Nr. 17. Die Gleichheit 5. Jahrgang. Zeitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen. Herausgegeben von Emma Ihrer in Pankow bei Berlin. Die ,, Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nro. 2756) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Inseratenpreis die zweigespaltene Petitzeile 20 Pf. Friedrich Engels+ Stuttgart Mittwoch, den 21. August 1895. Am Das in einem Ziele geeinte Proletariat aller Länder betrauert gemeinsam einen der Besten und Größten aller Zeiten. 5. August, Abends 10 Uhr, starb in London der zweite der Geistesriesen, welche die kämpfende Arbeiterklasse als die größten ihrer Pfadfinder und Führer, als die Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus ehrt. Friedrich Engels, der allzeit gewappnete, unbezwungene Streiter für die Befreiung des Proletariats, wurde im 75. Lebensjahre von dem Allbezwinger Tod dahingerafft. Nicht als müder Mann ging er von hinnen, sondern als Einer, den der Sensenmann von fruchtbarer Arbeit ruft. Wohl ist Engels im Greiſenalter gestorben und doch nicht als Greis, an geistiger Frische, an Energie des Willens, leidenschaftlicher Begeisterung und froher Thatkraft einer der Jüngsten, die mit uns strebten und kämpften. Seit Mary' Tode( 13. März 1883) hat das Proletariat feinen herberen Verlust erlitten. Was Engels für den Befreiungskampf der Ausgebeuteten geleistet, es ist untrennbar mit den Leistungen Mary' verbunden, und es verpflichtet zu ewiger Dankbarkeit. In der Geschichte des revolutionären Werdegangs der neuen Zeit steht es unverwischbar verzeichnet, und in den Annalen der Wissenschaft ist es mit flammenden Zügen eingegraben. Als Theoretiker hat Engels mit Marr zusammen die unerschütterlich feste, wissenschaftliche Grundlage für den Befreiungskampf der Enterbten aufgebaut. Mit ihm zusammen schmiedete er den klassenbewußten Arbeitern das schneidige, wuchtige geistige Rüstzeug, das den Gegner unfehlbar fällt. Und als der Freund bon ihm genommen ward, ohne das Werk seines Lebens vollendet zu haben, da fiel Engels als geistigem Erben nnd Testamentsvollstrecker die unvergleichlich hohe und schwierige Aufgabe zu, das Unvollendete zum Abschluß zu bringen. Er hat es gethan, wie fein Zweiter außer ihm es zu thun vermocht. Das Dioskurenpaar Marr- Engels waren die Ersten, welche die geschichtliche Aufgabe und die geschichtliche Macht des Proletariats flar erkannten. Nicht blos mit dem warmen Herzen des Menschenfreundes fühlten sie mit der leidenden Arbeiterklasse, sondern als tiefe Forscher und kühne Denker erblickten sie in dem tämpfenden Proletariat den Hauptträger der modernen geschichtlichen Entwicklung. Sie wiesen die geschichtlich treibende Kraft der Klassenkämpfe nach. Gründlich räumten sie auf mit dem Wahnglauben an die befreiende Straft der Attentate auf die Thränen drüsen und den Gerechtigkeitssinn der Besitzenden. Sie lehrten den Enterbten, ihre Befreiung einzig und allein erwarten und erringen durch den bewußten Kampf von Klasse gegen Klasse.„ Die Befreiung des Proletariats fann nur das Werk des Proletariats selbst sein.... Proletarier aller Länder vereinigt Euch!" riefen fie bereits 1847 in dem unsterblichen„ Kommunistischen Manifest" der Welt der Arbeit zu. Und wieder und wieder verwiesen sie das Proletariat auf die Eroberung der politischen Macht, der Staatsgewalt, als den einzigen Weg, der in die sonnige Zukunftsgesellschaft hinüberführt. Von Etappe zu Etappe hat Engels den Eroberungsmarsch der zielbewußten Arbeiterklasse allerwärts begleitet, stets anregend, beZuschriften an die Redaktion der Gleichheit" sind zu richten an Fr. Klara Zetkin( Eißner), Stuttgart, RothebühlStraße 147, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart, Furthbach- Straße 12. fruchtend, rathend, helfend mit Wort und That; niemals den Ueberblick über die allgemeine Situation verlierend, die kühle Werthung der Verhältnisse; als Taktiker und Stratege unvergleichlich, wie als Theoretiker. Was das Proletariat und insbesondere die deutsche Arbeiterklasse Engels verdankt und mit ihm verliert, ist unermeßlich. Wohl hat er selbst uns gelehrt, daß die sozialistische Bewegung aus den Verhältnissen emporwächst und nicht mit Personen steht und fällt. Aber seine Persönlichkeit ragte so hoch, sein Wirken war so umfassend und tief, daß sein Verschwinden eine klaffende Lücke läßt, die Niemand auszufüllen vermag. Die Proletarierinnen aber schulden ihm besonders dankbares Erinnern. Nicht nur für ihren Befreiungskampf als Ausgebeutete hat er die wissenschaftliche Grundlage geschaffen, auch für ihr Emanzipationsringen als Frauen. Das Streben des weiblichen Geschlechts nach voller Gleichberechtigung ward von dem Philisterthum vor allem mit dem Hinweis bekämpft auf die Unvereinbarkeit des vollen Menschseins der Frau mit dem Wesen der Familie und den Pflichten ihr gegen= über. Und die auf der Sklaverei der Frau beruhende vaterrechtliche Familie galt dem Philisterthum als die Familie an und für sich, als die einzig mögliche sittliche, wirthschaftliche, soziale Norm des Zusammenlebens der Geschlechter bis in alle Ewigkeit. Wohl hatten die Utopisten, vor allem Fourier, wohl hatten Marr und Engels im Kommunistischen Manifest" mit glänzender Schärfe gezeigt, daß der Kapitalismus dem Familienverhältniß den rührendsentimentalen Schleier abgerissen und es auf ein reines Geldverhältniß zurückgeführt hatte". Engels aber war es vorbehalten, Spießbürgers Köhlerglauben an den ewigen Bestand der vaterrechtlichen Familie für immer zu zertrümmern. In Anschluß an die Arbeiten Morgans und Bachofens, die er erweiterte, vertiefte, als Bausteine eines wunderbar logischen und klaren Gefüges ordnete, wies er wissenschaftlich unanfechtbar nach, daß die Familie, wie jedes andere soziale Gebilde, unter der treibenden Kraft der Wirthschafts- und Eigenthumsverhältnisse wächst und sich verändert, daß ihre Formen ein stetes Werden und Vergehen erfahren. Seine meisterhafte Studie über„ Die Entstehung der Familie, des Privateigenthums und des Staats" ist von grundlegendster Bedeutung für den Befreiungskampf des gesammten weiblichen Geschlechts. Mit Engels ist ein universaler Gelehrter, ist eine jener allseitig harmonisch entwickelten, kraftstroßenden Persönlichkeiten gestorben, wie sie uns in den Zeiten der Renaissance und der großen französischen Revolution entgegentreten und entzücken. Eine Persönlichfeit von unsagbarem Zauber des Wesens, ein Lebenskünstler in der edelsten und umfassendsten Bedeutung des Wortes. Vom wärmsten Empfinden beseelt und opferfreudig, ohne schwächliche Rührseligkeit, fraftvoll und selbstbewußt, ohne Eigendünkel, tapfer und kühn ohne Ruhmredigkeit, ritterlich und dabei natürlich, einfach, schlicht und liebenswürdig nicht aus Konvention, sondern aus wahrer Herzensgüte. Wohl ziemt uns an seinem Grabe der aufrichtige, tiefe Schmerz um das, was wir mit ihm verloren. Ebenso aber die stolze, freudige Erhebung an dem, was wir an ihm besessen, und was er uns als reiches, köstliches Erbe hinterläßt. Keinen würdigeren Dank, keinen passenderen Scheidegruß für Friedrich Engels als der Ruf: Vorwärts in den Kampf! Vorwärts zum Sieg! Friedrich Engels. Ein halbes Jahrhundert der Geschichte des revolutionären Proletariats rauscht in Engels' Leben an uns vorüber. Die große Revolution. welche sich im 19. Jahrhundert in den Wirthschaftsverhält- nissen vollzogen hat, unser Denken gründlich umwälzte und die kom-' mende noch größere Umwandlung in ihrem Schooße trägt, sie pulsirt und athmet uns aus seinen Schriften entgegen. Engels wurde am 28. November 1829 in Barmen geboren. Der Mann, der sein ganzes Leben der Befreiung der Armen und Enterbten widmete, der voll revolutionären, trotzigen Wagemuthes den Kampf ausnahm gegen Alles, was Ausbeutung und Unterdrückung, was Vorurtheil, Zwang, überkommene Vorstellungen heißt, entstammte einer streng religiösen und konservativen Patrizierfamilie. Aber ein frischer revolutionärer Hauch, wie er sonst nirgends in Deutschland zu finden, wehte durch seine Heimath. Die Lage an der Wasserstraße des Rheins, der natürliche Reichthum an Kohlen und Erzen, die Nähe von Frankreich und England hatten in der Rheinprovinz die moderne Großindustrie emporblühen lassen. Eine jugeud- starke Bourgeoisie war hier erstanden, welche widerwillig sich in die preußische Herrschaft fügte und im Bewußtsein ihrer wirthschaftlichen Macht und Bedeutung gelegentlich von tiefgreifenden politischen Umwandlungen, von einer bürgerlichen Republik, träumte. Die große französische Revolution, die napoleonische Herrschaft waren nicht spurlos an den Rheinlanden vorübergegangen. Hier mar die alte Feudalordnung am gründlichsten fortgefegt worden, im Rechts- und Verwaltungswesen gab es freiheitlichere Einrichtungen als sonstwo in Deutschland, preußisches Zopf- und Gamaschenthum, preußischer Junkerhochmuth waren hier bitter gehaßt. Die Traditionen der großen französischen Revolution, unter deren Einfluß die Gegend zwanzig Jahre lang gestanden, zum Theil als französischer Besitz, wirkten weiter. Sie weckten wohl in Engels die Keime des Verständnisses und der Begeisterung für die Revolution und jene Abneigung gegen den Bureaukratismus, welche ihm eine Beamtenkarriere als unerträglich erscheinen ließen. Nachdem er die Realschule in Barmen absolvirt hatte, deren Anschauungsunterricht in Physik und Chemie er die Grundlage seiner späteren umfassenden naturwissenschaftlichen Studien und Kenntnisse dankt, bezog er das Gymnasium zu Elberfeld. Ein Jahr vor dem Abitnrientenexamen verließ er es, um sich dem Kaufmannsstande zu widmen. Niemals jedoch ging er in seinem Berufe auf. In Bremen, wo er von 1338 an als Volontär in einem Kaufhause seine berufliche Ausbildung erhielt, wie in Berlin, wo er 1841 sein Einjährigenjahr bei der Garde-Artillerie abdiente, und in Manchester, wo er 1342 bis 1844 in einer Fabrik thätig war, deren Theilhaber sein Vater, trieb Engels eifrig umfassende philosophische Studien. Er vertiefte fich in die revolutionären Ideen der französischen Ency- klopädisten und in die nicht minder revolutionäre Philosophie Hegels, die alles Seiende und Bestehende in seinem Werden und Vergehen erfaßt, das Bleibende nur in dem steten Fluß, in der beständigen Umwälzung sieht, welche durch die vorhandenen Gegensätze und ihre Ueberwindung bestimmt wird. Auch Feuerbach, dessen scharfsinnige, kühne Angriffe das Christenthum entgöttlichten, fand in Engels einen begeisterten Anhänger. Hatten die Studien sein Verständniß für die philosophische und politische Revolution geschärft, so wurde ihm in England, dem Mutterlande des Kapitalismus, der Sinn erschlossen für die wirth- schaftliche Revolution, für die kapitalistische Produktionsweise und ihren revolutionirenden Charakter. Seine Berussthäligkeit in Manchester gab ihm reiche Gelegenheit, die Lage des Proletariats kennen zu lernen und den aus ihr sich naturnothwendig ergebenden Klassenkampf auf wirthschaftlichem und politischem Gebiete. Die Hegel'sche Philosophie trug dazu bei, daß er in der ausgebeuteten, entrechteten, im tiefsten materiellen und geistigen Elend schmachtenden Masse nicht blos die leidende Arbeiterklaffe sah, sondern auch die kämpfende Arbeiterklasse: die geschichtliche Macht, welche in gewaltigem Ringen die Revolution der Gesellschaftsverhältnisse vollziehen muß, welche zur Befreiung der gesammten Menschheit führt. So stand er dem Proletariat bereits damals nicht nur mit dem warmen Herzen des gebildeten Menschenfreundes gegenüber, sondern auch mit dein Interesse und der Sympathie des revolutionären Denkers. Bald befand er sich mitten im Getriebe der beiden Bewegungen, die streng von einander geschieden in erklärlicher Beschränktheit die Leiden der werk- thätigen Masse überwinden wollten: der utopistische humanitäre Sozialismus auf der einen Seite, die Chartistenbewegung auf der anderen. Der utopistische Sozialismus, den Engels in seiner höchsten damaligen Form als Owenismus praktisch kennen lernte, war eine rein bürgerliche Bewegung. Sie wurde von aufrichtigen Menschenfreunden getragen, welche die schreienden Uebel der Fabrikarbeit, welche die sozialen Mißstände aller Art empörten, und deren Einsicht gerade weit genug reichte, um die Beseitigung dieses Nebels einzig und allein von einer besseren Gesellschaftsordnung zu erhoffen. Allein es mangelte ihnen die Kenntniß der Gewalten, welche die Gesellschaftsordnung umzustürzen vermögen, und statt sie zu erforschen, klügelten sie vollkommenere Gesellschaftssysteme aus, welche ihrer Ansicht nach nur verwirklicht werden konnten durch das steigende Mitgefühl der Besitzenden für die Leiden der Arbeiterklasse, durch ihre wachsende Einsicht und ihren erweckten Gerechtigkeitssinn. Das Proletariat mußte ihres Erachtens von oben her erzogen und beglückt werden, aber es kam nicht als geschichtliche Macht, als Träger der soziale» Entwicklung in Betracht. Von der Arbeiterbewegung, von Streiks, Gewerkschaften, politischem Kampfe wollten die utopistischen Sozialisten nichts wissen. Die Arbeiterbewegung wieder, welche damals im Chartismus zur höchsten Blüthe entfaltet war, ging mit ihren Zielen nicht über die Grenzen der Lohnarbeit, der bürgerlichen Gesellschaft hinaus. Sie wollte diese nicht nmstürzen, nur das Wohnen in ihr für die Masse erträglicher machen. Zu diesem Zwecke forderte sie Koalitionsfreiheit, das Wahlrecht, einen Normalarbeilstag. einen kleinen Grundbesitz u. s. w. für die Arbeiter. Engels studirte beide Richtungen gründlich, aber es entsprach nur seiner thatfreudigen praktischen Natur, daß er es nicht als Zuschauer that, sondern als Mitkämpfer. Er wurde Mitarbeiter des chartistischen Organs„Der Nordstern" und der„Neuen sittlichen Welt" von Robert Owen. Die Einseitigkeiten beider Richtungen überivand er und erkannte, daß die Arbeiterbewegung die einzige Macht sei, welche den Sozialismus verwirklichen könne, und daß der Sozialismus das große, der Arbeiterbewegung gesteckte Ziel sei, das allein der Klassenkampf zu verwirklichen vermöge. Schon in den„Umrissen zu einer Kritik der Nationalökonomie", die er, dreiundzwanzigjährig, für die von Marx und Rüge redigirten„Deutsch-Französischen Jahrbücher" 1844 schrieb, versuchte er, den Sozialismus auf die Nalionalökonomie zu begründen- Die Abhandlung ist von historischer Bedeutung, denn in ihr that Engels den ersten Schritt zum wissenschaftlichen Sozialismus. Sie wurde Anlaß zu dem denkwürdigen Briefwechsel, der Marx und Engels einander näherführte. Als der Letztere auf der Heimreise 1844 Marx in Paris besuchte, entstand zwischen Beiden jenes innige und tiefe Verhältniß, das auf größter geistiger Wahlverwandtschaft beruhend weit über die Grenzen der Freundschaft hinausging und zu einer unlösbaren Ideen- und Kampfgemeinschaft wurde, zu einem gemeinsamen Ringen, Streben und Schaffen, dem nur der Tod ein Ende setzte. Die erste Frucht dieser Jdeenbrüderschaft war das Buch „Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik gegen Bruno Bauer und Konsorten", das 1344 in Paris verfaßt wurde, 1845 in Frankfurt erschien und mit Lessingscher Schärfe und glänzendem Witz geschrieben ist. In die Heimath zurückgekehrt, ging Engels mit Feuereifer an die Verarbeitung des von ihm in Manchester gesammelten Materials über die Lage des englischen Proletariats. Bereits 1845 erschien in Leipzig das für alle Zeiten mustergiltige Werk beschreibender Nationalökonomie:„Die Lage der arbeilenden Klassen in England." In diesem Buche, dem ersten, das aus der Grundlage des wissenschaftlichen Sozialismus steht, zeigt sich Engels' geistige Ueberlegenheit über seine Zeitgenossen in voller Größe. Während sie, wie Marx sagt, nicht über das„Be- und Verurtheilen" der sozialen Erscheinungen hinauskamen, hatte er sie in ihren Ursachen und Wirkungen begriffen. Seine meisterhasten, ergreifenden Schilderungen des Elends der englischen Fabriksklaven sind nicht ein buntes Sammelsurium grauenhafter That- sachcn, welche dem Kapitalismus das Mene Tekel schreiben. Sie eröffnen vielmehr einen Einblick in das Wesen der kapitalistischen Produktionsweise, der mächtigen Schöpferin des Massenelends, gleichzeitig aber auch der mächtigen Schöpferin der wirthschaftlichen Vorbedingungen einer höheren Gesellschaftsform, die sich unter den Geburtswehen des Elends und der Klassenkämpfe aus der Gegenwart Schooße ringt. Engels' Kritik des bürgerlichen Sozialismus und des Chartismus gipfelt in dem Nachweise der Nothwendigkeit, Sozialismus und Arbeiterbewegung in Eins zu verschmelzen, durch den von den Klassengegensätzen gezeitigten proletarischen Klassenkamps die Unterschiede zwischen Besitzenden und Nichtbesitzenden aufzuheben, durch seine Macht den Sozialismus zu verwirklichen. Die Verhältnisse in der pietistischen Vaterstadt hatten sich unterdeß immer unerquicklicher für ihn gestaltet. Als geistig Freier war er in die Heimath zurückgekehrt, als Einer, der in trotzigem Rebellenmuth allem Zwang und Herkommen, aller beschränkten und heuchlerische» Spießbürgerei keck den Fehdehandschuh hinwirft, als Einer, der mit der leidenschaftlichen Ueberzeugungstreue des Neuerers für die Verwirklichung seiner Ideale kämpft. Einsam stand er inmitten seiner Sippen und alten Freunde, als„ Rothester der Rothen" bekämpft und mit Haß beehrt. Er trotzte der„ guten Gesellschaft", und sein thaufrischer Humor verwandelte zum guten Theil in eine Quelle der Heiterkeit, was einem minder Großen und Freien zum Born thränenseliger Selbstbemitleidung oder galliger Verbitterung geworden wäre. Sein thatkräftiges Naturell ließ ihn auch hier nicht mit gekreuzten Armen zur Seite stehen. Auf seine Anregung veranstaltete Moses Heß 1845 in Barmen seine„ Bürgervorträge" über den Kommunismus, und Engels selbst griff zur sittlichen Entrüstung des geschreckten Philisterthums schneidig und geschickt in die Debatten ein. Den„ Umstürzlern" wurden die Säle abgetrieben, den Wirthen mit Entziehung der Konzessionen gedroht, und schließlich verboten die Behörden einund für allemal die Versammlungen. Von der Bourgeoisie der Heimath als Revolutionär geboykottet und verfolgt, begab sich Engels nach Brüssel. Hier, wo damals die politischen Flüchtlinge eine Freistatt fanden, lebte Karl Mary, den Frankreich auf den Wunsch der preußischen Regierung hin ausgewiesen hatte.( Schluß folgt.) Der Staat im Kampfe gegen die proletarische Frauenbewegung. Die Geschichte der proletarischen Frauenbewegung Deutschlands ist eine Geschichte steter Kämpfe mit Polizeiwillkür und Juristenflügelei. Kaum daß sie sich von der halben und furchtsamen bürgerlichen Frauenrechtelei entschieden losgelöst hatte, ein selbständiges Leben zu führen begann, ihre eigenen Ziele verfolgte, die des internationalen revolutionären Proletariats, das bewußt im Klassenkampf steht: blieben Verfolgungen und Maßregelungen nicht aus. Im Geiste wenn das Wort hier am Plate ist der gang und gäben Wachtstubenauffassung geschichtlicher Erscheinungen waren diese Nücken und Tücken des Rackers Staat von Anfang an gehalten. Man wähnte die unbequeme Bewegung abthun zu können, indem man ihre Leiterinnen und Vorkämpferinnen bestrafte, indem man sich gegen ihre Ausdrucksformen wendete, die Frauenorganisationen chikanirte und auflöſte, den Frauen den Besuch öffentlicher Versammlungen verbot 2c. Die nämliche Wachtstubenauffassung hat den Staat auch fürderhin der proletarischen Frauenbewegung gegenüber geleitet. Aber was er an Verständniß nicht gewonnen, das hat er an Schneidigkeit und Spitfindigkeit reichlich zugelegt. Ganz besonders in letzter Zeit, wo die Emanzipationsbestrebungen der proletarischen Frauen mit höchstem staatsretterischem Eifer verfolgt werden. Erklärlich genug. Von Tag zu Tag wächst die Zahl der Proletarierinnen, welche im Bewußtsein ihrer Klassenlage die Unhaltbarkeit der heutigen Zustände erkennen, an ihrer Beseitigung mitarbeiten wollen und ihre politische Gleichberechtigung als Werkzeug zu dieser Mitarbeit fordern. In immer breitere Kreise der proletarischen Frauenwelt dringt der Sozialismus ein und schlägt dort fest, unausrottbar Wurzel. Schon der verflossene Polizeiminister von Preußen, Graf Eulenburg, machte in seinem be- rühmten Erlaß " Bur Bekämpfung der Sozialdemokratie" auf diese„ Gefahr" aufmerksam, und die Minister der kleineren Ländchen echoeten ihm nach. Eulenburgs Nachfolger, der kunstverständige, reaktionsfrohe Herr von Köller tutete in das nämliche Horn. Zur Begründung der seligen Umsturzvorlage sagte er u. A. in der Reichstagssitzung vom 11. Januar 1895:„ Meine Herren, die Bewegungen gehen immer weiter. Nicht nur, daß die Männer sozialistische Ideen vertreten, es fangen jetzt auch die Frauen und Kinder an. Und leider sind die gesetzlichen Bestimmungen nicht derart, daß man dem Umsichgreisen dieser Bewegung wirksam begegnen kann. Aber man geht immer weiter. Wenn ich nicht irre, liegt diesem hohen Hause eine Petition vor, daß auch Frauen gesetzlich das Recht haben sollen, politischen Versammlungen beizuwohnen, politischen Vereinen anzugehören u. s. w. Man will eben aus naheliegenden Gründen die Frau vollberechtigt in das politische Getriebe hineinziehen. Ich hoffe aber, die Gesetzgebung wird andere Wege gehen." Der brave Herr von Köller hoffte nicht vergebens. Die Gesetzgebung ging andere Wege, sie ging fein säuberlich um die nöthige Reformirung der Vereins- und Versammlungsgesetze herum. Und mehr noch: Herrn Köllers Wünsche, dem Umsichgreifen der sozialistischen Bewegung unter den Frauen wirksamer zu begegnen", wurden erfüllt, auch ohne daß ein„ Umsturzgesetz" zu Stande kam. Die Wünsche eines preußischen Polizeiministers verkörpern sich in der Regel zu Fleisch und Blut, wenn nicht auf dem Wege der Gesetzgebung, so auf dem der Verwaltung. In richtiger Werthung des Umstandes, daß es sich um gut bürgerliche, staatserhaltende Glemente handelte, hatte Herr von Köller mit stirnrunzelndem Unmuth gegen die petitionirenden Frauen gesprochen, die mit ihren Bitten den 131 Papierkorb des Reichstags füllen. Mit pflichteifriger Schneidigkeit gingen die Behörden dagegen allerwärts einzig und allein gegen die proletarische Frauenbewegung vor, welche fordert und hinter der eine Macht steht, die der Sozialdemokratie. Nach berühmten Mustern wähnte man offenbar, ihr in der Person einiger Vorkämpferinnen beikommen zu können. Genossin Rohrlack wurde wegen angeblich verleumderischer Beleidigung des Dresdener Fabrikinspektors in einer Versammlung zu Leipzig zu vier Monaten Gefängniß verurtheilt. Genossin Steinbach mußte vier Wochen lang wegen Unteroffiziersbeleidigung hinter schwedischen Gardinen büßen. Genossin Wengels wurde wegen vermeintlicher Beleidigung eines Staatsanwalts in Anklage versetzt. Gegen§ 130 des Strafgesetzbuchs soll Genossin Ihrer gleich in zwei Fällen gefrevelt haben, es wurde in der Folge Anklage gegen sie erhoben; ferner wurde sie wegen einer Kritik des Fabrikinspektorats vernommen. Gegen Genossin Zetkin wurden allerdings erfolglos Verfahren eingeleitet wegen Aufreizung zum Klassenhaß, Verächtlichmachung von Staatseinrichtungen und Zuwiderhandlung gegen das Preßgesetz. Die angestrengten Verfahren, Möchte gern- Verurtheilungen und Verurtheilungen fallen in die gleiche oder annähernd in die gleiche Zeit. Sie sind um so bemerkenswerther und bezeichnender, als es sich fast ausnahmslos um Genossinnen handelt, welche seit Jahren genau in der gleichen Weise in Versammlungen bezw. der Presse agitatorisch thätig sind, ohne bisher mit dem Gesetz in Kollision gerathen zu sein. Der staatsretterische Eifer hatte sich damit noch nicht Genüge gethan. Er ging mit echt preußischer Force gegen alle Lebensäußerungen, Erscheinungsformen, Organe der proletarischen Frauenbewegung vor Wo immer mit heißem Bemühen ein noch so fadenscheiniger Grund herausgetiftelt werden konnte, die Frauen aus öffentlichen politischen und nichtpolitischen Versammlungen behördlicherseits auszuweisen, Frauen das Referat in solchen zu untersagen, Versammlungen, an denen sich Frauen betheiligen sollten, nicht zu gestatten, Versammlungen, in denen Frauen anwesend waren, aufzulösen, da geschah es. Zwei Namen reden ganze Bände über die beliebte Praxis: Bayern, Nürnberg! Wir erinnern außerdem in der Beziehung an die bajuwarische Handhabung der Versammlungsgesetze, welche in Berlin und neuerdings in der Rheinprovinz( Krefeld) versucht worden ist, und die in Westfalen und anderwärts zur Regel geworden zu sein scheint. Sie steht im Gegensatz zu den früheren Gepflogenheiten der Behörden, welche den Staat bisher nicht für so schwachfüßig hielten, daß er durch den Versammlungsbesuch etlicher Hunderte von Frauen und durch ein paar Dutzend Referate von Genossinnen aus dem Gleichgewicht gebracht und über den Haufen geworfen werden könnte. Politische Frauenvereine gab es nicht und konnte es nicht geben. Zum Zwecke des Zerschmetterns der proletarischen Frauenbewegung mußten solche gesucht und erfunden werden. Die Berliner FrauenAgitationskommission wollte bekanntlich durch öffentliche Versammlungen die Frauen anregen, sich aufzuklären, zu organisiren, bewußt und planmäßig für ihre Rechte zu kämpfen. Jahrelang hatte sie unbeanstandet funktionirt, weil sie keine Vereinsthätigkeit entfaltete und nach keiner Richtung hin den Charakter eines Vereins trug. Auf Verfügung des Polizeipräsidenten ward sie als ein Verein aufgelöst. Eine Behaussuchung ihrer Mitglieder fand statt, ohne Belastungsmaterial zu ergeben. Trotzdem erfolgte die Anklage und auf Grund einer wundersamen Beweisführung eine Verurtheilung der Kommissionsmitglieder zu den geringsten gesetzlichen Strafen von 15 bis 30 Mk.; die Auflösung des Vereins" wurde außerdem gerichtlich ausgesprochen. Gleicherweise gingen die Behörden gegen den FrauenBildungsverein für Berlin und Umgegend vor. Er wurde polizeilich geschlossen und gegen seine Leiterinnen ist nach mehrmaliger Vernehmung Anklage erhoben worden. Nicht besser erging es der Filiale Ottensen Altona des Zentralvereins der Frauen und Mädchen Deutschlands. Seine Frevelthaten sind bereits in erster Instanz gerichtet und geahndet durch die erkannte Schließung der Organisation und Geldstrafen sämmtlicher Mitglieder. Den Arbeiterinnen- Bildungsverein für Friedrichsberg und Umgegend ereilte das nämliche Geschick, mit dem einzigen Unterschiede, daß hier nur die Vorstandsmitglieder angeklagt und verdonnert wurden. Auf den vereitelten Versuch, die Beschwerdekommission des Arbeiterinnenvereins zu Frankfurt a. M. mit bekannter Virtuosität in einen politischen Verein umzudefiniren, sei nebenbei noch verwiesen. Kurz, die proletarische Frauenbewegung erfreut sich einer so schmeichelhaften Aufmerksamkeit der hohen und höchsten Behörden, wie sie sonst nur einer schon vorhandenen und gefürchteten Macht zutheil zu werden pflegt, und nicht einer solchen, die noch im Werden begriffen ist. Das Warum hat, wie angeführt, Herr v. Köller in liebenswürdiger Offenheit enthüllt. Die unaufgeklärte, stumpfsinnige Frau galt mit dem„ antikollektivistischen Bauernschädel" zusammen für das festeste Bollwerk gegen die schwellende Fluth des Sozialismus. Die proletarische Frau aber bekennt sich heute mehr und mehr zum Sozialismus, sie lehrt ihre Kinder an den Sozialismus glauben, auf ihn allein hoffen. Dies der Grund, weshalb die Polizei ihre Allgewalt, die Juristerei ihre zünftige, definitionsmächtige Weisheit gegen die proletarische Frauenwelt mobil gemacht hat. Dies der Grund, weshalb gegen sie auch ohne„ Umsturzgesetz" eine Rechtspraxis Trumpf ist, welche in immer schrofferem Gegensatz steht zu dem Rechtsbewußtsein weiter Volksfreise. Gefährlich ist es, wenn ein Staat die Gesetze, die für Alle gelten sollen, mittels talmudistischer Auslegekunst zu Waffen schmiedet, die sich blos gegen eine bestimmte Klasse der Bevölkerung fehren. Gefährlich für den Staat selbst, der sich dadurch unverhüllt als das Werkzeug der Herrschenden und Besitzenden entpuppt, und nicht für die Betroffenen, nicht für die Bewegung, der man das Lebenslicht ausblasen möchte. Was hat man mit allen Nücken und Tücken bis jetzt bezüglich der proletarischen Frauenbewegung erreicht? Nur daß immer mehr Frauen und Mädchen des arbeitenden Volks die Augen aufgegangen sind über das Wesen des Staats und seiner Einrichtungen. Jede Niederbüttelung und jede juristische Erdrosselung der Bethätigung der proletarischen Frauen in den Zeitkämpfen weckt mit dieser Erkenntniß den Haß gegen Zustände, welche der Proletarierin in ihrer Eigenschaft als Frau die gesetzlichen Mittel vorenthalten, als Angehörige der Arbeiterklasse unter gleichen Bedingungen wie ihre Brüder der Frohn und des Elends ihre Befreiung erkämpfen zu können. Und weil die Proletarierin durch ihre nächstliegenden Lebensinteressen zum Kampfe für ihre Befreiung gezwungen wird, so nimmt ihre Bethätigung in demselben andere Formen an, sobald er in den bisher üblichen nicht mehr möglich ist. Polizeiliche Schneidigkeit und richterliche Spitzfindigkeit können ihr den Kampf erschweren, vermögen aber nicht, ihm Stillstand zu gebieten. Unaufhaltsam tost er weiter, dem Ziele zu. Uebrigens zwingt die„ Logik der Thatsachen" nicht blos die Proletarierinnen zum Befreiungskampf, sie„ modernisirt" auch die Anschauungen der Richter. Gelegentlich der Verurtheilung der ersten Leiterinnen der Arbeiterinnenbewegung( 1886) erklärte der Vorsitzende Brausewetter, die Frauenagitation sei eine neue Gefahr und befürwortete deshalb ihre strenge Bestrafung. Bei der Verhandlung gegen die Berliner Frauen- Agitationstommission anerkannten Richter und Staatsanwalt, daß die öffentliche Thätigkeit der Angeklagten der Wahrung berechtigter Interessen gedient habe. Selbstverständlich ist die proletarische Frauenbewegung nicht Vornehmer Wettbewerb. Aus dem Arbeiterinnenleben. Von Bernhard Westenberger. ( Schluß.) Die Konditorei Rouchelle ist sehr beliebt; sie hat so hübsche Sonderstübchen, wo man ungestört den süßen Leckerbissen huldigen fann. Melanie schnellte mit einer Zuckung der Nasenmuskeln den feinen goldumränderten Zwicker von seinem Siz und ließ sich mit einem schrecklichen Seufzer in die Polsterlehne des Seffels zurückfallen. Ah, bin ich satt! Nein, diese Nahmtorte bringt mich noch ums Leben ich kann nicht genug bekommen. Ah, köstlich, köstlich!" Die zwei jungen Freundinnen blickten lachend von ihrer Arbeit, einem Teller voll Schneegebäck, auf und betrachteten Melanie, welche die Füße weit von sich streckend und die Arme hängen lassend, ihre volle üppige Gestalt auf dem Stuhle wiegte. Bertha hob mit recht mädchenhafter Gebärde das schmale Händchen vor die frischen, mit einem leichten Streifchen Schnee schaum gezierten Lippen, warf einen ungefünftelt ängstlichen Blick nach dem großen Fenster, vor dem sie saßen, und sagte: Aber nein Melanie wenn man Dich so sähe " Friederike wurde ebenfalls unruhig: wenn man uns sähe!" " Es ist wahr Melanie lachte belustigt auf. " ihr , ihr Gänschen " seht doch, diese Scheiben sind wohlseht doch, diese Scheiben sind wohlweislich so eingerichtet, daß man gut hinaus, aber keineswegs hereinsehen kann. Nein, da müßte die Konditorei Rouchelle nicht die erste der Stadt sein, wenn sie nicht einmal mit so einfachen 132 so thöricht, Bewegungsfreiheit zu erhoffen von der steigenden Einsicht der Staatsgewalten. Sie weiß, daß ihr dieselbe einzig und allein zufällt mit der steigenden politischen Macht des deutschen Proletariats. Was Klasseninteresse, Einsichtslosigkeit und Zopf ihr vorenthalten, das bringen ihr die Siege des proletarischen Klassenkampfes. E. J. Arbeiterinnen- Bewegung. In der Zeit vom 20. Juli bis 11. August fanden öffentliche Versammlungen statt in: Altona, öffentliche Versammlung der Schneider und Schneiderinnen:„ Die Bewegung der Konfektionsarbeiter"( Genosse Sabath); Berlin, öffentliche Versammlung der in der Schuhindustrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Die Gewerbeordnung und ihre Bedeutung"( Genosse Millarg); öffentliche Versammlung der in der Kürschnerbranche beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Ist die Hausindustrie unserer Branche unter den jetzigen Verhältnissen noch lebensfähig, und wodurch kann dieselbe ihre Lage verbessern?"( Genosse Regge); öffentliche Versammlung der Vergolder und Vergolderinnen:„ Stückarbeit und Akkordarbeit"( Genosse Hoffmann); öffentliche Versammlung der Metallarbeiter und Arbeite rinnen:„ Wohlfahrtseinrichtungen und Klassenkampf"( Genosse Näther); Bonn, öffentliche Volksversammlung:„ Die Gesetzmäßigkeit im Gesellschaftsleben"( Genosse Grimpe- Elberfeld); Breslau: öffentliche Versammlung der Schneider und Schneiderinnen:„ Der Stettiner Streit" ( Genosse Liepelt); Charlottenburg, öffentliche Volksversammlung: ,, Wieviel ist eine Frauensperson werth unter Berücksichtigung behördlicher Einschätzungen?"( Reichstagsabg. Stadthagen); Friedrichsberg, öffentliche Versammlung für Frauen und Männer:„ Der Ent wurf des Agrarprogramms"( Reichstagsabg. Stadthagen); Gießen, öffentliche Versammlung für Frauen und Männer:„ Die Nothwendig keit der Gewerkschaftsbewegung"( Genossin Schneider- Köln); Halle, öffentliche Versammlung der Schneider und Schneiderinnen:„ Das Schwitzsystem in der Konfektionsindustrie"( Genosse Albrecht); Hamburg, öffentliche Versammlung der in Konditoreien 2c. beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Unsere wirthschaftliche Lage"( Genosse Völck); Leipzig, öffentliche Frauenversammlung:„ Die wirthschaftliche Lage der Frauen"( Genossin Vogel); Nieder- Schönhausen, öffentliche Volksversammlung:„ Die Frauen im heutigen Rechtsstaat" ( Genossin Rohrlack); Rudolstadt, öffentliche Versammlung für Arbeiter und Arbeiterinnen:" Die Gewerkschaftsbewegung und ihre Gegner"( Genossin Steinbach); Stuttgart, öffentliche Versammlung " Maßregeln gegen unbefugte Blicke ausgestattet wäre. Wir sind hier ganz sicher: Frau Rouchelle läßt gar Niemand in unser Kneipstübchen, dafür fennt sie ihre Leute." Bertha schien von dieser Auseinandersetzung nur oberflächlich beruhigt; die großen dunklen Augen eilten schen und hastig von einem Gegenstand zum anderen, manchmal fuhr sie rasch über die leicht geröthete Stirne, und ein deutlicher Zug um den Mund verrieth, daß sie sich hier nicht recht behaglich fühlte. Friederike hatte alle Aengstlichkeit überwunden; sie bemühte sich wenigstens, vor Melanie nicht mehr lächerlich zu erscheinen, und als diese ihr zierliches Täschchen öffnete, demselben eine Zigarette entnahm und es ihr anbot, griff sie herzhaft zu, während Bertha dankend ablehnte und gedankenvoll vor sich hinsah. Behaglich rauchend, auf den Ellenbogen geſtüßt, musterte Melanie die Vorübergehenden. Die Brücke über den Fluß, die fast geradewegs auf die Konditorei zuführte, war ziemlich belebt, und so fehlte es denn nicht an Unterhaltungsstoff; dort wurde an einen etwas auffälligen Sonnenschirm, da an die orangegelben Handschuhe eines dahinschleichenden Herrn angeknüpft. Endlich fiel den beiden die Theilnahmslosigkeit Berthas auf, die, mit dem Messer spielend, die Krümchen auf ihrem Teller in kleine Häufchen zusammentrug. Melanie tupfte ihr nach einer Weile leicht auf die Hand: „ Na, Berthchen, Du rechnest wohl aus, ob der schnöde Verdienst, den uns dieser Knauser von einem Michel heute zufommen ließ, für die Rechnung der Frau Rouchelle reichen wird nur unbesorgt, es bleibt nichts übrig. Ich kenne die Preise. Morgen aber nimmt Jede wieder etwas Ordentliches in Arbeit, damit wir wieder bei diesem Michel auftauchen können. Schade, daß er so schlau ist er giebt, was er will, und wir nehmen, was er giebt. Weiß er doch immer geschickt anzubringen: Wenn für Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Die Arbeiterinnen im Kampfe um ihre wirthschaftliche Existenz"( Genossin Steinbach). " 1 In der nämlichen Zeit fanden Vereinsversammlungen statt in: Berlin, Mitgliederversammlung des Verbands der in Buchbinde reien 2c. beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen:„ Unsere Presse" ( Genosse Wittrisch); Mitgliederversammlung des Vereins der Plätterinnen: Soziale Ungerechtigkeiten"( Genosse Hoffmann); Mitgliederversammlung des Verbands der Textilarbeiter und Arbeiterinnen: " Wird die Arbeit dem Arbeiter zum Segen?"( Genossin Ihrer); Briz, Mitgliederversammlung des Volksbildungsvereins:„ Die Frau in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft"( Genosse Eberhardt); Dresden, Mitgliederversammlung des Arbeiterinnen- Bildungsvereins: Interne Angelegenheiten; Hamburg, Mitgliederversammlung des Verbands der Fabrik-, Land-, Hilfsarbeiter und-Arbeiterinnen:„ Das Koalitionsrecht der Arbeiter und das Unternehmerthum"( Genosse Wüstefeld). Bremen. Die hiesige Stuhlrohrarbeiterschaft hat sich kürzlich gewerkschaftlich organisirt. Nach einem Referat des Genossen Ebert über: Nutzen und Ziele der Gewerkschaftsorganisation" wählte eine gut besuchte öffentliche Versammlung eine sechsgliedrige Kommission, welche mit den nöthigen Vorarbeiten für Konstituirung eines Gewerkschafts- Vereins betraut wurde. Dieser Kommission gehören zwei Arbeiterinnen an. Der beschlossenen Organisation traten sofort mehr als 100 Mitglieder bei, darunter eine größere Anzahl von Arbeiterinnen. Die Zahl der Stuhlrohrarbeiter, welche in zwei Betrieben beschäftigt sind, beträgt gegen 400, die Hälfte davon sind Frauen und Mädchen. Kaum war die Organisation ins Leben getreten, so mußten ihre Mitglieder einen harten Kampf bestehen. Der Zusammenschluß der Arbeiter und Arbeiterinnen behuss Vertheidigung ihrer Interessen paßte dem hochmögenden Unternehmerthum nicht in den Kram. Wie gewöhnlich gedachte es mittels der Hungerpeitsche die Organisation zu sprengen. Die Stuhlrohrfabrik von Menck, Schulze& Ko. tündigte 3 Mitgliedern der Kommission, welche bei ihr in Arbeit standen. Damit nicht zufrieden, wies sie der zweite Vorsitzenden derselben, Frau Glotze, für die letzten 14 Tage ihrer Beschäftigung in dem Betriebe eine weniger lohnende Arbeit zu und bestimmte schließlich, daß sie ganz allein in einem Raum, abgeschlossen von den übrigen Arbeitern, schaffen sollte. Die Arbeiterschaft der Firma wählte darauf eine 14gliedrige Kommission, welche die Wiedereinstellung der Gemaßregelten zu fordern hatte. Die prozige Fabrikleitung beantwortete dieses Vorgehen damit, daß sie den 14 Kom* Wegen Raummangels verspätet. Ihnen die Arbeit nur Vergnügen macht, meine Damen! Natürlich fann unsereins nichts darauf erwidern." Friederike stieß einen Seufzer aus: " Freilich, so ist's und dem Papa mag man doch auch nicht mit jeder Kleinigkeit auf dem Halse liegen er muß oft genug mit dem lieben Gelde herhalten." Melanie warf den Kopf zurück, daß die hohe weiße Marabutfeder auf dem Hute noch geraume Zeit nachzitterte: " Pah, was ist Geld, wenn es nicht dazu dienen soll, das Leben angenehm zu machen. Unsere Arbeit ist Zeitvertreib, ich weiß bestimmt, daß für Michel die feinsten Damen arbeiten; die einen, um etwas mehr für den Puß aufzuwenden; die anderen, weil es ihnen Spaß macht, andere, um ihre Ertra- Konditorstündchen herauszuschlagen, und zu diesen gehöre ich was ist dabei?" Ein Schrei von der Brücke her scholl über die Straße. Getümmel erhob sich, Leute eilten vom Fußweg nach dem Flußufer zu, auf der Brücke blieb man stehen, und Alles blickte über das Geländer. Ein Mann, der ebenfalls dem Ufer zueilte, wurde vor ihrem Fenster von einem Kutscher angehalten. " Was giebt's?" rief der eine dem anderen zu. „ Ein Mädchen ist ins Wasser gesprungen!" " Sie sahen, wie ein paar Schiffer einen Kahn lösten und nach der Mitte des Flusses steuerten. Von oben deutete man da und dort hin es schien vergebens. Nach einer Weile fuhren sie unter der Brücke her abwärts, und die Menge zerstreute sich allmälig bis auf Einzelne, die als Zuschauer keine Zeit zu ver lieren hatten. Melanie trat vom Fenster zurück. Kommt, Kinder 133 missionsmitgliedern kündigte. Auf diese Herausforderung erfolgte die Kündigung seitens sämmtlicher Arbeiter und Arbeiterinnen des Betriebs. Vier Kollegen meldeten sich freiwillig zu einer neuen Kommission, welche mit der Fabrifleitung in Verbindung trat, die mit Ausnahme der drei zuerst Gemaßregelten sämmtliche Arbeitskräfte wieder beschäftigen zu wollen erklärte. Um deren Einstellung zu erzwingen, d. h. sich das Koalitionsrecht nicht illusorisch machen zu lassen, legten nun fast sämmtliche 160-170 Arbeiter und Arbeiterinnen der Fabrik die Arbeit nieder. In treuer Solidarität verbunden blieben sie im Ausstand, bis durch Vermittlung des Einigungsamts, dessen Dienste zum ersten Male in Bremen in Anspruch genommen wurden, ein Ausgleich zu Stande kam. Während des Streiks haben die Arbeiterinnen das gleiche Zielbewußtsein und das nämliche Solidaritätsgefühl befundet, wie die Arbeiter. Von der Nothwendigkeit und dem Nutzen der gewerkschaftlichen Organisation durchdrungen, sind sie nicht weniger als ihre Kameraden entschlossen, auch in Zukunft ihr Koalitionsrecht zu wahren und zu vertheidigen, dem Verein gegenüber ihre Pflichten treu zu erfüllen und ihm durch fleißige Agitation neue Mitglieder zu A. B. werben. Der Schlesisch- Posensche Parteitag, welcher Ende Juli in Altwasser tagte, beschäftigte sich u. a. eingehend mit der Frage der Frauen agitation. Die Anregung hierzu war durch einen Antrag der Breslauer weiblichen Vertrauenspersonen gegeben worden und wurde im Allgemeinen besonders von Genossen Bruhns lebhaft befürwortet. Derselbe gab dem Antrag folgende Fassung: ,, Der Parteitag verpflichtet die Genossen und speziell die Vertrauenspersonen an den einzelnen Orten Schlesiens und Posens, mit der Aufklärung und Gewinnung der Frauen für die Bestrebungen der Sozialdemokratie eifrigste Thätigkeit zu widmen. Der Erfüllung dieser wichtigen Aufgabe dienen insbesondere: 1) Die Abhaltung öffentlicher Versammlungen, mit besonders die Frauenfrage behandelnden Vorträgen, Vorlesungen, Diskussionen. 2) Die Verbrei tung aufklärender, dem Verständniß der Frauen möglichst angepaẞter Schriften und Flugblätter. 3) Die Heranziehung der Frauen zur politischen Thätigkeit und die Wahl von weiblichen Vertrauenspersonen. 4) Die Betheiligung der weiblichen Arbeiter an der gewerkschaftlichen Organisation." Der Antrag ward einstimmig angenommen, und wir hoffen, daß die Genossinnen und Genossen allerorten in Schlesien und Posen dem Beschluß die That folgen lassen. - Von der Agitation. In der Gegend von Schleiz und Weimar hielt Ende Juni Genossin Baader- Berlin mehrere Agitationsversammlungen ab. In Schleiz, Zeulenroda bezw. Langenwolschendorf, „ Hörst Du, sie sagen, es wäre ein junges Mädchen. Schrecklich puh, das kalte Wasser!" meinte Friederike und schüttelte fich. Ich begreife überhaupt nicht, wie Jemand auf Selbstmord= gedanken gerathen kann." Melanie zündete sich ihre Zigarette aufs Neue an. " ,, Es ist nicht so schrecklich, wie man sich's vorstellt. Neulich brachte ja das Meiersche Familienblatt über die Sache einen famosen Artifel von einem berühmten Professor. Selbstmörder handeln alle im Wahnsinn; die Gehirnpartikelchen nehmen eine gewisse Lage sie springen an, und dann ist's eben vorbei mit der Vernunft ins Wasser, hängen sich, legen sich über die Schienen u. s. f." ,, Man sagt aber doch, daß so Viele die Noth ins Wasser treibt." " Pah, das ist Unsinn die Leute, welche einmal eine fehlerhafte Gehirnkonstruktion haben, begehen ihren Selbstmord, ob sie Mittags sechs Gänge bei der Tafel, oder nur ein Stück Brot berzehren. Sieh da, da geht der hübsche Husarenlieutenant von neulich der paßt gewiß wieder auf uns. Wir wollen machen, daß wir noch ein bischen auf die Straße kommen." " Mit diesen Worten drückte Melanie auf die Tischglocke, und gleich bewegte sich die schwerfällige Gestalt der Frau Rouchelle durch die Thür. Meine Damen wünschen?" „ Zahlen, bitte." Frau Rouchelle rechnete sechs Mark zusammen, und Melanie und Friederike schauten sich lächelnd mit demselben Gedanken an, als die zwei Thalerstücke, die Michel vor zwei Stunden gespendet hatte, weiter wanderten. Bertha stand immer noch am Fenster; sie hörte nichts von der Unterhaltung, wandte sich aber jetzt der Frau zu und fragte: Haben Sie nichts gehört von dem Mädchen, das da vorhin ins so etwas ereignet sich hier alle Tage." Wasser sprang?" Saalfeld und Pößneck sprach sie über:„ Die soziale Stellung der Frau und die Forderung der politischen Gleichberechtigung"," Welche Pflichten hat die Frau als die natürliche Erzieherin der Jugend, und ist sie im Stande, dieselben richtig zu erfüllen?"," Die Frau und der Sozialismus“,„ Die Frau in der heutigen Gesellschaft". Die Verfammlungen waren ausnahmslos sehr gut besucht; schon lange vor ihrer Eröffnung drängte sich in den geräumigen Sälen ein zahlreiches Publikum, das bis zu einem Drittel bezw. bis fast zur Hälfte aus Frauen und Mädchen bestand. Besonders interessant war die für die Zeulenrodaer Arbeiterschaft bestimmte Versammlung. Zeulenroda ist in Reuß ä. L. gelegen, einem jener deutschen Staaten im Westen taschenformat, die fast durchgängig besonders zähe an Zopf und Reaktion von anno tobacco festhalten. Das Gesetz untersagt hier den Frauen den Besuch jeder öffentlichen Versammlung. Nun ist allerdings die himmlische Vorsehung nicht so fürsichtig" gewesen, wie die staatsmännische, sie hat es gefügt, daß in dem braven Reuß ä. L. dicht bei Zeulenroda eine Enklave des„ radikal" angefäuselten Reuß j. L. liegt, allwo Frauen Versammlungen beiwohnen dürfen. In dieser Enklave, in Langenwolschendorf, fand die Versammlung für die Beulenrodaer statt und bewies durch den außerordentlich zahlreichen Besuch, wie gut und wirksam es ist, daß die benachbarte Staatsmacht mit aller Strenge Bestimmungen aufrecht erhält, die aus der Zeit stammen, als der Großvater die Großmutter nahm". Auch in diesem Theil des schönen Thüringens ist die Bevölkerung durch ihre wirthschaftliche Lage zum großen Theil schon für den Sozialismus gewonnen, der täglich neue Anhänger sammelt. Reges politisches Leben zeigt sich fast überall. Dagegen läßt leider die Betheiligung der Arbeiter und Arbeiterinnen an den Gewerkschaften noch viel zu wünschen übrig. Die äußerst schlechten Erwerbsverhältnisse tragen zum Theil viel dazu bei, die Ausgebeuteten den Organisationen fernzuhalten. Dazu kommt in manchen Orten die völlige wirthschaftliche Abhängigkeit von einem oder von wenigen Fabrikanten, die ihre Uebermacht rücksichtslos ausnutzen, um den nöthigen Zusammenschluß ihrer Lohnsklaven zu Hintertreiben. Zähe Energie wird auch hier nach und nach über alle Schwierigkeiten triumphiren und eine gewerkschaftliche Bewegung in Fluß bringen, welche erfolgreich die Interessen der ausgebeuteten Arbeiterinnen und Arbeiter zu vertheidigen vermag. 0. B. Im Zeichen der Köllerei stand der Monstreprozeß, der gegen die Mitglieder der Filiale Ottensen des Zentralvereins der Frauen und Mädchen Deutschlands vor dem Schöffengericht Altona am 12. Juli zur Verhandlung gelangte. Sämmtliche Mitglieder der Filiale, 141 Personen, waren der Uebertretung des bekannten herr„ Ach, das arme Ding hat sicher seinen Zweck erreicht; die Leute suchen noch immer, bis jetzt hat man nur ein Päckchen aufgefischt, das sie bei sich hatte. Es war eine große fertige Stickerei drin " " Da hast Du's", fiel Melanie ein, von Selbstmord aus Noth tann schon in diesem Falle keine Rede sein, eine Stickerei läßt sich verwerthen, verkaufen, mit Sticken fann man sich sogar, wenn man nur will und fleißig ist, ernähren." der Bertha hörte nichts von dem Meinungsaustausch Freundinnen, sie schaut starren Auges durch die Scheiben auf den Fluß, in dem sich die farbensprühende Gluth des Abendhimmels spiegelt. Von dem jenseitigen Ufer werfen die Fenster der Häuser blendende Lichter, dann und wann wieder verdeckt durch die schwer und düster dahinziehenden Rauchwolken eines nahen Fabrikschornsteins. Auf der Brücke sammeln sich wieder die Leute und schauen hinab. Der von den zwei Männern geführte Nachen kommt stromaufwärts; jedesmal, wenn sich die Ruder aus dem Wasser heben, blizen die Wassertropfen wie helles leuchtendes Gold, funkelnd und glizernd gleiten die Wellen wie im neckischen Spiele dahin, im Nachen aber liegt ausgestreckt eine weibliche Gestalt starr, regungslos, still. Bertha schaudert, wie vom frostigen Hauch berührt, leise zusammen sie kann den Blick nicht abwenden von dem bleichen, von nassen Haarsträhnen umzogenen Gesicht, dessen Züge sie ver= gebens genauer zu erkennen sucht. Schwer und dumpf legt sich's auf ihre Brust, es ist ihr, als trügen sie alle Schuld an der Todten, alle die da gaffen, deuten, die Hälse recken und ste selbst mit; es ist ihr, als läge in diesem Nachen eine schreckliche Wahrheit und alles andere um sie her, die ganze Welt, sei Schein, Heuchelei, Lüge..... ste 134 lichen Vereinsgesetzes angeklagt. Gegen dieses Juwel der Reaktion soll der Verein dadurch gefrevelt haben, daß politische Gegenstände erörtert wurden in einer öffentlichen Versammlung, welche von einem Vorstandsmitgliede der Filiale einberufen worden war, ferner dadurch, daß in einer Mitgliederversammlung ein Redner politische Fragen ge streift haben soll. Ein Theil der Angeklagten erklärte, zur Zeit, wo jene Morithaten geschahen und den preußischen Staat in seinen Grundfesten erschütterten, nicht mehr Mitglieder des Vereins gewesen zu sein. Die meisten Beschuldigten gaben ihre Zugehörigkeit zu dem Verbrecherklub zu. Sämmtliche Angeklagte bestritten, daß die Filiale ein selbständiger Verein sei und den Zweck verfolgt habe, in Versammlungen politische Angelegenheiten zu erörtern. Der Vertheidiger betonte außerdem noch, daß die fragliche öffentliche Versammlung durchaus nicht als Vereinsversammlung betrachtet werden könne. Ein Zufall habe es gefügt, daß ein Vorstandsmitglied der Filiale die Versammlung einberief, und daß zwei andere Vorstandsmitglieder ins Bureau gewählt wurden. Bestritten müsse auch werden, daß sich die Mitgliederversammlungen mit Politik beschäftigten. Man könne doch nicht alles, was über das Haus hinaus gehe, als Politik bezeichnen. Der Gerichtshof erkannte dem Antrag des Staatsanwalts entsprechend auf 15 Mark Geldstrafe beziehungsweise 3 Tage Haft für 80 Angeklagte. 21 wurden freigesprochen, die übrigen waren nicht aufzufinden gewesen. Die Zahlstelle wurde außerdem als selbständiger Verein erklärt und gerichtlich geschlossen. Die nicht unerheblichen Kosten haben die Verurtheilten zu tragen, welche Berufung gegen das schöffengerichtliche Erkenntniß einlegen werden. Wie das endgiltige Urtheil auch ausfällt, Ottensens klassenbewußte Proletarierinnen stehen unentivegt im Lager der Sozial demokratie und thun hier ihre Pflicht. Bur Tage der Textilarbeiterinnen im norddweltlichen Böhmen. pidig Das nordwestliche Böhmen ist der Sitz einer ausgedehnten und blühenden Textilindustrie. In den meisten seiner Bezirke finden die kapitalistischen Unternehmer äußerst günstige Vorbedingungen für den profitreichen Betrieb von Spinnereien und Webereien der verschiedensten Art: reichliche Wasserkräfte, billige Kohlen und billige, ja billigste Arbeitskräfte, nämlich Frauen und jugendliche Arbeiter. Die männlichen, erwachsenen Arbeiter, welche in der bedeutenden Porzellanindustrie oder im Bergbau der Gegend beschäftigt sind, ver dienen in den seltensten Fällen soviel, daß sie für den Unterhalt der ganzen Familie auffommen können. Da heißt es denn für die Frau, da heißt es für die halberwachsenen Kinder: mitverdienen. So findet ein steter Andrang von weiblichen Arbeitskräften zu den Spinnereien, Webereien, Wirkereien statt, die kraft ihrer hochentwickelten Produktionstechnik ungelernte und schwache Frauen und Mädchen ebenso. gut wie Männer beschäftigen können und sie als billigere Hände" den Männern weit vorziehen. Die bittere Noth ist es also meist, welche die Frauen in die Textilbetriebe peitscht. Die Arbeitsverhält nisse sind fast nirgends und niemals so verlockende, daß sie die Frau bestimmen könnten, den häuslichen Herd zu meiden und in Fabrik oder Werkstatt zu frohnden. Die Arbeitsräume entsprechen in den allerseltensten Fällen den Anforderungen, welche mit Rücksicht auf die Gesundheit und Sicherheit der Arbeiterinnen gestellt werden müssen. Sie sind oft im Verhältniß zu der Zahl der hier arbeitenden Personen und zu der Zahl der aufgestellten Maschinen bei weitem zu eng und niedrig und ermangeln guter Ventilationsvorrichtungen. Beinahe stets sind sie von Stickluft erfüllt, die nach Maschinenöl und menschlichen Ausdünst ungen riecht, von Wollstaub, Fasern 2c. wolkig, nicht selten fast undurchsichtig gemacht wird. Die Vollpropfung der Fabriksäle mit Maschinen, zwischen denen die Arbeiterinnen und Arbeiter sich gewandt hindurch winden müssen, wird Ursache zahlreicher Unglücksfälle. Insbesondere sind die Arbeiterinnen denselben ausgesetzt, da ihre Kleider leicht von den Maschinen erfaßt werden. Man stößt auf Betriebe, wo bei einigermaßen trübem Wetter den ganzen Tag über bei künstlicher Beleuchtung gearbeitet werden muß. Aber auch in sonst lichten Sälen, wo 4-5 Reihen Maschinen nebeneinander stehen, ist für die an den mittleren Maschinenreihen thätigen Arbeitskräfte künstliches Licht erforderlich, wenn nicht die Sehnerven übermäßig angeſtrengt werden sollen. Die Löhne der Arbeiterinnen sind meist Akkordlöhne, der Verdienst schwankt daher je nach Beschaffenheit der Waaren, Maschinen, dem Grade der Arbeitsgeschicklichkeit 2c. Der Wochenverdienst der Wollkremplerinnen und Wäscherinnen beträgt z. B. zwischen 2 fl. 70 fr. bis 3 fl. 60 kr.( 4,50 bis 6,12 Mt.), während die Sortirerinnen auf 4 bis 5 fl.( 6,80 bis 8,50 Mt.) wöchentlich zu stehen kommen. Allerdings erreichen die Letzteren den angegebenen Verdienst nur in den Sommermonaten, wo in Folge der längeren Tageshelle sehr häufig Ueberstunden gearbeitet werden. Bei Eintritt der kurzen Tage wird dagegen ihre Arbeitszeit reduzirt, da bei künstlicher Beleuchtung das Sortiren unmöglich ist. Der Verdienst der betreffenden Arbeiterinnen sinkt dann entsprechend. Im Allgemeinen kommen die Textilarbeiterinnen der verschiedenen Kategorien nicht über einen wöchent lichen Durchschnittsverdienst von 5 bis 6 fl.( 8,50 bis 10,20 Mt.) hinaus, sehr viele von ihnen verdienen jedoch erheblich unter dem Durchschnitt. Die tägliche Arbeitsdauer ist eine elfstündige, doch kommen zahlreiche Ueberstunden vor, so daß mitunter 13 bis 15 Stunden geschafft wird. Wenn der Geschäftsgang ein guter ist, so muß nicht selten die ganze Nacht durch gearbeitet werden, und dies ohne Ablösung und Wechsel der Arbeitskräfte. Ueberhaupt ist eine übermäßige Anstrengung und Ausnutzung der Arbeitskräfte an der Tagesordnung, wenn zahlreiche Aufträge einlaufen. Bei schlechtem Geschäftsgang dagegen, wie er meist regelmäßig im Winter eintritt, erfolgt eine Herabsetzung der Arbeitsdauer auf täglich 8, 7 und 5 Stunden, und auch zahlreiche Entlassungen sind dann nicht selten. Dieses Hin und Her zwischen Perioden ausgedehntester ueberarbeit und Zeiten theilweiser oder völliger Arbeitslosigkeit zeitigt für die Tertilarbeiterinnen in den verschiedensten Hinsichten äußerst traurige Folgen. Es gestaltet ihre materielle Lage noch elender, trägt wesentlich zur Untergrabung ihrer Gesundheit bei und gewöhnt sie an eine unregelmäßige Wirthschafts- und Lebensführung. Die Mehrzahl der Textilarbeiterinnen Nordwestböhmens wohnt ziemlich entfernt von den Stätten ihres Schaffens. Die Wohnungen müssen meist auf Dörfern oder in den Winkeln der kleinen Städte gemiethet werden, dort wo sie billig sind, ohne Rücksicht auf die Entfernung von der Fabrik. Die Arbeiterinnen müssen deshalb nicht selten täglich mehrere Stunden auf den Hin- und Herweg zwischen Betrieb und Heim verwenden. Außerdem geht sehr vielen von ihnen die Möglichkeit verloren, das Mittagsbrot daheim verzehren zu fönnen. Sie nehmen sich deshalb ein Stück Brot sehr selten noch eine Zukost und in einem Blechgefäße einen in direkter Linie von der Zichorie abstammenden„ Kaffee" mit zur Fabrik, der dort aufgewärmt wird und die„ warme Mahlzeit" darstellt. Meist sind sie gezwungen im Freien zu tafeln, denn in vielen Betrieben erlauben die Fabrikanten nicht, daß das Arbeitspersonal die Mittagspausen in den Arbeitssälen verbringt aus Furcht, es könnte etwas entwendet werden und nicht mit Rücksicht auf die gesundheitsschädliche Atmosphäre der Räume und besondere Speisezimmer sind nicht vorhanden. Es ist nicht wunderbar, daß solche Arbeitsbedingungen, wie die geschilderten, die Lebenskraft der Arbeiterinnen schnell zerrütten und aufzehren. Die dem fargen Verdienst entsprechenden schlechten Gristenzbedingungen, insbesondere die ganz unzureichende Ernährung und die jämmerliche, ungesunde Wohnung, tragen das Ihrige dazu bei, die Textilarbeiterinnen körperlich rasch dem Herunterkommen und Verkommen zu überantworten. Sehr viele von ihnen, um nicht zu sagen die meisten, leiden an Blutarmuth, Bleichsucht, Lungenkrankheiten 2c. Schon die in den Textilfabriken beschäftigten jungen Mädchen sehen blaß, welf, abgezehrt aus, ihrer Erscheinung ist der Stempel der übermäßigen Ausbeutung und Noth aufgeprägt. Zur Charakterisirung der Lage der Textilarbeiterinnen im nordwestlichen Böhmen müssen noch verschiedene, fast allgemein vorhandene Mißstände erwähnt werden. So vor allem die in vielen Fabriken übliche brutale Behandlung und die ungerechten, hohen Geldstrafen. Die Besitzer und Leiter der Betriebe, und in Nachahmung dieses unschönen Beispiels auch die Werkmeister 2c., lassen nicht selten unflätige und rohe Schimpfworte dem Gehege ihrer Zähne entfliehen. Ja sogar thätliche Mißhandlungen der Arbeiterinnen sind hier und da an der Tagesordnung. In vielen Fabriken ist ein äußerst strenges Strafsystem eingeführt. Die Lohnsflavin, welche das Unglück hat, einige Minuten zu spät zur Arbeit zu kommen, wird mit einem Lohnabzug bon 10 bis 20 fr. bestraft. Strafen in der gleichen Höhe werden auch dann verhängt, wenn in der Folge von schlechtem Garn die Fäden oft reißen, und die Arbeit langsam von Statten geht. In solchen Fällen ist die in Akkord schaffende Arbeiterin doppelt ge schädigt. Einerseits vermag sie nur wenig zu verdienen, andrerseits muß sie sich noch ungerechtfertigter Weise Strafabzüge vom Bettellohn gefallen lassen. Besser gestellt im Punkte der Behandlung und Arbeitsbedingungen sind jene Arbeiterinnen, welche sich herbeilassen, den oft sehr weitgehenden Wünschen der Fabrikanten und ihrer Antreiber zu willfahren. Hübsche Frauen und Mädchen, welche den unsauberen Anträgen der Herren stattgeben, erhalten nicht nur vorzugsweise höhere Löhne, sondern werden auch vielfach mit dem 135 Posten von Aufseherinnen belohnt. Zu den Ausbeutungspfiffen mancher Textilbarone gehört es, daß die Arbeiterinnen die Wirknadeln der Rundstühle selbst kaufen müssen, und zwar von den Fabrikanten. Wie willkürlich und wucherisch diese die Preise festsetzen, erhellt aus deren Verschiedenheit bei ganz gleicher Qualität. So fosten 100 Stück Rundstuhlnadeln in den verschiedenen Betrieben je 40 bis 80 fr., 100 Paquetstuhlnadeln je 1 fl. 68 fr. bis 4 fl. Da die Nadeln leicht zerbrechen, so kommt es vor, daß die Arbeiterin in einer Woche oft die Hälfte ihres Verdienstes für Nadeln verausgaben muß. Der zwiefache Profit des Unternehmers liegt klar zu Tage: erspart" die Anschaffungs kosten der Nadeln und belohnt sich für sein„ Sparen" an Betriebsunkosten dadurch, daß er die Nadeln mit mehr oder weniger beträchtlichem Aufschlag an die Arbeiterinnen verkauft. In manchen Fabriken geht die Abwälzung von Betriebsunkosten auf die schon ausgeplünderten Arbeiterinnen und das Trucksystem noch weiter. Das Arbeitspersonal muß daselbst die Kosten der Beleuchtung aus der Tasche zahlen. Um die Ausbeutelung der Arbeiterinnen und die Profitschluckerei der Unternehmer vollständig zu machen, fehlt nur noch, daß erstere auch für Sonnenlicht und Luft einen bestimmten Betrag entrichten müßten. Sehr viele Trifot und manche Stoffwebereien der Gegend lassen die fabrizirten Gewebe gleich zu Bekleidungsgegenständen, wie Hemden, Hosen, Blusen, Röcken 2c. 2c. verarbeiten und zwar ausschließlich durch Heimarbeiterinnen. Wenn diese Beschäftigung erhalten und nicht chikanirt werden wollen, so sind sie nicht selten gezwungen, Trinkgelder den Beamten zu verabfolgen, welche mit der Vertheilung der Arbeit betraut sind. Die Frauen und Mädchen, welche für die Webereien nähen, müssen vom frühen Morgen bis tief in die Nacht hinein schuften, manchmal auch die ganze Nacht hindurch, wenn sie einen einigermaßen nennenswerthen Verdienst erzielen wollen, denn die Akkordsätze für ihre Arbeit sind äußerst niedrige. Nicht selten sind die Fälle, wo der Wochenverdienst solcher Arbeiterinnen 1 Gulden( 1 Mt. 70 Pf.) beträgt, sage und schreibe einen Gulden, und über 3 fl. steigt er nur ganz ausnahmsweise. In die für die Arbeit selbst aufgewendete Zeit kommen oft viele Stunden, welche beim Abholen und Abliefern der Waaren verloren gehen, und vom Verdienst müssen noch die Auslagen abgezogen werden für Zwirn, Nadeln, Abnutzung der Maschine, Schmieröl, Beleuchtung 2c. 2c. Die kurz geschilderten elenden Arbeitsbedingungen machen die gewerkschaftliche Organisation der Textilarbeiterinnen des nordwestlichen Böhmens zur dringenden Nothwendigkeit. Sie lassen aber auch einen Theil der Schwierigkeiten erkennen, auf welche die Organisationsbestrebungen stoßen, und die mit zäher Energie überwunden werden müssen. Vermehrt werden dieselben durch den Druck des protzigen Unternehmerthums, das im Falle des Beitritts zur Gewerkschaft mit Entlassung droht und es eventuell nicht bei der bloßen Drohung bewenden läßt. In vielen Betrieben dulden Woll- und Baumwolljunker kein Mitglied einer Arbeiterorganisation und lassen. aufs Genaueste die Lektüre ihrer Lohnsklaven und Lohnsklavinnen überwachen. Hier und da sorgen sie auch dafür, daß„ gute" Zeitungen unter diesen verbreitet werden. So bezog z. B. noch vor Kurzem die„ Norddeutsche Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei" ( Neudeck) den Arbeiterfreund", ein christlich- soziales Blättchen, das in Berlin erscheint, und das gratis unter ihrer Arbeiterschaft vertheilt wurde. Die Logik der Thatsachen wird dafür sorgen, daß trotz allem auch die abgerackerten, verelendenden Textilarbeiterinnen Nordwestböhmens zur Erkenntniß ihrer Klassenlage und ihrer Klassenpflichten erwachen, daß auch sie sich gewerkschaftlich organisirt und politisch aufgeklärt und geschult um das Banner der Sozialdemokratie sammeln. Kleine Nachrichten. z. 1. Zur Frage des Frauenstudiums äußerte sich der Regierungskommissar in der Unterrichtskommission des preußischen Abgeordnetenhauses gelegentlich der vorliegenden Petitionen: Die den Gegenstand der Petitionen bildenden Fragen seien innerhalb der Staatsregierung Gegenstand fortgesetzter Erwägung. Abgesehen von der seitens des Herrn Referenten hervorgehobenen Neuordnung durch die Erlasse vom 31. Mai 1894, sei in einzelnen Fällen die Zulassung zur Gymnasial- Reifeprüfung gewährt. In der philosophischen Fakultät der Universitäten, vorzugsweise in Göttingen und Berlin, seien Frauen zum Anhören einzelner, von den Gesuchstellerinnen zu bezeichnenden Vorlesungen seitens der Universitätsrektoren mit Genehmigung des Ministeriums und Ein( zetkins" Habadititellung"!) Nr. 18 der ,, Gleichheit" gelangt am 4. September 1895 zur Ausgabe. willigung der betreffenden Dozenten zugelassen, ohne daß sich irgend welche Mißstände dadurch ergeben hätten. Bezüglich der medizinischen Fakultät sei die Zulassung zu einzelnen Vorlesungen nicht zu empfehlen. Dagegen komme hier eventuell die Zulassung zum ordnungsmäßigen Studium in Frage, da die Bestimmungen der Gewerbeordnung nach Auffassung der maßgebenden Reichsbehörden der Zulassung von Frauen zur ärztlichen Approbation nicht entgegenständen. Etwas Abschließendes lasse sich weder in dieser noch in anderen Beziehungen sagen, da die auch von dem Herrn Referenten betonte Schwierigkeit der Frage besondere Vorsicht erfordere." Die Kommission beschloß, dem Abgeordnetenhause zu empfehlen: Die Petitionen II Nr. 281 und 324, soweit sie Zulassung zu einer Reiseprüfung, zum medizinischen Studium, sowie zur Ausübung ärztlicher Praxis an Frauen und Kindern, endlich überhaupt zu Universitätsvorlesungen und Staatsprüfungen betreffen, der Königlichen Staatsregierung zur Erwägung zu überweisen, dagegen über den Antrag der Petition Cauer auf Einführung eines besonderen Unterrichts in der Gesundheitslehre an Seminarien für Lehrerinnen und Kindergärtnerinnen, namentlich aber Mädchenschulen, zur Tagesordnung überzugehen. " " Eine Gesindeordnung, wie solche in den verschiedenen deutschen ,, Vaterländern" besteht, ist in Württemberg ein unbekanntes Ding. Die Einstellung und Entlassung von Dienstboten 2c. richtete sich rein nach dem Ortsgebrauch. Ueblich im Allgemeinen waren als sog. Wandertermine" die alten Tage Maria Lichtmeß"( 2. Februar), ,, Georgii"( 23. April),„ Margaretha"( 13. Juli) und„ Martini" ( 11. November). Neuerdings ist nun eine Bewegung dahingehend im Gange, die„ Wandertermine" mit den„ Kalenderquartalen" in Uebereinstimmung zu bringen. Eine Umfrage bei denjenigen Familien Stuttgarts, welche Dienstboten beschäftigen, ergab folgendes Resultat: für die Verlegung der Wandertermine auf die Kalenderquartale stimmten 7219, dagegen stimmten 362 und 466 blieben unentschieden. Die Neuordnung soll mit dem 1. Oktober d. J. in Wirkung treten. Der zugleich von den Interessenten vereinbarte Vertrag ist höchst einfach und hat folgenden Wortlaut: Dienstboten Vertrag. Zwischen den Unterzeichneten ist heute folgender Vertrag vereinbart worden: § 1. ( Name des Dienstboten) tritt am • ( Name der Dienstherrschaft) § 2. in Dienst bei Als Lohn wird pro Jahr bezahlt Mk. und zwar in 1/ 4jährlichen Raten von je Mk.... je auf 1. Januar, 1. April, 1. Juli und 1. Oktober. § 3. Als Haftgeld wurden dem Dienstboten Mt. § 4. Gefündigt kann gegenseitig nur werden am 1. Dezember zum Austritt auf 1. Januar " 1. März " 1 1. Juni " 1. September " " " 1. April " " " 1. Juli 1. Oktober " " " . bezahlt. Dieser Vertrag ist doppelt ausgefertigt und jedem Betheiligten 1 Exemplar ausgehändigt worden. Stuttgart, den Unterschrift des Dienstboten: 18. Unterschrift der Dienstherrschaft: Weibliche Gelehrte. An der Universität Göttingen hat kürzlich eine Engländerin ,,, die gelehrte Jungfrau Grace Emily Chisholm aus London", wie das Diplom besagt, ihr Examen als„ Doktor der Philosophie und freien Künste" mit Auszeichnung bestanden. Die Dissertation der Dame behandelte„ Gruppentheoretisch- algebraische Untersuchungen über sphärische Trigonometrie", mündlich ward sie über Mathematik, Physik und Astronomie geprüft. An der Göttinger Universität studiren in diesem Sommersemester 14 Damen gegen 5 im letzten Winterhalbjahr. Und Göttingen steht noch! Deutscher Philister, verhülle dein Haupt! Die kapitalistische Profitgier erweitert stetig die Berufssphäre der Frau und wirft Männer aus Lohn und Brot. Die Aachener Stadtpost„ Merkur" hat fürzlich die männlichen Briefboten entlassen und durch weibliche ersetzt. Die angestellten Briefträgerinnen sind uniformirt worden. Sie tragen schwarze Kleider mit gelben Schleifen, einen schwarzen lackirten Hut mit gelbem Band und um die Schultern eine Ledertasche. Daß ihre Entlohnung geringer als die der Männer ist, versteht sich am Rande. 136 Die Verdrängung männlicher Arbeitskräfte durch billigere weibliche wird von dem Unternehmerthum überall praktizirt, wo die Fortschritte der Produktionstechnik dies ermöglichen. So beschäftigt die Druckerei der„ Dresdener Nachrichten" bei der Herstellung des Blattes an Rastenbeinschen Set- und Ablegemaschinen 22 junge Mädchen. Die„ Dresdener Nachrichten" und die Besitzer der Druckerei gehören zu den Elementen, die unentwegt"," voll und ganz" den Grundsatz vertheidigen, daß die Frau ausschließlich ins Haus gehöre. Kommt aber der liebe, sakrosankte Profit in Frage, dann Ade Grundsatz, dann heißt es mit dem großen Eugen Richter: ,, Stellen wir doch Mädchen ein!" Arbeiterinnenlöhne. Nach einer von Dr. Brickelin im Auftrage der Regierung aufgenommenen Lohnstatistik verdienen in der Basler Textilindustrie pro Tag und im Durchschnitt: Detoupeusen 2Frcs. 58 Cts., Zettlerinnen 3 Frcs. 4 Cts., Einzieherinnen 3 Frcs. 12 Cts., Spulerinnen 2 Frcs. 30 Cts., Posamenterinnen 4 Fres. 3 Cts., Andreherinnen 2 Frcs. 34 Cts., Anlegerinnen 2 Frcs. 69 Cts., Bandputze rinnen 1 Frcs. 68 Cts., Tagelöhnerinnen 2 Frcs. 31 Cts. Der niedrigste Verdienst stellt sich demnach auf 1 Fres. 68 Cts.( 1 Mt. 35 Pf.), der höchste auf 4 Fres. 3 Cts.( 3 Mt. 22 Pf.). Wie man sieht, ist der niedrigste Verdienst ein sehr geringer, und der Höchstlohn ist auch noch weit davon entfernt, den Arbeiterinnen ein Schlemmerleben zu ermöglichen. Außerdem bleibt der thatsächliche Verdienst der Arbeiterinnen oft hinter dem Durchschnitt zurück. Dies beweist u. A. der Umstand, daß die Basler Posamenterinnen sich kürzlich an dem zehntägigen Streik betheiligten, der die Einführung des zehnstündigen Arbeitstags und die Festsetzung eines Mindestlohnes von 4 Frcs.( 3 Mt. 20 Pf.) pro Tag für männliche wie weibliche Posamenter bezweckte. Bekanntlich ver mochten die Arbeiter die Verkürzung der Arbeitszeit nicht durchzu setzen, erlangten dagegen die Zusicherung, daß ihnen ein Tagesver dienst von 4 Frcs. ermöglicht werden sollte. Eine Garantie für das Erreichen dieses Tagesverdienstes übernahmen jedoch die Fabri fanten nicht. Die Gleichberechtigung der Frau im sozialistischen Lager. Mitte Juli tagte in Paris ein Rongreß sozialistischer Gemeinderäthe, der sich mit der Erörterung solcher Reformen befaßte, welche mittels der ziemlich bedeutenden Machtbefugnisse der französischen Gemeindevertretungen für die einzelnen Kommunen verwirklicht wer den können. Um gegen die politische Rechtlosigkeit der Frauen zu protestiren und die sozialistische Auffassung von der Gleichberechtigung der Geschlechter zum Ausdruck zu bringen, übertrug der Kongreß ein stimmig den Vorsitz der einen Sigung einer Frau, Madame Paule Minck. Madame Paule Minck ist eine bewährte, energische und talentvolle Vorkämpferin des modernen Sozialismus in Frankreich. Das Urtheil des englischen Zentralfabrikinspektors über die Thätigkeit weiblicher Fabrikinspektoren. In dem Generalbericht des englischen Zentralfabrikinspektors für 1893 sind die ersten halbjährigen Berichte der beiden im Mai des nämlichen Jahres angestellten Fabrikinspektorinnen unverkürzt wiedergegeben. Sie be zeugen die gewissenhafte und segensreiche Thätigkeit der weiblichen Beamten, deren Anstellung der Zentralfabrikinspektor als ein dringen des soziales Bedürfniß bezeichnet. Bisher", so sagt er weiter, „ hat es für die weibliche Arbeiterschaft, die noch dazu fast durch gängig der Vertretung durch berufliche Vereinigungen entbehrt, an einem Organ gefehlt, das ganz dazu geeignet wäre, ihre spezifischen Bedürfnisse zu verstehen und an geeigneter Stelle zum Ausdruck zu bringen. Um als vermittelndes Glied zu dienen, muß man mit beiden Seiten in Berührung stehen. Aber es wird nur dem weiblichen Beamten möglich sein, die richtige Annäherung und Füh lung mit der Arbeiterin in allen Punkten zu gewinnen, ein Vertrauensverhältniß zwischen Arbeiterin und Inspektion zu schaffen, durch das die Arbeit der letzteren in vielen Beziehungen fruchtbarer werden fann. Soweit es sich nur um Arbeitszeit und Lohnverhältnisse handelt, wird es keinem Inspektor schwer fallen, die nöthige Einsicht zu gewinnen, aber die Rückwirkung der Arbeitsbedingungen auf Gesundheit, Moral und Familienleben der Frau, alles, was die Eigenthümlichkeiten des weiblichen Erwerbslebens ausmacht, wird eine Frau mit tieferem Verständniß zu er fassen wissen." Trotz der Berichte des englischen Fabrikinspektorats, trotz der Berichte der amerikanischen und französischen Gewerbe aufsichtsbehörden und zahlreicher anderer Dokumente über das nüß liche Wirken der Fabrikinspektorinnen, weiß man im preußischen Handelsministerium immer noch nicht, ob sich die Einrichtung im Ausland bewährt hat". Die schlimmsten Tauben sind die Leute, welche nicht hören wollen. Verantwortlich für die Redaktion: Fr. Klara Zetkin( Eißner) in Stuttgart. Druck und Verlag vor J. H. W. Dietz in Stuttgart.