eier in eine tiefe Schüssel und rührte darauf los. Ich ging hinaus und klingelte, um meine offizielle Ankunft anzuzeigen. Melanie öffnete mir, ließ mich im Vorzimmer niedersißen, benachrichtigte meinen Onkel von meinem Besuch und kam dann zurück, um mich zu bitten, einzutreten. Der Abbé verbarg sich hinter der Thüre, um auf das erste Zeichen hin erscheinen zu können. Gewiß, der Anblick meines Onkels überraschte mich. Er war sehr schön, sehr würdig, sehr chic, dieser alte Lebemann. ( Schluß folgt.) 14 Waschen und Scheuern. Von Fabrik- und Haussklaverei zerschlagen wirst sie sich spät Abends auf ihren Strohsack oder eine harte Matratze und zieht eine grobe, nothdürftige Wärme spendende Decke um die fröstelnden Glieder, denn nur zu oft müssen Unterbett und Deckbett, ohne Rücksicht auf die bitterkalten Winternächte ins Leihhaus wandern. Am nächsten Morgen, noch ehe es völlig tagt, muß die Arbeiterin wieder hinaus in den winterlichen Frost, muß sie, ungenügend genährt, ungenügend gekleidet, ungenügend ausgeruht, wieder durch Sturm und Schneegestöber schreiten. Sehnsüchtig ruft die zur Kaste der oberen Zehntausend gehörige Dame den Winter, die Zeit der koketten Eiskostüme, der feenhaften Schlittschuhfeste, Bälle und anderer abwechslungsreicher Zerstreuungen. Schwere Sorgen im Herzen und trübe Gedanken im Haupt empfängt ihn die Arbeiterin, denn er verschärft ihre Leiden und steigert ihren Jammer. Ruhig und heiter werden erst dann alle Gesellschaftsglieder seinem Kommen entgegen sehen, wenn die von Gerechtigkeit durchglühte soziale Neuordnung geschaffen ist, zu deren Aufbau Proletarierinnen wie Proletarier im Klassenkampf Stein auf Stein thürmen. Die Londoner Konferenz die Frauenarbeit betreffend.* Wie wir bereits mittheilten, fand am 26. November v. J. in London eine Konferenz statt, welcher die Aufgabe gestellt war, durch Gründung eines Zentralausschusses mit einem bestimmten Arbeitsprogramm ein methodisches Zusammenwirken aller Organisationen zu schaffen, welche die Lage der erwerbsthätigen Frauen verbessern wollen. Die Anregung zu der Konferenz war gegeben worden durch eine Konferenz ähnlicher Art, welche auf Veranlassung der„ Women's Protective and Provident League"( Liga zum Schutz der Frauen) von Glasgow zu Anfang vergangenen Jahres in dieser Stadt getagt und zur Gründung eines Landesverbands- Ausschusses für Schottland geführt hatte. Diesem Ausschusse wurde die Aufgabe zuertheilt, die Arbeits- und Lebensverhältnisse der erwerbsthätigen Frauen systematisch zu untersuchen, sowie ihre Interessen in wirthschaftlicher und sozialer Beziehung zu fördern. Eine Körperschaft ähnlicher Art sollte nun auf der Londoner Konferenz für England gegründet werden. Einberufen und organisirt wurde dieselbe durch die Women's Trades Union Association"( Verband der Frauengewerkschaften), einen Verband von Frauen- Trades- Unions, in welchem der Einfluß bürgerlicher Frauenrechtlerinnen zwar noch vorhanden ist, aber Dank der Bemühungen seiner Sekretärin, Fräulein Black, einer Sozialistin, in den letzten Jahren zu verblassen beginnt und der proletarischen Auffassung Platz macht. Während an der Glasgower Konferenz nur Männer und Frauen theilgenommen hatten, welche Arbeiterorganisationen, bezw. Arbeiterinteressen vertraten, wurden zur Londoner Konferenz alle Organisationen eingeladen, welche sich irgendwie mit der Frage der Frauenarbeit auf den verschiedensten Gebieten beschäftigen. So nahmen an ihr die Vertreter von etwa hundert Körperschaften Theil, welche die verschiedenartigsten Bestrebungen verfolgen und den verschiedenartigsten Richtungen angehören: Gewerkschaftler alten und neuen Stils, Sozialisten, Sozialdemokraten, Fabier( Kathedersozialisten), Chriftlich- Soziale, Frauenrechtlerinnen, Temperenzlerinnen, Philanthropen, Missionsgesellschaften 2c. 2c. Charakteristisch ist die achtungsvolle und sympathische Art und Weise, in welcher die Konferenz von der englischen Presse behandelt wurde. Angesehene bürgerliche Blätter erklärten, daß man über die Frage, ob die industrielle Frauenarbeit im Interesse der Gesellschaft liege, getheilter Meinung sein könne. Auf alle Fälle müsse man aber mit der Thatsache rechnen, daß sie vorhanden sei, täglich an Umfang gewinne und schlimme Begleiterscheinungen aufweise. Deshalb müsse es sich darum handeln, diesen entgegenzutreten, vor allem die Bedingungen zu möglichst günstigen zu gestalten, unter denen die Frau arbeite. Die diesbezüglichen Bestrebungen würden gewiß die Unterstützung der human denkenden Elemente aller Klassen finden, allein die Hauptarbeit fiele den Arbeiterinnen selbst zu, die sich zu diesem Zwecke organisiren und durch ihre Organisationen die Gesetzgebung zu beeinflussen suchen müßten. Diesen Ausführungen gegenüber erinnern wir an den pöbelhaften und blöden Ton, in welchem in Deutschland die bürgerliche Presse - mit ganz geringen Ausnahmen die Organisationsbestrebungen der Arbeiterinnen bespricht und sie als Ausgeburten wahnsinniger Närrinnen behandelt. Der Unterschied in der Haltung der Presse beider Länder ist offenbar auch ein Anzeichen dafür, mit welch voll und ganzer" Berechtigung Reichskanzler und bürgerliche Abgeordnete * Wegen Raummangels verspätet. bei den„ Umsturzdebatten" um die Wette das hohe Lied anstimmen fonnten, daß Deutschland im Punkte des Verständnisses und der Thaten für Arbeiterinteressen„ einzig in der Welt dasteht". Charakteristisch für unser„ Einzigdastehen" ist auch die Thatsache, daß der Londoner Konferenz Männer beiwohnten, welche im öffentlichen und politischen Leben eine hervorragende Rolle spielen und hohes Ansehen genießen. Der„ Progressist"( Fortschrittler, aber nicht etwa im Sinne des deutschen„ rückschreitenden Fortschritts") Sir John Hutton, Präsident des Londoner Grafschaftsrathes, führte den Vorsitz in der Vormittagssigung der Konferenz und eröffnete diese mit einer Rede, bei deren bloßem Anhören seinem Berliner Kollegen, dem„ Auch Freisinnigen" Herrn Zelle, das tapfere Mannesherz bis in die äußerste Spize seiner hösischen Wadelstrümpfe fallen würde. Hieß es doch in derselben: " Wir müssen die Arbeiter erziehen, und sie müssen organisirt werden. Wir müssen die Gesetze zum Schuße der Arbeiter verbessern.... Allerdings werden Leute, die von grenzenloser Habgier geleitet in schamlos nichtachtender Weise Menschenleben verwüsten und die Kräfte der Armen aufs Aeußerste auspressen, unseren Bestrebungen allezeit feindlich gegenüberstehen." In der Nachmittagssigung führte den Vorsitz ein Christlich- Sozialer, Canon Scott Holland, welcher mit warmem Gefühl die Nothwendigkeit betonte, mit menschenwürdigen Arbeits- und Lebensbedingungen ein Heim im besten Sinne des Wortes für die Arbeiterin zu schaffen, die durch traurige Verhältnisse zu Boden geworfen wird, sich aber nicht zertreten läßt und wieder aus dem Staub erhebt. Ein einflußreiches Parlamentsmitglied, Herr Haldane, leitete die Verhandlungen in der Schlußsitzung der Konferenz, die am Abend stattfand. Welche Phantasie wäre kühn genug, sich eine von Genossin Ihrer oder Wengels einberufene Konferenz in Berlin vorzustellen, welche etwa unter dem Vorsitz des Oberbürgermeisters Belle, des Geheimraths Wagner und Eugen Richter's oder Bennigsen's( beide wollen ja liberal" sein und einflußreich auch) tagte, und auf welcher die genannten Herren nicht nur mit Damen wie Frau v. Gizycki und Lina Morgenstern zusammen arbeiteten, sondern auch mit den Genossinnen Baader, Eichhorn, Kühn, Greifenberg, Mesch 2c. 2c. 15 Die Verhandlungen wurden durchweg in ruhiger und sachlicher Weise geführt. Trotz der Gegensätze des sozialen Bekenntnisses und der verschiedenen Sonderbestrebungen der vertretenen Organisationen führte der vorhandene Berührungspunkt, daß alle die Lage der er werbsthätigen Frauen verbessern wollen, zu einer Verständigung im Punkte der Gründung eines Zentralausschusses und seiner Obliegenheiten. Von allen Rednerinnen und Rednern wurde betont, wie dringend nöthig es sei, durch planmäßige Untersuchungen reichliches und zuverlässiges statistisches Material über die wirthschaftliche Lage der Frauen und ihre Lebensverhältnisse zu schaffen. Die Bemühungen einzelner Personen, solches Material zu sammeln, hätten bis jetzt wohl helle Streiflichter auf das Elend der Arbeiterinnen geworfen, aber Alles in Allem nicht genügende statistische Daten zu Tage gefördert. In der Arbeitsabtheilung des Handelsministeriums sei eine einzige Korrespondentin mit der Aufgabe betraut, Material über die Lage der weiblichen Arbeiter zu sammeln. So tüchtig und pflichteifrig die betreffende Kraft auch sei, so könne sie allein doch unmöglich die riesige, ihr zugewiesene Arbeit bewältigen. Hier müsse Abhilfe geschafft werden durch eine methodische Aktion der Organisationen. Die Beschaffung von einschlägigem Material sei eine Vorbedingung für eine erfolgreiche Agitation unter den Arbeiterinnen, für ihre gewerkschaftliche Organisation, für das Zustandekommen von Gesetzen, welche thatsächlich den erwerbsthätigen Frauen zum Vortheil gereichen. Besonders bemerkenswerth waren die in diesem Sinne gehaltenen Ausführungen von Miß Irwin, der Sekretärin der Eingangs erwähnten Glasgower Frauenliga, die bekanntlich dem Züricher internationalen Kongreß als Delegirte beiwohnte. Dieselbe berichtete auch über das wirken und den Erfolg des seit Anfang des Jahres bestehenden Landesverbands- Ausschusses für Schottland und hob be sonders hervor, daß die Verhältnisse der Arbeiterinnen sich nur bessern würden in Folge des Wirkens der gewerkschaftlichen Organisation und des Zustandekommens guter Schutzgesetze. Daß im Laufe der Verhandlungen auch die Gegensätze zwischen den verschiedenen, auf der Konferenz vertretenen Richtungen zu Tage traten, versteht sich am Rande. Sie wurden nicht verwischt, aber sie hindern nicht die gemeinsame Inangriffnahme einer Arbeit, die von Allen als nüßlich und nöthig erkannt wird. Soweit es sich um die Erreichung des gesteckten Ziels handelt, findet ein einheitliches Zusammenwirken aller sich anschließenden Organisationen statt, außerhalb dieses Ziels aber verfolgt jede einzelne Organisation ihre Sonderbestrebungen unbeeinflußt weiter. Der begründete Zentralausschuß soll sich von Parteipolitik fern halten, d. h. er soll weder den Liberalen, noch den Konservativen Vorspanndienste leisten. Bekanntlich suchen diese beiden Parteien sich in dem Wettrennen um den armen Mann zu überbieten, da eine jede von ihnen nur mit Hilfe der Arbeiter die Herrschaft zu erringen vermag, aber nach der Erringung der Herrschaft den größten Theil der Versprechungen vergißt, mit denen der Bruder Arbeiter gefödert wurde. Im Sinne vorstehender Ausführungen ist der Satz der zweiten Resolution zu verstehen, in welchem von Seftenan schauungen" und" Parteipolitik" die Rede ist. Einzelne Rednerinnen ließen auch den Ton frauenrechtlerischer Sonderbestrebungen antlingen, doch wurde dem entgegen von anderen Rednerinnen und Rednern sehr energisch und unter allgemeinem Beifall betont, daß die Interessen von Mann und Frau nicht getrennt werden dürften, und daß Arbeiter und Arbeiterinnen zusammen für bessere Verhältnisse Aller wirken und kämpfen müßten. Der Kongreß nahm folgende Beschlüsse an: 1. Der tagenden Konferenz erscheint die Gründung eines Zentralausschusses wünschenswerth, welcher eingehende und systematische Erhebungen über die Verhältnisse der Arbeiterinnen zu organisiren hat behufs genauer Aufschlüsse über diese Verhältnisse, sowie behufs Förderung einer Thätigkeit, welche geeignet ist, dieselben zu verbessern. 2. Der zu gründende Zentralausschuß soll sich bei Lösung seiner Aufgaben aller Parteipolitik und allen Sektenanschauungen fernhalten und sich nie in das Sondergebiet der Bestrebungen einmischen, welche die ihm angegliederten Organisationen verfolgen. 3. Der Zentralausschuß besteht aus je einem Delegirten der auf der Konferenz auf Einladung hin vertretenen Organisationen und hat die Befugniß, ihre Anzahl zu vergrößern. 4. Der Zentralausschuß hat folgende Spezialkommissionen zu schaffen: a) eine Finanzkommission, deren Aufgabe es ist, Mittel auf zubringen für die vom Zentralausschuß genehmigten Arbeiten, ferner periodisch die Rechnungen zu prüfen und Bericht zu erstatten. b) Eine Untersuchungskommission behufs Sammlung und Sichtung von Material über die Verhältnisse, unter denen Frauen erwerbsthätig sind. Dieser Kommission sollen in erster Linie Leute angehören, welche praktische Erfahrungen in den einschlägigen Verhältnissen und Arbeiten haben. c) Eine Bildungskommission, welche Besprechungen und Vorträge in Arbeiterinnen- Klubs und-Vereinen zu veranstalten hat, sowie Flugblätter und Broschüren abzufassen, welche besondere Fragen der Gesetzgebung und der wirthschaftlichen Verhältnisse behandeln. d) Eine Kommission für Statistik, welche sammeln und ordnen soll, was an einschlägigem Material bereits in Blaubüchern der Regierung, in ausländischen Veröffentlichungen, in der Lokalpresse 2c. 2c. niedergelegt ist. Sie soll dabei die öffentliche Meinung besonders auf den Unterschied der Entlohnung aufmerksam machen, welche Männern und Frauen in der nämlichen Arbeitsbranche zu Theil wird. e) Eine Organisationskommission behuss Unterstützung und Förderung von gewerkschaftlichen Organisationen, technischen und anderen Unterrichtskursen, geselligen Vereinen 2c. f) Eine parlamentarische und juristische Kommission, deren Aufgabe es ist, die Parlamentsverhandlungen zu verfolgen, gerichtliche Entscheidungen mitzutheilen, welche für die erwerbsthätigen Frauen von Interesse und von Wichtigkeit sind, und das Zustandekommen gesetzlicher Maßregeln zu fördern, welche dem Zentralausschuß als wünschenswerth erscheinen. Die Kommission kann auch thätig eingreifen, wenn es sich darum handelt, daß Frauen zu Mitgliedern der verschiedenen öffentlichen Rörperschaften gewählt oder ernannt werden. Wie man sieht, ist das Arbeitsprogramm, das der neugegründete Zentralausschuß zu erledigen hat, ein sehr umfassendes und reiches. Vereintem ernsten Streben und Wirken wird es hoffentlich gelingen, das gesteckte Ziel zu erreichen und dadurch die Interessen der erwerbsthätigen Frauenwelt kräftig zu fördern. Noch eine Petition bürgerlicher Frauen. In der bürgerlichen Frauenwelt Deutschlands haben ganze drei Frauen die Initiative ergriffen zu einem Eintreten für das Vereinsund Versammlungsrecht für das weibliche Geschlecht. Dem Charakter der bürgerlichen Frauenbewegung und den Verhält nissen entsprechend, unter denen sie sich entwickelt, besteht diese Initiative in einem Petitions- und Bittgang. Die betreffende, von den Nr. 3 der ,, Gleichheit" gelangt am 6. Februar] 1895 zur Ausgabe. Frauen Gerhard, v. Gizycki und Cauer ausgehende Petition hat folgenden Wortlaut: , Einem hohen Reichstage unterbreiten die Unterzeichneten nachstehende Petition zur geneigten Berücksichtigung. Die Vereinsgesetze der meisten deutschen Bundesstaaten enthalten Bestimmungen, welche die Theilnahme der Frauen an politischen Vereinen verbieten und den Besuch von politischen Versammlungen erschweren. Dieser Zustand ist in doppelter Hinsicht ein bedauerlicher, 1. im Interesse der Frauen, 2. im Interesse der Gesammtheit. Im Interesse der Frauen, insofern er deren geistige Entwicklung im Allgemeinen und besonders in Bezug auf politische Einsicht hemmt, ferner und vor Allem aber, indem er den Frauen da sie von dem aktiven, wie passiven Wahlrecht ausgeschlossen sind die letzte Möglichfeit nimmt, in einer auf die Gesetzgebung wirksamen Weise für ihre eigenen Interessen einzutreten. Daß eine solche Vertretung ihrer Sache durch sie selbst aber dringend geboten ist, beweist die bisherige Gesetzgebung, z. B. in Bezug auf die Sittlichkeitsfrage, zur Genüge. Im Interesse der Gesammtheit, insofern die Erziehung der Kinder den Frauen in den meisten Fällen obliegt, durch die Zusammenhanglosig= keit des weiblichen Geschlechts mit dem öffentlichen Leben in ihm der soziale Sinn aber naturgemäß verkümmert und der von ihm geübte Einfluß ein entsprechender, von dem Blick auf die Gesammtheit ablenkender ist. Mit Hinweis auf diese beiden Gesichtspunkte bitten wir, ein hoher Reichstag wolle an die verbündeten Regierungen das Ersuchen um eine Gesetzesvorlage richten, durch welche die Beschränkungen des weiblichen Geschlechts in den Vereinsgesetzen der deutschen Bundesstaaten aufgehoben werden." Wir haben hiermit der uns zugegangenen Aufforderung entsprochen, diese Petition zur Kenntniß der proletarischen Frauen zu bringen. Dagegen können wir dem anderen Ersuchen keineswegs stattgeben, diese Petition unseren Genossinnen zur Unterzeichnung, den Kreisen der organisirten Arbeiterschaft überhaupt zur Unterstüßung zu empfehlen. Im Gegentheil. Wir rathen jedem klassenbewußten Mitglied des Proletariats entschieden ab, diese Petition in irgend welcher Weise zu unterstützen. Und dies aus folgenden Gründen. Das Petitioniren überhaupt sofern nicht besondere, zwingende Ausnahmeverhältnisse vorliegen- widerspricht dem Charakter der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung. Am wenigsten entspricht es den Gepflogenheiten und dem Interesse derselben, daß Proletarier und Proletarierinnen als Gefolgschaft bürgerlicher Elemente in einer Petition erscheinen, welche aus bürgerlichen Kreisen stammt und den Stempel bürgerlicher Anschauungen trägt. Mit Rücksicht auf die rechtlose Sonderstellung des weiblichen Geschlechts haben wir in dem vorliegenden Falle durchaus teine Ausnahme von dieser unserer grundsätzlichen Haltung zu machen. Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion hat bekanntlich einen Initiativantrag eingebracht auf reichsgesetzliche Regelung der Vereins- und Versammlungsgesetze, in welcher sie volle Vereinsund Versammlungsfreiheit und Sicherstellung des Koalitionsrechts noch obendrein auch für das weibliche Geschlecht fordert. Behuss Unterstützung und richtiger Illustrirung dieses Antrags bedarf es aber unseres Erachtens nicht erst einer Petition. Seit Jahren liegt eine äußerst beweisträftige Demonstration dafür vor, daß die proletarische Frauenwelt fraft eines wichtigen Lebensinteresses des Vereins- und Versammlungsrechts bedarf, und daß sie der Bedeutung dieses Rechts voll bewußt energisch die Forderung nach einer diesbezüglichen Reform erhebt. Diese Demonstration ist der zähe, erbitterte Kampf um das Vereins- und Versammlungsrecht, den die proletarischen Frauen seit Jahren mit den Behörden führen, und in dem sie, die Aermsten der Armen, Opfer über Opfer bringen an Zeit und Mitteln, die Strafen nicht gerechnet. Wenn die gesetzgebenden Gewalten die eindringliche Sprache dieser Demonstration nicht verstehen, so werden sie sich durch das ergebene Säufeln einer Petition noch weit weniger rühren lassen. " Vom Standpunkte des„ Nüßt es nichts, so schadet es doch nichts" können wir aber eine Unterstützung bezw. Unterzeichnung der Petition durchaus nicht gelten lassen, weil ihr Inhalt im schroffsten Gegensatz zu der proletarischen Auffassung steht. Gewiß, wir können nicht erwarten, daß eine Petition bürgerlicher Kreise unserer sozialistischen Auffassung entspricht, aber wir dürfen uns auch nicht für eine Petition erwärmen, die unserer Auffassung ins Gesicht schlägt. Und das ist hier der Fall. In der Petition fehlt der„ Kürze wegen", wie es in einem Begleitschreiben heißt, der Hinweis auf den wichtigsten Grund, warum die proletarische Frau das Vereins- und Versammlungsrecht bedarf, und warum das Proletariat für dieses kämpft: der Hinweis auf die wirthschaftliche Lage der erwerbsthätigen Frauen. Daß dieser Grund in dem„ Anschreiben" angeführt ist, macht die Petition selbst nicht besser. Einer Belehrung über den Werth des Vereins- und Versammlungsrechts bedürfen die proletarischen Kreise 16 " am allerwenigsten. Sie stehen seit langen Jahren im Kampfe um dieses Recht. Und für die eventuelle Beweiskraft der Petition kommt doch nicht in Betracht, was ihre Verfasserinnen und Unterzeichnerinnen gedacht haben, sondern was sie zu ihrer Begründung sagten. Fehlt so in der Petition der„ Kürze" wegen der triftigste Grund für die geforderte Reform, so figurirt in ihr der„ Kürze" unbeschadet ein anderer, den jede halbwegs klare sozialpolitische Erkenntniß mit geringschätzigem Lächeln abweist. Die Petition betont nämlich die Nothwendigkeit, daß die Frauen mittels der Vereins- und Versammlungsfreiheit die Gesetzgebung in Bezug auf die Sittlichkeitsfrage" beeinflussen. Wir wissen aus anderen Petitionen bürger licher Frauen, was dieser Passus bedeutet: Ler Heinzerei und was dran und drum hängt, kurz Bethätigung der kindlichen Auffassung, daß die Prostitution aus der kapitalistischen Gesellschaft durch ein Verbot verschwinden und die Sittlichkeit von Büttelei und Juristerei von Amts wegen fabrizirt werden könne. Proletarische Kreise haben nicht die geringste Veranlassung, durch ihre Solidarisirung mit einer Petition derartigen Inhalts ihrer sozialpolitischen Erkenntniß ein Armuthszeugniß auszustellen: Mögen sie das den bürgerlichen Kreisen überlassen. Ein anderer Umstand macht uns die Unterstüßung der Petition zur Unmöglichkeit. Der Reichstag soll den Petitionirenden gegenüber nur die Rolle des Thürhüters spielen, der den Zugang zu der Regierung öffnet. Nicht der Reichstag soll durch einen Gesetzentwurf aus seiner Mitte die Initiative zu einer Reform ergreifen, er soll an die„ verbündeten Regierungen" das„ Ersuchen" um eine solche stellen. Man denke an die Regierung, welche die Umsturzvorlage gemacht hat! Eine Proletarierin, welche von dieser Regierung eine ihren Bedürfnissen entsprechende Gesetzesvorlage erwartete, wäre eine naive Thörin. Eine Proletarierin, welche diese Regierung gar um eine Gesetzesvorlage anflehte, beschimpfte sich selbst und ihre Klasse. Deshalb kann es unseres Erachtens nur heißen: Dieser Petition keine proletarische Unterstützung. Dieser Petition keine proletarische Unterschrift. " Wollten die Verfasserinnen der Petition vorübergehend ein Zusammenwirken mit den proletarischen Frauen zu gemeinsamem Ziel, so war es ein Gebot der einfachsten Klugheit und Höflichkeit, sich vorher mit den Vertreterinnen der Arbeiterinnen über die Grundlage, die Art und die Form dieses Zusammenwirkens" zu verständigen. Die Berliner Frauen- Agitations- Kommission ist für sie nicht unerreichbar. Statt zu bitten mögen unsere Genossinnen fordern, statt zu petitioniren, wie in der Vergangenheit demonstriren. Die Agitation, welche die Berliner Frauen- Agitations- Kommission behufs Unterstützung der bekannten sozialdemokratischen Anträge angeregt hat, giebt ihnen reichlich Gelegenheit, ihre Wünsche zu formuliren und ihren Willen zu bethätigen, dem Klassenstaat die Reformen abzutrogen, die in ihrem Interesse als Frauen und als Proletarierinnen liegen. Kleine Nachrichten. Sittliche Arbeitgeber und unfittliche Arbeiterinnen findet man augenscheinlich in den Zuckerfabriken der Provinz Sachsen. In einem Betrieb dieser Industrie z. B. sind gegen 500 Mädchen aus Posen in einem Kasernement untergebracht. Halb nackt, wie es die Arbeit mit sich bringt, müssen diese wie ihre Kollegen durch Schlamm und Schmutz waten, um den am anderen Ende des Grundstücks gelegenen Abort zu erreichen. Eine Trennung der Geschlechter an diesem Ort scheint man für überflüssigen Luxus zu halten. Mehr noch, der Raum ist nicht einmal in Abtheilungen zerlegt, ebenso wenig entzieht eine Thür den Anblick in das Innere. Des Abends ist keine Beleuchtung vorhanden, so daß sich die Mädchen durch Tasten überzeugen müssen, ob sie allein sind. Diese Zustände sind wieder einmal ein lichtvoller Beweis für die Rohheit und Unsittlichkeit des„ ,, Arbeiterpacks" und für den streng sittlichen Sinn der Herren Kapitalisten. Aber, so fragen wir, ist denn kein Fabrikinspektor da, der die Sittenlosigkeit der Einen gebührend annagelt und das sittsame Handeln der Andern gebührend belobt? Etwas von der trockenen Guillotine. Das Vergoldergewerbe gehört bekanntlich mit zu den sehr gesundheitsschädlichen Berufen. Schlechte Löhne tragen noch das Uebrige dazu bei, daß die Gesundheit und Lebenskraft der Vergolder und Vergolderinnen im Berufe sind sehr viele Arbeiterinnen thätig untergraben wird. So beträgt das durchschnittliche Lebensalter der in diesem Gewerbe thätigen Personen nur 29 Jahre. Der Kapitalist wirthschaftet eben nach dem Grundsage: Es gehe die Menschheit zu Grunde, wenn nur der Profit gedeiht! Berantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zetkin( Eißner) in Stuttgart.- Druck und Verlag von J. H. W. Dieg in Stuttgart.