Nr. 4. Die Gleichheit 5. Jahrgang. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen. Herausgegeben von Emma Ihrer in Pankow bei Berlin. Die„ Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nro. 2756) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf. Von Rechts wegen. Stuttgart Mittwoch, den 20. Februar 1895. In Bayern sind bezüglich des Versammlungsrechts der Arbeiterinnen seitens hoher und höchster Behörden Erkenntnisse gefällt worden, welche den zweifelsüchtigsten Gemüthern zagender Ordnungsfreunde trostreich beweisen, daß es auch heutigentags noch Richter giebt und nicht blos in Preußen. Jahrelang wurde in Bayern das Vereins- und Versamm lungsgesetz den Frauen gegenüber gehandhabt hier nach dem, was das Gesetz besagt, dort nach dem, was Herr v. Feilißsch, seines Zeichens Minister des Innern, mit unverfälscht amtlichem Scharfsinn als die„ Absicht der Gesetzgeber" erkannte. Der Besuch öffentlicher Versammlungen, welcher den Nürnbergerinnen recht war, war den Münchnerinnen durchaus nicht billig. Seit etwas mehr als Jahresfrist dagegen klingt das diesbezügliche Thaten der Polizeibehörden allerorten zusammen in jener holden Harmonie, in welcher sich bekannt lich schöne Seelen stets verständnißinnig zusammenfinden. In den verschiedensten Orten Bayerns verunmöglicht die hohe Polizei den Arbeiterinnen den Besuch öffentlicher Versammlungen irgend welcher Art. Die bayerische klassenbewußte Arbeiterschaft erwartete von einem richterlichen Entscheid eine Aenderung der einschlägigen Verhältnisse. Dieser Entscheid ist in jüngster Zeit in letter Instanz gefallen: er steht im Widerspruch zu den wichtigsten Lebensinteressen der Arbeiterinnen und damit zu den Interessen der gesammten Arbeiterschaft; er steht im Widerspruch zu den Erfordernissen unserer Zeit. Das Obergericht wies als unberechtigt die Berufung ab gegen die durch polizeiliche Verfügung veranlaßte Entfernung der Frauen und Mädchen aus einer öffentlichen Gewerkschaftsversammlung, welche am 10. Dezember 1893 in Nürnberg stattfand, und deren Tagesordnung lautete: 1)„ Das Fabrifinspektorat", 2) Wahl einer Beschwerdekommission. Fast gleichzeitig verwarf das königliche Staatsministerium des Innern eine Berufung gegen das Verbot einer öffentlichen Arbeiterinnenversammlung in Fürth, wo am 3. Januar 1894 Genossin Rohrlack über das Thema referiren sollte:„ Die Arbeiterinnen im Kampfe mit dem Kapitalismus“. Wie aus obigen Daten ersichtlich, sind die gefällten Erkenntniffe offenbar die reifen Früchte langer und gründlicher Prüfung. Auch der übelwollendste Strittelmeier wird ihnen nicht vorwerfen fönnen, daß sie in überhafteter Gile gefaßt worden sind. Und welches sind die so langwierig und sorgsam bebrüteten Gründe der Entscheidung? Erstens: die Sozialdemokratie ist laut oberstrichterlicher Erkenntniß aus dem Jahre 1876 ein politischer Verein im Sinne des bayerischen Vereinsgesetzes. Zweitens: jede Versammlung, die von einer als sozialdemokratisch bekannten Person einberufen oder geleitet wird, oder in der eine solche Person referirt, ist eine politische Versammlung des politischen Vereins Sozialdemokratie. Drittens: gewerbliche Koalitionen, welche zur Erlangung günstigerer Lohn- und Arbeitsbedingungen die Organe und die Thätigkeit des Staats für sich in Anspruch nehmen", verlieren ihren ge= werblichen Charakter und wandeln sich in politische Vereine um" bezw. in politische Versammlungen. Auf Grund obiger Feststellungen und des„ Thatbestands" ergiebt sich selbstredend klärlich, daß es sich in dem einen wie dem anderen fraglichen Fall um politische Versammlungen des politischen Vereins Sozialdemokratie handelte. " " Zuschriften an die Redaktion der Gleichheit" sind zu richten an Fr. Klara Zetkin( Eißner), Stuttgart, RothebühlStraße 147, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. Wie aber das bayerische Vereinsgesetz Frauen und Minder= jährigen die Mitgliedschaft von politischen Vereinen untersagt, so berbietet es ihnen auch den Besuch der Versammlungen solcher Vereine bezw. aller Versammlungen, die sich mit politischen oder öffentlichen Angelegenheiten beschäftigen. Ergo war die hohe Polizei von Nürnberg und Fürth zu den beliebten Maßregeln durchaus berechtigt. Es ist klar, daß es kaum eine öffentliche Versammlung geben dürfte, die sich unter dem Zauberstab obiger Begründung nicht ebenso sicher und gewiß in eine politische„ umwandelt", wie während des Hochamts unter dem Segen des Priesters die Hostie zum Leib Christi wird. Folglich bedeutet der leztinstanzliche Entscheid in der Frage nicht mehr und nicht weniger als die Abschaffung des Versammlungsrechts der bayerischen Arbeiterinnen, und da ohne Versammlungsfreiheit jedes Vereinigungsrecht illusorisch wird, gleichzeitig auch die Vernichtung des den Arbeiterinnen verfassungsgemäß zustehenden Koalitionsrechts. Und dies von Rechts wegen, auf Grund einer Beweisführung, die ebenso einfach ist, als sie dem beschränkten Unterthanenverstand unantastbar sein muß. Wir könnten zwar dieser Beweisführung Gegengründe gegenüberstellen. So z. B., daß es nach 1876 so etwas wie ein Sozialistengesetz gegeben hat, demzufolge die frühere Organisation der Sozialdemokratie zertrümmert wurde; ferner, daß 1890 so etwas wie ein Parteitag zu Halle stattfand, welcher der Sozialdemokratie eine Organisation gab, die nichts mit einem Verein gemein hat. Weiter, daß das öffentliche Auftreten und Thun einer als sozialdemokratisch bekannten Person durchaus nicht immer im Auftrag und im Zusammenhang mit der Partei geschieht. Schließlich und am wenigsten, daß bei den heutigen Gesellschaftsverhältnissen wirthschaftliche und politische Fragen so innig miteinander verquickt sind, daß man mittels der oberstrichterlichen Definition so ziemlich jede Frage des gewerblichen Lebens zu einer politischen stempeln kann. Allein Behörden und Staatsweise haben unter allen Umständen das mit großen Geistern gemein, daß Kleinigkeiten sie nicht geniren. Und deshalb hätten der Herr Staatsminister und die Herren Oberrichter sich die lange Zeit und saure Mühe der sinnreichen Begründung ihres Entscheids sparen können. Die Erklärung hätte vollauf genügt:„ car tel est mon plaisir", weil es mir so beliebt, oder„ sic volo, sic jubeo", so will ich, so befehle ich! Ich, d. h. nicht etwa der Herr Staatsminister und die Herren Oberrichter, denen wir nicht die leisesten absolutistischen Anwandlungen unterstellen. Vielmehr„ Ich", der Staat, d. h. die politische Organisation der herrschenden Kapitalistenklasse zum Zwecke der Ausbeutung und Unterdrückung der nichtbesißenden werfthätigen Masse.„ Ich", der Staat, der es als Werkzeug dieser herrschenden Klasse nicht dulden darf, daß sich Lohnsklavinnen aufflären und organisiren, um mit ihren Brüdern der Frohn und des Elends zusammen bessere Arbeitsbedingungen zu erkämpfen. Minister und Oberrichter haben sich bethätigt als treue Diener ihres Herrn", als pflichteifrige, verständnißvolle Beamte des Staats, in dem Arme und Reiche bei einander wohnen. Gewissenhaft haben sie gethan, was ihres Amtes " ist im Sinne der Versicherung, die Herr v. Bötticher seinerzeit den schmollenden Granden des Kapitals sanft vorwurfsvoll zurief:" Meine Herren, wir arbeiten ja nur für Sie". Und das von Rechts wegen. 26 Allerlei aus dem Reichstage. Vor 13 Jahren, nämlich 1882, hat in Deutschland die letzte Berufs- und Gewerbezählung stattgefunden. Dieser Umstand wird peinlich empfunden von den Sozialpolitikern, die für ihre Arbeiten der Grundlage zuverlässigen Zahlenmaterials bedürfen. Vielfachem Drängen nachgebend, trat endlich die Regierung an den Reichstag mit einer Vorlage heran, die Vornahme einer Berufs- und Gewerbezählung im Sommer 1895 betreffend. Dem halbabsolutistischen und bureaukratischen Charakter der deutschen Regierungsmaschinerie entsprechend, gestand die Vorlage dem Reichstage großmüthig das Recht zu, die Mittel für die Erhebung zu bewilligen. Dagegen enthielt sie kein Wort über die Methode, die Formulare, auf Grund deren die Zählung erfolgen soll. Daß die Volksvertreter in der Beziehung die Vorlage mit Sachkenntnis beurtheilen konnten, ist nur einem Zufall zu verdanken. Ein günstiger Wind hat ein Exemplar der einschlägigen Formulare auf den Redaktionstisch der sozialdemokratischen Leipziger„Volkszeitung" geweht, welche für seine Veröffentlichung sorgte. Genosse Schönlank unterzog das Säumen der Regierung und ihr Vorgehen einer scharfen, glänzenden Kritik, die sich mit gründlicher Sachkenntniß noch auf die Methode und die Formulare der geplanten Erhebung erstreckte. Daß die Regierung die Zählung so lange hinausgeschoben, so betonte er, erkläre sich durch zwei Gründe: durch den Widerwillen des Militärstaats gegen Kulturausgaben und durch die Furcht vor der Sozialdemokratie. Eine streng wissenschaftliche Erhebung über die wirthschaftliche Entwicklung Deutschlands bestätige durchaus die sozialpolitischen Theorien. Freilich die Methode, nach welcher die Regierung die Zählung vornehmen lassen wolle, gebe ein trügerisches Bild der einschlägigen Verhältnisse. Deshalb müsse der Reichstag durch ein Gesetz das Wann, Wie und Was der Erhebung festlegen. Dieselbe werde dann für die bürgerliche Gesellschaft zu einer Generalbeichte, in der sie ihre Gebreste enthülle, für die Sozialdemokratie zu einer Vogelschau, welche erkennen läßt, daß die sozialistische Gesellschaft immer näher kommt. Vergebens bemühte sich der Unterstaatssekretär v. Rottenburg, durch Witzeleien die scharfen sozialdemokratischen Hiebe zu pariren. Die Vorlage, welche noch von dem Nationalliberalen Hasse und dem Zentrümler Hitze kritisch zerzaust wurde, ging an eine 14gliedrige Kommission, der Genosse Schönlank angehört. Das Schaumgericht der Fürsorge für den Mittelstand seitens der Regierung, Konservativen und Ultramontanen verschwindet kaum noch aus den Auslagefenstern der Reichstagsverhandlungen. So mußte sich der Reichstag mit einer Vorlage der Regierung und einem Antrage des Zentrums befassen, welche die Rettung des seßhaften Kleingewerbes durch die Beschränkung des Hausirhandels erstreben. Die Regierung will, wie auch der Staatsminister Berlepsch ausführte, nur die„Auswüchse" des Hausirhandels beseitigen. Das Zentrum möchte dagegen dem Hausirhandel mit einer Eisenbartkur zu Leibe gehen, die zu seinem schleunigen und unsanften Ende führen würde. Unter anderen diesbezüglichen Bestimmungen fordert das Zentrum auch den Ausschluß der Frauen vom Hausirhandel. Schädler und Hitze warteten mit der Erklärung auf, daß die Frau in die Familie gehöre uud daß ihnen der Hausirhandel ebensogut wie die Fabrikarbeit verboten werden müsse. Ob alle Frauen einer Familie angehören, in der sie zu essen finden, darnach fragte keiner der ultramontanen Herren. Konservative und Antisemiten hieben natürlich zusammen mit Regierung und Zentrum in die Kerbe der Mittelstandsrettung, nur forderte der Antisemit noch Maßregeln gegen die Konkurrenz des Großhandels. Die Freisinnigen dagegen wollten nichts wissen von einem staatlichen Eingreifen in das Spiel der„freien Kräfte". Klar und bestimmt zeigte Genosse Robert Schmidt die praktische Wirkungslosigkeit der geforderten Maßregeln, weil das Kleingewerbe nicht der Konkurrenz des Hausirhandels erliege, sondern derjenigen des kapitalkräftigen Großbetriebs und Großhandels. Mache die Gesetzgebung durch die geplanten Bestimmungen Tausende existenzlos, so müsse sie ihnen auch einen anderen Wirkungskreis anweisen. Wolle man den Ausbau der Gewerbeordnungsnovelle fördern, so möge man den gesetzlichen Schutz auf das Theaterpersonal ausdehnen, welches geradezu meuterisch von Agenten und Direktoren ausgenutzt werde. Vorlage und Antrag wurden einer Kommission überwiesen. Hochinteressante und äußerst lebhafte Debatten knüpften an zwei Anträge an, welche die Aufhebung der Diktatur in Elsaß-Lothringen forderten. Einer derselben war von der Sozialdemokratie eingebracht, der andere von den Vertretern Elsaß-Lothringens. Bebel begründete die sozialdemokratische Forderung in einer nach Inhalt und Form gleich meisterhaften Rede. Gestützt auf ein ungemein reiches that- sächliches Material schilderte er mit der ihm eigenen Schärfe, daß im Lande der„wiedergewonnenen Brüder" ein Ausnahmezustand herrsche, an dessen Ungeheuerlichkeiten das Sozialistengesetz nicht hinan reiche. Veraltete, erzreaktionäre französische Gesetze seien in Kraft und würden gehandhabt mit der Schneidigkeit des preußischen Polizeiregimes. In Elsaß-Lothringen giebt es kein Vereinsrecht, kein Versammlungsrecht, die Preßfreiheit ist eine Phrase. Die Behörden sind geradezu allmächtig. Es fehlt ein Beschwerdegericht, welches die Bevölkerung gegen Uebergriffe der Beamten schützt. Der Landesausschuß, das„Rentnerparlament" genannt, ist zusammengesetzt aus Besitzenden und abhängigen Beamten. Aber allerdings seien gegenwärtig gewisse Kreise eher für eine Ausdehnung der Diktatur über Deutschland bereit, als zu ihrer Aufhebung für Elsaß-Lothringen. Der Umstand sei kennzeichnend für den Tiefstand des politischen Lebens in Deutschland. Der Fortbestand der Diktatur werde in nichts gerechtfertigt durch die Haltung der ruhigen, friedliebenden Bevölkerung. Er müsse die Elsaß- Lothringer Deutschland entfremden und führe nur der Sozialdemokratie neue Anhänger zu, obgleich man diese mit der Diktatur besonders treffen wolle. Genosse Bueb unterstützte sehr wirksam Bebel's Ausführungen. Auf Grund seiner persönlichen Erfahrungen entwarf er ein lebhaftes Bild der Verhältnisse, welche die Diktatur zeitigt, durch die man die Bevölkerung sicher nicht für deutsche Art gewinnt. Aber offenbar handle es sich nicht um eine Verdeutschung der Elsaß- Lothringer, sondern um ihre Verpreußung. Mehrere Vertreter Elsaß- Lothringens forderten eindringlich die Aufhebung der Diktatur. Ihrerseits kritisirte Preiß in vorzüglich scharfer und rückhaltsloser Weise das über seine Heimath verhängte Regime. Freisinnige und Zentrümler erklärten sich für die eingebrachten Anträge, Konservative und Nationalliberale dagegen, weil die Regierung von einer Aufhebung der Diktatur nichts wissen will. Zu einer unfreiwilligen Befürwortung der Aufhebung der Diktatur gestaltete sich die Erklärung des Reichskanzlers Hohenlohe, des ehemaligen Statthalters von Elsaß- Lothringen. Dieselbe gipfelte darin, daß die Elsaß-Lothringer Gesetz und Ordnung liebende Leute seien, so daß der Diktaturparagraph nur theoretische Bedeutung habe und nichts sei als eine Warnungstafel! Unterstaatssekretär v. Puttkamer dagegen suchte die Diktatur dadurch zu retten, daß er den Wauwau der französischen Patriotenliga in den grellsten Farben malte. Gleichzeitig wendete er sich gegen Bebel's„Krimskrams" in einem Ton, in welchem sich Puttkamer'sche Junkeranmaßung paarte mit der Bakelseligkeit eines aus dem Unteroffizier herausgewachsenen Schulmeisters altpreußischen Stils. Herr v. Köller beschwor durch sein Eintreten für die Diktatur die heiterste Erinnerung der Zeit herauf, wo es hieß:„Herr v. Köller, es wird immer töller." Er hat sich jedenfalls um das Zwerchfell der Reichstagsabgeordneten hochverdient gemacht. In seinem Schlußwort rechnete Bebel gründlich mit dem hochfahrenden Herrn v. Puttkamer ab und betonte, es sei noch nicht der Schatten eines Beweises erbracht worden für die Nothwendigkeit des Fortbestandes der Diktatur. Die Abstimmung über die Anträge soll nach einer zweiten Lesung erfolgen. Aus den stattgehabten Verhandlungen erhellt deutlich, daß die überwältigende Mehrzahl der Abgeordneten für die Aufhebung der Diktatur ist, und daß der neue Kurs nur durch die Peitsche regieren will. Die letztere Thatsache wird auch mit herzerquickender Deutlichkeit bestätigt durch die Debatten über die Interpellation Hitze: in welcher Form die Regierung eine Arbeitervertretung zu schaffen gedenke, die in den kaiserlichen Erlassen vom Februar 1890 verheißen worden sei.„Der Noth gehorchend, nicht dem eignen Trieb" hatte sich das Zentrum offenbar zu dieser Anfrage entschlossen. Dieselbe sollte sozialreformatorischen Sand in die Augen der katholischen Arbeiterschaft werfen, welche hörbar murrt, daß die Ultramontanen durch ihren Umfall in der Umsturzkommission der Reaktion bei der politischen Vergewaltigung der Arbeiterklasse Hand- und Spanndienste leisten. Um gleichzeitig die katholischen Großgrundbesitzer und Schlotjunker, sowie die Regierung nicht zu verschnupfen, kümmerte sich das Zentrum nur um die VerwirNichung eines winzigen Bruchtheils der kaiserlichen Verheißungen. Bescheidentlich unterließ es die Anfrage nach vollständiger Sonntagsruhe, Normalarbeitstag und Gleichberechtigung der Arbeiter. Hitze trat im Namen seiner Partei blos ein für die Schaffung einer besonderen Arbeitervertretung, Arbeiterkammern oder Arbeiterausschüsse, Organisation des Arbeitsnachweises und gesetzliche Anerkennung der Gewerkvereine. Der Reichskanzler verlas zur Antwort, daß die Regierung an den Verheißungen der kaiserlichen Erlasse festhalte, daß aber das preußische Ministerium in Sachen der fraglichen Maßregeln seine Vorarbeiten noch nicht bis zu einer Beschlußfassung geführt habe. Im weiteren Verlaufe der Debatten, die sich durch drei Tage zogen, erklärte Minister v. Berlepsch das Nämliche. Groß sei der Wille der Regierung zu arbeiterfreundlichen Sozialreformen. Aber die Bethätigung dieses Willens hänge von dem Verschwinden der Sozialdemokratie ab. Denn wie jedes Gesetz, so müsse die Regierung auch die sozialreformatorischen Maßregeln prüfen mit Rücksicht ihrer Wirkung auf die Sozialdemokratie. Die einschlägigen Sozialreformen stärken nur die Sozialdemokratie, und deshalb behalte fich die Regierung Zeit und Modus der Verwirklichung der kaiserlichen Erlasse vor. Diese Erklärung war natürlich nach dem Herzen des industriellen Prozenthums, in dessen Namen der Nationalliberale Möller sofort dankend dafür quittirte. Dieser Biedermann bejubelte in hellen Tönen und mit pyramidaler Unfenntniß der Verhältnisse in anderen Ländern die Herrlichkeiten der deutschen Sozialreform, die so Großartiges geschaffen habe, daß jedes Mehr vom Uebel sei und nur die arme Industrie belaste. Besonders energisch verwahrte er sich gegen jede Arbeitervertretung und verwünschte die Gewerkschaftsorganisationen, die nur Streifvereine seien. Seinen Ausführungen entgegen vertrat der bekannte Bierkönig Rösicke den Standpunkt des liberalen, einsichtsvollen Großunternehmers. Der Kampf zwischen Arbeiter und Arbeitgeber, so meinte er, sei natürlich und nicht schlimmer als die Kämpfe, durch welche das Bürgerthum seine Freiheit erlangt habe. Den Gewerkschaften müsse gesetzliche Anerkennung und unbe schränkteste Koalitionsfreiheit zu Theil werden. Der Arbeiter bedürfe gegenüber der Kapitalmacht der Organisation, während der Arbeitgeber ihrer leicht entrathen könne. Das Gesetz müsse dem Arbeiter volle Gleichberechtigung mit dem Arbeitgeber verbürgen. Ob dieser Ansichten erklärte König Stumm Herrn Rösicke schlankweg für unwürdig, die Interessen der heiligen Kapitalistengilde zu vertreten und verhängte über ihn den Boykott des Nicht- mit- ihm- disputiren- wollens. Natürlich ist König Stumm gegen jede Arbeiterorganisation, auch gegen die zahmste, die frömmste, die konservativste. Dagegen wurde die gesetzliche Anerkennung der Gewerkvereine seitens der Freisinnigen und des deutsch- konservativen Hüpeden entschieden befürwortet. Von den Sozialdemokraten griffen der Bergmann Möller, Legien und Fischer in die Debatte ein. Möller wies entschieden die Beschuldigungen Stumm's gegen die organisirten Bergarbeiter zurück und formulirte ihre Beschwerden und Forderungen. Legien ging mit dem Nationalliberalen Möller und König Stumm scharf und gründlich ins Gericht. Streng sachlich, aber in sehr überzeugender Weise charakterisirte er das Wesen und die Aufgaben der Gewerkschaften, die wohl Kampfesorganisationen sein müßten, aber auch im Punkte der Bildung und Unterstützung Großes für die Arbeiterschaft leisten. Am Schlusse seiner Rede sendete er einen kalten Wasserstrahl auf die Hoffnungen der Gegner, welche von einem Gegensatz zwischen politischer und gewerkschaftlicher Arbeiterbewegung träumen. Auf verschiedenen Gebieten kämpfe die eine und die andere in prinzipieller Uebereinstimmung und Einmüthigkeit für das nämliche Ziel. Der Arbeiterklasse gehöre die Zukunft. Genosse Fischer geißelte mit ungemein zündenden Worten die Heuchelei des Zentrums, die Sünden des Neuen Kurses, seinen völligen Bankerott als Kurs der Sozialreform. Die Thatsachen zeigen, so bewies Fischer, daß das soziale Königthum vor dem Großkapital fapitulirt hat. Statt einer Verwirklichung der versprochenen sozialen Reformen biete man der Arbeiterklasse das Umsturzgesetz, d. h, die völlige Unterwerfung des Proletariats unter die Kapitalistenherrschaft. Man gebe der werkthätigen Masse unbeschränkte Koalitionsfreiheit, und diese verzichtet mit Vergnügen auf all den sozialreformerischen Krimskrams, von dem man ihr redet. Genosse Fischer schloß seine energievolle Züchtigung der herrschenden Gewalten mit der Erklärung des Kopenhagener Kongresses, daß die Sozialdemokratie weder an die ehrlichen Absichten, noch an die Befähigung der herrschenden Klassen glaubt, für die Arbeiter einzutreten. So fällt auch das Fazit dieser Verhandlungen zu Gunsten der Sozialdemokratie aus. Die Debatten über die Interpellation Hize zeigen: die Vertreter der Bourgeoisie von tiefgehenden Meinungsverschiedenheiten zerklüftet; den Neuen Kurs als Zickzackkurs soziale Reformen auf Sankt Nimmerlein vertagend und sich zum Glauben der alleinseligmachenden Peitsche bekennend; die Sozialdemokratie einig und zielflar, voll Kampfesenergie und allezeit auf dem Posten, um das Wohl des arbeitenden Volks zu vertheidigen. Arbeiterinnen- Bewegung. In der Zeit vom 20. Januar bis 15. Februar fanden öffentliche Versammlungen statt in: Altenbuseck, öffentliche Versammlung für Tabakarbeiter und Arbeiterinnen:„ Die drohende Tabaksteuer und ihre Folgen für die Arbeiterschaft der Tabakindustrie"( Genossin Löwenherz); Berlin, zwei öffentliche Versammlungen der Mäntelnäherinnen, Bügler und Berufsgenossen: 1) Vortrag( Gen. Hoffmann); Diskussion der aufgestellten Forderungen; 2)„ Das moderne Raubritterthum"( Gen. Hoffmann); öffentliche Versammlung der Kartonarbeiter und-Arbeiterinnen:„ Werkstubenberichte"( Gen. Sailer); Wahl von Vertrauenspersonen. Gewählt wurden Genossin Schulz und Gen. 27 Schwarzburger; öffentliche Versammlung der Hilfsarbeiter und Arbeiterinnen: Die Gewerkschaftsbewegung und der Bierboykott"( Gen. Jahn); öffentliche Versammlung des Frauen- und Mädchen- Bildungsvereins:„ Die Lebensstellung der Frauen in der bürgerlichen Gesellschaft"( Reichstagsabgeordneter R. Schmidt). In der Diskussion wurde empfohlen, der bekannten frauenrechtlerischen Petition feine Unterschrift zu geben. Oeffentliche Versammlung der im Kürschnergewerbe beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Berichterstattung von der Gewerkschaftskommission"( Gen. Michaelis). Wahl von fünf Vertrauenspersonen. Gewählt wurden Genossin Köhler und die Genossen Gaser, Wittich, Regge und Hoppe; öffentliche Versammlung der in der Luruspapierbranche beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen: Thätigkeitsbericht"( Gen. Bergmann); Daubringen, öffentliche Versammlung für Tabakarbeiter und Arbeiterinnen:„ Die drohende Tabaksteuer"( Genossin Löwenherz); Dresden, öffentliche Versammlung des Arbeiterinnen- Bildungsvereins:" Die Bedeutung der Frau in der Kulturgeschichte"( Gen. Reichard); öffentliche Versammlung der Arbeiter und Arbeiterinnen der Stroh- und Filzhutbranche:" Frauenarbeit und kapitalistische Gesellschaft"( Gen. Fräßdorf); Heuchelheim und Krofdorf, je eine öffentliche Versammlung für Tabatarbeiter und Arbeiterinnen:„ Die Regierungsvorlage, die Tabaksteuer betreffend"( Genossin Löwenherz); Ottensen, öffentliche Versammlung für Frauen und Mädchen: Wie verhalten sich die Frauen und Mädchen zur Gründung eines Lokalbildungsvereins?"( Genossin Blohm). Die Versammlung beschloß mit großer Majorität die Gründung eines solchen Vereins, dessen Vorstand die Genossinnen Krimson, Bräuer und Busky angehören. Zur Vertrauensperson wurde Genossin Steffensen gewählt. Pankow, öffentliche Versammlung, einberufen vom Frauen und Mädchenbildungsverein:„ Die Stellung der Frau in der Gesellschaft"( Gen. Baumann); Treptow, öffentliche Volksversammlung:" Zweck und Nutzen der Organisation"( Genossin Rohrlack); Wieseck, öffentliche Versammlung der Tabakarbeiter und Arbeiterinnen: Die Folgen der drohenden Tabaksteuer für die Arbeiterschaft der Tabakindustrie"( Genossin Löwenherz). - Vereinsversammlungen fanden in der nämlichen Zeit statt in: Berlin, Generalversammlung des Allgemeinen Arbeiter- und Arbeiterinnenvereins: Thätigkeitsbericht( Gen. Jahn), Kassenbericht( Gen. Arndt); Mitgliederversammlung des Verbands der Textilarbeiter und Arbeiterinnen:„ Der Kampf ums Dasein"( Gen. Hoffmann); Generalversammlung des Vereins der Arbeiter und Arbeiterinnen der Wäscheund Kravattenbranche: Thätigkeitsbericht, Rassenbericht( Gen. Hergt), Vorstandswahl. Dem Vorstand gehören die Genossinnen May, Russow, Pelz und Schlichting an. Dresden, Generalversammlung des Arbeiterinnen- Bildungsvereins: Thätigkeitsbericht, Kassenbericht( Genossin Eichhorn). Den Einnahmen im Betrage von 260 Mart 4 Pfennig stehen Ausgaben in der Höhe von 159 Mark 69 Pfennig gegenüber, so daß der Kassenbestand 100 Mark 35 Pfennig beträgt. Glienicke, Mitgliederversammlung des Arbeiter- und Arbeiterinnenvereins:„ Fortschritt und Armuth"( Gen. Jahn); Mitgliederversammlung des Zentralverbands der Frauen und Mädchen Deutschlands: Interne Angelegenheiten. Vorstandswahl. Der Vorstand besteht aus den Genofsinnen: Heitmann, Koop, Heine, Meisner, Dreier, Peeck, Eichentopf, Bräuer, Loschwitz, Behn und Reupert. Uhlenhorst, Mitgliederversammlung des Vereins der Frauen und Mädchen: Thätigkeitsbericht, Kassenbericht, Vorstandswahl. Der Vorstand besteht aus den Genossinnen: Kantin, Augustin, Drewes, Reumann, Enderlein, Wegner, Honig. Weißensee, Mitgliederversammlung des Frauen- und Mädchenbildungsvereins: Die Sklaven unserer Zeit"( Genossin Mesch); Thätigkeitsbericht, Kassenbericht. Behördliche Schneidigkeit und Findigkeit im Kampfe mit den proletarischen Frauen. In schöner Nacheiferung des Beispiels gar mancher preußischer Ortsbehörden hat der Amtsvorsteher zu Salbke( Kreis Magdeburg) nun ebenfalls den hochstaatsgefährlichen und politischen Charakter der Arbeiterfeste entdeckt, denen folglich die Frauen fern bleiben müssen. Seiner nicht neuen, aber immerhin originellen Auffassung entsprechend gestattete er dem ArbeiterBildungsverein Salbte und Umgegend, in durchaus geschlossener Gesellschaft" die Abhaltung eines Theaterabends, verbot aber streng den Zutritt für Frauen, Schüler und Lehrlinge". Die Beamtentreue des Mannes verdient offenbar einen Orden, wenn sie auch für die Katz gewesen ist, denn die zum Nachdenken erwachten Proletarierinnen schaaren sich um das Banner der Sozialdemokratie! Trotz alledem! In Ottensen mußten wieder einmal proletarische Frauen für ihre politische Rechtlosigkeit büßen. Die vier Vorstandsmitglieder der Zahlstelle Ottensen des Zentralvereins der Frauen und Mädchen Deutschlands wurden vom Altonaer Amtsgericht zu je 20 Mark Strafe oder vier Tagen Gefängniß verurtheilt, weil besagter Verein Politik getrieben haben soll, und sie selbst der Morithat schuldig t 3. i i t t 11 3 , = r r e g e Ft t e e t t D e i e e e I 1 T Textilindustrie allein 26 826 über 16 Jahre alte Arbeiterinnen, die Zahl der jugendlichen nicht eingerechnet. Demgegenüber ist der überall laut gewordene Wunsch, daß bald wieder Agitationsversammlungen stattfinden möchten, ein nur zu berechtigter, und dies umsomehr, als diesmal noch eine große Anzahl Orte ein Referat wünschten, aber nicht berücksichtigt werden konnten. Bei dem lebhaften Interesse, das die arbeitende Bevölkerung Schlesiens den Versammlungen entgegenbrachte, darf man mit Recht erwarten, daß der Erfolg der stattgefundenen Agitation nicht ausbleiben wird, daß sie dem Befreiungskampf des Proletariats neue, muthige und opferfreudige Streiterinnen und Streiter gewonnen hat. E. J. Breslau. In der Versammlung, in welcher Genossin Ihrer über das Thema referirte: Die proletarische Frauenbewegung in gewerkschaftlicher und politischer Beziehung", wurden drei Frauen als Vertrauenspersonen gewählt. Es sind dies die Genossinnen Geiser, Kayser und Koppat, deren Aufgabe es ist, die Agitation unter dem weiblichen Proletariat zu fördern und für seine Organisation zu wirken. Je weniger in Schlesien bis jetzt zumal für die Organisation der proletarischen Frauenwelt gethan worden ist, eine um so regere und energischere Thätigkeit müssen die zielbewußten Genossinnen von nun an entfalten. Sie sind sich ihrer Verantwortlichkeit bewußt und werden pflichttreu und freudig allezeit auf dem Posten sein, um die frohe Botschaft des Sozialismus in weitere Kreise tragen zu helfen und die Proletarierinnen zu schulen zum Kampf für die Befreiung ihrer Klasse und damit für ihre eigene Freiheit. A. G. Die Bewegung der proletarischen Frauen für die politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts verspricht in sehr energischen Fluß zu kommen und weite Kreise zu ziehen. Bereits jetzt sind der Frauen- Agitations- Kommission sehr zahlreiche Aufforderungen zugegangen, in den verschiedensten Gegenden Versammlungen zu organisiren, in denen die politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts gefordert werden soll. In Berlin haben programmgemäß am 5. und 6. Februar vier große öffentliche Volksversammlungen stattgefunden, in denen die diesbezügliche Forderung erhoben ward. Sämmtliche Versammlungen waren sehr gut besucht, zum Theil überfüllt, das Publikum bestand der Mehrzahl nach aus Frauen, welche aufmerksam den Ausführungen der Redner bezw. Rednerinnen folgten. Die Genossen Bebel und Liebknecht und die Genossinnen Ihrer und Baader referirten über das Thema:„ Fordern wollten nicht mehr fragen, sie wollten nicht mehr um sich sehen, nichts mehr hören. Eine dunkle Gestalt sperrte ihnen den Weg sie wichen ihr aus. Aber die Gestalt reckte den Arm ihnen nach mit dem weiten grauen Mantel, dessen Zipfel sie gepackt hielt, und der Arm wuchs hinter ihnen her, so weit sie auch eilten, und über sie fort flatterte der graue Mantel, wohin sie sich auch wandten. Da blieben sie stehen. Sie schauten sich an und sahen, daß sie keine Kinder mehr waren. Hinter ihnen lag es wie ein Abglanz des Paradieses, vor ihnen nur graue, dürre Ebene. Es ward todt und still in ihrem Innern. Und langsam, langsam wandten sie sich; langsam mit schweren Schritten schritten sie zurück, gedeckt vom grauen Mantel der Sorge, bis sie wieder vor den hohen, steinigen Menschenwohnungen standen. Ringsum, so weit man sehen konnte, ein weites Trümmerfeld voll harter, schwerer Steine! Und sie dachten, wenn man die Steine höbe und fortwälzte in den nahen Abgrund, so müßte der Boden aufathmen und saftiges Grün müßte aus ihm emporfeimen fönnen. Da hoben sie Steine und wälzten sie eine Strecke nach der anderen, bis sie tonnernd in den Abgrund rollten. Dann santen sie müde hin und entschliefen. Und sie hörten den Boden erdröhnen von unzähligen Schritten, und unter brausendem Gemurmel sahen sie Menschen herbeigeſtrömt kommen, unabsehbare Schaaren von Menschen. Ihre hageren Gesichter glühten in Entschlossenheit und die Muskeln ihrer abgezehrten Körper waren geschwellt von der Kraft des Willens. Sie sahen jeden von ihnen einen Stein packen und fortwälzen, bis sie alle Steine donnernd in den Abgrund gerollt hatten. Da quoll und feimte und rieselte es um sie hervor in unübersehbarer Weite, und ihnen zu Häupten schoß rauschend ein Baum hervor, schön und gewaltig vor allen. Sie sahen Menschen weithin über schwellendes Moos wandeln im Dämmerlicht des dichten Blättergewirrs, und das Sonnengold umspielte ihren Störper in warmen Wellen. Blüthenranken schlangen sich um sie und legten sich um ihre Häupter, rothglühend, gold29 die Frauen das allgemeine gleiche, direkte und geheime Wahlrecht?" Klar und überzeugend legten sie den prinzipiellen Standpunkt der Sozialdemokratie zu der Frage dar und wiesen ebenso flar nach, warum die Frau ihre politische Gleichberechtigung fordere, und wie die proletarische Frau dieselbe benützen müsse. In drei der stattgehabten Versammlungen bekundeten eine stattliche Zahl von Genossinnen ihre Zustimmung zu den gehörten Ausführungen. Gleichzeitig betonten sie zum Theil scharf, welche Unterschiede die proletarische und die bürgerliche Frauenbewegung trennen, so daß ihr Wesen, ihre letzten Ziele durchaus verschieden seien, wenn auch beiden die Forderung der politischen Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts gemeinsam sei. Mit größter Begeisterung gelangte in sämmtlichen Versammlungen folgende Resolution einstimmig zur Annahme: " In Erwägung, daß es keinen sichtbaren Grund giebt, der ein mündig gewordenes menschliches Wesen von Bürgerrechten und Freiheiten ausschließt, wie das dem weiblichen Geschlecht geschieht; in Erwägung, daß die Frauen nicht gewillt sind, diesen Zustand der Entrechtung, in welchen sie im Laufe der Zeiten versetzt wurden, ferner zu ertragen; in weiterer Erwägung, daß namentlich die täglich sich immer mehr zuspizzenden Gegensätze innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft auch die sehr große Mehrzahl der Frauen in immer schlimmere soziale und wirthschaftliche Verhältnisse versetzt, und eine Hebung und Verbesserung dieser Verhältnisse ein Gebot dringendster Nothwendigkeit ist, aber ohne den Besitz politischer Rechte und Freiheiten nicht herbeigeführt werden kann, fordern die Frauen nachdrücklichst die gleichen bürgerlichen und politischen Rechte wie die Männer und besonders die Gewährung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts." Die nämliche Resolution soll zur Abstimmung in allen Versamm lungen gebracht werden, welche die Forderung der politischen Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts erheben. Diese Resolutionen sind zusammen mit der Angabe der Zahl der Besucher der betreffenden Versammlungen an die Frauen- Agitationskommission Berlin einzusenden, welche sie zusammenstellen und den verschiedenen Fraktionen des Reichstags übermitteln wird. gelb und in schneeiger Weiße, und aus dem Grün leuchteten Früchte, schwer und süß, am süßesten aber von dem Baume, der über ihnen rauschte. Da griff das Weib jauchzend nach desselbigen Frucht, wissend zu genießen, genießend zu wissen, und auch den Gefährten davon zu geben, damit er esse. Aber schon hob die schon ver Frucht sich höher und höher der verlangenden Hand dämmerte die Farbenpracht in grenzenlosem Nebel. Noch nicht für Euch! noch nicht für Euch!" Und sie erwachten in der R. C. falten, scharfen Morgenluft. Freiheit. Von Shelley. Die feurigen Berge donnern sich zu, Es hallt ihr Krachen von Zone zu Zone; Die Meere stürmen sich aus auf der Ruh', Und es bebt des Nordpols eisige Krone, Wenn erschallt des Typhons Trombone. Einer einzigen Wolke der Blitz entwettert, Der tausend Inseln in Gluth entfacht; Die Erde bebt- eine Stadt ist zerschmettert, Und hundert beben und wanken; es kracht Der Erde tiefunterster Schacht. Doch heller Dein Blick als des Blitzes Schein, Und wie Du, so dröhnet die Erde nimmer; Des Meeres Echo, der Vulkane Spei'n Uebertönst, überstrahlst Du; der Sonne Schimmer Ist vor Dir wie Irrlichtsgeflimmer. " Von Berg und Woge und jagender Wolke Glänzt die Sonne durch Nebel und dunstigen Flor; Von Seele zu Seele, von Volke zu Volke, Von Stadt zu Dorf schwingt Dein Tag sich empor Wie Schatten der Nacht flieh'n Sklav' und Tyrann, Wenn Dein Licht zu leuchten begann. Etwas vom„ Umsturz der Familie". - 30 Zu den idealſten und höchsten Gütern der deutschen Nation", welche durch die+ Sozialdemokratie schwer bedroht sind und deshalb eventuell unter der großen Pickelhaube eines Umsturzgesetzes gegen subversive Tendenzen" sicher gestellt werden müssen, gehört bekanntlich laut Kapitalistenlügen und Philistergefasel die Familie. Wohl gemerkt, die bürgerliche Familie, wie wir sie gegenwärtig kennen. Die heutige bürgerliche Familie, die auf der Herrschaft des Mannes und der Unterbürtigkeit der Frau beruhend in 90 von 100 Fällen nichts ist, als ein durch äußere Zwangsumstände zusammengehaltenes Gemisch von Lüge und Brutalität. Gewiß, wir sind gegenwärtig Zeuge der Auflösung und Umgestaltung der Familienform, die wir von unseren Vätern und Vorvätern überkommen haben. Allein die Sozialdemokratie hat an dem sich vollziehenden Entwicklungsprozeß nicht mehr ursächlichen Antheil als der Forscher, der die Laufbahn eines Kometen berechnet, an dem Erscheinen der Himmelsruthe" zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort. Die Sozialdemokratie steht der Familie wie jeder anderen sozialen Einrichtung untersuchend und beobachtend gegenüber. Sie sieht in der uns überkommenen Familienform keine„ göttliche", ,, sittliche" oder„ natürliche", ewig feststehende Norm. Vielmehr ein soziales Gebilde, das wie jedes andere soziale Gebilde dem geschichtlichen Werden und Vergehen unterworfen ist, das unter dem Einfluß bestimmter sozialer Thatsachen sich entwickelt und verändert. Und sie findet auch bezüglich des Entwicklungsprozesses, den die Familie durchmacht, daß die wirthschaftlichen Verhältnisse die ursprünglich treibenden Kräfte sind. Die fapitalistische Produktionsweise bewirkt die Zersetzung der uns vererbten naturrechtlichen Familie. Die technisch- maschinelle Entwicklung des modernen Großbetriebs und die Verelendung des Proletariats verursachen, daß Millionen von Frauen ihren Unterhalt als selbständige Berufsarbeiterinnen finden können und suchen müssen. Damit ist für Millionen die Grundlage eines Familienlebens nach der Väter Weise zerstört, der Herd zertrümmert, um welchen sich die Familienglieder sammelten. Die kapitalistische Profitgier trägt das Ihrige dazu bei, den Auflösungsprozeß der Familie zu beschleunigen. Die Statistik über die Zahl der selbständig erwerbenden Frauen ist die illustrirte Geschichte des Verfalls der vaterrechtlichen Familie und des allmäligen Aufbaues einer neuen Familienform, die als sittliche Einheit auf die gegenseitige Liebe und Achtung der Gatten und ihre volle Gleichberechtigung gegründet ist. auch. Aber der winzigen Anzahl von Reichen und Sehrreichen steht eine breite proletarische Masse gegenüber, die ohne den Besitz der Arbeitsmittel in schwerste wirthschaftliche und damit auch soziale Abhängigkeit von den Eigenthümern der Produktionsmittel geräth. Und während mit der Ergiebigkeit der Produktion der Reichthum der Kapitalistenklasse ins Ungemessene steigt, nimmt auf Seiten der Arbeitskräfte Noth und Unsicherheit der Erwerbsverhältnisse mehr und mehr überhand. Die schon lange andauernde Krise, deren Ende noch gar nicht abzusehen ist, treibt für die wirthschaftlich Schwachen, die Arbeiter und Arbeiterinnen, die Uebelstände der kapitalistischen Wirthschaftsweise auf die Spitze. Gerade ihnen macht sie sich naturgemäß am meisten fühlbar in Gestalt von niedrigem Lohn, von ungünstigeren allgemeinen Arbeitsbedingungen, von gänzlicher oder zeitweiliger und theilweiser Erwerbslosigkeit. So sind gerade gegenwärtig Beziehung von der Arbeiterschaft im Allgemeinen gilt, das gilt ganz die Verhältnisse der Arbeitskräfte äußerst trübe. Aber was in dieser besonders und in verstärktem Maße von der Lage der weiblichen Arbeitskräfte, die heutzutage eine besonders gedrückte ist. Die geringere Widerstandsfähigkeit der Arbeiterinnen gegenüber und der Mangel an Organisation geben die Erklärung hierfür. Den den Unterdrückungs- und Ausbeutungsgelüften des Unternehmerthums Herren Kapitalisten sind diese Umstände natürlich hochwillkommen. An Fügsamkeit und Gehorsam gewöhnt, ohne organisirten Zusammenhalt, vom Gesetz ganz ungenügend geschützt: sind die Arbeiterinnen ein treffliches Ausbeutungsobjekt, ihre Kräfte werden rücksichtslos, ja oft geradezu schamlos ausgenutzt. Und da sich das Unternehmerthum überall in dem Bestreben gleicht, recht hohen ,, Entbehrungslohn" einstreichen zu wollen, so ist auch über die Verhältnisse der Arbeiterinnen in Stettin, der größten See- und Handelsstadt Preußens, von nichts Anderem zu berichten, als von langer Arbeitszeit, niedrigen Löhnen( oft noch gekürzt durch willkürliche harte Strafabzüge unter den nichtigsten Vorwänden), schlechter Behandlung u. s. w. Auch in Stettin steht das Schaffen und Leben der industriell thätigen Frauen und Mädchen im Zeichen des modernen Arbeiterinnenelends. Man geht kaum fehl, wenn man im Punkte der schlechten Entlohnung weiblicher Arbeitskraft alle Industriezweige, welche in Stettin Frauenarbeit verwenden, über einen Kamm scheert. In keiner Branche ist die Bezahlung eine derartige, daß sie die Mittel bietet für menschenunserer Zeit. Die in einer Artikelreihe folgenden Angaben über die würdige Lebensverhältnisse, die im Einklang stehen zu der Kultur Arbeitsverhältnisse der Lohnsflavinnen verschiedener Gewerbe wird Lage der Arbeiterinnen der graphischen Gewerbe. dies ziffernmäßig bestätigen. Wir beginnen mit einem Blick auf die Die segensreiche Thätigkeit des Buchdruckerverbands ist insofern auch einem Theil der Arbeiterinnen des Gewerbes von Vortheil gewesen, als wenigstens den in Buchdruckereien beschäftigten Frauen und Mädchen der Nutzen geregelter Arbeitsverhältnisse zu Gute kommt. Die Arbeiterinnen der Buchbindereien, Steindruckereien und namentlich der Tütenfabriken müssen dagegen unter bedeutend schlechIn welchem Umfang die kapitalistische Entwicklung im Deutschen Reich recht wacker an der Zersetzung der vaterrechtlichen Familie arbeitet, in welchem Umfange sie den„ Umsturz" derselben bewirkt, das erhellt sinnenfälligst aus den Zahlen über die Zunahme der Frauenarbeit. Nach den Berichten der Fabrikinspektoren für 1893 ist binnen den zwölf Monaten die Zahl der erwachsenen Industriearbeite rinnen um 40187 gestiegen. Und zwar kommen bei diesen Zahlen nur die Arbeiterinnen in Betracht, welche in Fabriken und gleichteren Bedingungen arbeiten als ihre erwähnten Kameraðinnen. stehenden Anlagen beschäftigt waren. Die weiblichen jugendlichen Arbeiter unter 16 Jahren haben im Berichtsjahr um 2217 zugenommen. Auf das Warum dieser kolossalen Zunahme weiblicher Arbeitsfräfte wirst eine Bemerkung des Gewerberaths für Posen ein helles Streiflicht. Der Gewerberath theilt nämlich mit, daß die männlichen Arbeiter einer Zigarrenfabrik seines Bezirks in einen sehr ernsten" Ausstand eingetreten seien, weil die Akkordlöhne zu niedrig waren und willkürlich verkürzt wurden, vor Allem aber weil der Prinzipal die Einstellung von billigeren und fügsameren weiblichen Zigarrenmachern an Stelle von widerspenstigen männlichen eingeleitet hatte". " " Die Ehe soll durch Juristerei und Büttelei über jede Kritik gehoben werden, weil die Machthaber par ordre de moufti die heutige Familie gegen den Umsturz" schützen und als Wall gegen den Umsturz der herrschenden Gesellschaft erhalten wollen. Der Kapitalismus bläst gleichzeitig das Familienleben von Millionen wie ein Kartenhaus zusammen und arbeitet in rasendem Tempo an dem„ Umsturz" der Familie. Unsere Staatsweisen und Staatsgewaltigen amüsiren sich an dem kindischen Spiel, der geschichtlichen Entwicklung gegenüber mit einem großmächtigen Schwert ins Wasser zu schlagen. Bur Tage der Arbeiterinnen der graphischen Gewerbe in Stettin. Wer heute über die Lage der Arbeiter und Arbeiterinnen schreiben will, der muß von vornherein darauf gefaßt sein, daß er nicht viel Gutes, dagegen sehr viel Elend zu berichten hat. Die herrschende Wirthschaftsordnung hat zwar Millionäre gezüchtet und Milliardäre Beschäftigt werden in sämmtlichen einschlägigen Betrieben etwa 250 weibliche Personen. Eine genaue Zahl der in den einzelnen graphischen Berufen beschäftigten Arbeiterinnen läßt sich nicht angeben. In den größeren Anstalten, die sowohl Buchdruckerei wie Buchbinderei und Steindruckerei haben, werden nämlich die Mädchen nach Bedarf von einem zum anderen Fach hinübergeschoben, so daß die Zahl der in den verschiedenen graphischen Branchen thätigen weiblichen Arbeitskräfte stets schwankt. Die Arbeitszeit in den Buchdruckereien ist überwiegend eine 9½stündige, in einigen Betrieben beträgt sie nur 9, in drei Buchdruckereien nur 812 Stunden. Nur selten kommt ein 10stündiger Arbeitstag vor. Die Arbeitszeit fällt meist von 7 Uhr Morgens bis 7 Uhr Abends, hin und wieder von 8-8 oder von 6-6 Uhr. Die Mittagspause ist 1½- 2ſtändig, die Frühstücks- und Vesperpause dauert- Stunde; die Pausen laufen von 12-22 resp. 2 Uhr, von 9-9 resp. 210 und von 4-44 resp. 25 Uhr. Die längere Arbeitszeit geht natürlich auf Kosten der Pausen. Was die Lohnverhältnisse anbetrifft, so schaffen die Arbeiterinnen der Buchdruckereien ausnahmslos im Wochenlohn, wogegen in den übrigen Betrieben vielfach in den Tütenklebereien fast ausnahms los die Akkordarbeit im Schwange ist. Der Wochenlohn beträgt in den Buchdruckereien für Bogenfängerinnen 4-5 Mark, Anlegerinnen bekommen 7-9 Mark und Punftirerinnen werden je nach ihrer Tüchtigkeit mit 9-11 Mark entlohnt; eine einzige, im Druck von Werthpapieren besonders geübte Punttirerin erhält 12 Mart. Sonntagsarbeit kommt nirgends vor. Ueberstunden werden nur im Nothfall geschafft und extra bezahlt. Ungünstiger schon liegen die Verhältnisse in den Stein druckereien. Die Arbeitszeit ist hier 9½- 10stündig; Ueberstunden kommen häufiger vor, ohne immer entsprechend entlohnt zu werden. Die Löhne stehen durchweg auf tieferem Niveau als die in den Buchdruckereien. Sie betragen für gewöhnliche Arbeiterinnen pro Woche meist 4 Mark; die Punttirerinnen an den Schnell: pressen bekommen 7-8 Mart. In der größten Stettiner Steindruckerei erhalten die etwa 20 beschäftigten Mädchen pro Woche 3 Mark 50 Pfennig, und wenn sie, was ziemlich oft geschieht, Sonntags Vormittags arbeiten müssen, so bekommen sie dafür 50 Pfennig, so daß also ihr Wochenverdienst auf 4 Mark steigt. Die niederen Löhne dieser Arbeiterinnen werden erklärlich, wenn man hört, daß hier oft Steindruckergehilfen nicht mehr wie 12-15 Mark pro Woche verdienen. In den Buchbindereien sind die Verhältnisse der Arbeiterinnen nicht besser. Wochenlöhne von 4-6 Mark sind an der Tagesordnung. In einem Geschäft wird im Berechnen gefalzt, und eine tüchtige Falzerin kann hier 9-10 Mart, auch wohl 12 Mark und mehr verdienen, wenn sie stets genug zu thun hat, was durchaus nicht immer der Fall ist. Die Arbeitszeit ist die gewöhnliche. Ueberstunden werden nach Bedarf gegen Bezahlung geschafft. Besonders ungünstig sind die Arbeitsbedingungen der in den Tütenfabriken thätigen Frauen und Mädchen. Fast durchgängig ist hier Akkordarbeit üblich. Ein Lehrmädchen verdient wöchentlich 2,50 Mark bis 3 Mart, eine geübte Kleberin 7-9 Mart. Der legtgenannte Verdienst wird jedoch vielfach nur dadurch ermöglicht, daß die Kleberinnen Arbeit mit nach Hause nehmen und dort fertig stellen. In der Folge ist die Arbeitszeit, die nominell die in den anderen Betrieben übliche ist mit denen die Tütenkleberei stets verbunden sind eine weit längere und entzieht sich jeder Kontrolle. Die Lohnhöhe ist mithin für die betreffenden Arbeiterinnen eine geringere, als es den Anschein hat. Bekanntlich ist es ein vielbeliebter Fabrikantenkniff, die dürftigen gesetzlichen Bestimmungen zum Schutz der weiblichen Arbeiter durch Mitgeben von Arbeit nach Hause zu umgehen. Dieser Kniff ermöglicht es den„ gesetzliebenden" Herren, die Entlohnung der Arbeit auf einer ungemein niedrigen Stufe zu halten. Auch die Besitzer unserer Tütenfabriken bedienen sich seiner, um durch gründliche Ausbeutung der weiblichen Arbeitstraft ihre Profite zu steigern. Sie haben noch andere Mittelchen zur Hand, um dieses jedem Kapitalisten ehr- und lobesame Ziel zu er reichen. So die Strafabzüge wegen schlechter Arbeit, zu denen gerade bei dem im Akkord geschehenden Tütentleben sehr verführerische Gelegenheit geboten ist, die reichlich ausgenutzt wird. Auch Strafabzüge wegen Zuspätkommen kürzen in den Tütenfabriken sehr häufig den knappen Verdienst der Arbeiterinnen. Gedenkt man dann noch der Beiträge, welche zu den verschiedenen Versicherungskassen entrichtet werden müssen, so ist es angesichts der oben angeführten Löhne wahr, lich kein Wunder, daß manches Mädchen Sonnabends mit einem Verdienst von 1 Mark 70 Pfennig bis 1 Mark 90 Pfennig für eine Arbeit von 60 Stunden nach Hause geht. Wir empfehlen die That sache den Manchestermännern à la Eugen Richter zur Beachtung als flare Illustration der Herrlichkeit des„ freien Arbeitsvertrags", den die„ freie" Arbeiterin eingegangen ist. Aus ihr könnten aber auch die muckerischen Sittlichkeitsvereinler lernen, welche den Zusammenhang zwischen Noth und sittlicher Verwilderung leugnen. Da die Tütenfabriken viel Arbeit ganz außerhalb des Betriebs durch Heimarbeiter bezw. Heimarbeiterinnen anfertigen lassen, so ist eine durchgreifende Verbesserung der Lage der Tütentleberinnen ausgeschlossen, so lange nicht der gesetzliche Arbeiterschutz und die Fabrikinspektion auf die Hausindustrie ausgedehnt wird. In unserer Zeit sozialreformerischer Rückwärtserei fönnten die Aermsten somit bis zum Sankt Nimmerlein warten, wenn nicht der Kampf des organisirten Proletariats der kapitalistischen Gesellschaft trotz alles Sträubens die nothwendigen Reformen abzwingen würde. Strafen für Zuspätkommen sind übrigens nicht blos in den Tütenfabriken üblich. Sie werden in allen größeren Betrieben erhoben und zwar in einer Höhe von 10-25 Pfennig pro Fall. Während aber die Arbeiterinnen beim Beginn ihres Tagewerks durch strenge Strafen zur Pünktlichkeit„ erzogen" werden, wird die nämliche Pünktlichkeit beim Schluß der täglichen Arbeit seitens der Herren durchaus nicht gern gesehen. Dies ist z. B. zumal in der großen, bereits erwähnten Steindruckerei der Fall, wo überhaupt dem Arbeitspersonal gegenüber ein unteroffiziersmäßiger Ton Mode zu sein scheint.„ Es ist gar nicht nöthig, daß Sie gleich beim Glockenschlag die Thüre in die Hand nehmen", diese und ähnliche Aeußerungen fallen, wenn die Arbeiterinnen ebenso pünktlich von der Arbeit gehen wollen, als sie pünktlich zur Arbeit fommen müssen. " In Folge der neuen Gewerbeordnungsnovelle hat sich in Stettin die Zahl der im graphischen Gewerbe beschäftigten Arbeiterinnen etwas 31 vermindert, hauptsächlich weil den großen Zeitungen die frühere Verwendung von Frauen und Mädchen zur Nachtarbeit unmöglich gemacht wurde. Die gesetzliche Festlegung eines kürzeren Arbeitstags für jugendliche Arbeiter bewirkte außerdem, daß in den graphischen Gewerben die Beschäftigung von Mädchen unter 16 Jahren zurückgegangen ist. Die Arbeitsordnung, Unfallverhütungsvorschriften 2c. hängen in allen einschlägigen Betrieben aus. Dagegen wird vielfach die gesetzliche Bestimmung nicht eingehalten, daß der Arbeitstag der Arbeiterinnen Sonnabends um 5½ Uhr enden muß. Aus den vorstehenden Angaben kann man einen Schluß ziehen, wie dürftig die Lebenshaltung der betreffenden Arbeiterinnen sein muß, sofern sie zu deren Bestreitung ausschließlich auf den eigenen Erwerb angewiesen sind. Von den Bettellöhnen mancher Tütenkleberinnen abgesehen, steht dem niedrigsten Wochenverdienst von 4 Mark bezw. 3 Mart 50 Pfennig ein Höchstlohn von 12 Mark gegenüber, der obendrein nur in vereinzelten Fällen und unter günstigen Umständen erreicht wird. Der wöchentliche Durchschnittsverdienst der graphischen Arbeiterinnen Stettins stellt sich auf 8 Mark. Aber nur ungefähr der vierte Theil derselben erreicht diesen Durchschnittslohn, ein noch kleinerer Prozentsaz geht mit seinem Verdienst über den Durchschnitt hinaus, und die Mehrzahl der graphischen Arbeiterinnen muß sich mit Löhnen begnügen, die vielfach sehr tief unter 8 Mart sinten. Bekanntlich hat der konservative Professor Kuno Frankenstein das durchschnittliche Existenzminimum einer Arbeiterin pro Woche auf 6 Mark 50 Pfennig berechnet. Von einer großen Zahl der graphischen Arbeiterinnen Stettins gilt somit, was von der Mehrzahl der Arbeiterinnen aller Berufe in und außerhalb ihrer Heimathsstadt gilt: wenn sie nicht in der Familie eine Stüße und einen Rückhalt besitzen, so vermögen sie nur zu existiren auf Kosten ihrer Gesundheit, ihrer Lebenskraft oder vielleicht auch auf Kosten ihrer Jugend, Frische und Tugend. Und das Alles ad majorem dei gloriam, zum größeren Profit des ausbeutenden Kapitals. So will es die kapitalistische Wirthschaftsordnung, und so wird es bleiben, so lange fleißige Arbeit ihren Nacken unter das Joch dieser Ordnung beugen muß. Otto Ohl- Stettin. Kleine Nachrichten. Umsturz der Familie in Bayern. Nach den Berichten der Fabriken und gleichgestellten Betrieben beschäftigten Arbeiterinnen im Fabrikinspektoren für das Jahr 1893 ist in Bayern die Zahl der in Berichtsjahr von 50 418( 1892) auf 52 988( 1893) gestiegen, sie hat sich also um 2570 vermehrt. In der angegebenen Zeit nahm die Zahl der Arbeiterinnen im Alter von 16-21 Jahren um 286 zu( 18292 1892-18 578 1893); die Zahl der über 21 Jahre alten Fabrikarbeiterinnen wuchs um 2284( 32 126 1892 34 410 1893). Die von der kapitalistischen Entwicklung gezeitigte Verelendung des Proletariats und Proletarisirung des Mittelstandes reißt überall immer größere Kreise von Frauen aus der Familie, verunmöglicht ihnen das Schalten und Walten am häuslichen Herd und zwingt sie zur selbständigen Berufsarbeit auf industriellem Gebiete. Das Sparen- auf Kosten fremder Arbeit verstehen die Herren Schwizmeister aus dem ff. Ein Berliner Schwitzer erhält 3. B. vom Geschäft für das Anfertigen eines sogenannten„ Backfischmantels" 1 Mt. 50 Pfg. bis 1 Mt. 75 Pfg. Seinen Arbeiterinnen zahlt er für ihr Bischen Mitarbeit" 80 Pfg., für Zuschneiden, Bügeln und Liefern je 10 Pfg. Summa Summarum hat der Mann an Arbeitslohn eine Ausgabe von 1 Mt. 10 Pfg., so daß ihm an jedem Mantel 46-65 Pfg. Reingewinn bleiben. Der Herr Meister" erarbeitet sich so per Woche ein Durchschnittseinkommen von 180 Mt. und dies ohne auch nur den Finger zu rühren. Seine Arbeiterinnen erfreuen sich eines wöchentlichen Durchschnittsverdienstes von 6-12 Mt., dafür dürfen sie aber auch täglich 15 Stunden und noch mehr schanzen. Welch lichtvolle Illustration des Wortes„ Segen ist der Mühe Preis"! Für schlechten Lohn mühsamste Arbeit müssen die Näherinnen leisten, welche die jetzt hochmodernen" seidenen Damenhemden anfertigen. Die Brusttheile dieser Hemden sind meist mit den zierlichsten, kunstvollsten Hohlnähten verziert, deren Herstellung bei der glänzenden, weichen Seide eine äußerst schwierige ist. Mit flinker, leichter Hand muß die Näherin die Längsfäden in der Breite der Hohlnähte aus dem Stoffe ziehen, die Querfäden faßt sie dann zu den geschmackvollen durchbrochenen Mustern zusammen. Damit sich der weiche Seidenstoff nicht verzieht, muß er vor der Bearbeitung auf andersfarbiges Seidenpapier aufgeheftet werden. Das Anfertigen der Hohlnähte ist sehr zeitraubend und anstrengend, denn es erfordert die Nr. Z» der„Gleichheit" gelangt am S. März zur Ausgabe. größte Aufmerksamkeit, ferner rumirt es binnen Kurzem die besten Augen. Trotzdem und obgleich der Preis der feinen Seidenhemden ein sehr�hoher ist,'.verdienen die betreffenden Näherinnen nur Bettelpfennige, sind sie zu einer äußerst entbehrungsreichen Lebensweise gezwungen. Damit Zierpuppen ihren Modelaunen fröhnen und kapitalistische Unternehmer reiche Profite einsäckeln können, mag Sehkraft und Gesundheit proletarischer Frauen zum Teufel gehen. Wer hieß sie auch so unvorsichtig in der Wahl ihrer Eltern sein? Die Grziehung zur Enthaltsamkeit seiner Arbeiterinnen läßt sich der Rohproduktenhändler N. in Dresden, Freibergerplatz, gütigst angelegen sein. Eine tüchtige Sortirerin erhält pro Woche 4 Mark. Die Frau muß mit diesem„Einkommen" nicht blos ihren Unterhalt bestreiten, sondern auch den eines Kindes. Ihr Küchenzettel weist tagaus tagein folgende Schlemmergerichle auf: Kartoffeln, Brot, Wurstfett und Zichorienbrühe. In der kapitalistischen Gesellschaft sorgt der„freie" Arbeitsvertrag dafür, daß die Bäume der von den enthaltsamen, darbenden Unternehmern so oft verurtheilten Völlerei und„Unwirthschaftlichkeit der Arbeiter und Arbeiterinnen" nicht bis in den Himmel wachsen. Bürgerliche Frauenvereine im.Kampfe gegen die Sozial demokratie. Gegen Ende vorigen Jahres fand im großen Rathhaussaale zu Baden-Baden die außerordentlicheLan desversammlung badischer Frauenvereine statt. Unter Anderem faßte dieselbe den welterschütternden Beschluß, die„verderblichen Einflüsse der Sozialdemokratie und der Kolportageliteratur" zu bekämpfen. Auch ein Zeichen der Zeit und des Zusammenwirkens der „reichen und ärmeren Schwestern!" Fortschritte der gewerkschaftliche» Organisation der Arbeiterinnen in England. In der englischen Industrie sind über zwei Millionen Arbeiterinnen beschäftigt. Davon sind gegenwärtig gegen 9()0(X1 gewerkschaftlich organisirt. In den letzten Monaten hat die gewerkschaftliche Organisation der Frauen Fortschritte gemacht. Daß aber in dieser Beziehung noch unendlich viel zu thun ist, zeigen die obigen Zahlen. Forderungen des englischen Frauengewerkschaftsbnnds. Unter den 249 Vertretern der englischen Trades-Unions, welche die Resolutionen des Norwicher Gewerkschaftskongresses der Regierung zu unterbreiten und von ihr eine entsprechende Gesetzgebung zu verlangen hatten, befand sich u. A. auch Miß Marland als Delegirte des Frauengewerkschaftsbunds. Sie forderte eine Vervoll st ändigung der Fabrikgesetzgebung für die Textilindustrie und eine Ausdehnung derselben auf die Waschanstalten. Miß Marland bezeichnete es als die wichtigste Aufgabe der Fabrikgesetzgebung, die Frage der Ueberzeit zu regeln bezw. die Ueberzeit zu beseitigen. Solange dieselbe in einzelnen Fällen gesetzlich erlaubt sei, werde auch ungesetzliche Ueberzeit gearbeitet werden. Der Minister des Innern, Asquith, anerkannte die Unzulänglichkeit der für die Textilindustrie geltenden gesetzlichen Bestimmungen, desgleichen die Nothwendigkeit, Arbeiter und Arbeiterinnen der Waschanstalten dem Fabrikgesetz zu unterstellen und durch Inspektion vor schadhafter Maschinerie, ungesunden Arbeitsräumen:c. zu sichern. Bekanntlich hatten sich seinerzeit englische Frauenrechtlerinnen unter einem Aufwand von viel sittlicher Entrüstung gegen die Unterstellung der Waschanstalten unter das Fabrikgesetz erklärt. Das Vorgehen des Frauengewerkschaftsbunds zeigt, daß sich die englischen Arbeiterinnen mehr und mehr von dem Einfluß bürgerlicher Elemente frei machen und im Anschluß und gemeinsam mit der allgemeinen Arbeiterbewegung rathen und thaten. Gewerkschaftliche Organisation der Frauen in Schottland. Dem im März 1893 ans Veranlassung der„Frauenschutzliga" zu Glasgow gegründeten„Landesverbands-Ausschuß für Schottland" gehören gegenwärtig 14 der bedeutendsten Gewerkschaftsräthe(Vertreter von Gewerkschaftsverbänden) an, sowie 21 Trade Unions und Vereine, in denen gemeinsam Arbeiter und Arbeiterinne» solcher Berufe organisirt sind, in welchen Männer wie Frauen beschäftigt werden. Der„Landesverbands-Ausschuh von Schottland" repräsentirt die stattliche Anzahl von Mitgliedern. Weibliche Studenten in Finnland. An der finnländischen Universität Helsingfors giebt es gegenwärtig 195 weibliche Studirende gegen 73 im letzten Semester. 47 davon sind in der historischphilologischen Fakultät und 45 in der mathematischen eingeschrieben, sieben Damen studiren Jurisprudenz und fünf Medizin, eine einzige Studentin hat sich der Theologie zugewandt. Die Zahl der Studirenden an der Helsingforser Hochschule überhaupt beträgt 1921. Unter den vier jüngsten Studirenden, welche ein Alter von 19 Jahren haben, befindet sich eine Dame. Wie beschämend sind vorstehende Thatsachen nicht für Deutschland! Verantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zetkin(Eißner) in Bolle politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts in Tüdaustralien. Dem von Neu-Seeland gegebenen Beispiele, die politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts betreffend, ist nun auch Südaustralien gefolgt. In letzter Zeit nahm das Parlament eine Vorlage an, welche das Wahlrecht auf 29 Jahre alte weibliche Personen ausdehnt. Das betreffende südaustralische Gesetz ist jedoch fortschrittlicher und demokratischer als das neuseeländische; es verleiht nämlich den Frauen nicht blos das aktive, sondern auch das passive Wahlrecht, während in Neu-Seeland Frauen wohl wählen dürfen, aber nicht gewählt werden können. Das Gesetz bedeutet einen freudig zu begrüßenden Sieg der kraftvollen südaustralischen Frauenrechtsbewegung, welche von bürgerlichen und proletarischen Frauen getragen wurde. Von bürgerlicher frauen- rechtlerischer Seite wird letzterer Umstand besonders hervorgehoben, und es hat mit ihm seine Richtigkeit. Grundfalsch ist es dagegen, wenn man aus ihm den Schluß zieht, daß auch in Deutschland die proletarischen Frauen im Schlepptau der bürgerlichen Frauenrechtlerinnen für die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts zu kämpfe» hätten. Die sozialen Verhältnisse Deutschlands sind durchaus andere als die in Südaustralien, und dementsprechend sind auch die Bedingungen ganz wesentlich verschiedene, unter denen hier und da die politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts durchgesetzt wird. In Südaustralien giebt es z. B. seit längerer Zeit eine sehr kräftige Frauenrechtsbewegung, welche mit großer Energie den Kampf für ihre Ziele geführt hat und in politischer Beziehung von einem Radikalismus ist, über welchen die Mehrzahl der deutschen Frauenrechtlerinnen einfach in königstreue, patriotische, gesinnungstüchtige Ohnmacht fallen würden. Dagegen giebt es in Südaustralien bis jetzt noch gar keine klassenbewußte proletarische Frauenbewegung, wie daselbst bis jetzt auch noch keine geklärte sozialistische Arbeiterbewegung vorhanden ist, vielmehr nur die Ansätze zu einer solchen. Da ist es denn natürlich, daß bürgerliche und proletarische Frauen in einer! einheitlichen Bewegung zusammen für die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts kämpfen. Wesentlich anders liegen die Dinge in Deutschland. Hier ist die Klassenscheidung zwischen bürgerlichen und proletarischen Frauen perfekt und tief ins Bewußtsein der Proletarierinnen gedrungen. Hier giebt es keine einheitliche kraftvolle bürgerliche Frauenbewegung, sondern Frauenrechtlerinnen, welche in die verschiedensten Richtungen gespalten und unter einander durchaus nicht einig sind, ob sie die politische Gleichberechtigung fordern sollen, und wann und unter welchen Bedingungen sie für dieselbe einzutreten haben. Nur eine winzige Minderheit von Frauenrechtlerinnen tritt offiziell und öffentlich für die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts ein, und diese Minderheit hat keine Massen hinter sich, ist nicht viel mehr als ein Generalstab ohne Soldaten. Dagegen giebt es in Deutschland seit zehn Jahren eine klassenbewußte, proletarische Frauenbewegung, welche im Rahmen der sozalistischen Ziele und der allgemeinen sozialistischen Arbeiterbewegung und mit dieser zusammen für die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts kämpft. Wollte diese Bewegung auf die Ordre bürgerlicher Frauenrechtlerinnen in eine bloße Frauenrechtsbewegung einschwenken, so würde sie nicht blos ihre Prinzipien preisgeben, sondern auch eine unverzeihliche Dummheit dadurch begehen, daß sie ihre Kraft und die ihr anhängenden Massen hinter eine Null setzte. In Deutschland hat die proletarische Frauen- k weit die Führung des Kampfes für die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts übernommen, und sie ist es auch, welche diesem Kampf zum Sieg verhelfen wird. Soll behufs Verwirklichung einer Forderung, welche bürgerlicher und proletarischer Frauenbewegung gemeinsam ist, ein vorübergehendes Zusammenwirken stattfinden, so kann es nur geschehen auf der Grundlage von Verhandlungen von Macht zu Macht. Aber ehe sich die proletarische Frauenbewegung zu solchen Verhandlungen herbeiläßt, muß die bürgerliche Frauenbewegung erst zu einer Macht geworden sein. Nuittunfl. Zu Agitationszwecken 29 Mark von Genossinnen in Itzehoe erhalten zu haben, bescheinigt dankend Die Frauen-Agitations-Kommission Berlin. Zur Weachtung. Alle für die Berliner Frauen-Agitations-Kom- mission bestimmten Briefe, Geldsendungen ic. sind zu richten an: M. Ottilie Baader, Berlin Weberstratze S4, Hof, Qnerg., 1 Treppe. Stuttgart.— Druck und Verlag vov I. H. W. Dietz in Stuttgart.