Nr. 12. Die Gleichheit. 5. Jahrgang. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen. Herausgegeben von Emma Ihrer in Pankow bei Berlin. Die ,, Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nro. 2756) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf. Stuttgart Mittwoch, den 12. Juni 1895. Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe gestattet. Sozialpolitische Weisheit von oben. Was der Vertreter des preußischen Handelsministers auf die Petition des Bundes deutscher Frauenvereine, die Anstellung weiblicher Fabrikinspektoren betreffend, in der Petitionskommission des preußischen Abgeordnetenhauses zu antworten für gut befunden hat, das haben wir bereits in Nr. 10 der„ Gleichheit" tiefer gehängt. Die frauenrechtlerische Presse soweit sie uns zugeht hat bis jetzt die betreffenden Aeußerungen nicht geziemend zurückgewiesen. Es wird dies auch Niemand wundern, der weiß, daß unsere bürgerliche Frauenrechtelei in unvergessener Achtung vor dem Herren Bürgermeister und den hohen Obrigkeiten", in submisser Gesinnungstüchtigkeit nach oben ihre Straße zieht. Die geäußerte sozialpolitische Weisheit ist jedoch so charakteristisch für den bureaukratischkapitalistischen Klassenstaat, der Preußen heißt und dessen Räuſpein und Spucken das übrige Deutschland glücklich abguckt, daß wir sie noch an dieser Stelle in die gebührende Beleuchtung rücken wollen. Der hohe Beamte, der im Namen des Handelsministers sprach, wollte gütigst nicht in Abrede stellen",„ daß weibliche Aufsichtsbeamte auf die Gestaltung der wirthschaftlichen und sittlichen Lebensbedingungen der Arbeiterinnen eine nügliche Einwirkung ausüben könnten". Nachdem er jedoch die Nüßlichkeit und damit die Nothwendigkeit der geforderten Reform verschämt zugegeben, läßt er die bureaukratisch- zopfigsten und geldsacksfreundlichsten Aber gegen ihre Verwirklichung aufmarschiren. Was zeigen diese Aber klärlich? Zunächst, daß man im preußischen Handelsministerium der einschlägigen Frage mit einer jungfräulichen Befangenheit gegenübersteht, die nicht durch Sachkenntniß getrübt wird. Das Sprachrohr des Handelsministers„ muß an und für sich bezweifeln", ob Frauen zur Gewerbeinspektion geeignet seien. Man fürchtet an maßgebender Stelle, daß Frauen die für diese Aufgabe erforderlichen tech nischen Kenntnisse nicht besitzen und auch in absehbarer Zukunft nicht erwerben werden. Als ahnungsloser Engel steht man also offenbar im Handelsministerium der Thatsache gegenüber, daß sich durchaus kompetente und unbefangene Persönlichkeiten für die Anstellung weiblicher Fabrikinspektoren erklärt haben. So der Schweizer Fabrikinspektor Dr. Schuler, der zwar mit Rücksicht auf die erforderlichen technischen Kenntnisse die Frauen als Hauptaufsichtsbeamte nicht angestellt wissen möchte, aber ihre Thätigkeit als Hilfsinspektoren warm befürwortet. So der österreichische oberste Gewerbebeamte Hofrath Migerka, welcher die Ansicht vertritt, daß die Frauen alle beruflichen Kenntnisse für die Gewerbeinspektion erwerben können. So viele Andere noch. Verschlafen zu haben scheint man im preußischen Handelsministerium, welche gute Erfahrungen man in anderen Ländern mit der Thätigkeit der Fabrikinspektorinnen gemacht, und daß man deshalb ihre Zahl vermehrt hat. Die handelsministerielle Unschuld vom Lande läßt in Frankreich die Fabrikinspektion durch Frauen noch immer wie vor Erlaß des neuen Arbeiterschutzgesetzes ausschließlich in Paris bestehen. Besagte Unschuld weiß auch nicht, ob der in England gemachte Versuch, Frauen zur Fabritinspektion heranzuziehen, zu einer dauernden Einrichtung geführt hat". Kurz, die Leute, welche bezüglich der geforderten Reform ein entscheidendes Zuschriften an die Redaktion der„ Gleichheit" sind zu richten an Fr. Klara Zetkin( Eißner), Stuttgart, RothebühlStraße 147, III. Die Erpedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. Wort mitzusprechen haben, erweisen sich in der That als unwissender wie die erste beste Frauenrechtlerin, wie schrecklich zu sagen der erste beste sozialdemokratische Abgeordnete, wie Dußende sozialdemokratischer Aufhezer“ und„ Aufhezerinnen". Diese materielle Unkenntniß ist bemerkenswerth und bezeichnend. Die Frage der Anstellung weiblicher Fabrikinspektoren steht nicht seit heute und gestern zur Debatte. Seit Jahren ist sie wiederholt von der Sozialdemokratie im Reichstage angeschnitten worden. Es wäre Pflicht des Handelsministeriums gewesen, sich bezüglich einer offiziell so oft angeregten Reform gründlich zu informiren. An Zeit und Mitteln zum Studium hat es ihm wahrlich nicht gefehlt, allerdings dafür um so mehr an verschiedenem Anderen, das eine Vorausseßung verständigen sozialpolitischen Wirkens ist. So vor allem an Fühlung mit der Arbeiterklasse, an Achtung vor dem ausdrücklich kundgegebenen Willen weitester Kreise der= selben. Seit gut zehn Jahren wird innerhalb der sozialdemofratischen Frauenbewegung mit Energie für die Anstellung weiblicher Fabrikinspektoren gewirkt. Diese Agitation erfreut sich der Sympathie, der Unterſtüßung der ganzen Partei. In Hunderten von Versammlungen und von Hunderttausenden von Personen sind im Laufe der Jahre weibliche Aufsichtsbeamte nachdrücklichst ge= heischt worden. Mehrere sozialdemokratische Parteitage beauftragten durch einstimmig angenommene Anträge die parlamentarischen Vertreter der Sozialdemokratie, für diese Forderung einzutreten. In verschiedenen Landtagen, im Reichstage haben sie sich ihres Auftrags erledigt. Bei ihren Forderungen handelte es sich also nicht um die Initiative einzelner Personen, sondern um den klipp und klar geäußerten Willen der Partei, die 134 Millionen Wähler zählt, die nichtstimmberechtigten Mitglieder nicht eingerechnet. Und angesichts dieses klipp und klar geäußerten Willens wagt der Vertreter des Handelsministeriums zu behaupten, bezüglich der geforderten Reform sei kein Anzeichen vorhanden, daß in weiten Schichten der Bevölkerung die Ueberzeugung von deren Nothwendigkeit besteht!" In dieser Aeußerung baumelt nicht blos der preußische Bureaukratenzopf, der an Volkswünschen nur als vorhanden anerfennt, was sich de- und wehmüthig bis zu einem hohen Papierkorb durchgewinselt hat. In ihr offenbart sich auch eine unverfrorene Mißachtung jeder selbständigen Willensäußerung des Volks. Wir können doch nicht annehmen, daß den so pflichteifrigen deutschen und insbesondere preußischen Obrigkeiten die hier in Frage kommenden Kundgebungen weitester Volksfreise verborgen geblieben seien. Sie, die schneidig und tiefgründig die Vorgänge und Worte in jeder Volksversammlung verfolgen, die Organisationen proletarischer Frauen nicht blos auf ihre Thaten, auch auf ihre Absichten prüfen, sie müssen doch die Forderung vernommen haben, die seit Jahren von immer breiteren Kreisen und immer lauter erhoben wird. Wer mit der offenbar sehr achtungswerthen und jedenfalls sehr großen Alwissenheit unserer Behörden vertraut ist, dem könnte sich angesichts der angezogenen offiziellen Aeußerung leicht eine eigene Ansicht aufdrängen, nämlich die, daß die Bevölkerung, für welche man höheren Orts ein Ohr hat, erst beim epaulettebegnadeten Gardelieutenant, beim schreienden Agrarier, unzufriedenen Industriellen und der Dame anfängt, die sich rühmen darf,„ von" und„ zu" geboren zu sein. 90 aus Erfahrung wissen, daß sie in neunundneunzig von hundert Fällen die Rache des Kapitalisten, die Maßregelung zu fürchten haben. In dieser Auffassung könnte man nur bestärkt werden durch| nicht vertrauensvoll über ihre Leiden zu äußern wagen, weil sie das offizielle Hauptaber gegen die Anstellung weiblicher Fabrifinspektoren. Warm und kräftig klopft uns in ihm das unverfälscht kapitalistisch fühlende Herz des preußischen Handelsministeriums entgegen. Man will von weiblichen Fabrifinspektoren nichts wissen, weil solche den Stumm und Stämmchen nicht genehm sein würden. Mit feinster Verständnißinnigkeit für die Kapitalistenklasse und ihres Wesens Wesenheit, den heiligen Goldhunger", zählt der Vertreter des Handelsministers die Gründe dafür auf. Die Anstellung weiblicher Fabrikinspektoren würde die Zahl der Gewerbeaufsichtsbeamten vermehren. Jede solche Vermehrung beschränkt aber in Folge häufigerer und genauerer Inspektion der Betriebe das Unternehmerthum um ein Weniges in seiner Ausbeutungsfreiheit. Ein Greuel und Scheuel ist ihm deshalb jede weitere Anstellung von Aufsichtsbeamten überhaupt, von weiblichen Inspektoren aber obendrein ganz besonders. Diese könnten ja nicht, wie ihre männlichen Kollegen, ,, unter Umständen auch dem Arbeitgeber von Nuzen sein, insbesondere durch Rathschläge auf technischem Gebiete..... Die Fabrikinspektorinnen würden nur für die Arbeiterinnen vorhanden sein; sie würden den Sammelpunkt für deren Beschwerden bilden und voraussichtlich bald in ein gegensäßliches Verhältniß zum Arbeitgeber gerathen." Daß der deutsche Fabrikinspektor nicht in erster Linie zur Ueberwachung des Arbeiterschutzgesetzes da ist, sondern zur Keffelrevision, ist dem deutschen Proletariat von oben genügend klar gemacht worden. Nun lehrt ihm der Vertreter des Handelsministers, daß der sogenannte Aufsichtsbeamte noch eine weitere Pflicht zu erfüllen hat: die, dem Unternehmer durch technische Rathschläge nüßlich zu sein. Und diese Seite der Fabrifinspektion ist so wichtig, daß sie mit ausschlaggebend ist für die Nichtanstellung weiblicher Beamten! Die" nüßliche Einwirkung auf die wirthschaftlichen und sittlichen Lebensbedingungen der Arbeiterinnen durch Fabrikinspekto rinnen" erscheint dem Handelsministerium wohl als eine feine äußerliche Zucht. Aber als würdig und wohlgeschickt für die Gewerbeinspektion gilt ihm doch nur die Kraft, die gratis oder für ein gutes Frühstück durch schäzenswerthe Rathschläge den Profit des Kapitalisten etwas zu mehren versteht. Wehe aber gar dem Aufsichtsbeamten, dessen Auge offen ist für die Mißstände der kapitalistischen Betriebe, dessen Ohr sich nicht den Klagen der Arbeiterschaft verschließt, der sich zum„ Sammielpunkt ihrer Beschwerden" macht! Der Fabrikinspektor, der gewissenhaft seines Amts waltet, der der Ansicht ist, er sei zum Schuße der Arbeitsfräfte bestellt, er geräth in ein gegensäßliches Verhältniß" zum Arbeitgeber, er ist vom Handelsministerium gewogen und zu leicht befunden worden. Dieses gegensäßliche Verhältniß" zwischen Pflichttreue und kapitalistischem Profit hat der badische Fabrikinspektor Wörishoffer erfahren, von diesem Verhältniß und seinen Folgen hat sich der Fabrikinspektor Jäger- Köln überzeugen müssen. Vor dem Unternehmerthum können nur Aufsichtsbeamte bestehen, die so wenig als möglich inspiziren, auch die frechsten Gesetzes übertretungen der Herren Geldsäcke in der Ordnung finden und dtesen mit„ nüßlichen Nathschlägen" fleißig zur Hand gehen. Das ist des Pudels Kern, den der Vertreter des Handelsministers mit einer an Zynismus grenzenden Offenheit enthüllt. Daß dem Bekenntniß einer schönen kapitalistischen Seele ein Tröpfchen Denunziation gegen die Sozialdemokratie beigemengt ist, versteht sich am Rande. Nicht empfehlen kann das gute, fortschrittliche Handelsministerium die Anstellung weiblicher Fabrikinspektoren, weil diese bei der Verhezung des Arbeiterstandes durch die sozialdemokratische Agitation nicht auf das Vertrauen der Arbeiterinnen rechnen könnten". Als ebenso- kühn wie komisch erscheint diese Behauptung angesichts der Thatsache, daß die Sozialdemokratie energisch den weiteren Ausbau der Fabrikinspektion fordert, für die Anstellung weiblicher Aufsichtsbeamten eintritt, jederzeit der Arbeiterschaft empfohlen hat, Fühlung mit den Fabrikinspektoren zu suchen und zu unterhalten. Sollte die handelsministerielle Unschuld vom Lande allein nicht wissen, was die Spaßen auf den Dächern pfeifen, was Wörishoffer und andere Fabrikinspektoren wieder und wieder betont haben? Nämlich, daß sich Arbeiter und Arbeiterinnen bei der Inspektion der Betriebe Die Die Regierung hat es in der Hand, die Arbeiter und Arbeiterinnen mit ungetrübtem Vertrauen zu den Aufsichtsbeamten zu erfüllen. Sie ziehe erfüllen. Sie ziehe wie es in England geschieht Arbeiter und Arbeiterinnen zu der Fabrikinspektion heran, sie lasse bei der Anstellung der Aufsichtsbeamten die Arbeiterorganisationen ein entscheidendes Wort mitsprechen, sie gestalte die Stellung der Fabrikinspektoren derart unabhängig und würdig, daß sie ihren Amtspflichten nachgehen können, ohne den politischen Einfluß des Unternehmerthums, in Gestalt von Rüffeleien durch die vorgesetzten Behörden, in Gestalt von Strafverfeßungen 2c. fürchten zu müssen. Hic Rhodus, hic salta! Aber die Regierung springt nicht, wie es im Interesse der Arbeiterklasse liegt, sie tanzt, wie die Kapitalistenklasse pfeift. Das zeigt auch die Erklärung des preußischen Handelsministeriums zur Frage der weiblichen Fabrikinspektoren. typischen Merkmale der Sozialreform von oben sind ihr aufgeprägt: Unkenntniß dessen, was in Sachen des Arbeiterschußes im Auslande geschieht; 30pfige und prozige Nichtbeachtung des Willens weiter Volksfreise; zarteste Rücksicht auf die Wünsche des Unternehmerthums. Auch sie ist ein herzerfrischend deutlicher Ausdruck der Thatsache, daß die Sozialreform von oben kleinlaut vor der Kapitalistenmacht kapitulirt hat, noch ehe sie den Kampf energisch aufgenommen. Die Arbeiterklasse wird ihrer geschichtlichen Aufgabe getreu die natürliche Konsequenz dieser Thatsache ziehen. Sie bereitet durch Aufklärung und Organisation der Massen die Zeit vor, wo getanzt werden muß, wie das Proletariat pfeift, und zwar dürfte es bei einem sanften Reformwalzer dann kaum sein Bewenden haben. Arbeiterinnen- Bewegung. In der Zeit vom 1. Mai bis 1. Juni fanden öffentliche Versammlungen statt in: Adlershof, öffentliche Volksversammlung:„ Die Frau und der Sozialismus"( Genossin Greifenberg); Berlin, öffent liche Versammlung aller in der Velvetbranche beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Die Nothwendigkeit der gewerkschaftlichen Organi ſation"( Genosse Wasch); öffentliche Versammlung aller in der Damenund Knabenkonfektion beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Die Zustände bei den Zwischenmeistern"( Genossin Gubela); öffentliche Versammlung aller im Tapezierergewerbe beschäftigten Personen:„ Die Arbeiterfrage der Gegenwart"( Genosse Jahn); öffentliche Versamm lung der freien Vereinigung der Handelsangestellten:„ Die Interessen und Aufgaben der Handelsangestellten auf politischem und sozialem Gebiet"( Reichstagsabgeordneter Liebknecht); öffentliche Versammlung der polnischen Arbeiter und Arbeiterinnen:" Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit"( Genosse Berfus); öffentliche Versammlung des sozialdemokratischen Vereins für Stralau und Rummelsburg:„ Warum lehnt die hiesige Gemeindevertretung die Errichtung von Gewerbeschiedsgerichten, sowie von Arbeitsnachweisen ab?"( Genosse Millarg); öffentliche Versammlung für Männer und Frauen:„ Die Arbeiterbildungsschule"( Genosse Schriftsteller Heinrich Schulz); Bremen, öffentliche Volksversammlung:„ Die Forderung der politischen Gleich berechtigung für die Frauen"( Genossin Ihrer); Bremerhaven, öffentliche Versammlung für Frauen und Männer:„ Die Stellung der Frauen und Mädchen in der heutigen Gesellschaft"( Genossin Ihrer); Debschwitz, öffentliche Volksversammlung:„ Die Stellung der Frau in der heutigen Gesellschaft"( Genossin Baader); Dresden, öffentliche Parteiversammlung:„ Die Nothwendigkeit der Landesversammlungen" ( Genosse Fräßdorf); Elberfeld, öffentliche Versammlung der Textilarbeiter und Arbeiterinnen: Was ist zu thun, um unsere Lage zu verbessern?"( Genosse Klapp); Erfurt, öffentliche Schneider- und Schneiderinnenversammlung:„ Das Sweatingsystem in der Konfektions branche"( Genosse Fahrenkamm); Gera, öffentliche Versammlung für Frauen und Männer:„ Die Frauen und das allgemeine politische Wahlrecht"( Genossin Ottilie Baader); Hamburg, zwei große öffentliche Volksversammlungen:„ Die politische Lage"( Reichstagsabgeord neter Bebel); öffentliche Versammlung der Fabrik-, Land-, Hilfs arbeiter und Arbeiterinnen:„ Die Entwicklung der Industrie und die wirthschaftliche und soziale Lage der Arbeiter und Arbeiterinnen" ( Genosse Brey); öffentliche Schneider- und Schneiderinnenversamm lung:„ Die Mißstände in der Schneiderei und Konfektionsarbeit mit Berücksichtigung der Hausindustrie"( Genossin Louise Blohm); Lud " 91 wigsburg, öffentliche Volksversammlung:„ Die Stellung der Sozial-| Königs Krupp. In mehreren Orten wurden die Debatten dadurch demokratie zur bürgerlichen Gesellschaft"( Genosse Benz); Mülhausen, öffentliche Versammlung für Männer und Frauen:„ Die Behandlung der deutschen Volksvertretung durch Herrn v. Köller, ein Streiflicht auf die politische Lage"( Reichstagsabgeordneter Bueb); Plagwiz, öffentliche Versammlung der Schneider und Schneiderinnen: Die Mißstände im Schneidergewerbe"( Genosse Möbius); Rönnebek, öffentliche Versammlung für Frauen und Männer:„ Die Stellung der Frauen und Mädchen in der heutigen Gesellschaft"( Genossin Ihrer); Stuttgart, öffentliche Versammlung aller in der Nadelbranche beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Die Lohnbewegung der Konfettionsarbeiter Deutschlands und warum verlangen wir Betriebswerkstätten?"( Genosse Knoop); Taucha, öffentliche Volksversammlung:„ Die politische Lage, der Bauernstand, die Handwerker und die Arbeiter"( Reichstagsabgeordneter Dr. Schönlank); Untermhaus, öffentliche Versammlung für Frauen und Männer:„ Die Stellung der Frau in der bürgerlichen Gesellschaft"( Genossin Ottilie Baader); Wandsbeck, öffentliche Versammlung der Fabrik-, Land-, Hilfsarbeiter und Arbeiterinnen:„ Die Entwicklung der Industrie und die wirthschaftliche und soziale Lage der Arbeiter und Arbeiterinnen"( Genosse Brey); Werdau, öffentliche Versammlung für Männer und Frauen: " Die bevorstehenden Landtagswahlen"( Genosse Goldstein); Wilkau, öffentliche Volksversammlung:„ Die Thätigkeit der sozialdemokratischen Abgeordneten im Landtage"( Landtagsabgeordneter P. Horn); Wurzen, öffentliche Parteiversammlung:„ Die bürgerlichen Parteien und die Sozialdemokratie"( Genosse Kaßenstein); 3wößen, öffentliche Versammlung für Frauen und Männer:" Die Stellung der Frau in der heutigen Gesellschaft"( Genossin Ottilie Baader). Vereinsversammlungen fanden in der nämlichen Zeit statt in: Berlin, Mitgliederversammlung des Verbands aller in der Metallindustrie beschäftigten Personen:„ Thätigkeitsbericht"; Langenbielau, Mitgliederversammlung des Verbands der Textilarbeiter und Arbeiterinnen: Licht und Leben"( Genosse Schultz); Stuttgart, Mitgliederversammlung der Freien Vereinigung der Handelsangestellten: 1)„ Thätigkeits- und Kassenbericht"( Genosse Behr), 2) Die Errichtung eines unentgeltlichen englischen Unterrichtskurses für Männer und Frauen; Uhlenhorst, Mitgliederversammlung des Bildungsvereins für Frauen und Mädchen:„ Die Entstehung der Frauenbewegung und die unwürdige Lage der Frau in der bürgerlichen Gesellschaft"( Genossin Kanty). - Fortschritte der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiterinnen. Der Verband der deutschen Schneider und Schneiderinnen zählte 1893 in 207 Orten 6965 männliche und 353 weibliche Mitglieder. 1894 dagegen gehörten ihm in 219 Orten 7129 männliche und 458 weibliche Mitglieder an. Die im Schneidergewerbe, besonders in der Konfektionsbranche, beschäftigten Frauen und Mädchen zählen bekanntlich zu den Ausgebeutetsten der Ausgebeuteten. Sie bedürfen deshalb des Schutzes der Organisation ganz besonders dringend. Besonders groß sind allerdings auch die Schwierigkeiten, welche sich gerade der Organisirung der betreffenden Arbeiterinnen entgegenstellen: der niedrige Verdienst ist ihrer gewerkschaftlichen Gruppirung ebenso hinderlich, wie die Zersplitterung der Betriebe, die Ausdehnung der Hausindustrie und des Schwitzsystems. Angesichts dieser Schwierigkeiten ist es mit doppelter Freude zu begrüßen, daß die Zahl der weiblichen Mitglieder des Schneiderverbandes gestiegen ist. Agitation. In der Rheinprovinz unternahm auf Veranlassung des Rheinischen Agitationskomites Genossin Zetkin in der Beit vom 9. Mai bis 2. Juni eine größere Agitationstour. Zweck derselben war, insbesondere die Frauen für den Sozialismus zu gewinnen, ihnen die Nothwendigkeit des Klassenkampfs und der Umgestaltung der kapitalistischen Gesellschaft in eine sozialistische klarzulegen. Die Tagesordnung der weitaus meisten Versammlungen lautete deshalb:„ Die Frau und der Sozialismus." In mehreren Orten sprach Genossin Zetkin über die Themata:„ Warum fordern die proletarischen Frauen ihre politische Gleichberechtigung, insbesondere das Wahlrecht?"" Der Einfluß der indirekten Steuern auf die Lage der Frauen des Volks"," Die politische Lage und die Arbeitertlasse." Versammlungen fanden statt in: Elberfeld, Remscheid, Düsseldorf, Crefeld, Aachen, Duisburg, Wald, Köln, Kalk, Barmen, Wichlinghausen, Solingen, Werden, Kattenberg, Essen, Hückeswagen, Neuwied und Kreuznach. An mehreren Orten waren die Versammlungslokale durch das Eingreifen der lieben Polizei abgetrieben worden. Die Versammlungen waren mit verschwindenden Ausnahmen durchgehends sehr gut besucht, zum Theil überfüllt; Frauen wohnten ihnen überall bei, in den meisten Orten sogar in sehr beträchtlicher Zahl. In begeisterten Kundgebungen für den Sozialismus gestalteten sich insbesondere die Versammlungen in Düsseldorf, Crefeld, Aachen, Köln und Essen, im Reiche des Ranonen" besonders lebendig und interessant, daß Gegner sich an ihnen betheiligten. In Crefeld paradirte ein übrigens harmloses Spießbürgerlein mit dem Zopfe, die Frau dürfe keine politischen Rechte besitzen, weil o heilige Logik! schon jetzt im Reichstage schreckliche Verwirrung herrsche und die zum Extremen neigenden Frauen diese nur steigern würden." Unter stürmischem Jubel der Versammlung wies die Referentin seine Ausführungen zurück. In Düsseldorf, Barmen und Hückeswagen griff je ein protestantischer Geistlicher in die Debatten ein. In den beiden erstgenannten Städten waren die Einwendungen der Herren gegen die sozialistische Auffassung durchaus sachlicher Natur, und wurden in sachlicher, anständiger Weise dargelegt und von der Rednerin ebenso sachlich, wenn auch entschieden zurückgewiesen. Nicht so in Hückeswagen. Das Auftreten des dortigen Pfarrers legte die Annahme nahe, der Herr habe die Absicht, sich in der Doppelrolle als Knote und Clown zu präsentiren. Statt auf die angeführten Thatsachen einzugehen, führte er aus, die Referentin sei unkonsequent, wenn sie für die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts eintrete, müsse sie doch in Hosen und mit einem Bart erscheinen! Wenn die Sozialdemokratie der Frau gleiche Rechte wie dem Manne gewähren wolle, müsse sie dafür sorgen, daß Gottes Einrichtung" entgegen der Mann in Zukunft ebenfalls Kinder gebäre 2c. 2c. Genossin Bettin ersparte ihm die verdiente Antwort nicht, und die Versammlung bewies durch den reichen Beifall, daß sie der sozialistischen Auffassung beipflichtete. Mit recht kennzeichnenden Verhältnissen mußten die Genossen in Neuwied betreffs ihrer Versammlung rechnen. Die Polizei sorgte dafür, daß sämmtliche Plakate, welche die Versammlung anzeigten, abgerissen wurden, kaum daß sie angeklebt worden. Nur ein einziges von allen war der ordnungsretterischen Hand entzogen, weil es am Laden eines Parteigenossen angeschlagen war. Um auch dieses zu entfernen, intervenirte die Polizei bei der Hauswirthin, der nahegelegt ward, doch den„ Schandfleck" nicht an ihrem Hause zu dulden. Der Versammlung selbst wohnte ein großer Theil der Besucher nicht in dem Lokal bei, sondern vor den geöffneten Fenstern im finstern Hofe, weil die Leute nach den gemachten Erfahrungen fürchteten, ihren Arbeitgebern durch die Polizei denunzirt zu werden. Die Thatsache, daß Männer und Frauen zwei Stunden lang im Finstern und stehend aushielten, um sich über den sozialistischen Standpunkt aufzuklären, redet ganze Bände, wie es um die Vereins- und Versammlungsfreiheit des Proletariats in der bürgerlichen Gesellschaft bestellt ist, aber auch davon, daß die Masse der Ausgebeuteten unwiderstehlich, mit Naturgewalt zum Sozialismus gedrängt wird. Gewiß, noch ist in den meisten Gegenden der Rheinprovinz der Einfluß des Zentrums sehr mächtig. Aber schon ist er ernstlich ins Wanken gekommen, schon beginnt die proletarische Gefolgschaft der Ultramontanen auseinanderzubröckeln, nicht nur der Arbeiter, auch die proletarische Frau entzieht sich allmälig dem Einflusse der Kapläne. Gerade der letztere Umstand ist sehr wichtig: die Beeinflussung der Frau ist dem Klerus allzeit ein Mittel gewesen, den Mann des Volks auszubeuten. Daß eine industriell so hoch entwickelte Gegend wie die Rheinprovinz der Sozialdemokratie zufallen muß, ist naturnothwendig. Die Verdrängung der Partei der Kapläne durch die Partei des proletarischen Klassenkampfs ist nur eine Frage der Zeit, eine Frage der politischen Aufklärung und Schulung der Massen. Die Ultramontanen selbst beschleunigen durch ihre arbeiterfeindliche Haltung im Reichstage den Zeitpunkt, wo sie abgewirthschaftet haben. Die Genossen aber thun in ernster, begeisterter und pflichttreuer Arbeit das ihrige, der Sozialdemokratie neue Schaaren von Anhängern zu werben und die neuen Streitkräfte aus unklaren Mitläufern zu zielbewußten Sozialisten und Sozialistinnen zu erziehen. Voll und ganz sind sie sich der Verantwortung bewußt, auf einem besonders schwierigen, aber auch ehrenvollen Posten im Klassenkampf zu stehen. Allerlei aus dem Reichstage. Nach dem Ungeheuer Umsturzvorlage hat der Reichstag endlich auch den nicht minder volksfeindlichen Balg Tabaksteuer abgethan. Ein halbes Jahr lang hat er seine Zeit und Kraft vergeuden müssen mit der Berathung der geplanten Schröpfung des kleinen Mannes, mit Berathung einer Maßregel, die Tausende von Arbeitern und Arbeiterinnen dem Hunger überantwortet hätte. Noch in letzter Stunde legte sich der Vertreter der Regierung, Posadowsky, mit größtem Eifer dafür ins Zeug, daß der Tabak mehr bluten solle. Nur eine Kleinigkeit, meine Herren, bettelte er, nur lumpige 10% Millionen statt der früher geforderten 104 bewilligen Sie zum Besten der„ Finanzreform", zum Besten der nothleidenden Kleinstaaten, welche die Löcher ihres Budgets doch unmöglich dadurch stopfen können, daß sie die darbenden Mark- und Thalermillionäre etwas schärfer zu 92 | Steuerleistungen heranziehen. Nur der Junker Kardorff brachte dieser Folge. Einmal, daß das Zentrum feierlich erklärte, es wolle von Beschwörung Verständnißinnigkeit entgegen. Mit schöner Offenheit erklärte er, daß die Tabaksteuer wieder und wieder kommen werde, denn das Reich brauche größere Einnahmen. Diese müsse man aber beschaffen durch indirekte Steuern, welche man staune über die Unverfrorenheit der Behauptung feineswegs die niederen Volksklassen besonders belasteten. Im Uebrigen empfahl er für den Reichs haushalt weise Sparsamkeit. Für seine Mahnung wurde er von Richter gebührend abgetrumpft. Dieser wies darauf hin, daß das hohe Lied der Staatssparsamkeit gar übel klinge in dem Mund von Leuten, welche die Militärvorlage bewilligten und vom Reiche Geschenke über Geschenke heischten. Der Vertreter des Zentrums erklärte sich entschieden gegen die Tabaksteuer, da die Masse der kleinen Leute eben mehr als genügend belastet sei. Genosse Molkenbuhr betonte die verhängnißvollen Folgen der geplanten Tabaksteuer für die Arbeiterschaft der Tabakindustrie. Nur etliche Konservative und Nationalliberale stimmten für Paragraph 4, den wichtigsten der Vorlage, die in ihren übrigen Theilen ohne Debatte verworfen wurde. Oppositionsstimmung herrschte auch im Reichstage, als verhandelt wurde über den Antrag Rickert, der eine Aenderung des Wahlgesetzes, die Sicherung des Wahlgeheimnisses bezweckte. Sehr richtig wies der Antragsteller darauf hin, daß es Pflicht des Reichstags sei, durch Annahme der Reform energischen Protest zu erheben gegen die hochverrätherischen Bestrebungen, welche den Umsturz der Verfassung, die Beseitigung des geltenden Wahlrechts wollten. Der nämlichen Ueberzeugung gab auch der Zentrumsredner Ausdruck. Am schärfsten wurde sie jedoch selbstredend vertreten durch die sozialdemokratischen Abgeordneten Singer und Bebel. Der Konservative Buchka fühlte sich nämlich veranlaßt zu versichern, das Wort bewahrheitend: ,, wer sich entschuldigt, klagt sich an" daß nicht seine Parteifreunde es seien, welche die Beseitigung des allgemeinen Wahlrechts erstrebten. Daraufhin brandmarkte Singer gebührend das Geschrei der hervor ragendsten konservativen Organe und Parteiführer nach einem Staatsstreich und der Meuchelung des Wahlrechts. Treffend machte er geltend, der Reichstag solle sich nicht darauf beschränken zu jammern, daß seine Beschlüsse bezüglich Sicherstellung der geheimen Wahl und anderer Verbesserungen des Wahlgesetzes bis jetzt vom Bundesrath mit Nichtachtung behandelt worden seien. Er habe es ja in der Hand, den Bundesrath durch Nichtbewilligung des Etats zu einer Beschlußfassung zu zwingen. Die kräftigen Aeußerungen Singers hatten zweierlei zur " Wie der Huber ungläubig ward. Von Ludwig Anzengruber.* Wenn es vor der Kirchenthüre oder im Wirthshausgarten hieß:„ Die Huberischen kommen", dann wußte Jeder, wie viel ihrer um den Weg waren, auch wenn er nicht bis fünf zählen konnte, denn er reichte mit einem weniger. Da war der alte Huber, stämmig und unterſeßt, trug einen großen Kopf auf den breiten Schultern, sein Gesicht war groblinig und rauh, sah aus, als wär' es nur so im Rohen aus Sandstein gehauen und der Steinmeßgehilfe mitten unter der Arbeit abgerufen worden. Neben ihm ging die Bäuerin; die war einen guten halben Kopf größer wie er, aber hager; die Leute meinten, sie säh' aus wie die theueren Zeiten" oder wie dem Tod sein Spion". Den beiden Alten voran schlenderte ein Bursche, der seiner Mutter an Länge und Hagerkeit nichts nachgab, hellblonde Haarbüschel fielen ihm bis in die Stirne und d'runter guckte er mit treuherzigen, blauen Augen in die Welt.„ Schau' nit so ehrlich", sagte sein Vater, ,, sonst treibt Dich Jeder auf den Markt." Neben dem also Verwarnten ging dessen Schwester, eine Dirne, derb und breit gebaut wie der Vater, nur ein wenig kleiner, hatte dunkles Haar und braune Augen. Gud' nit so keck", sagte die Mutter zu ihr, sonst meint Mancher, Du gäbst Dich auf Borg." Die Mahnung schien jedoch unnöthig, das Mädchen sah ohnehin wenig auf und hatte ein scheues Wesen. So war man's im Dorfe die Jahre her gewöhnt, sie zu Vieren herankommen zu sehen. " " Von nun ab sollte es anders sein, und wenn es heute vor der Kirchenthüre heißen wird:„ Die Huberischen kommen", und man sieht sie selb zu dritt aus ihrem nahen Häuschen treten, so wird das Niemand Wunder nehmen, aber, wie den Dreien selbst, * Aus dessen„ Gesammelten Werken", Band 3, Stuttgart, J. G. Cotta's Verlag. der vorgeschlagenen„ Obstruktion" nichts wissen. In der Rolle der artigen Kinder werde es die Regierung unterstützen, wo es könne, und es erwarte dafür eine gleich sachliche Behandlung. Dann aber, daß Vertreter beider konservativen Parteien verzweifelte Anstrengungen machten, die Staatsstreichsschwärmer von den Rockschößen der konservativen Partei abzuschütteln, den prozigen Aeußerungen des Grafen Mirbach und seiner Erwerbsgenossen" eine harmlose Auslegung zu geben. Wie wenig ihnen dies gelang, wies Singer auf der Stelle in überzeugender Weise nach. Genosse Bebel führte im weiteren Verlaufe der Debatte aus, daß die Sozialdemokratie nicht blos volle Sicherung des Wahlgeheimnisses wolle, sondern daß sie für alle Anträge sei, welche dazu beitragen sollten, die Wahlen vor ungesetzlichen Eingriffen zu schützen, den Volkswillen zu gerechtem Ausdruck kommen zu lassen. zu diesem Zwecke fordere die Sozialdemokratie u. a. die Wahlpflicht, Diäten für die Abgeordneten, das Proportionalwahlsystem, auf Grund dessen der Partei des Proletariats 90 statt 46 Mandate zufallen müßten, zuerkennung des Wahlrechts an das weibliche Geschlecht 2c. Letztere Forderung war auch von Singer betont und begründet worden. Bebels Darlegungen waren die treffliche Antwort auf die Faseleien des Antisemiten Liebermann von Sonnenberg. Dieser Herr hatte mit der ihm eigenen Wahrhaftigkeit in sittlicher Entrüstung gegen den„ Wahlterrorismus der Sozialdemokraten" deklamirt und erklärt, durch Einführung der Wahlpflicht würden sämmtliche Sozialdemokraten mit Ausnahme von zwei aus dem Reichstage verschwinden, sich auch wiederholt gegen das Frauenstimmrecht verwahrt, als gegen die„ Natur der Frau" und nur der Reaktion zu gute kommend. Die Debatten über die Reform des Wahlgesetzes erwiesen wieder einmal die Sozialdemokratie als energischste Vorkämpferin für Volksrechte und Volksfreiheiten. Neben ihrem kraftvollen Kampf gegen die Reaktion erscheint die Opposition der bürgerlichen Parteien als der Widerstand von Waschlappstis, die unfähig sind, den Konflikt des Möchte- gernund- kann- doch nicht zu überwinden und über Deklamationen nicht hinauskommen. Staatssekretär von Bötticher quittirte denn auch über die Schwäche der bürgerlichen Opposition dadurch, daß er ausführte, im Namen der verbündeten Regierungen feine Erklärung abgeben zu können über ihre Stellungnahme zu dem Antrage! Und der Reichstag beschäftigt sich seit dem Jahre 1875 mit dieser Angelegenheit! Diese Thatsache predigt laut die Nichtachtung, mit welcher die Regierung der Volksvertretung gegenübersteht. Der Antrag Rickert so wird es auch den Dörflern schier absonderlich vorkommen, und diese wie jene möchten wohl fragen: Wo ist das Vierte geblieben? Ja, wenn man es nicht wüßte, daß gestern die Bäuerin begraben worden war und zur Stund' eine schwarze Meß'" für ihr Seelenheil gelesen werden sollte! Noch ist es aber nicht zu dieser Stund', hat noch eine Weile hin, und Morgengrau liegt über der Gegend und dem stillen Flecken. Hähne krähen. Hie und da bellt ein Hund, fnarrt eine Thür. Der Platz vor der Kirche ist leer; diese ist etwas nieder gerathen, hat in der Front ein geschnörkeltes Mauerwerk, das bis zum Giebel des Daches anstrebt und dasselbe verdeckt, neben der Thüre stehen rechts und links in einer Nische der Landes- und der Kirchenpatron, steinern und steif. Ein frommer Sperling zerhackt gerade auf der Schulter des einen Heiligen einen Wurm. Die beiden Seitenmauern des Schiffes scheinen älter zu sein wie der Frontbau, müde Pfeiler nehmen da einen Anlauf, rasten aber in mehreren Absätzen und gelangen mühselig und dünnleibig bis zur Höhe des Daches, zwischen ihnen sind spißbogige Fenster mit verblindeter Glasmalerei. Vom Felde her läuft eine niedere Mauer, umfriedet einen kleinen Fleck Erde und stößt ihn an die Kirche an, rechts von dieser öffnet sie dräuend ein übergroßes Gitterthor und läßt Kreuze und Grabsteine nach dem Dorfe durchblicken. Seitwärts, übereck die dritte Hütte wie sie breit daliegen mit ihren Umzäunungen und Einplankungen- ist die des alten Huber. Der Hof lag gleich den anderen noch wie verlassen, aber nicht stille, das Geflügel hatte sich in einen bunten Haufen zusammengedrängt und vollführte einen ganz ungebührlichen Lärm. Das war ein Gegacker, Gekreisch, Geträhe und Geflurre, daß darüber auch das benachbarte Federvieh in sträubende Aufregung gerieth. Knarrend öffnete sich jetzt eine Thüre, der Bauer trat heraus, er tam nachsehen, eben wandte er sich wieder nach dem Hause zurück, da schritt eine barfüßige Magd vom Stalle her und wurde mit allen gegen die Stimmen der Konservativen angenommen, welche seine zweite Lesung hintertrieben, indem sie mit Erfolg die Beschlußfähigkeit des Hauses anzweifelten. Der Schluß der Reichstagssession erfolgte erst, nachdem Rübenbarone und Schnapsbrenner beträchtliche Beute auf Volkskosten erworben hatten. Durch ein sogenanntes" Nothgesetz" wurde die Herabsetzung der Zuckerprämie von 25 Pfg. pro 100 Kilo, die am 1. Juli 1895 eintreten sollte, um 2 Jahre hinausgeschoben. Der Gewinn, den dadurch einige Reiche und Sehrreiche einheimsen, beträgt pro Jahr 4 Millionen. Die Herren Agrarier, denen das Geschenk zugewendet werden sollte, hielten es nicht einmal für nöthig, der ersten Sitzung des Gesetzes in solcher Zahl beizuwohnen, daß der Reichstag beschlußfähig war! Dafür waren sie bei den weiteren Verhandlungen über die Frage an Ort und Stelle nicht etwa um die Berechtigung der erhobenen Forderung zu beweisen, dieser Mühe fühlten sie sich in der Gewißheit enthoben, daß Nationalliberale und Ultramontane Handund Spanndienste leisteten sondern um die Gegner niederzustimmen. In den wunderbarsten logischen Verrenkungen tanzte der Schatzsekretär Posadowsky vor der Bundeslade der agrarischen Begehrlichkeit.„, Rein sachlich ist die Prämie etwas weltwirthschaftlich Verkehrtes, wir liefern unseren Konkurrenten den Zucker billiger als den eigenen Landesangehörigen. Die Zuckerindustrie muß durch Steigerung des Konsums gehoben werden", anerkannte er unumwunden. Nichtsdestoweniger aber gipfelten seine Ausführungen dann in dem wunderbar kühnen Schluß: Darum laßt uns die Prämien hochhalten, welche den Zucker künstlich vertheuern, die Masse zur Einschränkung ihres Verbrauchs zwingen und dadurch den Konsum vermindern. In gewöhnlich seichter, aber witziger Weise wendete sich Meyer( freisinnige Vereinigung) gegen den Antrag und den Schatzsekretär. Mit sachlicher und scharfer Kritik griff Schippel das„ Nothgesetz" und die Haltung der Regierung an. Lettere, so führte er aus, setze sich durch ihr gegenwärtiges Vorgehen in Widerspruch zu ihrer eigenen Begründung des Gesetzentwurfs vom Jahre 1871, denn die Konsequenz derselben wäre eine vollständige Beseitigung der Prämien. Eine wohlverdiente Züchtigung ließ Genosse Schippel dem nationalliberalen Troßbuben der Agrarier, Professor Paasche, zu Theil werden. Und zwar war der sozialdemokratische Redner in der Lage, aus einem Werke des Allerweltprofessors Paasche die Ruthen schneiden zu können, mit denen er den Abgeordneten Paasche fräftig strich. Schippels ausgezeichnete Ausführungen schlossen mit der Kennzeichnung der herrschenden Interessenpolitik, welche einer schickte sich an, aus einem blauen Vortuche Futter zu streuen. Es war das sonst jeden Frühmorgen die erste Sorge der Bäuerin gewesen und, als diese frank lag, der Tochter übertragen, die Stalldirne hat es wohl nur heut aus Erbarmen mit dem Vieh übernommen. Sie that es auch wie Eine, der es nicht zukommt, sie lockte nicht, kniff die Lippen ernst zusammen und sah nachdenklich auf das lärmende, streitende Geflieder herab. Sie streute und strich sich dazwischen manchmal mit dem Rücken der Hand das ungekämmte Haar zurück, das ihr immer ins Gesicht fiel. Huber sah ihr eine Weile zu, dann nickte er:" Brav, Everl." ,, Guten Morgen, Bauer." " Guten Morgen. Die fressen rechtschaffen, sind halt gestern in dem Wirrsal ein wenig übersehen worden. Will auch heut' darüber nicht mit meiner Dirn' scharf dareingehen. Ein und den andern Tag braucht es wohl Zeit, bis sie es verwindet, daß wir die Mutter da hinüber getragen." Er deutete nach der Kirche. Die Magd nickte, daß sie ihn wohl verstehe. Der Bauer sah nach dem Stalle, nach dem Werkzeugschuppen, ging dann langsam durch den Garten und trat durch ein Hinterthürchen ins freie Feld. Das lag im Thau und Dämmer, feucht und verworren. Im Haus und in der Welt stand und lag Alles wie vor und eh'. Als er sich umwandte, glänzte das Kreuz auf der Kirchthurmspize und das Dach hauchte sich roth an. Die Sonne tam herauf. Er ging nach dem Hause zurück und trat in die Stube, wo ihn seine Kinder und Dienstleute erwarteten. Die Tochter stellte eine dampfende Schüssel mit Wilchsuppe auf den Tisch, an dessen Längsseiten zwei Bänke standen. Nach kurzem Gebet segten sich Alle, auf der einen Bank obenan der Bauer, dann sein Sohn, zunächst der im Dienste ältere Knecht und am Ende der„ neue". Auf der andern Bank hatte immer obenan die Bäuerin gesessen, ihr zur Seit' die Tochter, dann die Stalldirn' und als Letzte die " Jüngere" im Haus. Der„ Neue" und die„ Jüngere" blieben 93 winzigen, sozial bevorrechteten Minderheit hohe Beuten sichert, sich aber nicht darum kümmert, wie das Einkommen der werkthätigen Masse beschaffen ist. Der Stempel der wüstesten, schamlosesten Beutepolitik war auch den Debatten aufgeprägt über eine sogenannte„ Reform" der Brennsteuer. Zerpflückt, zerfetzt wurde der diesbezügliche Antrag durch die Freisinnigen Richter, Weiß und Fischbeck, ganz besonders aber durch Genossen Wurm, der wiederholt in die Debatten eingriff und bei den verschiedenen Einzelbestimmungen gegen die Benachtheiligung der werkthätigen Masse tapfer kämpfte. An der Hand von durchaus thatsächlichem Material wies er nach, daß das Gesetz nur die Profite etlicher sehr großer ostelbischer Schnapsbrenner steigere, daß es dagegen die Interessen des kleinen Brenners, zumal in Süddeutschland, schwer schädige, das Aufkommen der angepriesenen Genossenschaftsbrennereien hindere. Für die Kosten der neuen Liebesgabe müsse das werkthätige Volk aufkommen. Besonders schwer würden durch das Gesetz u. a. auch getroffen die Spielwaarenindustrie, die Tischlerei 2c., kurz Gewerbe, welche Spiritus gebrauchen, und in denen die Hausindustrie oder der Kleinbetrieb eine große Rolle spiele, während man die Interessen der großen chemischen Fabriken in rührender Weise berücksichtigt habe. Dem Zentrum falle die Verantwortung für das Gesetz in erster Linie zu, denn ohne seine Unterstützung könne die Begehrlichkeit der nimmersatten Agrarier nicht triumphiren. Die Debatten gaben der Linken Gelegenheit, die sittliche Höhe der berufenen Stützen von Thron und Altar, der berufenen Vorkämpfer für Ordnung, Sitte und Religion in helle Beleuchtung zu rücken. Die Rechte mußte sich entgegenschleudern lassen, daß ihr vornehmstes Organ, die„ Kreuzzeitung", der schmachvollen preistreiberischen Börsenspekulation einer großen Spiritusfirma in die Hände gearbeitet habe. Der Chefredakteur des Blattes, Herr von Hammerstein, der sich unentwegt zu den ,, Edelsten und Besten" der Nation rechnet, obgleich ihm seit Monaten in der Presse die ehrenrührigsten Handlungen nachgesagt werden, konnte auf die Anklage der Linken nur durch Verlegenheitsphrasen antworten. Wie die Rübenbarone, so erhielten auch die Schnapsritter ihre Beute mit Hilfe der allzeit dienstwilligen Nationalliberalen und des Zentrums, das sich bei der Regierung Liebkind machen möchte. Die würdigen Nachfahren der mittelalterlichen Stegreifritter säckeln in der Folge weitere 8 Millionen ein auf Kosten des armen Mannes. Es hieße aber diese Herren schlecht kennen, wollte man wähnen, daß sie durch die neuen Liebesgaben zufriedengestellt seien. Sie, die das neu und jung, so lange die älteren Dienstleute sich auf dem Hofe verhielten, und darüber konnten sie selber so alt werden, als es sich mit der Zeit schickte. Der Bauer schnitt sich Brot in den Teller, jest klappte er das Messer zusammen und schob es in die Tasche, dabei sah er auf, ihm gegenüber war der Platz leer geblieben, die Tochter war, wie gewohnt, auf der Bank hineingerückt. " Rüd' herauf, Kathrin'", sagte er. Du bist nun wie in der Wirthschaft, so auch bei Tisch die Erste. Der Plaz kommt jetzt Dir zu." Die Dirne rückte eine Handbreit von ihrem Size weg, Thränen schossen ihr ins Auge, auch der junge Huber beugte den Kopf tief über seinen Teller. " Euch mag wohl rechtschaffen leid um sie sein", dachte der Alte. Ihr habt unter ihrem Herzen gelegen, und unser Jedes hat wohl ein gut Theil mehr von der Mutter als vom Vater in sich. Mich käm's wohl auch härter an, wär' die Dirn' noch flein, aber Dank Gott sie ist groß genug, um auf die Wirthschaft zu schauen, das schickt sich eben recht und ist mir kein geringer Troft." Als er den Löffel weglegte, öffnete sich die Stubenthüre, ein überlanger Mensch in schwarzer, städtischer, stark abgetragener Kleidung wurde vor derselben sichtbar; wäre er nicht in gebeugter Haltung dagestanden, er hätte mit dem Mund über den oberen Thürpfosten hinaufgereicht, so aber sprach er unter demselben weg nach der Stube hinein. " Guten Morgen, allsammt! Mit Dir, Huber, hätt' ich halt noch ein Wörtel zu reden, Du weißt schon", er sagte das in klagendem Tone und mit einem wehmüthigen Lächeln.„ Bon wegen dem Grabkreuz", setzte er nach einer Pause mit einem leisen Seufzer hinzu. Er behielt seine Jammermiene und seine geknickte Haltung bei, als er neben dem Bauer aus der Stube, über den Hof und „ Schreien" für ihren Beruf und Staatsalmosen für ihr verbrieftes Recht halten, ließen in der Schlußsizung des Reichstags durch den Grafen Kanitz mit erquickender Unverfrorenheit erklären, daß ihr Hunger nichts weniger als gestillt sei. Ungestümer als je forderten sie mit der Margarinesteuer eine Erhöhung der Butterpreise, forderten sie höhere Getreidepreise. Die ihnen so willfährige Regierung mußte die bittersten Vorwürfe über sich ergehen lassen, daß sie den Herren „ von“ und„ zu" diese Liebesgaben noch nicht auf dem Präsentirteller entgegen gebracht hatten. Neben den Vorwürfen hagelte es auch Drohungen unter Hinweis auf die unzufriedene, demagogisch bearbeitete Masse der Kleinbauern. Außer jedem Zweifel, daß die Agrarier das deutsche Volk mit einem Raubzug größten Stils zu überziehen gedenken. Daher auch die immer lauter, immer dreister schallenden Stimmen, welche im Lager der Konservativen die schärfste politische Knebelung des Proletariats fordern. Die Knebelung soll die gründliche Ausplünderung ermöglichen. Die Arbeiterklasse hat also mehr Anlaß als je, gerüstet auf Posten zu stehen, um jedes Attentat gegen ihre Freiheit und ihren Beutel erfolgreich zurückzu schlagen. Arbeiterschutz und Gesetzesliebe des Unternehmerthums im Lichte des Jahresberichts der badischen Fabrikinspektion für 1894. Nummer 6 der„ Gleichheit" enthielt einen kurzen Auszug aus dem neuesten Berichte Wörishoffers. An dieser Stelle möchten wir noch auf eine Reihe wichtiger Aeußerungen der badischen Fabrikinspektion hinweisen. In erster Linie ist da zu erwähnen die Wiederholung der Klagen über die Unzulänglichkeit und Mangelhaftig keit der Aufsicht der ländlichen Polizeibehörden, soweit sich dieselbe auf die Einhaltung der arbeiterschutzgesetzlichen Vorschriften bezieht. Der Vollzug der gesetzlichen Bestimmungen in diesen Orten kann nach Angaben Wörishoffers nur durch Revisionen seitens der Fabrik inspektion sichergestellt werden. Allein in Folge der geringen Anzahl der Fabritinspektionsbeamten und ihrer Ueberbürdung können von sämmtlichen in Baden vorhandenen und der Gewerbeinspektion unterstellten Betrieben jährlich kaum ein Fünftel revidirt werden. Welch grobe Verstöße sich die ländlichen Ortsbehörden zu schulden kommen lassen, und wie sie dadurch den Arbeitgebern Umgehungen der ohnedies mangelhaften gesetzlichen Vorschriften erleichtern, geht nach dem Garten ging, und Beide dort im Gespräche auf und ab schritten. Alles an dem Manne sah nach Mitgefühl aus, war aber eigentlich nur die geschäftliche Form, unter welcher er als Leichenbestatter mit den Leidtragenden im Orte verkehrte, anders kannten ihn die Leute als Kirchendiener in der Pfarrkanzlei, und gar nicht mehr zu erkennen war er Abends an der Kegelbahn im Gemeindegasthause. " Also von wegen dem Grabkreuz", sagte er, so bleibt es dabei, wir nehmen ein eisernes? Ist recht. Kostet für den Anfang wohl mehr, ist aber doch ein Ersparniß, da hat die Bäuerin -Gott tröst' sie lange daran. Aber was ich hab' sagen wollen, was schreiben wir denn darauf?" 94 aus folgender Mittheilung der Fabrikinspektion hervor. In manchen Orten beschränkte der Bürgermeister die Revisionen lediglich auf einen Vergleich des auf dem Rathhause wie in der Fabrik zu führenden Verzeichnisses der jugendlichen Arbeiter, das er sich nach dem Rathhause holen ließ. In vielen Fällen fehlt in den Verzeichnissen der Fabriken jeder Vermerk über eine vorgenommene Nachschau. Mitunter wurden sogar schulpflichtigen Kindern Arbeitsbücher ausgestellt. In dem Verkehr der Fabrikinspektion mit den Arbeitgebern ist in einer Richtung eine Wendung zum Besseren eingetreten. Bei Erörterung von Mißständen, die von der Arbeiterpresse oder von Arbeiterorganisationen aufgedeckt wurden, wiesen früher die Arbeitgeber in ihren Rückäußerungen vorwiegend auf den sozialdemokratischen Charakter der Beschwerdeführenden hin. Nun jedoch haben sie sich allmälig mehr daran gewöhnt, auf den Inhalt der vorgebrachten Beschwerde, auf ihre Richtigkeit oder Unrichtigkeit einzugehen. Ganz ausnahmslos ist freilich nach Wörishoffer diese eigentlich selbstverständliche Haltung noch nicht. Nach ihm ist in der Regel das Verschanzen der Unternehmer hinter dem sozialdemokratischen Cha rafter" der Quelle gegenwärtig ein Anzeichen dafür, daß die Beschwerden wirklich begründet sind. Die Arbeiter bekommen es manchmal schwer zu fühlen", schreibt der Fabrikinspektor, wenn sie etwa unsere Intervention herbeigeführt haben. Wir erhalten daher nur selten Mittheilungen seitens einzelner Arbeiter, sondern fast nur durch Arbeitervertretungen und durch die Arbeiterpresse. Es sammelt sich bei den Arbeitern", bemerkt treffend Dr. Wörishoffer im Anschluß an diese Thatsache, eine heimliche Verstimmung und es befestigt sich die Ansicht, daß der Staat nicht genügend Macht habe, um sie in ihren berechtigten Interessen genügend zu schützen." Mit Rücksicht auf diese Verhältnisse hat bisher die badische Fabrikinspektion von der Einführung besonderer Sprechstunden in den Industrieorten abgesehen. Doch sollen solche in Zukunft eingerichtet werden. Interessant sind die Angaben über die Handhabung der gesetzlichen Strafbestimmungen. Einmalige leichte Uebertretungen wurden überhaupt nicht zur Anzeige gebracht, sofern es sich nur um Verstöße gegen Formvorschriften handelte und materielle Nachtheile nicht im Gefolge waren. In manchen anderen Fällen, wo Strafantrag gestellt wurde, haben die großherzoglichen Bezirksämter demselben nicht stattgegeben. Daß dieselben Behörden den Arbeitern in ähnlichen Fällen sündigen. Warum soll es nicht passen? War ihr Leben nicht fromm und bieder? Hat sie nicht eine treue und fleißige Hand gehabt?" " Ich sag' nicht, daß das nicht passen möcht', dasselbe lass' ich hingehen. Solche Versschreiber, hab' ich mir sagen lassen, nehmen's nicht genau, wie eine Sache ist oder gewesen war, wenn es ihnen nur mit den Worten ausgeht und schön zum Anhören ist. Aber wie lautet die dritte Zeil'?" ,, Sanft war ihr hinüberschweben." Dasselbe ihr an das Grab zu schreiben, wär' eine Sünd'! Hart ist es sie angekommen wie nicht bald Einer. Ich hab' fie daliegen gesehen sechzehn Stund' lang, unterweil den Doktor mit ,, Weiß ich, was schicklich ist, auf ein Grab zu schreiben?" aufgehobenen Händen bittend, er möcht' sie vergeben, damit ein fragte Huber. " ,, Einen Spruch hätt' ich", sagte der Leichenbestatter, und begann seine Rocktaschen zu durchsuchen.„ Einen Spruch hätt' ich, ja, den verdient sie, gewiß, den thut sie verdienen. Ich hab' immer so viel Aufschreibungen bei mir.... Ja, da ist er." Er brachte einen Zettel zum Vorschein, hielt ihn mit der Rechten vor das Auge und legte die Linke auf die Schulter des Bauern.„ Hör' zu, Huber!" Dann las er mit einigem Gefühl, nicht ohne Berück sichtigung von Silbenfall und Reim: " " Fromm und bieder war ihr Leben, Treu und fleißig ihre Hand, Sanft war ihr Hinüberschweben In das bess're Vaterland." Was meinst?" Er reichte ihm das Blatt, guckte ihm über die Schulter und Beide lasen halblaut den Vers. " Das paßt nicht." Der Alte drückte ihm den Zettel in die Hand zurück. Das Papier war leicht gefältelt, wo er mit dem Daumen dagegen gedrückt hatte. " Warum nicht? Huber, thu' Dich nicht an der Seligen ver" End' wird." Er wischte sich mit dem Aermel den hellen Schweiß von der Stirne. Weiß nicht, womit sie das verdient hat, aber das da kann man ihr nicht daranschreiben. Studir' jetzt auf nichts weiter. Nach der Mess' werd' ich Dir meinen Willen sagen. Ich geh' noch vorher auf den Freithof hinüber und schau' mir die Inschriften an, vielleicht find' ich eine, die mir taugt." " Ich helf' Dir suchen." " Dazu brauch' ich Niemand. Behüt' Gott." " ,, Nun, so behüt' Gott. Versäum' Dich nur nicht darüber." Der Lange schritt gebückt aus dem Garten, gebückt über den Hof, erst einige Schritte außerhalb der Hütte richtete er sich aus seiner gebrochenen Haltung etwas auf, gerade so viel, daß sein Haupt noch in ergebener Demuth niederhing, wie es sich für einen„ Diener der Kirche" geziemt. " Der alte Huber ließ sich von seiner Tochter in den Rock helfen. Ihr könnt' immer auf mich warten. Bis in die Kirche Zeit ist, bin ich wieder heim." Er nahm Hut und Stock und trat hinaus auf den Play. ( Fortsetzung folgt.) nicht im Entferntesten so viel Milde entgegenbringen, hat die Arbeiterpresse zu betonen oft genug Gelegenheit gehabt. Erwähnenswerth ist ferner die nicht selten vorkommende Verwendung jugendlicher Arbeiter an gefährlichen Maschinen, sowie die förmliche Lehrlingszüchterei, welche unter dem Schein von„ Lehrverträgen", besonders in der Zigarrenindustrie betrieben wird. Nicht selten werden sogar mit älteren Arbeiterinnen derartige " Lehrverträge" abgeschlossen, welche die gesetzliche Kündigungsfrist illusorisch machen. Unfug macht sich auch in der Bijouteriefabrikation in einer für die Arbeiter höchst nachtheiligen Weise bemerkbar. Bei Eintreten des flauen Geschäftsganges werden hier lediglich die erwachsenen Arbeiter entlassen, weil die Arbeitgeber gezwungen sind, die durch Lehrverträge gebundenen Lehrlinge" zu behalten. So kommt es, daß viele Unternehmer ausschließlich Lehrlinge beschäftigen. Ein ungünstiger Einfluß der gewerblichen Arbeit auf die körperliche und sittliche Entwicklung der jugendlichen Arbeiter macht sich, nach Wörishoffer, auch in den nicht zu Fabriken gehörigen und ihnen gleichgestellten Anlagen in manchen Industriezweigen geltend. Ganz besonders wird Klage geführt über die übermäßige Ausbeutung der Arbeitskraft junger Mädchen, die in Konfektionsgeschäften und Nähereien Nachts- thätig oft bis gegen 1 Uhr Nachts- thätig sind. Eine Abhilfe ist hier jedoch in der Regel in Folge der Mangelhaftigkeit der der zeitigen Arbeiterschutzgesetzgebung nicht möglich. Bei derartigen Ge schäften fehlen aber meist ausschlaggebende Merkmale" für ihre Zuzählung zu den Fabriken. Gelegentlich diesbezüglicher Unterhandlungen mit den Behörden wurde nämlich seitens der Arbeitgeber geltend ge macht, daß sie nicht auf„ Vorrath", sondern auf„ Bestellung" arbeiten, der Betrieb somit nicht zu den„ Fabriken" gezählt werden könne. Aus diesem Grunde finden die zum Schutze der jugendlichen Arbeiter erlassenen Gesetze gerade keine Anwendung auf Betriebe, die am meisten Anlaß zu Klagen gaben. Aehnliche Uebelstände sind auch bezüglich der Handhabung der zum Schutze erwachsener Arbeiterinnen erlassenen Vorschriften zu verzeichnen. Hie und da wurde z. B. die Arbeitszeit durch Nichteinhaltung der in den Arbeitsordnungen vereinbarten Pausen über das gesetzliche Maß ausgedehnt. Ferner kam es vor, daß Arbeiterinnen an Vorabenden der Sonn- und Festtage länger als bis 5½ Uhr thätig sein mußten. Die Arbeitgeber bewiesen anfangs den größten Widerstand gegen die Bestimmung, daß die Arbeiterinnen an den Vorabenden der Sonn- und Festtage um 5% Uhr entlassen werden müssen. Nunmehr, nach Verhängung einer Anzahl von Strafen, haben sie sich dem Gesetze anbequemt und geben sogar zu, daß die Einhaltung der genannten Vorschriften„ nicht entfernt die befürchteten Störungen des Betriebes herbeigeführt haben." An diesem Beispiel kann man zur Genüge ersehen, wie wenig begründet es ist, wenn die Unternehmer über die Bedrohung ihrer Konkurrenzfähigkeit durch Arbeiterschutz gesetze herzbewegend jammern. Im Betreff der verhängten Strafen bemerkt Wörishoffer, daß dieselben im Allgemeinen ziemlich ungleichmäßig und außerdem auffallend mild ausfallen. Eine Fabrik z. B., der die Ueberarbeit aus„ triftigen Gründen" versagt wurde, beschäftigte trotzdem ihre Arbeiterinnen länger als gesetzlich zulässig. Die verhängte Strafe lautete auf ganze 30 Mt.! In einem anderen Betriebe wurden die Arbeiterinnen mehrere Monate lang ohne Erlaubniß wöchent lich 2-3 Mal 1 oder 2 Stunden über das gesetzliche Maß hinaus beschäftigt, und der betreffende Unternehmer wurde nur zu 20 Mt. Geldstrafe verurtheilt! Daß bei einer solchen Handhabung der Strafbestimmungen die Uebertretungen so häufig sind, ist nicht zu verwundern. Die Zahl der Bewilligung von Ueberarbeit ist gegen das Vorjahr um ca. 13 Prozent zurückgegangen. Es ist dies im Wesentlichen dem Einfluß der Fabritinspektion zuzuschreiben. Nach Wörishoffer wurde u. A. in vielen Fällen bei genauer Prüfung festgestellt, daß die Arbeitgeber einfach mehr Bestellungen angenommen hatten, als das vorhandene Personal bei regelmäßiger Arbeitszeit bewältigen fonnte. Trotzdem wurde mitunter auch in solchen Fällen den Schilderungen der Arbeitgeber von ihrer angeblichen„ Nothlage" Glauben geschenkt und dem Gesuch als dem geringeren Uebel", wie Wörishoffer bemerkt für das erste Mal entsprochen. Sehr merkwürdig erscheint dieses entgegenkommende Verhalten der Fabrikinspektion angesichts folgender Ausführungen im Bericht: " Im Uebrigen", heißt es da, ist aber unsere Stellung in dieser Frage durch die häufige Wahrnehmung begründet, daß die Arbeiterinnen in elfstündiger Arbeitszeit meist so ermüdet werden, daß darüber hinaus ueberarbeit zweifellos schädlich wirken muß und daß sie nur zugelassen werden sollte, wenn es sich um Unregelmäßigkeiten des Betriebes handelt, die der Einzelne nicht beseitigen 95 fann. Mehrfach nehmen Arbeitgeber, deren Gesuche beanstandet wurden, davon Umgang, im folgenden Jahre wieder ein Gesuch um Ueberarbeit einzureichen. Dafür werden dann in den betreffenden Handelstammerberichten Klagen darüber laut, daß die Fabrikinspektion der Bewilligung von Ueberarbeit überhaupt entgegentrete."„ Wie unbegründet diese Klagen sind", fährt er fort,„ lehrt ein Blick auf die Anzahl der bewilligten Gesuche in dem dem Berichte angeschlossenen Verzeichnisse." 200 Betriebe erhielten nämlich 418 Bewilligungen von insgesammt 147 999 Stunden Ueberzeit. Des heiligen Profits wegen schreckt das Unternehmerthum aber ebenso wenig vor einer schandlosen Lüge, wie vor Vergehen gegen die armselige Arbeiterschutzgesetzgebung zurück. Das Verbot der Nachtarbeit hat einen guten Einfluß auf die Gesundheit, sowie die Leistungen der Arbeiterinnen ausgeübt. Die Arbeitgeber gestehen dies offen zu, obwohl sie auch als Folge der betreffenden Bestimmung eine schwere Schädigung des Betriebes prophezeit hatten. Bezüglich der Kündigungsfristen und Lohnzahlungen sind ebenfalls Umgebungen der gesetzlichen Vorschriften zu verzeichnen. Die in vielen Fabrikordnungen enthaltenen Bestimmungen, Geldstrafen betreffend, erregten gleichfalls Anstoß. In einigen Fällen war die Zahl und die Höhe der Strafen eine ganz erhebliche, in anderen sah man sich veranlaßt, Bestimmungen zu vereinfachen, die bis zu 60 und noch mehr Handlungen unter Strafe stellten. Die Strafgelder wurden öfters nicht dem Sinne des Gesetzes entsprechend verwendet. Die Arbeiterausschüsse konnten nach dem Bericht der badischen Fabrikinspektion keine wirksame Thätigkeit entfalten, weil ihre Bedeutung seitens der Arbeitgeber doch nicht anerkannt wird. An dem Gebrauche und der Ausübung des gesetzlich gewährleisteten Koalitionsrechtes werden die Arbeiter, berichtet der Fabrikinspektor, vielfach verhindert, indem manche Unternehmer die einer Organisation an gehörenden Arbeiter einfach entlassen. Für den Augenblick mag es manchem Arbeitgeber genügen", fährt Wörishoffer fort, die Arbeiter an der Zugehörigkeit zu einer Vereinigung zu hindern, da die Arbeiter ohne Zweifel äußerlich fügsamer geworden sind, was sogar in einzelnen Fällen soweit ging, daß sie den ihnen angesonnenen Uebertretungen. der gewerbepolizeilichen Vorschriften keinen Widerstand leisteten. In Wirklichkeit zehren aber die Arbeitgeber in einer auch für ihre eigenen Interessen turzsichtigen Weise von dem Kapital an Vertrauen in die bestehenden Verhältnisse und einer allseitig gerechten Weiterentwicklung derselben, welches Eigenthum und Lebensbedingung der Allgemeinheit ist." " Wird das Unternehmerthum diese Mahnung erhören? Eine Antwort darauf giebt der sonst ziemlich optimistisch gesinnte Sozialpolitiker Professor Herkner in dem Schlußwort seiner Besprechung des neuesten Berichtes der badischen Fabrikinspektion: Wie klar und überzeugend", schreibt er, wird hier die Nothwendigkeit der Reform auseinandergesetzt, und doch darf man heute weniger denn je auf eine Umkehr rechnen. Mit ungewöhnlicher Brutalität haben sich die engsten Klasseninteressen in den Vordergrund des öffentlichen Lebens gedrängt. Quousque tandem...?" Die Sozialreform von oben hat vor dem Unternehmerthum tapitulirt, und in edler Gemeinschaft treten die Regierungen, das Unternehmerthum und die Kirche dem um die Verbesserung seiner elenden Lage kämpfenden Proletariat entgegen. Dieses wird trotzdem nach und nach die Reformen erzwingen, die für seinen Schutz, für seine gesunde Entwicklung nöthig sind. Was die Einsicht und das Wohlwollen von oben nicht gewinnt, das wird der Druck von unten S. Sch. erkämpfen. Hast du gearbeitet? Du liebst mich also, hast es mir vertraut, und bebend Schweigst du und wartest, und ein blasser Schein Bedeckt dein Angesicht. Du willst, ich soll dir Kuß und Lächeln weihn, Willst meiner frischen Jugend Blüthenlicht! Doch sage mir, kennst du die Angst, die Kämpfe, Die Stürme eines Jdeals voll Muth? Weißt du was Leiden heißt?.... Was nützt dir deine Kraft, dein warmes Blut, Dein Athem, deine Seele und dein Geist?.... Hast du gearbeitet?.... Kennst du die Nächte, In denen schlaflos man und ohne Ruh' Ein ernstes Werk geschafft?.... Sag', welcher Glaubensfahne weihtest du Die blühende und schöne Jugendkraft?.... Nr. 13 der„ Gleichheit gelangt am 26. Juni 1895 zur Ausgabe. Du giebst mir keine Antwort!.... o, so gehe, Kehr zu verlorner Stunden Müßiggang, Zum goldnen Kalb zurück; Zu Karten, Bällen, Dirnen, Becherklang, Mir sind nicht feil mein Herz, mein Kuß und Blick. Owärest du ermattet und zerlumpt, Doch mit dem Stolz der Arbeit im Gesicht, Dem Funken in der Brust; Die Arme müde, doch ein helles Licht Im großen Auge strahlend dir vor Lust. Wärst ein Plebejer du, doch unerschrocken; Hoch über aller Menschheit Haß und Neid Höbst du die stolze Stirn, Und der Gedanken unermeßlichkeit Erglühte fiebrisch dir im fühnen Hirn. Dann, ja, dann liebt' ich dich, um deine Thaten Und um dein ehrlich Leben liebt ich dich, An tapfrer Arbeit reich. An deine Brust mein Haupt dann lehnte ich, Stolz dich zu achten und vor Liebe bleich!.... Doch was bist du?... Was hoffst du, schwacher Sklave, Der wohl sich fühlt im goldnen Schlamm, von mir! Mach Platz mir, tritt bei Seit'! Du bist mir nichts, Verachtung weih' ich dir, Du freier Schwächling einer schwachen Zeit!.... Ada Negri. Aus der Gedicht sammlung„ Schicksal"( Fatalità), deutsch von Hedwig Jahn. Berlin, Verlag von Alex. Dunder. Kleine Nachrichten. 96 tönnen in 15 Stunden zehn Unterhosen fertigstellen, so daß eine jede von ihnen einen Tagesverdienst von 50 Pf. hat für 15 stündiges Schaffen. Für die Zeit, welche beim Abholen und Abliefern von Arbeit verloren geht, giebt es natürlich keine Ent schädigung, als Zugabe wird den Näherinnen höchstens noch grobe Behandlung zu Theil. Auch in anderen Wäschegeschäften ist der Verdienst nicht besser. Das Nähen eines Dugend Damenhemden wird in der Regel entlohnt mit 1 Mt. 30 Pf. bis 2 Mt. 10 Pf., bei sehr guter Waare, die sorgfältig gearbeitet werden muß, mit 3 Mt. 60 Pf. bis 4 Mt. 20 Pf. Besonders niedrig stellt sich der Verdienst der Schürzennäherinnen; sie erhalten für das Dußend Wirthschaftsschürzen 60 bis 80 Pf. Arbeitslohn. Schlecht ent lohnt werden auch die Arbeiterinnen, welche sogenannte„ Arbeits hemden" nähen, deren Anfertigung viel Mühe verursacht. Sie er halten pro Dutzend 90 Pf. bis 1 Mt. 5 Pf., im günstigsten Falle 1 Mt. 30 Pf. Das Anfertigen eines Dutzend wollener Damen beinkleider wird mit 80 Pf. entlohnt. Von all den genannten Gegenständen kann auch die geübteste und fleißigste Näherin nicht mehr als höchstens ein Dutzend pro Tag fertigstellen und auch das nur bei schier unbeschränkt langer Arbeitszeit, bei Zuhilfenahme der Nachtstunden. Man kann sich demnach vorstellen, wie färglich der Verdienst und wie ungemein jämmerlich die Lebensverhältnisse der betreffenden Arbeiterinnen sind. Kurze Arbeitszeit und höherer Lohn gehen Hand in Hand, das erhellt u. A. auch aus den Angaben, welche der englische Fabrikinspektor Redgrave im Inspektorenbericht von 1860 über die Löhne machte, welche in den Baumwollfabriken in Manchester vor und nach der Einführung des Zehnstundentages gezahlt wurden. Es betrug der Lohn Spinner( am Selfactor) Andreher Duplirerinnen. Abnehmer Taglöhner 1839 69 Stunden wöchentl. Arbeitszeit 16-18 Schilling 1859 60 Stunden wöchentl. Arbeitszeit 20-22 Schilling 8 10 " " 7 9 " " 4 5 " " 10 13 " " Auch in den anderen Zweigen der Textilindustrie, welche dem Fabrikgesetz unterstellt worden waren, zeigte sich ein Steigen der Löhne. Diese Lohnerhöhung erklärt sich keineswegs durch eine all gemein steigende Lohnbewegung der Zeit. Redgrave untersuchte die Höhe der Löhne 1839 und 1859 in verwandten Industriezweigen, wo die Arbeitszeit unverändert lang geblieben war und gute Konjunktur Gelegenheit zu„ Mehrverdienst" gegeben hatte. Hier waren die Löhne in der gleichen Zeit gefallen. Wenn sich die Kapitalisten aus Rück sicht auf den angeblich geringeren Verdienst der Arbeiter und Arbei terinnen widersetzen, so ist das eitel Geflunker. Der kürzere Arbeits tag bringt erfahrungsgemäß der Arbeiterklasse auch wirthschaftliche Vortheile. Gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen in Berlin. Die Berliner Gewerkschaftskommission hat statistische Zu sammenstellungen veröffentlicht über die Zahl der Arbeiter und Arbeiterinnen, welche in der zweiten Hälfte des Jahres 1894 in der Reichshauptstadt beschäftigt waren und gewerkschaftlichen Organisationen angehörten, und zwar zentralisirten wie lokalen. Die statistischen Angaben beziehen sich auf die Arbeiterschaft folgender acht Industriegruppen: Nahrungs- und Genußmittel; Bedienung, Handel und Verfehr; Baugewerbe; Metallindustrie; Holzindustrie; Bekleidung, Putz, Stoffe und Leder; Graphische Gewerbe, Buch- und Papierindustrie; Verschiedene Gewerbe. In diesen acht. Industriegruppen waren in der angegebenen Zeit 395 195 Männer und 123 749 Frauen und Mädchen beschäftigt. Davon gehörten den gewerkschaftlichen Organisationen an: 37022 männliche und nur 1410 weibliche Arbeiter. Von den in den angeführten Industrien beschäftigten Männern gehören also 9,36 Prozent den gewerkschaftlichen Organisationen an, von den weiblichen Arbeitskräften, die Frauenstudium in Rußland. Für das medizinische Frauen hier in Frage kommen, sind dagegen nur 1,1 Prozent organisirt. institut in St. Petersburg sind nach dem Petersburger„ Herold" bereits 53 321 Frauen und Mädchen sind z. B. in der Industriegruppe be- 700 000 Rubel an freiwilligen Spenden eingelaufen. Eine Familie schäftigt: Bekleidung, Puzz, Stoffe und Leder, davon gehören 841 den schenkte zu Gunsten des Instituts 60 000 Rubel, eine große Anzahl Organisationen an, d. h. 1,5 Prozent; in den graphischen Gewerben, der übrigen Beiträge schwankt zwischen 500 und 10 000 Rubeln. Eine der Buch- und Papierindustrie arbeiten 9356 Frauen und Mädchen, Dame verpflichtete sich zu einem jährlichen Beitrag von 5000 Rubel. von denen 2,5 Prozent organisirt sind, nämlich 243. In anderen Wie verschiedene russische Blätter melden, soll vom nächsten Schul Industrien sieht es noch weit trauriger aus um die gewerkschaftliche jahre ab an allen Universitäten, an denen medizinische Vorlesungen Organisation der Arbeiterinnen. Da aber die Arbeiterin in ihrer gehalten werden, den Frauen der Zutritt erlaubt sein. Die russische Eigenschaft als Frau eine härtere Ausbeutung erfährt als wie der „ Gesellschaft", d. h. die„ durch Besitz und Bildung einflußreichen Arbeiter, vor allem durchgängig weit niedriger entlohnt wird, als er, Streise", steht im Großen und Ganzen schon seit Jahrzehnten der so bedarf sie noch weit dringender als der proletarische Mann des Frage der Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts mit einem Schutzes und der Macht der gewerkschaftlichen Organisation. Im Verständniß und einer Vorurtheilslosigkeit gegenüber, welche das Interesse der Arbeiterin ist es also geboten, für möglichst umfang spießbürgerliche Zopfthum der Gebildeten" anderer Länder, ganz reiche Einbeziehung der weiblichen Arbeitskräfte in die Gewerkschaftsbesonders aber Deutschlands, tief beschämt. Und sogar die despotische organisationen zu wirken. Und da die gering entlohnte, unaufgeklärte und nichtorganisirte Arbeiterin zur Schmußkonkurrentin des Mannes wird, seine Arbeitsbedingungen verschlechtert, ihn eventuell ganz aus " russische Regierung hat von etlichen reaktionären Schwankungen abgesehen im Allgemeinen in Sachen des Frauenstudiums sich als weit fortschrittlicher erwiesen, wie die deutsche Reichsregierung und Lohn und Brot verdrängt, so ist die Aufklärung und gewerkschaftliche die Regierungen der einzelnen deutschen Herrgottsvaterländchen. Daß Organisation der weiblichen Arbeitskräfte eine Nothwendigkeit zum Schutze des Arbeiters gegen die kapitalistische Profitgier. Im Interesse der männlichen Arbeitskräfte liegt es also gleichfalls, ihre Schwestern der Arbeit und des Elends möglichst zahlreich den Gewerkschaftsorganisationen zuzuführen. Hungerlöhne für weibliche Arbeit sind auch in München an der Tagesordnung. Eine Militäreffektenfabrik zahlt für das Anfertigen eines Unterbeinkleides 8, eines Bettüberzugs 7 Pf., von zwei Handtüchern einen ganzen Pfennig. Dabei muß die Näherin den Zwirn aus ihrer Tasche zahlen. Zwei flotte Näherinnen in dem Erfassen einer Kulturfrage die Welt der Besitzenden und Gebildeten und die Regierungen in Deutschland hinter Rußland zurück stehen: fürwahr, es giebt keine schärfere Kritik ihrer diesbezüglichen Haltung, als diese bloße Thatsache. Quittung. 10 Mark aus Gera zu Agitationszwecken erhalten zu haben, bescheinigt bestens dankend Berlin. Frau M. v. Hofstetten. Verantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zetkin( Eißner) in Stuttgart. Druck und Verlag vov J. H. W. Dieg in Stuttgart.