Nr. 9. Die Gleichheit. 5. Jahrgang. Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Herausgegeben von Emma Ihrer in Pankow bei Berlin. Die ,, Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nro. 2756) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf. Stuttgart Mittwoch, den 1. Mai 1895. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Bur Maifeier. Im Zeichen der Umsturzvorlage begeht diesmal das deutsche Proletariat seine Maifeier. Dieser Umstand giebt ihr eine besondere Bedeutung und wird ihr allerorten ein besonders energievolles und streitbares Gepräge aufdrücken. Umsturzvorlage und Maifeier ragen empor als zwei Wahrzeichen der Klassenkämpfe unserer Zeit. Beredt kündet das Eine den schnellen Verfall, das Abwärts im Lager des ausbeutenden Kapitals; martig erzählt das Andere von dem kraftstroßenden Emporblühen, dem Aufwärts im Lager der ausgebeuteten Arbeit. Blöd verständnißlos und prozig gewaltthätig steht der kleine Klüngel der Reichen und Mächtigen dem geschichtlichen Werden gegenüber. Auf den Schrei der rackernden, darbenden und verfnechteten Masse nach Brot, Bildung und Freiheit hat er nur eine Antwort: den Appell an die brutale Gewalt, über die er einstweilen noch verfügt. Was nicht den engherzigsten Augenblicksinteressen der Besizenden frommt, das verfolgen sie mit tödtlichem Haß, was sie nicht begreifen, wollen sie vernichten. Auf Schritt und Tritt grinst ihnen der Widersinn, die Ungerechtigkeit der heutigen Gesellschaft entgegen, fressende Uebel fordern durchgreifende Reformen heraus, damit die blind waltende wirthschaftliche Entwicklung nicht breite Schichten des Proletariats zu Stulturdünger zerstampft. Denen aber, so im Besitz und in der Macht sind, wiegt das Interesse des Kulturfortschritts auch nicht ein Titelchen des kapitalistischen Profits auf; schrankenlos wollen sie ausbeuten, schrankenlos wollen sie herrschen. Die moderne Produktionsweise entfesselt Sträfte, welche in wirthschaftlicher Beziehung der kapitalistischen Gesellschaft den Boden abgraben. Erzeugt, großgezogen, geschult und kampfesgestählt von den sozialen Verhältnissen reift in dem Proletariat eine neue geschichtliche Macht heran, welche den Bevorrechteten in politischer Beziehung das Heft aus den Händen windet und sich bethätigt als Todtengräber der bürgerlichen Gesellschaft, als Geburtshelfer einer neuen Zeit. Die Nußnießer aber der heutigen Ordnung der Dinge wähnen mit Hilfe von Büttel, Zensor und Staatsanwalt dem Wind und Meer der geschichtlichen Entwicklung gebieten zu können. Bedrängt von dem naturgemäßen, geseßmäßigen, gesellschaftlichen Fortschritt verlassen sie unter Hussah und Hurrah gegen den drohen" Umsturz" mehr und mehr den Boden ihrer eigenen Gesetzlichkeit, hämmern sie ein neues Recht, das der Masse gegen über ſie ſtrupellos den Umsturz von oben, geben sie leichten Herzens die Errungenschaften preis, die sie, kaum ist der Schall der Worte berklungen, als unerläßliche Voraussetzungen jeder Kultur überschwenglich lobten. den Das Bürgerthum aber, das seinerzeit die Menschheit zur Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu führen versprochen, es " republikaner" des Gestern und Ehegestern sind bereit, als„ Vernunftmonarchisten" dem kaum verhüllten Absolutismus zuzujauchzen und die dürftige politische Volksfreiheit in die Hände schneidiger Polizeier, spitfindiger, auslegungsfreudiger Juristen und eventuell Zuschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" sind zu richten an Fr. Klara Zetkin( Eißner), Stuttgart, RothebühlStraße 147, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. standrechtelnder Generäle zu legen. Die Leuchte der Aufklärung und Wissenschaft, welche sie dem Volke voran zu tragen verhießen, legen sie demüthig nieder zu den Füßen des schachernden Zentrums, das mittelalterliche Köhlergläubigkeit dem Jahrhundert Darwins auferzwingen möchte, und statt Idealen zu huldigen kreisen sie im rasenden Wirbel um das goldene Kalb. Mit der Umsturzvorlage drücken die Besitzenden und Herrschenden selbst das Siegel unter die politische Bankerotterklärung, welche ihnen die Zeitgeschichte schreibt, sie bestätigen mit ihr, daß sie unfähig sind, der Zukunft durch bewußtes Thun die Wege zu ebnen, unfähig sogar, die treibenden Kräfte der gesellschaftlichen Entwicklung auch nur zu verstehen. Jugendfrisches geschichtliches Leben pulsirt dagegen in der proletarischen Maifeier. Soweit das Volk der Arbeit unter kapitalistischer Fuchtel frohndet, diesseits und jenseits der Meere, über Gebirge und bunte Grenzpfähle hinweg, da giebt es am 1. Mai seine flare Erkenntniß kund, daß die Befreiung des Proletariats nur das Werk des Proletariats selbst sein kann. Und mit seiner klaren Erkenntniß zusammen verkündet es seinen festen, unerschütterlichen Willen, in zielbewußter, harter Arbeit seines Glückes Schmied sein zu wollen. Das Klatschen der kapitalistischen Hungerpeitsche und das Säbelrasseln der staatlichen Gewalten übertönt sein Kampfesruf: Fort mit der kapitalistischen Gesellschaft der Ausbeutung und Ungerechtigkeit, des Mährchenreichthums der Wenigen, der Riesenarmuth der Vielen! Nieder mit der Klassenherrschaft der Besitzenden, welche der Masse den Sonnenschein der Kultur vorenthält! Her mit all den Reformen, welche den Männern und Frauen der Arbeit die körperliche, geistige und sittliche Straft erhalten, welche ihnen die Ellbogenfreiheit verbürgen, ihre volle Menschwerdung durch Zertrümmerung des kapitalistischen Jochs erkämpfen zu können! In rosiger Morgendämmerung leuchtet der Arbeit das Ziel der ge= schichtlichen Entwicklung. In flaren Umrissen zeichnet sich ihr der Weg, den sie leidend und kämpfend entlang marschiren muß. Aber sie fordert von der kapitalistischen Gesellschaft als Abschlagszahlung auf ihre Riesenschuld die Wegzehrung, welche die Männer und Frauen des Proletariats vor dem Verschmachten schüßt. Die Arbeiterklasse fordert den Achtstundentag, sie heischt durchgreifenden gesetzlichen Arbeiterschub, sie verlangt volle Vereins- und Koalitionsfreiheit, sie weiß eine Verkümmerung des Wahlrechts abzuwehren, ihr Kampf wird den Weltfrieden bringen. Männer und Frauen sind nicht träumerische Wolfenkukuckswandler, welche über den Tapetenmustern und den Falten der Gewänder im Zukunftsstaate die Gegenwart mit ihren praktischen Nothwendigfeiten vergessen. Aber ebenso wenig praktisch- kleinliche Rechnungsträger, welche über den dringenden Augenblicksaufgaben das große Endziel auch nur vorübergehend außer Acht lassen. Und was sie wissen, was sie wollen, es ist die einheitliche Erkenntniß des Weltproletariats, es ist der einheitliche Wille der Ausgebeuteten aller Die proletarischen Länder. Brüderlich geeint in der Wahrheit des Ziels, brüderlich geeint in der Bethätigung des Willens, ziehen sie vorwärts, aufwärts, ihrer Befreiung entgegen. Nicht eine Feier wie eine andere ist deshalb der Maitag, wo die Arbeit der kapitalistischen Gesellschaft ihre Forderungen zuruft. Der Maitag der Arbeit ist und bleibt troß der friedlichsten Form eine Schilderhebung des klassenbewußten Proletariats, eine dem Wesen nach revolutionäre Kundgebung gegen die kapitalistische Gesellschaft. Eine revolutionäre Kundgebung, welche im schroffsten Gegensatz steht zu der reaktionären Willensäußerung der Besitzenden in der Umsturzvorlage. Denn sie offenbart das geschichtliche Drängen und Knospen im gefnechteten Proletariat, wo diese nur den Verfall der knechtenden Kapitalistenklasse kundthut. Seiner geschichtlichen Erkenntniß froh, seines festen Willens sicher, hoffnungsfreudig in die Zukunft schauend, mit ruhiger Besonnenheit die Gegenwart abwägend, manifestirt das deutsche Proletariat im Schatten der Knebelungsvorlage. Mögen die herrschenden Gewalten noch so prozig an den Knauf ihres Schwertes schlagen, mag noch so herausfordernd das Pochen der Hämmer tönen, mit denen man der werkthätigen Masse neue Ketten schmieden will. Das deutsche Proletariat läßt sich nicht reizen und nicht schrecken. Mit den Brüdern und Schwestern der Arbeit und des Elends aller Länder durch den Druck gleicher Klassennoth zusammen geschweißt zu der einen revolutionären Macht, steht es am 1. Mai, steht es allezeit auf dem Plan, der kapitalistischen Gesellschaft zum Truß, der Arbeit zum Schutz. 1870-1895. Von K. Kautsky( Stuttgart). Während die Proletarier aller Nationen sich zur Feier des 1. Mai, der Feier der internationalen Solidarität, vereinigen, rüsten die deutschen„ Patrioten" innerhalb der schwarz- weiß- rothen und der schwarz- gelben Grenzpfähle sich zur Feier des letzten großen Krieges, den Westeuropa gesehen. In diesem Jahre wird es ein Vierteljahr hundert, daß der deutsch- französische Krieg begann, und damit eine Revolution, die das französische Kaiserreich und die päpstliche Herr schaft wegfegte, den Umsturz des deutschen Bundes vollendete und den der europäischen Türkei anbahnte. Es war ein umstürzlerisches Treiben, wie nur je die Weltgeschichte eines gesehen, und es ist eine feine Jronie der Weltgeschichte, daß gerade die Verehrer der großen Umsturzmänner von damals, von Bismarck und Wilhelm, von Victor Emanuel und Alexander II., allenthalben eifrig dabei sind, das 25- jährige Jubiläum des Umsturzes durch ein Resseltreiben gegen Umstürzler zu feiern. Aber freilich, die Verhältnisse haben sich geändert. Sie sind dahin, die schönen Zeiten, für immer dahin, wo die Umstürzler von oben sich an ihr Werk machen konnten, ohne befürchten zu müssen, durch die Umstürzler von unten dabei gestört zu werden, die Zeiten, wo der Umsturz ein Mittel war, Königreiche auszubauen und Raiserreiche aufzurichten. Nur in einem Lande trieb der Umsturz von 1870 das Proletariat zu dem Versuch, dessen Früchte für sich einzuheimsen; der Versuch wurde im Blute erstickt, und das Proletariat der ganzen Welt sah zu, zähneknirschend, aber unfähig, die Niederlage abzuwenden. Wie ganz anders heute! In den 25 Jahren ist das Proletariat zu einem Riesen geworden, vor dem alle alten Mächte zittern; und unaufhörlich wächst es an Zahl, an moralischer, intellektueller und politischer Kraft, indes seine Gegner immer geringer, immer fleiner, immer erbärmlicher werden. Keine große politische Aktion ist mehr möglich, bei der man nicht das Proletariat in Rechnung zu ziehen hätte, keine, die nicht mit einem Fortschritt des Proletariats endigte. Ein Krieg, wie der von 1870, würde heute keine neue Krone mehr schaffen, er würde manche alte in den Staub werfen. Das wissen die Machthaber, und darin liegt die sicherste Gewähr des europäischen Friedens. Nicht im Dreibund oder Zweibund der Diplomaten ruht sie, nicht in den Friedenskongressen der Parlamentarier, sondern in der Internationale der Lohnarbeiter. Es giebt keine wirksamere Demonstration zu Gunsten des europäischen Friedens, als die alljährliche Heerschau des kämpfenden Proletariats, die Feier des 1. Mai. Je erbitterter der Krieg gegen die Ausbeuter aller Nationen, desto gesicherter der Friede der Völker untereinander. Das bedeutet freilich nicht, daß der Weltfriede nun für immer gesichert ist. Aber sollte es noch einmal zu dem gräßlichen Schauspiel eines Weltkrieges kommen, so erst dann, wenn das Maß der heutigen Ordnung zum Ueberlaufen voll ist, wenn der Wahnsinn des bewaffneten Friedens, der Wahnsinn ständiger Ueberproduktion bei ständiger Hungersnoth der Massen, der Wahnsinn stets wachsender Unsicherheit der Existenz bei stetiger Zunahme der Beherrschung der Natur wenn all dieser Wahnsinn auf eine Höhe gestiegen ist, daß 66 selbst der Weltkrieg seine Schrecken für die Machthaber verloren hat. Aber wenn das Proletariat auch weiterhin so rasch an Kraft zunimmt wie bisher, dann wird seine internationale Solidarität bald stark genug sein, den Krieg auch in diesem letzten, äußersten Fall unmöglich zu machen. In diesem Sinne ist die Bekundung der Solidarität des internationalen Proletariats, die Maifeier, nicht nur ein revolutionäres Fest, sondern auch ein Friedensfest und eine Friedensbürgschaft von bisher unerhörter Kraft und Großartigkeit. Das ist schon längst anerkannt. Aber in dem Jahre, in dem der Mordspatriotismus neu galvanisirt wird, in dem die deutschen Kanonen und Standarten befränzt werden zur festlichen Erinnerung an die Greuel, die sie vor einem Vierteljahrhundert gesehen und gebracht, da ist es wohl Zeit, diese Bedeutung der Maifeier besonders hervorzuheben. ( Aus der Oesterreichischen Mai- Zeitung.) Arbeiterinnen- Bewegung. " In der Zeit vom 1. bis 22. April fanden öffentliche Versammlungen statt in: Berlin, öffentliche Volksversammlung:„ Die Bekämpfung der Sozialdemokratie durch die Schule"( Genosse Wagner); öffentliche Versammlung der Müller und Mühlenarbeiter:„ Die Bedeutung des ersten Mai"( Genossin Baader); öffentliche Volkversamm lung:„ Die Umsturzvorlage"( Reichstagsabgeordneter Auer); öffentliche Versammlung der Mantelnäherinnen, Bügler, Stepper 2c.: Die Erwerbsverhältnisse der Arbeiter und Arbeiterinnen der Mäntelbranche" ( Genossin Baader); öffentliche Versammlung aller in der Metallgießerei beschäftigten Personen:„ Die Entartung der Bourgeoisie und die Arbeiterklasse als Trägerin des Kulturfortschritts"( Genosse Litfin); öffentliche Volksversammlung: Wie sorgt der Staat für die Arbeiter" ( Genosse Dr. Weyl); Elberfeld, öffentliche Versammlung für Frauen und Männer:" Die häusliche Erziehung im heutigen Klassenstaat" ( Genosse Schulz); Farmsen, öffentliche Volksversammlung:„ Rechte und Pflichten der Arbeiter"( Genossin Kähler); Frankfurt a. M., öffentliche Versammlung der Textilarbeiter und Arbeiterinnen:„ Die Bedeutung der Organisation für die Arbeiterklasse"( Genosse Brand); Frankfurt a. D., öffentliche Frauenversammlung:„ Auf welcher Grundlage sind Frauenvereine zu gründen und welche Aufgaben haben dieselben?"( Genossin Rohrlack); Lindenau, öffentliche Volksver sammlung:„ Die bürgerlichen Parteien und die Sozialdemokratie" ( Genosse Dr. Röder); Neßschkau i. V., öffentliche Versammlung für Frauen und Männer:„ Gemeinde- und Bürgerrecht"( Genosse Goldstein); Neuwied, öffentliche Volksversammlung:„ Die Umsturzvor lage"( Genosse Deinhardt); Offenbach a. M., öffentliche Volksver sammlung:„ Die politische Situation der Gegenwart"( Reichstags abgeordneter Singer); Ottendorf Okrilla, öffentliche Volksversamm lung:„ Die Entwicklung der Technik und die Proletarierfrauen"( Ge nossin Eichhorn); Regensburg, öffentliche Versammlung der Schneider und Schneiderinnen:„ Die Hausindustrie und ihre Folgen"( Genosse Mock); Sagan, öffentliche Volksversammlung:„ Die Volksrechte und die Sozialdemokratie"( Reichstagsabgeordneter Kühn); Steglitz, öffent liche Versammlung für Frauen und Männer:" Die Frauenfrage" ( Genossin Mesch); Stettin, öffentliche Versammlung der Schneider und Näherinnen:„ Die Thätigkeit der Lohnkommission"( Genosse Käming). -Vereinsversammlungen fanden in der nämlichen Zeit statt in: Berlin, Mitgliederversammlung des Verbands der Textilarbeiter und Arbeiterinnen: Wie ist eine lebhafte Werkstattorganisation zu ent falten?"; Verschiedenes; Mitgliederversammlung des Verbands der im Kürschnergewerbe thätigen Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Das Ver hältniß der Arbeitsdauer zur Gesundheit des Menschen"( Genosse Dr. Zadek); Mitgliederversammlung des Verbands der in Holz bearbeitungsfabriken und auf Holzplätzen beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen: Abrechnung, Vorstandswahl; Mitgliederversammlung der Freien Vereinigung aller in der Schuhindustrie beschäftigten Ar beiter und Arbeiterinnen:„ Der eventuelle Uebertritt zur Zentral organisation", der Anschluß an den Verband wurde abgelehnt; Mit gliederversammlung des Verbands der im Buchbindergewerbe und in verwandten Berufen thätigen Arbeiter und Arbeiterinnen: 1.„ Die Urabstimmung", 2.„ Aufnahme einer Statistik über die wirthschaftliche Lage der Arbeiterinnen des Gewerbes"( Genosse Wittrisch); Fried richsberg, Mitgliederversammlung des Arbeiterinnen- Bildungs vereins:„ Die Lebenshaltung des Arbeiterstandes"( Genosse Sailer); Kiel, zwei Mitgliederversammlungen des Bildungsvereins für Frauen und Mädchen: 1.„ Das Mutterrecht"( Genosse Klüß), 2.„ Die orga nische Entwicklung"( Genosse Heinzel); Abrechnung, Wahl von Revi sorinnen. Die Abrechnung ergab einen Kassenbestand von 58,37 Mark. Als Revisorinnen wurden gewählt die Genossinnen Koltemann, Bur meister und Becker. Die Versammlung beschloß, am 11. Mai ein Vergnügen abzuhalten. Stellungnahme zur Maifeier. In den letzten Wochen fanden geradezu zahllose öffentliche und Vereinsversammlungen statt, welche sich mit der Stellungnahme zur Maifeier beschäftigten. Die Versammlungen traten durchweg den diesbezüglichen Beschlüssen der sozialdemokratischen Parteitage von Köln und Frankfurt a. M. bei. Sie erklärten, daß der 1. Mai als Tag der Kundgebung festzuhalten, und daß die Arbeitsruhe die würdigste Form der Feier sei, die überall dort verwirklicht oder wenigstens angestrebt werden solle, wo die Verhältnisse dies ohne Schädigung der Einzelnen und der Arbeiterbewegung gestatten. Die organisirten Arbeiter und Arbeiterinnen vieler Industrien beschlossen, am 1. Mai die Arbeit ruhen zu lassen; die aber, denen dies unmöglich ist, führen den am Tage der Feier erarbeiteten Lohn ganz oder theilweise an die Organisation ab. Die rege Betheiligung der Frauen an den betreffenden Versammlungen läßt darauf schließen, daß auch bei der diesjährigen Maifeier die Zahl der manifestirenden Proletarierinnen eine sehr große sein wird. Gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen. Auf dem ersten Kongreß des Holzarbeiterverbandes, welcher zu Ostern in Erfurt tagte, wurde u. A. angeführt, daß die Organisation auf 26144 Mitglieder 141 weibliche zählt. Nach einer kürzlich vom Verband herausgegebenen sehr interessanten Statistik sind laut Werkstattfragebogen in der Holzindustrie 2436, laut Ortsfragebogen 4253 Arbeiterinnen beschäftigt. Durchgängig ist auch in der Holzindustrie der Verdienst der Frauen ein weit niedrigerer als derjenige der Arbeiter. Die obigen Zahlen über die schwache Betheiligung der Arbeiterinnen an der Organisation zeigen einen der Gründe, warum die Frauenlöhne in der Holzindustrie im Allgemeinen ganz miserable sind. Das ureigenste Interesse der Arbeiterinnen fordert, daß sie sich zahlreicher als bisher dem Verband anschließen. Die zweite ordentliche Generalversammlung des Deutschen Metallarbeiterverbandes, welche zu Ostern in Magdeburg stattfand, beschäftigte sich ebenfalls mit der Frage der Einbeziehung der Arbeiterinnen in die gewerkschaftliche Organisation. Um diese Aufgabe zu fördern, wurde u. A. beschlossen, daß der Inhalt des Verbandsorgans, der trefflich redigirten„ Metallarbeiter- Zeitung", für weibliche Mitglieder interessanter gestaltet werden soll. Wenn die Bemühungen vieler Gewerkschaftsorganisationen, die Arbeiterinnen aufzuklären und als Mitglieder zu gewinnen, unterstützt und ergänzt werden durch eine rege und energische Werkstattagitation der einzelnen organisirten Arbeiter und Arbeiterinnen, so wird auch in Deutschland künftighin die Organisirung der Arbeiterinnenmasse in kräftigen Fluß kommen und gute Fortschritte machen. Behördliche Schneidigkeit und Findigkeit im Kampfe mit den proletarischen Frauen. In Arnstadt( Thüringen) sollte eine öffentliche Versammlung für Arbeiter und Arbeiterinnen des Schuhmachergewerbes stattfinden. Durch landräthliche Verfügung wurde den Frauen der Zutritt zu dieser Versammlung verboten. Das Verbot wäre unverständlich ohne die Erkenntniß, daß wir in einem Klassenstaat leben, dessen Gewalten der Proletarierin in den Arm fallen müssen, sobald sie durch Aufklärung und Organisation dem Unternehmerthum bessere Arbeitsbedingungen abtroßen will. 67 handelt werden sollte. Dem gegenüber wurde von der mittelfränkischen Regierung erklärt, daß es für den politischen Charakter einer Versammlung als genügend erachtet werden müsse, wenn das Thema die Erörterung politischer Gegenstände nur nicht ausgeschlossen erscheinen läßt". Natürlich aber traf diese weise Voraussetzung für die fraglichen elf Versammlungen zu. Außerdem waren die Hochmögenden noch zu einer anderen kunstsinnigen Erkenntniß gelangt:„ Die Form der Anzeige der fraglichen elf Versammlungen mußte aber bei jedem Unbefangenen die Ueberzeugung hervorrufen, daß von den Einberufern die Veranstaltung unzulässiger, weil mit Artikel 15 des Vereinsgesetzes in Widerspruch stehender Versammlungen beabsichtigt war." Am 4. März 1895 ist das Staatsministerium des Innern diesem Erkenntniß beigetreten. Künftighin liegt es also ganz in dem Ermessen der Gemeindebehörden, ob sie die Betheiligung von Frauen an gewerkschaftlichen Versammlungen gestatten wollen oder nicht. Denn Dank der Entdeckung der oben angeführten Merkmale politischer Versammlungen kann jede xbeliebige Gewerkschaftsversammlung zu einer politischen umgekrempelt werden. Wem Gott ein Amt giebt, dem giebt er auch Verstand, es zu verwalten, das beweisen fortgesetzt die salomonischen Erkenntnisse der bajuvarischen Behörden in Sachen des Vereins- und Versammlungsrechts der Arbeiterinnen. Etwas vom Arbeitstage und der nothwendigen proletarischen Sparsamkeit. Der Kapitalist beruft sich( betreffs des Verbrauchs der Arbeitskraft) auf das Gesetz des Waarenaustausches. Gr, wie jeder andere Käufer, sucht den größtmöglichsten Nutzen aus dem Gebrauchswerth seiner Waare herauszuschlagen. Plötzlich aber erhebt sich die Stimme des Arbeiters, die im Sturm und Drang des Produktionsprozesses verstummt war: Die Waare, die ich dir verkauft habe, unterscheidet sich von dem anderen Waarenpöbel dadurch, daß ihr Gebrauch Werthe schafft und größeren Werth als sie selbst kostet. Dies war der Grund, warum du sie kauftest. Was auf deiner Seite als Verwerthung von Kapital erscheint, ist auf meiner Seite überschüssige Verausgabung von Arbeitskraft. Du und ich kennen auf dem Marktplatz nur ein Gesetz, das des Waarenaustausches. Und der Konsum der Waare gehört nicht dem Verkäufer, der sie veräußert, sondern dem Käufer, der sie erwirbt. Dir gehört daher der Gebrauch meiner täglichen Arbeitskraft. Aber vermittelst ihres täglichen Verkaufspreises muß ich sie täglich reproduziren und daher von neuem verkaufen können. Abgesehen von dem natürlichen Verschleiß durch Alter u. s. w. muß ich fähig sein, morgen mit demselben Normalzustand von Kraft, Gesundheit und Frische zu arbeiten wie heute. Du predigst mir beständig das Evangelium der„ Sparsamkeit" und" Enthaltung". Nun gut! Ich will wie ein vernünftiger, sparsamer Wirth mein einziges Vermögen, die Arbeitskraft, haushalten und mich jeder tollen Verschwendung derselben enthalten. Ich will täglich nur soviel von ihr flüssig machen, in Bewegung, in Arbeit umsetzen, als sich mit ihrer Normaldauer und gesunden Entwicklung verträgt. Durch maßlose Verlängerung des Arbeitstags kannst du in Einem Tage ein Der Frauen und Männer umfassende Volksbildungsverein für Neuwied und Umgegend ist schöffengerichtlich geschlossen größeres Quantum meiner Arbeitskraft flüssig machen, als ich in drei worden, und die Mitglieder des Vorstands, drei Genossen und Genossin Löwenherz wurden zu je 60 Mt. Geldstrafe oder 12 Tagen Haft verurtheilt. Die Berufung gegen dieses Urtheil ist bereits eingelegt. Das schöffengerichtliche Erkenntniß erfolgte natürlich auf Grund des famosen§ 8 des Vereinsgesetzes; die politische Unmündigkeit des weiblichen Geschlechts mußte wieder einmal herhalten, um nach Befreiung dürftende Proletarierinnen und Proletarier zu schlagen. In der Begründung des Urtheils heißt es, es komme zuerst in Betracht, daß die Angeklagten Sozialdemokraten seien. Alle Preußen sind bekanntlich vor dem Gesetz gleich, das illustrirt wieder einmal recht klärlich das behördliche Walten gegen die Neuwieder Genossen und Genossinnen. Das bayerische Staatsminsterium des Innern hat das seinerzeitige Verbot der elf Gewerkschaftsversammlungen gebilligt, die in Nürnberg für den 16. Juli 1894 einberufen worden waren. Bekanntlich hatte auf die eingelegte Beschwerde hin die Regierung von Mittelfranken am 15. Dezember 1894 die Maßregel des Nürnberger Stadtmagistrats gutgeheißen. Und dies auf die„ berechtigte Annahme" hin, daß jene Versammlungen im Sinne der bestehenden oberstrichterlichen Judikatur zum bayerischen Vereinsgesetze, solche der sozialdemokratischen Partei, also eines politischen Vereins, werden würden". In der Beschwerde gegen das Versammlungsverbot war auf das rein gewerkschaftliche Thema hingewiesen worden, das be1 36530 Tagen ersetzen kann. Was du so an Arbeit gewinnst, verliere ich an Arbeitssubstanz. Die Benutzung meiner Arbeitskraft und die Beraubung derselben sind ganz verschiedene Dinge. Wenn die Durchschnittsperiode, die ein Durchschnittsarbeiter bei vernünftigem Arbeitsmaß leben kann, 30 Jahre beträgt, ist der Werth meiner Arbeitskraft, den du mir einen Tag in den anderen zahlst oder 1/10 950 ihres Gesammtwerths. Konsumirst du sie aber in 10 Jahren, so zahlst du mir täglich 1/10 950 statt 1/3650 ihres Gesammtwerths, also nur ein Drittel ihres Tagwerths, und stiehlst mir daher täglich zwei Drittel des Werths meiner Waare. Du zahlst mir eintägige Arbeitskraft, wo du dreitägige verbrauchst. Das ist wider unseren Vertrag und das Gesez des Waarenaustausches. Ich verlange also einen Arbeitstag von normaler Länge, und ich verlange ihn ohne Appell an dein Herz, denn in Geldsachen hört die Gemüthlichkeit auf. Du magst ein Musterbürger sein, vielleicht Mitglied des Vereins zur Abschaffung der Thierquälerei und obendrein im Geruch der Heiligkeit stehen, aber dem Ding, das du mir gegenüber repräsentirst, schlägt kein Herz in seiner Brust. Was darin zu pochen scheint, ist mein eigener Herzschlag. Ich verlange den Normalarbeitstag, weil ich den Werth meiner Waare verlange, wie jeder andere Verkäufer." Marr:„ Das Kapital", 3. Auflage. 1. Band, VIII. Kapitel, S. 217. Die Bedeutung des Achtstundentags für die proletarischen Frauen. Mit jedem Jahr wächst die Zahl der Frauen und Mädchen des werkthätigen Volks, welche als klassenbewußte Proletarierinnen an der Maikundgebung Theil nehmen. Erklärlich genug. Die Forderung des Achtstundentags ist mehr wie jede andere Reformlosung geeignet, die Masse der proletarischen Frauen in Bewegung zu bringen, ihre Sympathien zu gewinnen, ihr Klassenbewußtsein zu wecken, ihre Mitwirkung für die Befreiung der Arbeit herauszufordern. Denn so gebieterisch auch die Verhältnisse der gesammten Arbeiterschaft den Achtstundentag heischen, Niemand hat ein so unmittelbares, zwingendes Interesse an der geforderten Verkürzung der Arbeitszeit als Millionen proletarischer Frauen. Die moderne Produktionsweise hat die alte häusliche Thätigkeitssphäre der Frau zum größten Theil zerstört. Den Proletarierinnen brachte sie damit nicht eine Entlastung von Arbeit. Nicht gilt für sie wie für die Mehrzahl der Damen der Aristokratie der Geburt und des Geldsacks das Bibelwort, daß sie wachsen, wie die Lilien auf dem Felde, ohne zu arbeiten und zu spinnen. Die proletarische Frau ward in ungezählten Fällen die Lohnsflavin, die in Fabrik und Werkstatt oder bei der Heimarbeit fremdem Reichthum frohndet. Gleichzeitig aber blieb sie die Haussflavin, der in der Familie und für die Familie eine Fülle von Aufgaben obliegt. So hat ihr Arbeitstag praktisch keine Grenzen. Die Fabrikglocke läutet ihr nicht den Feierabend, sie ruft sie zu anderen Pflichten, welche sie nicht nach dem Beispiele der„ reicheren Schwestern" auf bezahlte Miethspersonen abzuwälzen vermag. In einen doppelten Pflichtkreis gebannt ist die Proletarierin zwiefach mit Arbeit bebürdet. Das Schaffen für den Broterwerb fann und darf sie nicht vernachlässigen. Die eigene Noth duldet dies ebenso wenig als die Profitgier des Unternehmerthums. Die Pflichten gegen Mann und Kinder will die Proletarierin nicht vernachlässigen. So sucht sie der Doppelaufgabe zu genügen mit Drangabe ihrer Nachtruhe, auf Kosten ihrer Gesundheit, ihrer Lebenskraft. Zahlenmäßig hat der Schweizer Fabrikinspektor, Dr. Schuler, nachgewiesen, daß auf die Schweizer Fabrikarbeiterinnen mehr Fälle von Erkrankungen, eine größere Zahl von Krankheitstagen und eine höhere Sterblichkeit jährlich entfallen, als auf die Fabrikarbeiter. Die Berichte Maria Stuart. Eine historische Skizze Von Manfred Wittich. ( Schluß.) Das Parlament vom Dezember 1567 beschloß die Krönung von Marias Sohn und bestätigte die Regentschaft ihres Bruders Murray, der ihre Abdankung ganz im Sinne Elisabeths von England!-zu Gunsten ihres Sohnes zu erlangen gewußt hatte. Nun, nachdem Bothwell das Feld geräumt, wurde er von den Darnley- Mördern, die derzeit die Macht im Staate hatten, für den allein Schuldigen erklärt und ihm Maria als Mitschuldige zugeworfen: daß man der königlich englischen Unterstützung sicher war, ist durchsichtig. Maria kam in strenge Haft auf Schloß Lochlevin. Im Volke meinte man allerdings, daß doch auch die großen Verbrecher gestraft werden sollten, ja auch unter den Anhängern des Regenten Murray wünschte man die Herrschaft Marias zurück. Bothwell's Diener wurden unter sorgfältigem Verschweigen des Adelkomplotts gegen Darnley prozessirt und hingerichtet. Ihre Aussagen vor dem Tode waren sehr bloßstellender Natur für die Machthaber des Augenblicks und fielen deshalb auch rechtlich nicht ins Gewicht: die großen Verbrecher" schlüpften eben durch, wie das nun so der Welt Lauf zu sein pflegt. " Am 2. Mai war es Maria geglückt zu entfliehen, eine Anzahl Adeliger fielen ihr mit ihrem Gefolge und mit ihren Mannen zu. Murray, der Regent, sammelte nun ebenfalls Truppen. Eine Masse Reformirter erklärte sich für die katholische Königin Maria, eingedent ihrer Toleranz gegen Andersgläubige in den Tagen ihres Glückes und unbestrittenen Herrschaft. Aber die einmal geschehene Truppensammlung drängte zum Losschlagen und Murray siegte. Maria, die Katholikin, statt nach dem katholischen Frankreich zu gehen, suchte Gastfreundschaft und Schuß gegen ihre meuterischen, adeligen Unterthanen und Verwandten bei ihrer Verwandten Elisabeth 68 von Krankenkassen, die Erfahrungen von Aerzten und Hygienikern haben allenthalben die gleiche Erscheinung festgestellt. Gewiß, die Thatsache findet ihre Erklärung zum Theil dadurch, daß der weibliche Organismus in Folge seiner Eigenart in höherem Grade als der Körper des Mannes den schädigenden Einflüssen der heutigen Industriearbeit ausgesetzt ist. Aber zum anderen Theil wird sie begreiflich durch den Umstand, daß die Kräfte der Frau nach zwei Seiten hin in Anspruch genommen werden; daß die Berufsarbeiterin, auch die ledige, für häusliche, weibliche Vorrichtungen viele Stunden aufwenden muß, welche der Mann der Erholung, der Ruhe zu widmen vermag. Diesem Stand der Dinge gegenüber ist der Achtstundentag für die proletarische Frau von besonderer Wichtigkeit. Er verkürzt nicht unbeträchtlich die Zeit, in welcher sie bei der Berufsarbeit gesundheitsschädigenden Einflüssen ausgesetzt ist. Er giebt der Proletarierin die Möglichkeit, ihren Pflichten als Mutter und Gattin nachzukommen, ohne die letzten Füntchen ihrer Kraft mit oft übermenschlicher Willensenergie aus sich herauszupressen und zu opfern. Der Achtstundentag bedeutet für die proletarische Frau in höherem Maße noch als für den proletarischen Mann eine Ersparniß an ihrem einzigen Rapital: ihrer Gesundheit, ihrer Lebenskraft. Aber mag heutigen Tags die dem Kapital rackernde Proletarierin auch ihre Kraft aufs Aeußerste anspannen, mag sie nach " Feierabend" bis tief in die Nacht hinein waschen, scheuern, flicken und ordnen, um der Familie ein trauliches Heim zu bereiten, mag sie sich alle Mühe geben, um dem Gaften eine verständnißvolle Gefährtin, den Kindern eine liebreiche, fürsorgliche Mutter zu sein: in vielen Fällen wird sie in der Beziehung nicht leisten können, was sie leisten sollte und so herzlich gern leisten möchte. Das Kapital giebt die Frau erst dann der Familie zurück, wenn es den größten Theil ihrer Zeit, den besten Theil ihrer Kraft ausgepreßt und in Mehrwerth verwandelt hat. Die Familie erhält sozusagen vom Leistungsvermögen der Frau nur die Brocken, die von des Kapitals Tische fallen. Die Folgen davon schreien gen Himmel in Gestalt der erschreckend hohen Sterblichkeit der Proletarierkinder zarten Alters, der Kränklichkeit, Schwäche des überlebenden proletarischen Nachwuchses; der großen Zahl von Unglücksfällen unbeaufsichtigter Kleinen; der raschen Zunahme jugendlicher Verbrecher. Indem der Achtstundentag der Proletarierin etliche Stunden freier Zeit, größere körperliche und geistige Frische bringt, ermöglicht von England: achtzehnjährige Gefangenschaft und endliche Hinrichtung waren die Strafe für ihre Vertrauensseligkeit. Elisabeth gelobte Hilfe und Freundschaft durch besondere Boten, die sie an die englisch- schottische Grenze schickte, wie sie dies Versprechen gehalten hat, lehrt die Geschichte, selbst die offizielle. Die Staatsraison", die Staatsflugheit, ließ es Elisabeth rathsam erscheinen, d. h. in ihres englischen Staates und ihrer Krone Interesse lag es, Maria nicht wieder nach Frankreich zu lassen; sie wurde nun von einer Geschlechtsgenossin und einer Ver wandten genau so behandelt, wie August der Starke von Sachsen seine ihm überdrüssig gewordene Maitresse die Frau von Cosel behandelte; dieses wie jenes Verbrechen war ein Ausfluß der Staatsraison". " Zunächst sollte Königin Elisabeth Schiedsrichterin sein zwischen den rebellischen schottischen Adeligen, Murray an der Spize, und Maria. Murray hütete sich sehr, sich wie Maria in die Gewalt der Richterin zu geben; er meinte entschieden, daß diese Richterin Henkertalente habe. auch Die Staatsraison verlangte, nach Ansicht Elisabeths und ihrer Berather, daß Maria festgenommen werde, daß die Verhandlungen über die ihrem Schiedsurtheil unterbreiteten Händel von York nach Westminster zu verlegen seien. Eine Konfrontation, eine Gegenüberstellung mit ihren Gegenpartnern, die Maria begehrte, schlug man ihr ab. Bei solcher Begünstigung ist es nicht zu verwundern, daß Murray die Stirn fand, Maria nicht nur des Gattenmords an Darnley zu bezichtigen, sondern auch des versuchten Mords an ihrem eigenen Kinde. Nun wurden die berühmten Kassettenbriefe ins Feld geführt, die auf ihre Echtheit zu prüfen man Maria und ihren Beauftragten merkwürdigerweise versagte, so daß Maria sich an den französischen Gesandten wenden mußte aber auch dann versagte Elisabeth ihre Zustimmung. Die schottischen Adeligen hatten fapitulirt, Elisabeth durfte sie nun als ihre Vasallen betrachten und hoffte, Maria werde ihrer Krone von Schottland nun freiwillig entsagen;- diese that das nicht, er ihr höhere Pflichtleistungen als Mutter und Gattin. Zugleich aber giebt er ihr ein Stück von den Freuden des Familienlebens zurück, die ihr das Kapital gegenwärtig zum großen Theile raubt. Neue, schwerwiegende Aufgaben hat das moderne Wirthschaftsleben für die Proletarierin gezeitigt. Es hat sie hineingeschleudert in die wirthschaftlichen und politischen Kämpfe unserer Tage. Sie muß sich dem ausbeutenden Kapital gegenüber ihrer Haut wehren, gegen seinen Werwolfshunger nach Mehrwerth ihre Lebensinteressen vertheidigen. Dieser Nothwendigkeit vermag sie nur zu genügen, wenn sie Theil nimmt an dem Ringen ihrer Klasse, wenn sie aufgeklärt, geschult, organisirt auf wirthschaftlichem und politischem Gebiete gegen die kapitalistische Gesellschaft kämpft. Je rückständiger die Frau im Punkte ihrer sozialen Erkenntniß noch ist, um so dringender bedarf sie der Bildung; je schwächer die einzelne Arbeiterin sich gegenüber der kapitalistischen Uebermacht erweist, um so nöthiger ist ihr die Macht der Organisation. Um sich aber Erkenntniß und Schulung aneignen zu können, um lernend und wirkend am Vereinsund Versammlungsleben ihrer Klasse Theil zu nehmen, bedarf sie der Zeit, bedarf sie der körperlichen und geistigen Kraft. Wie viele sind nicht der Proletarierinnen, die so gern hingehen möchten, um mit den Klassengenossen zusammen zu rathen und zu thaten, sich zu bilden und zu kämpfen. Die Unsumme der auf ihnen lastenden Arbeiten und Verpflichtungen hält sie den Organisationen und Versammlungen fern. Man hat die Beobachtung gemacht, daß in England, in Desterreich, in Deutschland 2c. zu Zeiten von Strifes die Arbeiterinnen zu den regsten Versammlungsbesuchern gehören, weil ihnen dann die Zeit dafür zur Verfügung steht. Der Achtstundentag ist eine der Voraussetzungen für die Einbeziehung der Arbeiterinnenmassen in die gewerkschaftlichen Organisationen, für die politische Schulung des weiblichen Proletariats, für seine energische Antheilnahme am Klassenkampfe. Die schrankenlose kapitalistische Ausbeutung der Arbeitskraft zeitigt gerade für die Lohnsklavinnen die allertraurigsten Erwerbsverhältnisse. Große Schichten von Frauen sind in Industrien thätig, in denen die Saisonarbeit herrscht, sie leiden schwer unter dem Hin und Hergeworfenwerden zwischen Perioden toller Ueberarbeit und Zeiten, die im Zeichen der sauren Gurke stehen. Die Arbeiterinnen insgesammt aber werden durchgängig mit Hungerlöhnen abgespeist, welche Tausende und Abertausende zwingen, in der Prostitution nicht folglich mußte Elisabeth der„ Staatsraison" weitere Zugeständnisse machen. Wir unterschreiben das Wort Storms:„ Praktisch geredet, urtheilte sie( Elisabeth) so, wie es ihr Interesse verlangte." Die Untersuchung wurde abgebrochen. Nicht blos die Parteien in einem Prozesse, sondern auch die Richter können in die Lage kommen zu sagen: Zeit gewonnen viel oder alles gewonnen! Marias Verbrechen in den Augen Elisabeths war: sie war ihr gefährlich. In den Augen aller katholischen Engländer war Maria die allein echte Königin von Schottland nicht nur, sondern auch von England. Dazu kommt, daß auch die schottischen Kronbewerber Marias Bruder Murray, und Andere sich nicht der Königin Maria begeben wollten als eines gegen England, gegen Elisabeth, auszuspielenden Trumpfes darum mußte freilich aus Staatsraison" Elisabeth schließlich zu Marias Henkerin werden. Erhabener, föniglicher Beruf! Man denkt an ein Gedicht Sandor Petöfi's:" König und Henker!" Kennzeichnend ist der Umstand, daß bei dem plöglichen Tode Murray's Elisabeth flagte, sie habe ihren besten und nützlichsten Freund verloren! Die Schotten forderten nun ihre Königin zurückaber die„ Staatsraison" bestimmte Elisabeth, ihre Gefangene nicht frei zu geben, wenn sie nicht gewisse militärpolitische Zugeständnisse machte, die Maria als schottische Königin nicht machen konnte und durfte: Auslieferung fester Pläße, Auslieferung etlicher in Schottland befindlicher englischer Flüchtlinge. Bezüglich letzteren Punktes erklärte Maria:„ Es schicke sich nicht für sie, Jene, welche in ihrem Reiche eine Zuflucht genommen hätten, dem sicheren Tode zu überliefern." " " Zum Herrscher in Schottland ließ Elisabeth nun Darnley's Vater, den Grafen Lennor, ernennen. Damit war nach allen Regeln ber Staatsraison" natürlich zu Englands und Elisabeths Gunsten der Bürgerkrieg in Schottland neuerdings in Permanenz erklärt, die adeligen Empörer wußten, daß sie in Elisabeth ihre beste Stüße hatten. Berwickelter, aber noch ungünstiger für Maria gestalteten sich die Dinge, als Elisabeth auch dann noch eine Verſtändigung zurück69 zeitweilig, sondern ständig einen Nebenerwerb zu suchen, welche die übrigen zu einem sorgenreichen, entbehrungsvollen Leben verurtheilen. Der Achtstundentag bringt größere Regelmäßigkeit und Stetigkeit in die Produktion; er mildert in etwas den Gegensatz zwischen Ueberarbeit und Flaue, mit seinen verderblichen Folgen in materieller, gesundheitlicher und sittlicher Hinsicht. Der Achtstundentag führt zu einem Steigen der Löhne. Die Theorie lehrt und die Praxis bestätigt, daß überall die Länge der Arbeitszeit in umgekehrtem Verhältnisse steht zu der Höhe des Verdienstes. Niedriger Lohn geht Hand in Hand mit unbegrenzt langen Arbeitsstunden, höherer Verdienst ist die Begleiterscheinung eines kurzen Arbeitstages. Die Arbeiterinnen, welche besonders dringend einer Aufbesserung ihres Einkommens be dürfen, und dies im Interesse ihrer Gesundheit, ihrer Sittlichkeit und einer fulturwürdigen Ausgestaltung ihrer Existenz, sie fordern den Achtstundentag als Ausgangspunkt eines stetigeren und auskömmlicheren Broterwerbs. Gewiß, nicht alle proletarischen Frauen sind als Hörige des Kapitals an den Vortheilen des Achtstundentags unmittelbar interessirt. Aber bei dem Gang und der Tendenz der wirthschaftlichen Entwicklung ist keine Proletarierin sicher, daß sie nicht von heut auf morgen aus einer wirthschaftenden und sparenden Hausfrau in eine erwerbende Berufsarbeiterin verwandelt wird. Und wer ist der Vater, wer ist der Gatte, wer sind die Schwestern und Brüder der Proletarierin, die noch ausschließlich am häuslichen Herde schaltet und waltet? In der großen Mehrzahl der Fälle Lohnsklaven und Lohnsklavinnen, denen die Vortheile des Achtstundentags zu Gute kommen, Vortheile, von denen so und so oft auch die Lebensverhältnisse der nicht kapitalistisch ausgebeuteten Proletarierin günstig beeinflußt werden. Unmittelbar oder mittelbar fordern die Lebensinteressen der gesammten proletarischen Frauenwelt den Achtstundentag. Und so weit sich innerhalb derselben gesundes, kräftiges Klaffenbewußtsein regt, stimmt sie deshalb begeistert ein in den Ruf, der am 1. Mai vielsprachig über den Erdball braust: „ Heraus mit dem Achtstundentag!" wies, als ihre Gefangene nur ihre Anerkennung als Königin und ihre Freiheit forderte, während sie die Regierung an ihren Sohn James( Jakob) abtreten wollte. Elisabeth hintertrieb insgeheim durch ihre Unterhändler diese Assoziation". Der junge Jakob, ein zweiter Darnley, und sein Anhang suchten sich Elisabeth scheinbar zu nähern. Jakob gelang es zu entfliehen und eine Streitmacht zu sammeln, mit der er den gegen ihn rebellirenden Gowrin schlug, die leberlebenden flohen Elisabeth nach England. зи Als Jakobs Hoffnung, von Frankreich unterstüßt zu werden, fehlschlug, verrieth der saubere Sohn leichten Herzens seine Mutter und suchte Elisabeth allein für sich zu gewinnen; seiner Mutter schrieb der Bursche( offenbar auf Elisabeths Diktat!),„ er wolle sie stets als Königin- Mutter anerkennen, da sie aber in einem fremden Lande als Gefangene weile, könne er sich mit ihr in keine Assoziation einlassen." Maria, in ihren tiefsten Gefühlen gekränkt, erklärte ihm, sie sei seine Souveränin, ebenso wie sie es einst für seinen Vater gewesen, nur von ihr könne er Schottlands Krone erhalten. Die Geschichte hatte aber dem verrätherischen Sohn zur Genüge gelehrt, daß allzeit der Recht hätte, der Macht und Gewalt habe, aus Unrecht eine Thatsache zu machen. Er schloß schließlich 1586 mit England Frieden, ohne dabei seiner Mutter mit auch nur einem Worte zu gedenken, nur sich eine englische Apanage und den Anspruch auf die Thronfolge in England sichernd. "! Die große Schüßerin der Reformation" hatte Ursache genug, es mit den Reformirten zu halten. In den Augen aller englischen Katholiken war sie ein Bastard* und ihre Krone galt diesen für usurpirt. Daher ihre protestantische Politik, selbst mag sie macker wenig geglaubt haben. Sie wüthete gegen die Katholiken genau so, wie katholische Machthaber gegen ihre protestantischen( ,, kezerischen") * Elisabeth war von Anna Boleyn vier Monate nach deren Scheidung von Heinrich VIII. geboren. Der Achtstundentag ist die Losung. i- Der Ausspruch des englischen Fabriken ist befannt:„ Ver längert den Arbeitstag um eine Viertelstunde, und ihr legt mir jährlich 1000 Pfund( 20000 Mt.) mehr in die Tasche." So treffend er aber das allgemeine Verhältniß zwischen Kapitalist und Arbeiter zum Ausdruck bringt, so ist doch der Satz nicht absolut richtig, ja, unter Umständen tritt sogar das Gegentheil dessen ein, was er behauptet: nämlich, daß der Vortheil des Kapitalisten in der Verkürzung der Arbeitszeit liegt. Wie jede Kraft, hat eben auch die menschliche Arbeitsfähigkeit ihre Grenzen. Grenzenlos ist nur die Profitgier des Kapitals. Wenn der Kapitalist den Arbeitstag, sage: um eine Viertelstunde verlängert, so hat er wohl den augenblicklichen Vortheil davon. Allein dieser Vortheil entspricht nicht der Zeitverlängerung, sondern ist geringer, weil beim Arbeiter bezw. der Arbeiterin Müdigkeit eintritt und die Leistungsfähigkeit abnimmt. Wenn nun Viertelstunde auf Viertelstunde folgt, Minuten sich zu Stunden aneinanderreihen; Arbeiter und Arbeiterinnen schändlich abgerackert werden, in dem Maße, als ihre Müdigkeit wächst, weniger Zeit haben, während der sie ausrasten und die verlorenen Kräfte wiederherstellen können, so daß sie am folgenden Morgen bereits müde und schlaff an die Arbeit treten; und wenn dies von einem Tag zum anderen sich wiederholt: so ist schließlich der Kräfteverlust der Arbeiterschaft so groß, ihr Leistungsvermögen so verringert, daß sie während des langen Arbeitstags weniger zu Stande bringt, als sonst bei einem kurzen Arbeitstage. Dann freilich trägt auch der Kapitalist den Schaden davon. Daß die Grenzen des hygienisch normalen Arbeitstages, d. h. eines solchen, bei dem Arbeiter und Arbeiterinnen täglich nur soviel arbeiten als ihrer Gesundheit und ihrem Organismus zuträglich ist, und daß ihnen genügend Zeit bleibt, um vollkommen auszuruhen, daß diese Grenzen jetzt in den meisten Fällen ganz bedeutend überschritten werden, ist eine anerkannte Thatsache. Zahlreiche Versuche zeigen deshalb, daß die Verkürzung des Arbeitstages, selbst bis auf acht Stunden, den Kapitalisten feinen Schaden bringt. Im Gegentheil, nicht selten erweist sie sich ihnen sogar als nützlich, wenn nicht durch die Vermehrung der Produktion, so doch wenigstens durch mancherlei Ersparnisse beim Betrieb und durch bessere Qualität der Erzeugnisse. Wie falsch es jedoch wäre, daraus den Schluß zu ziehen, die Unterthanen,-nur erklärte sie eben die Andersgläubigen für Hochverräther, um sie hinrichten lassen zu können. Die Folge ihrer Handlungsweise war eine fortwährende Angst vor katholischen Komplotten und Attentaten. Aus dieser Angst heraus erwuchs ein Spizzelsystem der greulichsten Art, welches sich überallhin ver breitete. Man erfolterte auch von einem Sir Francis Throcmorton ein Geständniß über eine solche katholische Verschwörung: man mußte doch ein Resultat sehen lassen! Naheliegend war es, daß Maria, die natürlich Schritte um Verwendung für ihre Befreiung that, als Veranlasferin oder doch wenigstens als Begünstigerin aller Anschläge gegen Elisabeth hingestellt und in ihrem Verkehr mit der Außenwelt immer mehr beschränkt wurde. Bald schnitt man ihr jede Verbindung mit der Außenwelt gänzlich ab. Nach der Behandlung, die Maria in England erfuhr, von einem ungefunden Gefängnisse zum andern geschleift und als Weib, Mutter und Regentin aufs Tiefste beleidigt und beschimpft, wäre es kein Wunder gewesen, wenn sie Alles gethan hätte, um frei zu werden und sich zu rächen, wenn der ihr später gemachte Prozeß fein Justizmord gewesen wäre. Ihre Briefe, die man abfing, sprechen freilich von der Hoffnung, die sie auf die Hilfe ihrer Verwandten sezte. Man verstand es, Maria in Verbindung zu bringen mit der Verschwörung Babington's. Der muthmaßliche Anzetteler derselben, Walsingham, hatte einen höchst brauchbaren Mann, der alle Chiffreschriften lesen und alle Handschriften täuschend nach ahmen konnte und die Kunst verstand, Briefe zu öffnen und so wieder zu schließen, daß man es nicht merkte, daß sie geöffnet worden waren. Trotz aller Manipulationen ergab sich gegen Maria nur das eine, daß sie, falls Jakob an der„ Kezzerei" des Protestantismus festhielte, seine Thronansprüche nicht anerkennen, sondern dem Könige von Spanien übertragen wolle. Der Handschriftenkünstler und Brieföffnungsmeister Thomas Philipps hat auch die früher schon erwähnten Kassettenbriefe übersetzt und kopirt, Marias Originale lagen in ihrem Mordprozeß gar nicht vor. 70 Kapitalisten würden von selbst für die Verkürzung der Arbeitszeit sorgen, zeigt der hartnäckige und erbitterte Widerstand, den sie den Bestrebungen der Arbeiterklasse auf Herabsetzung der Arbeitszeit bezw. Einführung des Achtstundentages entgegenstellen. Mögen politische Rücksichten der Kapitalistenklasse dabei mit eine Rolle spielen, so läßt sich doch die Sache auch wirthschaftlich sehr wohl erklären. Wie bereits gesagt, den augenblicklichen Vortheil hat der Kapitalist stets oder wenigstens sehr oft von dem verlängerten Arbeitstage. Der Augenblicksnutzen, so gering er auch sein mag, reißt den kapitalistischen Unternehmer in seiner blinden Habgier hin. An die Zukunft denkt er nicht. Oder, wenn er es doch thut, so rechnet er eben darauf, daß er die schnell abgenutzten Arbeitskräfte durch einen frischeren Arbeiter- oder Arbeiterinnenschlag ersetzen kann. In der Regel denkt der Kapitalist an nichts, außer an die Ausbeutung, und wenn er wahr nimmt, daß die Arbeitsleistung sich vermindert hat, dann verlängert er noch weiter die Arbeitszeit, um den Ausfall zu ersetzen. Allerdings vermag er dies nur dann, wenn er seinem Willen freien Lauf lassen kann, und nicht die Organisation der Arbeiterklasse seinen menschenfeindlichen Gelüsten einen Damm setzt. Andererseits, weil das Bestreben aller Rapitalisten von vornherein darauf hinausgeht, die Arbeitszeit zu verlängern, so merken sie nicht einmal den Schaden, der ihnen daraus entsteht. Denn weil die Arbeitszeit überall eine übermäßig lange ist, so ist die Leistungsfähigkeit der Arbeitskräfte ungefähr die gleiche und kommt im Konkurrenzkampf der Kapitalisten untereinander nicht oder nur wenig zur Geltung. Für jedes Land giebt es thatsächlich ein durch die gegebenen Verhältnisse bestimmtes allgemeines Durchschnittsmaß der Kraft und der Leistungsfähigkeit der Arbeiterklasse. Erst auf dem Weltmarkt, wo die verschiedenen nationalen Industrien miteinander in Wettbewerb treten, machen sich auch die verschiedenen nationalen Durchschnittsmaße der Arbeitsleistung geltend. Doch auch hier zeigt sich der Unterschied blos im Preisunterschied der Waaren. Aber da die Preise außer von der Arbeitsleistung noch von einer Menge anderer Bedingungen abhängen, und die Ar beitsleistung selbst, außer von der Arbeitszeit, noch von anderen Verhältnissen beeinflußt wird, so kommt diese Wirkung der übermäßig langen Arbeitszeit gar nicht zum Bewußtsein des Kapitalisten. Um den Preis seiner Waare herunterzusetzen, greift er deshalb wiederum zum hausbackenen und patriotischen Mittel der Verlängerung der Arbeitszeit. Babington und einige seiner Anhänger, meist durch die Folter zu Geständnissen gebracht, wurden abgethan, Maria wurde nun noch unwürdiger behandelt. " Die Angst Elisabeths vor Attentaten scheint dazu beigetragen zu haben, daß sie vielleicht wirklich an Marias unerwiesene Mitschuld glaubte und eine Kommission von 48 Männern zur Untersuchung der erhobenen Anschuldigung einsetzte( 5. Oktober 1587). Ein Rechtsbeistand wurde Maria versagt, da sie unwürdig sei", solchen zu erhalten. Proteste Marias halfen natürlich nichts: man wollte ein Ende machen mit ihr. Sie hatte sich unter den Schutz der englischen Geseze begeben, und man unterwarf sie nun auch denselben, wo sie als willkommene Handhabe zu ihrer gesetzlichen" Ermordung dienen konnten. Das war die Logik der englischen Richter, der Unterthanen Elisabeths. Der Hauptzeuge gegen Maria wäre nun Babington gewesen. Den hatte man aber schleunigst hingerichtet er konnte seine belastend erscheinenden Erklärungen, auf die man sich berief, nicht bestätigen. Blieben also lediglich unbeglaubigte Abschriften und Uebersetzungen von angeblichen Briefen Marias, die ihr ebensowenig vorgelegt werden konnten. Ebensowenig wurden ihre Sekretäre, die belastend ausgesagt haben sollten, ihr gegenüber gestellt. Trotzdem sprachen die 36 anwesenden Richter ihr Urtheil dahin aus:„ Schuldig und mit Tod zu bestrafen!" Maria mußte sich als Opfer ihres Glaubens betrachten, als Opfer der Politik Elisabeths. Nun wurde ihr gestattet, sich gegen diese persönlich auszusprechen. Das Bluturtheil wurde vom Parlament bestätigt. Was Wunder, daß später ein englisches Parlament aus eigener Initiative einen König, Karl I., den bekannten Meineids- Karl, hinrichten ließ? Der Hinrichtungsbefehl lag bereit, Elisabeth zögerte ihn auszufertigen durch ihre Unterschrift und that wüthende Aeußerungen über„ Diejenigen, welche zwar zu handeln versprächen, aber es nicht verständen". Maria fürchtete heimliche Ermordung. Am 8. Februar 1587 wurde der politisch- religiöse Justizmord an einer der muthigsten, edelsten und schwerstgeprüften Frauen vollzogen. t Der Schaden, den die Kapitalisten in Folge des Achtstundentags erleiden würden, ist demnach zum mindesten ein sehr fraglicher. Dagegen steht außer jedem Zweifel der Nutzen, der durch seine Einführung der Arbeiterklasse erwächst. Allerdings würden die Arbeiter und Arbeiterinnen von diesem Nutzen dadurch etwas einbüßen, daß sie gezwungen wären, schneller und kräftiger zu arbeiten. Aber die Stunden, die sie der Ausbeutungslust der Kapitalisten abringen, bleiben doch voll und ganz zu ihrer eigenen Verfügung. Wie groß diese Errungenschaft beim Achtstundentag für Deutschland allein wäre, das wollen wir durch etliche Zahlen zeigen. 4432 Die Zahl der Lohnarbeiter des Deutschen Reichs, die landwirthschaftlichen inbegriffen, darf auf Grund der Ergebnisse der Unfallversicherung auf mindestens 13 Millionen geschätzt werden. Berechnen wir die durchschnittliche thatsächliche Arbeitszeit mit wenigstens 11 Stunden täglich, so greifen wir damit entschieden noch viel zu niedrig. Gegenüber der 11stündigen Arbeitszeit bedeutet der Achtstundentag eine Verkürzung von drei Stunden. Das ergiebt für die ganze deutsche Arbeiterbevölkerung 39 000 000 Stunden frei verfügbare Zeit Jahre. Das Menschenleben zu 60 Jahren gerechnet, ist das Ergebniß 75 Menschenleben täglich oder 26 645 volle Menschenleben im Jahre. Mehr als zwei Dutzend Tausende von Menschenleben würden also durch den Achtstundentag Jahr aus Jahr ein in Deutschland allein den Krallen des Kapitalismus entrissen werden! Wollen wir aber den Gesammtlebensnutzen dieser Verkürzung der Arbeitszeit rechnerisch ungefähr feststellen, so müssen wir in Betracht ziehen, daß die gesammte Arbeitsperiode einer Arbeiter und Arbeiterinnengeneration auf mindestens 30 Jahre geschätzt werden muß. Der Einzelne würde durch den Achtstundentag im Jahre genau 12 Monate gewinnen, während der 30 Arbeitsjahre also 45 Monate 334 Jahre. Der Vortheil ist also für den Einzelnen durch diese Zeitersparniß gleich dem, als wenn er um ca. 4 Jahre länger gelebt hätte. Dabei ist nicht einmal in Betracht gezogen, daß bei einem kürzeren Arbeitstag die Gesundheit überhaupt weniger schnell aufgerieben und verwüstet wird, und daß dieser Umstand ganz wesentlich zur Verlängerung des Lebens der Arbeiter und Arbeiterinnen beiträgt. Für die gesammte Arbeiterschaft würde das die erschreckende Summe von 146 Millionen Lebensjahren ausmachen! Wir sagen die erschreckende" Summe, weil die betreffende Zahl gleichzeitig angiebt, wie viel Menschenleben gegenwärtig durch die übermäßig lange Arbeitszeit unnütz vergeudet werden, unnütz selbst vom tapitalistischen Standpunkte aus, weil sie, in Folge der allgemeinen Herabsetzung der Arbeitsfähigkeit, die gesellschaftliche Produktion nicht steigern, den kapitalistischen Reichthum nicht mehren, Niemand Vortheil bringen und doch genau soviel verbrauchte Menschenleben darstellen. Welche Unmasse von Glend, harter Anstrengung, verbrauchten Muskeln, Nerven, vergossenem Schweiß! Und wozu? für wen? Für Niemand, für keinen Zweck, blos weil es die herrliche, närrische fapitalistische Weltordnung so haben will! Ist das nicht empörend? Wäre es nicht eine sündige Thorheit, das fernerhin zu dulden? So erhebt euch denn, ihr Männer und Frauen der Arbeit, vereinigt euch und trotzt dem gierigen Kapital das Leben ab, das es euch raubt! Der Achtstundentag ist die Losung! Unterricht im Sozialismus. 1. Hanny flüffert. Aber in dem neuen Leben, Wenn die schönre Sonne scheint, Wird es dann auch Küsse geben? Werden Thränen auch geweint? Und die Mädchen und die Frauen Welche Stelle haben sie? Wirksam, frei will ich sie schauen, Sonst mag ich die Zukunft nie! Sei beruhigt, süßes Leben, Wonn' und Weh bleibt stets vereint. Küsse wird es immer geben, Thränen werden auch geweint. Und die Mädchen und die Frauen Schwingen sich empor und frei Wirksam schaffen sie und bauen An dem neuen Weltgebäu! 2. Hanny fragt. Aber wenn die Sonne aufgeht In der neuen, schön'ren Welt, Wie sie ausschaut und ihr Lauf geht, Das erzähl' mir, Liebster! Gelt? 71Leicht versteh' ich, froh erwart' ich Dort, wo nicht mehr reich und arm, Wie dann aufhört tausendartig Elend, Jammer, Noth und Harm. Doch die Gleichheit schafft mir Grauen, Macht die Zukunft Alles gleich, Wird ihr Farbenbild nicht schauen Trüb', einförmig, öd' und bleich? Giebt es keine höchsten Kronen, Wird das Maß auf Erden klein, Und das Niedere wird thronen, Das Gemeine Herrscher sein. Fanny, deine Zukunftsfrage Spiegelt sich in Wald und Flur. Von der Gleichheit Antwort sage Dir ein Bild aus der Natur. Bist Du über weite Heide Je gewandert, süßes Kind, Wo mit ödem, braunen Kleide Alle Pflanzen niedrig sind? Wo kein Rauschen und kein Flüstern Dich umfängt mit Liebesgruß, Nur die starren Kräuter kniſtern Knirschend unter Deinem Fuß? Und Dir ist, als mußt Du weinen, Todesschwermuth packt Dich an; Denn des Niedern und Gemeinen Urbild hat Dir's angethan. Solche Gleichheit schafft das Heute, Es erniedert alle Höhn, Unerbittlich wird zur Beute Ihm, was herrlich, hoch und schön. Aber ward Dir Kunde nimmer Von der Palmenwälder Pracht, Deren Frucht und Blüthenschimmer Selbst den Forscher staunen macht? Deren Blätterkronen schweben Ueber ihm im Hetherzelt, Deren Wipfelhäupter leben Wie in einer andern Welt? Von den Palmen, die als Brüder Stehen stolz und gleich und frei, Und ihr Rauschen tönet nieder Eine Wundermelodei? Solche Gleichheit muß ein Morgen Bringen mit der Sonne Pracht; Vorwärts kämpfend laßt uns sorgen, Daß zu Ende geh' die Nacht! Alle Menschen sind erhoben Und sie werden alle gleich Nicht nach unten, nein nach oben In dem neuen Weltenreich. Gleich wie die lebend'ge Flamme Sprüht nach oben nur empor, Hufwärts strebend an dem Stamme Prangt der Menschheit Blüthenflor. 3. Fanny fragt wieder. Von der Zukunft frei und hehr, Von dem lichten Gegensatz Zu der düstern Qualenwelt Die uns heut in Banden hält, Was mir noch verborgen blieb, Trauter Schatz! Sag' mir mehr! Oeffne mir des Wissens Thor! Horch auf, mein Lieb! In Dein köstlich kleines Ohr Flüstr' ich diese Antwort Dir: Heilig ist die Arbeit für und für! Der Mensch ist Arbeiter geworden, Wenige strenge Arbeitsstunden Ans Maschinenwerk gebunden. Dann in der Freiheit wonnigem Schein Bleiben sonnige Stunden sein. Der Arbeiter ist Mensch geworden! Aus der Arbeit Pflichtgebäude Kehrt er heim zur Lebensfreude, Zum Wissen vom Schönen, Zum Genießen des Schönen, Zum Schaffen des Schönen! Leopold Jacoby. Nr. 10 der ,, Gleichheit" gelangt am 15. Mai 1895 zur Ausgabe. Kleine Nachrichten. Ueber die Wirkung des Achtstundentags äußerte sich der Fabrikbesitzer Freese- Berlin in der günstigsten Weise. In seinem Betrieb herrschte früher ganz ungeregelte Arbeitszeit, die nicht selten 16-17 Stunden betrug. Vom Jahre 1888 an schaffte er stufenweise die diesbezüglichen Mißstände ab und führte stufenweise einen fürzeren Arbeitstag ein. Im Winter 1892 trat an Stelle des 9stündigen versuchsweise der 8stündige Arbeitstag, um 5 Uhr Nachmittags wurde die Fabrik geschlossen. Der Betrieb regelt sich damit vorzüglich. Nicht die geringste Minderleistung ergab sich, wie die Lohnziffern ( es herrscht Akkordarbeit) beweisen. Durch die konzentrirte Thätigkeit wurde die kürzere Arbeitszeit ausgeglichen. Die bei längerer Arbeitszeit unvermeidlichen Pausen famen in Wegfall. Das Bewußtsein, ,, um 5 Uhr bist Du Dein freier Herr", wirkte anspornend auf die Arbeiter. Der Betrieb ersparte erheblich an Dampf, Gas, Heizung 2c. Die Produkte litten in keiner Weise, im Gegentheil, denn die Arbeiter gingen mit mehr Lust und Liebe als früher an die Arbeit heran. Der Achtstundentag sei also ohne Schädigung für die Industrie möglich, und er sei nothwendig im Interesse der Gesundheit unseres Volkes, an der die Industrie keinen Raubbau treiben dürfe. Die kurze Arbeitszeit wirke außerdem moralisch sehr günstig auf den Arbeiter ein. Ein Arbeiter, der von 9-5 Uhr geschafft habe, sich dann seiner Familie widmen könne; bedeute mehr für Staat und Gesellschaft, als ein Arbeiter, der ein Familienleben nur vom Hörensagen kenne. Herr Freese erklärte auf Grund seiner mehrjährigen Erfahrungen: Alle Gründe der Staatsraison und der Humanität sprechen für die gesetzliche Einführung des Achtstundentags." " Das dringende Interesse der Frauen an der Einführung des Achtstundentags beweisen die Beobachtungen des Schweizer Fabrikinspektors Dr. Schuler. Nach ihm ist die Kränklichkeit und Sterblichkeit der Fabrifarbeiterinnen größer als die der Fabritarbeiter. In der Schweiz wurden für die Arbeiterinnen anderthalb mal mehr Tage der Arbeitsunfähigkeit verzeichnet, als für die Männer. Die Sterblichkeit der Arbeiterinnen überstieg die der Arbeiter um 27 Prozent. In der Schweiz verhielt sich die Zahl der Erkrankungen weiblicher Arbeiter zu derjenigen der männlichen Arbeiter der nämlichen Berufsart wie folgt: in der Baumwollweberei Baumwollspinnerei " " " " 1 Färberei, Bleicherei, Appretur. Stickerei.. " " wie 139 zu 100 128 " " 100 113 100 " " 111 100 " " Die Zahl der Krankheitstage der Arbeiterinnen und Arbeiter verhielt sich in der Stickerei Baumwollspinnerei Baumwollweberei. Seidenwinderei, Zwirnerei und Weberei. Papierfabrikation. wie 125 zu 100 100 100 " 133 100 161 " " 165 " " " 180" 100 Das Kapital pfeift auf die Thatsache, daß es Gesundheit und Lebenskraft seiner Lohnsklavinnen zerstört, es kennt keine anderen Rücksichten, als die auf seinen Profit. Der Achtstundentag eine hygienische Nothwendigkeit. Auf dem VIII. internationalen Kongreß für Hygiene und Demographie, welcher im Sommer 1894 in Budapest tagte, sprachen sich in der vierten hygienischen Sektion die meisten Vertreter für die Nothwendigkeit einer Verkürzung der Arbeitszeit auf höchstens 8 Stunden sehr entschieden aus. Dr. Jules Felix aus Brüssel gelangte z. B. in Betreff des Einflusses der Länge der Arbeitszeit auf das physische, intellektuelle und moralische Befinden der Arbeiter zu nachfolgenden Schlußfolgerungen: ,, 1. Die Begrenzung der Arbeitszeit ist für alle Arbeiter nothwendig und muß proportionell sein der Intensität, der Dauer und der Gesundheitsschädlichkeit der Arbeit. 2. Für die Großindustrie und speziell für die Bergbauarbeit muß die berufliche Arbeitsdauer 8 Stunden durchschnittlich betragen und darf nie 10 Stunden überschreiten, wenn der Arbeiter seine physische, geistige und moralische Kraft nicht verlieren soll, auf welches jedes menschliche Wesen einen begründeten Anspruch hat. 3. Der zivilisirte Mensch hat unter allen sozialen Verhältnissen nicht nur das Recht auf durchschnittlich 8 Stun den Schlaf zur Nachtzeit da der Schlaf am Tage durchaus nicht die Kräfte erneuert- sondern er hat auch das Recht auf eine ausreichende Muße, um seine Mahlzeiten einzunehmen, für seine persönliche Gesundheit und Reinlichkeit zu sorgen, seine geistige Ausbildung zu pflegen und seine Gemüthsempfindungen durch die Ausübung seiner Pflichten gegen die Familie, die Gesellschaft und das Vaterland zu erhöhen. Diese Bedingungen erscheinen uns unerläßlich 72 für das Glück der Menschheit und sind die sichersten Bürgschaften für das Gedeihen der Völker, den sozialen Frieden und die allgemeine Brüderlichkeit." Auf dem Kongreß hat sich auch nicht eine Stimme gegen die Verkürzung der Arbeitszeit erhoben. Der Achtstundentag in Rußland. Die Dobroduschaer Papierfabrik bei Gomel ist der erste russische Betrieb, welcher den Achtstundentag eingeführt hat. Früher arbeiteten zwei Schichten von Arbeitern je 12 Stunden, gegenwärtig drei Schichten je 8 Stunden. Der Leiter der Fabrik schreibt über die Wirkungen der verkürzten Arbeitszeit:„ Nach den Erfahrungen, die ich in den verflossenen fünf Monaten gemacht habe, muß ich gestehen, daß die Arbeiter seit der Einführung des Achtstundentages voll und ganz ihren Pflichten nachkommen. In technischer Hinsicht geht die Arbeit, wenn nicht besser, so doch in keinem Falle schlechter als früher. Der Fabrik kommt diese Reform nur auf ein Prozent des Arbeitslohnes zu stehen, auf die Arbeiter aber hat sie trotz der verhältnißmäßig sehr kurzen Zeit ihres Bestehens eine wohlthuende Wirkung ausgeübt. Unsere Arbeiter sehen schon jetzt frischer aus, und die frühere Schlappigkeit ist gänzlich geschwunden. Gute Resultate sind bei den Arbeitern auch in wirth schaftlicher Beziehung bemerkbar. Diejenigen Arbeiter, die ein Fleckchen Land besitzen, ließen im vorigen Frühling dasselbe nicht mehr von Lohnarbeitern bestellen, sondern sie thaten es selbst. Die landlosen Arbeiter blieben auch nicht zurück und sind um ihre Häuslichkeit besorgt. Sie führen Baumaterial auf die von der Fabrik für eine ganz geringfügige Entschädigung abgetretenen Plätze zusammen, ein Dutzend Häuser befinden sich schon im Bau. Und bald bildet sich rings um die Fabrit ein ganzes Dörfchen mit Krautäckern um die Häuser." Und zum Schluß seiner Bemerkungen meint der Fabrikleiter: Alle diese Resultate sind aber nichts im Vergleich damit, was von der Verkürzung der Arbeitszeit nach Ablauf von 10-20 Jahren zu erwarten ist." " Steigende Verwendung der Frauenarbeit. Nach den Be richten der deutschen Fabrikinspektoren für 1893 waren in der deutschen Textilindustrie nicht weniger als 305 175 Arbeiterinnen beschäftigt gegen 283 017 im Jahre 1892. Binnen zwölf Monaten ist mithin die Zahl der Textilarbeiterinnen um 22 158, also um etwa acht Prozent, gewachsen. Und dies in einer Zeit, in der man bezüglich der Textilindustrie von Geschäftsstockungen, Arbeiterentlassungen, Beschränkung des Betriebs 2c. genug hörte. Die kapitalistische Wirthschaftsweise bethätigt einen wahren Heißhunger nach weiblichen Arbeitskräften, als den billigeren und willigeren Arbeitskräften, deren Ausbeutung profitabler ist, als die der theueren und„ widerspenstigen" Männer. 11 Daß die übermäßig lange und starke Ausbeutung der proletarischen Frau Tausende proletarischer Kinder frühem Tode überantwortet, steht seit langem ziffernmäßig fest. In England kamen z. B. 1864 nach dem„ Sechsten Bericht über den Stand der öffentlichen Gesundheit"( zitirt in Mary' ,, Kapital") in 16 Distrikten auf je 100 000 lebende Kinder unter einem Jahr im Durchschnitt nur 9000 Todesfälle; in den Industriezentren Hoo, Wolverhampton, Ashton- under- Lyne und Preston über 24.000 und in Manchester, der Königin der englischen Fabrikstädte, gar 26 125. Wie eine offizielle ärztliche Untersuchung nachwies, sind, von Lokalumständen abgesehen, die hohen Sterblichkeitsraten der Proletarierkinder vorzugsweise der außerhäuslichen Beschäftigung der Mütter geschuldet und der daher entspringenden Vernachlässigung und Mißhandlung der Kinder u. a. unpassender Nahrung, Mangel an Nahrung, Fütterung mit Opiaten u. s. w." Die„ Britische Medizinische Gesellschaft" machte im ver gangenen Jahr die Regierung auf die steigende Kindersterblichkeit in den Industriestädten aufmerksam. Von je 1000 Kindern im Alter unter einem Jahre starben 1885 in London 148, im Jahre 1893 je doch 164, in einem Induſtriedistrikt der Hauptstadt betrug die Sterb lichkeitsziffer sogar 208. Nach sehr sorgfältigen statistischen Erhebungen über die Kindersterblichkeit sind von je 100 000 Geburten am Leben geblieben: in den rein ländlichen Distrikten 90 283; in den gemischten Distrikten 83 081; in den Industrieſtädten 78.197. Auf je 10 Todes: fälle auf dem Lande kommen 12 in der Industriestadt. Als Ursache der Erscheinung bezeichnet es die Medizinische Gesellschaft", daß dem Kinde durch die Industrie die Mutter zu früh entzogen wird. Der Achtstundentag giebt etwas mütterliche Pflege und Fürsorge den proletarischen Kindern zurück, welche die kapitalistische Profitgier mit der Ausbeutung der Frau dem Verkommen und dem Tode überantwortet. Die kapitalistische Gesellschaft aber, welche den Schutz der Familie auf den Lippen führt, sträubt sich mit Händen und Füßen dagegen, dem Proletariat in Gestalt kürzerer Arbeitszeit die Möglichfeit eines Familienlebens zu schaffen. Ihre Heuchelei hat nur ihr Gegenstück in ihrem Mehrwerthhunger. Verantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Settin( Eißner) in Stuttgart. Druck und Verlag vov J. H. W. Diez in Stuttgart.